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Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Das hätte nicht passieren dürfen, es tut mir leid.« Wasser spritzte in das Chromwaschbecken. Dr. Daniel Norden stellte den Wasserhahn ab. Benjamin Gruber stand in der Tür zum Operationsbereich. Er hatte die Hände in die Kitteltaschen gesteckt und wagte es kaum, den Rücken seines Chefs Dr. Norden anzusehen. Daniel trocknete sich die Hände ab. Er warf das sonnengelbe Handtuch in den Wäscheeimer in der Ecke. Dann drehte er sich zu dem jungen Assistenzarzt um. »Neulich haben Sie die Operationsassistenz auch dem Kollegen überlassen. Was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie sind doch kein blutiger Anfänger mehr.« Benjamin wusste genau, was los war mit ihm. Sagen wollte er es trotzdem nicht. Nicht, bevor er herausgefunden hatte, welche Ursache seine Beschwerden hatten. Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.« Daniel drückte auf den Spender mit der Handcreme. Sensitiv und entzündungshemmend.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2019
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»Das hätte nicht passieren dürfen, es tut mir leid.« Wasser spritzte in das Chromwaschbecken. Dr. Daniel Norden stellte den Wasserhahn ab. Benjamin Gruber stand in der Tür zum Operationsbereich. Er hatte die Hände in die Kitteltaschen gesteckt und wagte es kaum, den Rücken seines Chefs Dr. Norden anzusehen.
Daniel trocknete sich die Hände ab. Er warf das sonnengelbe Handtuch in den Wäscheeimer in der Ecke. Dann drehte er sich zu dem jungen Assistenzarzt um.
»Neulich haben Sie die Operationsassistenz auch dem Kollegen überlassen. Was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie sind doch kein blutiger Anfänger mehr.«
Benjamin wusste genau, was los war mit ihm. Sagen wollte er es trotzdem nicht. Nicht, bevor er herausgefunden hatte, welche Ursache seine Beschwerden hatten. Er zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung.«
Daniel drückte auf den Spender mit der Handcreme. Sensitiv und entzündungshemmend. Mit dem frischen Duft nach Aloe Vera. Er verrieb die Creme auf der schrumpeligen Haut. Der allerschönste Moment – abgesehen vom erfolgreichen Verlauf eines Eingriffs – war das Gefühl frischer Luft auf den verschwitzten Händen. Der zweitschönste war die Creme. Wenigstens ein bisschen Trost in diesen schweren Zeiten.
»Also gut. Das ist Ihre Sache. Aber wenn es Ihnen jetzt wieder gut geht, können Sie sich am Operationsbericht versuchen. Die Kollegin Lektutat muss sich um die Patientin kümmern.«
»Natürlich. Ich erledige das. Sie werden keinen Grund zum Klagen haben.« Wie angewurzelt stand Benjamin immer noch in der Tür. Er dachte auch noch nicht daran zu gehen, als Daniel Norden an ihm vorbei den Operationsbereich verließ.
»Wirklich alles in Ordnung?«
»Ja, ja. Ich bin schon auf dem Weg.«
Daniel wartete darauf, dass ihm der junge Arzt folgte. Am Ende des Gangs trennten sich ihre Wege. »Bitte legen Sie mir den Bericht vor«, bat der Klinikchef noch. Erst dann ging er kopfschüttelnd davon.
Nur ein paar Schritte weiter hatte er Benjamin Gruber vergessen. Kein Wunder, gab es doch genug andere Dinge, über die er sich Sorgen machen musste. Zum Beispiel seine Frau Felicitas.
Nach einem Herzinfarkt und einer Kopfverletzung wusste sie nicht mehr, wer Freund und Feind war und glaubte ausgerechnet ihrem ärgsten Konkurrenten Volker Lammers. Seit Jahren trachtete er nach ihrem Posten. Diesmal standen die Zeichen wirklich günstig. Wenn Felicitas nicht bald ihre Erinnerung wiederfand, konnte Daniel Norden nichts mehr für seine Frau tun. Volker Lammers wäre am Ziel seiner Wünsche angelangt. Das war die eine Seite der Geschichte. Schlimm genug. Doch was aus seiner Ehe werden sollte, wenn Fee nicht wieder gesund wurde, darüber wollte Daniel gar nicht erst nachdenken.
