Elfenzeit 5: Trugwandel - Uschi Zietsch - E-Book

Elfenzeit 5: Trugwandel E-Book

Uschi Zietsch

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Beschreibung

Das Ende der Anderswelt naht! Der Getreue ist in Irland dabei, das Zeitgrab von Newgrange zu öffnen, um seine Königin zu empfangen. Stattdessen aber öffnet er alle Zeiten, und hunderte Menschen aus vielen Jahrhunderten strömen heraus und bringen das gesamte Gefüge durcheinander, das droht, daran zu zerbrechen ... In Bratislava unternehmen Robert und die Muse Anne letzte Recherchen für seinen Roman - da wird Annes Blut gestohlen. Es soll für ein Ritual benutzt werden, das die grausame Blutgräfin, wegen ihrer entsetzlichen Untaten einst lebendig eingemauert, wiedererwecken soll ... Zwei umfangreiche Romane in einer Ausgabe – Spannung pur! Geh mit auf die große Reise um die Welt, lerne berühmte Städte kennen, springe von Kontinent zu Kontinent und erfahre die wahre Geschichte der vielen mythischen Helden, Götter und Schöpfer. Band 5 von 10 der größten Urban-Fantasy-Saga.

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Seitenzahl: 816

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Inhalt

Titelseite

Die Autoren:

Impressum

Karte

Was bisher geschah

Dramatis personae

Roman 9 Das Tor von Newgrange

Prolog Hündchen

1. Der Getreue: Fort

2. Nadja: Ins Boyne Valley

3. Der Getreue: Auf der Suche

4. Nadja: Der Plan

5. Der Getreue: Versuchungen

6. Wege durch die Zeit

7. Ainfar: Das Ziel

8. Suche durch Zeit und Raum

9. Der letzte Spiegel

10. Das Zeitgrab

11. Geister der Vergangenheit

12. Der letzte Ruf

13. Die Ankunft

14. Verlust

15. Entscheidungen

Epilog New York

Roman 10 Die Blutgräfin

Prolog Racheschwur

1. Vorspiel

2. Im Land der Veden und Wunder

3. Hollywood-Mythos

4. Noch mehr Ärger

5. Erwachen

6. Ein weiteres Ziel vor Augen

7. Die düstere Seite der Wahrheit

8. Entlarvt

9. Auf der Pirsch

10. Bittere Erkenntnis

11. Jagd nach einer Toten

12. Das Labyrinth

13. Feuerprobe

14. Ein neuer alter Feind

15. Wunschkuh

16. Wahre Braukunst

17. Irrwege

18. Im Kampf mit den Elementen

19. Erste Schritte

20. Blutige Begierde

21. Pavo – der Weiße Pfau

22. Aufstand

23. Nachtwache

24. Finken auf dem Feld

25. Hölle auf Erden

26. Abreise

Anhang

Wie es weitergeht …

Titelseite

Uschi Zietsch Jana Paradigi
Elfenzeit
Band 5
Trugwandel
Das Ende der Anderswelt naht!

Das Undenkbare ist geschehen – die Grenzen des Schattenlands sind gefallen. Nur noch ein Schritt, und Bandorchu, die Dunkle Königin, ist in der Welt der Menschen angekommen, um sie in Besitz zu nehmen.

Der Getreue ist deshalb in Irland dabei, das Zeitgrab des historisch bedeutsamen Newgrange zu öffnen, um seine Königin zu empfangen.

Nadja und ihre Gefährten, allen voran ihr Vater Fabio, setzen alles daran, den Mann ohne Schatten daran zu hindern.

Der Getreue ist jedoch zu mächtig – doch da unterläuft auch ihm ein Fehler. Als er den Bann bricht, öffnen sich alle Zeiten, und hunderte Menschen aus vielen Jahrhunderten strömen heraus. Sie bringen das gesamte Gefüge durcheinander, das droht, daran zu zerbrechen …

In Bratislava unternehmen Robert und die vampirische Muse Lan-An-Schie letzte Recherchen für seinen Roman – da wird ihr einzigartiges Blut gestohlen.

Es soll für ein Ritual benutzt werden, das die grausame Blutgräfin, wegen ihrer entsetzlichen Untaten einst lebendig eingemauert, wiedererwecken soll …

Zwei Romane in einer Ausgabe – Spannung pur!Band 5 von 10 der größten Urban-Fantasy-Saga.

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Die Autoren:

Uschi Zietsch publiziert seit 1986 erfolgreich in verschiedenen Genres und kann auf weit über zweihundert Veröffentlichungen zurückblicken. www.uschizietsch.de

Jana Paradigi

Impressum

Dieser Titel ist auch als Paperback erschienen. Umschlag Bildmaterial: kellepics/Stefan Keller Umschlag Gestaltung und Logo: Michael Steinmann Agentur Die Karte schuf Dirk Schulz Animagic Lektorat und Redaktion: Uschi Zietsch Handlungsrahmen und Serienkonzept: Uschi Zietsch © dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2020 by Fabylon Verlag www.fabylon.de eMail: [email protected] Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-946773-26-9

Karte

Was bisher geschah

Nadja Oreso, die Halbelfe, und ihr Vater Fabio Oreso/Fiomha Samtmund haben es nicht geschafft, den Getreuen daran zu hindern, am Ätna den fünften Stab zu setzen. Das Schattenland ist nun nicht mehr länger isoliert und der Zugang vom und zum Menschenreich ist dauerhaft geöffnet. Die Dunkle Königin ist frei, ein neuer Krieg droht.

Die Zwillinge Rian und David konnten bei der Weltesche Yggdrasil ebenfalls keinen Erfolg verbuchen – die Suche nach dem Quell der Unsterblichkeit geht weiter. In einem Boot auf dem Kalten Fluss sind sie nach Sizilien gelangt, um die Oresos zu unterstützen, jedoch sind sie zu spät gekommen.

Immerhin hat das Setzen des Stabs den Getreuen vorerst außer Gefecht gesetzt und die Freunde können sich eine kurze Erholungspause im sizilianischen Domizil von Nadjas Großeltern gönnen.

Die Ruhe währt nicht lange. Regiatus, Berater von König Fanmór, macht sich heimlich auf den Weg zu unseren Helden, denn es gibt alarmierende Nachrichten aus Irland. Offenbar ist der Getreue dabei, das Zeitgrab von Newgrange zu öffnen – und dass das eine Katastrophe unermesslichen Ausmaßes verursachen wird, ist keine Frage.

Dramatis personae

Nadja Oreso, geborene Münchnerin mit italienischen und elfischen Wurzeln. Als Mischblut bei den Elfen nicht sonderlich angesehen, unternimmt sie trotzdem alles, um ihnen die Unsterblichkeit zurückzubringen. Inzwischen ist sie mit Davids Kind schwanger, was eine Sensation in der Anderswelt ist.

Rhiannon/Rian Bonet ist selbst als Elfe noch jung, sieht wie Anfang 20 in der Menschenwelt aus. Sie ist Prinzessin der Sidhe Crain, die Herrin der Vögel, und die Ewige Jungfrau. Obwohl sie wie alle Elfen Sex liebt, kommt es nie zum Äußersten – das muss seinen Grund haben.

Dafydd/David Bonet sieht ebenfalls wie Anfang 20 aus und seiner Zwillingsschwester sehr ähnlich. Als Erbprinz soll er eines Tages die Nachfolge des Vaters antreten. Kein leichtes Unterfangen bei Unsterblichen.

Pirx ist ein Pixie, ein Feenkobold, ein aufrecht gehender Igel mit roter Mütze. Er ist pfiffig, fröhlich und verspielt, gewitzt und mutig. Sein besonderes Merkmal: er kann nicht lügen.

Der Grogoch, genannt Grog, ist ein haariger alter Feenkobold, der stets vermittelnd eingreift, ruhig und liebenswürdig, er denkt zuerst nach, bevor er handelt, treu und fürsorglich.

Der Getreue ist im Auftrag der Dunklen Königin unterwegs, mächtig, skrupellos, eiskalt und sehr gefährlich. Seine wahren Motive sind unbekannt, seine Identität kennt niemand, sein Gesicht nur Bandorchu – aber ist es denn sein wahres Gesicht?

Der Kau und Cor, der Spriggans – die beiden sind Helfer des Getreuen, absolut boshafte Geschöpfe, die sich um niemanden scheren.

Die Innamorati:Fabio Oreso/Fiomha Samtmund, Nadjas Vater, hat sich einst eine Seele wachsen lassen und ist zum Menschen geworden, um seine seit mehr als zweitausend Jahren ewige Liebe Julia, die Wandernde Seele, zu finden und mit ihr zusammenzuleben.Julia Oreso/ Donna Letitia, die Wandernde Seele. Niemand weiß, wie alt sie ist und wie viele Leben sie geführt hat. Es ist daher besser, sich nicht mit ihr anzulegen.

Bandorchu, die Dunkle Königin, die einst Gwynbaen gewesen war, Königin von Earrach und Herrin des Baumschlosses der Sidhe Crain. In einem zerstörerischen Krieg unterliegt die fast überirdisch schöne und mächtige Elfe dem Riesen Fanmór und wird ins höllische Schattenland verbannt. Doch es gelang ihr, sich nach ihrer Wandlung dort ein eigenes Reich aufzubauen. Nun ist sie frei – und hat viel vor.

