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Hauptkommissarin Christine Paulig wird zu einem ungewöhnlichen Mordfall ins Voralpenland geschickt. Bei den Ermittlungen gerät sie an den skurrilen Betreiber eines Freibads, einen krachledernen Polizeidirektor und eine undurchsichtige Caféhausbesitzerin. Niemand scheint der zu sein, der er vorgibt zu sein, und wenn sie nicht aufpasst, ist ihr Leben schneller in Gefahr, als sie sich vorstellen kann. Oberstaatsanwalt Bernhauer hält ihr zwar den Rücken frei, fällt ihr dabei aber ständig in den Arm. Keine große Hilfe, wenn man sich durch den modrigen Filz einer gutbürgerlichen Scheinwelt zu kämpfen hat.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Inhalt
Ende der Schonzeit
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Vollständige e-Book Ausgabe 2019
Copyright © 2019 RICCARDI-Books ein Imprint der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt
Korrektorat: Carmen Murrmann
Umschlaggestaltung: © Ria Raven - www.riaraven.de
Umschlagmotive: schneekind, kemai/photocase.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können ziviloder strafrechtlich verfolgt werden.
ISBN: 9783967244694
www.spielberg-verlag.de
Dieter Weißbach, 1957 in Erding geboren, lernte Bankkaufmann, war Schankkellner, Gläserwäscher und Flugzeugreiniger, überführte Omnibusse nach Italien und Tanklastzüge nach Bagdad. Dreißig Jahre lang führte er eine kleine Medizintechnikfirma, erlernte die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung und veröffentlichte drei Rock-CDs. Seit 36 Jahren ist er nicht denkbar ohne Christine, die Liebe seines Lebens. Zu den engsten Freunden des überzeugten Buddhisten gehören seine beiden Söhne Michael und Henry.
Seine ersten Schreibversuche datieren auf das Jahr 1970. Aber erst 2011 erschien sein vielbeachteter Debütroman »STOCKINGER«, 2014 der Krimi »MORDNACHT« und 2016 der Politthriller »BÖSE«.
Für Roland Weißbach, Vater und Freund
Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.
Ende der Schonzeit
1
Sie lebte alleine. Sex war ihr nicht wichtig. Die Ehe hat sie nie gesucht.
Hauptkommissarin Christine Paulig, viele Jahre das ungeschminkte Gesicht der Münchner Mordkommission, war groß und schlank, hatte Wangenknochen wie Erker und kam eben aus dem Urlaub.
»Guten Morgen, Christine. Wie war‘s?«, rief die aktuelle Referendarin ihr entgegen, legte eine Akte zur Seite und hob den Kopf.
»Südtirol. Wein, Schnaps und deftiges Essen. Und dann auch noch ein Familienhotel. Aber sag mal«, deutete Paulig auf ein Foto, das aus dem Akt spitzte. »Kümmern wir uns jetzt schon um massakrierte Hunde?«
»Ach so. Das kommt aus dem Justizministerium. Die haben angefragt, ob wir nicht jemanden schicken könnten. Du hast doch bestimmt die Schlagzeilen gelesen. Und … Äh … Jetzt überlegt der Chef, wer rausfährt und sich das mal anschaut.«
»Ist er da?«, nahm Paulig eine Witterung auf, die ihr nicht gefiel.
»Ja.«
»Allein?«
Die Referendarin nickte.
Paulig ging zur Türe, klopfte und trat grüßend ein. Oberstaatsanwalt Bernhauer hatte kaum zurück gegrüßt, da machte sie bereits einen langen Arm auf die Schlagzeile der aktuellen BILD-Zeitung.
Münchner Süden ertrinkt in Hundeblut
»Und München erstickt in Hundekot. Vielleicht sollten wir den Täter bitten, mal einen Ausflug in die Stadt zu machen«, ätzte sie gegen das Blatt, das sich auf Bernhauers Schreibtisch ungewöhnlich breit machte.
»Wär eine Idee. Aber im Ernst. Die haben keine Idee, wer das gewesen sein könnte. Keine Spuren, keine Verdächtigen, dafür reihenweise Stornierungen. Da haben die jetzt einfach uns gefragt.«
»Soll das ein Witz sein?«
»Nein. Kein Witz«, ließ Bernhauer sich nicht aus der Ruhe bringen. »Ich weiß selber, dass wir nicht der Tierschutzbund sind. Aber die paar Altfälle, die wir auf dem Tisch haben, laufen nicht davon. Sieh es einfach als verlängerten Urlaub in deiner alten Heimat.«
Sein Gesichtsausdruck war eindeutig. Der ihre auch.
»Was? Ich!?«
»Die haben extra meinen besten Mann verlangt. Was kann ich dafür, dass der eine Frau ist«, bemühte er schnell einen Humor, für den er nicht berühmt war.
»Wen soll ich mitnehmen?«, grummelte Paulig, die wusste, wann Widerstand zwecklos war.
»Du fährst natürlich alleine. Sonst wär‘s ja kein Urlaub«, bedankte Bernhauer sich mit einer weiteren Kostprobe.
»Auch keine Spurensicherung?«
»Doch. Sabine meldet sich, sobald sie unterwegs ist. Ach ja, fahr bitte direkt nach Murnau zum Bürgermeister. Kottmüller heißt er.«
»Nicht erst zu den Kollegen?«
»Danach. Eine seiner Ferienwohnungen liegt direkt am See. Da kannst du auch wohnen. Natürlich nur wenn du willst. Aber besser wär‘s. Damit du nicht ständig hin und her fahren musst. Ich will, dass wir den Fall möglichst zügig wieder vom Tisch haben.«
»Sonst noch etwas, das ich wissen sollte?«
»Steht alles im Akt. Viel Erfolg. Und danke, dass du dich so schnell … Du weißt schon. Ach ja. Bevor ich es vergesse: Erinnerst du dich noch an deinen ersten Chef? Schwendt? War der nicht aus Murnau? Ist jetzt in Pension. Vielleicht willst du ihn ja besuchen. Er würde sich bestimmt freuen. Sitzt im Rollstuhl, der arme Teufel.«
»Kann ich machen«, verabschiedete sie sich knapp, verzog sich in die Kantine und las sich ein.
2
Das erste Gemetzel hatte ein Automechaniker aus Riegsee entdeckt, als er in der Früh aus dem Fenster schaute. Vom Überrollbügel des Gemeindetraktors hing ein aufgeschlitzter Schäferhund. Die Gedärme verteilt auf Ackerschiene, Sitz und Bürgersteig. Der Mann rief die Polizei, die nahm den Kadaver ab und deponierte ihn vor Ort in einer ausgedienten Kühltruhe. Solange bis klar war, was mit ihm geschehen sollte.
