Elfenbeinkrieg - André Milewski - E-Book

Elfenbeinkrieg E-Book

André Milewski

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Beschreibung

Der Kampf um das "Weiße Gold" von Afrikas Elefanten in einem kompromisslosen Thriller verarbeitet! Grausam zugerichtete Tote im Hamburger Hafen. Ein leerer Container, der geschmuggeltes Elfenbein enthielt. Dubiose Waffengeschäfte. Der Ex-Elitesoldat und BKA-Beamte Lukas Horn übernimmt den Fall und muss schnell feststellen, dass dieser internationale Ausmaße hat. Die Spuren führen ihn von Hamburg nach Khartum in den Sudan, wo er schnell auf die Abschussliste der Drahtzieher hinter den schmutzigen Geschäften gerät. Auf sich allein gestellt, nimmt Horn den aussichtslosen, brutalen Kampf auf ... ​Eine schonungslose Reise ins dunkle Herz von Afrika.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Elfenbeinkrieg

André Milewski

Inhalt

Prolog

1. Schluckbeschwerden

2. Homo Bro

3. Home Sweet Home

4. Penetrator

5. Bankgeheimnisse

6. Cookie

7. Requiem

8. Ernüchterung

9. Have Gun, Will Travel

10. Machtlos

11. Up and down

12. Verhandlungsgeschick

13. Good ol‘ pals

14. Ausflug

15. Zenabu

16. Risiko

17. Beförderung

18. Enyama

19. Elefantenwaisen

20. Arm in der Schlinge

21. Jagdfieber

22. Hals in der Schlinge

23. Karriereleiter

24. In der Falle

25. Am Haken

26. Sorgen

27. Erbarmungslos

28. Zurück

Epilog

Glossar und Abkürzungsverzeichnis

Nachwort

Über den Autor

Patenschaft für die Elefanten Afrikas übernehmen:

Bücher von André Milewski

Copyright © 2016,2020 André Milewski

http://www.andre-milewski.de

Verlag: André Milewski

c/o Papyrus Autoren-Club 

Pettenkoferstr. 16-18 

10247 Berlin

Tel.: 030 / 49997373

Coverillustration/Umschlaggestaltung:

© Giessel Design

www.giessel-desgin.de

unter Verwendung von Stockbildern von Shutterstock

Korrektorat: Manuel Schumann

Satz & Konvertierung: André Milewski

Karten: André Milewski

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

»People tend to hate me,

cause I never smile.«

»The Seeker« von The Who

Prolog

Garamba-Nationalpark - Demokratische Republik Kongo, an der Grenze zum Süd-Sudan, März 2016

Wieder einmal waren sie zu spät gekommen. Die Männer hatten sich im Halbkreis aufgestellt und blickten auf die grauen Riesen, die vor ihnen im niedergetrampelten Savannengras lagen. Sadiq blickte seinen Leuten in die Gesichter, bei den älteren unter ihnen waren die Mienen vor Wut verzerrt, bei den jüngeren wiederum glaubte er, Tränen zu sehen. Mit versteinertem Blick sah er wieder zu den fünf Elefantenkadavern, von denen sich zwei unter der sengenden Sonne enorm aufgebläht hatten. Die anderen drei hingegen waren so grauenvoll zugerichtet, wie selbst Sadiq es selten zuvor gesehen hatte. Einem der Tiere hatten die Wilderer glatt den kompletten Unterkiefer herausgerissen. So sah es aus, aber Sadiq wusste es besser. Sie hatten ihre Macheten benutzt, wie sie es gerne im Blutrausch taten. Dem Verwesungsgeruch nach zu urteilen lagen die Kadaver noch keine zwei Tage hier. Riesige Schwärme von Fliegen umgaben die toten Tiere. Sadiq nahm sein Barett ab und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

»Was machen wir jetzt?«, fragte einer der jüngeren Ranger. Sadiq blickte den jungen Mann an und setzte sein Barett wieder auf.

»Melden Sie es ans Hauptquartier weiter und verzeichnen Sie die Stelle auf der Karte. Danach machen wir, dass wir hier schnell wegkommen. Die Sonne geht bald unter und ich möchte nicht in der Dunkelheit noch im Park sein.«

Der Junge sah ihn mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut an, gab aber keine Widerworte und ging zu ihrem Geländewagen hinüber.

»Was glaubst du, wer hierfür verantwortlich ist, Sadiq?« Kumboyo Adoum, einer seiner erfahrensten Park-Ranger hatte sich zu ihm gesellt und blickte mit Abscheu auf den Elefanten mit dem fehlenden Unterkiefer.

»Konys Verbrecherbande, wer sonst? Sieht so aus, als hätten sie ihren Rhythmus geändert. Das sind nun schon insgesamt fünfundzwanzig in diesem Monat.«

Kumboyo nickte. »Verdammte Schweine, wenn wir nur einmal rechtzeitig hier wären, dann …«

»Dann was?« Sadiq blickte seinen alten Kampfgefährten spöttisch an. »Glaubst du, wir zwei und diese Jungspunde da hinten könnten sie daran hindern?« Er legte Kumboyo die rechte Hand auf die Schulter. »Nein, mein Freund. Das können wir nicht schaffen.«

»Du redest so, als hättest du aufgegeben, das gefällt mir nicht.«

»Ich bin nur realistisch. Das ist bereits das dritte Massaker innerhalb der letzten zwei Wochen. Und es wird immer schlimmer.«

