Engel aus Eis - Camilla Läckberg - E-Book
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Beschreibung

Das Dorf Fjällbacka ist alarmiert: Der pensionierte Geschichtslehrer Erik Frankel wurde ermordet. Der beliebte alte Mann war ein angesehener Spezialist für die NS-Zeit. Die Ermittlungen der schwedischen Polizei konzentrieren sich auf Neonazikreise. Doch Erica Falck vermutet das Motiv in Frankels Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrer Mutter hatte er den Widerstand gegen die deutschen Besatzer unterstützt. Dunkle Jahre, über die Ericas Mutter nie gesprochen hat. Für Erica ist es an der Zeit, das große Geheimnis ihrer Mutter zu ergründen. Damit gerät sie ins Visier des Mörders.

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Camilla Läckberg

ENGEL AUS EIS

Kriminalroman

Aus dem Schwedischenvon Katrin Frey

L i s t

Die Originalausgabe erschien 2007unter dem Titel Tyskungenbei Forum, Stockholm.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wieetwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oderÜbertragung können zivil- oder strafrechtlichverfolgt werden.

List ist ein Verlag derUllstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-471-92008-4

© 2007 by Camilla Läckberg © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Satz und E-Book: LVD GmbH, Berlin

FürWille und Meja

In der Stille waren nur die Fliegen zu hören. Das Surren ihrer hektischen Flügelschläge. Der Mann auf dem Stuhl dagegen rührte sich nicht und hatte das auch schon seit geraumer Zeit nicht getan. Eigentlich war er gar kein Mann mehr, jedenfalls nicht, wenn man sich darunter jemanden vorstellte, der lebte, atmete und fühlte. Er war nur noch Nahrung. Eine Herberge für Insekten und Larven.

Fliegen in Massen umschwirrten die reglose Gestalt. Ab und zu ließen sie sich nieder. Kauwerkzeuge mahlten. Dann hoben die Insekten wieder ab und suchten surrend nach einem neuen Landeplatz. Sie tasteten sich vor und stießen zusammen. Rings um die Wunde am Kopf des Mannes war es besonders interessant. Der anfänglich metallische Blutgeruch war längst einem muffigeren und süßeren Duft gewichen.

Das Blut war geronnen. Zu Beginn war es am Hinterkopf hinuntergeflossen, über die Rückenlehne gelaufen und auf den Fußboden getropft, wo es sich schließlich in einer Lache gesammelt hatte. Zuerst war es rot. Da war es noch voller lebender Blutkörperchen. Dann war es schwarz geworden. Nun konnte man nicht mehr erkennen, dass es sich um die Flüssigkeit handelte, die in den Adern eines Menschen fließt. Es war nur noch eine klebrige dunkle Masse.

Einige Fliegen versuchten, ins Freie zu gelangen. Sie waren satt und zufrieden. Sie hatten ihre Eier gelegt. Die Kiefer hatten ihre Arbeit erledigt, und die Bäuche waren voll. Der Hunger war gestillt. Nun wollten sie hier raus. Sie schlugen mit den Flügeln an die Scheibe und bemühten sich vergeblich, die unsichtbare Barriere zu überwinden. Es klang wie leises Klopfen. Früher oder später gaben sie auf, weil sie wieder Hunger bekamen. Sie flogen dorthin, wo einst ein Mann gesessen hatte. Nun war nur noch totes Fleisch von ihm übrig.

Den ganzen Sommer war Erica um das Thema herumgeschlichen, das ihr ständig durch den Kopf ging. Sie hatte das Für und Wider gegeneinander abgewogen und sich auf den Weg zum Dachboden gemacht, war aber immer nur bis zur Treppe gekommen. Sie hätte sich damit rechtfertigen können, dass in den letzten Monaten viel los gewesen war. Die Nachwehen der Hochzeit, das Chaos zu Hause, als Anna und die Kinder noch bei ihnen wohnten. Doch das war nicht die ganze Wahrheit. Sie hatte einfach Angst. Vor dem, was sie vielleicht entdecken würde. Angst, etwas aufzuwühlen. Möglicherweise würden Dinge ans Licht kommen, von denen sie lieber nichts wusste.

Erica spürte, dass Patrik mehrmals kurz davor gewesen war, sie darauf anzusprechen. Er konnte nicht verstehen, warum sie die Bücher nicht las, die sie auf dem Dachboden gefunden hatten. Gefragt hatte er sie trotzdem nicht. Sie hätte auch keine Antwort gewusst. Am meisten Angst hatte sie wahrscheinlich, ihre Sicht der Dinge könnte sich als falsch herausstellen. Das Bild, das sie von ihrer Mutter und deren Verhalten den Töchtern gegenüber hatte, war nicht besonders positiv, aber immerhin hatte sie eins. Es war ihr vertraut und stand seit Jahren fest, wie eine unumstößliche Wahrheit. Vielleicht würde es bestätigt oder sogar noch deutlicher werden. Doch was, wenn es auf den Kopf gestellt würde? Wenn sie sich einer vollkommen neuen Wirklichkeit stellen müsste? Bis jetzt hatte ihr der Mut dazu gefehlt.

Erica betrat die erste Treppenstufe. Unten im Wohnzimmer brachte Patrik die kleine Maja zum Lachen. Diese Töne waren so beruhigend, dass sie noch einen Fuß auf die Treppe setzte. Noch fünf Schritte, dann war sie oben.

Als sie die Luke aufklappte und auf den Dachboden stieg, wirbelte Staub durch die Luft. Sie und Patrik wollten den Boden irgendwann in ferner Zukunft, wenn Maja älter war und sich ein bisschen Abgeschiedenheit wünschte, gemütlich einrichten, aber bislang gab es hier oben nur rohe Holzdielen und nackte Dachbalken. Der Raum war halbvoll mit Gerümpel. Weihnachtsbaumschmuck, Kinderklamotten, aus denen Maja herausgewachsen war, und diverse Kisten voller Krempel, der für die Wohnräume zu hässlich, aber zum Wegwerfen zu schade war.

Die Kiste stand hinten in der Ecke. Es war ein altes Modell aus Holz und Blech. Erica meinte sich zu erinnern, dass man diese Kisten Überseekoffer nannte. Sie setzte sich auf den Fußboden und strich sanft über den Deckel. Dann atmete sie tief durch, öffnete das Schloss und klappte die Kiste auf. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen. Sie verzog das Gesicht und überlegte, woher dieser ganz bestimmte und schwere Geruch nach Alter rührte. Wahrscheinlich Schimmel, dachte sie und spürte sofort ein Jucken auf der Kopfhaut.