Der zweite Hund war ein Pudel, den ein Unbekannter von der Straße fischte, ausweidete und an den Maibaum von Ohlstadt band. Gegenüber wohnte ein ehemaliger Pharmareferent. Er schnitt ihn vom Mast und informierte ebenfalls die Polizei.
Murnau war der dritte Ort der Heimsuchung. Bürgermeister Kottmüller war auf dem Weg ins Büro.
Die Menschen, denen er um diese frühe Zeit begegnete, eilten an ihre Arbeit oder reinigten den Markt von den Hinterlassenschaften der letzten Nacht. Heute standen sie gestikulierend um die Mariensäule. Kottmüller erkannte einen Hirtenhund, mit übereinander gelegten Läufen um den Sockel drapiert, den Körperinhalt in die niedergetrampelte Hecke geworfen. Was ihn zusätzlich erboste. Buchs ist nicht billig.
Die Sonne war kaum vernünftig aufgegangen, zählte man drei tote Hund in drei Gemeinden. Den Hals durchgeschnitten, ausgeweidet und dann mitten im Ort ausgestellt.
3
Kottmüller hatte seine kleine Führung beendet und polterte zum Abschied noch einmal los: »Wenn Sie mich fragen, entweder Islamisten, Hundehasser oder irgendwelche Deppen, die was gegen Fremdenverkehr haben. Eine freie Ferienwohnung in der Saison. Allein dafür gehört dieses Gesocks eingesperrt. Oder meinen Sie, die steht zum Spaß leer? Ende August steht bei uns nie was leer!«
Paulig hatte nicht vor, das zu kommentieren. Aber Kottmüllers in die Hüften gestemmte Fäuste forderten eine klare Positionierung.
»Ach so. Ja. Unbedingt. Geht gar nicht.«
»Wir verstehen uns«, nickte der Bürgermeister. »Ich muss dann wieder. Oder brauchen Sie noch was?«
»Ich wüsste jetzt nicht …«
»Ich auch nicht. Wiederschaun.«
Kottmüller schritt zu seinem Wagen, Paulig zurück in ihre Klause und dort alles noch einmal in Ruhe ab.
Zwei Zimmer, Küche, Bad, eine Terrasse mit Seezugang, als Sichtschutz Ufergras. Was sich im Schilf tummelte, wollte sie nicht wissen. Aber wenn jeder auf seiner Seite blieb, sollte es gehen.
Dann stand sie wieder in der Wohnküche, in der ein Kalender der örtlichen Sparkasse darüber informierte, wo Kottmüller sein Geld hinbrachte und zwei mit Reißzwecken befestigte Poster Marke ›Gipfelglück‹, dass er keinen Cent mehr investierte als nötig.
Sie kontrollierte die Funktionsfähigkeit der Kaffeemaschine, den Inhalt der Schränke, dann klingelte ihr Handy.
»Paulig?«
»Sind Sie die Kommissarin aus München?«
Der Mann klang weniger aufgeregt, vielmehr traurig.
»Ja, bin ich. Was kann ich für Sie tun?«
»Röslein hier«, seufzte der Stimme gewordene Handschmeichler. »Der Wirt vom Rosenstüberl. Schon wieder ein toter Hund.«
»Wo?«
»Hier, in Seehausen. An der Anlegestelle. Ein Golden Retriever. Ausgerechnet. Wenn Sie bitte gleich kommen? Auf der anderen Seite der Bucht. Direkt gegenüber von Kottmüllers Ferienhäusl. Einfach die Seestraße entlang bis zur Seehauser Kirche. Dann links runter zum See.«
»Bin unterwegs. Aber woher haben Sie meine Nummer?«
»Von der Polizei.«
»Bis gleich. Und bitte nichts anfassen.«
»Wir haben nur schnell eine Plane drüber gelegt.«
»In Ordnung.«
Sie dachte, warum rufen die Murnauer Kollegen nicht selbst an, wollte das aber nicht vertiefen und wählte die Handynummer der Rechtsmedizin.
»Christine? Was gibt‘s?«, fiedelte eine muntere Frauenstimme.
»Sabine? Wo bist du?«
»Auf dem Weg nach Riegsee. Spuren sichern und Schäferhund abholen. Warum?«
»Der Schäferhund kann warten. Wir haben einen frischen. An der Anlegestelle von Seehausen.«
Paulig stieg in ihren Wagen, fünf Minuten später war sie drüben. Etwas erhöht stand das Rosenstüberl. Dort hatte sie eine gute Rundumsicht, ihr Wagen behinderte nicht die Zufahrt zum Tatort und nichts die Erinnerungen, die sich ihrer umgehend bemächtigten. So unverändert hatte der Blick die Jahre überstanden. Unten der See, rechts das Stüberl und links der bodennah verfaulte Zaun des Nachbaranwesens, der bierseligen Spätheimkehrern schon als Pissrinne diente, als sie hier noch ihre Runden drehte.
Mit zusammengekniffenen Augen erinnerte sie sich an die Blaskapellen, die in ihrer Jugend zum Tanz aufspielten, während in den Bootshäusern Joints kreisten, Pärchen sich in hinterste Ecken verdrückten und wenn die Sonne aufging, fuhren Hippies und Trachtler sich gegenseitig heim. Und die Polizei ließ sich nur blicken, wenn jemand in den Graben fuhr. Doch Paulig war nicht auf Nostalgietour. Geschwind verließ sie die weich gezeichnete Welt ihrer Jugend und federte hinunter zu dem vom Fahrplan gerutschten Hund. Das führte zu ihrer ersten Annahme, dass der Täter es wohl eilig hatte. Paulig war sparsam mit Schlussfolgerungen, aber danach sah es aus.
Links der Tafel stand die alte Bootsverleiherin, die den Kadaver entdeckt hatte, als sie Blumen für ihr Kassenhäuschen pflücken wollte. Rechts Röslein, der erst später dazu kam. Sie trug Kniestrümpfe und Schürze, er Janker und Trachtenhut, unter dem ein grauer Pferdeschwanz hervorschaute. Gemeinsam wirkten sie wie die zwei Figuren aus einem Wetterhäuschen.