»Wir haben auch viele Wilderer festgenommen oder erschossen in den letzten Monaten.«

»Das waren doch nur kleine Fische«, entgegnete Sadiq gereizt. »Aber was Kony hier betreibt, ist ein systematisches Abschlachten. Er schickt ein ganzes Regiment seiner Killer hierher und lässt sie wüten. Denen können wir nicht beikommen. Nicht mit unserer Ausrüstung.«

»Fremont verhandelt immer noch über eine bessere Bewaffnung für die Ranger.«

»Ja, aber wie lange macht er das schon? Zwei Jahre und er hat nichts erreicht. Glaub mir, die da oben wollen gar nicht, dass wir besser bewaffnet werden. Die kriegen alle ihr Stück vom Kuchen ab. Kony zahlt gut. Oder, besser gesagt, seine Abnehmer«, sagte Sadiq bitter.

Ein Rascheln im hohen Gras hinter ihnen ließ Kumboyo und ihn herumfahren. Sein Freund hielt bereits die Waffe im Anschlag. Er bedeutete ihm mit der Hand, ruhig zu bleiben. Es raschelte erneut, etwas kam durch das meterhohe Savannengras auf die kleine Lichtung zu. Auch Sadiqs Hand glitt nun zu seinem Pistolenholster.

Ein kleiner Babyelefant kam stürmisch herausgestoben. Er stockte kurz, als er die beiden Männer erblickte, aber lief dann weiter, ohne auf Sadiq oder Kumboyo zu achten, zu einem der aufgeblähten toten Elefanten hin und tastete verzweifelt mit seinem Rüssel den Kadaver ab. Dabei stieß er ein leises, verzweifelt klingendes Tröten aus. Die anderen Männer hatten den kleinen Elefanten ebenfalls bemerkt. Sadiq signalisierte ihnen durch Handzeichen, einen Kreis um das Kalb zu bilden. Sie zogen den Kreis schnell immer enger zu, aber der aufgewühlte Babyelefant nahm sie gar nicht wahr. Er lehnte sich mit seinem Körper gegen den toten Elefanten und gab kollernde, brummende Laute aus seiner Kehle ab. Wehmütig beobachtete Sadiq die herzzerreißende Szene noch einen Augenblick, dann gab er seinen Leuten das Zeichen. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, das Elefantenjunge von seiner toten Mutter wegzuzerren.

»Legt ihm ein Halsband an«, befahl Sadiq. Sofort legte einer der Männer dem laut protestierenden Babyelefanten einen extra für diesen Zweck angefertigten Gurt um den Hals. Daran befestigt war ein starkes Seil. »Nun bringt ihn zum Transporter, wir bringen ihn weg von hier. Er muss schnell versorgt werden, sonst kommt er nicht durch.«

Das kleine Elefantenkalb wehrte sich nach allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften, aber gegen die sechs ausgewachsenen Männer, die es in Richtung des alten Transporters zogen, konnte es sich nicht durchsetzen.

»Wo willst du ihn hinbringen?«, fragte Kumboyo. »In unserer Station können wir ihn nicht unterbringen. Er würde innerhalb weniger Tage eingehen.«

»Ich weiß. Ich werde ihn zu Enyama bringen, er hat Erfahrung mit Babyelefanten und außerdem noch genügend Platz in seinem neuen Waisenhaus.«

»Bist du verrückt? Sein Lager ist im Radom-Nationalpark, achthundert Kilometer von hier entfernt. Da fährst du die ganze Nacht, wenn nicht noch länger. Und der Weg dorthin ist …«

»Ich weiß, Kumby.« Sadiq lächelte. »Deswegen wirst du mich begleiten. Wir beide bringen das Junge zu Enyama, er ist die einzige Möglichkeit für den Elefanten, um zu überleben.«

»Na toll«, brummte Kumboyo. »Und was ist mit unserem Überleben?«

Sadiq lachte. »Nun komm schon. Je eher wir losfahren, desto größer ist die Chance, dass der Kleine überlebt. Wir haben schon Schlimmeres überstanden als so eine kurze Fahrt.«

Kumboyo seufzte kurz, dann ging er zu seinem Geländewagen und holte eine Kalaschnikow hinter dem Fahrersitz hervor. Er hängte sich das Gewehr über die Schulter und griff sich noch eine Munitionstasche aus dem Jeep. Damit kam er wieder zu Sadiq zurück und blickte ihn entschlossen an. »Dann los.«

1Schluckbeschwerden

Hamburger Hafen, drei Wochen später, Samstagnacht - 3:30 Uhr

Seine Hose klebte vor Nässe an den Beinen. Unwillkürlich klapperten seine Zähne, als er aus der Kälte des Hamburger Schietwetters in die warme Lagerhalle des Zolls eintrat. Er hatte den feinen Nieselregen unterschätzt, der ihn in kürzester Zeit auf dem Weg von seinem Auto in die große Halle im Hafen durchnässte.

»Da sind Sie ja endlich, Horn«, raunzte ihn ein dicker Mann mit mürrischer Miene an. Genau die Art von Begrüßung, die er sich um diese Uhrzeit wünschte. Zu gerne hätte er den Fettsack seine Faust spüren lassen, aber er beherrschte sich. Wieder einmal.

