Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Alles im Fluss" war die erste literarische Anthologie der Solinger Autorenrunde, die im Jahr 2015 als Paperback und Ebook bei BoD erschien. Kay Ganahl schlug als Thema für die Anthologie des Jahres 2016 "Der Berg bewegt sich" vor, das mit großer Zustimmung angenommen wurde. Heute wird zu diesem Thema eine Anthologie vorgelegt, in der die AutorInnen mit einfallsreicher und subtiler Lyrik, kurzen Erzählungen, Geschichten und besonders Märchen zu überzeugen wissen. Dazu kommt die Solinger Mundart Andreas Erdmanns! Auch zahlreiche Fotos und andere Abbildungen werden im Werk veröffentlicht! Die Fantasie ist grenzenlos, wenn es darum geht, dass Berge sich bewegen ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Seit Gründung der Solinger Autorenrunde nach einem Aufruf von Martina Hörle im Jahr 2014 hat die Gruppe bereits viele literarische Veranstaltungen durchgeführt, wie die Lesung „Ein buntes Kaleidoskop“ 2015 auf der Bergischen Literaturbörse und den „2. Literarischen Wandertag“ im August 2016 in Solingen.
„Alles im Fluss“ war die erste Anthologie der Autorenrunde, die 2015 als Buch und Ebook erschienen ist. Auf Anregung von Kay Ganahl wurde für die folgende Anthologie das Thema „Der Berg bewegt sich“ ausgesucht.
In diesem neuen Werk wissen Karla J. Butterfield, Andreas Erdmann, Kay Ganahl, Saga Grünwald, Martina Hörle, Beate Kunisch und Christiane Trunk mit einfallsreicher und subtiler Lyrik, kurzen Erzählungen, Geschichten und vor allem Märchen zu überzeugen. Die Fantasie kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, dass der Berg sich bewegt.
Die Texte sind in Hochdeutsch und in Solinger Mundart geschrieben und mit zahlreichen Fotos und anderen Abbildungen optisch untermalt.
Saga Grünwald: Wandernde Berge
Andreas Erdmann: Belder ut der wieder Weilt
Martina Hörle: Ansichtssache
Karla J. Butterfield: Der König vom Berg
Beate Kunisch: Haiku
Martina Hörle: Der schwarze Berg
Beate Kunisch: Haiku
Kay Ganahl: Eines Berges Tanz
Andreas Erdmann: Asylum
Saga Grünwald: Aufwind
Christiane Trunk: Bauland
Martina Hörle: Die nichtsnutzigen Riesen
Beate Kunisch: Der Bergritt
Saga Grünwald: Der Weidenstrauch
Martina Hörle: Ewigkeit
Karla J. Butterfield: Der Wäscheberg
Andreas Erdmann: Betonblumen
Kay Ganahl: Die Schuldnerin zu Füßen des Berges
Saga Grünwald: Spiel
Martina Hörle: Die Elemente der Welt
Beate Kunisch: Unser Berg
Andreas Erdmann: Chreßdag am Fanispan
Karla J. Butterfield: Der Berg geht
Christiane Trunk: Duell
Beate Kunisch: Haiku
Martina Hörle: Stärke
Saga Grünwald: Das Opferkind
Andreas Erdmann: Der Bahnhof von Orx
Martina Hörle: Berge haben Charakter
Kay Ganahl: Freiheit des Berggeistes
Beate Kunisch: Das Kistchen und die sieben Berge
Martina Hörle: Tod
Saga Grünwald: Aufstieg
Karla J. Butterfield: Der Berg und der Hügel
Andreas Erdmann: Eiszeit
Beate Kunisch: Film ab! Die Eisbergspitze
Saga Grünwald: Verschleiert
Martina Hörle: Hinauf
Andreas Erdmann: Im Rosenbaumwald
Beate Kunisch: Haiku
Saga Grünwald: Die Melodie
Kay Ganahl: Die Systemklempner
Martina Hörle: Vorbei und doch ewig
Karla J. Butterfield: Die Walliser Alpen
Andreas Erdmann: ‘Ne Scherbe
Beate Kunisch: Haikus
Saga Grünwald: Der Wächter
Martina Hörle: Der Mondberg
Andreas Erdmann: Männergesellschaft
Beate Kunisch: Bewegung durch Begegnung
Saga Grünwald: Haiku
Karla J. Butterfield: Kanzlerin allein Zuhause
Beate Kunisch: Haiku
Andreas Erdmann: Kare- san- sui-
Saga Grünwald: Wandrers Lust
Beate Kunisch: Haiku
Andreas Erdmann: Märkischer Napfkuchen
Saga Grünwald: Aber Falls
Die Autoren
Bildnachweis
Wasserhügel
weiße Gipfel
die Berge
wandern auf ewig
donnern auf ewig
brechen nieder
wieder und wieder
in Liebe mit dem Sturm
der ihre Träume empor trägt
zu den Göttern
Kathmandu. En Stadt wie em Märchen. En Nepal, huh em Himalaya gelegen, on rongksöm stonnt Berg üöwer Berg siëwen-, aiht-, baul nünndusend Meder huh bes schinns en den Hemmel.
