Ellens Geschichte - Jim Grimsley - E-Book

Ellens Geschichte E-Book

Jim Grimsley

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Beschreibung

Solange Ellen Tote zurückdenken kann, träumt sie nachts immer wieder, wie ihre Mutter zum nahe gelegenen Fluss geht, hineinwatet und darin untertaucht. Es kommt Ellen so vor, als würde ihre Mutter ertrinken. Warum, so fragt sie sich, geht Mama mitten im Winter zu dem vom Regen angeschwollenen Fluss? Dieses Rätsel beschäftigt Ellen immer noch, selbst jetzt, im Alter. Ihre eigenen Kinder sind mittlerweile erwachsen, ihre beiden Ehemänner und all ihre Geschwister sind inzwischen gestorben. Ellen blickt zurück in ihre Jugendzeit, versucht, die Bruchstücke ihrer Erinnerung zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Was dabei entsteht, ist das Bild einer Kindheit in bitterster Armut, der innere Kampf eines kleinen Mädchens, das angesichts der Bedrohung durch Gewalt innerhalb der Familie, durch Lieblosigkeit, Entwurzelung, Unverständnis und äußere Not ein wenig Würde und Eigenständigkeit zu gewinnen sucht. So entsteht ein schonungslos ehrliches und erschütterndes Bild einer Kindheit, die einen schwachen Menschen unweigerlich zugrunde richten würde. Als sich die Erinnerungsteile endlich zusammenfügen, löst sich für Ellen das Rätsel ihres Traums. Auf dem Weg dorthin entsteht eine bewegende und meisterhaft erzählte Geschichte zwischen Angst und Hoffnung. Von Jim Grimsley außerdem in der Edition diá: Wintervögel ISBN 9783860345115 Das Leben zwischen den Sternen ISBN 9783860345122 Dreamboy ISBN 9783860345139

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Jim GrimsleyEllens Geschichte

Roman

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert

Edition diá

Über dieses Buch

Solange Ellen Tote zurückdenken kann, träumt sie nachts immer wieder, wie ihre Mutter zum nahe gelegenen Fluss geht, hineinwatet und darin untertaucht. Es kommt Ellen so vor, als würde ihre Mutter ertrinken. Warum, so fragt sie sich, geht Mama mitten im Winter zu dem vom Regen angeschwollenen Fluss?

Dieses Rätsel beschäftigt Ellen immer noch, selbst jetzt, im Alter. Ihre eigenen Kinder sind mittlerweile erwachsen, ihre beiden Ehemänner und all ihre Geschwister sind inzwischen gestorben. Ellen blickt zurück in ihre Jugendzeit, versucht, die Bruchstücke ihrer Erinnerung zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Was dabei entsteht, ist das Bild einer Kindheit in bitterster Armut, der innere Kampf eines kleinen Mädchens, das angesichts der Bedrohung durch Gewalt innerhalb der Familie, durch Lieblosigkeit, Entwurzelung, Unverständnis und äußere Not ein wenig Würde und Eigenständigkeit zu gewinnen sucht.

So entsteht ein schonungslos ehrliches und erschütterndes Bild einer Kindheit, die einen schwachen Menschen unweigerlich zugrunde richten würde. Als sich die Erinnerungsteile endlich zusammenfügen, löst sich für Ellen das Rätsel ihres Traums. Auf dem Weg dorthin entsteht eine bewegende und meisterhaft erzählte Geschichte zwischen Angst und Hoffnung.

»Ein Buch, das mit dem Ertrinken einer Person beginnt und mit einem Begräbnis endet, bewegt sich unzweifelhaft auf düsterem Gelände, aber Grimsleys einfühlsame Prosa und die trotzige Widerstandsfähigkeit seiner Protagonistin machen auch diesen Roman zu einem hoch befriedigenden Leseerlebnis.« (Publishers Weekly)

»Hier spricht Amerika mit einer Stimme, die bei uns selten vernommen wird.« (Der Tagesspiegel)

Der Autor

Jim Grimsley, geb. 1955 in Pollocksville, North Carolina, schreibt Prosa und Theater. Seit den 80er-Jahren entstanden zahlreiche Theaterstücke (veröffentlicht im Sammelband »Mr. Universe and Other Plays«, Algonquin Books 1998), seit den 90er-Jahren schrieb er, nach seinem aufsehenerregenden Debüt »Wintervögel«, sechs Romane, zuletzt »Forgiveness« (University of Texas Press 2007) und den Erzählband »Jesus Is Sending You This Message« (Alyson Books, 2008), außerdem drei Fantasyromane (2000–2006). Werke von Grimsley wurden ins Deutsche, Französische, Spanische, Portugiesische, Niederländische, Hebräische und Japanische übersetzt. Zu den zahlreichen Literatur- und Theaterpreisen, die er in den USA und Europa erhielt, gehören vor allem der Lila Wallace/Reader’s Digest Writers Award für sein Gesamtwerk (1997) und der Academy Award in Literature von der American Academy of Arts and Letters (2005). Jim Grimsley lebt seit Langem in Atlanta, Georgia, und unterrichtet Creative Writing an der dortigen Emory University.

Der Übersetzer

Frank Heibert, geb. 1960, übersetzt vor allem aus dem Englischen und Französischen, u. a. Don DeLillo, Richard Ford, Lorrie Moore, Tobias Wolff, Neil Labute und, zusammen mit Hinrich Schmidt-Henkel, Yasmina Reza. 2006 erschien sein erster Roman »Kombizangen«. 2012 erhielt er den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis für sein Gesamtwerk.

Inhalt

Das Haus in Low GroundsDer tote FuchsAm Moss PondWie wir von dem Ungeheuer erfuhrenAlma LauraOnkel CopeVariationen über Onkel CopeCorrineDer SchlangenzahnJoe RobbieWinter in HolbertaMama sagte immerTante AddisNana Roses TräumeEin Mann und seine MamaIn der GegenwartNoraMein Ertrinken

Impressum

Berlin 1993

Für Faye Araiza

Das Haus in Low Grounds

Ich kann mich noch erinnern, wie weiß meine Mutter war, als sie im Fluss versank. Jahre später stehe ich in meiner blitzblanken Küche, als die Erinnerung wiederkehrt. Wir sind irgendwo im Schatten, nicht weit vom Holcomb River, und meine Mutter hat nur ihren weißen Unterrock an, der im Wasser wallt. Sie ist sehr bleich und dick, und das Aufblühen von Rock und Unterhemd lässt sie riesig aussehen. Sie kniet im Fluss, eingetaucht bis zu den Schultern, und wendet ihr Gesicht dem Himmel zu. An ihren Armen schwabbelt das Fett, berührt das dunkle Wasser. Sie holt Atem und schließt den Mund. Sie gleitet fort, von mir, von uns allen.

