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Es ist alles wie im Paradies in der roten Fabrik am Waldrand. Hier wohnt die schokoladengefärbte Mutu, die Peter heimlich verehrt, Sandra, die Geliebte seines Vaters, die Seiltänzerin Gerda und HL-5, der Freund der Zahlen. Und dann ist da noch Engelhard, Peters Schutzengel, der alles durcheinander bringt. Peter muss einiges klären und das geht nicht ohne Risiko. Er leiht sich Vaters Roller und wird prompt von der Polizei erwischt. Dazu kommt auch noch die fünf in Englisch auf dem Zeugnis. Peter wird nach England geschickt. Hier wird er von einem militanten Ersatzengel getriezt, da Engelhard es vorzieht, bei Mutu zu bleiben. Eine Geschichte über die Jugend, die Freundschaft und die Liebe - lustig, spannend und unglaublich menschlich.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Buch:
Es ist alles wie im Paradies in der roten Fabrik am Waldrand. Hier wohnt die schokoladengefärbte Mutu, die Peter heimlich verehrt, Sandra, die Geliebte seines Vaters, die Seiltänzerin Gerda und HL-5, der Freund der Zahlen. Und dann ist da noch Engelhard, Peters Schutzengel, der alles durcheinanderbringt. Peter muss einiges klären und das geht nicht ohne Risiko. Er „leiht“ sich Vaters Roller und wird prompt von der Polizei erwischt. Dazu kommt auch noch die fünf in Englisch auf dem Zeugnis.
Peter wird nach England geschickt. Hier wird er von einem militanten Ersatzengel getriezt, da Engelhard es vorzieht, bei Mutu zu bleiben.
Autorin:
Karla J. Butterfield wurde auf der Seitenbühne des Nationaltheaters Prag während des fünften Aktes einer Macbeth Aufführung geboren. Als auf der Bühne das Volk „Heil, König von Schottland!“ rief, gab sie den ersten Schrei von sich.
Was hätte sie sonst machen sollen, als Schauspielerin zu werden? Später wechselte sie auf die andere Seite der Bühne und führte Regie, dann fing sie mit dem Schreiben an.
Kapitel
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Kapitel
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Nachwort
Es war die Schulglocke, die mich aus einem realen Alptraum riss und die letzten Brocken aus meinem Kurzzeitgedächtnis löschte. Der Schweiß lief mir den Rücken herunter, in meinen Ohren rauschte es, und meine Hände zitterten. Mit schlotternden Knien ging ich zum Lehrerpult und gab das fast leere Blatt ab. Es war eine sichere Sache: Unter dieser Arbeit wird eine Sechs sitzen. Nicht einmal die Fragestellung hatte ich verstanden. Verdammt! Und dabei hatte ich gelernt! Na ja, ich hatte mir den Stoff kurz vorher angeguckt.
In Gedanken versunken stolperte ich aus der Klasse und ging die breite Treppe des Gymnasiums hinunter, ohne auf die Zurufe der Anderen zu achten, die aus den benachbarten Klassen wie Auswurf quollen. Ich konnte mir wieder mal gratulieren. Meine Eltern werden enttäuscht sein, und auf das tadelnde Gesicht von Frau Dieckens konnte ich auch verzichten. Warum muss sie auch zu jeder Arbeit ihren Senf dazu geben? Bei mir wird sie die Stirn runzeln, die Augen verdrehen und sagen:
„Peter Bester! Wieder mal mehr als schwach!“
Und die Klasse wird rufen:
„Peter Bester ist der Schlechteste!“
Mit diesem Nachnamen hat man im Leben schon von vornherein verloren.
Auf dem Geländer vor der Schule wippte ein Typ, den ich noch nie gesehen hatte. Blondes, fast weißes Haar, metallblaue Augen und ein schlecht sitzendes Käppi auf dem Kopf. Dazu eine schneeweiße Gesichtsfarbe.
„Sorry, ich war zu spät. Ich steckte im Stau“, sagte er zu mir.
Hinter mir stand niemand, also war ich gemeint. Was wollte dieser Looser von mir?
„Ich wüsste nicht, dass ich mit dir ein Date hätte“, sagte ich und machte, dass ich wegkam.
„Oh“, hauchte er, sprang vom Geländer und klebte sich an meine Fersen. „Wohin gehst du?“, wollte er wissen.
„Schätze zu Mac’es, hab’ einen Bärenappetit auf einen Burger.“
Der Typ folgte mir wie ein Schatten.
„Dort wollte ich auch hin, was für ein Zufall!“, sagte er fröhlich und hüpfte leichtfüßig neben mir hin und her.