»Ihnen auch einen guten Morgen. Oder sollte ich besser gute Nacht sagen?«

»Hören Sie schon auf zu jammern, ich weiß selbst, wie spät es ist. Glauben Sie mir, ich wäre jetzt auch lieber im warmen Bettchen neben meiner Frau.« Ein grunzender Laut entfuhr der Kehle seines Vorgesetzten, Harald Oberhofer. Er wusste, dass dies seine Art zu lachen war, aber es machte den dicken Kerl nur noch abstoßender.

»Also gut, was war denn nun so wichtig, dass Sie mich mitten in der Nacht hierher zitieren? Noch dazu an meinem freien Wochenende.« Er betonte den letzten Satz besonders. Es war das erste freie Wochenende seit Monaten. Aber gleichzeitig wusste er nur zu gut, dass er es sich selbst eingebrockt hatte, immer die ungeliebten Dienstzeiten zugeteilt zu bekommen. Folglich sah er seinen Chef mit einem Lächeln im Gesicht an und wartete auf dessen nächsten Anranzer. Doch der kam nicht. Stattdessen blickte Oberhofer ihn mit einem gequälten Gesichtsausdruck an.

»Wir haben hier vier Tote in der Halle. Eine Bande von Schmugglern ist ins Visier des Zolls geraten und aufgeflogen. Heute Abend sollte der Zugriff erfolgen, aber es ist ... etwas schiefgegangen.« Sein Chef stockte und holte aus seiner Mantelinnentasche eine Zigarettenschachtel hervor, schüttelte eine Kippe heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen. Mit leicht zitternder Hand ließ er dann ein Zippo aufschnappen und zündete den Glimmstängel an. Dann fuhr er fort: »Es sollte ein einfacher Zugriff werden. Schnell und effektiv. Die Kollegen haben wohl nicht mit Problemen gerechnet. Und dann …«

»Was dann?«, fragte Lukas Horn ungeduldig, als sein Chef schwieg.

»Ein Gemetzel. Es sieht aus wie im Schlachthaus.« Er schüttelte den Kopf. »Ich mache den Job jetzt seit über dreißig Jahren, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen. Ein regelrechtes Massaker.«

»Haben Sie mich deswegen rufen lassen?«, fragte er ruhig. Sein Chef sah ihn mit durchbohrendem Blick an. »Ja. Sie müssten diesen Anblick ja gewohnt sein. Wahrscheinlich gefällt er Ihnen sogar. Weckt bestimmt nette Erinnerungen.« Ein feistes Lächeln umspielte die wulstigen Lippen von Oberhofer.

Wieder zwang Lukas sich zur Beherrschung. Es klappte erneut. Die Therapie zeigte langsam erste Erfolge. Er rang sich ein schwaches Lächeln ab. »Aber was hat das BKA damit zu tun? Ist das nicht eher ein Fall für die Kollegen von der Kripo?«

»Die Mordkommission ist schon hier, waren die Ersten am Tatort. Etwas hat sie veranlasst mich anzurufen und aus dem Bett zu klingeln«, brummte Oberhofer. »Und ich habe dann entschieden, Sie hinzuzuziehen. Verstanden?«

»Dann gehen wir mal rein.« Lukas hielt seinem Chef die Tür auf.

»Gehen Sie nur allein, mir reicht es fürs Erste.« Oberhofer nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

Lukas nickte seinem Chef zu und ging alleine durch die Halle auf das Scheinwerferlicht zu, das am Ende zwischen den Containertürmen durchschien. Als er den Tatort erreichte, sah er mehrere Männer in weißen Anzügen, die mit der Sicherung der Spuren beschäftigt waren. Die Füße der Männer waren dunkelrot. Sie wateten durch eine riesige Blutlache. Auf dem Boden erblickte er verschiedene Gliedmaßen, die verstreut vor einem geöffneten Container lagen. Aus dem Container kamen ständig Lichtblitze. Er blickte an sich herunter. Ausgerechnet heute Nacht hatte er sein einziges gutes Paar Schuhe angezogen. Einer der Männer in Weiß hatte ihn bemerkt und kam auf ihn zu. Lukas hielt ihm seinen Dienstausweis hin. Der Kerl im Schutzanzug warf nur einen beiläufigen Blick darauf, nickte und streckte ihm ein Paar weißer Überzieher entgegen.

»Hilft zwar nicht viel bei der Suppe hier, aber immer noch besser als gar nichts!«

»Danke.« Er streifte sich die Überzieher über die Schuhe und stapfte dann durch die Blutlache auf den Container zu. »Guten Morgen, Männer, alles klar?«

»Sagen Sie es mir«, erwiderte einer der beiden Weißkittel, die im Container standen und Fotos des grausigen Anblicks machten. Die Männer trugen Mundschutz und Kopfhaube, nur ein schmaler Schlitz für die Augen war frei.

Lukas ließ seinen Blick durch den vierzig Fuß langen Container wandern, der durch zwei Scheinwerfer taghell ausgeleuchtet wurde. Nicht weit von ihm lag ein nackter männlicher Torso. Arme, Beine und Kopf waren mit glatten Schnitten abgetrennt worden. Der Blutgeruch stieg ihm in die Nase und weckte Erinnerungen, die er längst verdrängt geglaubt hatte. Er zog ein Taschentuch aus der Hose und hielt es sich vor Mund und Nase. Dann schritt er weiter durch den Container. Das schmatzende Geräusch unter seinen Füßen versuchte er zu ignorieren, so gut es eben ging. Er schob sich vorsichtig an den beiden Männern vorbei und erstarrte dann, als er entdeckte, was am Ende des Containers zu sehen war. Ein Mann hing von der Containerdecke herunter. Er war an einem Seil aufgehängt, das scheinbar an seinem Rücken befestigt war.