Regiatus, der Cervide, ist ein Berater Fanmórs. Bisher überaus streng und konventionell, hat er sich inzwischen auf die Seite der Zwillinge – und sogar Nadja Oresos – geschlagen und unterstützt sie heimlich.

Die Blaue Dame, Herrscherin des Loch Ness, ist ebenfalls eine Beraterin Fanmórs und unterstützt Nadja bereits seit Venedig heimlich.

Ainfar, der Tiermann, Bruder von Regiatus, ist damals freiwillig als Spion ins Schattenland gegangen und versucht von dort aus, Bandorchus Rückkehr zu verhindern. Nun ist die Grenze gefallen, und er versucht zu retten, was zu retten ist.

Robert Waller, Münchner, Grenzgänger zwischen den Welten, hat auf der Isle of Man seinen großen Roman fertiggestellt, der vorab schon zum Bestseller avanciert. Zu letzten Recherchen ist er mit seiner Muse in die Slowakei gereist.

Anne Lanschie/Lan-an-Schie, ist als Dämonin und Vampirin von der Isle of Man bekannt. Zugleich ist sie aber auch die Muse (die erste aller Musen), die sich im Auftrag von Bandorchu an Robert wegen seiner Begabung als Grenzgänger herangemacht hat. Sie ist bis zur Fertigstellung seines Romans an ihn gebunden, was zu einer Beziehung führt, die zwischen Hass und Liebe pendelt. Sie ist keine Untote, sondern eine uralte Unsterbliche.

Tom Bernhardt, Münchner, Journalist. Er trifft in Venedig zum ersten Mal auf Nadja und wird dadurch unweigerlich in die Ereignisse hineingezogen. Bedingt durch das Geschehnis ist er nunmehr nicht nur ein Bestseller-Sachbuchautor, sondern fungiert als Anker für die Gemeinschaft.

Alebin/Darby O’Gill, der Meidling, ist nur noch von grenzenlosem Hass und Rachedurst durchsetzt. Um seine finsteren Pläne zu verfolgen, geht er ein Bündnis mit einem Menschen ein.

Saul Tanner

Roman 9 Das Tor von Newgrange

Uschi Zietsch

Prolog Hündchen

Sie hatten ihn vergessen. Niemand kümmerte sich um ihn, brachte ihm Nahrung oder wusch ihn. Und doch starb er nicht.

Warum nicht? Ach ja … Weil er bereits tot war. Im Grunde schon seit Jahrhunderten, doch erst jetzt so dicht dran. Es war inzwischen sogar schwer geworden, es sich selbst zu erklären.

Einst war er ein Mensch gewesen, Sohn eines Mannes, der sich für einen Zauberer hielt, jedoch nur bescheidene Kräfte besaß und mehr Scharlatanerie betrieb. Doch die Vereinigung mit einer besonderen Frau brachte einen Sohn hervor, der über echte Magie verfügte. So etwas geschah selten bei den Menschen, doch es war nicht unmöglich. Der Sohn hatte seine Gabe genutzt und sich ein Reich erschaffen.

Dann waren da auf einmal diese … Frau gewesen und ein Mann ohne Schatten. Sie hatten sein Leben, sein Zuhause zerstört, und er war zum Hündchen der Dunklen Königin geworden. Zuerst hatte er all dies für einen schlechten Traum gehalten, eine Ausgeburt seines dem Wahnsinn anheimgefallenen Verstandes. Nur im Drogenrausch hatte er früher solche abartigen Fantasien gehabt.

Aber es war alles wahr. Die verbannten Elfen, dieses teils grässliche, teils opulente Land, und dieser finstere Kerl samt seiner Königin.

Noch nie hatte er eine Frau von solch überirdischer Schönheit erblickt, die zugleich zutiefst verdorben war. So strahlend hell und golden ihr Äußeres war, so finster war ihr Geist, der Kern ihres Seins faulig wie ein wurmstichiger Apfel.

Ich erinnere mich an alles, dachte der Mann, der einst der Conte del Leon gewesen war, ein Herrscher in der Lagune von Venedig. Aber warum?

Sie hatten ihm Hand- und Fußfesseln angelegt, und dazu einen Halsring mit einer silbernen Kette daran. An dieser Kette führte Bandorchu ihn herum, zwang ihn, ihre Füße zu lecken, zu hecheln und Männchen zu machen. Manchmal behandelte sie ihn fast liebevoll wie ein Schoßtier, dann wieder ließ sie ihre Grausamkeit an ihm aus.

Das Wunder war, dass er daran nicht starb. Er überstand alles, egal, was sie mit ihm anstellte. Im Schattenland galten eigene Gesetze, und der einstige Menschenmann hatte die Grenze der Sterblichkeit längst überschritten. Er war in Magie gefangen, und hier war alles Magie.

Er erinnerte sich, doch alles, was er einst gewesen war, war vergangen.

Lediglich ein letzter Funken Menschlichkeit war ihm noch verblieben, als er hierher gebracht worden war. Mit diesem hatte die Königin gespielt, ihn verhöhnt und verspottet.

Und dann … wann war es doch gleich geschehen … dann hatte sie …

Der Mann verbarg das Gesicht in Händen und weinte. Schmerz, Angst und Trauer, das war ihm nahe, nichts sonst gab es mehr.

Die schlimmste Pein aber hatte erst noch auf ihn gewartet, obwohl er geglaubt hatte, schon alles kennengelernt zu haben. Und wenn er geahnt hätte, dass es so entsetzlich werden würde, dann hätte er längst auf irgendeine Weise versucht, seinem elenden Dasein ein Ende zu machen. Natürlich hatte er sich vorher verachtet, weil er all die Demütigungen hinnahm und ertrug, aber irgendetwas in ihm klammerte sich weiterhin hartnäckig an das bisschen Leben, das ihm verblieben war. An die Hoffnung, dass es eines Tages besser würde. Oder er sich an die Schmerzen gewöhnte.

Doch dann war Bandorchu, es konnte nicht so lange her sein, plötzlich in ihr Schlafgemach gestürmt, das gleich neben jenem ganz besonderen, privaten Raum lag, den nur sie und der Getreue betreten durften. Der Mann war die meiste Zeit hier neben dem großen Himmelbett angekettet, das die Königin als Ruheplatz benutzte, wenn der Getreue nicht da war.

»Hündchen!«, rief sie und riss an der Kette.

Die Königin verfügte über die Kräfte eines Bären. Der Mann wurde hochgerissen und über den Boden geschleift, bis er bei ihr war. Er beeilte sich, auf alle viere zu kommen und den Kopf gesenkt zu halten. Wer wusste schon, in welcher Stimmung sie sich heute befand; der Getreue war seit längerer Zeit abwesend, und sie entbehrte ihn. Ein- oder zweimal hatte sie ihr Hündchen liebkost und einige Dinge mit ihm angestellt, die …

Der Mann wurde mit einem scharfen Ruck an der Kette zurück ins Elend gerissen.

»Woran denkst du?«, fauchte die Königin, und ihre Augen brannten wie grünes Feuer. »Glaubst du, ich erkenne es nicht, welche unzüchtigen Sehnsüchte in dir vorgehen? Verdorbener, wertloser kleiner Mensch!«

Der Mann beeilte sich, seine Gedanken zu leeren. Er konnte nichts dagegen machen, sobald die Königin ihm zu nahe kam, verwirrte sich sein Geist, und er fühlte nur noch Begehren. Nur für eine flüchtige Berührung war er zu jeder Demütigung bereit.

Bandorchu ließ sich auf die Bettkante sinken, und er musste sich bei ihr hinkauern. Immerhin hatte sie noch nicht verlangt, dass er bellte. Geistesabwesend strichen ihre kühlen Finger über seinen Rücken, und ihn durchliefen wohlige Schauer. Vielleicht war das nur die Einleitung zu mehr …

Der Mann verschluckte sich vor Schrecken und zwang sich augenblicklich zu anderen Gedanken.

Doch die Dunkle Frau war mit ihrem Geist ohnehin woanders. »Hündchen, das Ende der Tage ist nah«, sagte sie seufzend, mit unerwartet sanfter Stimme. »Ich werde Schattenland verlassen.« Sie fuhr durch seine schwarzen Haare, verwuschelte sie und beugte sich über ihn. »Was wird dann aus dir, Hündchen, hm? Soll ich dich mitnehmen in die Menschenwelt, was meinst du?«

Er antwortete nicht, diesen Fehler machte er nie wieder. Er hatte es einmal versucht und die schlimmsten Schläge seines Lebens bekommen. Hunde redeten nicht in der Zunge der Elfen.

»Braver Junge«, murmelte sie zufrieden. Ihr Blick war nun verschwommen und träumerisch, während sie ihn weiter kraulte. »Ich möchte nicht auf dich verzichten, aber ich werde es wohl müssen.« Sie legte die Hand unter sein Kinn und hob es zu sich an. »Du wirst es nicht überstehen, Hündchen, und genau wie alle anderen enden. Schade, du hast mir viel Spaß bereitet. Aber ich bin sicher, mein Getreuer findet bald Ersatz für dich.«

Das Blut in seinen Adern wurde eiskalt, und er fing an zu zittern. Sie wollte ihn töten, einfach so? Warum würde sie es tun, wenn sie es im Vorfeld schon bereute? Flehend sah er sie an, mit feuchten Augen. Das brauchte er nicht zu spielen, er bettelte um sein Leben.