Bei Mac’es bestellte ich einen Hamburger, Pommes und zwei Cola. Er wollte nichts essen, kippte nur die eiskalte Cola hinunter. Es ging so schnell, dass ich meinte, das dunkle Getränk durch seinen durchsichtig schimmernden blassen Hals fließen zu sehen.
„Ich hole mir noch eine Cola. Willst du auch? Ich lade dich ein.“
Ich ließ mich nicht zweimal bitten und nickte.
Er nahm das Tablett und verdünnisierte sich. Gott, war der dünn, dieser Typ. Total dürre Beine und seltsam abstehende Schulterblätter.
Während ich wartete, ging ich vor die Tür und zündete mir eine Kippe an. Wie aus dem Nichts stand er neben mir und reichte mir den Colabecher.
„Rauchen solltest du nicht!“
„Bist du meine Mutter?“, fragte ich ihn gereizt und zog genüsslich den Rauch ein.
„Nein, deine Mutter nicht…. aber dein Schutzengel“, hauchte er mir ins Ohr.
„Phuu!“, prustete ich los, dass mir die Cola in die Nase stieg. „Nicht schlecht! Was hast du denn geschluckt, Alter?“
„Nichts. Es ist wahr! Ich wurde dir zugeteilt. Schau mal!“
Er hoppelte ungeduldig auf der Stelle und hob sein Käppi kurz hoch.
Wenn der Vormittag in der Schule ein Horrortrip war, war es nichts gegen das hier. Unter seinem Käppi leuchtete, wenn auch nur zaghaft, ein Heiligenschein.
Ich musste mich an der Wand festhalten, um nicht aus den Latschen zu kippen.
„Und hier, sieh mal, damit du mir glaubst!“ Er drehte sich mit dem Rücken zu mir und krempelte sein T-Shirt hoch. Und das, was ich sah, waren nicht seine abstehenden Schulterblätter, sondern zwei weißgraue eingeklappte Flügel.
Diese Neuigkeit musste ich zuerst verdauen. Ich zerquetschte den Colabecher und kickte ihn über die Straße. Dann nahm ich ihn an der Hand und zog ihn zum nächsten Hauseingang. „Rein!“, befahl ich und drängte ihn in den Hausflur und weiter zum Innenhof.
„Ausziehen!“, herrschte ich ihn an, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass keiner aus dem Fenster in den Innenhof hinunterschaute.
Er nahm das Käppi ab, zog sein T-Shirt hoch, breitete die etwas zerknautschten Flügel aus und vollführte einige ungeschickte, aber eindeutige Flugrunden über dem Hof.
Ich musste mich setzen.
„Ich habe einen Schutzengel?“
„Jeder hat einen. Aber nicht jeder kann ihn sehen.“
„Aha. Und wo warst du heute Morgen während der Klassenarbeit, du Prachtstück? Ist es dir überhaupt aufgefallen, dass ich durchgerasselt bin?“
„Ihr habt eine Arbeit geschrieben?“, fragte er mit großen Augen.
„Ich fass es nicht! Du wusstest nichts davon? Du bist mein Schutzengel!“
„Doch. Aber ich habe den Tag verwechselt. Tut mir leid.“ Er schaute schuldbewusst zum Boden.
„Tut dir leid? Tut dir leid? Das nützt mir jetzt aber wenig!“
Ich war wütend. Immer musste ich die zweite Wahl bekommen. Zu Hause auch. Meine Schwester war der Liebling, die gute Schülerin und die Hübsche. Ich der Versager. Kein Wunder, dass ich nur einen aussortierten Bodyguard bekam.
„Auf deine Hilfe kann ich verzichten!“, warf ich ihm vor die Füße, drehte mich um und wollte über die Straße, Richtung Volkspark.
„Halt!“, rief er. Aber ich ging stramm weiter, ohne mich umzudrehen.
Dann passierte es: Ein Hupen, Bremsen und eine kalte Hand, die mich am Kragen zurückzog. Und etwas Starkes, das mich in den Rinnstein schleuderte.
Als ich die Augen aufschlug, beugten sich Köpfe mit besorgten Gesichtern über mich. Ich rappelte mich hoch und schaute an mir hinunter. Alles war noch dran, keine Schmerzen, nichts gebrochen.
„Na, da hast du aber einen Schutzengel gehabt“, sagte ein alter Mann, der mir auf die Beine half.
„Danke“, sagte ich verdattert und schaute mich um.
Mein Freund Engel stand etwas abseits und grinste mich an.
„Glaubst du mir jetzt?“, fragte er, nachdem ich alle überzeugt hatte, dass mir nichts fehlt und ich gehen konnte.