»Ach du Scheiße«, presste er angeekelt hervor.

Dem Toten wurde etwas in den Mund gerammt. Die Spitze des Gegenstands trat aus dem Bauch des Mannes wieder aus. Ein Elefantenstoßzahn. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, den Stoßzahn in den Schlund des Toten hineinzupressen. Der Unterkiefer hing befremdlich weit nach unten geöffnet hervor. Lukas hoffte, dass der Mann zumindest schon tot gewesen war, als dies passiert war. Er ging um die Leiche herum und entdeckte, dass im Rücken des Toten ein großer Fleischerhaken steckte, der mit dem Seil an einer Querstrebe an der Decke des Containers befestigt war.

»Vorsichtig!«, ermahnte ihn einer der beiden Männer in Weiß.

Lukas blickte nach unten und sah den Schädel nur eine Handbreit neben seinem Fuß liegen. Im Gegensatz zu dem Torso am Containereingang und dem Toten mit dem Stoßzahn in der Kehle handelte es sich hier um einen Toten schwarzer Hautfarbe. Die Augen in dem Schädel waren nach innen gedrückt worden. Lukas bückte sich und sah sich den Kopf genauer an. Nicht nur die Augäpfel waren ins Schädelinnere gedrückt, auch die Ohren waren dem Toten abgeschnitten worden. Vorsichtig berührte er das Kinn des Schädels und drückte leicht dagegen. Der Mund öffnete sich etwas und ein Ohrläppchen kam zum Vorschein.

»Woher kam dieser Container?«, fragte er laut.

»Laut Beschriftung aus Kairo. Sollte hier nur umgeladen werden. Zielort Hong Kong.«

»Irgendwelche Spuren vom Inhalt?«

»Das Einzige, was vom Inhalt noch übrig ist, hat der arme Teufel dort im Hals stecken.« Der Mann in Weiß deutete auf den von der Decke baumelnden Toten.

»Wie viele Stoßzähne passen ungefähr in solch einen Container?«

»Ein paar Tonnen vermutlich. Da konnten die Mörder wohl den einen Stoßzahn entbehren.«

Lukas erblickte eine weitere Leiche in der Ecke des Containers. Auch diesem Toten waren die Gliedmaßen abgetrennt worden.

»Was wissen wir über die Toten?«

»Zwei Mitarbeiter des Zolls, einer vom BKA. Nur der Kopf vor Ihnen ist noch ohne Körper und ohne Namen. Vermutlich einer der Schmuggler. Vielleicht ein Informant?«

»Sie sagten, einer der Toten ist BKA-Beamter? Welcher?« Lukas richtete sich mit einem Schlag auf.

»Der mit den Schluckbeschwerden.« Ein heiseres Lachen erklang durch den Mundschutz des Mannes in Weiß.

Lukas ging um den Toten herum und versuchte, das Gesicht des Mannes mit dem Stoßzahn im Hals genauer zu betrachten. Dann sah er dessen tote Augen.

»Nein«, wisperte er vor sich hin. »Das darf nicht wahr sein.« Er ließ das Taschentuch vor seinem Mund sinken und starrte seinen toten Partner an.

»Kannten Sie ihn?«

»Holen Sie ihn da runter. Sofort!«, erwiderte er, ohne den Blick von dem Toten abzuwenden.

»Hören Sie, wir sind noch nicht fertig und …«

»Sofort, habe ich gesagt!« Sein Schreien hallte dröhnend von den Containerwänden zurück und war so laut, dass auch die Männer von draußen in den Container hineinblickten. Lukas’ Augen starrten auf das Gesicht des Toten. Den grotesk aus dem Mund herausragenden Stoßzahn ignorierte er jetzt und betrachtete die im Todeskampf verzerrten Gesichtszüge von Jürgen Rebhof, dem Mann, der ihm die Stelle beim Bundeskriminalamt erst ermöglicht hatte, nachdem er bei der Bundeswehr ausgeschieden war. Trauer und Wut stiegen in ihm hoch, seine Hände ballte er zu Fäusten, während er krampfhaft versuchte, die Fassung zu wahren.

»Kommen Sie mit mir nach draußen.« Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Jetzt!« Die Stimme seines Chefs rauschte ihm in den Ohren. Langsam drehte er sich herum und sah dem mürrischen Fettsack in die Augen, mit denen er mitleidig gemustert wurde. Dann wanderte Oberhofers Blick an ihm herunter, zu den immer noch geballten Fäusten.

»Sie hätten mir sagen müssen, dass Jürgen hier tot am Haken hängt«, presste er heiser zwischen den Zähnen hervor.

»Hätte ich. Und dann? Wären Sie wie ein wilder Stier hier reingestürmt und hätten alles an Spuren vernichtet. Ich habe selbst erst beim dritten oder vierten Blick registriert, dass es Rebhof ist. Jetzt kommen Sie mit nach draußen und lassen die Männer hier ihre Arbeit machen.« Der Blick seines Chefs richtete sich erneut auf seine Fäuste. »Oder möchten Sie mir jetzt beweisen, dass die letzten Monate Ihrer Therapie erfolglos waren?«

Er atmete tief durch. »Das würde Ihnen wohl so passen, oder? Erst sind Sie Jürgen los und dann auch noch mich. Deshalb haben Sie mich doch hier hergerufen. Um zu sehen, wie ich die Fassung verliere, damit Sie mich endlich rausschmeißen können!«

Ein breites Grinsen war alles, was er als Antwort bekam.