Sie erinnerte sich noch gut, wie sie und Patrik die Kiste gefunden und ihren Inhalt in Augenschein genommen hatten. Langsam hatte sie einen Gegenstand nach dem anderen herausgeholt. Die Zeichnungen von ihr und Anna. Kleine Dinge, die sie im Werkunterricht produziert hatten. Aufbewahrt von ihrer Mutter Elsy, die früher nie Interesse gezeigt hatte, wenn die Töchter ihr voller Begeisterung die liebevoll fabrizierten Geschenke überreichten. Nun machte Erica es wieder so. Sie nahm jedes Ding einzeln aus der Kiste und legte es neben sich auf den Fußboden. Der entscheidende Gegenstand lag ganz unten. Vorsichtig griff sie nach dem Stück Stoff. Das kleine Kinderhemd war einst weiß gewesen, aber bei Tageslicht besehen war es völlig vergilbt. Doch das war nicht alles. Erica konnte den Blick nicht von den braunen Flecken abwenden, die sie im ersten Moment für Rost gehalten hatte. Bis ihr klarwurde, dass es sich um eingetrocknetes Blut handelte. Der Kontrast zwischen dem zarten Hemd und den Blutflecken war irgendwie herzzerreißend. Wie war das Hemdchen hierher gelangt? Wem gehörte es? Und warum hatte ihre Mutter es aufbewahrt?

Behutsam legte Erica das Hemdchen neben sich. Als Patrik und sie es fanden, war ein Gegenstand darin eingewickelt gewesen, aber der befand sich nun nicht mehr in der Kiste. Ihn hatte sie als Einzigen herausgenommen. Das schmutzige Hemdchen hatte einen Naziorden umschlossen. Die Gefühle, die dessen Anblick im ersten Moment in ihr weckten, hatten sie überrascht. Ihr Herz schlug schneller, ihr Mund wurde trocken, und Bilder aus Wochenschauen und Dokumentarfilmen über den Zweiten Weltkrieg flackerten an ihrem inneren Auge vorüber. Was hatte ein Naziabzeichen hier in Fjällbacka zu suchen? In ihrem Haus, unter den Habseligkeiten ihrer Mutter? Das Ganze erschien ihr absurd. Am liebsten hätte sie das Abzeichen zurück in die Kiste gelegt und den Deckel wieder zugemacht, aber Patrik bestand darauf, dass sie es zu einem Sachverständigen brachten, um vielleicht mehr herauszufinden. Widerwillig hatte sie zugestimmt. Sie hatte das Gefühl, in ihrem Innern unheilverkündende Stimmen flüstern zu hören. Es hörte sich wie eine Warnung an. Irgendetwas sagte ihr, dass sie den Orden verstecken und vergessen sollte, doch ihre Neugier gewann die Oberhand. Anfang Juni hatte sie das Ding einem Fachmann für den Zweiten Weltkrieg übergeben, und mit etwas Glück würde sie bald mehr über seine Herkunft wissen.

Am meisten interessierten Erica jedoch die vier blauen Notizbücher ganz unten in der Kiste. Auf dem Buchdeckel die Handschrift ihrer Mutter. Es war ihre elegante, nach rechts geneigte Schrift, allerdings in einer jüngeren und bauchigeren Version. Nun nahm Erica sie heraus und strich mit dem Zeigefinger über das oberste. Auf allen stand »Tagebuch«. Das Wort weckte gemischte Gefühle in ihr. Neugier, Aufregung, Begeisterung. Aber auch Angst, Zweifel und die starke Empfindung, in die Privatsphäre eines anderen Menschen einzudringen. Durfte sie die Bücher überhaupt lesen? Hatte sie das Recht, an den intimsten Gedanken und Gefühlen ihrer Mutter teilzuhaben? Tagebücher waren im Allgemeinen nicht für fremde Augen gedacht. Ihre Mutter hatte sie nicht geschrieben, damit jemand anders von ihrem Inhalt erfuhr. Vielleicht wollte sie auf gar keinen Fall, dass ihre Tochter sie las. Doch Elsy war tot, und Erica konnte sie nicht mehr fragen. Sie war ganz auf sich gestellt und musste selbst entscheiden, wie sie sich verhalten sollte.

»Erica?« Patrik riss sie aus ihren Gedanken.

»Ja?«

»Die Gäste kommen!«

Erica sah auf die Uhr. War es etwa schon drei? Maja feierte heute ihren ersten Geburtstag, und die engsten Freunde und Verwandten waren eingeladen. Patrik musste denken, sie wäre hier oben eingeschlafen.

»Ich komme!« Sie klopfte sich den Staub von der Hose, nahm nach kurzem Zögern die Bücher und das Hemdchen mit und kletterte die steile Dachbodentreppe hinunter. Unten hörte sie Gemurmel.

»Willkommen!« Patrik ließ die Gäste herein. Es waren Johan und Elisabeth, die einen Sohn im selben Alter wie Maja hatten. Dieser Junge liebte Maja heiß und innig, doch ab und zu war er etwas zu stürmisch. Kaum hatte William Maja erblickt, raste er mit der Wucht eines Bulldozers auf sie zu und rempelte sie mit der Routine eines Spielers aus der National Hockey League um. Da Maja dieses Manöver zu seinem großen Erstaunen nicht recht zu würdigen wusste, mussten die Erwachsenen zu Hilfe eilen und den freudestrahlenden William von der heulenden Maja entfernen.

»Hör mal, Junge, so geht das nicht. Mit Mädchen muss man vorsichtig umgehen!« Johan blickte seinen verliebten Sprössling streng an und hielt ihn unter Einsatz seiner ganzen Körperkraft von einem erneuten Vorstoß ab.

»Seine Anbaggertechnik erinnert mich sehr an deine«, lachte Elisabeth, erntete jedoch einen gekränkten Blick von ihrem Ehemann.

»Steh auf, meine Süße, so schlimm war es nun auch wieder nicht.« Patrik hielt seine weinende Tochter im Arm, bis das Heulen in kleine stoßweise Schluchzer überging, und schob sie dann mit einem sanften Knuff in Williams Richtung. »Guck mal, was William mitgebracht hat. Ein Geschenk!«

Das Zauberwort zeigte die erwünschte Wirkung. Ernst und feierlich überreichte William Maja ein wunderschön verpacktes Geschenk, doch da bislang keiner von beiden den aufrechten Gang perfekt beherrschte, brachte William dabei die eigenen Füße durcheinander und fiel auf seinen gut gepolsterten Windelpopo. Doch als er Majas Strahlen beim Anblick des Päckchens sah, vergaß er seine Schmerzen.