Wie em Märchen, su bieren die Gassen, Strooten on Plaazen en Kathmandu. Zengter dem Meddelauler baul overängert. De Hüser verwenkelt, Wäng on Fenster döckes ut Hoult geschnetzt, geschmöckt met Figuren, kleïn, bes ent Feïnste. Deïls farwefruh bemolt. Derbower recken sech Tempel op, Pagoden met göülen Däkern, Tüörn üöwer Tüörn on Trappen, Trappen - die führen schinns en de Wolken. Morges on owes liëht ne süöten Doft van Röükerpennschern üöwerall en der Louht – on dat Lachen der Menschen. Jiëdereïner es fröngklech, strohlt dech aan, seht dir de Dahstiet: „Namasté!“ Dat heïscht: Ech grüöß den Herrgott en dir!
Maccapuchare. Nen Berg wie em Märchen. Üöwerm Pokhara-Sii ragt he op on erennert an’t Matterhorn en den Alpen, es äwwer völl spetzer on hührder. Nömmes, keïn Bergsteïger (ouch nit der Messner) klomm je erop. En te besteïgen es streng verboden, on wer et gewogt hatt, kom nie teröck. Et heïscht, der Herrgott thrunt op der Küppe.
Wie em Märchen su bieren die Dörper am Berg on erop bes ter Bergkette van der Annapurna. Louhts dervan gött et en Dall, baul tweidusend Meder diëp, voller Rhododendron-Bösche. Äwwer keïn Strüker – Böüm, riesege Böüm, en allen Farwen am Blüöhen on voller Vüögel on Apen. Et es eïn Doften on Sengen.
Die Menschen hie kennen keïn Radio, keïn Flemmerkeste, keïn Waterleïtengk, keïnen Strom. Se kennen keïn Auto, niddemols Strooten. Hie hät men bluß Päddscher on Trappen, Trappen ut Steïn, van Dall te Dall, die Berg erop, eronger. Et gött Dörper, do kennt men niddemols Geild. Men bruckt et ouch nit. Jiëder hät sin eïgen Hus, Feiler, Gärdes, Dier on tedöüges te eten. Bruckt men ens nen Kochpott udder sujet, dann wierd getuuscht. Äwwer arm, arm es men hie nit. Glöck, Tefriëdenheït lött eïnem ut allen Ougen entgeen, en Fröngklechkeït, dat men sech äs Europäer baul schammt. Men versteïht: Wir, wir ut der sugenüömden „Zivilisatiun“, wir sind de Armen: Arm an Kultur, Tefriëdenheit, Liëfde.
Voll Ehrfurcht sah ich auf den Berg,
durch’s Fernglas fiel mein Blick.
Ganz unbezwingbar schien er mir,
trotz Steigeisen und Strick.
Ich schaute und der Zweifel kam.
Zum Gipfel hoch empor,
das war seit Jahren schon mein Traum.
Jetzt hatt‘ ich Angst davor.
Da brachte mich ein Geistesblitz
der Lösung auf die Spur.
Flugs drehte ich das Fernglas um.
Kein Berg – ein Hügel nur.