Ich bin noch nicht alt genug, um zu wissen, wie sehr dieses Bild dem Ertrinken ähnelt. Warum sind wir zum Fluss gegangen, der vom Regen angeschwollen ist, der so wirbelnd und schnell strömt? Der Grund dafür ist mir entfallen; ich weiß nichts mehr. Da ich Schuhe anhabe, muss es Herbst oder Winter sein. Die Welt zeigt sich braun und trocken. Nur wir Töchter haben unsere Mutter hierherbegleitet; meine ältere Schwester Nora steht bei mir, aber keiner meiner Brüder ist uns gefolgt. Warum nicht?

Mama taucht keuchend aus dem Fluss auf, schleudert sich das Wasser aus den Haaren. Ihr Atem steigt in Schwaden auf. Die Überraschung über ihr freizügiges Verhalten hallt noch Jahre später in mir nach. Ihre großen, flachen Brüste wogen, das vergilbte Unterhemd klebt an dem hochwallenden Fleisch. Sie sagt etwas, ich weiß nicht mehr was, es hat mit der Kälte zu tun. Aber sie richtet ihre Worte nicht an mich, sondern an die Luft über mir. Jemand anders steht hinter mir, ich weiß nicht mehr wer. Wie kann eine so lebhafte Erinnerung so unvollkommen sein?

In der Gegenwart stehe ich in meiner Küche, bei eingeschaltetem Licht. Ich bin allein in meinem Haus, aber alles um mich her erscheint mir ganz seltsam. Alle Gegenstände haben eine schillernde Patina. Ich sehe einen Fluss zu meinen Füßen, als ob er dort tatsächlich dunkel rauschte; mir ist klar, dass das so ist, weil ich alt bin und all die Flüsse meiner Erinnerung zum Meer strömen, unaufhaltsam. Mir ist klar, dass ich dazu neige, mich an die albernsten Dinge zu erinnern, genau wie Nana Rose, als sie starb. Ich bin so alt geworden, dass mir eine Erinnerung ebenso wirklich vorkommt wie die Wirklichkeit.

Mama kehrt ans Ufer zurück. Sie ragt über mir auf, zitternd und tropfend, und ich sehe die Umrisse ihres schweren Bauchs, ihre quellenden Schenkel. Ausdruckslos wie eine Kuh schaut sie zu mir herunter. Ich liebe sie so sehr, dass mir alles wehtut. Das Gefühl kommt wieder, lebhaft, es durchläuft mich wie ein elektrischer Schlag. Sie hebt mich hoch, ihre Arme sind stark, aber weich; ich schmiege mich fest an sie. Ich wiege weniger als die nasse Unterwäsche.

Sie hält mich beinahe auf Höhe ihres Gesichts. Ihre Augen sind blau und leer. Sie setzt mich abrupt auf die Erde, weiß nicht mehr, warum sie mich überhaupt hochgehoben hat. Der nasse Stoff der Wäsche flattert, als sie uns alle stehen lässt.

Ich habe diese einfachen Bilder wieder und wieder gesehen, in der Erinnerung und in Träumen, und ich werde sie immer sehen. Wir sind zum Fluss gegangen, Nora und Mama und ich – Ellen –, und Mama trägt nichts als ihre Unterwäsche. Wir stehen in der Kälte, während Mama unter den Bäumen schluchzt.

Wir wohnten in Low Grounds in einem Haus mit Kamin, Holzofen und einem Brunnen draußen, wo Nora unser Wasser pumpte. Wir hatten ein Bett in der Küche stehen, für Onkel Cope. Wir hatten Kerosinlampen fürs Licht und draußen einen Abort zum Scheißen. Mein Daddy war Farmer, er hatte dieses Land gepachtet. Er war zweiunddreißig, wie meine Mutter.

Ich war hungrig, schaute ins Feuer und wünschte, ich hätte etwas zu essen. Bald würde es Brötchen aus Wasserteig geben, sie buken schon in der Pfanne, ich konnte sie riechen, aber ich aß nie schnell genug, um meinen Magen zu füllen, und später waren nie welche übrig. Also kuschelte ich mich in Mamas Schoß und schaute ins Feuer und spürte die hohle Faust in meinem Bauch.

Der Duft der Brötchen erfüllte das Haus und zog meine Brüder an, Carl Jr., Otis und Joe Robbie, die wie Hunde an der Wand entlangschlichen. Auch Daddy wurde davon wach, schlurfte aus dem Schlafzimmer und zog dabei ein Flanellhemd über seine dünnen Schultern.

Er löffelte Zucker in seinen Kaffee und sagte nichts. Wenn es nichts als Brötchen zu essen gab, starrte er die Tischplatte an. Er kaute Brötchen, als stünde er auf der Weide.

Ich bekam ein halbes Brötchen ab. Das Gefühl von warmem Brot im Bauch machte mich glücklich, und ich durfte auf Mamas Schoß essen. Alle aßen. Wir drängten uns beim Feuer. Keiner sagte ein Wort.

Ich schlief mit Nora in einem Bett. Es stand im selben Zimmer wie das Bett der Jungen, nur am anderen Ende. Nachts zog mich Nora an sich wie einen warmen Ziegel, und wir atmeten friedlich, während unsere Brüder schnarchten.

Früh am Morgen weckte Mama Nora immer, indem sie sie unter der Decke an den Füßen zog, und Nora schlüpfte mit einem Brummen hinaus, ihr war klar, dass sie besser nicht trödelte. Mama schwebte als ein mächtiger runder Schatten am Fußende des Bettes. Im Licht der Kerosinlaterne, die sie dabeihatte, konnte ich sehen, wie weich ihre Augen waren. »Steh schon auf, los.«

Ich verließ zusammen mit Nora das Bett. Der Boden schlug kalt gegen meine Fußsohlen, das tat mir weh. Ich zog mir in der Kälte Kleider über, während Mama mit ihrer Laterne auf die Tür zusegelte.

Nora hatte sich schon angezogen und stolperte hinter ihr her.

Wir zündeten ein Feuer im Küchenherd an, dann ein weiteres im Kamin im Nebenraum, wo Daddy sitzen würde, um seinen Kaffee zu trinken und seine Maisgrütze zu essen. Die Feuer mussten brennen, bevor Daddy aufstand. Mama und Nora schlichen in die Küche, um dort im Ofen einzuheizen, denn Onkel Cope schlief in der Küche, und sie hatten Angst vor ihm. Sie hörten ihn im Dunkeln atmen, während sie mit dem Holz hantierten. Sobald das Feuer brannte, begann Nora, Brötchen zu backen. Sie schöpfte Wasser, das sie am Vorabend gepumpt hatte, und löffelte Schmalz aus der Büchse. Sie dosierte nach Augenmaß und knetete den weißen Teig sorgfältig. Sie fröstelte in der kalten Küche, der Wärmekreis des Feuers breitete sich erst allmählich aus. Sie stand am Herd und wärmte sich, während er in Gang kam.