»Oooh!« Aufgeregt zerrte Maja an den bunten Bändern. Nach kurzer Zeit verriet ihr Gesichtsausdruck heftige Frustration. Patrik eilte herbei und bot seine Hilfe an. Nachdem es ihnen mit vereinten Kräften gelungen war, die Verpackung zu entfernen, kam ein kuscheliger Elefant zum Vorschein. Der Erfolg stellte sich umgehend ein. Maja drückte das Schmusetier mit beiden Ärmchen fest an sich, stampfte vor Freude mit den Füßen und plumpste prompt ebenfalls auf den Hintern. Williams Versuch, den Elefant zu streicheln, beantwortete sie mit zornig schmollendem Blick und einer unmissverständlichen Geste, woraufhin ihr kleiner Bewunderer seine Anstrengungen verdoppelte. Beide Elternpaare ahnten, dass Ärger im Anmarsch war.

»Zeit für Kaffee und Kuchen.« Patrik nahm Maja auf den Arm und ging hinüber ins Wohnzimmer. William zottelte mit seinen Eltern hinterher. Nachdem der Junge vor die große Spielzeugkiste gesetzt worden war, herrschte zumindest vorübergehend Frieden.

»Hallo!« Erica kam die Treppe herunter und umarmte die Gäste. William tätschelte sie den Kopf.

»Wer möchte Kaffee?«, rief Patrik aus der Küche und bekam dreimal »Ich!« zu hören.

»Wie fühlt man sich denn als verheiratete Frau?« Lächelnd legte Johan seinen Arm um Elisabeth, die neben ihm auf dem Sofa saß.

»Danke der Nachfrage, ungefähr so wie immer. Abgesehen davon, dass Patrik mich die ganze Zeit sein Weib nennt. Habt ihr eine Idee, wie ich ihm das wieder abgewöhne?« Erica zwinkerte Elisabeth zu.

»Gib es auf. Irgendwann sagt er nicht mehr Weib, sondern Chefin zu dir. Noch kannst du dich also nicht beklagen. Wo ist eigentlich Anna?«

»Bei Dan. Sie wohnen schon zusammen …« Erica zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch.

»Donnerwetter, das ging aber schnell!« Elisabeths Brauen wanderten ebenfalls nach oben. Guter Klatsch hatte oft diese Wirkung.

Als es an der Tür klingelte, sprang Erica auf. »Das sind sie bestimmt. Oder Kristina.« Beim letzten Namen klimperten nach jeder Silbe Eiswürfel in ihrer Stimme. Seit der Hochzeit war das Verhältnis zwischen Erica und ihrer Schwiegermutter noch frostiger geworden. Dieser Umstand beruhte größtenteils auf Kristinas nahezu hysterischer Kampagne gegen Patriks viermonatigen Erziehungsurlaub. Er wollte schließlich Karriere machen! Zum Verdruss der Schwiegermutter wich Patrik keinen Zoll von seinem Standpunkt ab. Im Herbst würde er sich um Maja kümmern.

»Na … wo steckt denn das Geburtstagskind?«, rief Anna aus dem Flur. Jedes Mal, wenn sie die fröhliche Stimme ihrer kleinen Schwester hörte, lief Erica ein wohliger Schauer über den Rücken. Nach all den schlimmen Jahren klang Anna endlich wieder stark, glücklich und verliebt.

Anfangs hatte Anna befürchtet, es könnte Erica stören, dass sie ausgerechnet mit Dan eine neue Beziehung anfing. Aber Erica hatte ihre Sorgen mit einem Lachen weggefegt. Sie und Dan waren schon seit Ewigkeiten nicht mehr zusammen, und selbst wenn ihr mulmig dabei gewesen wäre, hätte sie darüber hinweggesehen, weil sie sich so freute, dass ihre Schwester wieder glücklich war.

»Wo ist mein Liebling?« Der große, blonde und laute Dan sah sich suchend nach Maja um. Die beiden waren ganz besonders vernarrt ineinander. Wacklig, aber flink kam Maja mit ausgestreckten Armen angewatschelt. »Schenk?« Das Prinzip Geburtstag hatte sie ganz offensichtlich begriffen.

»Natürlich haben wir dir ein Geschenk mitgebracht, Süße.« Anna überreichte ihr ein großes rosa Paket mit silbernem Band. Maja stürzte sich aufs Neue in den Kampf mit der Verpackung. Diesmal wurde sie von Erica unterstützt. Gemeinsam zauberten sie eine Schlafaugenpuppe hervor.

»Puppe!« Glücklich umschlang Maja auch dieses Geschenk und wackelte auf William zu, um ihm ihre neueste Eroberung zu zeigen. Sicherheitshalber wiederholte sie »Puppe!«, bevor sie ihm die Kostbarkeit vor die Nase hielt.

Wieder klingelte es an der Tür. Einen winzigen Augenblick später trat Kristina ein. Erica knirschte mit den Zähnen. Diese Unart ihrer Schwiegermutter, nach einem kurzen symbolischen Klingeln einfach ins Haus zu marschieren, hasste sie von ganzem Herzen.

Noch einmal wurde die Geschenkprozedur wiederholt, doch diesmal blieb der Erfolg aus. Nachdenklich sah Maja unter den Unterhemden und dem zerrissenen Geschenkpapier nach, ob sie nicht doch irgendein Spielzeug übersehen hatte. Dann blickte sie ihre Oma mit großen Augen an.

»Beim letzten Mal hatte sie ein Unterhemd an, aus dem sie fast herausgewachsen war, und da es bei Lindex gerade drei zum Preis von zweien gab, habe ich zugeschlagen. Die kann man immer gebrauchen.« Kristina lächelte zufrieden und störte sich überhaupt nicht an Majas enttäuschtem Gesicht.

Erica verkniff es sich, Kristina zu erklären, wie dämlich sie es fand, einer Einjährigen zum Geburtstag etwas zum Anziehen zu schenken. Sie hatte nicht nur Maja enttäuscht, sondern wieder einmal eine ihrer Spitzen ausgeteilt. Angeblich konnten Patrik und sie ihre Tochter nicht ordentlich anziehen.