Paulig stellte ihre Fragen, auf die sie keine Antworten hatten. Röslein habe tief und fest geschlafen und die Bootsverleiherin antwortete mürrisch, sie würde sowieso nichts mitbekommen, weil sie sich immer ums Geschäft kümmern müsse. Deshalb hätte sie auch keinen Mann, nur das ererbte Haus. An dessen Zaun würde jede Nacht jemand hinmachen. Ob die Kommissarin da vielleicht abhelfen könne. Der Hund wurde sofort zur Nebensache, die Frau vergrößerte sich förmlich. Paulig verneinte und verwies auf die Kollegen vor Ort. Die Frau winkte ab und schrumpfte auf ihr altes Maß. Bis die da wären, sei es noch jedes Mal zu spät gewesen. Mit einem elektrischen Weidezaun hätte sie gute Erfahrungen gemacht. Aber von dem Geschrei der Elektrogeschockten wären jedes Mal die Nachbarn aufwacht.
Paulig lachte. Die Frau lachte mit und schlappte zurück in ihr Kabuff. Paulig sah ihr nach, bis ein älterer Polizist wissen wollte, wo er die Sperrzone ziehen sollte.
Gerade so als würde er das heute zum ersten Mal machen.
Etwas befremdet deutete sie zum Steg, links zum Bootsverleih, hinauf zur Terrasse vom Rosenstüberl und im Halbkreis wieder hinunter zum See.
»Hauptsache die Leute kommen noch ans Wasser.«
Dann zog sie Handschuhe an und filzte Büsche, Steg und Uferweg. Ein roter Haarschweif flatterte in ihr Blickfeld, gefolgt von kofferschleppenden Overallträgern. Wohl um die Wichtigkeit des Einsatzes zu dokumentieren, wurden sie angeführt von zwei Kollegen der Mordkommission. Sie hob die Hand, deutete Richtung Steg und schritt voran.
Bis die Glocken der Seehauser Kirche zur Nahrungsaufnahme mahnten, waren die Spuren gesichert und der tote Hund verladen. Zum Abschied fragte Paulig, ob Sabine schon etwas sagen könne. Die gab an, dass der tote Hund mindestens schon einen Tag im Gebüsch gelegen habe. Alles weitere, wie immer, später. Dann startete sie den Motor und fuhr schon mal voraus nach Riegsee.
Paulig würde nachkommen. Doch erst wählte sie die Nummer der Murnauer Dienststelle. Aber der Leiter, bei dem sie sich wenigstens schon mal telefonisch vorstellen wollte, war unterwegs. Sie kündigte an, erst noch die anderen Fundorte abzuklappern und es dann noch einmal zu versuchen. Dann fuhr sie ebenfalls los.
Beim Einbiegen rechts in die Straße nach Murnau übte sie den Schulterblick einmal vor und einmal nach der erhöht gelegenen Kirche. Hinter der Friedhofsmauer stand Röslein. Er schien zu beten. Wer lag da? Seine Eltern? Ein Kind?
Sie überlegte, ob sie ihn noch einmal ansprechen sollte. Das Quäken einer Traktorhupe riss sie aus ihren Überlegungen.
Sie schmiss sich wieder aufs Lenkrad und fuhr hinüber nach Riegsee in sanften Schwüngen. Dort verstauten Sabine und Kollegen eben den zwischengelagerten Schäferhund. Der Mechaniker stand mit nach hinten geschobenem Kopfhörer dabei. Als er Paulig sah, steckte er sich eine Zigarette an und schaute sie erwartungsvoll an.
Eine Kippenlänge später hatte er seine Aussage gemacht. Angereichert mit Schlüpfrigkeiten, auf die Paulig nicht einging.
Sabine und die KT machten sich auf den Weg nach Ohlstadt, Paulig tuckerte hinterher. In Murnau wollten sie den Kreis dann schließen. Im alten Marktcafé, Murnaus Kommunikationszentrum. Wenigstens war es das vor fünfunddreißig Jahren, als sie in Garmisch aufs Gymnasium ging und in Murnau ihre Freizeit verbrachte. Mit den gesammelten Eindrücken würde sie danach ins Polizeipräsidium fahren und sich mit den hiesigen Kollegen bekannt machen.
Im CD-Player steckte ›Carmen‹, die wie immer mit ihrem Leben bezahlen würde. Wenn nicht irgendwer dazwischen ginge. In der Regel die Zeit, die für eine komplette Oper selten reicht.
Diesmal war es ein Murnauer Kollege.
»Frau Kommissarin? Können Sie nochmal kommen?«
»Wohin?«
»Nach Seehausen.«
»Zu Röslein? Ist ihm noch was eingefallen?«
»Nein.«
»Hat er noch einen Hund gefunden?«
»Auch nicht.«
»Was dann?«, spaßte sie weiter. »Katze, Maus, Floh?«
4
Die nach dem Ableben eintretende Erstarrung der Muskulatur, die Totenstarre, beginnt etwa ein bis zwei Stunden nach dem Exitus. Als erstes trifft es die Augenlider. Nach weiteren zwei bis vier Stunden die Kaumuskeln und die kleinen Gelenke. Danach Kiefer, Nacken, obere und untere Extremitäten. Die Reihenfolge variiert, je nachdem, welche Muskelgruppen vor dem Tod als letzte beansprucht wurden. Sechs bis zwölf Stunden später ist die Leichenstarre voll ausgeprägt. Wird sie innerhalb der ersten vierzehn bis achtzehn Stunden gebrochen, setzt sie nach einiger Zeit wieder ein und führt zu einer erneuten Erstarrung. Die Rechtsmedizin macht sich dieses Wissen zunutze, indem sie die Leichenstarre absichtlich bricht und die Zeit bis zu einem eventuellen Wiedereinsetzen entsprechend bewertet.
Im Fall Röslein konnte sie sich das sparen. Er war gut warm und lag, wo Paulig ihn zuletzt gesehen hatte. Hinter der Friedhofsmauer der Seehauser Kirche.
Als sie eintraf, griffen die Routinen bereits stabil ineinander. Jetzt wusste jeder, was zu tun war und die Frau, die ihn gefunden hatte, dass die Kommissarin sie gleich erneut befragen würde. Aber sie konnte nur wiederholen, was sie bereits ausgesagt hatte. Dass sie nichts gesehen hätte. Paulig variierte die Frage mehrmals, doch die Witwe blieb ihrer Aussage treu. Zum Abschied erhielt sie eine Visitenkarte und die Ermahnung, noch einmal in Ruhe über alles nachzudenken. Im Erfolgsfall solle sie bitte sofort anrufen. Die Frau nahm die Karte andächtig in beide Hände und ging weiter einkaufen.