Besser, sich auf den nächsten Patienten zu konzentrieren. Er besorgte sich die Akte aus dem Schwesternzimmer. Ein Auge auf den Flur gerichtet, überflog er die Informationen, die ein Kollege gesammelt hatte.
Tobias Lichte, 29 Jahre alt, am Vorabend eingeliefert. In den vergangenen Jahren litt er immer wieder unter stechenden Schmerzen im rechten Abdomen, die in den Rücken ausstrahlten. Er war fieberfrei, der Bauch weich und ohne tastbare Raumforderung, mit leichter Druckempfindlichkeit im rechten unteren Quadranten. Wegen des wiederholten Auftretens der Symptome war ein kontrastmittelverstärktes Computertomogramm angefertigt worden. Dabei hatte sich ein vergrößerter Blinddarm als Übeltäter gezeigt.
Daniel Norden klappte die Akte zu, klopfte und betrat das Zimmer.
Der junge Mann wartete im Bett auf den Besuch des Arztes und vertrieb sich die Zeit mit seinem Handy.
Dr. Norden kannte die Melodie des Computerspiels. Sein jüngster Sohn Janni spielte das Autorennspiel selbst. Einmal hatte er sich herabgelassen, seinem Vater die Strecken zu zeigen. Er hatte ihm erklärt, wie man mit den PS-starken Autos mächtige Sprünge machte, Überschläge hinlegen und sich in Wettbewerben mit anderen Spielern messen konnte. Seitdem hatte er seinem Vater kein Spiel mehr erklärt.
»Das Spiel kenne ich«, begrüßte Daniel Norden den jungen Mann und warf einen Blick über seine Schulter auf den kleinen Bildschirm. »Magic Cars.«
»Ich bin schon ganz schön weit.« Tobias Lichte starrte auf das Display, lenkte seinen Wagen mit angehaltenem Atem über den anspruchsvollen Parcours. Eine scharfe Kurve bereitete dem Vergnügen ein Ende. »Mist. Schon wieder rausgeflogen.«
»Sie hätten weiter ausholen müssen«, erklärte Daniel. »Darf ich mal?«
»Natürlich. Gern.« Sichtlich amüsiert reichte Tobi sein Mobiltelefon an den Klinikchef weiter.
»Dann wollen wir mal sehen.« Daniel startete das Spiel. Zehn Sekunden später war der Spaß auch schon wieder vorbei. »Es hat einen Grund, warum mein Sohn mir keine Spiele mehr zeigt.« Schmunzelnd gab Daniel das Gerät zurück. »Wie heißt es so schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten.«
»Wenn Sie meinen Blinddarm genauso schnell entfernen, wie Sie das Auto an die Wand gesetzt haben, sind Sie mein Mann«, erwiderte Tobias.
Sein Lachen klang nicht echt.
*
Nach und nach erinnerte sich Felicitas. Wenigstens an gestern. Sie wachte auf und wusste: Sie lag in der Behnisch-Klinik, weil sie einen Herzinfarkt gehabt hatte. Infolgedessen war sie gestürzt.
Eine schwere Gehirnerschütterung, möglicherweise in Kombination mit der Herzattacke, war dafür verantwortlich, dass sie sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern konnte. Sie litt unter einer ausgeprägten retrograden Amnesie. Die jungen Menschen, die sie besuchten, waren ihre Kinder. Der Mann, der nicht mehr versuchte, sie zu küssen, ihr Ehemann Daniel. Er machte gemeinsame Sache mit einem Victor Lammers. Oder hieß er Volker? Egal. Jedenfalls hatte dieser Lammers ihr gesagt, dass Daniel schon eine neue Stelle in der Klinik für sie suchte. Eine, der sie in Zukunft gerecht werden konnte. Denn dass sie nicht mehr in der Lage sei, die Pädiatrie zu führen, sei ja wohl sonnenklar. Diesem Dr. Daniel Norden konnte sie also nicht mehr trauen. Aber auch bei Lammers hatte sie ein schlechtes Gefühl.
Felicitas saß am Tisch am Fenster ihres Krankenzimmers und fuhr sich über die Augen. Wenn sie sich nur erinnern könnte … Doch so sehr sie sich auch abmühte, die Türen in ihrem Kopf blieben verschlossen.