„Danke“, murmelte ich. Irgendwie war es zu viel für mich an diesem Vormittag. Ich musste in Ruhe alles überdenken. Aber der Typ wich nicht von meiner Seite.
Es war schrecklich! Jede Bewegung, die ich machte, versuchte er nachzumachen, wobei es ihm nicht immer gelang.
„Mach dich doch wieder unsichtbar“, schlug ich vor, „du nervst.“
„Kann ich nicht, das liegt an der Situation, ob du mich sehen kannst oder nicht.“
„Wie denn das?“
„Na ja, in Zeiten der Verzweiflung werden wir sichtbar.“
Da hatte er Recht, ich befand mich in einem Zeitalter der Verzweiflung, wenn ich an das Gruselkabinett des Gymnasiums Sichelstraße dachte.
„Dann hör bitte auf, mich nachzuäffen. Fällt das wenigstens in deine Zuständigkeit?“
„Hm“, nickte er und kratzte sich verlegen unter seinem Heiligenschein.
„Na gut, wenn du schon da bist, dann kannst du mir heute Nachmittag beim Fußballspielen helfen. Mach dich nützlich.“
Mein Engel strahlte. „Eine gute Idee, ich komme, du wirst sehen….“
„Ja, ja“, unterbrach ich ihn und eilte nach Hause und dann zum Fußballplatz.
Unsere Mannschaft spielte grottenschlecht. Wir verloren 1 : 5 und ich holte mir ein blutiges Knie. Die zweite saubere Niederlage an diesem Tag.
„Wo warst du, du Versager? Ich dachte, du kannst mich beschützen!“, blaffte ich ihn an, als wir nach dem Spiel im Clubhaus eine Cola tranken.
„Entschuldigung. Ich war da, aber…“ „Ja, und warum hast du nicht achtgegeben, als der Ball ins Tor flog? Oder als ich auf die Fresse fiel?“
„Ich weiß nicht. Ich guckte den Schiri an, und…“ „Sag mal, was bist du denn für ein Schutzengel, wenn du nicht aufpassen kannst?“
„Ja, ja, entschuldige.“
„Hallo! Raus mit der Wahrheit! Du bist kein Schutzheiliger. Du vermasselst alles, was vor deine dämliche Visage kommt.“
„Ich…“, er kippelte nervös auf seinem Stuhl. „Komm, lass uns gehen, es ist langweilig hier. Lass uns in die Skaterhalle gehen, ich zeige dir ein Paar Tricks, die kann keiner, nur ich. Aber dir zeige ich sie.“
Er war wirklich nicht schlecht. Er konnte nicht nur in der Luft eine Pirouette drehen, ohne das Brett zu verlieren, er konnte von einer Bahn auf die andere springen und kam elegant oben wieder an. Es war nicht ungefährlich, fast unmöglich. Aber ich probierte es, und es klappte.
Als ich abhob, hatte ich das Gefühl, als würden mich zwei starke Arme hochheben und tragen. Alle schauten mit offenen Mäulern zu. Ich war happy und versuchte es noch einmal. Diesmal aber landete ich schmerzlich auf allen Vieren. Es fühlte sich an, als wären meine sämtlichen Knochen gebrochen. Ich rappelte mich auf und suchte den Versager von Beruf. Der kasperte tatsächlich auf der anderen Seite der Halle, total abgelenkt und drehte Pirouetten auf einem Bein inmitten einer Gruppe Jugendlicher, die ihn begeistert anfeuerten.
Wütend schleppte ich mich hin. „Du Idiot!“
Er erschrak. „Sorry, ich wollte nur kurz…“ „Das bringt mir nichts, mein Brett ist kaputt und meine Jeans auch.“
Verzagt schaute er zu Boden.
„Du hast da ein Problem, mein Lieber.“
„Ich weiß. Ich lasse mich immer ablenken.“
„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du Konzentrationsprobleme hast“, lachte ich laut auf.
Er nickte.
„Haben Engel es auch?“
„Na ja, doch, ja. Bei uns heißt das himmlischer Durchzug.“
„Ach du heiliger Bimbam und warum sucht sich einer wie du gerade mich? Ich bin mit der Konzentration auch nicht auf der Höhe!“
„Ich habe mir dich auch nicht ausgesucht, ich wurde dir zugeteilt. Was kann ich denn dafür, dass du ein äußerst anstrengender Job für mich bist? Hätte ich einen Sesselpupser unter Beobachtung, könnte ich seelenruhig in der Nase bohren. Aber du kannst einen auf Trab halten. Das sage ich dir.“
Ich musste nachdenken. Aber wer kann nachdenken, wenn man von einem hyperaktiven Schatten verfolgt und voll gelabert wird.