»Du bist ein hübsches, manchmal auch artiges Bürschlein«, stellte die Königin lächelnd fest. »Du hast dich hier gut gemacht, so gefällst du mir. Aber siehst du, um das Portal dauerhaft zu öffnen, brauche ich Kraft … sehr viel Kraft. Da muss ich alles nehmen, was sich mir bietet, und ich glaube, was du zu geben hast, wird das größte Geschenk sein …«

Er besaß doch nichts mehr. Nichts hatte er zu geben, gar nichts, außer Ketten und Leid. Noch blieb er stumm, obwohl alles in ihm um Vergebung schrie. Sein Leben ging endgültig zu Ende, und nichts konnte es verhindern.

Die Finger der Königin strichen über seine feuchte Wange, und ihr Lächeln vertiefte sich. In ihre wie grüner Kristall funkelnden Augen trat ein beängstigender Ausdruck. »Du brauchst nicht zu weinen, Hündchen, dir wird eine große Ehre zuteil.«

Diese Ehre wollte er nicht. Er wollte Frieden. Genug gebüßt und bereut, genug von all dem hier. Wenn es der Tod sein sollte, dann schnell, ohne weitere Verpflichtungen.

Aber natürlich war ihm das nicht vergönnt.

Die Augen der Königin wurden kälter als Eis und füllten sich mit undurchdringlicher Schwärze. Bevor der Mann zurückweichen konnte, packte ihre Hand ihn unnachgiebig am Hals, genau über dem Ring, und zwang ihn, in ihre Augen zu sehen. Als er die Lider schließen wollte, war er nicht dazu in der Lage. Unwillkürlich hielt er den Atem an. Er war zu keiner Regung mehr fähig, konnte nicht einmal mehr die Hände zur Abwehr heben.

Und dann entriss sie ihm seine Seele. Der Mann konnte jetzt nicht mehr anders, er schrie seine Qual hinaus, die über jeden denkbaren körperlichen Schmerz weit hinausging. Speichel rann ihm aus dem Mund, und er hatte das Gefühl, ihm würden die Augen ausgebrannt.

Die Dunkle Frau sog ihm die Seele Stück für Stück heraus und trank sie, ihr Kehlkopf bewegte sich, als würde sie schlucken.

Es nahm und nahm kein Ende. Die Stimme des Mannes war längst zu einem heiseren Wimmern herabgesunken, obwohl die Pein nicht geringer worden war.

Erst als der letzte leuchtende Funken, der an einem dünnen Faden hing, ihn verließ, war es endlich vorbei, und er starb.

Doch er wachte wieder auf und fand sich allein. Die Königin war fort, und zwar so sehr fort, dass ihre Abwesenheit fast schmerzhaft zu spüren war.

Der seelenlose Untote versuchte, sich zurechtzufinden. Seinen neuen Zustand zu verstehen. Der Schmerz der Erinnerung brannte in ihm. Seine Haut war kühl. Er fühlte keinen Puls mehr. Das Blut in seinen Adern schien gestockt zu sein. Seine Eingeweide schrumpften zusammen, das konnte er spüren. Was einst sein Herz gewesen war, war nun schwarz und vertrocknet. Ab und zu schlug es noch, in Erinnerung an sein früheres Leben, und um das Untotendasein aufrecht zu erhalten. Es war ein Zwischendasein, begriff er nach und nach. Das untot bedeutete, dass er nicht mehr am Leben war – aber auch noch nicht ganz tot, sondern irgendwo dazwischen. Damals auf seiner Insel hatte einer seiner Gäste, der viel nach Afrika und in die Karibik gereist war, von seelenlosen Untoten erzählt, die Zombies genannt wurden. Allerdings besaßen sie keinen eigenen Willen mehr, und das traf auf den ehemaligen Conte nicht zu. Er war also etwas anderes, für das es vielleicht einen Begriff gab, den er nicht kannte. Es hätte ihn beruhigt, wenn er den Begriff gewusst hätte, denn das hätte bedeutet, dass er nicht der Einzige seiner Art war, und dass jemand, der so war wie er, ihm vielleicht weiterhelfen könnte. Zum Beispiel, wie man seine Seele wiederbekam. Oder endgültig starb.

Es war eine bittere Erfahrung und die schlimmste Bestrafung, denn nun würde er nie Erlösung finden. Was konnte er von nun an tun? Er war ein aus allen Welten Verbannter, Verstoßener, der nie mehr Freude verspürte. Nur das Leid war ihm geblieben, unveränderlich.

Ob die Königin das gewusst hatte? Vermutlich nicht, denn sie hatte davon gesprochen, dass er sterben würde, dass er sie künftig nicht mehr als Hündchen begleiten konnte. Und sie hatte Erfahrung damit, Menschen die Seele zu entreißen und zu verschlingen. Also … war er doch anders. Wie schon seit seiner Geburt, nichts hatte sich geändert. Selbst jetzt, da er kein Mensch mehr war, stach er aus der Masse hervor.

Lange saß der seelenlose Untote nur da und dachte nach. Versuchte die Erinnerungen festzuhalten, die immer flüchtiger wurden. Sie zerrannen wie Sand, flossen in die leeren Abgründe, in denen einst seine Seele geruht hatte, und erstarrten zu Schlacke.

Ablenkung gab es keine. Die Königin war fort, und niemand erinnerte sich an ihr Hündchen. Wenn er noch gelebt hätte, wäre er längst verhungert, oder zumindest verdurstet. Zeitgefühl besaß man in diesem Land nicht, ein Herzschlag konnte sich zur Ewigkeit dehnen, und die Ewigkeit nicht länger als ein Wimpernschlag dauern. Sein Magen erinnerte sich noch daran, wie er früher einst Speise und Trank genossen hatte und nörgelte ab und zu, während er immer mehr zusammenschnurrte.

Wo waren alle nur hin? Warum kam niemand hierher? War er etwa der Letzte, der zurückgeblieben war? Sollte er jetzt bis ans Ende aller Tage hierbleiben müssen, angekettet, untätig, zur ewigen Langeweile verdammt? Oder konnte er wenigstens wahnsinnig werden?

… wenn er es nicht schon längst war. Seine Gedanken waren manchmal wie zäher Brei, manchmal wie eine Springflut. Zwischendurch war er gar nicht bei Bewusstsein, wobei man dies nicht als »Schlaf« bezeichnen konnte. Es war ein Zustand, in dem er »nicht war«, und wenn er wieder zu sich kam, war es ein Sein, das »ein bisschen war«.

Es ist doch absurd, dachte das einstige Menschenhündchen verbittert, dass es überhaupt kein Ende finden soll. Ich muss dagegen etwas unternehmen.

Und damit kam endlich die Erleuchtung.

Dies war ein magisches Land, und er besaß die Anlage zur Magie. Die Königin, die hier alles unter Kontrolle gehabt hatte, war fort. Wer sollte ihn jetzt noch hindern?

Zuerst die Fußfesseln, damit er sich frei bewegen konnte. Der Seelenlose hatte keine Ahnung, was er machen musste. Die meisten menschlichen Zauberer übten Entfesselungstricks. Das war nicht nur wichtig, um die Zuschauer zu beeindrucken, sondern unter Umständen auch, um so einer Verhaftung zu entkommen. Sein Vater hatte sich gut darauf verstanden, und dem Sohn lag es ebenfalls im Blut. Geschickte Finger und Ruhe waren das einzige, was man dazu brauchte. Schlösser, Öffnungsmechanismen – darin hatte der Seelenlose sich schon als Jüngling geübt, denn er hatte damals bereits viele Feinde.

Er ließ die Ketten durch die Hände gleiten, prüfte die Fußringe. Das Metall war Bronze, keinesfalls Eisen, doch sehr gut gearbeitet, mit einem äußerst geschickten Verschluss. Und … er spürte ein seltsames Kribbeln unter der Fingerspitze, das Einzige, was zu fühlen er noch in der Lage war: Magie.

Ich bin ein Magier, dachte er. Wenn nicht hier, wo dann?

Verlieren konnte er nichts. Und er hatte so viel Zeit, wie er brauchte. Allmählich glaubte er nicht mehr daran, dass jemals wieder jemand kommen würde, um nach ihm zu sehen. Sie waren alle zu sehr mit sich beschäftigt, oder fort, genau wie die Königin.

Der Seelenlose konzentrierte sich. Er konnte sich kaum daran erinnern, was für faule Künste er auf seiner Insel ausgeübt hatte. Gedankenlesen, ein bisschen Levitation … ja, das war es. Levitation. Das musste funktionieren!

Mit verdoppelter Anstrengung ließ er seinen Willen in das Schloss der Fußfessel fließen, schob die darum gelegte Magie beiseite und schuf eine Schutzblase um sich. Es war kein Bann, nur ein einfacher Schließzauber. Die magischen Fühler tasteten nach dem Riegel, prüften ihn rundum. Nichts außer dem passenden Schlüssel konnte dieses Schloss erreichen. Und der Wille des Seelenlosen. Nein, er war ganz und gar kein Zombie, er war ein Zauberer, und zwar ein wahrer! Er tastete und fühlte, kroch immer tiefer hinein, und dann bekam er endlich den Riegel mit seinem Geist zu fassen und ließ ihn aufschnappen.