Es klopfte, und Fee drehte sich erleichtert um. Endlich musste das Gedankenkarussell einen Stopp einlegen.
»Frau Schramm!«
Sie erkannte die Psychologin, eine hagere Frau Anfang Vierzig mit einem Gesicht wie ein grob behauener Holzklotz.
Gerda Schramm reichte ihrer Patientin eine kühle Hand mit rauer Haut.
Wie Baumrinde, wusste Fee, noch bevor sie sie nahm und drückte. Wenn sie sich doch auch an den Rest ihres Lebens so gut erinnern könnte!
»Sie erinnern sich an mich! Das ist ein gutes Zeichen.«
»Ich erinnere mich an alles nach dem Unfall. Aber was ist mit dem Davor?«
Die Psychologin setzte sich und schlug ein Bein über das andere. Felicitas befürchtete, die Beine könnten bei dieser waghalsigen Bewegung abbrechen.
»Dazu kann ich leider keine verlässlichen Angaben machen«, erwiderte sie. Ihr Fuß wippte wie ein Ast im Wind. »Es ist denkbar, dass der Zeitraum, an den Sie sich nicht erinnern, mit der Zeit kleiner wird. Es kann sein, dass auf der weißen Landkarte des Vergessens plötzlich farbige Flecken auftauchen. Wie entdecktes Land.« Der Vergleich schien ihr zu gefallen. Gerda Schramm lächelte. »Es wäre auch denkbar, dass Ihnen alles auf einen Schlag wieder einfällt. Oder auch nicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist das Problem an der Sache: Ich kann es Ihnen nicht sagen.«
Diese Worte stürzten Felicitas Norden in tiefe Verzweiflung. Als ihr Daniel von der Psychologin erzählt hatte, hatte sie so große Hoffnungen gehabt. Und nun?
»Ich dachte, es gäbe Möglichkeiten, Erinnerungen wiederzufinden.«
»Das gilt leider nur dann, wenn ein Mensch seine Erinnerung durch ein traumatisierendes Erlebnis verloren hat. Nicht aber bei einem körperlichen Auslöser.«
Fee saß da wie ein Mädchen, das den Weg nach Hause nicht mehr fand.
»Und was soll ich jetzt tun?«
Die Psychologin setzte sich kerzengerade auf und nahm ihre Patientin ins Visier.
»Trainieren Sie ihr Gedächtnis. Gebrauchen Sie Ihren Kopf. Spielen Sie Computerspiele. Lösen Sie Sudoku-Rätsel. Und vor allen Dingen: Arbeiten Sie so schnell wie möglich wieder.« Sie erhob sich. Mehr gab es in diesem Fall nicht zu tun. »Je mehr Sie Ihre grauen Zellen füttern, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Erinnerungen zurückommen.« Wieder spürte Felicitas die Baumrindenhand in ihrer. »Ich wünsche Ihnen alles Gute.«
*
Dr. Gruber saß am Schreibtisch und starrte auf den Computerbildschirm. Da war es wieder, dieses Flimmern in den Augen. Ein Teil des Bildschirms löste sich in irisierenden Regenbogenfarben auf.
»So ein Mist!« Benjamin rückte näher an den Monitor heran. Mit Mühe konnte er das eben Geschriebene entziffern. Sein Herz trommelte in seiner Brust. »Reiß dich zusammen, Benni! Der Bericht ist wichtig, sonst bist du die Assistenzarztstelle schneller los, als dir lieb ist.« Er holte tief Luft und schrieb weiter. »Zugang Hautschnitt medio ventraler Tibiakopf. Zur Entnahme der Semitensubiazaawgbw …«
Unbemerkt war Dr. Lekutat hinter ihn getreten.
»Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Semitendinosussehne herausgeschnitten. Bei dieser Gelegenheit können Sie mir erklären, was das überhaupt ist.«
Benjamin Gruber fuhr herum und starrte die Chirurgin an. Zugegeben, das Regenbogenmuster war schön. Aber nicht, wenn es in ihrem Gesicht flimmerte.