Auf einem hohen steinigen Berg stand einmal ein Schloss. Es glänzte golden in der Sonne und silbern in der Mondnacht. In diesem Schloss lebte der König Barnabasch. Dieser König war so reich, dass er alles haben konnte, was er sich nur wünschte. Jeden Tag nach dem Frühstück, das auf goldenen Platten mit funkelnden Diamanten besetzt serviert wurde und alle Köstlichkeiten, die man sich nur ausdenken konnte, beinhaltete, rülpste der König aus tiefsten Herzen und stöhnte: „Oh, ist das Leben langweilig!“
Der königliche Sekretär, (der bereits des Morgens heiter war, da er gerne das teuflische Getränk Met, ein Geschenk des Grafen Grünwald, zu sich nahm, um das Stöhnen des Königs ertragen zu können), klatschte kraftvoll in die Hände. Sofort erschienen bemalte Clowns, Schauspieler und Musiker, um den gelangweilten König zu amüsieren. Dichter lasen ihre Epen vor, und Sänger besangen die grenzenlose Großartigkeit des Königs. Der Monarch aber war der Kunst wenig zugetan und verfiel nach einer Weile dem tiefen Schlaf. Als er aufwachte, war es bereits Zeit für das Mittagessen, das genauso üppig ausfiel wie das Frühstück. Nach dem Dessert ließ der König Winde des Westens fahren. Oder er bekam einen Schluckauf, da er das Essen immer zu schnell verschlang. Der Leibarzt des Königs musste gerufen werden. Er versuchte es mit einer Schrecktherapie. Wenn diese nicht half, musste Barnabasch verkehrt herum aus dem Glas trinken, bis der Schluckauf endlich aufgehört hatte. Diese alberne Heilkur hatte den Nachmittag etwas verkürzt, so dass es schon wieder Zeit zum Abendessen wurde. Wenn wir die Köstlichkeiten, die der König am Abend zu sich nahm aufzählen würden, kämen wir nicht weiter. Sicher ist aber, dass sich der Monarch weiterhin enorm langweilte. „Was soll ich tun?“, erkundigte sich der königliche Sekretär beim Astronomen, der als belesen galt und von dem höchsten Turm des Schlosses aus den Sternen las. Sein Bart war so lang, das es bis zur Wendeltreppe, die zum Turm führte, reichte, und seine Augen so scharf, dass er in den entferntesten Galaxien lesen konnte.
„Hier, das brauch ich eigentlich nicht“, sprach der Astronom und übergab dem königlichen Sekretär sein Fernrohr, „gib es dem König, er soll sich mit der Astronomie die Zeit vertreiben.“
Das Fernrohr wurde dem König auf einem roten Samtkissen feierlich überreicht, und der königliche Sekretär zum königlichen Minister befördert, als Dank für die Rettung des königlichen Gemüts.
“Ich sehe nichts“, rief Barnabasch verzweifelt, „alles bleibt dunkel!“ „Sie müssen ein Auge öffnen, damit Sie was sehen, Majestät“, riet der Minister. Der König öffnete ein Auge, leidergottes das falsche und sah weiterhin weniger als Nichts. Erst nach langem Üben fand man endlich das richtige Auge, so viel Auswahl gab es nicht, und der König sah in die Ferne. Er sah Berge, Flüsse, Dörfer und Wege. Er sah Menschen auf den Straßen. Er sah sie Felder pflügen und Bäume fällen. Er sah spielende Kinder und Waschfrauen, Schmiede und Schuhmacher. Da fiel von dem König die Langeweile ab. Von morgens bis abends beobachtete er das Treiben im Tal. Alles, was Barnabasch sah, und es gefiel ihm, ließ er zum Schloss hochbringen, denn er hatte genug Gold, um alles, was er sich wünschte, zu kaufen. Bald platzte das Schloss aus allen Nähten.