„Nimm dir einen Tag Urlaub“, schlug ich ihm vor. „Ich kann schon auf mich selbst aufpassen.“
„Oh danke, eine gute Idee“, sagte er. Zu meiner Überraschung war er begeistert und nahm freudestrahlend meinen Vorschlag an. Wer würde auch auf einen freien Tag freiwillig verzichten?
Wir gaben uns die Hand, und er verschwand in einer dichten Nebelwolke, die in unserem Vorgarten waberte.
Einerseits war ich erleichtert, andererseits fehlte mir etwas. Hinten. Es fühlte sich an, so wie ein OP-Hemd, das hinten offen ist. Ein nackter Hintern im Wind. Es zog. Einen gewissen Schutz bot mir Vaters Ohrensessel, in dem ich mich den ganzen Abend lümmelte und so tat, als würde ich die Zeitung lesen.
Mein Vater ist so megabeschäftigt, dass man denken könnte, er wäre Barack Obama. Er ist nie da, wenn man ihn braucht und wenn, dann ist er damit beschäftigt, den 95er Bordeaux zu dekantieren und in seinem Ohrensessel einzunicken. Ich kann machen, was ich will, er nimmt mich nie wahr. Außer auf meine schlechten Noten reagiert er auf rein gar nichts. Wenn er nicht da ist, ergreife ich die Gelegenheit und besetze seinen Sessel. Ich fläze mich hinein und rieche den herben Geruch seines Rasierwassers. So bin ich ihm näher, als wenn er da wäre. Zeitgleich aber pupse ich möglichst heftig in die Sesselpolster; aus geheimer Rache für seine Abwesenheit sozusagen.
Was mein Vater macht, weiß ich nicht so genau. Es geht da um Teamsitzungen, Wertpapiere und Abschreibungen. Keine Ahnung, was er abschreibt, ist irgendwie erlaubt. Mir wäre es lieber, er wäre Mechatroniker oder Kommissar. Aber wenigstens bringt er die Kohle nach Hause. Meint Ihr aber, ich hätte einen Roller oder einen eigenen Fernseher im Zimmer? Weit gefehlt!
„Die Kohle muss man sich selber verdienen, damit man weiß, was man hat!“, predigt er immerzu. Dass er aber das Haus von meiner Oma geerbt hatte, ist für ihn selbstverständlich.
An diesem Abend thronte er also nicht in seinem Ohrensessel und meine Mama schloss sich mit meiner Schwester in ihrem Zimmer ein. Vorher lief sie mit rot geränderten Augen herum, und jetzt tuschelten die beiden leise hinter der verschlossenen Tür.
Es war mir recht, alleine zu sein, wenn meine Mutter mir auch leidtat. Worum es hier ging, erfuhr ich erst viel später und ganz zufällig. Aus ihrer Melancholie erwachend, versäumte sie aber später nicht, mich nach der Klassenarbeit zu fragen.
„Ach ganz OK“, entgegnete ich und tat, als würde ich die Zeitung aufmerksam lesen. In Wahrheit aber zählte ich die As auf der aufgeschlagenen Seite und ich kam auf 1.276.
„Ach das freut mich, dass du dich für Politik interessierst!“, meinte sie, als sie mich mit der Zeitung in der Hand sah. Sie brachte mir sofort mehrere Bücher und lebte für eine Weile sichtlich auf.
Sie müssen wissen, sie ist ganz klein und zierlich und auf ihre Art sehr hübsch. Sie liebt Bücher und überhaupt alles, was mit Kunst zu tun hat. Sie ist auch sozial megamäßig engagiert und unterstützt Hilfsbedürftige, mich eingeschlossen. Und sie macht sich immerzu Sorgen. Am Häufigsten wohl wegen mir.
Meine Schwester studiert in Lübeck und ist nur selten zu Hause. So bleibt es an mir, meiner Mutter Gesellschaft zu leisten, wenn Vater nicht da ist. Und das ist in der letzten Zeit verdammt oft gewesen. Der Alte hat Nerven. Wenn ich so eine schmucke Frau zu Hause hätte, würde ich verdammt aufpassen, dass sie auch zu Hause bleibt.
Wenn ich mal heiraten sollte, ich meine wenn, was nicht so wahrscheinlich ist, werde ich so jemanden wie meine Mutter heiraten. Und wenn ich Kinder haben sollte, werde ich von Anfang an total streng sein. Nicht so weich und lieb wie meine Mutter. Obwohl sie mir in der letzten Zeit gewaltig auf den Wecker geht. Mit ihren Sorgen, mit ihren Büchern und den roten Augen. Wenn mein privater Engel was taugen würde, könnte ich ihn ihr ausleihen. Vielleicht könnte er ihr etwas flüstern.