»Arschloch!« Lukas drückte sich an seinem Chef vorbei nach draußen vor den Container, stapfte durch die Blutlache, riss sich danach die Stoffüberzieher von den Schuhen und ging dann mit steifem Schritt durch die Lagerhalle. Als er aus der Halle ins Freie trat, empfand er den Nieselregen, der ihm ins Gesicht spritzte, als wohltuend. Das kühle Nass machte seinen Kopf frei. Mit geschlossenen Augen verharrte er eine Weile vor der Halle. Seine Gedanken kreisten nur um die eine Frage. Wer hatte Jürgen Rebhof getötet?

2Homo Bro

Ein lauter Knall ließ Lukas vom Schreibtisch hochfahren. Instinktiv glitt seine Hand an den rechten Oberschenkel, an dem im Einsatz immer sein Pistolenholster gehangen hatte. Aber schnell registrierte er, dass er im Büro des Landeskriminalamts in Hamburg war und nicht in Afghanistan. Da das BKA über keine eigenen Liegenschaften in Hamburg verfügte, hatten sie einige leerstehende Räume im Gebäude des LKA bezogen. Ihre Abteilung in der Hansestadt bestand nur aus acht Personen, nach Jürgens Tod nur noch aus sieben. Neben seinem Schreibtisch stand nun einer dieser Kollegen, Morten Jonasson, ein blonder Hüne, der ihn freundlich anlächelte und eine dampfende Kaffeetasse in der Hand hielt. Lukas blickte auf die zweite Tasse, die ihm Morten gerade mit Schwung auf den Tisch gestellt hatte.

»Vielen Dank«, murmelte er und griff nach der Tasse. »Wie spät ist es?«

»Sieben Uhr abends. Wird Zeit, dass du nach Hause gehst. Du wirst Jürgens Mörder heute nicht mehr fassen können.«

Lukas bewegte den Kopf mehrmals hin und her und ließ seinen verspannten Nacken dadurch knacken. Er war nach mehreren Stunden am Tatort in der Zollhalle direkt weiter ins Büro gefahren und hatte stundenlang versucht, am Schreibtisch seines ermordeten Partners einen Hinweis auf die Aktion im Hamburger Hafen zu finden. Vergeblich. Dies passte nicht zu Jürgen. Er war immer überaus penibel, was seine Einsätze betraf. Seine Fallakten waren immer akribisch genau dokumentiert. Aber über den Einsatz im Hafen gab es nichts. Nicht das kleinste Fitzelchen Papier darüber war zu finden. Zudem hatte Jürgen auch Lukas gegenüber nicht ein Wort darüber verloren, dass er Samstagnacht einen Einsatz hatte. Er versuchte, sich zu erinnern. Am Freitag hatte er Jürgen zuletzt gesehen, aber auch da gab es keine besonderen Vorkommnisse. Lukas hatte Jürgen ein schönes Wochenende und viel Spaß beim Heimspiel des HSV gewünscht, denn sein Partner war stolzer Dauerkartenbesitzer.

»Ach wirklich?«, fragte er Morten gereizt. »Ist das die Herangehensweise von Schwuchteln, wenn ein Kollege getötet wird? Erst mal nach Hause gehen und sich ordentlich durchvögeln lassen?« Er nahm einen Schluck von dem Kaffee. »Scheiße, ist der stark!«

»Ich liebe es, wenn du dich so gepflegt ausdrückst, mein starker Hengst.« Morten grinste ihn gnädig an.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht …«

»Schon gut. Bei dir drücke ich mal ein Auge zu. Ich weiß ja, dass du insgeheim scharf auf mich bist.« Morten zwinkerte ihm zu. »Seit meinem Outing ist Schwuchtel noch eines der harmloseren Wörter, die ich mir anhören musste.« Er zog sich einen Stuhl an Lukas’ Schreibtisch heran und setzte sich.

»Entschuldige. Ich zahl das nächste Mittagessen, okay?« Lukas blickte Morten Jonasson zerknirscht an. Der blonde Modellathlet war außer Jürgen Rebhof der einzige seiner Kollegen beim BKA, zu dem er ein wirklich gutes Verhältnis pflegte und auch mal außerdienstlich etwas unternahm. Seit sich Mortens sexuelle Orientierung vor ein paar Monaten in der Abteilung herumgesprochen hatte, war der tägliche Dienst für ihn teilweise zum Spießrutenlauf geworden. Gerade bei den älteren Kollegen war die Toleranzschwelle erstaunlich niedrig. Umso mehr tat es Lukas leid, dass er Morten nun so angefahren hatte.

»Wie wär’s mit einem Abendessen, und anschließend verwöhnst du mich französisch?« Morten zwinkerte ihm zu.