»Jetzt gibt’s Torte«, rief Patrik, der mit seinem untrüglichen Gespür für Timing auch diesmal fühlte, dass man die Aufmerksamkeit nun besser auf etwas anderes lenkte. Erica schluckte ihren Ärger hinunter, und alle gingen ins Wohnzimmer, wo die große Zeremonie mit den Geburtstagskerzen stattfinden sollte. Maja gab sich redliche Mühe, die einzige Kerze auszupusten, schaffte es aber lediglich, Spucke auf der Torte zu verteilen. Diskret half ihr Patrik, die Flamme zu löschen. Dann ließ sie sich feierlich besingen und bejubeln. Ericas und Patriks Blicke trafen sich über Majas blondem Schopf. Erica hatte einen dicken Kloß im Hals und merkte sofort, dass Patrik auch gerührt war. Ein Jahr. Ihr kleines Baby war ein Jahr alt geworden. Ein kleines Mädchen, das sich aus eigener Kraft vorwärtsbewegte, vor Freude in die Hände klatschte, wenn die Titelmelodie von Bolibompa ertönte, das allein essen konnte, die feuchtesten Küsse von Nordeuropa verteilte und die ganze Welt liebte. Erica lächelte Patrik an. Er lächelte zurück. In diesem Augenblick war das Leben perfekt.

Mellberg seufzte tief. Das tat er inzwischen oft. Der schwere Rückschlag im Frühjahr drückte noch immer auf seine Stimmung. Dabei war es kein Wunder gewesen. Er hatte die Zügel aus der Hand gegeben, sich erlaubt, einfach er selbst zu sein und sich seinen Gefühlen hingegeben. So etwas tat man eben nicht ungestraft. Er hätte es besser wissen müssen. Eigentlich hatte er die Strafe sogar verdient. Hin und wieder brauchte man einen gehörigen Denkzettel. Doch nun war er klüger, und eins stand ohnehin fest: Er war nicht der Typ, der den gleichen Fehler zweimal machte.

»Bertil?« Streng ertönte Annikas Stimme vom Empfang. Mit geübter Geste strich Mellberg sich die Haare über die Glatze und erhob sich widerwillig. Es gab nicht viele Frauen, von denen er Befehle entgegennahm, aber Annika Jansson gehörte zu diesem erlesenen Kreis. Mit den Jahren hatte er wirklichen Respekt vor ihr entwickelt, und das konnte man von keiner anderen Frau behaupten. Diese Person, die er im Frühjahr eingestellt hatte – ein totaler Fehlgriff! –, hatte ihn in seiner Haltung nur bestärkt. Und nun bekamen sie wieder einen weiblichen Neuzugang. Er seufzte noch einmal. Wieso war es so schwer, diese Stelle mit einem Kerl in Uniform zu besetzen? Als Ersatz für Ernst Lundgren schickte man ihm dauernd junge Mädchen. Ach, es war ein Elend.

Vom Empfang ertönte Gebell. Mellberg runzelte die Stirn. Hatte Annika etwa einen ihrer Hunde mitgebracht? Sie wusste doch, was er von den Kötern hielt. Er musste dringend mit ihr sprechen.

Es war jedoch keiner von Annikas Labradorhunden zu Besuch gekommen, sondern eine räudige Promenadenmischung von undefinierbarer Farbe, die an einer Leine zerrte. Am anderen Ende stand eine kleine dunkelhaarige Frau.

»Den hab ich da draußen gefunden«, sagte sie in breitem Stockholmerisch.

»Und was soll er hier drinnen?«, erwiderte Bertil mürrisch und wollte sich wieder zurückziehen.

»Darf ich vorstellen: Paula Morales«, beeilte sich Annika zu sagen. Bertil drehte sich um. Natürlich! Die Dame, die heute hier eintreffen sollte, hatte doch einen spanisch klingenden Namen. Die sah aber mickrig aus! Klein und dünn. Ihr Blick war jedoch alles andere als zart. Sie hielt ihm die Hand hin.

»Nett, Sie kennenzulernen. Der Hund ist allein draußen herumgelaufen. So wie er aussieht, hat er keinen Besitzer. Jedenfalls keinen, der sich um ihn kümmert.«

Ihr Ton klang für seinen Geschmack etwas zu fordernd. Bertil überlegte, worauf sie hinauswollte.

»Kann man ihn nicht irgendwo abgeben?«

»Es gibt hier keine Stelle für herrenlose Hunde. Annika hat mich bereits darüber aufgeklärt.«

»Nein?«, fragte Mellberg.

Annika schüttelte den Kopf.

»Dann … müssen Sie ihn wohl mit nach Hause nehmen.« Er versuchte, den Hund von seinem Hosenbein abzuschütteln, aber das Tier ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und machte es sich auf seinem rechten Fuß bequem.

»Das geht nicht. Wir haben eine Hündin zu Hause und die mag keine Gesellschaft«, erwiderte Paula ungerührt und blickte ihn noch immer durchdringend an.

»Was ist mit dir, Annika, könnte er sich nicht … mit deinen Viechern anfreunden?« Mellberg wurde immer ratloser. Warum musste er sich ständig mit solchem Kleinkram befassen? Er war schließlich der Leiter dieser Dienststelle!

Annika schüttelte entschieden den Kopf. »Das würde nicht funktionieren. Sie sind es gewohnt, unter sich zu sein.«

»Es geht nicht anders: Sie müssen ihn nehmen.« Paula reichte ihm die Leine. Völlig perplex über diese Unverfrorenheit griff Mellberg zu. Der Hund kuschelte sich daraufhin noch enger an ihn und gab zu allem Überfluss ein wohliges Winseln von sich.

»Er mag Sie.«

»Aber ich kann nicht … ich habe keinen …«, stammelte Mellberg, dem es ausnahmsweise die Sprache verschlagen hatte.

»Du hast keine anderen Tiere zu Hause, und ich verspreche dir, dass ich mich nach einem vermissten Hund umhöre. Falls sich niemand meldet, müssen wir ein neues Zuhause für ihn finden. Wir können ihn nicht seinem Schicksal überlassen, denn sonst wird er vom Auto überfahren.«

Annikas Flehen berührte Mellberg gegen seinen Willen. Er blickte auf den Hund hinunter, und der blickte mit feuchten und sehnsüchtigen Augen zu ihm empor.

»Verdammter Mist, wenn ihr so einen Aufstand macht, dann nehme ich die Töle eben für ein paar Tage mit zu mir. Aber du musst ihn saubermachen, bevor ich ihn in meine Wohnung lasse«, sagte er mit erhobenem Zeigefinger. Annika war erleichtert.