Sie kochte Kaffee. Sie setzte das Wasser für die Grütze auf. Sie legte Holz aus der Holzkiste nach. Ich stand beim Herd an der Wand und sah ihr zu. Ich holte und schleppte, was immer mir aufgetragen wurde.

Damals, als er bei uns wohnte, stand Onkel Cope immer auf und humpelte auf Krücken durchs Haus, sobald Nora das Feuer im Ofen entzündet hatte. Von den Männern wachte er als Erster auf. Mama und Nora hatten mir immer wieder eingeschärft, nicht mit ihm allein zu bleiben, also achtete ich darauf. Wenn er in ein Zimmer kam, wo ich allein war, ging ich hinaus. Schon am Morgen roch er nach Whiskey, und er rasierte sich nie; er knöpfte seine Hemden falsch, und sein Bauch hing über den Gürtel. Seine Zähne waren bläulich und schartig. Ich mochte ihn nicht. Vor langer Zeit hatte sich Onkel Cope das Bein gebrochen, es zersplitterte, als er betrunken von einem Truck herunterfiel, sagte Mama. Er wohnte einen Teil der Zeit bei Daddy, weil Daddy sein Bruder war.

Wenn sich der Himmel aufhellte und der Kaffee langsam kochte, machte sich Mama zu den Schlafzimmern auf, um Carl Jr. und Daddy zu wecken. Die Brötchen buken jetzt in der Pfanne, und die Grütze blubberte im Topf. Daddys Rasierschüssel wartete auf das Wasser, das wir auf dem Herd heiß machten. Nora gab mir etwas Teig, als Mama draußen war. Ich aß ihn gierig, roh. Kaum Morgen, und ich hatte schon wieder Hunger.

Carl Jr. stolperte aus dem Schlafzimmer, zog dabei seine Hosen hoch. Die restlichen Kleider hatte er in der Hand und ließ sie beim Kamin auf den Boden fallen, wo er bibbernd und händereibend stehen blieb. Hastig zog er ein Unterhemd an und knöpfte ein weiteres darüber.

Er wusch sich das Gesicht und gab acht, nicht mehr von dem heißen Wasser zu verbrauchen, als Daddy abzugeben bereit war. Um seinen Bart musste sich Carl Jr. eigentlich nicht jeden Tag kümmern, aber er rieb sich über den Hals, als wünschte er sich stärkeren Wuchs. Diese Bewegung und der flusige blonde Bart sollten ihm bis in sein Mannesalter bleiben.

Daddy schlüpfte aus dem hinteren Teil des Hauses herein, dünn und scharf wie eine Klinge. Sein kleiner, runder Kopf glänzte, sein Haar wurde oben schütter, flusig wie Carls Bart. Der trug die Rasierschüssel weg und leerte sie, während Daddy sich ans Feuer stellte. Er fingerte an den Knöpfen seiner Latzhose herum, kniete sich hin und band seine Schuhe zu. Carl Jr. kam mit der Schüssel, und Nora füllte sie wieder. Das heiße Wasser am Morgen machte Daddy zufrieden, und die Minuten vergingen in Ruhe.

Seltsam, an welche Einzelheiten sich ein Mensch erinnert, unter all denen, die vergessen sind oder gar nicht erst auffallen. Ich sehe die rot karierte Wachsdecke noch vor mir, die wir hatten, als ich ganz klein war, übersät mit dunklen Löchern von brennenden Zigaretten. Daddy rollte seine Zigaretten immer am Tisch und rauchte sie auch da. Was macht diese Erinnerung so besonders? Die Wachsdecke wurde irgendwann weggeworfen, als sie fast nur noch aus Löchern bestand, und wir bekamen nie eine neue. Aber ich weiß noch, wie ich auf einem Stuhl knie und mit der Hand über die fettige Oberfläche streiche, die hellen Karos zähle, meine Finger durch die Brandlöcher stecke.

Was entgeht meiner Aufmerksamkeit? Was vergesse ich jedes Mal? Warum dieser bestimmte Morgen?

Mama kam aus dem hinteren Teil des Hauses. Sie hatte Strümpfe angezogen und bewegte sich in ihrem Schlurfgang mit weit gespreizten Knien voran. In der Küche rührte sie vier Löffel Zucker in eine Tasse heißen, starken Kaffee. An diesem Morgen brachte sie Daddy seinen Kaffee persönlich.

Er nahm die Tasse und trank. Zufriedenheit breitete sich auf seinen Zügen aus. Das Feuer wärmte ihn ausreichend, und ihm war behaglich.

Draußen vor den Fenstern stieg die Morgenröte am Himmel auf, ein kräftiges Licht hinter den Kiefern. Ich stand am Fenster, neben dem Herd, neben Noras Rock. Umrisse tauchten in der trüben Außenwelt auf und wurden zum Hühnerhaus, dem Werkzeugschuppen, dem Abort. Tabakscheunen standen schief in der Ferne. Morgens hing ein fahler Dunst im Garten, zwischen den Bäumen. Der Himmel leuchtete in allen Farben des Regenbogens, aber vor allem loderte er wie Feuer, besonders an den oberen Wolkenrändern.

Mir war kalt, aber ich blieb dem Kamin fern. Ich würde mich wärmen, wenn Daddy weg war.

»Geh und zieh dir Strümpfe an, Ellen«, flüsterte Nora, »du holst dir noch Lungenzündung«, und ich nickte und lief schnell ins kalte Schlafzimmer. Keiner von uns wusste, was Lungenzündung war, aber wir waren uns einig, dass es schlimm wäre, sie sich zu holen.

Die Jungen in unserem Zimmer schliefen noch. Ich ging auf Zehenspitzen, damit nur ein bisschen Fuß den kalten Boden berührte. Mama würde Otis bald wecken, denn er musste sich für die Schule fertig machen. Joe Robbie würde so lang im Bett bleiben, wie er wollte, und Mama würde ihm später ein Brötchen und etwas süßen Kaffee bringen, sobald alle anderen das Haus verlassen hatten. Aber jetzt war der Raum noch dunkel, und ich tastete mich zwischen den Schatten hindurch. Ich schnappte mir die Strümpfe und kehrte in die Küche zurück. Im Dunkeln gab es Gespenster, und wenn man trödelte, kriegten sie einen.