»Jetzt hör schon auf. Mir ist gerade nicht nach Scherzen zumute. Hast du irgendwas herausbekommen?«

»Nicht viel. Ich habe eine Anfrage an den Zoll gestellt, dass die uns alle Unterlagen über diese Schmuggelgeschichte zur Verfügung stellen. Aber die werden wohl nicht vor morgen hier eintreffen.«

»Das muss doch schneller gehen, verdammt!«

»Vergiss nicht, heute ist Sonntag.«

»Ich scheiß auf Sonntag! Die Pisser sollen verdammt noch mal zusehen, dass sie sich beeilen, sonst …«

Morten legte eine Hand auf seinen rechten Unterarm. »Ssscht. Oder willst du, dass Oberhofer dich sofort suspendiert? Fahr mal wieder runter und atme locker durch die Hose, Alter. Keep cool.«

Lukas grinste den Blonden an. »Oh Mann, du bist echt stockschwul.« Er lachte auf. »Aber du hast recht.«

»Weiß ich doch.« Zufrieden lehnte Morten sich in dem Stuhl zurück und begann langsam zu wippen. »Sag mal, wenn du stockschwul sagst, bekommst du da nicht Lust, ein wenig an mir …«

»Morten!«

»War den Versuch wert.« Morten nahm einen Schluck Kaffee. »Also, gehst du jetzt nach Hause oder muss ich dich erst hinausprügeln? Ich bleibe ja noch eine Weile hier. Ich verspreche dir, ich sage Bescheid, wenn sich etwas Neues ergibt.«

Lukas seufzte auf. »Ist gut. Wahrscheinlich ist es das Beste.« Er stand auf und zog seine Jacke von der Rückenlehne des Schreibtischstuhls. »Aber ruf mich an, wenn du etwas Neues weißt. Egal wann, okay?«

»Sag mal, hast du morgen nicht dein Date?«, fragte Morten ihn, während er die Jacke überzog.

»Ja, habe ich. Aber vielleicht ist es besser, wenn ich es absage. Jürgens Mörder zu finden hat jetzt Vorrang.«

»Entschuldige, wenn ich das jetzt sagen muss, aber das ist Bullshit. Jürgen würde dasselbe sagen. Du kannst dieses Date nicht absagen. Das spielt deiner Ex doch nur in die Karten. Die wartet nur darauf, dass sie etwas hat, womit sie dich festnageln kann. Und wenn du die kleine Süße versetzt, wird sie bestimmt versuchen, dir daraus einen Strick zu drehen!«

»Meine Güte, Morten. Ich habe schon einen Seelenklempner. Da brauche ich dein Geschwafel nicht auch noch.«

»Ganz wie du meinst. Dann sag doch ab. Damit brichst du deiner Tochter das kleine Herz. Wie alt war Emilia jetzt noch mal? Sieben?«

»Acht. Sie ist acht«, erwiderte Lukas.

»Ach so. Na dann ist es ja okay. Da versteht sie sicher, dass ihr Papi was Besseres zu tun hat, als seine Tochter zu besuchen. Du hast ja eh alle zwei Wochen Besuchsrecht«, sagte Morten mit Bedacht und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Noch.«

»Verdammter Homo!«, fluchte Lukas leise und sah Morten grimmig an. »Warum musst du immer das letzte Wort haben?«

»Weil ich recht habe! Und du weißt das!« Morten griente zufrieden.

»Ja, natürlich weiß ich das, du dämlicher … Okay, zweimal Mittagessen auf meine Kosten.«

»Abgemacht. Grüß die Kleine von mir!«

»Niemals. Von Leuten wie dir halte ich sie bestimmt fern.« Lukas zwinkerte seinem Kollegen zu und drehte sich um in Richtung Ausgang.

»Ich hab dich auch lieb, Lucky«, rief Morten ihm durch das Großraumbüro des BKA hinterher. Er hörte einige der anderen Kollegen lachen, als er die Tür zum Treppenhaus erreichte. Auch Lukas konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er dachte an Jürgen, der gerne mit Morten zusammen seine Späße getrieben hatte. Du sitzt jetzt bestimmt auf einer Wolke und lachst dich schlapp, dachte Lukas. Dann ging er die Treppenstufen hinab.

3Home Sweet Home

Die leicht wärmende Frühlingssonne stand hoch am Himmel, als Lukas am nächsten Tag kurz nach Mittag den Wagen vor seinem alten Zuhause stoppte. Auf der Auffahrt des rotgeklinkerten Neubaus stand ein protziger, dunkelblauer SUV und glänzte frischgewaschen in der Sonne. Nach kurzem Zögern lenkte Lukas seinen alten Ford Fiesta ebenfalls auf die lange Auffahrt und stoppte direkt vor dem mächtigen Fahrzeug, das ihn zu verhöhnen schien. Dieser Wagen kostete wahrscheinlich mehr, als er in zwei Jahren verdiente. Er blieb noch eine Weile im Auto sitzen und starrte auf den SUV. Schließlich wandte er den Blick ab und konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie sich die Gardine am Wohnzimmerfenster des Hauses bewegte. Er atmete tief durch, dann drehte er den Rückspiegel so, dass er seine Augen sehen konnte.

Ganz ruhig jetzt, Lukas. Lass dich nicht provozieren. Lächle, sei nett und dann gehe schnell wieder. DU BIST RUHIG!

Auf dem Weg zur Haustür sagte er sich noch weitere drei Mal, die Ruhe zu bewahren, dann klingelte er. Es dauerte, natürlich. Caroline ließ ihn absichtlich lange warten, wie jedes Mal. Sie wusste, wie sehr er das Warten hasste. Schließlich öffnete sich die Tür und eine äußerst gutaussehende, wie immer perfekt gestylte Blondine, begrüßte ihn.

