Endstation für eine Liebe - Patricia Vandenberg - E-Book

Endstation für eine Liebe E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Wenn du mich liebst, dann unterschreibst du diese Bürgschaft für mich.« Drohend schwebten Franks Worte im Raum, und Saskia starrte den Mann, mit dem sie seit zehn Jahren vermeintlich glücklich verheiratet war, ungläubig an. »Was hast du da gesagt?«, flüsterte sie zutiefst getroffen. »Du hast mich genau verstanden. Sasa, wenn du das nicht für mich tust, sind wir ruiniert. Ohne deine Unterschrift bekomme ich keinen Cent mehr von der Bank. Ich werde das Geschäft aufgeben müssen. Was das für uns und unsere Familie bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu erklären. Willst du wirklich unser Leben ruinieren?« Saskia schnappte empört nach Luft. »Wer war es denn, der unser Leben zerstört hat? Habe ich etwa ein Juweliergeschäft übernommen, von dem ich keine Ahnung habe? Habe ich über Jahre hinweg fehlinvestiert und nicht eingesehen, dass ich keine Ahnung von Geschäftsführung habe?« »Das ist einfach unverschämt, was du da sagst! Ich hatte Pech, das ist alles. Das kann doch jedem mal passieren.« »Wenn du nur für dich selbst verantwortlich wärst, könnte ich es ja noch verstehen. Schließlich hat jeder Mensch Träume, die er verwirklichen möchte. Aber dass du als Vater von zwei Kindern deine Stelle gekündigt hast, um dich selbstständig zu machen, war ein unverzeihlicher Fehler.«

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 93 –Endstation für eine Liebe

Es war ein Irrtum

Patricia Vandenberg

»Wenn du mich liebst, dann unterschreibst du diese Bürgschaft für mich.« Drohend schwebten Franks Worte im Raum, und Saskia starrte den Mann, mit dem sie seit zehn Jahren vermeintlich glücklich verheiratet war, ungläubig an.

»Was hast du da gesagt?«, flüsterte sie zutiefst getroffen.

»Du hast mich genau verstanden. Sasa, wenn du das nicht für mich tust, sind wir ruiniert. Ohne deine Unterschrift bekomme ich keinen Cent mehr von der Bank. Ich werde das Geschäft aufgeben müssen. Was das für uns und unsere Familie bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu erklären. Willst du wirklich unser Leben ruinieren?«

Saskia schnappte empört nach Luft.

»Wer war es denn, der unser Leben zerstört hat? Habe ich etwa ein Juweliergeschäft übernommen, von dem ich keine Ahnung habe? Habe ich über Jahre hinweg fehlinvestiert und nicht eingesehen, dass ich keine Ahnung von Geschäftsführung habe?«

»Das ist einfach unverschämt, was du da sagst! Ich hatte Pech, das ist alles. Das kann doch jedem mal passieren.«

»Wenn du nur für dich selbst verantwortlich wärst, könnte ich es ja noch verstehen. Schließlich hat jeder Mensch Träume, die er verwirklichen möchte. Aber dass du als Vater von zwei Kindern deine Stelle gekündigt hast, um dich selbstständig zu machen, war ein unverzeihlicher Fehler.«

»Das war das Risiko. Ich habe niemals einen Hehl daraus gemacht. Und du warst bereit, es mit mir zu tragen«, erklärte Frank und blickte Saskia beschwörend in die Augen.