„Möchtest du mitessen, Peter?“
Sie kam ins Zimmer und fing an, den Tisch zu decken.
„Was gibt es?“
Ich beobachtete ihre zierliche Figur und die langen schwarzen Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Als sie so um den Tisch herumlief und die Gläser mit Wasser füllte, meinte ich einen Hauch von Licht um ihren Körper wahrzunehmen. Eine zweite durchsichtig schimmernde Haut. Eine Strahlung oder Rauch. Ich blinzelte und das Licht verschwand. Also widmete ich mich den Bs in dem Artikel über die Unruhen in Tschetschenien, um sie in dem guten Glauben zu wiegen, dass ich mich politisch weiterbilde. Ich durfte sie nicht noch mehr enttäuschen.
„Na, wie ist denn deine Arbeit ausgegangen?“, fragte meine Schwester schnippisch, als wir beim Abendessen saßen.
Sie wusste, ich hatte nicht viel getan. Woher sie es wusste, weiß ich nicht. Sie wusste immer alles über mich. Als ich klein war, glaubte ich, sie könne zaubern.
Sie wusste immer genau, wann ich log und gab meiner Mutter subversive Tipps in punkto meiner Erziehung.
Heute war mir klar, dass es keine Zaubereien und Hexen gäbe, nur meine Schwester war eine Ausnahme.
„Ganz gut“, antwortete ich und konzentrierte mich drauf, nicht rot zu werden.
„Hast du abgeschrieben? Oder eigene Spickzettel gehabt?“
Diese blöde Ziege!
„Weder noch, ich hatte einen Schutzengel.“
Auch wenn dieser mir nicht geholfen hat, weil er die Arbeit verpennt hatte, konnte ich zumindest kontern. „Und der Schutzengel - hatte er den Stoff gelernt?“, fragte die Besserwisserin und wusste nicht, wie nah sie an der Wahrheit vorbei schlitterte.
„Ja, er hat mir alles ins Ohr geflüstert!“, blaffte ich sie an und hoffte, meinen Schutzengel dazu bringen zu können, wenigstens nachträglich durch irgendwelche himmlischen Mächte die Antworten auf das leere Blatt zu schmuggeln. Er könnte auch Frau Dieckens eine Portion Nächstenliebe einhauchen und ihre Hand führen, die dann statt einer Sechs wenigstens eine Vier minus unter die Arbeit setzt.
„Warum grinst du so dämlich?“ Meine Schwester mochte es nicht, wenn sie nicht verstand, was in meinem Kopf los war.
„Ich bin glücklich, dass ich ein so liebes Schwesterchen habe“, antwortete ich süß.
Im Deutschunterricht hatten wir gerade Sarkasmus, Spott und Zynismus durchgenommen. Ich fand es angebracht, einige Hausübungen zu starten. Das war meine Schwester nicht von mir gewohnt.
„Lass ihn doch, Lisa. Ich freue mich, dass es diesmal gut gelaufen ist. Im Moment habe ich nicht viel, worüber ich mich freuen kann.“
„Oh, das tut mir leid, Mami“, entgegnete Lisa und küsste meine Mutter auf die Wange.
Mutter schluchzte, zwei dicke Tränen kullerten über ihre blassen Wangen und plumpsten in die heiße Fleischsuppe wie zwei Regentropfen in den See.
Ich beobachtete die leichte Kreisbewegung, die sie in der fetten Flüssigkeit hinterließen und schaute dann meine Schwester fragend an.
„Komm iss“, sagte sie milde. „Nachher gibt es Tortellini mit Käsesahnesoße.“
Ich bekam Angst. Wenn Lisa nett zu mir war, bedeutete es, dass eine Katastrophe im Anmarsch war. Mein Rücken fühlte sich kalt an.
Normalerweise schlafe ich sofort ein, sobald mein Kopf das Kissen berührt. Aber heute Abend konnte ich nicht einschlafen. Meine rotäugige Mutter machte mir Sorgen und die Begegnung mit meinem unzuverlässigen Schutzengel beunruhigte mich. Einerseits war ich froh, einen zu haben. Andererseits taugte er nicht viel. Die Nummer in der Skaterhalle war beeindruckend und die auf der Straße auch. Ich hätte gerne gewusst, wozu er fähig war, wenn er nicht so zerstreut wäre. Das muss ich ihn das nächste Mal fragen, nahm ich mir vor und schlief endlich ein.