»Du bist zu spät. Komm rein.« Sofort drehte Caro sich um und ging den Hausflur entlang in Richtung Küche. Lukas trat ein und schloss die Haustür. Er zog die Schuhe aus und folgte seiner Ex-Frau in die Küche. An den Wänden im Flur waren viele Bilder aufgehängt. Viele Fotos von Emilia, seiner Tochter, einige Bilder zeigten sie gemeinsam mit Caro. Zwischen den Bildern waren mehrere Lücken. Hier hingen einmal die Aufnahmen, auf denen Lukas mit seiner Tochter oder der ganzen Familie abgelichtet war. Nun waren davon nur noch schwache Schatten eines Rahmens an der Wand zu sehen. Lukas betrat die Küche. Dort stand Caro mit verschränkten Armen an die Kochinsel gelehnt, während links am Küchentisch ein Mann mit dem Rücken zu ihm saß und bedächtig seinen Kaffee umrührte.

»Hallo, wie geht’s euch beiden?«, fragte Lukas höflich.

Caro erwiderte nichts, aber der dunkelhaarige Mann am Tisch drehte sich zu ihm um. »Hallo Lukas. Ganz gut, oder Schatz?«, flötete er in Caros Richtung.

Widerlicher Schleimbolzen, dachte Lukas.

»Wo ist Emilia? Oben in ihrem Zimmer?« Lukas deutete mit der rechten Hand nach oben.

»Ich hole sie gleich. Aber vorher müssen wir noch reden«, sagte Caroline streng. Lukas mochte diese herrische, lehrerhafte Art nie an ihr. Trotzdem lächelte er seine Ex an.

»Gerne doch. Worüber denn?«

»Ich habe dich gewarnt, Lukas. Wenn du dein Verhalten gegenüber deiner Tochter nicht in den Griff bekommst, muss ich das mit dem Besuchsrecht nochmals überdenken!«

»Was habe ich denn getan? Ich habe mich immer an deine Vorgaben gehalten«, erwiderte Lukas in sich ruhend, obwohl es bereits in ihm zu brodeln begonnen hatte, nachdem Caro ihren ersten Satz beendet hatte.

»Es gab einen Zwischenfall in der Schule. Emilia hat einem Jungen aus ihrer Klasse beinahe den Arm ausgekugelt und ihn geohrfeigt! Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie peinlich es für mich war, deswegen in die Schule gerufen zu werden und mich bei den Eltern des Jungen für das unmögliche Benehmen meiner Tochter zu entschuldigen?« Caro wurde jetzt lauter.

»Emilia hatte bestimmt einen Grund dafür«, sagte Lukas ausgeglichen.

»Oh ja, den hatte sie. Sie hat gesagt, dieser Junge hätte sie angerempelt.« Caro sah ihn angriffslustig an. »Verstehst du, Lukas? Sie hat ein anderes Kind geschlagen und verletzt, weil er sie angerempelt hat. Aus Versehen. Kannst du mir erklären, warum du ihr so etwas beibringst?«

»Wie kommst du darauf, dass sie das von mir hat?«

Der Mann am Küchentisch lachte leise auf. »Guter Versuch.«

»Halt die Fresse, Daniel«, fuhr Lukas ihn an.

»Sonst was?«, fragte der Mann, der nun alles besaß, was Lukas sich über Jahre aufgebaut hatte. Sein Haus. Seinen Garten. Seine Frau. Und seine Tochter wuchs bei ihm auf. »Wirst du mir dann wieder eine verpassen, wie beim letzten Mal?« Daniel hatte sich zu ihm herumgedreht und blickte ihn über den Rand seiner Hipster-Brille hinweg an.

Für einen Moment war Lukas geneigt, dieser Aufforderung nachzukommen. Er wollte den widerlichen Hurensohn vom Stuhl ziehen und ihm die Nase tief in den Schädel hineinschlagen. Beim letzten Mal, vor ein paar Monaten, hatte er sich nicht beherrschen können und dem schmalen Bankberater ein blaues Auge verpasst. Das hatte eine Anzeige nach sich gezogen, die wiederum der sprichwörtliche Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Oder der entscheidende Schritt zuviel, der ihn von der Kante hatte stürzen lassen. Ein Disziplinarverfahren beim BKA gegen ihn war gefolgt. Das Ende vom Lied war gewesen, das Lukas sich hatte verpflichten müssen, eine Anti-Aggressionstherapie zu machen. Und auch wenn er von Anfang an skeptisch gewesen war, so konnte er die Erfolge dieser Therapiesitzungen nicht verleugnen. Er konnte mittlerweile sogar die Nächte wieder durchschlafen. Die Alpträume waren beinahe völlig verschwunden. Trotz alledem verspürte er nun ein brennendes Verlangen, sich Daniel noch einmal richtig vorzuknöpfen. Aber Emilia zuliebe durfte er ihm kein Haar krümmen. Also lächelte Lukas den neuen Mann im Leben seiner Ex-Familie an.

»Nein, natürlich nicht. Sowas mache ich nicht. Was denkst du denn bloß von mir?« Dann wandte sich Lukas wieder an Caroline. »Ich werde mit Emilia reden, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Es tut mir leid, dass ich dich in diese Verlegenheit gebracht habe.«

Caros Blick versuchte, seine ruhige Fassade zu durchbrechen, aber Lukas war darauf vorbereitet. Das Anti-Aggressionstraining seiner Therapeutin zeigte auch bei ihr Wirkung. Mit milder Zufriedenheit strahlte er seine Ex-Frau an.