In der Küche zog ich mir am Herd die Strümpfe über, auf einem Bein hüpfend, damit ich mich nicht auf den Boden setzen musste. Nora lächelte mich von der Seite an. Carl Jr. ging mit seinem Kaffee zu Daddy, und sie tranken ihn zusammen am Kamin, in den beiden Sesseln. Nora stellte ihnen Brötchen hin. Wir hatten Sirup da, und heute goss sich Daddy etwas über eins der Brötchen, um in Gang zu kommen, wie er sagte, und Mama lachte. Sie brachte ihm den Sirup, der auf dem obersten Regal aufbewahrt wurde, außer Reichweite für uns Kleine, als wäre er etwas Heiliges. Der Sirup quoll in dünnen, sich verzweigenden Rinnsalen über das Brötchen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Daddy lächelte und entblößte dabei die Lücke, wo ihm ein Zahn fehlte.

Die Sommerbräune seines Gesichts war verblasst. Seine Stirn war tief zerfurcht von langen Tagen in Wind und Wetter. Er war dünn wie ein Stecken, aber stark wie Draht. Seine Hände und Füße waren in meinen Augen riesig. Mit den Füßen konnte er genauso blitzschnell und unerwartet treten wie mit den Händen zuschlagen, und selbst Carl Jr. wusste sich nicht gegen Daddys Tritte und Tricks zu wehren. Was man angestellt hatte, konnte ebenso gut schlimm wie geringfügig sein; manchmal genügte schon der Umstand, dass man sich zu langsam durch seine Trittreichweite bewegte. Ich blieb auf dem Sprung, wenn Daddy in der Nähe war, ich hatte gelernt, mich mit dem Rücken an der Wand zu halten.

Carl Jr. ging zur Arbeit, wenn der Wagen kam. Ich wusste nicht, wann oder warum er eintraf, nur dass es so war. Ein dunkler Pick-up mit runder Kühlerhaube und Holzgeländer um die Ladefläche fuhr am Straßengraben vor und hupte. Carl Jr. sprang hinten auf, und der Wagen verschwand hinter der Kurve der abschüssigen Straße.

Nicht lange danach stolperte Otis durch die Küche, abmarschbereit, um mit Nora die halbe Meile bis zu der Stelle zu gehen, wo der Schulbus hielt. Ihr Mantel war an den Schultern allmählich eng geworden. Otis trug einen alten Mantel von Carl Jr., der ihm etwas zu groß war, aber ihm schien wärmer zu sein als Nora.

Als sie weg waren, wurde das Haus still.

Daddy saß zu Hause in der Küche oder werkelte im Garten herum. Die meiste Zeit verbrachte er im Schuppen. Später erfuhr ich, dass dort sein Schnaps stand. Manchmal quälte sich Onkel Cope auf seinen Krücken durch den Garten, um sich zu Daddy auf eine Kiste im Schuppen zu setzen, die Arme um die Knie geschlungen. Wir konnten sie lachen hören.

Mama musterte die Hütte mit ihren milchigen Augen.

Im Winter spielten Joe Robbie und ich beim Kamin oder in der Küche oder, im schlimmsten Fall, in einem der kalten Schlafzimmer. Joe Robbies Beine trugen ihn nicht, aber warum, das verstand ich nicht. Ich schaute ihn nie gern an, wegen der Art, wie er sich bewegte, aber er konnte schon richtig spaßig sein, wenn er sich mal hinsetzte.

Daddy arbeitete nicht auf der Farm. Er weigerte sich, mit den Holzfällern loszuziehen und richtig Geld zu verdienen. Wir aßen die Hälfte der Woche Brötchen und fette Schwarte, bis Freitag, dann gab es manchmal Geld. Das bedeutete: Fleisch mit Bohnen und vielleicht Reis. Daddy hatte sich mit dem Mann gestritten, dem das Land gehörte, wegen Geld. Ich wusste davon. Aber das sagte mir wenig, anders als Mamas Träume von dem toten Baby, einem Jungen.

Wir wurden in der Nacht davor wach, weil Mama so stöhnte. Vielleicht erinnere ich mich deshalb noch daran. Sie schlurfte schreiend in die Diele, und Daddy rannte hinter ihr her und brüllte sie an. Ich hatte bis dahin noch nie Angst in Daddys Stimme gehört. Mama schrie, dass sie wieder den Geist des toten Babys gesehen hätte, der sie nicht in Ruhe lassen wollte. Und sie heulte und schrie, bis Daddy sie schlug, damit sie ruhig war, und sie dann ganz erschöpft wieder ins Bett brachte.

An jenem Tag, als Nora und Otis in der Schule waren, erzählte mir Mama von den Träumen. Der kleine Junge lag unter dem Haus und weinte. Zuerst hörte es sich an wie eine Katze, aber dann merkte sie, dass er an den Bodendielen kratzte, und sie wusste, er versuchte, ins Haus hereinzukommen, um sich aufzuwärmen. Sie erzählte mir das, während sie am Fenster stand und den Schuppen anstarrte, sie wünschte, sie könnte durch die Wände hindurchsehen.

Sie erzählte mir, sie hätte den Geist des Babys schon einmal gesehen, wie er über ihrem Bett in der Luft schwebte. Nach ihrer Beschreibung hatte ein Engel das Baby in Windeln gewickelt.

Meistens aßen wir zu Mittag Brötchen. Da hatten wir es besser als diejenigen unserer Geschwister, die zur Schule gingen. Die bekamen nichts zu essen mit und hatten nicht viel zu erwarten, wenn sie nach Hause kamen. Nachmittags kochte Mama Bohnen, wenn wir Bohnen hatten. Wenn wir eine Zwiebel hatten, schnitt sie sie in die Bohnen. Wenn sie es geschafft hatte, einen Klecks Baconfett vom Wochenende aufzuheben (falls es Bacon gegeben hatte), tat sie auch das in den Topf. An Fleisch aßen wir Rückenspeck, Pökelfleisch, Schweinshaxe, wenn wir welche bekamen, aus dem kleinen Laden oder von einer Tante oder einem Onkel. Mama aß manchmal Schmalz zum Brötchen, manchmal Sirup. Tagsüber sammelte sie Feuerholz, während wir draußen herumrannten. Sie ließ sich dabei Zeit, und manchmal brauchte sie den größten Teil des Nachmittags, um genug zusammenzubekommen. Ich war noch zu klein, um Holz zu tragen, aber ich hatte die Aufgabe, auf Joe Robbie aufzupassen und ihm zu bringen, was er brauchte. Selbst in meinen frühesten Erinnerungen sorge ich für ihn.

Daddy schlenderte herein und hinaus. Er spielte mit dem Eselsgeschirr herum, tat so, als reparierte er es. Er ging aufs Feld hinaus, seinen Strohhut in der Hand.

Wir schuldeten dem Landbesitzer Geld. Mama sagte das gern, zu mir und Joe Robbie. Wir schuldeten Mr James so viel Geld, sagte sie, dass er uns verjagen würde. Daddy weigerte sich, eine andere Arbeit zu tun. Durchs Fenster betrachtete sie Daddys Spinnenfigur auf dem Feld. Er will nicht arbeiten gehen, um seinen Kopf zu retten oder meinen, sagte sie. Seinen Kopf oder meinen. Sie neigte dazu, Worte zu wiederholen, als wäre sie ihr eigenes Echo. Ihre Sätze versickerten, als wären die Worte dünn und verebbten bald.