Eines Morgens, als Barnabasch vom königlichen Frühstück gesättigt, durch sein Fernrohr schaute, erblickte er am Fenster einer Hütte eine junge Frau, die an einem Tisch saß und ein Wams nähte. Sie hatte ein liebliches Gesicht, schöne Hände, und überhaupt war sie ganzheitlich zauberhaft. Barnabasch durchflutete eine nichtbekannte Wärme, und er rief den Minister. „Bring sie her, ich will sie aus der Nähe betrachten!“, befahl er. „Sie scheint mir sehr schön zu sein.“ So schickte der Minister eine ausstaffierte Eskorte, um diese Schönheit für Barnabasch zu holen. Die Eskorte stürmte die Hütte und verkündete: “Komm mit uns, unsere Majestät wünscht, dich zu treffen!“
Jede andere Magd aus dem Dorf hätte sich die Lippen geleckt, das beste Kleid angezogen und gelüftet und gepudert zum König geeilt. Nicht aber die Nähfrau Jelena. „Zum König?“, fragte sie, „Wie sieht er aus, ist er geistreich, klug und gut gebaut? Welche Farbe haben seine Augen, kann er Gedichte schreiben, ist er ein Romantiker?“ Auf alle diese Fragen antwortete die Eskorte lieber nicht, zuckte nur mit den Schulten und ließ die Pferde mit den Hufen tänzeln. „Ich kaufe keine Katze im Sack!“, entschied Jelena und beugte sich über ihre Arbeit.
„Er, er hat, er hat blaue Augen“, stotterte einer der Ritter, „blaue, runde Augen.“ „Aha, interessant, dann soll er sie mir selbst zeigen, ich kann mir darunter nichts vorstellen.“, sagte Jelena. Mit hängenden Ohren fuhr die Eskorte zum Schloss zurück.
„Ich? Ich soll zu ihr kommen? Herrgottkreuzdonnerwetter! Was meint dieses Weib, wer sie eigentlich ist, der Papst? Ich bin der König, ich laufe nicht herum. Sie hat zu mir zu kommen, diese liederliche Frau!“ Aber Jelena kam nicht. Auch nicht als der König ihr Juwelen und teure Stoffe zukommen ließ. Sie schüttelte nur den Kopf und knallte der Eskorte die Tür vor der Nase zu.
Das ganze Schloss wurde danach angewiesen, sich den Kopf zu zerbrechen, wie man die schöne Jelena ins Schloss locken konnte. Eines Tages erschien der Hofmaler beim König und schlug vor, den König in seinem besten Kleidern und der Krone auf dem Kopf zu malen, und das Bild Jelena zu schenken. „So kann sie sehen, wie prächtig seine Hoheit aussieht und wie blau ihre Augen sind.“
„Eine geniale Idee!“, rief der König und verabredete mit dem Maler einen Termin. Als das Bild fertig war, wurde es in seidene Tücher verpackt und der schönen Jelen überbracht. Diesmal ritt sogar der Minister mit. Jelena trat vor die Hütte, und der Minister enthüllte feierlich das mannshohe Gemälde. Eine Weile wurde es vor der Hütte still, und dann fing Jelena aus vollen Herzen an zu lachen. „Das also ist der reiche König Barnabasch mit den schönen blauen Augen, der mich zur Frau haben will? Dieser aufgeblasene Luftballon? Seine ach so blauen Augen kann man kaum unter dem Speck erkennen. So einen fetten Mann will ich nicht, auch wenn er der König von Salamandrien wäre!“, und verschwand im Haus.
Der Minister kam mit dieser niederschmetternden Nachricht und ohne Jelena zurück zum Schloss. Der König tobte. Als erstes wurde der Hofmaler gehängt. Wäre dieser klüger gewesen, hätte er den König etwas dünner gemalt, dann wäre man mit dem Schwindel vielleicht durchgekommen, aber er war ein wirklichkeitsgetreuer Künstler. Sein Pech.
Was tun? Der König wurde abgelehnt. Die Schande verschmutzte sein königliches Blut. Wutentbrannt wanderte er zum Spiegelsaal und betrachtete sich von allen Seiten. Recht hatte die schöne Jelena, leider, er war feist und rund wie eine Kugel. Da man damals noch keine Kalorien und Joule zählte, und weder die Nulldiät noch die Trennkost in Umlauf waren, wusste sich der König keinen Rat und wurde sehr traurig. Eine abgrundtiefe Ratlosigkeit fiel auf das Schloss herab.
Das Schloss leuchtete nicht mehr, alles Treiben verstummte, die Dienerschaft wurde arbeitslos und verließ den Hof. Der König hätte sich am liebsten von dem höchsten Turm in die Tiefe gestürzt, aber zum Glück passte er nicht durch das enge Treppenhaus, das zum Turm führte.