»Wollen wir ihn mal umdrehen?«, fragte Sabine, nachdem sie sich einen ersten Eindruck verschafft hatte. »Du die Beine, ich den Kopf?«
Paulig griff nach seinen Füßen und fragte zurück: »Schon eine Vermutung?«
Nachdem der Wirt neben der Grabstelle lag, in die er nicht gehörte, strich Sabine ihm erst eine Strähne aus dem Gesicht und betrachtete ihn dann ausgiebig.
Dann seufzte sie: »Was für eine Verschwendung. Wie kann man nur einen so schönen Mann einfach erschlagen. Aber um deine Frage zu beantworten: Er hat mindestens zwei Schläge auf den Hinterkopf bekommen.«
»Mit was? Nur ganz grob.«
»Stumpfer Gegenstand.«
»Dass er einfach nur hingefallen ist, schließt du aus?«
»Zweimal hintereinander?«, grinste Sabine »Schließ ich aus.«
»War er sofort tot?«
»Denk ich mal. Es gibt keine Anzeichen, dass er sich nochmal bewegt hat.« Sie hob ihr Kinn zum Tor und drückte sich in den Stand. »Ah. Die Firma Denk ist auch schon da.«
»Danke, Sabine«, antwortete Paulig und wandte sich ihren Münchner Kollegen zu, die nach Mordwerkzeugen suchten.
»Habt ihr schon was?«
»Bis jetzt nichts«, stöhnte der türkische Teil der Mordkommission. »Scheiß Hitze.«
»Das sagst ausgerechnet du?«, wunderte sich ein älterer Kollege mit Anzug. »Ich denk, deine Vorfahren kommen aus dem Orient?«
»Aber ich nicht.«
Ihr heiseres Kichern versilberte das Knirschen der Kieselsteine unter den hektischen Schritten des Mesners.
»Auf geht‘s, Hochwürden. Jetzt oder nie. Sonst ist er weg.«
»Aber ist der nicht ausgetreten, der Röslein?«, gab der Pfarrer zu Bedenken.
»Egal. Jetzt haben wir ihn ja wieder. Nochmal kommt er uns jedenfalls nicht aus.«
Der Mesner lief voraus, der Pfarrer warf sich eine schwarze Stola über den Arm und hechelte hinterher, von der kühlen Sakristei hinaus in Gottes überhitzte Schöpfung.
Während der Pfarrer aussegnete, läutete Pauligs Handy. Sie sah zu, dass sie Land gewann.
»Ja?«
Es war Oberstaatsanwalt Bernhauer. Er klang besorgt.
»Meinst du, es gibt einen Zusammenhang?«
»Zwischen den Hunden und Röslein? Kann ich mir nicht vorstellen.«
»Sollte sich das ändern, sagst du mir bitte sofort Bescheid.«
»Klar.«
»Das war‘s auch schon wieder. Solltest du Unterstützung brauchen, melde dich. Du hast freie Hand. In beiden Fällen. Murnau weiß Bescheid.«
»Danke. Ich melde mich, wenn‘s was Neues gibt.«
Paulig passierte die Kirche und bog rechts in den neuen Friedhof, der eine Weite hatte, die sie aufatmen ließ. Mord war ihr Geschäft. Aber dass sie das Opfer kurz vorher kennenlernte, eine Besonderheit, auf die sie gerne verzichtet hätte. Beiläufig registrierte sie Jahreszahlen und Namen, atmete tief durch und kehrte zurück, wo die hiesigen Beamten gerade die Polizeibänder abnahmen.
Ihre Münchner Kollegen waren ebenfalls am Gehen. Zum Abschied machten sie ein paar scherzhafte Bemerkungen über die urlaubende Chefin, über die sie gerne gelacht hätte. Aber ihr Handy machte sich schon wieder wichtig.
Kottmüller schnarrte, die Sache mit dem toten Wirt unter allen Umständen unter der Decke zu halten. Er habe gerade mit Oberstaatsanwalt Bernhauer telefoniert. Sie wären sich darin einig, bis zum Beweis des Gegenteils handele es sich um einen Unfall. Nichts anderes wolle er hören.
Paulig hatte gute Lust, ihn zu fragen, ob sie ihn in der Schule Kotzmüller gerufen hätten und er sich deshalb immer so aufführen würde.
Sie war Gockeleien gewohnt und die Rache in Gedanken Teil ihrer genetischen Ausstattung als Frau. Also schnaufte sie nur: »Ganz wie Sie meinen«, packte sich in ihren Wagen und fuhr zurück zum Stüberl.
Frau Röslein saß in der Küche. Eine Freundin war bei ihr. Paulig kondolierte in einen Vorhang von Tränen hinein und stellte ihre Fragen, die Frau Röslein allesamt mit Kopfschütteln beantwortete. Zum Abschied bat Paulig, wenn ihr Sachdienliches einfiele, egal was, egal wie abwegig, bitte nicht lange nachdenken, gleich anrufen. Dann legte sie eine Visitenkarte auf den Berg mit den gerollten Bestecken und fuhr zurück in ihre Klause. Sie warf sich in ihre Joggingklamotten und lief einmal um den See. Nach zwei Stunden war sie zurück. Erschöpft legte sie ein Badetuch bereit und stellte sich unter die Brause. Aber der belebende Effekt blieb aus. Sie verschob das Marktcafé auf morgen und ging früh zu Bett. Doch an Ruhe war nicht zu denken. Hier gab es zwar keine singenden Bierleichen wie in der Stadt oder testosterongesteuerte Autofahrer, dafür dauerstridulierende Insektenchöre, Mücken und liebeskranke Frösche. Es war nach eins, als der Schlaf sie endlich in seine Höhle schleifte wie einen aufgegebenen Kadaver.
5
Paulig säuberte die Wand von den Moskitoleichen der letzten Nacht und schlurfte ins Bad. Warf einen Blick in den Spiegel, dachte, ausgeschlafen sieht anders aus und machte sich an die Restaurierung. Danach trabte sie die Uferstraße entlang nach Seehausen. Vorbei am Murnauer Freibad und ausgedehnten Seegrundstücken beiderseits der Dorfstraße. Auf halber Strecke öffnete sich der Blick. Links auf den See, rechts auf einen Hang, bevölkert mit friedlich kauendem Fleckvieh. Nach einer Gesamtlaufzeit unter zehn Minuten umrundete sie die Seehauser Kirche und stand im Gastgarten vom ›Stern‹.