Der tote Fuchs

Daddy stand vor dem Weihnachtsbaum und blinzelte, als wüsste er nicht, was das sein sollte. Das Feuer fauchte hinter ihm. Sein Schatten umschloss die Flammen, die Arme hielt er auf dem Rücken.

Er hatte einen Tabakpriem im Mund. Gleich würde er spucken. Aber noch kaute er wie eine Kuh, mit rollenden Kieferbewegungen. Verträumten Augen.

Ich stand neben Nora. Carl Jr. hockte zwischen Daddy und uns am Feuer. Nora und ich hielten uns am Rand der Wärme.

Daddy spuckte ins Feuer, dass die Glut zischte. »Deine Mama wollte also einen Scheißbaum.«

Carl Jr. rollte eine Zigarette auf dem Boden. »Ist doch nichts Schlimmes an einem Baum, Daddy. Die Kleinen hatten noch nie einen.«

»Sie beschämt mich.«

»Nein, Daddy, das stimmt nicht.«

Nach langem Schweigen, angesichts von Daddys leerem Starren, fluchte Carl Jr. halblaut und ging aus dem Haus. Von der Hintertür kam es eiskalt herein. Nora zog mich in die Küche, tief ins Dunkel.

»Sie muss es mir unter die Nase reiben. Ich weiß genau, was sie vorhat.«

Hat er da den Fuchs schon getötet? Oder liegt diese Szene davor? Geht er jagen, nachdem Carl Jr. den Baum abgesägt hat?

Die Erinnerung setzt sich aus so vielen Teilchen zusammen. Braucht keinen zu wundern, wenn ich sie nicht in die richtige Reihenfolge bekomme.

Ich sollte mir eine Puppe wünschen. Wo diese Idee herkam, weiß ich nicht mehr. Aber der Wunsch nach einer Puppe wurde irgendwann zu einer Bedingung für mein Dasein, und wir redeten darüber, wenn wir den eselsohrigen, zwei Jahre alten Weihnachtskatalog anschauten, den uns jemand geschenkt hatte. Nora zeigte auf die Puppenseiten. »Guckt mal, wie Ellen die anschaut. Du willst bestimmt so eine Puppe haben, stimmt’s, Kleines?« Sie zwickte mich in den Ellbogen, als wäre das besonders schlau, meinen Wunsch erraten zu haben.

Ich starrte die Seite an und versuchte herauszufinden, was die Puppen waren, dann riet ich einfach und zeigte drauf.

Ich wollte den Katalog, die leuchtenden, bunten Seiten. Ich wollte ihn im Schoß halten und darin blättern. Ich wollte die ganzen Bilder anfassen, wie ein Blinder, der jeden Gegenstand durch Berührung kennenlernt. Der Katalog reichte mir schon, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Aber Nora redete von einer Puppe, Nora zeigte mit dem Finger auf das Bild einer Puppe, und bald war auch ich davon überzeugt, dass ich unbedingt eine haben musste.

Joe Robbie wollte eine Cowboypistole haben. Heute frage ich mich, ob sein Wunsch ihm genauso eingeflüstert worden war wie meiner. Ich glaube, es hätte ihm genau wie mir ganz einfach gefallen, den Katalog zu haben, ihn anzuschauen. Aber den behielt Nora für sich.

Das tote Baby schlief unter dem Weihnachtsbaum. Sein Bett aus Windeln lag versteckt hinter den dicken Ästen auf der Rückseite, aber wenn man genau hinschaute, konnte man es sehen. Manchmal streckte sich die blasse Babyhand durch die schattigen Zedernäste. Der kleine Junge lebte jetzt in diesem Haus, und er würde nie fortgehen. Vielleicht hat mir Mama das zugeflüstert, vielleicht habe ich es auch geträumt. Das Baby war endgültig zu uns gekommen.

Mama sah es immer noch, doch nach einer Weile hörte sie auf, darüber zu reden, außer zu Joe Robbie und mir. Sie wachte nachts nicht mehr auf und sah das schwebende Baby über dem Bett. Sie hörte es nicht mehr in ihren Träumen weinen. Jetzt sah sie den Kleinen in viel alltäglicheren Momenten. Manchmal lag er in einem Rechteck aus Sonnenlicht auf dem Sofa und streckte sich wie eine Katze. Manchmal schaute er von den oberen Regalen in der Küche, wo sie Daddys Kaffee und Zucker hortete, auf sie herunter. Manchmal versteckte er sich unter dem Bett oder hinten im Wandschrank hinter Daddys Stiefeln. Aber während der Weihnachtstage machte er sich auf der Rückseite des Weihnachtsbaums ein Bett aus seinem Totenkleid, und ich war so überzeugt von der Wahrheit ihrer Geschichte, dass auch ich ihn dort sehen konnte.

Wovon träumte der tote Junge? Wurde ihm je kalt? Wärmte er sich nachts, wenn wir schliefen, im Schatten des Feuers? Erschien er je draußen? Würde er je sprechen?

War er noch mein Bruder? War er gleichzeitig hier und unter der Erde?

Falls Daddy den Weihnachtsbaum in den Garten warf, musste das tote Baby wieder umziehen. Ich hatte Angst, es würde dann in meinem Zimmer schlafen wollen.

Als wegen der Ferien keine Schule mehr war, blieben Nora und Otis die ganze Zeit zu Hause. Während der kalten Tage vor Weihnachten saßen wir alle hungrig am Herd in der Küche, während der Wind an den Fensterscheiben rüttelte.

Nora nahm mich zum Holzsammeln mit. Einen solchen Tag habe ich noch lebhaft in Erinnerung. Alle Mäntel, sogar die aufgetragenen, hingen wie Säcke an mir, aber ich hatte meine beiden Latzhosen und mein Kleid an, dazu zwei Pullover, einen mit aufgekrempelten Ärmeln. Meine Hände steckten in Socken. Und ich hatte Otis’ alten Hut auf dem Kopf.

Der Wind fegte durch den Garten, schneidend wie ein Messer, und ich hatte Angst, er würde mich von der Veranda pusten. Nora gab mir die Hand. Wir hielten den Mund geschlossen. Ihr Mantel war zu eng, um ihn zuzumachen, deshalb hielt sie ihn mit der anderen Hand zu. Wir stapften dicht nebeneinander durch den Wind. Die stetigen Hiebe von Otis’ Axt erschollen hinter uns, er spaltete Brennholz für Kamin und Herd.