Ich träumte, ich sitze auf einer weißen Wolke im Schneidersitz, spiele Gitarre und zwar so gut, dass mir selbst vor Verzückung die Tränen aus den Augen fließen. An mir vorbei düsen Engel verschiedener Ausprägung und klatschen mir Beifall. Ich denke noch, wie es oft in Träumen ist: Wenn ich aus diesem Traum aufwache, nehme ich mir meine Gitarre wieder vor. In der letzten Zeit habe ich sie vernachlässigt. In Wirklichkeit kann ich noch lange nicht spielen.
Dann aber werde ich der Flügel, die auf meinem Rücken kleben, gewahr und denke, ich wäre wahrscheinlich bereits tot und auch ein Engel geworden. Gleichzeitig nehme ich hinter mir etwas rundes Schwarzes wahr.
Dieses Etwas schubst mich unsanft von der Wolke herunter und ich falle. Immer schneller und schneller. Das Fallen ist berauschend, doch gleichzeitig habe ich ein unangenehmes Kribbeln und Wiegen im Bauch wie im Aufzug, wenn er mit einem Schwung anhält. Die Erde kommt immer näher und näher, und ich schließe vor Angst die Augen. Zugleich pralle ich unsanft auf den Boden, schreie und reiße die Augen wieder auf.
Als ich mit dem Schrei in der Wirklichkeit aufwachte, lag ich in meinem Zimmer neben meinem Bett. Mir war kalt. So rappelte ich mich im Halbschlaf hoch und kletterte zurück in das noch warme Bett. Der Wecker zeigte vier Uhr.
„War heute Vollmond?“, fragte ich mich. Wenn ich bei Vollmond vergaß, die Vorhänge zuzuziehen, schlief ich immer unruhig. Mein Blick wanderte zum Fenster. Es stand offen. Auf dem Fenstersims erahnte ich einen gebückten Schatten.
Als sich meine verschlafenen Augen wieder scharf stellten, sah ich eine Kreatur, die eine Kreuzung zwischen meinem Engel und einem Vampir darstellte. Was war mit mir los? Hatte mir jemand eine Droge in den Tee gekippt? Aber solche Späße erlaubte sich meine musterhafte Schwester nicht.
Oder wurde ich verrückt? Meine Mutter besaß mehrere Bücher über die Pubertät. Das Wort spukte seit Jahren in unserer Wohnung und in der Schule herum. Ich nahm mir vor, die einschlägige Literatur durchzuschauen. Ob dort etwas über Sinnestäuschung aufgrund eines Hormonüberschusses in der Pubertät stand?
Wenn ich schon so einen Film umsonst angeboten bekam, beschloss ich, ihn bis zum Schluss anzuschauen.
Ich setzte mich auf, machte die Nachttischlampe an und schaute in die hellblauen Augen meines Engelfreundes.
Der Rest aber sah ganz anders aus als heute Vormittag. Seine Haare waren lila und standen ihm vom Kopf ab, wie dem Sunnyboy-Vampir aus dem Hollywood Schmachtfilm Twilight. Er war ganz in Schwarz gekleidet, mit einem breiten Cape umhüllt, mit schwarz umrandeten Augen und dunkelroten Lippen. Nur der weiße durchsichtige Teint war vom Original geblieben.
Meine Augen suchten über seinem Kopf nach dem schrägen Heiligenschein, der aber war weg. Hätte natürlich nicht zu einem Vampir gepasst. Dann sah ich ihn, als eine leuchtende Halskette um seinen Hals hängen.
„Hast du noch andere Ämter inne?“, fragte ich ihn erstaunt.
„Nein, das ist jetzt bei uns im Himmel in. Gefällt es dir?“
Er stellte sich in Pose und bleckte seine langen Vampirzähne.
„Bescheuert“, sagte ich mehr zu mir als zu ihm.
„Na, schau dich doch mal um, was auf den Straßen so herumläuft: Punks, Emos, Gothiks, Raver, Mangas und was weiß ich was noch. Die gehen damit sogar in die Schule, ich verkleide mich nur in der Freizeit.“
„Apropos Freizeit. Warum hockst du hier bei mir, wenn ich dir großzügig einen freien Tag geschenkt hatte?“
Seine rabenschwarzen Lider senkten sich und er schaute verlegen auf seine Füße.
„Ich muss bei dir bleiben.“
„Warum? Es ist doch mein Ding, ob ich beschützt werden möchte oder nicht.“
„Na ja, doch“, gab er zu. „Aber…“, er zögerte.