Für einen Moment fühlte er sich fast wieder lebendig, als sich die Fußfessel mit einem klickenden Geräusch von seinem Knöchel löste und zu Boden fiel. Doch er hielt sich nicht lange auf, sondern setzte die gewonnenen Erkenntnisse umgehend bei der zweiten Fußfessel ein. Diesmal ging es bedeutend schneller, da er den Mechanismus nunmehr kannte. Auch die Armfesseln waren kein Problem, der Halsring allerdings stellte eine echte Herausforderung dar. Doch auch er war schließlich besiegt, und zum ersten Mal seit seiner Gefangennahme richtete der Seelenlose sich wieder gerade auf. Seine Beine hatten keine Mühe, ihn zu tragen, und er fühlte auch keine Erschöpfung, zitternde Muskeln oder ähnliches. Das alles war vorbei. Sein Wille würde den Körper tragen, solange er untot war, egal in welchem Zustand.

Noch einmal spürte er die Erinnerung an Leben, als er aufrecht stand, frei von allen Fesseln, und sich triumphierend umsah. Endlich war er frei, und niemand konnte ihn mehr aufhalten. Er fühlte sich von der Magie des Schattenlands durchpulst, als wären sie Verwandte. Sie stärkte ihn und baute ihn auf. Eine große Wandlung hatte stattgefunden. Nachdem er die Fesseln der Sterblichkeit ebenso wie die der Gefangenschaft abgestreift hatte, konnte er nun seine ganze Macht entfalten, die schon seit seiner Geburt in ihm schlummerte, die er jedoch nie in der Lage gewesen war, gänzlich zu wecken.

Was sollte er also unternehmen? Die Herrschaft über dieses Land antreten, mit dem er sich so verbunden fühlte?

Nein. Das war zu wenig. Womöglich war niemand mehr da, den er beherrschen konnte. Er wollte zurück in die Menschenwelt und dort Rache üben. Und … dann herrschen, auf subtile Weise, langsam und schleichend. Bei den Sterblichen gab es viel mehr zu tun als hier. Und er könnte sein Leid und die Erinnerung an den Schmerz auf die Menschen übertragen. Das würde selbst einem seelenlosen Untoten wie ihm Befriedigung verschaffen!

Sein Entschluss stand fest. Es gab dorthin nur einen einzigen Weg – denjenigen, der ihn auch hierher gebracht hatte.

Kurz entschlossen schritt der Seelenlose auf die Tür zur verbotenen Kammer zu, legte die Hand auf den Griff und ließ in sich einwirken, wer ihn zuletzt berührt hatte. Die Königin, kein Zweifel. Sie war aus dem Raum hierher gekommen, hatte seine Seele getrunken und war dann wieder dorthin zurückgekehrt.

Sie hatte die Tür nicht magisch gesichert, wie dumm von ihr. Oder Plan? Falls dem so war, spielte er darin sicher keine geplante Rolle. Doch das würde er ändern. Der Untote ließ seine Levitationsmagie ein weiteres Mal wirken, und kurz darauf tat sich die Tür vor ihm auf.

Als Lebendem hätte ihm das Herz jetzt bis zum Hals geschlagen, ein Tabu zu brechen und damit einem Wesen, das mächtiger als Götter war (es gab Götter an diesem Ort, die ihr dienten), die Stirn zu bieten.

Doch in seinem jetzigen Zustand fühlte er lediglich Befriedigung seiner Macht, dass er durch nichts aufgehalten werden konnte.

Für die Einrichtung des Raums interessierte er sich nicht, er nahm sie nicht einmal wahr.

Denn an der Wand am anderen Ende, fast gegenüber der Tür, strahlte ein leuchtender Bogen, und dahinter lag ein Weg, der durch die Wand führte.

Dahin war die Königin also verschwunden. Sie war gegangen und hatte ihr Reich, ihre Untertanen im Stich gelassen.

Das Wunder allerdings war die Stabilität des Portals. Wie mochte das geschehen sein? – Es war nicht wichtig. Der Weg führte in die endgültige Freiheit, weg von faulem Elfenzauber, schalen Genüssen und schwüler Dekadenz.

Langsam schritt er auf das Portal zu, zögerte nur noch einmal kurz. Möglicherweise verlor er sich endgültig, wenn er jetzt hindurchging und die Verbindung zum Schattenland riss. Doch dann mochte es eben so sein.

Der seelenlose Untote trat durch das Portal ins gleißende Licht, und er fühlte augenblicklich, wie gewaltige Kräfte an ihm zerrten und mit sich zu reißen versuchten. Und während er voranschritt, spürte er, wie sein Körper in Flammen aufging und heißer Wind um ihn wirbelte.

Doch es war kein verzehrendes, sondern ein reinigendes Feuer. Anstatt ihn zu einem Klumpen Asche zu verbrennen, nahmen die Flammen ihm die Last der Erinnerung, den Schmerz und alles andere, und sie verjüngten ihn, bis er sich fühlte wie ein Dreißigjähriger, fast, ja, wie neugeboren, auch wenn ihm nach wie vor die Seele fehlte. Doch sein Körper erinnerte sich an Fleisch und Blut und Menschlichkeit, schuf eine Aura, die ihm eine perfekte Illusion gab. Damit konnte er unter den Menschen wandeln, ohne dass sie erkannten, wer er wirklich war. Eine Larve, wie sie die Elfen trugen, doch weitaus effektiver.

Während er lachend den Pfad zu Ende schritt, sah er schon die andere Seite auf sich zukommen, die Welt der Menschen. Er sah einen schwarz dräuenden Berg, aus dem Qualm und Lava floss, und erkannte ihn, denn es gab nur einen, der so eine Verbindung schaffen konnte.

Wunderbares Sizilien, heiße mich willkommen.

In weiter Ferne sah er drei winzige Punkte nahen. Also sollte er sich beeilen. Noch war es nicht an der Zeit, sich der Welt zu zeigen.

Das Licht floss von ihm weg, je näher er der anderen Welt kam, bald waren es nur noch zwei Schritte, und er fühlte sich großartig. Nicht lebendig, nicht tot, doch mit allem ausgestattet, was ein Mann brauchte, der ein Zauberer war.

Alles, was ihm noch fehlte, war ein Name, denn sein früherer Name war mit der alten Hülle verbrannt.

Er lächelte, denn das war einfach, es gab nur einen einzigen Namen, der der seine war.

Cagliostro.

1. Der Getreue: Fort

Ätna, Sizilien: Nach dem Setzen des Stabs

»Es ist nicht mehr weit, Meister«, versprach der Kau und stützte die Hand seines Herrn. Zu mehr war er aufgrund seiner geringen Größe nicht in der Lage, aber er wollte auch nicht nutzlos erscheinen. Der Spriggans hingegen hatte sich aufgeblasen und sich den anderen Arm des Getreuen um die haarigen Schultern gelegt, allerdings ächzte er unter der Last.

Die Schultern des Hünen waren nach vorn gesunken, seine Beine schleiften über den Boden. Die Kälte war fast vollständig von ihm gewichen.

»Ihr seid aber wirklich durch nichts umzuhauen, Meister, was?«, plapperte der dürre Elf weiter. »Stimmt’s nicht, Cor?«

»Und ob«, bekräftigte der Spriggans, wobei er aufpassen musste, dass er nicht zu viel Luft verlor und schrumpfte. »Keiner sonst hätte das überlebt.«

Eine Weile lauschten die beiden, dann schielte der Kau am Getreuen vorbei zu dem Spriggans hoch. »Das ist ziemlich ernst«, fistelte er besorgt.

»Viel zu ernst«, zischelte Cor.

»Und was machen wir jetzt?«

»Ich weiß auch nicht … zum Tor gehen?«

»Natürlich, Ballonkopf! Aber wie bringen wir ihn zu sich?«

»Der kommt schon wieder zurück, verlass dich drauf.«

Weiter ging es durch den schwarzen Lavasand den Hang hinab, bis Cor die Luft rauslassen musste, und sie sanken erschöpft zusammen mit ihrem bewusstlosen Herrn in den Sand. Er regte sich auch jetzt nicht, und der Kau hatte einige Mühe, sich unter dem schweren Körper hervorzukämpfen, der halb auf ihm lag.

Eine Weile saßen die beiden Elfen mit angezogenen Beinen da und ließen die Köpfe hängen. Schließlich drehte der Kau sich leicht und betrachtete den Getreuen, der halb an einer Düne lehnte, der verhüllte Kopf ruhte auf der Brust.

»Und wenn wir …«, setzte er an, doch da fuhr Cor sofort auf.

»Weg von der Kapuze! Wag es nicht!«

Der Kau zog einen Flunsch. »Jetzt oder nie!«, maulte er. »Du willst es doch auch wissen, oder?«

Der Spriggans zeigte seine Reißzähne, und der dürre Elf zog augenblicklich die Hand zurück. »Er würde es wissen, sobald er wieder erwacht, und dann ist dein Leben kein Staubkorn mehr wert! Und meines ebenfalls nicht. Also behalte deine Finger bei dir, oder ich beiße sie dir ab!«

Daraufhin verfielen sie wieder in düsteres Schweigen. Um sie herum versank die Nacht in der Dämmerung und ließ sich bleichen. Zum Glück hatte Morgana sich nicht mehr sehen lassen, nachdem in der Alten Stadt alles zusammengebrochen war. Die angeheuerten Elfen, sofern sie überlebt hatten, waren ohne Lohn und Abschied davon gehumpelt. Nadja Oreso und ihre Gefährten waren schon lange verschwunden, vermutlich waren sie bereits den Berg hinunter. Der Kau und Cor waren nach einer Weile, nachdem die Beben aufgehört hatten, durch ein Felsloch wieder in den Berg gekrochen, um nach ihrem Gebieter zu suchen. Von hier oben aus war der Weg nur kurz, da einige Kavernen zusammengefallen waren und Hohlräume freigelegt hatten. Wie durch ein Wunder aber hatten die Felsen über der uralten Stadt standgehalten, und abgesehen vom Schutt und einigen herumliegenden Felsbrocken war das antike Bauwerk noch zugänglich. Dort fanden die beiden Elfen den Getreuen, umgeben von Trümmern, über dem pulsierenden besetzten Knoten, und schleppten ihn mühsam nach draußen in die Nacht.