»Ich habe dir vertraut wie nie zuvor einem Menschen in meinem Leben. Du hast mich bitterenttäuscht. Jetzt ist es zu spät«, flüsterte Saskia erschöpft. Zu oft war diese Diskussion in den vergangenen Jahren schon geführt worden, zu aussichtslos die Situation, in die er seine Familie gebracht hatte. Saskia spürte, dass sie beinahe am Ende ihrer Kräfte war. Sie musste handeln, wollte sie noch etwas retten. »Ich kann nicht mehr, Frank. Ich werde diese Bürgschaft nicht unterschreiben. Und ich werde mich von dir trennen.« Endlich war der Gedanke ausgesprochen, den sie schon seit Monaten in sich trug. Erstaunt stellte Saskia fest, dass es nicht halb so schwer gewesen war, ihn auszusprechen, als sie gefürchtet hatte. Stolz warf sie den Kopf in den Nacken und blickte ihrem Mann in die Augen. Und diesmal wich sie nicht wie sonst scheu seinem Blick aus. Sie blieb hart und spürte eine nie gekannte Stärke in sich. »Es ist zu Ende.«

Aus Franks Gesicht war jede Farbe gewichen. »Das kannst du nicht tun.«

»Und ob ich das kann! Ich werde es dir beweisen. Lieber bin ich für die Mädchen und mich alleine verantwortlich, als dass ich ständig mit einem Unsicherheitsfaktor wie dir leben wollte.«

»Unsicherheitsfaktor? Schön, dass ich endlich erfahre, was du von mir denkst. Das ist also der Dank für die harte Arbeit, die ich seit Jahren leiste, um euch allen erdenklichen Luxus zu ermöglichen«, empörte sich Frank laut-stark.

Saskia lachte hämisch auf.

»Luxus? Was gönne ich mir denn schon noch großartig? Ich habe weder eine Putzfrau noch eine Kosmetikerin. Anders als du leiste ich mir keine wöchentlichen Massagen. Ich kann mir noch nicht mal eine neue Lesebrille machen lassen, weil mir dazu das Geld fehlt. Und du sprichst von Luxus?«

»Ich gönne mir auch nichts, keine Sorge. Glücklicherweise bin ich ein sehr bescheidener Mensch ...«

»... der sehr entspannt vom Gehalt seiner Frau lebt und Vergrößerungspläne für sein Geschäft macht, das nichts als rote Zahlen schreibt.«

»Da sieht man mal, dass du keine Ahnung vom Geschäft hast«, rief Frank erbost, und erneut fand sich das Ehepaar im schönsten Streit wieder, der so oder mit ähnlichem Wortlaut schon oft geführt worden war. Zornig funkelten sich die Eheleute an und überlegten, welche Beleidigungen und Argumente sie noch ins Feld führen konnten, als sich die Wohnzimmertür leise öffnete und ein Teenager sein missmutiges Gesicht hereinsteckte.

»Könnt ihr wenigstens leiser streiten, wenn ihr es schon nicht lassen könnt?«, fragte die sechzehnjährige Nele mit betont gelangweilter Miene. »Ich schreibe morgen eine Mathearbeit und muss ausgeschlafen sein.«

»Schon gut, Mäuschen, es tut mir leid, wenn wir dich gestört haben«, erklärte Saskia seufzend. »Es wird nicht mehr vorkommen.«

»Weil deine Mutter mir eben erklärt hat, dass sie sich von mir trennen will«, versetzte Frank mit schneidender Stimme. Saskia starrte ihn empört an.

»Muss das sein, dass du ihr das ausgerechnet auf diese Weise sagst? Das müssen wir in aller Ruhe mit den Kindern besprechen.«

»Gib dir keine Mühe, Mama. Julia und ich wissen doch schon längst, dass das nicht mehr lange gut geht mit euch. Das war ohnehin nur noch eine Frage der Zeit«, erklärte Nele mit abfälliger Miene.

Die Eltern starrten fassungslos auf ihre beinahe erwachsene Tochter. Wenn Frank erwartet hatte, Schützenhilfe von ihr zu erhalten, so musste er jetzt einsehen, dass sie nicht daran dachte, sich in den Konflikt der Eltern einzumischen. Das kam für ihn einer erneuten Niederlage gleich. Aber Nele zuckte nur mit den Schultern und gähnte.

»Ich sehe das ganz pragmatisch. Dann hat wenigstens diese ewige Streiterei ein Ende. Das muss ich gleich Julia erzählen.«

»Schläft deine Schwester auch noch nicht?«, fragte Saskia mit einem beunruhigten Blick auf die Uhr.