»Kein Problem, ich stelle ihn hier in der Dienststelle unter die Dusche.« Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Das ist wirklich nett von dir, Bertil.«

Mellberg grunzte. »Sorg dafür, dass der Köter blitzsauber ist, wenn ich ihn das nächste Mal sehe! Sonst kommt er nicht mit!«

Zornig stapfte er durch den Flur und knallte seine Tür hinter sich zu.

Annika und Paula lächelten sich an. Der Hund klopfte winselnd mit seinem Schwanz auf den Fußboden.

»Dann wünsche ich euch einen schönen Tag.« Erica winkte Maja zu, doch die beachtete sie überhaupt nicht, weil im Fernsehen die Teletubbies liefen.

»Wir machen es uns gemütlich.« Patrik gab Erica ein Küsschen. »Die Kleine und ich werden in den nächsten Monaten wunderbar zurechtkommen.«

»Du sagst das so, als würde ich auf die sieben Weltmeere hinausfahren«, lachte Erica. »Zum Mittagessen komme ich runter.«

»Meinst du wirklich, dass es eine gute Idee ist, zu Hause zu arbeiten?«

»Wir sollten es zumindest ausprobieren. Tu einfach so, als wäre ich nicht da.«

»Kein Problem. Sobald du die Arbeitszimmertür hinter dir zugemacht hast, bist du für mich nicht mehr existent«, zwinkerte Patrik.

»Warten wir’s ab«, brummte Erica und ging die Treppe hinauf. »Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. So brauche ich mir wenigstens kein Büro zu suchen.«

Sie ging ins Arbeitszimmer und machte mit gemischten Gefühlen die Tür hinter sich zu. Ein Jahr lang war sie mit Maja zu Hause geblieben. Ein großer Teil von ihr hatte sich sehnlich auf diesen Tag gefreut und hatte es kaum erwarten können, endlich den Stab an Patrik weiterreichen und sich wieder einer Beschäftigung für Erwachsene widmen zu dürfen. Von Spielplätzen, Sandkästen und Kindersendungen hatte sie die Nase gestrichen voll. Das Backen des perfekten Sandkuchens war auf Dauer einfach intellektuell nicht anregend genug, und bei der Vorstellung, noch ein einziges Mal »Summ, summ, summ« singen zu müssen, ging sie die Wände hoch. Sosehr sie ihre Tochter auch liebte, nun war Patrik an der Reihe.

Ehrfürchtig schaltete sie den Computer ein und genoss das vertraute Rauschen. Im Februar musste das neue Buch in ihrer Reihe über reale Mordfälle fertig sein, aber zum Glück hatte sie im Sommer bereits ein bisschen Recherche betrieben. Mit dem Gefühl, gut vorbereitet zu sein, startete sie das Textverarbeitungsprogramm, öffnete das Dokument, dem sie den Namen »Elias« gegeben hatte, weil so das erste Mordopfer hieß, und legte ihre Finger auf die Tastatur. Ein zaghaftes Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.

»Entschuldige die Störung«, Patrik machte ein betretenes Gesicht, »aber wo ist eigentlich Majas Overall?«

»Im Trockenschrank.«

Patrik nickte und machte die Tür wieder zu.

Sie legte die Finger auf die Tastatur und atmete tief durch. Erneutes Klopfen.

»Ich lass dich gleich in Ruhe. Sag mal, was sollte Maja deiner Ansicht nach heute anziehen? Es ist ziemlich frisch draußen, aber andererseits schwitzt sie immer so, und dann holt man sich leicht eine Erkältung …« Patrik grinste dämlich.

»Unter dem Overall braucht sie nur einen leichten Pulli und eine Strumpfhose. Ich setze ihr immer noch eine dünne Baumwollmütze auf, damit sie sich nichts wegholt.«

»Danke.« Patrik machte die Tür wieder zu. Erica wollte gerade die erste Zeile schreiben, als sie von unten ein lautes Heulen hörte, das stetig anwuchs. Nach zwei Minuten schob sie seufzend ihren Stuhl zurück und ging die Treppe hinunter.

»Ich helfe dir. Es ist mittlerweile wahnsinnig anstrengend, sie anzuziehen.«

»Danke, das ist mir auch schon aufgefallen.« Patrik standen Schweißperlen auf der Stirn, weil er den Kampf mit der trotzigen und schon recht kräftigen Maja in seiner dicken Winterjacke geführt hatte.

Fünf Minuten später war die Laune der Tochter zwar erheblich schlechter, aber immerhin war sie vollständig angezogen. Erica gab beiden einen Kuss auf den Mund und scheuchte sie hinaus.

»Macht bitte einen ganz langen Spaziergang, damit Mama in Ruhe arbeiten kann.«

Patrik sah sie schuldbewusst an. »In ein paar Tagen wird sich bestimmt alles eingespielt haben, und dann hast du so viel Ruhe, wie du brauchst. Versprochen!«

»Schon okay.« Erica machte entschlossen die Tür hinter ihnen zu, schenkte sich einen großen Becher Kaffee ein und ging zurück ins Arbeitszimmer. Endlich konnte sie loslegen.

»Pst … nicht so laut!«

»Ach was, die sind beide verreist, hat meine Mutter gesagt. Den ganzen Sommer über hat keiner die Post reingeholt. Deswegen leert sie seit Juni den Briefkasten. Also mach dir keine Sorgen, wir können so viel Krach machen, wie wir wollen.« Mattias lachte, aber Adam war noch immer skeptisch. Das alte Haus wirkte unheimlich. Genau wie die beiden alten Männer. Mattias konnte sagen, was er wollte, er würde so vorsichtig wie möglich sein.

»Wie sollen wir überhaupt reinkommen?« Er hasste den leidenden Unterton in seiner Stimme, konnte aber nichts gegen seine Unruhe machen. Oft wünschte er sich, ein bisschen mehr wie Mattias zu sein. Mutig, unerschrocken, manchmal fast dummdreist. Aber er bekam alle Mädchen ab.

»Es wird schon klappen. Irgendwie kommt man überall rein.«

»Ich nehme an, du schöpfst aus deinem großen Erfahrungsschatz als Einbrecher«, lachte Adam leise.

»Ich habe schon viele Sachen gemacht, von denen du keine Ahnung hast«, erwiderte Mattias hochnäsig.

Na klar, dachte Adam, wagte jedoch nicht, ihm zu widersprechen. Manchmal musste Mattias sich eben aufspielen. Und Adam war zu klug, um sich auf eine Diskussion einzulassen.

»Was hat er wohl da drinnen?« Mit leuchtenden Augen schlich Mattias ums Haus und suchte nach einem Fenster oder einer Luke.