Und jetzt saßen sie ratlos da und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Würde der Getreue je wiedererwachen, oder war er nur noch eine leere Hülle? Wie konnten sie die Königin erreichen, um ihr zu berichten? Sie waren übereingekommen, das nächstgelegene Portal zu suchen, von dem aus vielleicht ein Zugang ins Schattenland möglich war.

Der Sturm um sie herum beruhigte sich, aber dafür regnete es jetzt in Strömen. Im Tal unten gingen nacheinander die Lichter wieder an, als die Notstromversorgung ansprang. Über ihnen dräute der zornige Berg, aus dem glühende Lava floss.

Bis jetzt waren kaum Auswirkungen durch das Setzen des Stabs zu spüren, doch das mochte sich bald ändern. Und der Getreue … konnte momentan nichts unternehmen, sollten sie in Gefahr geraten.

»Eine wunderbare Nacht«, knurrte Cor schließlich, sein Fell hing triefnass herab und klebte an ihm, sodass er noch grotesker aussah. Immerhin besagte seine Meckerei, dass er dabei war, sich zu erholen.

»Und wenn wir einfach gehen?«, fing der Kau plötzlich wieder an.

»Was meinst du damit?«

»Na ja, weil, die anderen sind auch abgehauen. Warum tun wir das nicht? Jetzt ist doch der Auftrag beendet, die Königin ist frei.«

Der Spriggans schüttelte sich, dass die Tropfen nur so davonsprühten und einen zweiten Schauer über den Kau ergossen. »Woher weißt du, dass die Königin frei ist?«

Der Kau machte einmal den Mund auf und zu. Seine langen Ohren, die neben der Kappe hervorstanden, hingen schlaff herunter. »Er hat’s doch gesagt!«, stieß er schließlich hervor.

»Auch der Getreue kann sich mal irren«, knurrte Cor.

»Aber … dann wäre doch alles umsonst! Auf keinen Fall, das kann nicht sein.« Nun schüttelte sich der Kau. »Die Königin ist frei. Und weißt du, warum? Ich bin nicht mehr an sie gebunden. Ich kann es ganz genau spüren! Ich bin nämlich auch frei!« Als begriffe er selbst jetzt erst, was er da sagte, sprang er plötzlich auf und hüpfte mit spindeldürren Beinen durch den nassen Lavasand. »Ich bin frei, hurra! Seit … seit … ach, ich kann gar nicht mehr so weit zurückdenken. Seit sie mir den Auftrag gab, das Schattenland auf sie vorzubereiten …«

»Krieg dich ein!«, keifte Cor. »Setz dich und erklär erst mal: Wieso solltest du das Schattenland auf sie vorbereiten? Das höre ich ja zum ersten Mal!«

Der Kau musste zuerst noch ein wenig herumspringen, bevor er wieder seinen Platz einnahm. Er strahlte, der Regen schien ihm nicht mehr das Geringste auszumachen. »Sie hatte damals so etwas wie eine Vision, das war noch vor dem Krieg, und schickte mich als Späher voraus. Und dann kam sie tatsächlich und baute ihre neue Residenz … den Rest kennst du von da ab selbst.«

Die Augen des Spriggans leuchteten in fahlem Gelb, als er das haarige Gesicht dem Gefährten zuwandte. »Und du meinst also, damit wäre deine Pflicht erfüllt und du kannst jetzt gehen.«

»Ja, wieso nicht?«, sagte der Kau eifrig. »Der Getreue kann mich nicht dran hindern. Und wenn er wieder aufwacht, bin ich schon weit weg, und er hat anderes zu tun als mich zu suchen. Und dich! Du bist doch überhaupt nicht gebunden, also gehst du mit!«

»Und wohin?«

»Egal! Die Menschenwelt ist groß, und wir könnten eine Menge Spaß haben! Bis die Zeit uns einholt …«

Die Stimme des Kau wurde leiser und erstarb schließlich, als er sah, dass der Spriggans nicht dazu bereit war.

»Ich gehe nirgendwohin«, erwiderte er. »Mein Platz ist bei Bandorchu.«

»Aber … aber …«, stammelte der dünne Elf verzweifelt.

»Ich war lange genug in der Verbannung!«, schrie Cor ihn mit schriller Stimme an. »Ich gehe in keine zweite! Und das wäre der Fall, wenn wir jetzt fliehen. Wir könnten nirgends mehr hin, wären selbst in der Menschenwelt ständig auf der Flucht, und die Heimat wäre uns für immer verschlossen!« Er wies um sich. »Denkst du, das hier will ich bis ans Ende meiner Tage? Oder dass ich so ende wie dieser Fiomha, in Scham und Schande, und als Mensch? Ich will endlich nach Hause!«

Die Ohren des Kau zitterten. »Aber du hasst ihn doch auch …«

»Natürlich hasse ich ihn, und ich fürchte die Königin, aber durch sie kann ich nach Hause zurück. Dann erst bin ich frei, verstehst du das nicht? Er würde es uns sowieso nie verzeihen, wenn wir verschwinden. Und eines Tages würde er uns finden, verlass dich drauf. Er vergisst niemals. Und du weißt, was mit all denen geschehen ist, die glaubten, er würde sich nicht mehr an sie erinnern.« Cor hob entschieden die Hand. »Geh, wenn du willst, ich halte dich nicht auf. Aber ich werde dich nicht schützen, wenn er nach dir fragt.«

Der Kau zog die Knie an, schlang die Arme darum, verbarg den Kopf darin und weinte bitterlich.

Cor klopfte Wasser aus seinen Ohrmuscheln. »Du bist ein hirnloser Trottel«, urteilte er abschließend. »Zuerst willst du die Kapuze lüften, dann willst du kneifen. Wie kam Bandorchu nur jemals darauf, ausgerechnet dir einen Auftrag zu geben?«

»W-w-weil …«, heulte der Kau.

»Ach, hör schon auf, ich will’s gar nicht wissen.« Cor unternahm einen ersten Versuch, sich aufzublasen, woraufhin ein weiterer Schwall Wasser aus seinen Ohren kam. Also noch ein wenig warten.

Irgendwie schleppten sie den verhüllten Hünen weiter, während ein grauer Tag anbrach. Wenigstens ließ der Regen endlich nach. Kurz vor der Baumgrenze, an einem Steilhang, fanden sie das Portal. Es war leichter zu erkennen als früher, bevor der Stab gesetzt worden war.

Der Spriggans war wieder am Ende seiner Kräfte, und sie fielen ein zweites Mal hin. Beim Getreuen veränderte sich dadurch nichts. Sein Fleisch war nicht tot, denn es fühlte sich nachgiebig und warm an. Aber sein Geist schien den Körper vollständig verlassen zu haben. Vielleicht für immer.

Ab und zu sahen die beiden Elfen sich furchtsam um, ob nicht doch die Königin von Luft und Dunkelheit erschien und sie erneut in den Bann der Gefangenschaft schickte. Sie wären jetzt völlig hilflos. Aber vielleicht hatte Morgana ebenso unter Schwäche zu leiden, schließlich hatte sie sich im Kampf gegen den Getreuen verausgabt und sich dann um den Schutz der anderen gekümmert.

Während Cor als zusammengeschrumpelter wirrer, handtellergroßer Fellball dahockte und japste, suchte der Kau einen Weg, das Portal zu öffnen – und zwar ins Schattenland. »Wenn die Königin das Tor auf ihrer Seite bereits geöffnet hat, muss es auch von dieser Seite aus funktionieren!«, fistelte er. Über den Wunsch zu fliehen hatten beide nicht mehr gesprochen. Der Kau tat so, als habe er es nie erwähnt. Er mühte sich ab, das Portal zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. Ratlos, ruhelos wanderte er auf und ab.

Der Tag verging ohne Veränderung. Zum Glück kamen keine Menschen hier herauf. Das Wetter hatte sich beruhigt, der Berg grummelte nur noch ein bisschen.

»Ich habe Hunger«, klagte der Kau.

»Ich bin schon so schwach, dass ich nicht einmal mehr die Haare aufstellen kann«, stimmte der Spriggans zu.

Dicht aneinandergedrängt verbrachten sie eine weitere elende Nacht, und der Kau merkte, dass Cor allmählich Zweifel kamen, ob es überhaupt einen Sinn hatte, hier weiter zu warten. Vielleicht konnte er ihn doch überreden …

Der nächste Morgen brach an. Die beiden kleinen Elfen hatten unruhig gedöst, als sie unvermittelt erschrocken hochfuhren.

Übergangslos setzte Kälte ein und der Getreue sich auf. Mit fließenden Bewegungen kam er auf die Beine und klopfte sich feucht klebenden und halb angetrockneten Lavasand ab.