»Wie denn bei dem Lärm? Gute Nacht.« Mit diesen Worten zog Nele ungerührt die Tür zu. Auf der Treppe waren ihre tappenden Schritte zu hören, dann war alles still.

Frank starrte ihr mit offenem Mund nach. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, und er erhob sich.

»Schön, wenn ich hier nicht mehr erwünscht bin, dann kann ich jetzt gleich gehen«, zog er sein letztes Register. »Aber glaube ja nicht, dass du morgen angekrochen kommen und mich um Vergebung bitten kannst. Das hier ist die Endstation.« Erwartungsvoll sah er auf Saskia hinab, die seinem Blick tapfer standhielt. Diese überhebliche Drohung machte es ihr nur noch leichter, einen Schlussstrich zu ziehen.

»Keine Sorge, ich weiß ganz genau, was ich tue.«

»Dann ist es ja gut.« Wütend stob Frank aus dem Zimmer. Mit bangem Herzen hörte Saskia, wie er im oberen Stockwerk auf und ab lief. Offenbar packte er seine Sachen.

Tatsächlich kam er kurz darauf mit seiner alten Sporttasche über der Schulter herunter. Ohne sich von Saskia zu verabschieden oder noch ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er polternd das Haus. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Kurz darauf heulte der Motor seines Wagens auf. Rasch entfernte sich das Geräusch. Dann war alles still.

Saskia saß regungslos auf der Couch und lauschte. Zum ersten Mal seit Jahren bemerkte sie das Ticken der schweren Standuhr, das ihr so sehr zur Gewohnheit geworden war. Ein dunkles Läuten schlug die Uhrzeit an. Ihr neues Leben hatte begonnen.

*

Es blieb nicht aus, dass sich diese Entwicklung im Hause Arend herumsprach. Auch in der Schule von Nele und Julia machte sie die Runde, und eines Tages kam Anneka Norden nach dem Unterricht bedrückt nach Hause. Schon als sie sie begrüßte, bemerkte Felicitas, dass mit ihrer sensiblen Tochter etwas nicht stimmte.

»Nanu, so ernst heute? Was ist denn passiert, mein Herz?«, fragte sie und strich dem Teenager liebevoll über das lange Haar.

»Sag mal, Mami, ihr trennt euch nicht, oder?«

»Natürlich nicht! Warum sollten wir?«, rief Fee angesichts dieser unerwarteten Frage überrascht aus. »Papi und ich gehören zusammen wie Himmel und Erde. Es gibt nichts, was uns trennen kann.«

»Sicher?«, kam die bange Rückfrage.

»Ganz sicher. Aber was ist denn? Erzähle mir, was geschehen ist.«

»Du kennst doch Julia Arend aus meiner Klasse. Sie hat heute erzählt, dass sich ihre Eltern nach achtzehn Jahren Ehe getrennt haben.«

»Achtzehn Jahre ist eine lange Zeit«, erklärte Felicitas betroffen. »Hat sie auch über die Gründe gesprochen?«

»Ihr Eltern streiten sich schon lange. Seit sich Julias Papa selb-ständig gemacht hat und das Geld nicht reicht, gibt es immer wieder Ärger. Julias Mama muss sich um alles alleine kümmern. Sie verdient das Geld, kümmert sich um den Haushalt und die Kinder und führt auch noch die Bücher für ihren Mann.«

»Und was trägt Herr Arend zur Familie bei?«

»Er steht den ganzen Tag in seinem Geschäft und schmiedet Vergrößerungspläne, um mehr Umsatz zu machen. Dabei läuft es jetzt schon nicht.«

»Das klingt nach einer verfahrenen Situation«, seufzte Felicitas voller Mitgefühl. »Wenn einer das Gefühl hat, alle Last liegt auf seinen Schultern, ist das nie eine gute Sache.«