»Ich weiß nicht.« Adam sah sich ängstlich um. Die Sache missfiel ihm immer mehr.

»Vielleicht besitzt er massenhaft coole Nazisachen. Stell dir mal vor, er hat Uniformen und so.« Die Aufregung in Mattias’ Stimme war nicht zu überhören. Seit sie in der Schule die SS durchgenommen hatten, war er wie besessen. Er las alles über den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus, was er in die Finger bekam, und der Nachbar, der bekanntlich eine Art Fachmann für Deutschland und die Nazis war, stellte eine unwiderstehliche Verlockung dar.

»Vielleicht hat er überhaupt keine spannenden Sachen zu Hause«, wandte Adam ein, obwohl er wusste, dass es nichts nützte. »Mein Vater hat gesagt, dass er früher Geschichtslehrer war. Er hat bestimmt bloß Bücher und so.«

»Das werden wir ja sehen.« Mattias’ Augen blitzten. »Da steht ein Fenster ein Stückchen offen!«

Leider hatte Mattias recht. Insgeheim hatte Adam gehofft, dass es ihnen nicht gelingen würde, in das Haus einzudringen.

»Womit könnten wir das Fenster ganz öffnen?« Mattias blickte sich suchend um. Ein Fensterhaken, der sich gelöst hatte, war die Lösung.

»Jetzt wollen wir mal sehen.« Mattias hob die dünne Metallstange vom Boden auf, hielt sie hoch über seinen Kopf und bohrte sie mit chirurgischer Präzision in eine Ecke. Das Fenster rührte sich nicht. »Mist, warum geht das nicht auf?« Mit der Zungenspitze im Mundwinkel versuchte er es noch einmal. Den Fensterhaken in die Höhe zu halten und gleichzeitig Druck damit auszuüben war anstrengend. Er keuchte. Schließlich gelang es ihm, den Haken noch einen Zentimeter hineinzuschieben.

»Die merken doch, dass jemand eingebrochen ist!«, protestierte Adam schwach, aber Mattias schien ihn nicht zu hören.

»Das Scheißfenster soll endlich aufgehen!« Er hatte Schweißtropfen auf der Stirn, als er noch einmal kräftig drückte und das Fenster nachgab.

»Yes!« Mattias ballte die Faust und drehte sich aufgeregt zu Adam um.

»Hilf mir hoch!«

»Vielleicht kannst du dich irgendwo draufstellen, auf eine Leiter oder …«

»Halt den Mund und hilf mir einfach! Danach ziehe ich dich hoch.«

Gehorsam stellte sich Adam an die Wand und flocht die Hände zu einer Räuberleiter zusammen. Er verzog das Gesicht, als Mattias’ Schuhsohle sich in seine Handfläche drückte, doch er biss die Zähne zusammen und hob Mattias in die Höhe.

Mattias schaffte es, nach dem Fensterbrett zu greifen und sich so weit hochzuziehen, dass er zuerst den einen und dann den anderen Fuß auf den Rahmen stellen konnte. Er rümpfte die Nase. Ein ekelhafter Geruch kam ihm entgegen. Richtig widerlich. Er zog das Rollo beiseite und blinzelte ins Zimmer. Es sah aus wie eine Bibliothek, doch da alle Rollos heruntergezogen waren, lag der Raum im Dunkeln.

»Hier stinkt es grauenvoll.« Mit zugehaltener Nase drehte er sich zu Adam um.

»Dann lass es«, antwortete Adam von unten. In seinen Augen blitzte Hoffnung auf.

»Quatsch. Wir sind drinnen. Jetzt wird’s lustig. Los, nimm meine Hand.«

Er löste seine Finger von der Nase, hielt sich am Fensterrahmen fest und streckte Adam seine rechte Hand hin.

»Schaffst du das überhaupt?«

»Natürlich. Komm endlich.«

Adam griff nach der Hand, und Mattias zog mit ganzer Kraft. Einen Augenblick lang schien es sich um ein undurchführbares Vorhaben zu handeln, aber schließlich erreichte Adam den Fensterrahmen, und Mattias sprang ins Zimmer, um ihm Platz zu machen. Als er auf dem Boden landete, knisterte es so merkwürdig. Er blickte nach unten. Der Fußboden war mit irgendetwas bedeckt, das man in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich trockene Blütenblätter.

»Was ist denn das für ein Scheiß hier«, sagte Adam, als er neben ihm aufkam und das raschelnde Geräusch ebenfalls nicht identifizieren konnte. »Mann, riecht das eklig.« Er sah aus, als würde er kaum Luft bekommen.

»Sage ich doch«, erwiderte Mattias unbeschwert. Seine Nase hatte sich bereits an den Geruch gewöhnt.

»Jetzt wollen wir mal gucken, was der Alte hier für lustige Sachen aufbewahrt. Zieh das Rollo hoch!«

»Und wenn uns jemand sieht?«

»Wer denn? Zieh endlich das Rollo hoch!«

Adam gehorchte. Licht strömte ins Zimmer.

»Nettes Zimmer.« Mattias sah sich bewundernd um. Überall Bücherregale vom Fußboden bis zur Decke. In der einen Ecke standen zwei Ledersessel an einem kleinen Tisch. Am anderen Ende des Raums thronte ein riesiger Schreibtisch. Ein altmodischer Bürostuhl mit hoher Lehne wandte ihnen die Rückseite zu. Adam machte einen Schritt nach vorn, hielt aber inne, weil es unter seinen Füßen wieder so seltsam knisterte. Nun sahen sie beide, worauf sie standen.

»Ach, du Scheiße …« Der Boden war mit Fliegen bedeckt. Widerliche, schwarze, tote Fliegen. Auch auf dem Fensterbrett lagen Schwaden von Fliegen. Adam und Mattias wischten sich instinktiv die Hände an den Hosenbeinen ab.

»Wie ekelhaft.« Mattias verzog das Gesicht.

»Wo kommen all die Fliegen her?« Adam blickte verwundert zu Boden. Dann zog sein CSI-geschultes Hirn eine unangenehme Schlussfolgerung. Tote Fliegen. Widerlicher Geruch. Er schob den Gedanken beiseite, doch nun wurde sein Blick unbarmherzig von dem abgewandten Schreibtischstuhl angezogen.

»Mattias?«

»Ja?«, gab dieser gereizt zurück, während er angewidert nach einem Platz suchte, wo er nicht in einem Haufen von toten Fliegen stand.