Die Welt erstreckte sich flach und weit, farbige Asche und Ton. Der Himmel, blassblau, fast farblos, wölbte sich endlos und leer über uns. Felder wichen einem Saum aus kahlen Bäumen. Der Wind sprach mit einer Stimme, schob wie eine Hand. Wir gaben keinen Laut von uns, nur nicht wetteifern.

Schon im Garten ließ Nora meine Hand los und zog sich das Kopftuch an den Ohren zurecht. Systematisch durchkämmten wir den Wald in der Nähe des Hauses, und Nora ließ die Stellen aus, die sie schon abgegrast hatte. Ich trug das Kleinholz. Ein paar gute Äste waren bei dem Wind abgefallen; wir mussten zum Holzsammeln nur ein kurzes Stück in den Wald hinein. Nora zerrte hinter sich her, so viel sie schaffte, je größer, desto besser. Wir lieferten das Holz bei Otis am Schuppen ab und überquerten die Felder für die nächste Ladung.

Bis wir die zusammenhatten, waren wir schon fast erfroren und kehrten schnell ins Haus zurück.

Bohnen kochten auf dem Herd. Von dem Geruch wurde mir ganz flau im Magen. Nora kostete kurz und warf etwas Salz hinein. Wir standen zitternd vor dem Herd.

Mit dem Holzsammeln hatten wir bis zum Dunkelwerden zu tun. Der Wetteransager in Carls Batterieradio sagte eine sehr kalte Nacht voraus; wir brauchten genug Holz, damit das Feuer weiter loderte. Am Himmel schichteten sich die Wolken übereinander, dann wurde ihre Unterseite flacher.

Carl Jr. kam mit einer Tüte voller Einkäufe nach Hause.

Ich stand mit Nora im Garten, als er auf uns zukam, kurz vor Sonnenuntergang. Die Tüte ruhte in seiner Armbeuge. Nora nahm die Lebensmittel ins Haus, und Carl Jr. blieb draußen, um Otis mit dem Holz zu helfen.

Zum Abendessen gab es, dank Carl Jr., Hinterschinken zu den Bohnen, magere und fette Würfel für besseren Geschmack, und gebratenen Rückenspeck. Wir drängten uns um den Tisch. Nora buk frische Brötchen, weich und braun und innen locker.

An diesem Abend stellten wir Lichter um den Weihnachtsbaum und setzten uns vor den Kamin. Das hatten wir noch nie gemacht, und deshalb glaube ich, es ist wirklich eine Erinnerung an den Heiligen Abend. So viele Lichter hatten wir noch nie brennen. Der Baum warf gruselige Schatten ins Dunkel.

Ich behielt die Ecke im Auge, falls der Kleine sich zeigte. Ich fürchtete, nur Mama und ich würden ihn sehen können. Mama saß in ihrem Sessel, mit Joe Robbie auf dem Schoß, dessen schlaffe Beine herunterbaumelten. Sie strich ihm übers Haar.

Ich erinnere mich, ich schaue zurück. Ich versuche alles deutlicher zu erkennen, aber ich weiß nicht einmal, ob das, was ich sehe, wirklich stimmt. Wie kann die Erinnerung an eine so kleine Bewegung wahr sein? Die Bewegung der dicken, plumpen Hand meiner Mutter durch Joe Robbies Haar wiederholt sich. Warum habe ich das behalten?

Vielleicht aus Eifersucht, weil ich selbst auf ihrem Schoß sitzen wollte.

Im Radio lief Weihnachtsmusik, Nachrichten von woanders, ein Hörspiel über Weihnachten. Ich habe keine Einzelheiten davon in Erinnerung, nur dass das Radio in dem schummrigen Raum spielte. Carl Jr. hatte es neben sich auf den Boden gestellt und drehte an der Antenne herum, wenn der Empfang schlechter wurde.

Daddy kam durch die Hintertür herein, er brachte die Kälte mit und einen toten Fuchs, den er auf den Küchentisch klatschte. Daddys scharfer Blick streifte mich. Einen Augenblick lang wurde mir eiskalt. Ich stand am Tisch, auf Augenhöhe mit dem toten Fuchs. Eine rosa Zunge hing aus seinem Maul. Das graubraune Fell lag flach auf seinen Rippen. Aus dem Loch in seinem Schädel quoll ein dunkler Gallert.

»Da kannst du das nicht lassen«, sagte Mama.

»Ich lege ihn in das hintere Zimmer, da ist es kalt.« Daddy kniff seine Augen zusammen.

»Bist den ganzen Tag draußen gewesen, und das hast du erlegt.«

»Sonst war nichts zu schießen da.«

Mama zupfte an einem Bein des Fuchses. »Du hast getrunken. Ich weiß es.«

»Gar nicht.«

»Ich kann es riechen.«

»Ist mir doch scheißegal, was du riechen kannst.«

Sie verstummten. Sie betrachteten beide den Fuchs.

»Und was willst du damit?«

»Ich könnte ihn ausstopfen.«

Mama berührte mit dem Zeigefinger eine Pfote. So stand sie in dem flackernden Kerzenlicht da. Ihr Mund kaute an Worten. »Na, dann tu ihn vom Tisch runter, damit ich dir dein Abendessen hinstellen kann. Carl Jr. hat was eingekauft.«

»Ach ja?«

»Ja, hat er. Wir hatten ein richtig gutes Essen, stimmt’s, Kinder?«

Darauf folgte zustimmendes Gemurmel. Carl Jr., mürrisch und stumm, hielt sich im Hintergrund, am Kamin. Er drehte am Senderknopf des Radios, stellte es lauter.

»Du solltest dir mal den Fuchs anschauen, den ich geschossen habe.« Daddy erhob die Stimme ein wenig, eindeutig an Carls Adresse.

»Hab gerade keine Lust, mir ’n totes Tier anzugucken, das ich nicht essen kann.«

»Du kleiner Scheißer. Komm sofort her und nimm den Fuchs und tu ihn in das hintere Zimmer. Und mach das Fenster auf, damit es da auch kalt bleibt.«

Nach einer Weile stand Carl Jr. auf, streckte seine Beine, kam um die Ecke, packte den Fuchs an den Hinterbeinen und musterte Daddy über den Tisch. »Wär’s mal bloß ein Kaninchen.« Er schlenderte gemächlich in den hinteren Teil des Hauses, und der tote Fuchs schaukelte hin und her.

Daddy aß sein Essen gründlich, kaute das magere Schweinefleisch mit Genuss, häufte Bohnen auf seinen Teller und tunkte die Bohnenbrühe mit Brötchen auf. Er trank ein Glas hellen Whiskey, schmatzte vernehmlich und schüttelte den Kopf. Mama kochte ihm Kaffee, und er löffelte haufenweise Zucker hinein.