»Der Musculus semitendinosus ist einer der Skelettmuskeln auf der hinteren Seite des Oberschenkels«, sagte er wie aus der Pistole Geschossen. »Er streckt das Hüftgelenk und dient häufig als Ersatz eines gerissenen vorderen Kreuzbandes im Knie.«
»Sehr gut.« Christine nickte. »Und jetzt erklären Sie mir bitte, was mit Ihnen los ist. Das war ja nicht Ihr erster Ausfall im OP. Abgesehen von all den anderen Kleinigkeiten.«
Benjamin Gruber schluckte.
»Ich weiß gar nicht, was Sie meinen«, stammelte er und wandte sich wieder dem Monitor zu.
Christine Lekutat verschränkte die gepolsterten Arme unter der Brust.
»Meiner Ansicht nach leiden Sie an einer Sehstörung. Sie haben drei Mal neben das Skalpell gefasst, bis sie es endlich in der Hand hielten.
Benjamin räusperte sich. Warum konnte er sich nicht genauso auflösen wie das Computerbild vor seinen Augen?
»Ich … ich habe das seit ein paar Wochen. Aber nicht immer. Nur manchmal.«
»Dann würde ich mir an Ihrer Stelle einen neuen Beruf suchen. Mit diesen Augen schneiden Sie einem Blinddarmpatienten am Ende noch ein Auge raus.« Sie lachte über ihren Witz.
Dr. Gruber lief ein Schauer über den Rücken.
»Dass die Augen ab und zu mal müde sind, ist doch ganz normal. Das kann viele Ursachen haben.«
Die Schranktüren klapperten, Christine nahm zwei Tüten mit frisch sterilisierten Scheren heraus.
»Interessant. Dann lassen Sie mal hören!«, verlangte sie. Die Tüten in ihren Händen raschelten.
Benjamin starrte auf den Bildschirm.
»Zum Beispiel Stress …«
»Mir kommen die Tränen.«
»Überanstrengung und Übermüdung.«
»Wenn Sie glauben, mit diesen Ausreden meinen Patientenbriefen zu entkommen, haben Sie sich geirrt.« Sie lächelte. »Weiter!«
Benjamin zog den Kopf ein.
»Vitaminmangel. Eine drohende Migräne oder eine Schilddrüsenerkrankung …«
»Fehlt noch Fernweh oder hormonelle Verwirrung«, spottete die Lekutat. »Oder Zuckermangel. Essen Sie ein Stück Schokolade. Wenn Ihre Probleme dann besser sind, haben Sie als Chirurg noch eine Chance. Eine kleine wenigstens.« Sie nickte seinem Rücken zu.
Ihre Schritte entfernten sich, und Benjamin Gruber atmete auf. Er lehnte sich zurück und schloss eine Weile die Augen. Als er sie ein paar Minuten später wieder öffnete, war der Regenbogen verschwunden.
»Na bitte«, stöhnte er erleichtert auf und machte sich wieder an die Arbeit. Höchste Zeit, den Bericht zu beenden!
*
»Und das hier ist die Klinik am Wald. Sie ist spezialisiert auf Rehabilitation nach Herzinfarkten.« Daniel Norden hatte eine bunte Palette an Prospekten vor seiner Frau ausgebreitet. Fee saß am Tisch. Schwer zu sagen, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte. »Was meinst du? Welche gefällt dir am besten?«
Endlich wendete sie ihm das Gesicht zu.
»Keine. Ich werde nicht zur Reha gehen.«
Viele Dinge hatten sich nach dem Unglück verändert. Der Blick seiner Frau zum Beispiel, mit dem sie ihn musterte. Keine Liebe lag mehr darin. Nur noch blankes Misstrauen. Oder ihre Unfähigkeit, sich lange auf etwas zu konzentrieren. Ihre Appetitlosigkeit. Eine Sache war allerdings gleich geblieben: Wenn ihre Stimme so klang, duldete sie keinen Widerspruch.
Daniel stützte den Kopf in die Hände und seufzte. Die vergangenen Wochen hatten ihm alles abverlangt. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.
»Die Rate an Post-Infarkt-Depressionen ist sehr hoch. Etwa drei Viertel der Patienten sind davon betroffen«, beschwor er Fee. Gleichzeitig wusste er um das Risiko. Jedes Wort konnte sie in den falschen Hals bekommen. Trotzdem fuhr er fort. »Deshalb ist die Reha immens wichtig, um Ängste zu verlieren und das Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen.«