Anneka schmiegte sich eng an ihre Mutter. Schon als Kind war sie sehr sensibel und mitfühlend gewesen, eine Eigenschaft, die sie auch mit zunehmenden Jahren nicht verloren hatte. »Jetzt ist Julias Papa ausgezogen.«

»Weißt du, manchmal ist so eine Entscheidung notwendig. Wenn man sich nur noch streitet und sich Vorwürfe macht, ist es besser, man geht sich eine Weile aus dem Weg. Danach erscheint manches in einem anderen Licht, was vorher aussichtslos schien.«

»Aber Julias Papa hat gesagt, dass er nicht mehr zurückkommt.«

»In der Hitze eines Streits sagt man vieles, was man gar nicht so meint«, versuchte Fee, ihre Tochter zu trösten. »Und man ändert im Laufe der Zeit oft seine Meinung. Ich habe Julias Eltern als fürsorgliche und verantwortungsbewusste Menschen kennengelernt. Sie werden sich bestimmt gut überlegen, was das Beste für ihre Kinder und sie selbst ist.«

»Kann es denn gut sein für Kinder, wenn die Eltern auseinandergehen? Also, ich fände es schrecklich, mich zwischen Papi und dir entscheiden zu müssen. Da würde ich gleich zu Anne und Opi ziehen.«

»Du fändest es sicher auch nicht schön, wenn es bei uns immerzu nur Streit gäbe. Da machte das Zusammenleben auch keinen Spaß mehr. Viele Paare, die sich getrennt haben, finden später als Freunde wieder zusammen und verstehen sich besser als je zuvor. Und du musst ganz bestimmt nicht darüber nachdenken, wohin du ziehen sollst. Papi und ich lieben und verstehen uns jeden Tag ein wenig mehr«, versuchte Felicitas, ihre Tochter von den trüben Gedanken abzubringen. Das schien kein leichtes Unterfangen zu sein. Was sie auch sagte, es wollte ihr nicht gelingen, ein Lächeln auf den kindlichen Mund zu zaubern.

»Ihr seid aber Freunde und trotzdem ein Paar.«

»Wir haben eben Glück gehabt. Und wir haben stets auf uns und unsere Partnerschaft geachtet. Papi war niemals selbstverständlich für mich. Und ich nicht für ihn. Ich glaube, das ist der Fehler, den viele Paare machen. Sie betrachten den anderen als Besitz und nicht als eigenständigen Menschen mit Gefühlen und eigenen Gedanken. Papi und mir ist das immer gut gelungen. Sicher, auch wir haben unsere Probleme und Sorgen miteinander gehabt. Aber wir haben keine Sekunde daran gezweifelt, dass wir zusammengehören. Nun sind alle Klippen umschifft und wir befinden uns in einem Stadium unserer Beziehung, wo wir die Früchte unserer harten Arbeit ernten dürfen«, erklärte Felicitas, und ihr Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck.

Angesichts dieser leidenschaftlich gesprochenen Worte erhellte endlich ein Strahlen Annekas Gesicht. Wie immer hatte es Felicitas, schließlich doch noch vermocht, sie zu trösten. Schon blickte das Mädchen wieder optimistischer in die Zukunft.

»Das werde ich alles Julia auch erzählen. Sie war nämlich ganz schön sauer auf ihre Eltern und hat überlegt, ob sie davonlaufen soll, damit die beiden vernünftig werden.«

»Du liebe Zeit. Mit so einem Unsinn richtet sie womöglich nur noch mehr Schaden an. Stell dir mal vor, welche Vorwürfe Julias Vater seiner Frau machen würde. Damit wäre der nächste Streit schon vorprogrammiert«, gab Fee sorgenvoll zu bedenken.

»Stimmt eigentlich. Ich werde gleich morgen noch mal mit ihr reden. Am besten, sie lässt die Erwachsenen selber machen.«

»Das sehe ich genauso.«

Stolz blickte Felicitas auf ihre älteste Tochter hinab. Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie ebenso groß war wie sie selbst. Aus kleinen Kindern wurden junge Menschen und schließlich Erwachsene. Und so sehr Fee in Babys vernarrt war, so sehr genoss sie es, ihre Kinder als selbstständige Wesen heranwachsen zu sehen, die sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Belange der anderen kümmerten und sich kritisch mit ihrer Umwelt auseinandersetzten.