„Aber was? Hör mal, ich habe doch Anrecht auf eine Erklärung, schließlich muss ich mit dir klarkommen, kein anderer. Und ob ich es mit einem engelhaften Vampir aushalten kann, bin ich mir nicht sicher.“
„Von mir aus. Aber schlag mich nicht! Ich habe dafür, dass ich dir die Skateboardpirouetten vorgeführt hatte, auf dich dann aber nicht achtgab und mich vor den anderen auch noch leibhaftig gezeigt habe, zwanzig Sozialstunden erhalten. Du musst wissen, auch bei uns oben“, er drehte die Eulenaugen Richtung Decke, „gibt es Gesetze, die man brechen kann.“
„Na das fängt ja gut an. Von mir aus, bleib hier! Halt aber den Mund! Ich muss schlafen, morgen schreiben wir eine Mathearbeit. Gute Nacht.“
Ich drehte mich zur Wand und schloss die Augen. Ich war gerade beim Einschlafen, da kroch etwas unter meine Bettdecke und legte sich in Löffelchenstellung hinter mich. Oh Gott, was war jetzt schon wieder los?
Ich ging hoch und sprang aus dem Bett. Der gemeine Schutzengel starrte mich mit seinen mittlerweile verschmierten Augen an.
„Was soll das?“, fragte ich ihn schockiert. „Bist du auch noch schwul oder was? Geh woanders kuscheln, du Spasti!“ Verdammt, war das peinlich!
„Was hast du denn?“, fragte er erstaunt und schaute dabei wie ein verbrannter Pfannekuchen. „Ich schlafe jede Nacht bei dir, seit fünfzehn Jahren wache ich über deine Träume, über deine Atmung, deine Herzfrequenz, über deine…“, er hielt inne.
„Das ist eine Verletzung der Privatsphäre!“, rief ich empört aus. „Noch nichts vom Datenschutz gehört?“
„Ich erzähle auch niemanden etwas über dich. Schweigepflicht, verstehst du?“
Hm. Nickte ich halbherzig.
Ich sah zu ihm hin. Ob ich wollte oder nicht, musste ich mich damit anfreunden, dass mir ständig jemand am Rockzipfel hängt. Vielleicht könnte man aber auch seine übersinnlichen Kräfte ausnutzen, überlegte ich. Wie sagte mein Vater immer? „Wenn das Leben Dir eine Zitrone gibt, versuch Zitronenlimonade daraus zu machen.“ Meistens laberte er nur Blödsinn, aber diese Weisheit war brauchbar.
„Pass auf“, sagte ich zu ihm und schaute ihm eindringlich in die Augen. „Hier im Bett kann mir nichts passieren, hier bin ich sicher. Aber morgen ist die Mathearbeit angekündigt. Ich muss die Aufgaben wissen. Eine weitere Niederlage kann ich mir nicht leisten. Du könntest doch, anstatt mir hier ins Ohr zu schnaufen…“.
„Nein, nein, nein!“, unterbrach er mich. „Keine illegalen Sachen, bitte. Das darf ich nicht.“
„Bist du mein Schutzengel oder nicht? Nehmen wir an, du musst mich vor den hinterlistigen Aufgaben meines Mathelehrers beschützen. Dann ist es erlaubt.“
„Ich darf dich nur vor Dingen schützen, die dein Leben gefährden.“
„Ja, und mein Leben ist gefährdet, wenn ich noch eine einzige schlechte Note nach Hause bringe. Mein Vater bringt mich um. Meine Mutter bringt es um und mein Leben ist für immer zerstört.“
„Da bin ich aber gerührt, mir kommen die Tränen.“
„Gut, wenn du nicht willst, lass es. Aber leg dich schön weit weg von mir!“, befahl ich gähnend und schlief sofort ein, als hätte mir jemand eine übergewischt.
Das Rumpeln der Mülltonnen, die an diesem Tag geleert wurden, weckte mich. Der Wecker zeigte Viertel vor Acht. Ich hatte verpennt! „Mist! Die Mathearbeit!“, ging mir durch den Kopf. Blitzartig zog ich mich an und sprintete zur Bushaltestelle. Wie erwartet fuhr der Bus gerade ab, als ich um die Ecke bog. An einem solchen Tag eine Mathearbeit zu schreiben, war reiner Selbstmord. Wenn bei mir eine Sache schiefgeht, zieht sich die Pechsträhne wie eine Schleimspur durch den ganzen Tag durch. Ich tastete in meinem Inneren nach Schmerzen oder verstopften Nasenhöhlen. Zu meiner Enttäuschung aber antwortete mein Körper mit ungebetener Gesundheit. Ich hatte keine Ausrede und würde zu spät kommen. Das bedeutete, in einer Rekordzeit unzählige Matheaufgaben zu rechnen, die der Feder eines rachsüchtigen Lehrers entsprungen sind. Es hatte alles keinen Sinn. Warum beeilte ich mich überhaupt? Gerade, als ich verlangsamte, kam ein starker Wind auf, und eine unsichtbare Baggerschaufel schob mich nach vorne. Ich fühlte den Boden unter meinen Füßen nicht mehr. Als ich vor der Schule landete, hatte gerade die Schulglocke gebimmelt.