Wortlos näherte sich Adam dem Stuhl. Eine Stimme in ihm schrie, er solle umkehren, so schnell wie möglich von hier verschwinden und rennen, bis er nicht mehr konnte, aber seine Neugier war stärker. Wie ferngesteuert ging er auf den Stuhl zu.

»Was ist denn?« Mattias verstummte, als er Adams verkrampften und zögernden Gang sah.

Als Adam noch einen halben Meter vom Stuhl entfernt war, streckte er die Hand aus. Sie zitterte leicht. Ganz langsam, Millimeter für Millimeter, näherte er die Hand der Rückenlehne. Der einzige Laut im Zimmer war das Rascheln unter seinen Füßen. Das Leder fühlte sich kühl an. Er drückte fester zu und schob die Rückenlehne nach links. Dann machte er einen Schritt zurück. Sachte drehte sich der Stuhl zu ihm um und ließ allmählich erkennen, was sich auf ihm befand. Hinter seinem Rücken hörte er Mattias kotzen.

Die Augen, die jede seiner Bewegungen verfolgten, waren groß und feucht. Mellberg versuchte, den Hund zu ignorieren, doch es gelang ihm nicht. Das Tier wich ihm nicht von der Seite und blickte ihn herzzerreißend an. Schließlich ließ Mellberg sich erweichen. Er öffnete die untere Schreibtischschublade und warf dem Köter einen Kokosball hin, der zwei Sekunden später verschwunden war. Einen Moment lang glaubte Mellberg, ein Grinsen zu sehen. Sicher pure Einbildung. Zumindest war der Hund nun sauber. Annika hatte gute Arbeit geleistet. Sie hatte ihn gründlich eingeseift und abgeduscht. Trotzdem fand Bertil es ein wenig unappetitlich, als er beim Aufwachen bemerkte, dass der Hund über Nacht zu ihm ins Bett gesprungen war. Gegen Flöhe und anderes Ungeziefer konnte Seife schließlich nichts ausrichten. Möglicherweise wimmelte das Fell von Krabbeltieren, die es kaum erwarten konnten, auf Mellbergs umfangreichen Leib zu springen. Eine gründliche Inspektion hatte jedoch keine Lebewesen zutage gefördert, und Annika hatte ihm ihr Ehrenwort gegeben, dass sie auch beim Waschen keine Flöhe entdeckt hatte. In seinem Bett sollte das Viech trotzdem nicht noch einmal schlafen. Irgendwo war Schluss.

»Wie sollen wir dich denn nennen?«, fragte Mellberg, kam sich aber im nächsten Augenblick ziemlich dämlich vor, weil er sich mit jemandem unterhielt, der sich auf allen vieren fortbewegte. Allerdings brauchte die Töle einen Namen. Er sah sich nach einer Anregung um, aber ihm fielen nur alberne Hundenamen ein: Fiffi, Zottel … Nein, das war nichts. Plötzlich juchzte er laut. Ihm war eine glänzende Idee gekommen. Um ehrlich zu sein, hatte er nämlich Lundgren vermisst, seit er ihn notgedrungen hinausgeworfen hatte. Nicht übermäßig, aber immerhin ein bisschen. Warum sollte der Köter nicht Ernst heißen? Das war wenigstens witzig. Er gluckste noch einmal.

»Was hältst du davon – Ernst? Passt doch hervorragend, oder?« Er zog die Schublade auf. Natürlich sollte Ernst einen Kokosball haben. Es war ja nicht sein Problem, wenn der Hund zu fett wurde. In wenigen Tagen hatte Annika mit Sicherheit einen Platz für ihn gefunden, und es spielte doch keine Rolle, wenn er ihn bis dahin ein wenig verwöhnte.

Ein schrilles Telefonklingeln ließ ihn und Ernst zusammenzucken.

»Bertil Mellberg.« Im ersten Moment konnte er die Stimme am anderen Ende nicht verstehen, sondern hörte nur hysterisches Gestammel.

»Entschuldigung, aber Sie müssen langsam sprechen. Was haben Sie gesagt?« Er hörte konzentriert zu. Als er das Ganze endlich begriffen hatte, zog er die Augenbrauen hoch.

»Eine Leiche? Wo denn?« Er richtete sich kerzengerade auf. Der Köter, der nun Ernst hieß, streckte ebenfalls den Rücken und spitzte die Ohren. Mellberg notierte eine Adresse und beendete das Gespräch: »Bleibt, wo ihr seid!« Dann wuchtete er sich hoch. Ernst heftete sich an seine Fersen.

»Hiergeblieben!« In Mellbergs Stimme lag eine ungewohnte Autorität. Zu seinem Erstaunen hielt der Hund inne und wartete weitere Instruktionen ab. »Platz!«, versuchte es Mellberg und zeigte auf den Hundekorb, den Annika in eine Ecke seines Büros gestellt hatte. Ernst gehorchte widerwillig, trottete in sein Körbchen, legte den Kopf auf die Pfoten und blickte sein zeitweiliges Herrchen gekränkt an. Bertil Mellberg empfand eine seltsame Befriedigung darüber, dass ihm ausnahmsweise jemand gehorchte. Von dieser Autorität bestärkt, raste er durch den Flur und rief laut: »Ein Leichenfund wurde gemeldet.«

Drei Köpfe wurden aus ebenso vielen Türen gestreckt, der rote von Martin Molin, der graue von Gösta Flygare und der pechschwarze von Paula Morales.

»Eine Leiche?« Martin betrat den Flur als Erster. Nun näherte sich auch Annika vom Empfang.

»Ein Jugendlicher hat gerade bei mir angerufen und es mir erzählt. Die Bengel sind offenbar in ein Haus zwischen Fjällbacka und Hamburgsand eingedrungen und haben dort eine Leiche entdeckt.«

»Der Besitzer des Hauses?«, fragte Gösta.

Mellberg zuckte die Achseln. »Mehr weiß ich auch nicht. Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen dort warten, wir kommen sofort. Martin und Paula nehmen das eine Auto, Gösta und ich das andere.«

»Sollten wir nicht lieber Patrik anrufen …?«, fragte Gösta zaghaft.

»Wer ist Patrik?«, fragte Paula und blickte von Gösta zu Mellberg.

»Patrik Hedström arbeitet auch hier, aber er nimmt ab heute Erziehungsurlaub«, erklärte Martin.

»Wir brauchen doch Hedström nicht anzurufen.« Mellberg schnaufte beleidigt und fügte großspurig hinzu: »Ich bin schließlich auch noch da« und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Garage.