»Heute kommt der Weuhnachtsmann«, sang er. Er zog eine Lampe zu sich her und holte seine Prinz-Edward-Tabaksdose aus der Tasche.

Mir fiel ein, dass ich mir doch eine Puppe wünschen sollte.

»Psst, mach den Kindern keine Hoffnungen.«

»Wenn der Weuhnachtsmann nicht kommt, heißt das, sie waren nicht brav.«

»Nora, komm mit und mach Wasser heiß für das Geschirr.« Mama stampfte wütend hinaus. Joe Robbie, der auf einem Kissen beim Kamin saß, fragte: »Bringt der Weihnachtsmann mir ein Spielzeug?«

»Der Weuhnachtsmann bringt keinem hier irgendwas«, sagte Daddy. »Der weiß nicht, wie er dieses Haus finden soll.«

Mama schlug die Tür hinter sich zu. Der Baum erzitterte. Ich glitt zu Joe Robbie, lehnte mich an seine hagere Schulter. Diesmal schlug er nicht nach mir und zwickte mich auch nicht. Wir schwelgten in der Wärme des Feuers, mussten uns nicht mit den Größeren um einen Platz streiten. Das Knistern und Fauchen des brennenden Holzes hatte etwas Tröstliches.

Draußen heulte ein Hund, eine Eule rief. Wir zogen die Vorhänge zu, wie jede Nacht. Wir hatten Angst, dass Fremde hereinspähen könnten, Vagabunden von der Landstraße. Wir hatten Angst vor dem Ungeheuer, das im Wald rings um den See, dem Moss Pond, lebte und nachts zwischen den Häusern herumstreunte, jedenfalls in den Geschichten, die wir gehört hatten. Die Vorhänge ließen in der Mitte eine Lücke, breit genug für ein Auge.

»Gute Bohnen sind das. Hast du die gekocht?«

Nora hatte frisches Wasser gepumpt und schleppte den Eimer durch die Küchentür. »Jawohl, Sir.«

»Deine Mama kann nicht kochen.«

»Otis, hol am besten noch einen Eimer Wasser und bring ihn herein. Der Brunnen wird heute Nacht zufrieren.«

»Ich will da nicht raus.«

»Schaff dich sofort da hin, wie deine Schwester dir gesagt hat.«

»Muss ich jetzt gleich?«

»Ja, du musst jetzt gleich. Also los, geh schon.« Die zunehmende Schärfe von Daddys Tonfall riss Otis aus seiner Starre. Er rammte seine Arme in die Ärmel seines Mantels.

»Mach ihn zweimal voll«, sagte Nora. »Vielleicht gibt’s morgen kein Wasser.«

»Ich geh da nicht zweimal raus.«

»Und ob, Otis. Ich kann das nicht alles alleine machen.«

»Ich habe den ganzen Tag das verdammte Holz gehackt, bis ich Blasen hatte. Ich seh nicht ein, warum ich immer alles machen muss.«

Aber Daddy sagte: »Schaff dich endlich da hin, sag ich dir.« Otis stampfte nach draußen, und die Fliegentür klatschte schallend zu.

»Ich muss dem Bengel mal den Arsch versohlen«, sagte Daddy nachdenklich und träufelte den Rest seines Kaffees auf ein Brötchen. »Gib mir noch Kaffee.«

Nora schenkte ihm ein. Im Radio lief ein Lied, das ich kannte, ich hörte mich halblaut mitsingen. Daddy rollte sich eine Zigarette und rauchte sie. Er schnippte die Asche auf den Brötchenteller. Der Kaffee dampfte.

Mama ging ins Bett. Niemand fragte, wo sie war. Jeder wusste es.

Manchmal, meistens blieb Daddy noch vor dem Feuer sitzen, und er und Carl Jr. tranken Whiskey oder Fusel, rauchten und hörten Radio. Manchmal ging Daddy auch zu Mama hinein.

Heute Nacht stand er eine Weile vor dem Feuer. Nora kümmerte sich darum, dass es gut brannte, legte im richtigen Maß Scheite nach, achtete darauf, dass uns das Holz nicht ausging. Carl Jr. kam mit einem letzten Eimer Wasser vorbei. »Brunnen ist schon am Zufrieren, genau wie Nora gesagt hat.«

Nora stellte die Wasserschüssel neben den Ofen, damit das Wasser darin nicht gefror. Sie schürte das Feuer noch einmal, bevor wir schlafen gingen, und ließ es langsam über Nacht verglimmen. Sie und ich würden heute Nacht in diesem Zimmer schlafen, in Onkel Copes Bett, denn er war über Weihnachten zu seinem Vater gefahren. Mir gefiel die Vorstellung, in diesem Bett zu schlafen. Da hatten wir mehr Decken und die Wärme vom verlöschenden Feuer, außerdem saubere Laken, von Nora gebügelt.

Ich ging in meinem Baumwollnachthemd schlafen. Nora schlief neben mir, ganz nah. Ich konnte durch den Rost des Herdes in die Glut schauen. In der silbrigen Pfanne und dem Krug spiegelte sich der orangefarbene Schimmer. Entweder schlief ich, oder ich wurde hypnotisiert. Die ganze Nacht träumte ich davon, dass Türen auf- und zugingen.

Der kleine Junge schwebt mit einem Luftzug durchs Haus. Ich schwebe hinterdrein. Die hochflatternden Zipfel seines Totenhemdes wehen mir ins Gesicht. Ich kann jetzt fliegen, dank der Macht des toten Babys, und wir bilden eine gemeinsame Wolke. Es kommt mir vor, als wäre ich genauso kalt wie der Kleine. Wir treiben durch die Diele, über Daddys Arbeitsschuhe, ins Schlafzimmer, wo Daddy seltsam verrenkt auf Mama liegt, und Mama sieht uns über seinem Rücken, springt auf und schreit.

Am Weihnachtsmorgen tauchten zwischen den leeren Kerosinlampen eine Spielzeugpistole für Joe Robbie und eine kleine Puppe für mich unter dem Christbaum auf. Ein Berg Äpfel stand unter den unteren Zweigen. Otis bekam auch ein Spielzeug, ich weiß nicht mehr was.

Ich hielt die Puppe locker in der Hand. Joe Robbie richtete die Pistole auf meinen Kopf.

Er nahm die Puppe, und ich saß neben ihm, während er ihren Rock streichelte.

Ich drehte die Pistole in meinem Schoß hin und her. Ich mochte ihre Form. Carl Jr. zeigte mir, wie man sie hielt.

Der Fuchs war auf dem Regal im hinteren Zimmer gefroren. Ich ging hinein, als gerade keiner aufpasste. Der steife Kadaver lag auf dem flachen Brett, seine Beine ragten steil in die Luft. Seine schimmlige rosa Zunge lag auf den gelben Zähnen. Reif hatte sich auf der Schnauze gebildet. Unverkennbar tot, bis auf die Augen, in denen es feurig glomm.