Seine beiden Gehilfen starrten verstört zu ihm hoch. »M-Meister …«, begann Cor schließlich, da der Kau keinen Ton herausbrachte.

»Ja?«, grollte der Verhüllte unwirsch und kurz angebunden wie stets.

»Ist … alles in Ordnung?«

»Was soll diese dumme Frage?«

Der Kau räusperte sich. »Na ja, wir waren nicht sicher, ob Ihr je wieder …«, fing er an und jaulte auf, als der Getreue ihn an den Ohren packte, mit der anderen Hand den Spriggans ergriff und beide mit sich nahm, auf das Portal zu. Unsanft setzte er die zwei kurz davor ab. »Ihr wartet hier, während ich ins Schattenland gehe und die Königin hole«, befahl er. »Ihr haltet die Stellung, egal was passiert, verstanden?«

Beide beeilten sich zu versichern, dass sie den Befehl befolgen würden, und wie dankbar sie seien, dass er wieder unter ihnen weilte.

Einen kurzen Moment verharrte der Verhüllte, und sein verborgener Blick musterte sie so eindringlich, dass die Elfen vor Kälte schlotterten. »Und verschafft euch ein anständiges Äußeres, es ist eine Schande, wie ihr ausseht!«

»S-selbstverständlich, Meister«, stammelten sie wiederum im Chor.

»Und, wenn Ihr gestattet«, fügte der Kau hinzu, »wir … wir sind sehr hungrig …«

»Hungrig.«

»Ja, Meister.«

Der Getreue drehte sich leicht, griff mit der behandschuhten Linken in eine Spalte der Steilwand und zog eine fiepende Ratte hervor, die er dem Kau hinwarf. Der reagierte reflexartig, fing das Tier und schrie auf, als es ihn mit scharfen Nagezähnen in die Hand biss. »Da habt ihr«, sagte der Verhüllte, drehte sich um und schritt durch das Portal. Kurz darauf war seine finstere Gestalt im Licht verschwunden.

»Wann hat er es geöffnet?«, stieß Cor verdattert hervor.

Der Kau konnte keine Antwort geben, er kämpfte mit der Ratte, die sich zäh an ihr Leben klammerte und immerhin ein Viertel seiner Körperlänge maß – ohne Schwanz. »Ich hasse ihn!«, schrie er. »Ich bringe ihn um, das nächste Mal ganz bestimmt!«

Da musste der Spriggans plötzlich lachen. »Ja, genauso wie die Ratte!«, gackerte er und kugelte sich über den Boden.

2. Nadja: Ins Boyne Valley

Heute.

»Liiinks! Linke Spur! Du musst liiinks faaaahreeeen!«, kreischte Pirx und hielt sich das rote Mützchen vor die Augen.

Der Wagen schlingerte über die Fahrbahn, ein entgegenkommendes Auto konnte gerade noch hupend und mit blitzendem Fernlicht ausweichen, dann lehnte der Rover sich an die linke Leitplanke an und fand endlich wieder auf sichere Bahn.

Strafend blickte Fabio Oreso von der linken Beifahrerseite auf David Bonet, der hochkonzentriert das Steuer umklammert hielt, die sonst kühn geschwungenen Augenbrauen fest zusammengezogen, den Blick starr auf die Straße gerichtet.

»Nächstes Mal«, sagte der Venezianer streng, »fahre ich!«

»Ich weiß nicht, was ihr immer alle habt!«, gab David entrüstet zurück. »Ich bin ein sehr guter Autofahrer!«

»Bist du nicht!«, schrien alle im Chor, die sich noch im Wagen aufhielten, die meisten davon mit geschlossenen Augen und Angstschweiß auf der Stirn.

»Ich hätte mich niemals überreden lassen sollen«, brummte Fabio.

»Ich habe dich nicht überredet«, erwiderte David grinsend. »Ich hab dich reingelegt.«

»David, bei allen Göttern, fahr endlich links ran und lass Fabio ans Steuer!«, forderte Rian ihren Zwillingsbruder zum wiederholten Mal auf, nun deutlich ungehalten.

»Wenn ich mich scheiden lassen könnte, würde ich es tun!«, schimpfte Nadja, deren Flüche der letzten halben Stunde bewundernde Blicke von Pirx eingebracht hatten. »Wenn du schon nicht auf uns hörst, dann wenigstens auf deinen ungeborenen Sohn, dem es mindestens ebenso speiübel ist wie mir!«

»Ach was, das bisschen Schaukelei, das liebt er«, gab David ungerührt zurück und steuerte schon wieder die rechte Straßenseite an, fing sich aber gerade noch rechtzeitig, als er einen Wagen entgegenkommen sah. »Ein Verkehr ist das hier …«

Außerdem regnete es in Strömen, und man sah höchstens hundert Meter weit. Aber das störte den Elfenprinzen kaum. Er hatte noch nie vor irgendetwas Angst gehabt. Im Gegensatz zu den anderen im Auto, die diesen Begriff seit Antritt der Fahrt etwa alle Viertelstunde neu definierten.

Wie sie es vom Flughafen Dublin überhaupt bis hierher geschafft hatten, war allen ein Rätsel. Andererseits war der Verkehr rund um Irlands Hauptstadt von sich aus schon chaotisch, wenngleich nicht ganz so turbulent wie in Catania, wie Nadja fand. Doch dieses Chaos reichte aus, dass David das Auto irgendwie unbeschadet hindurchbrachte, und nun waren sie in den Norden Richtung Drogheda unterwegs.

Die Nerven lagen blank. Der Grogoch hatte schon seit einer halben Stunde nichts mehr gesagt und hielt die Augen fest geschlossen. Seine linke Hand klammerte sich krampfhaft an Rians Bein, eine überaus gewohnte Geste, seit sie zum ersten Mal nach Paris gegangen und als Erstes in den Autoverkehr geraten waren.

»David, wenn du jetzt nicht sofort anhältst, werde ich gewalttätig«, griff Fabio zur letzten Drohung.

»Außerdem muss ich kotzen!«, rief Pirx, und er sah wirklich nicht gut aus. Nadja blickte krampfhaft weg von ihm, zum Fenster hinaus.

»Also schön«, gab David beleidigt nach. Immerhin hatte es gerade zu regnen aufgehört, was nichts zu bedeuten hatte – in diesem Land wechselte das Wetter oft alle zehn Minuten. Wenigstens war es nicht kalt; kein Wunder, der Frühsommer stand vor der Tür. Gleich darauf wurden alle nach links geschleudert, was in dem Fall bedeutete, dass auf Rian das meiste Gewicht lastete, und dann nach vorn, als David bremste und gleichzeitig den Motor abwürgte, weil er die Kupplung nicht trat.

Zeternd, am Rande ihrer Kräfte, stiegen die Mitfahrer aus. Pirx und Grog wackelten eilig ins tropfnasse Gebüsch, von wo aus gleich darauf würgende Geräusche erklangen, und Rian klopfte Nadja beruhigend auf die Schulter, während Fabio die Autoschlüssel an sich riss. Der Prinz breitete die Arme aus.

»Was denn?«, fragte er ratlos. »Das Auto hat nicht mal eine Schramme!«

»Das ist nicht deinen, sondern den Fahrkünsten der Iren zu verdanken«, knurrte Nadjas Vater. »Du bist ein leichtsinniger, ignoranter …«

»Elf!«, vollendete David und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine violetten Augen trugen einen stolzen Ausdruck. »Wäre Alebin dir als Schwiegersohn lieber?«

»Könnten wir diesen grässlichen Namen einfach mal weglassen?«, fragte Nadja, und jetzt würgte es sie doch. Pirx und Grog, die gerade mit runzligen Nasen zurückkamen, brachten sich schnell in Sicherheit.

Fabios Handy klingelte, und er hielt es sich ans Ohr. Sein Gesicht nahm einen weichen Ausdruck an; damit wusste jeder, wer dran war, noch bevor er sagte: »Schatz.« Ein paar Sekunden lauschte er, dann lächelte er und ging ein Stück abseits. Obwohl Pirx lange Ohren machte, konnte er kein Wort verstehen. Nach einer Weile kehrte Fabio zurück. »Schöne Grüße von Julia. Auf Sizilien ist alles in Ordnung, auch bei ihr im Waisenhaus. Als ich ihr von Davids Fahrkünsten erzählte, war sie froh, daheim geblieben zu sein.«

Unwillkürlich musste Nadja lachen. Julia – oder vielmehr Donna Letitia, wie ihre Mutter auf Sizilien genannt wurde – wäre auch so nicht mitgekommen, sie wurde im Waisenhaus gebraucht. In den vergangenen Wochen hatte sie die Arbeit, wie sie es bezeichnete, »genug schleifen lassen«, um bei ihrer Familie zu sein, nun wollte sie wieder für die Kinder da sein. Nadja und Fabio war es sehr recht, dass sie außerhalb des Brennpunkts der Geschehnisse blieb.

Die Stimmung besserte sich erheblich, als Fabio das Steuer übernahm. David nahm es ihm nicht lange übel, dafür war das Land viel zu interessant. Immerhin erstreckte sich über dieses Gebiet auch das Reich der Crain in der Anderswelt, und er fand einige Parallelen. Das besondere Grün der Wiesen, vor allem, wenn die Sonne nach dem Regen darauf schien, die sanften Hügel, und die hier zahlreichen Bäume. Es gefiel dem Elfenprinzen ausnehmend gut, und seine Mitreisenden waren bald erneut genervt, weil er bei jedem Inn, an dem sie vorbeifuhren, und bei jedem Pub in den kleinen Ortschaften inständig darum bettelte, anzuhalten und etwas zu trinken.