Auch des Königs Minister verschwand. Er wechselte zum benachbarten Königreich und machte dort Karriere. Tag und Nacht saß Barnabasch mit seinem Fernrohr am Fenster und starrte sehnsüchtig auf Jelenas Hütte. Eine Spinne spann dünne Spinnweben mit den Träumen der Melancholie durchzogen um ihn herum.
Eines Tages kam der alte Sternengucker vom Turm herunter und sagte: „Gib mir das Fernrohr zurück, meine Augen sind nicht mehr wie früher, und das ewige Hineinstarren macht dich nur jeck.“
„Vielleicht hast du recht“, antwortete Barnabasch, der inzwischen weniger einem König eher einer angefaulten Birne mit Druckstellen ähnelte. „Ich habe Hunger, wo ist mein Mittagessen?“, fing er zu jammern an. „Ich wünsche einen Rehrücken mit Orangenscheiben auf Königskartoffelpüree!“
„Der Kocht ist weg, alle anderen auch, und die Speisekammern sind leer. Ich kann dir nicht einmal eine Maus braten, und die eingelegten sind auch alle.“ Dann löste sich der Alte in der Luft auf.
So beschloss der König, das Schloss sich selbst zu überlassen, und ging, besser gesagt, kullerte den Berg hinunter ins Tal.
Es war das erste Mal, dass der König an der frischen Luft war. Er atmete tief ein und musste gleich so heftig niesen, dass alle Vögel von den Bäumen plumpsten. Er war auch so schwer, dass seine Beine bei jedem Schritt nachgaben und er es gerade zum Dorfrand schaffte. Dort schlief er unter einem Heuhaufen ein. Der Bauer, der gerade vom Pflügen nach Hause fuhr, weckte ihn: „Hilf mir den Wagen ziehen, Fremder“, bat er den König. Barnabasch erwies ihm den Dienst und bekam von der Bäuerin als Dank Abendbrot und ein Glas Wein dazu. Am nächsten Tag ging er weiter, hielt sich eine Woche beim Schmied auf, half dann beim Müller, Schuster und Bäcker. Er schleppte Steine für den Bau eines Hauses und hob Erde für die Bewässerung der Felder aus. So schlug er sich fast ein Jahr lang durch, bis er in eine Stadt kam. Es war gerade Markttag. Barnabasch schlenderte durch die Stände, bis ihm eine junge Marktfrau zurief: „Hey, junger Mann, ein Apfel gefällig?“ Und eine andere gleich hinterher: „Hast Lust auf ein Brötchen, frisch und knusprig, mein Herz!“ Und eine dritte rief: „Mein Kuchen ist der beste, süßes Bürschchen, komm, nimm ein Stückchen oder auch zwei!“ Barnabasch wunderte sich über diese überaus gastfreundliche Stadt, nahm dankend alle Geschenke an und ging weiter. Aber wo er nur blieb, überall riefen ihm die Mägde hinterher und wollten ihm unbedingt etwas schenken. Und das nicht nur Äpfel oder Birnen. Aber Barnabasch trug immer noch das Bild der schönen Näherin im Herzen und zog weiter.
Eines Tages ging er durch den Wald, und da er Durst hatte, hielt er an, um aus einer Quelle zu trinken und sein Gesicht im Becken zu waschen. Da sah er im stillen Wasser sein Ebenbild und fiel fast vor Schreck hinein. Was war denn mit ihm passiert? Er sah einen jungen Mann mit schmalem Gesicht, Schultern und Schenkeln eines griechischen Kämpfers und einem Bauch, der einem Waschbrett in nichts nachstand. Fast hätte er sich in sich selbst verliebt. Husch, dachte er, nun kann ich mich bei Jelena blicken lassen, steckte sich eine Feder ins Haar und marschierte leichten Fußes in das Dorf, in dem Jelena lebte. Als er gerade vor ihrer Tür stand, setzte sich eine Schwalbe auf seine Schulter und piepste:
„Jelena ist stolz, nicht dumm,
die kriegst du nicht so leicht herum.