Wir aßen übrig gebliebene Bohnen mit Schinken. Wir taten Sirup dran und tunkten ihn mit Brötchen auf. Wir aßen zweimal, dazu morgens Brötchen. Daddy trank den ganzen Tag Kaffee mit Zucker und rührte sich nicht vom Feuer weg. Über den langen Nachmittag hin trank er auch Whiskey und hörte unablässig Radio, bis die Batterien schwach wurden.

Bevor der Tag zu Ende ging, schrie Joe Robbie, wenn ich die Puppe auch nur anfasste. Ich saß verdattert neben ihm. Die Pistole bedeutete mir gar nichts, aber ehrlich gesagt, die Puppe auch nicht.

Die Äpfel waren das beste Geschenk. Ich aß, bis mir ganz schlecht davon war. Ich aß so viele Äpfel, wie ich nur in mich hineinstopfen konnte. Nie zuvor hatte es von einer Sache genug gegeben, dass ich so viel essen konnte, wie ich wollte. Ich aß die Äpfel, bis ich mich kaum noch bewegen konnte. Den ganzen kalten Nachmittag lang lag ich in einer Ekstase der Verdauung flach auf dem Rücken.

Nora stritt sich mit Mama über meine Puppe. Nora wollte, dass Mama Joe Robbie die Puppe wegnahm, damit ich damit spielen konnte. Doch sobald irgendjemand die Puppe berührte, brüllte Joe Robbie los, und das konnte Mama nicht ertragen. Sie beschloss, er solle die Puppe eben behalten, schließlich war er der Schwächere, und wenn es ihn so glücklich machte … Nora schnaubte von dannen, und Mama wurde böse, sie holte aus, um ihr eine herunterzuhauen, doch dann fiel ihr ein, dass Weihnachten war, und sie gab sich damit zufrieden, Nora nur ordentlich an den Ohren zu ziehen.

Nicht einmal habe ich Joe Robbie um die Puppe gebeten. Als er die Pistole später auch behielt, war es mir egal.

Ich war mit dem toten Baby geflogen. Ich spielte den Traum im Kopf immer wieder durch, und die Erinnerung machte mich fröhlich. Der Apfelkorb war noch immer mehr als halb voll. Heute Nacht würden Nora und ich wieder in der Küche schlafen, und das Geisterfeuer würde im Herd glimmen. All das waren gute Dinge. Aber vor allem hatte ich so viel gegessen, wie ich nur hineinkriegte. Ich hatte erfahren, was Überfluss bedeutet.

Als das Wetter wärmer wurde, trug Mama den Fuchskadaver in einem Sack nach draußen und schleuderte das weicher werdende Ding in den Graben. Daddy fragte nie, was damit passiert war.

Nachts schlief Joe Robbie am anderen Ende des Zimmers mit der Puppe, die er umschlungen hielt. Mir war der Verlust weiterhin gleichgültig, aber Nora trug die Wut wie heiße Kohlen in sich herum. Sie würde mir eine neue Puppe besorgen, sagte sie, wenn sie im nächsten Sommer bei der Tabakernte arbeitete. Dieses Versprechen tröstete sie irgendwie. Mir selber war es egal. Ich habe mir mein ganzes Leben lang keine Puppe gewünscht.

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich nach Low Grounds gefahren, die Straße entlang, wo wir gewohnt haben. Mir war das Weihnachten mit dem toten Fuchs allmählich wieder eingefallen, und kaum dass ich hinterm Steuer saß, wurde mir klar, dass ich zu dem Ort unterwegs war, wo dieses Haus gestanden hatte. Früh an einem Morgen machte ich die Fahrt, nach meiner Scheibe Toast. Es ist nicht weit, nur etwa eine Stunde von dort entfernt, wo ich jetzt wohne, bei Pinetops.

Die Straße war gepflastert worden, Gott weiß, seit wann schon. Parallel dazu war eine Stromleitung an Hochmasten verlegt, also gab es jetzt Elektrizität in Low Grounds und auch mehr Häuser als damals, meistens Ziegelhäuser, mit einfachen, kahlen Gärten und kläglichen, krüppeligen Azaleenbüschen. Das Haus, in dem meine Familie gelebt hatte, ist vor langer Zeit eingestürzt, und nichts ist übrig geblieben, nur der Schornstein, der im weißen Staub auf der Seite liegt. Ich stand an dem seitlichen Schlund des Kamins, schloss die Augen und stellte mir den grauen Fuchs vor, die weißen Brötchen, das Gespenst des toten Babys. Ich erinnerte mich an das Holzsammeln auf der anderen Seite des kahlen Feldes, wo nun ein flaches Ziegelhaus stand. Das Land roch plötzlich nach Winter. Ich wusste nicht mehr genau, in welchem Jahr ich mich befand.

Am Moss Pond

Wir zogen von Low Grounds in ein Haus beim Moss Pond. Es war klein, vier Zimmer, mit einem Holzofen, einem Holzherd und einer Handpumpe für Wasser im Garten hinter dem Haus. Ein leeres Hühnerhaus stand gefährlich schief unter einer Platane. Der Abort war auch dort, tief im Schatten, seine schmale Tür hing in den Angeln, und seine Sitzplanke hatte zwei hineingesägte Löcher, damit man sein Geschäft verrichten konnte. Nur in der kältesten Winterzeit wichen wir auf einen Nachttopf aus. Sonst machten sich alle auf den langen Weg über den Pfad, außer Joe Robbie, der durfte eine Pfanne und einen Topf nehmen.

Wenn ich in der Schwebe über der Höhle aus Scheiße und Pisse hockte, im Sommer umsurrt von grünen Fliegen, im Winter bedrängt von kalten Fingern, die aus dem Holz über meinen nervösen Popo krabbelten, erlebte ich das pure Entsetzen, unvergesslich. Ich war noch so klein, dass ich stracks durch das Loch fallen konnte, und ich klammerte mich am Rand fest, weil ich Angst vor Schlangen und anderem Viehzeug aus dem Wald hatte; ich stellte mir vor, wie das über die Planke auf meinen bloßen Hintern zukroch. Das Echo aus dem hohlen Raum unter mir ließ mich schaudern, und ich beeilte mich mit meinem Geschäft, sosehr ich konnte. Im Sommer putzte ich mich mit weichen Blättern ab, im Winter mit Zeitungspapier oder Seiten aus Comics, wobei ich lernte, dass man Ersteres so lange aneinanderreiben muss, bis es weicher wird, und dass man sich mit einer Hand am Sitz festhalten muss, während man sich mit der anderen abputzt. Ich war ganz fanatisch in meiner Reinlichkeit, sosehr ich mich auch dort fürchtete; Nora machte sich lustig über meine Überempfindlichkeit.