Auch sieben sind machbar. Aber da trennt sich die Spreu vom Weizen, wie sie sich hier schon seit Jahrhunderten trennt. Der Weizen geht in die Messe, die Spreu säuft sich schon mal warm. Der Sonntagnachmittag droht mit Verwandtschaft. Also bleibt man gleich da, wo man unter Gleichgesinnten ist und die Sorgen teilt. Dann ist der Montag zwar auch im Einer, aber die Woche hat schließlich noch mehr Tage.
Heute war Dienstag und Paulig allein auf weiter Flur. Eine mittelalte Duttträgerin robbte sich Tische und Stühle abwischend durch den Gastgarten. Raumgreifende Bewegungen brachten überweidete Brüste zum Schaukeln und einen Kellnerinnengeldbeutel, verziert mit messingfarbenen Kühen.
Unter Pauligs abwartenden Blicken unterwarf sie auch den letzten Tisch mit vorzeigbarer Leichtigkeit, steckte den Lappen in den Gürtel und befahl dem ersten Gast des Tages: »Was darf‘s sein.«
Paulig antwortete mit dem gezielten Einsatz des gemeinsamen Dialekts.
Der gegnerische Angriff erlahmte. Sogar Sonderwünsche durften geäußert werden. Die Kellnerin verwies nicht auf die Karte, sondern auf ihre Sonnenseite.
»Müsli. Aber ohne Birnen. Gern. Kommt sofort.«
Paulig bedankte sich artig, aber ohne sie aufzuhalten mit überflüssigem Geschwätz. Sie wusste um das Geschenk einer freundlich gesonnenen Bedienung, die nach Kernseife duftete, frischem Heu und dem Tau von Geranien. Der sie ein einfaches Leben zuschrieb, den Jahreszeiten folgend und vielleicht hin und wieder dem Lockruf eines überständigen Männchens. Was braucht es mehr um glücklich zu sein, dachte sie und griff nach einer Zeitschrift. Die war feucht vom Tau, aber nicht frisch. Sie blätterte ein wenig herum, dann war sie wieder bei Röslein, der auf den Friedhof ging und keiner wusste wieso.
Schon schoss die Bedienung mit klingendem Spiel, das von ihren Ohrringen stammte, ums Eck.
»Entschuldigen Sie. Hat etwas gedauert. Die Kaffeemaschine spinnt. Müsli ohne Birne. Wohl bekomm‘s.«
Kaum hatte Paulig begonnen, ihren Verdauungstrakt zu beschicken, massierte ihr Handy die Tischplatte. Die Murnauer Kollegen. Wegen der Hunde. Eine Urlauberin wäre hier. Ihr Sohn hätte was gesehen. Die Frau Kommissarin möge sich aber keine übertriebenen Hoffnungen machen. Wenn sie trotzdem gleich kommen könne?
Ja, antwortete sie, und dass sie so gut wie unterwegs wäre. Sie schlang ihr Müsli hinunter und joggte zurück in ihre Bleibe. Dann setzte sie sich ins Auto und fuhr hinauf zur Dienststelle an der Weilheimer Straße. Einem nichtssagenden Bau an der Nahtstelle zweier Gewerbegebiete. Das Dienstzimmer, in das man sie führte, war vollgestellt mit Schreibtischen. Zwei in der Mitte zusammengeschoben, zwei an der Wand. Dazwischen Rollschränke. Einmal geöffnet, nie wieder geschlossen. Obendrauf eine angestaubte Pickelhaube, zwei Polizeikellen und die abenteuerlichen Ausläufer einer mehrfach verstümmelten Yucca-Palme. Von den Wänden grüßten Wimpel europäischer Fußballvereine.
Auf dem Schoß einer Frau, Grünwählerin in zweiter Generation, thronte ihr Sohn und ließ sich eben einen ausrangierten Computermonitor erklären. Eigentlich war er zu groß, noch den Schoß der Mutter zu besetzen, die entsprechend ächzte, sich aber nicht wehrte.
Paulig sprach ein paar einleitende Worte und hätte jetzt gerne ihre Fragen gestellt. Aber statt der Frucht ihres gequetschten Beckens endlich klarzumachen, dass sie nicht hier wären, um sich über den Beginn des Computerzeitalters zu unterhalten, bat Michamama nun auch die Kommissarin, erst einmal die Frage zu klären, warum der so einen großen Buckel hätte. Danach könne man sicher in Ruhe weitermachen.
»Vielleicht gehst du hernach einfach mal ins Internet«, fand Paulig die ihrer Ansicht nach ideale Antwort. »Aber jetzt wäre es schön, wenn du mir sagen könntest, was du vorgestern Nacht beobachtest hast. Je schneller wir fertig sind, um so eher kannst du nachschauen. Ist das ein Deal?«
Micha nahm kurz Anlauf und kam umstandslos zur Sache. Es wäre Batman gewesen. Nur ohne Ohren. Er hätte einen Hund über die Anzeigentafel geworfen, sie hätten ein paarmal hin und her gewunken, dann wäre er wieder zurück ins Bett.
»Wissen Sie, wir logieren gleich gegenüber«, aufklärte die Berufsmutter. »Und das Fremdenzimmer, in dem wir untergekommen sind, geht ja auf den See hinaus. Und diese Ruhe ist der Micha eben nicht gewohnt. Ja, und da hat er ihn dann gesehen, den Batman. Aber das war noch nicht alles. Was hat er denn noch gemacht, der Batman? Micha … Micha? … Also gut, dann sag ich‘s eben. Der Batman, also der Typ der sich als Batman verkleidet hat …«
Ein eingeschmuggeltes Schweizermesser näherte sich aufblitzend der Monitorverkleidung.
»Der war nicht verkleidet. Das war der Batman. Nur ohne Ohren.«
»Und was hat er gemacht, der Batman?«, zeigte Paulig sich geduldig im Umgang mit dem kleinen Volk.
»Dann ist er weggefahren.«
»Und mit was …? Micha?«
»Mit einem Rad«, soufflierte die mütterlich Raunende.
»Und zwar mit einem … Aber Micha, das haben wir doch besprochen.«
»Mit einem schwarzen.«
»Und wie nennt man diese Art Fahrräder?«
»Mountainbike.«
»Also ein Mountainbike«, hakte Paulig ein. »Was war dann? Micha?«
»Dann bin ich wieder ins Bett.«
»Genau. Und in der Früh hast du mir alles erzählt«, vervollständigte die Mutter die Aussage ihres Hoffnungsträgers, der jetzt endlich weiterarbeiten wollte und das durch seine Körpersprache eindeutig dokumentierte.
»Sie haben den Batman aber nicht gesehen?«
Paulig wusste die Antwort und schüttelte vorsorglich den Kopf.