»Holst du Em’ jetzt runter oder soll ich sie selber holen?«

»Ihr Name ist Emilia«, zischte Caro ihn scharf an. »Ich hole sie gleich. Was hast du heute mit ihr vor?«

»Ich dachte, ich fahre mit ihr nach Hagenbeck. Es gab neulich Nachwuchs bei den Elefanten.«

»Also alles wie immer. Du bist der Einfallsreichtum in Person. Ich gehe sie holen.« Caro schob sich an ihm vorbei in den Hausflur und stieg dann die Treppe nach oben, zu Emilias Zimmer.

Lukas sah Daniel an, der ihn immer noch anstarrte wie ein verliebter Ziegenbock. »Also dann, schönen Tag noch.« Beim Umdrehen machte Lukas eine zügige Bewegung und ließ seinen rechten Arm in Daniels Richtung nach vorne schnellen. Der zuckte erschrocken zurück, verschüttete den Kaffee und wäre beinahe vom Stuhl gerutscht. Lachend verließ Lukas die Küche, während Daniel ihm ein leises »Arschloch« hinterherschickte.

Als Lukas im Flur stand, hörte er eine glockenhelle Stimme freudig rufen: »Papa!« Dann kam seine Tochter schon die Treppe hinuntergerast und sprang ihm in die Arme. Die Wucht ihres stürmischen Freudensprungs drängte ihn einige Schritte rückwärts. Emilias Arme schlangen sich um seinen Hals und sie drückte sich an ihn, so fest sie konnte.

»Hallo Schatz! Ganz langsam oder willst du mich erwürgen?«, lachte Lukas. Er sah seiner Tochter in die Augen, die ihn sofort an Carolines erinnerten. Dasselbe Blau. Ihre Gesichtszüge hatte sie eindeutig von ihrer Mutter. Aber Lukas hatte sich bei der Haarfarbe und den Ohren durchgesetzt. Das mit den Ohren sagten zumindest immer alle, ihm selber war es nie besonders aufgefallen.

»Um halb sechs bringst du sie wieder zurück, Lukas. Nicht eine Sekunde später«, dröhnte Caros Stimme mahnend durch den Hausflur. Lukas sah die Treppe hoch zu seiner Ex, die mit verschränkten Armen vor Emilias Zimmertür stand.

Lukas nickte ihr kurz zu. »Dann lass uns schnell los, Em’. Festhalten!« Er schwang den schlanken Körper seiner Tochter auf seinen Rücken und stürmte zur Haustür, während Emilia vor Freude aufkreischte.

»Langsam!«, schallte es von oben hinter ihnen her. Aber Lukas schlüpfte blitzschnell in seine Schuhe und war Sekunden später vor dem Haus auf der Auffahrt.

Mit den Worten: »Auf zum Batmobil«, rannte er mit Emilia auf dem Rücken zu seinem angerosteten Ford und setzte seine Tochter in den Kindersitz auf der Rückbank. Nachdem er sie dort angeschnallt hatte, stieg er selbst ein und ließ den Wagen langsam die Auffahrt zur Straße hinunterrollen.

»Musik bitte«, kam die Aufforderung aus dem Fond des Wagens.

»Ganz wie Madame es wünschen. Was darf’s denn heute sein?«, fragte Lukas grinsend und blickte in den Rückspiegel.

»CD Nummer vier bitte, Alfred!«, gab Emilia lächelnd zurück.

»Eine gute Wahl, wahrlich«, antwortete Lukas gestelzt und wählte die vierte CD im Wechsler seines Autoradios aus. Es dauerte eine Weile und die sphärisch anmutenden Klänge des ersten Stücks der ausgewählten Silberscheibe erklangen. Als nach sechsundvierzig Sekunden die ersten harten Gitarrenriffs erklangen, begann Emilia ihre langen braunen Haare im Takt der Musik hin- und herfliegen zu lassen.

»Lauter!«

»Wie heißt das Zauberwort?«

»Ungeheuer lauter!«

»Das ist mein Mädchen.« Grinsend drehte Lukas den Lautstärkeregler etwas höher. Der Bass ließ die Scheiben des Fords dröhnen. Als nach vier Minuten und siebenundzwanzig Sekunden der Gesang einsetzte, sang Emilia leise mit.

»And the meek shall inherit the earth.«

Danach übertönte Geddy Lees kraftvoll kreischende Stimme Emilias zarten Gesang. Seit nunmehr zwei Monaten war RUSH Emilias neue Lieblingsband. Natürlich war es auch Lukas’ Lieblingsband, weswegen er wohlweislich dafür sorgte, dass seine Tochter die richtigen musikalischen Einflüsse mitbekam. Voller Inbrunst begleitete sie den Sänger.

»We’ve taken care of everything, the words you hear, the songs you sing ...«

Auch Lukas stimmte mit ein und sie sangen immer noch, als sie den Parkplatz von Hagenbecks Tierpark erreichten. Einige belustigte Blicke begleiteten sie, während Lukas den Wagen in eine Parklücke lenkte.

»Endstation. Alle aussteigen!«

»Mir wird doch wohl die Tür geöffnet werden, oder?« Emilia grinste ihn schlitzohrig an.

»Aber natürlich, wie konnte ich nur so ungehobelt sein. Eine Sekunde, Madame, ich bin sofort bei Ihnen.« Lukas stieg aus und öffnete die hintere Tür.

---ENDE DER LESEPROBE---