»Juchhu«, murmelte Martin, als Mellberg außer Hörweite war. Paula hob fragend eine Augenbraue. »Ach, nichts«, entschuldigte sich Martin, konnte sich aber nicht verkneifen hinzuzufügen: »Bald wirst du verstehen, was ich meine.«

Paula wirkte noch immer verwirrt, ließ die Sache jedoch auf sich beruhen. Die zwischenmenschliche Dynamik an ihrem neuen Arbeitsplatz würde sie noch früh genug durchschauen.

Erica seufzte. Jetzt war es still im Haus. Zu still. Seit einem Jahr waren ihre Ohren stets auf das leiseste Jammern oder den nächsten Schrei eingestellt. Die ungewohnte Ruhe wirkte dagegen geradezu trostlos. Der Cursor blinkte in der ersten Zeile des WordDokuments. Kein läppisches Zeichen hatte sie in der vergangenen halben Stunde zustande gebracht. In ihrem Hirn herrschte absolute Flaute. Sie hatte nur in ihren Notizen und den Artikeln geblättert, die sie den Sommer über kopiert hatte. Nach mehreren Briefen war es ihr endlich gelungen, mit der Hauptperson des Falls, der Mörderin, einen Termin zu vereinbaren, aber der fand erst in drei Wochen statt. Bis dahin musste sie sich mit dem Archivmaterial begnügen. Das Problem war nur, dass dabei nichts herauskam. Ihr fielen einfach nicht die richtigen Worte ein, und nun kamen auch noch die Zweifel hinzu, mit denen sich alle Schriftsteller plagten. Waren keine Worte mehr übrig? Hatte sie ihren letzten Satz geschrieben, ihr Soll erfüllt? Würde sie nie wieder ein Buch schreiben? Ihr Verstand sagte ihr, dass sie mit diesem Gefühl am Anfang immer zu kämpfen hatte, aber das nützte nichts. Diese Qualen musste sie jedes Mal durchstehen. Es war so ähnlich wie bei einer Geburt. Heute lief es besonders zäh. Zum Trost steckte sie sich einen Dumlekola-Bonbon in den Mund und warf einen verstohlenen Blick auf die blauen Notizbücher, die neben dem Computer lagen. Die flüssige Handschrift ihrer Mutter gierte nach ihrer Aufmerksamkeit. Erica war hin- und hergerissen zwischen der Angst, ihrer Mutter zu nahezukommen, und ihrer Neugier. Zögerlich griff sie nach dem ersten Buch und wog es in der Hand. Es war ein dünnes Buch. So ähnlich wie die kleinen Notizbücher, die in der Grundschule üblich waren. Erica strich mit den Fingern über den Buchdeckel. Der Name war mit Tinte geschrieben, aber mit der Zeit war die blaue Farbe verblasst. Elsy Moström lautete der Mädchenname ihrer Mutter. Den Namen Falck bekam sie erst, als sie Ericas Vater heiratete. Langsam öffnete sie das Buch. Die Seiten waren zartblau liniert. Ganz oben stand ein Datum: »3. September 1943«. Sie las die erste Zeile:

»Hört dieser Krieg denn nie auf?«

Fjällbacka 1943

Hört dieser Krieg denn nie auf?«

Elsy kaute an ihrem Stift und überlegte, was sie schreiben sollte. Wie ließen sich ihre Gedanken über diesen Krieg zusammenfassen, der zwar woanders stattfand, aber doch auch hier war? Es war so ungewohnt, Tagebuch zu schreiben. Sie wusste nicht, wie sie auf die Idee gekommen war, aber offenbar hatte sie das Bedürfnis, all die Gedanken zu Papier zu bringen, die ihr ganz normales und trotzdem so seltsames Leben mit sich brachte. Ein Teil von ihr erinnerte sich kaum noch an die Zeit vor dem Krieg. Sie wurde bald vierzehn Jahre alt und war bei Ausbruch des Krieges erst neun gewesen. In den ersten Jahren hatten sie nicht viel davon mitbekommen. Was auffiel, war die Wachsamkeit der Erwachsenen. Der Eifer, mit dem sie die Nachrichten verfolgten. Die Haltung, mit der sie vor dem Radioapparat im Wohnzimmer saßen, angespannt, ängstlich und doch seltsam erregt. Was da in der Welt passierte, war ja trotz allem spannend – bedrohlich, aber aufregend. Ansonsten hatte sich der Alltag kaum verändert. Die Schiffe fuhren hinaus und kehrten zurück. Manchmal war der Fang gut, manchmal schlecht. An Land hatten die Frauen ihr Tun, genau wie ihre Mütter und deren Mütter vor ihnen. Kinder wurden geboren, Wäsche musste gewaschen und Häuser mussten in Ordnung gehalten werden. Nun drohte der Krieg, diesen endlosen Kreislauf zu unterbrechen und ihre Welt durcheinanderzubringen. Diese Spannung hatte sie schon als Kind gespürt. Und jetzt war der Krieg fast hier angekommen.

»Elsy?« Von unten hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Schnell klappte Elsy das Tagebuch wieder zu und legte es in die oberste Schublade ihres kleinen Schreibtisches am Fenster. Viele Stunden hatte sie hier mit ihren Hausaufgaben verbracht, aber nun war ihre Schulzeit vorbei. Eigentlich brauchte sie den Schreibtisch nicht mehr. Sie strich ihr Kleid glatt und ging hinunter zu ihrer Mutter.

»Geh bitte Wasser holen.« Die Mutter sah müde und fahl aus. Sie hatten den Sommer über in dem kleinen Raum im Keller gehaust und die oberen Stockwerke an Urlauber vermietet. Reinigung und Vollpension waren in der Miete inbegriffen, und die Sommergäste waren ziemlich anspruchsvoll gewesen. Ein Rechtsanwalt aus Göteborg nebst Gattin und drei ungezogenen Kindern. Elsys Mutter Hilma war von früh bis spät auf den Beinen, um ihre Kleidung zu waschen, ihren Proviant für die Bootsfahrten zu packen und hinter ihnen aufzuräumen, und musste sich ja gleichzeitig auch um ihren eigenen Haushalt kümmern.

»Setz dich einen Augenblick, Mutter.« Sanft legte Elsy ihrer Mutter die Hand auf die Schulter. Ihre Mutter zuckte zurück. Es war nicht üblich, dass sie sich berührten. Nach kurzem Zögern tätschelte sie jedoch die Hand ihrer Tochter und ließ sich dankbar auf einen Stuhl drücken.

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