»Nein. Ich habe tief und fest geschlafen. Aber wenn mein Sohn sagt, er hat etwas gesehen, habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln. Auch wenn es vielleicht etwas merkwürdig klingt, dass er Batman, also den Typ, der sich … Sie wissen schon.«
Micha drückte den zweiten Teil der Verkleidung in hilfreiche Hände, worauf seine Mutter sich besann, welches Genie ihr da in die Wiege gelegt wurde und umgehend entflammte. Nicht in Liebe, sondern in heiligem Zorn. Sehr schön zu erkennen an einem frischen Bund Falten oberhalb der Nasenwurzel.
»Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber das liegt nur daran, dass Sie ihn nicht kennen.«
»Ich? Wieso?«, staunte Paulig, die wusste, dass man besonders mit älteren Müttern, die weiß Gott was mit ihrem Körper angestellt hatten, um endlich schwanger zu werden, verdammt schnell über Kreuz geriet. Da war die Vorfreude oft das eigentliche Glück.
»Alleine wie Sie uns ansehen. Dann Ihre ganze Art. Es ist immer dasselbe. Kinder werden einfach nicht ernst genommen. Aber damit wird man ihnen nicht gerecht. Ich sag immer, Kinder sind …«
Ineinander geschlungene Beine drehten sich langsam aus, Paulig sich selbst hinterher zur Tür. Dort wartete sie darauf, dass die Vortragende irgendwann Atem holen würde und sie sich verdünnisieren konnte.
»Verstehe. Also dann. Auf Wiedersehen. Liebe Kollegen, bis später. Und schönen Gruß an den Chef.«
Sie trabte vor zur Hauptstraße, dann rechts hinunter Richtung Markt und staunte nicht schlecht. Dass aus der alten Römerstraße eine Fußgängerzone geworden war, wusste sie. Aber nicht, dass die Bockbeinigkeit der Murnauer, die alle Bausünden der Vergangenheit einfach verschlafen hatten, sich einmal so auszahlen würde. Erst Bürgermeister Kottmüller hatte es geschafft, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Das Ergebnis war eine Fußgängerzone wie aus dem Poesiealbum für Tourismusmanager.
Aber auch im Paradies findet sich immer etwas, über das man meckern kann.
»Eine elektrische Schiebetür! Die schöne Fassade so zu verhunzen! Ein Café ist doch kein Supermarkt«, schimpfte Kottmüller über die neueste Errungenschaft des Marktcafés.
Die aktuelle Wirtin klärte ihn breitbeinig auf, dass sie nicht mehr im Mittelalter wären.
»Und in schön gibt‘s die nun mal nicht!«
Ihre strohblonden Haare flatterten im scharfen Galopp der Worte, Wangen glühten, Augen blitzten. Ihr Auftreten als zurückhaltend zu bezeichnen, wäre gelogen.
»Sag mal, kann es sein, dass du gestern Nachmittag am See gejoggt bist?«, wandte sie sich ebenso grußwie übergangslos an die eben Eingetroffene.
»Äh. Ja. Stimmt«, stammelte Paulig.
»Wohnst du hier in der Gegend?«
»Nein.«
»Aber wie eine Urlauberin schaust du auch nicht aus. Oder ist es beruflich?«, schnitzte die Wirtin sich weiter ihr Bild zurecht.
»Ich bin Kriminalbeamtin aus München und hier wegen der toten Hunde.«
Die in hautengen Dreiviertel Jeans steckende Wirtin steckte einen Putzlappen in ihren Gürtel und hinter zwei gläsernen Brücken gingen die Jalousien runter.
»Ach so. Das. Aber dass da gleich die Kripo anrückt?«
»Ihr Bürgermeister hat wohl gute Kontakte nach oben«, nickte Paulig in den Rücken des Ortsvorstehers, der grüßend Richtung Postgasse stolzierte.
»Stimmt. Seit er damals die Fußgängerzone durchgedrückt hat, gibt es nichts, was er nicht hinkriegt.«
»Wenn ich daran denke, wie es hier früher zuging«, bestätigte Paulig. »Die Laster, die da den ganzen Tag durchgerauscht sind.«
»Das klingt, als wärst du doch von hier?«
»Aus der Gegend.«
»Und da fährst du jeden Tag nach München in die Arbeit?«, staunte die Wirtin ein Loch unter Pauligs Brauen.
»Nein. Ich bin schon vor einer Ewigkeit in die Stadt gezogen.«
»Und da geht dir nichts ab? Die Berge? Die Luft?«
»Nein. Und wenn, brauch ich mich ja nur auf die Autobahn zu stellen.« Zeit, das Geplätscher abzustellen und den Haupthahn aufzudrehen. »Irgendeine Idee, wer das mit den Hunden gewesen sein könnte?«
»Nö. Nicht die geringste.«
»Und beim Wirt vom Rosenstüberl?«, fragte sie diesen Fall auch gleich ab. »Ich nehme an, du weißt, dass er zu Tode gekommen ist?«
»Röslein. Hab ich mitbekommen. Aber gekannt? Wie man sich eben so kennt.«
»Dann kannst du mir wohl auch nicht sagen, ob er vielleicht irgendwelche Feinde hatte?«
»Wie gesagt, ich hab ihn kaum gekannt«, begann die Wirtin zu tänzeln, als hätte sie es plötzlich eilig, aufs Klo zu kommen. »Aber warum interessiert Sie das? Ich hab gedacht, das war ein Unfall?«
»Wer sagt das?«, ahnte Paulig, wollte aber sicher sein.
»Der Kottmüller«, erwiderte die Wirtin Pauligs Blick.
»Stimmt das vielleicht nicht?«
»Haben Sie Grund zu der Annahme?«
»Nein. Wie kommen Sie darauf?«
»Weil es immerhin sein könnte. Die Untersuchungen fangen eben erst an.«
»Welche Untersuchungen?«, tauchte die Wirtin schnell wieder ab.
»Unsere Untersuchungen«, tauchte Paulig hinterdrein.