*

Auch Saskia hatte sich insgeheim mit der Hoffnung getragen, eine vorläufige Trennung würde Frank zur Vernunft bringen und ihn dazu bewegen, über seine finanzielle Situation und sein Verhalten nachzudenken. Als ihr jedoch einige Tage nach der Auseinandersetzung ein Anwaltsschreiben ins Haus flatterte, sank ihre Hoffnung auf den Nullpunkt.

»Euer Vater will die endgültige Trennung. Er hat seinen Anwalt damit beauftragt, eine Scheidungsvereinbarung zu verfassen«, erklärte sie ihren Töchtern mit bedrückter Miene am Abendbrottisch. Falls sie aber gehofft hatte, auf Verständnis zu stoßen, irrte sie sich gewaltig.

»Du hast es doch so gewollt, Mama«, konterte Nele, die Ältere, erbarmungslos und blitzte ihre Mutter aus zornig funkelnden Augen an.

Die vierzehnjährige Julia schwieg mit gespannter Miene, während Saskia heftig widersprach.

»Nein, das habe ich nicht. Euer Vater hat mich zu diesem Schritt gezwungen. Versteht ihr nicht, dass ich einfach keine Kraft mehr habe? Ständig diese finanziellen Sorgen, die Gedanken darüber, ob mein Gehalt reichen wird, das nächste Loch, das euer Vater in die Kasse reißt, zu stopfen. Allein diese psychische Belastung ist Grund genug für schlaflose Nächte, seit vielen Jahren schon. Ich kann einfach nicht mehr weiter.«

Von dieser Seite aus hatten die beiden Mädchen die Probleme ihrer Mutter noch nie betrachtet. Schuldbewusst senkten sie die Augen.

»Warum hast du denn niemals mit uns darüber gesprochen?«

»Weil ich euren Vater nicht in Misskredit bringen wollte. Und es immer noch nicht möchte, das müsst ihr mir glauben«, bat Saskia inständig. »Ich habe ihm so sehr vertraut, dass er es doch noch schafft irgendwann. Diese grenzenlose Loyalität hat mich beinahe meine Gesundheit gekostet.« Saskias Augen schwammen in Tränen vor Rührung und Liebe. »Ich glaube, ich habe es nur euch zu verdanken, dass ich jeden Morgen wieder aufgestanden bin. Manchmal wäre ich allzu gerne liegen geblieben, um nur noch zu schlafen, für immer«, gestand sie leise.

»Hat Papa das gewusst?«

»Ich habe mehr als einmal mit ihm darüber gesprochen. Aber es kam immer zum Streit. Er meinte, er tue ohnehin schon alles und ich hätte ihm versprochen, zu ihm zu halten. In guten wie in schlechten Zeiten. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass er mich alleine lässt, nicht umgekehrt.«

»Komisch, dass immer der eine vom anderen denkt, er wäre schuld«, bemerkte Nele. »Wenn das so ist, heirate ich mal nicht.«

»Das darfst du nicht sagen. Schließlich hatten Papa und ich auch sehr schöne Zeiten. Leider scheint er sich nicht daran zu erinnern, wenn er gleich auf der Scheidung besteht.«

»Ich verstehe dich schon irgendwie. Trotzdem ist es schade, dass Papa weg ist«, erklärte Julia zurückhaltend. Sie befand sich mitten in der Pubertät und war gefangen in einem Chaos an Gefühlen. In der einen Minute war sie zornig auf ihre Mutter und wünschte sie in die Hölle. In der anderen fühlte sie eine tiefe Liebe und ein unglaubliches Verständnis und zürnte ihrem Vater. Manchmal hasste sie auch beide, aber meistens verzehrte sie sich aus Liebe und Sehnsucht nach beiden.

*