Niemand sprach es aus, aber Nadja war sicher, dass sie sich nicht allein Gedanken über Davids seltsames Verhalten machte, und ob es an seiner Seele liegen mochte, die langsam in ihm heranwuchs. Früher war er nie so stark emotional gewesen, und wenn, dann eher negativ – mürrisch, aufbrausend, überheblich. So wie jetzt kannte sie den Mann, den sie liebte, überhaupt nicht. Andererseits war es kein Wunder, dass er so durcheinander war. Er musste sich an den Gedanken gewöhnen, Vater zu werden und Verantwortung zu übernehmen; das allein brachte ihn sicherlich schon aus dem Konzept. Elfen banden sich nur selten an jemanden, und noch seltener zogen sie den Nachwuchs gemeinsam auf. Meistens blieben die Kinder bei einem Elternteil, und der andere sah ab und zu vorbei. Inzwischen kam noch dazu, dass Nachwuchs in der Anderswelt mittlerweile zur einer Sensation zählte.

Das Elfenvolk war alt geworden, es gab kaum Nachkommen – und nun hatte es auch noch die Unsterblichkeit verloren. Innerhalb kürzester Zeit war die Anderswelt auf den Kopf gestellt worden – und für junge Elfen wie David und Rian hatte dies umso stärkere Auswirkungen.

Doch Davids Begeisterung steckte schließlich an, Nadja war inzwischen gerührt über sein fortwährendes Staunen und die Vergleiche, die er zog. Er schien sich »fast daheim« zu fühlen, und doch in der Menschenwelt: Genauso »zwischendrin«, wie er selbst nunmehr war. Ein Elf mit einer jungen Seele.

Auch Pirx und Grog wurden durch Fabios sichere Fahrweise allmählich munter, und bald schnatterten alle vier Elfen durcheinander. Über die Kühe, die Schafe, die schönen Pferde, die hübschen weißen reetgedeckten Cottages, die bunten Ortschaften, und das eine oder andere Relikt vergangener Jahrtausende, das ihnen vertraut war.

Nadja, die hinter Fabio saß, rutschte ein wenig nach vorn und sagte leise an sein rechtes Ohr: »Und wie fühlst du dich?«

»Wie ein Tourist«, antwortete er. »Ich war nicht allzu oft hier.«

»Ich war schon zweimal in Irland«, sagte sie. »Als ich das erste Mal hier war, ging es mir ganz ähnlich. Man verbindet ja immer auf romantische Weise das Keltentum, eine ruhigere Gangart und jede Menge Elfenmärchen damit. Ich habe jedes Mal sehr viel Stimmung und Geschichten erlebt, und die Musik passt genau dazu.«

»Da werden unsere vier wahrscheinlich endgültig ausrasten«, sagte er lächelnd. »Die Musik bei den Crains ist durchaus ähnlich.«

»Stell ja nicht das Radio an!«, warnte sie. »Am Ende erwischen wir noch einen traditionellen Sender.«

Für Nadja war es eine ziemliche Umstellung von Sizilien hierher. Nicht nur, dass sie sich wieder sprachlich umgewöhnen musste, es war auch alles so anders, eine völlig unterschiedliche Lebensart. Sicher, es gefiel ihr, aber … wohler fühlte sie sich in Italien. Da merkte man doch, wer ihre Eltern waren.

Sie zuckte kurz zusammen, als ihr Sohn ihr einen fröhlichen Tritt in die Leiste verpasste. Allmählich machten sich doch das Gewicht und das neue Leben in ihr bemerkbar, auch wenn es ein Elfenkind war. Trotzdem konnte sie sich nicht beklagen, es ging ihr blendend, sie war in ihrer Bewegung kaum eingeschränkt, und ihr gesunder Appetit hatte eher noch zugenommen, allerdings angenehmerweise nach wie vor, dem elfischen Erbe gemäß, nicht das Gewicht. Und ihre Mutter hatte wohl auch einen kleinen Anteil daran, da sie ebenfalls über einen gesunden Appetit verfügte, aber von zierlicher Statur war.

Nadjas Welt hatte sich zum zweiten Mal völlig auf den Kopf gestellt. Das erste Mal, als sie den Elfen begegnete, und nun, dass sie Mutter wurde. Was sie in den vergangenen Monaten erlebt und durchgemacht hatte, passierte den meisten anderen Menschen im ganzen Leben nicht. Sie war gespannt, was da noch alles auf sie warten würde.

Zuallererst aber mussten sie verhindern, dass der Getreue das Zeitgrab in Newgrange öffnete. Nicht auszudenken, was dann geschehen mochte! Die Frage war: Warum tat er das? Regiatus der Cervide hatte eine Botschaft seines Halbbruders Ainfar erhalten, der freiwillig als Spitzel im Schattenland lebte. Das war eine Überraschung für die Zwillinge gewesen, da Regiatus nie über seinen Bruder gesprochen hatte.

Leider war ein Teil der Nachricht verlorengegangen, nämlich der über die Motive des Getreuen. Doch das würden sie schon herausfinden, wichtig war zunächst, dass sie überhaupt wussten, was er aktuell vorhatte.

Trotzdem hatten sie während des Fluges hierher Zeit zum Grübeln gehabt, was das zu bedeuten hatte. Wollte er auf diese Weise neue Rekruten für Bandorchus Heer sammeln? Welche Welt würde er damit zuerst überschwemmen? Nahm er das Zeitparadoxon absichtlich in Kauf, war dies Bestandteil seines teuflischen Plans? Sowohl Fabio als auch Grog hatten versichert, dass das Spiel mit der Zeit strengen Regeln unterlag. Ein Blick in die Zukunft beispielsweise war absolut untersagt – Fabio hatte am eigenen Leib die Folgen der Übertretung zu spüren bekommen. Und die meisten Elfen hielten sich davon fern; während ihrer Unsterblichkeit hatte Zeit ohnehin keine Rolle gespielt, und jeder von ihnen wusste, dass schon ein kleiner Eingriff den Untergang herbeiführen konnte. Die Erinnerungsmagie wurde gleichfalls nur sehr selten durchgeführt, da sie erhebliche Risiken barg.

Aber es wäre nicht das erste Mal, dass der Getreue alles riskierte. Bisher wussten sie ja noch nicht einmal, welche genauen Auswirkungen das Setzen des Stabes am Ätna haben würde, es war alles möglich.

Als der Wegweiser Brú na Bóinne kam, setzte Fabio den Blinker, und sie bogen nach links Richtung Westen ab. Schon kurz darauf wurde die Straße schmaler und zog sich zwischen Steinmauern, kleinen Gehöften, Wäldchen und über Hügel hinweg. Das Gebiet war hier leicht sumpfig, es gab viele Birken auf torfreichem, mit Heidekraut bewachsenen Grund. Das Land wirkte gleich weitläufiger, nachdem das Meer hinter ihnen zurückblieb, und einsamer.

»Wir erreichen jetzt eine der fruchtbarsten Gegenden Irlands«, erklärte Nadja, die sich noch gut von ihren vergangenen Reisen daran erinnerte und sich außerdem vorbereitet hatte. »Schon quasi seit Urzeiten ist diese Region Anbaugebiet. Deswegen finden sich hier auch überall uralte Hinterlassenschaften wie Melagithbauten, Cairns, Hochkreuze, jahrhundertealte Abteien und so weiter.«

Kurz darauf passierten sie ein Schild, das Reisende im Tal des Flusses Boyne willkommen hieß.

»Das ist wohl was besonderes hier, nicht wahr?«, rief der Pixie und hüpfte aufgeregt auf und ab.

»Ja«, antwortete Nadja lächelnd. »Ich war fasziniert.« Sie holte Atem und führte aus: »Der Fluss Boyne ist sehr geschichtsträchtig, auch in mythologischer Hinsicht. Sein Name rührt wahrscheinlich von Bóinn oder auch Boann her, der irischen Muttergöttin und Königin. Deshalb wurde hier einst Tara gebaut, der Hochsitz der irischen Könige. Der Boyne ist so um die hundertzehn Kilometer lang, zieht sich durch liebliche Auen, lichte Wälder und fruchtbare Felder. Alte Städte wie Trim mit dem großen Castle und die ehemalige Hauptstadt Drogheda kurz vor der Irischen See finden sich an seinem Lauf, ebenso wie die alten Abteien Monasterboice mit den berühmtesten und schönsten Hochkreuzen Irlands, und natürlich die Mellifont Abbey, zu der das große Ganggrab Newgrange sowie die beiden noch älteren Megalithbauten Knowth und Dowth gehören.«

Alle hörten ihr aufmerksam zu, und Nadja fuhr, nunmehr selbst begeistert, fort: »Finn Mac Cumal, Anführer der berühmten Fianna, soll den Lachs des Wissens im Fluss gefangen haben, was den Grundstein seiner künftigen Heldentaten darstellte. Im ausgehenden siebzehnten Jahrhundert fand hier eine fürchterliche Religionsschlacht statt, der protestantische Wilhelm von Oranien gegen den katholischen Jakob den Zweiten, beides Engländer, die jeder für sich Irland als Provinz beanspruchten. Jakob verlor, konnte aber mit den meisten Soldaten fliehen, und so dauerte der zerstörerische Krieg ein weiteres Jahr an. Zahlen mussten die Iren, wie meistens.«

»War Finn ein Elf?«, fragte Pirx dazwischen.