»Die der Umstände. Der Leiche. Ich möchte zwar nicht vorgreifen, aber ich fürchte … Wie es ausschaut …« Paulig stellte den Schalter auf besorgtes Schweigen. Aber die Wirtin, die für ihre erste Unwahrheit automatisch zum Sie gegriffen hatte, starrte lieber auf ihre Füße, als weiter zu tanzen. Also legte Paulig schnell eine andere Platte auf. Nicht einen duzfreundlichen Schlager, sondern etwas Strenges, für das sich das Sie geradezu anbot. »Wenn Sie also was gehört haben oder wenn Sie vielleicht was wissen, dann wäre es wirklich hilfreich, wenn Sie mir das vorher sagen. Also bevor wir es herausfinden. Sie wissen ja«, ließ sie den Stecken ahnen, den eine Polizei stets bei sich trägt, »es wirft immer ein schlechtes Licht, wenn man erst etwas verschweigt, was früher oder später ja doch rauskommt.«
Die Wirtin scharrte mit den Zehen, nuschelte, dass die Kommissarin ums Eck kommen möge und pflanzte sich in den Lieferanteneingang ihres Cafés. Dort verschanzte sie sich hinter der Lieblingsbrandmauer aller in die Enge Getriebener.
»Gleich vorab, ich weiß von nichts. Es ist nur so, der Kottmüller war gestern am Stammtisch und hat jeden darauf eingeschworen, dass das ein Unfall war. Ich hab gleich gesagt, dass er damit nicht durchkommt. Jeder weiß doch, dass er umgebracht wurde.«
»Woher?«
»Hat der Mesner erzählt. Dass ihr überall herumgekrochen seid und nach Spuren gesucht habt. Und dass so eine rothaarige Trulla gesagt hat, dass er ja wohl schlecht zweimal auf den Kopf gefallen sein kann. Und jetzt Sie mit Ihren Fragen.«
»Gut«, nickte Paulig und legte die Eingangsfrage noch einmal vor. »Wenn Sie so sicher sind, dass das kein Unfall war, können Sie mir ja vielleicht doch sagen, ob er Feinde hatte?«
»Nein. Leider. Wie gesagt, ich hab ihn kaum gekannt.« Der Wirtin Flügel hingen kraftlos dem Erdboden zu.
Etwas hatte sich von hinten in ihre Augen geschlichen.
Paulig ahnte, dass das wohl nichts mit dem Fall zu tun hatte, wollte sich mit Ahnungen aber nicht begnügen.
»Ja, ja, wie es halt so ist«, säuselte sie. »Da lebt man so eng aufeinander. Der eine als Wirt, die andere als Kaffeehausbetreiberin. Sie in Murnau, Röslein in Seehausen. Wo man nicht einmal weiß, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Und trotzdem kennt man sich nicht«, landete sie kurz zwischen und stieg wieder auf in launige Höhen.
»Aber so ist wohl das Leben. Jeder tut und macht so vor sich hin, und bevor man schaut, ist es um.«
»Ich weiß, was Sie meinen«, lockerte die Wirtin Gehirnwindungen und Bandscheiben und schwänzelte langsam wieder vor zur Fußgängerzone. »Und da haben Sie sicher recht. Aber erstens bin ich nicht von hier, und zweitens, der Röslein …« Paulig freute sich auf Nahrhaftes, wurde jedoch unerwartet abgespeist. »Hören Sie. Ich bin zwar mittendrin, aber ich misch mich in nichts ein.«
»In was zum Beispiel?«, blieb Paulig auf Tuchfühlung.
»Was ist mit Röslein? Was wollten Sie sagen?«
Ein unwilliges Gesicht setzt gerne der auf, der nicht kann, wie er möchte. Zum Beispiel einen Gast abkassieren, der schon die längere Zeit mit dem Geldbeutel winkte.
»Nichts. Er ist der Grund, warum ich nach Murnau bin. Aber das hat nichts damit zu tun. Hören Sie, ich hab wirklich keine Ahnung, wer den auf dem Gewissen hat. Das ist schließlich nicht Chicago.«
Das Versteckspiel stimmungsvoll zu Ende gebracht, die Wirtin bedeutete einer Kollegin, sich um den Gast zu kümmern, sie selbst drehte sich hin zur Tür.
»Naja. Röslein, vier tote Hunde«, ließ Paulig sich nicht abschütteln. »Im Moment wohl schon eher Chicago. Vielleicht eine kleine Vendetta? Erst die Hunde, dann Röslein?«
»Schwachsinn«, schwoll Frau Wirtin kurz der Kamm.
»Der konnte keiner Fliege was zuleide tun …« Ihre Stimme versickerte und trat als Rinnsal wieder auf. »Der Röslein … Ich versteh‘s echt nicht.«
»Schade«, gab Paulig den einen Faden aus der Hand und nahm dafür das andere Knäuel noch einmal auf. »Und was ist mit den Hunden? Bei dem von der Mariensäule waren Sie doch dabei.«
Die Wirtin schob die Brille nach oben und tupfte die Augenwinkel trocken.
»Ja. Aber erst beim Abnehmen. Da war schon alles vorbei. Aber was anderes«, stellte sie auch sonst wieder scharf und den Alltag zurück in die erste Reihe. »Was darf ich dir eigentlich bringen? Vielleicht einen Americano?«
»Americano?«
»Statt Kaffee schwarz. Ist momentan mein Lieblingskaffee.«
»Gerne.«
»Zum Essen auch was? Setz dich doch. Der Tisch ist gerade frei geworden.«
»Momentan nichts. Aber wegen der toten Hunde nochmal. Ist dir da vielleicht was aufgefallen? Vielleicht in der Nacht? Auf dem Nachhauseweg?«
»Nein. Du siehst ja, was hier los ist. Und so geht‘s zu, bis ich Schluss mach. Gerade dass ich zwischendurch zum Einkaufen komm«, klapperte ihr Mundwerk schon wieder munter am Bach der vorbeiziehenden Urlauber. »Wenn ich um eins zusperr, bin ich so platt, dass ich gerade noch die Treppe hoch komm. Ich freu mich echt schon auf den Winter.«
»Stimmt. Der Sommer macht dieses Jahr überhaupt keine Pause. Aber was ist mit deinen Gästen? Du kriegst doch bestimmt allerhand mit?«
»Das täuscht. Und was ich aufschnapp, geht in ein Ohr rein und aus dem andern wieder raus. So, jetzt muss ich aber wirklich.«
»Und was ist mit deinen Angestellten?«, griff Paulig noch einmal in die Zügel. »Dass von denen eine was aufgeschnappt hat?«
»Bitte sei mir nicht bös, aber darum kümmere ich mich nicht auch noch. Aber dass von denen eine so etwas für sich behalten würde, kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht versuchst du‘s mal unten in der Eisdiele. Siehst du die gelben Schirme? Die haben bis drei auf.«
Paulig streckte sich. Nicht weil die Erdkrümmung es verlangte, sondern um Einvernehmen herzustellen mit der Wirtin, für die alles wieder auf Schönste zusammenspielte.