Vor der Klasse stand mein Schutzengel und strahlte mich an wie ein leuchtender Fliegenpilz. Man konnte sehen, dass er die Nacht durchgemacht hatte. Er hatte die Vampirkluft immer noch an, die Haare aber waren jetzt struppig und verklebt, die Fingernägel dreckig. Ob er Mundgeruch hatte, wollte ich nicht nachprüfen.
„Hast du die Arbeit und die Ergebnisse?“, fragte ich ihn außer Atem und schaute mich vorsichtig um, ob uns keiner beobachtet. Denn in diesem Moment sah ich für einen Außenstehenden paranoid aus. Einer, der Monologe labert.
„Ja, ich habe sie gefunden. Es war nicht einfach, denn im Lehrerzimmer waren sie nicht.“
„Ist doch klar, die halbe Klasse wäre hier eingebrochen, wenn der Mathelehrer sie in der Schule aufbewahren würde!“, tippte ich mir an die Stirn.
„Er hatte sie aber sauber ausgebreitet auf seinem Schreibtisch zu Hause. Hier!“, sagte mein Schutzengel, der nun wahrlich diesen Namen verdient hatte und übergab mir feierlich drei voll geschriebene Blätter.
„Danke!“, sagte ich begeistert, drehte mich zur Wand und überflog die Aufgaben. Halleluja! Auf dem Blatt standen nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Rechenwege und alle Ergebnisse.
„Geschenkt“, antwortete er gönnerhaft.
Da sprang mir eine Zahl ins Auge, die rechts oben auf dem ersten Blatt stand: 10 a. „Verdammt! Du hast die falsche Arbeit mitgenommen, du verpeiltes Engelvieh!
Ich bin nicht in der 10 a sondern in der 10 b beheimatet!“
„Ja?“
„Ja! Wo warst du denn die ganzen Jahre, wenn du nicht einmal weißt, ob ich in der 10 a oder in der 10 b bin?“
Er schaute mich mit seinem Engelsblick an, der an ein gejagtes Reh erinnerte. „Das ist nicht gut. Gebe ich zu.“
Was jetzt? Ich sah den Mathelehrer Lemke den Korridor entlangeilen, steckte die Blätter in den Rucksack und eilte in die Klasse.
„Beschütze mich wenigstens, wenn du sonst alles verpeilst“, raunte ich meinem Engel über die Schulter zu, setzte mich auf meinen Platz und legte mit zitternden Fingern meine Stifte aufs Pult bereit.
Lemke verteilte die Arbeit und ich starrte die Aufgaben an, die mich wie chinesische Zeichen angrinsten.
„Ich kann auch ein bisschen rechnen, ich helfe dir“, flüsterte mir jemand ins Ohr. War klar, wer das war.
„Ich bin eigentlich ein sehr guter Rechner. Mal sehen.“
Er beugte sich über meine Schulter und las: Grundwissen Biomanische Formeln.
„Binomische Mann!“, zischte ich. „Die kann ich auch noch. Lass mich machen und halt den Mund!“
Auf diesem Gebiet hatte ich minimal Ahnung und fing gleich an zu rechnen. Konnte mich aber nicht konzentrieren, denn Engelhard (so nannte ich ihn jetzt) pustete mir aufgeregt ins Ohr, während er halblaut die nächste Aufgabe durchlas: Nadja macht nach dem Realschulabschluss eine dreijährige Ausbildung. Er möch… „Wie bitte? Warum er? Nadja ist doch ein Mädchenname! Peter, schau dir die Aufgabe 2a an!
Nadja ist doch ein Mädchen!“
„Wie? Was?“ Ich unterbrach meine binomischen Überlegungen und las die Aufgabe zwei. „Na und? Egal, ein Fehler halt.“
„Ein Fehler? Das ist Mathematik! Mathematik verlangt Genauigkeit! Das solltest du reklamieren.“
„Nicht wichtig“, unterbrach ich seine philosophischen Ergüsse. „Wichtig ist, dass ich keine Ahnung habe, wie das Zeug geht.