»Das müsst ihr besser wissen als ich.«

»Was meinst du, Grog?«, wandte der Pixie sich an den Älteren.

»Ich kann es nicht sagen«, antwortete der alte Kobold. »Zu den Zeiten damals waren die Grenzen noch weit offen, alles vermischte sich. Schon möglich, dass Finn ein Elf war, aber er gab sich stets als Mensch.«

»Mit Zauberkräften«, wandte Nadja ein.

»Viele verfügten damals über Magie, Nadja, und vieles wurde in den Legenden hinzugedichtet. Wir werden es nicht herausfinden.«

Rian verstand es nicht. »Aber warum denn nicht? Das könnte uns von Nutzen sein! Fragen wir die Iren!« Sie runzelte die Stirn, als Fabio und Nadja grinsten. »Was ist daran so witzig, eine Frage an jemanden zu stellen?«

»Eines Nachts«, begann Fabio, »es war sehr finster, und kein Leuchtturm wies den Weg, strandete ein Schiff an dieser Küste. Es hatte wegen eines Sturms die Orientierung völlig verloren. Die Schiffbrüchigen wussten also nicht, wo sie waren. Der Kapitän ging mit seinem Steuermann an Land und suchte nach einer Straße. An einer Kreuzung trafen sie einen Mann und fragten ihn, wo es zur nächsten größeren Ortschaft ginge. Der Mann deutete wortlos nach links. Der Kapitän ging daraufhin nach rechts. Der Steuermann staunte, sagte aber nichts. Kurz darauf kamen sie an einen Wegstein, der die Grenze einer Stadt markierte, und der Steuermann staunte noch mehr. Dort bei dem Stein stand wiederum ein Mann, der seinen Hund Gassi führte. Der Kapitän fragte ihn, ob die Stadt für hiesige Verhältnisse groß sei. Nö, sagte der Mann. Sie gingen weiter und begegneten einem dritten Mann, der sich gerade die Schnürsenkel band. Der Kapitän fragte ihn, ob man hier auf der Straße sicher vor Räubern sei. Yo, sagte der Mann. Der Kapitän nickte und ging weiter. Nach ein paar Schritten blieb er stehen und bat den Steuermann um ein paar Geldstücke, weil er selbst vergessen habe, die Börse mitzunehmen. Der Steuermann suchte alle Taschen ab und stellte erschrocken fest, dass er bestohlen worden war. ›Das genügt‹, sagte der Kapitän, ›wir können zurück.‹ Er drehte um. Der Steuermann folgte ihm, verlangte aber Aufklärung. Der Kapitän antwortete: ›Wortkarge Leute, die nicht die Wahrheit sagen und prahlen, und die einen schneller bestehlen, als man ausspucken kann – wir sind in Irland, und die Stadt da hinten ist Dublin.‹«

Verblüfftes Schweigen herrschte im Wagen, während Nadja und Fabio Mühe hatten, nicht laut zu lachen.

»Die Iren sind Elfen?«, fragte Pirx schließlich, und da konnte Grog nicht mehr an sich halten. Er lachte, dass sein haariger Bauch wackelte. »Also, was nun?«, hakte der Pixie nach, erhielt aber keine Antwort. Es gab wohl auch keine.

Kurz darauf bog Fabio erneut von der Straße ab, diesmal nach rechts. Er hatte ein B&B-Schild entdeckt, das zur »View Lodge« einlud. Sie fuhren eine einspurige Straße entlang, die immerhin geteert war und zwei Ausweichbuchten aufzuweisen hatte, bis sie auf dem Ende eines Hügels herauskamen, wo malerisch gelegen ein großes Steinhaus sein Fundament gegründet hatte, mit zwei Anbauten für Garage und Landwirtschaft. Links und rechts vom Hof gingen steinumzäunte Weiden ab, auf denen schwarzköpfige Schafe und zumeist braune Pferde friedlich grasten. Es ging auf achtzehn Uhr zu, und das Land zeigte sich von seiner besten Seite: Blauer Himmel hinter schnell abziehenden Wolken, eine rötliche Sonne, die sich auf den Weg in den Westen machte, und weiches, farbintensives Licht, das sich tausendfach in Regentropfen an Zweigen brach. Die Luft war mild und roch nach Ginster, nassem Torf, Rosen und Meer.

»Fast wie daheim«, flüsterte Pirx, als sie ausstiegen – die beiden Kobolde natürlich unsichtbar.

Nadja und Fabio gingen gemeinsam zum Eingang und drückten auf die Klingel. Auf dem Schild daneben stand »O’Sullivan«. Nur wenig später öffnete eine kleine, schlanke Mittfünfzigerin die Tür, die sie freundlich anlächelte und begrüßte: »Wie geht es Ihnen heute, an diesem wunderbaren Abend?«

Fabio schien ein wenig irritiert, aber Nadja kannte dies bereits. »Bestens, bei so einem Wetter«, antwortete sie. »Haben Sie zwei Zimmer für eine Nacht?«

»Nun, Sie haben Glück, ich habe gerade eine Absage bekommen, sonst wäre ich voll belegt gewesen. Zu dieser Jahreszeit ist es besser, zu reservieren.«

»Ach, wir wissen meistens nicht, wo wir heute oder morgen sind«, meinte Nadja leichthin. »Aber hier gefällt es uns so gut … die Aussicht aufs Boyne Valley …«

»Oh ja, wir haben die beste!«, sagte die Frau eifrig und deutete über den Hügel. »Wenn Sie ein Stück nach vorn sehen, können Sie zwischen den Bäumen rechts Newgrange erkennen. Haben Sie das schon besichtigt?«

»Ich, vor Jahren, aber meine Freunde und mein Vater noch nicht, wir wollen es uns morgen ansehen.«

»Also gut, kommen Sie erst einmal herein. Wollen Sie zuerst die Zimmer sehen? Ich gehe voran. Übrigens, ich bin Mrs O’Sullivan. Sagen Sie Anna.«

Nadja folgte ihr. »Ich bin Nadja Oreso, mein Vater Fabio, und meine Freunde David und Rian Bonet.«

»Freut mich! Machen Sie eine Rundreise? Das sollten Sie unbedingt, und sich viel Zeit nehmen, es gibt so viel zu besichtigen. So, sehen Sie hier, die beiden Zimmer. Nummer 5 gleich rechts, und die 9 den Flur runter, links. Die Schlüssel stecken.«

»Was kosten sie?«, fragte Nadja, bevor Fabio etwas sagen konnte, und versetzte ihm einen leichten Stoß, um zu verhindern, dass er zu handeln anfing.

Die Wirtin nannte den Preis, der Nadja völlig angemessen schien. Die Zimmer waren groß, hell und freundlich, mit viel Holz, knalliger Blumentapete, gemütlicher Sitzgelegenheit, eigenem Bad und Vorrichtungen zum Teekochen. Zum Abschluss fragte Mrs O’Sullivan, ob sie ein irisches Frühstück wünschten, und alle sagten begeistert zu.

Dann konnte David sich nicht mehr zurückhalten: »Bitte, gibt es einen Pub hier in der Nähe?«

Mrs O’Sullivan lachte. »Selbstverständlich! Sogar zu Fuß erreichbar, in zehn Minuten. Gehen Sie zurück zur Straße, dann rechts, und an der nächsten Kreuzung gleich wieder rechts. Da ist eine kleine Ortschaft, Boyne Hills heißt es, und der Pub Smoking Cat ist sehr beliebt. Keine Angst, natürlich raucht niemand mehr drin, und das Essen ist gut. Wenn Sie Glück haben, spielen dort heute Abend ein paar Freunde.«

Nadja und Fabio nahmen nach kurzer Diskussion das erste Zimmer, die Zwillinge und die Kobolde das andere. Sie verabredeten sich eine halbe Stunde später und spazierten dann gemeinsam in den Pub, der tatsächlich nicht weit entfernt lag. Wie alle Pubs war das Smoking Cat vollständig mit Holz verkleidet und eingerichtet, mit schummriger Beleuchtung, jeder Menge Bier-Werbeblechschildern an den Wänden, Murphy’s Laws, Dartscheibe, ein paar gerahmte Fotos mit Berühmtheiten und sonstiger Krimskrams, den irgendwann mal jemand einfach hingepinnt hatte. Es ging bereits hoch her, von überall kamen Arbeiter, die schnell ein Pint vor dem Heimweg zu sich nahmen. Dazu ein paar verirrt wirkende, viel zu fein gekleidete Touristen, die solche eher einfachen Pubs abseits der gewohnten Pfade wohl nicht kannten, sowie Ortsansässige, und im Nebenraum eine kleine Gruppe Musiker, die temperamentvoll fiedelten. Sie verliehen den Traditionals oder kurz trads eine rockige Note, was sofort für viel Stimmung sorgte.

»Hi folks, how’s the craic?«, rief der Barmann, als sie nach einem Platz Ausschau hielten. »Was geht ab, Leute?«

Nadja kannte den Ausdruck, und sie antwortete: »Hauptsächlich Bier!«, woraufhin die Arbeiter grölend die Pintgläser hoben. Damit waren sie schon mal willkommen.

»Hier gefällt’s mir«, sagte David grinsend.