Sie hatte der Kommissarin einen Weg gewiesen, jetzt sollte sie erst einmal Umsatz machen.
»Mach ich. Nur noch eine allerletzte Frage. Wenn du so im Stress bist, woher kommt es, dass du mich gestern beim Joggen gesehen hast?«
»Ich war kurz unten in Seehausen. Ich hol da immer meinen Honig.«
Die Kaffehausbetreiberin räumte leergeputzte Kuchenteller ab, nahm weitere Bestellungen auf, brachte den Kaffee und war dann länger nicht gesehen.
Eine Tasse lang nahm die Kommissarin sich zurück und schaute sich ein ins örtliche Treiben.
Zwischen vornehmlich ostdeutschen Urlaubern tummelten sich auffällig viele Italiener. Die wussten zwar auch nicht, was sie mit sich anfangen sollten, wiesen aber die schöneren Körper auf. Und sie fielen auch nicht in die Stühle, sondern nahmen Platz. Und wenn sie aufstanden, erhoben sie sich. Wie eine Gestreifte und eine Gepunktete, die ein lampionierter Sonnenschirm eben gegen einen überlebensgroßen Woody Allen tauschte. Der geriet prompt in die papierenen Leuchten, die entrüstet loszappelten. Ganz pflichtbewusster Amerikaner machte der Mann alles nur noch schlimmer. Wollte sie einzeln einfangen. Wenigstens fiel keine zu Boden. Gattin und Tochter trugen es mit der Gelassenheit professioneller Bingospieler, die asiatisch angehauchte Enkelin eine überdimensionale Zahnspange und um den Hals eine Kette aus bunten Kunstködern.
Am Nebentisch hatte sich derweil eine ›Süddeutsche Zeitung‹ niedergelassen. Zwei echsenartige Pranken klammerten sich an ihr fest, eine parkinös vibrierend.
Chemieriese Bayerland plant Übernahme des
japanischen Saatgutherstellers Sanmondo
… las Paulig in Gedanken, die bollernd kommentiert wurden.
»Das muss man sich mal vorstellen. Der größte Saatguthersteller der Welt wird aufgekauft von einer Firma, die bei uns ums Eck angefangen hat.«
Was wie ein Ofen klang, faltete das Blatt mit kühnem Schwung.
»Tatsächlich«, wollte sie nicht unhöflich sein gegenüber dem Alter, das die Gesprächspartner nimmt, wie sie kommen.
Sie trank aus, legte das Geld auf den Tisch und wünschte einen schönen Tag.
Während zwei Pärchen schon zum dritten Mal durch den Schatten der Schirme tauchten. Das klügere Paar hatte auch die Kellnerin im Auge. Aber einmal nicht aufgepasst und der Vorteil war dahin. Ein Stammgast, der aus der Gasse kam, war schneller.
Auf dem Weg hinunter zur Eisdiele inspizierte sie die Mariensäule. Nach der zweiten Umrundung betrat sie ein kleines Fürstentum aus bunten Schirmchen, Stühlchen und Tischchen, an denen die Italiener sich vorkamen wie daheim und die Ostdeutschen die eigentlichen Ausländer waren.
»Die Kommissarin aus der Stadt«, grüßte der Prinz der Eisbecher sie mit jugendlichem Furor. »Konstanze hat schon durchgeläutet, dass Sie kommen. Wenn Sie wollen, können Sie sofort anfangen. Ich brauch dringend noch jemand für die Nacht.«
»Und ich hab gedacht, hier geht die Welt unter wegen der toten Hunde«, kalauerte Paulig zurück.
»Quatsch. Ich seh das eher als Werbung. Das bricht die Idylle und hebt Murnau aus seiner Künstlichkeit. Aber das mit Röslein ist echt krass. Also, was ist, fangen Sie jetzt an bei mir?«
»Eher nicht. Sie können mir also auch nicht weiterhelfen? Nichts gesehen oder gehört?«, erwiderte Paulig sein breites Grinsen, während sie sich fragte, warum die Wirtin sich die Mühe machte, ihn vorzuwarnen.
»Nein, tut mir leid. Nichts. Nada. Und wenn ich zusperre, ist es so spät, dass ich eigentlich gleich wieder aufsperren könnte. Ich war noch kein einziges Mal am See.«
Die Wirtin kommt gerade noch die Treppe hoch, der Eisverkäufer nicht mal an den See. Paulig kamen die Tränen bei der Vorstellung, wie sie wohl den Winter verbrachten. Geld zählen unter Palmen.
»Sie Armer. Dann lass ich Sie mal wieder weiterarbeiten. Ich komm später nochmal vorbei. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen von Ihren Gästen, der was gesehen hat.«
»Sie meinen die üblichen Verdächtigen.« Der Eisverkäufer ging in die Knie und hebelte einen Kasten Bier auf die Theke. »Keine Sorge, die haben wir. Aber kommen Sie nicht zu spät. Die sind gut unterwegs. Alkoholtechnisch, mein ich.«
»Ich dachte, das ist ein Eiscafé?«, lachte Paulig.
»Auch«, befüllte der schnuckelige Mitzwanziger einen Kühlturm mit dem bayrischen Einheitsgetränk.
»Diversifizierung nennt man das heutzutage.«
»Genau. Nur nix auslassen«, knurrte ein des Wegs hinkender Gemüsehändler. »Was die da oben können, können wir schon lang.«
Geballte Fäuste steckten in einer Schürze, die sämtliche Dunkeltöne aufwies, die Mutter Natur zu vergeben hat. Aus trüben Augen funkelte alter Grant.
Das muss der Mann sein, der den Hund von der Säule schnitt, erinnerte sich Paulig an den Bericht und folgte ihm zu seinem Laden. Der war klein und dunkel und roch nach Erde.
Sie wartete, bis sie an der Reihe war und stellte ihre Fragen.
Aber auch der Mann mit der Ausstrahlung bibelfester Gemeindediener hatte nichts gesehen und nichts gehört. Röslein kannte er nur vom Wegschauen. Erwachsene Männer mit Pferdeschwanz. Er hätte schon gehört, dass er es hinter sich gebracht hätte. Aber wer auch immer ihm hinüberhalf, hätte sich nicht bei ihm vorgestellt.
»Irgendwas wird er schon ausgefressen haben«, brachte er sein verklebtes Toupet zum Tanzen und kam dann Knall auf Fall zum Schluss. »Haben doch alle Dreck am Stecken. Wenn das alles ist. Ich muss.«