Dumm, dumm, dumm, diedeldieldumm.“
Recht hat dieses Federvieh, dachte Barnabasch, verschob den Besuch bei Jelena auf später und machte sich auf den Weg in die große Großstadt. Hier wollte er Wissenschaften studieren. Denn einen Dummen wollte Jelena nicht, das hatte sie geradeaus gesagt. Er studierte die Religion, die Philosophie, die Natur und die Magie, dann die Botanik und die Mechanik. Als er alle Bücher ausgelesen hatte, fühlte er sich für Jelena klug genug.
So schnell es ging, stand er frisch gewaschen und gekämmt vor ihrer Tür und klopfte an. Jelena kam heraus und ihre jungen Wangen verfärbten sich rot. Dann aber sagte sie: „Schön bist du, Barnabasch. Aber hat dein schöner Kopf auch etwas in sich? Ein Gehirn oder so?“ Barnabasch lächelte: „Ich habe alle Wissenschaften studiert und am liebsten hatte ich die Mechanik, hier, das habe ich für dich erfunden und entwickelt.“ Und er übergab Jelena eine Maschine, die fast alleine Kleider nähen konnte. Man musste nur einen Faden einziehen, den Stoff festhalten und die Pedale betätigen. Es war die erste Nähmaschine der Welt.
Jelena freute sich sehr. Aber ihre Zunge war schneller als ihr Kopf. „Gut siehst du aus, einen Entwickler wollte ich schon immer haben. Aber wie sieht es bei dir mit der Kunst aus?“ Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, bereute sie ihn schon, denn sie hätte Barnabasch auf jeden Fall genommen. Seine blauen Augen waren schon Grund genug. Jetzt habe ich alles verpatzt, dachte sie zu sich und errötete erneut. Aber Barnabasch war durch das Leben in der Natur und die harte Arbeit nicht mehr zimperlich, packte Jelena um ihre Taille und gab ihr einen sehr kunstvollen Kuss.
Keine zwei Wochen später haben die beiden geheiratet. Barnabasch kehrte nicht mehr auf sein Schloss zurück, sondern baute für Jelena ein großes Haus. Sie bekamen so viele Kinder, dass sie sie kaum zählen konnten. Und so, wie es die Natur eingerichtet hatte, wurde Jelena mit jedem Kindchen runder und runder. Das Sitzen an der Nähmaschine und das Naschen der Köstlichkeiten, die Barnabasch ihr zubereitete, setzten ihr zu. Sie wurde ziemlich pummelig mit den Jahren. Aber Barnabasch machte es nichts aus. Denn er liebte sie wie am ersten Tag.
Grüner Flaum bedeckt
Runde Steine am Ufer
Buntes Felsmassiv
In einem Wald, viele Generationen entfernt, geschahen seltsame Dinge. Nachts hörte man schauriges Heulen. „Glühende Augen wandern von Baum zu Baum“, berichteten die, die bei Anbruch der Dunkelheit dagewesen waren. Mehr wussten auch sie nicht. Die Menschen mieden den Wald, wo immer sie konnten. Ein paar Mutige trauten sich einmal bei Tag bis an den Waldrand. Sie waren zu dritt, einer allein wollte das Wagnis nicht eingehen. Da angekommen schauten sie sich triumphierend an. „Das Ungeheuer hat wahrscheinlich Angst vor uns“, spottete einer. „Oder seht ihr irgendwo grüne Augen?“ „Die hat es vor Schreck vermutlich zugemacht“, höhnte der zweite. Der dritte hielt sich eine Hand hinters Ohr. „Ja, wieso heult es denn nicht?“ In diesem Moment traf ihn ein großer Klumpen Erde. Er schrie auf. Seine Kameraden schauten ihn entsetzt an. Dann rannten alle, so schnell sie konnten, fort vom Wald. Wieder daheim schilderten sie ihre Geschichte in allen Einzelheiten, geschmückt mit vielen erdachten Details. Von dem Tag an wagte sich niemand mehr auch nur in die Nähe des Waldes.
Eines Tages hatte sich ein Mädchen aus dem Nachbardorf beim Pilze sammeln verlaufen. Es wohnte erst seit kurzer Zeit dort und fand sich nicht mehr zurecht. Lange irrte es umher, traf niemanden, den es fragen konnte. Dann brach die Dunkelheit herein. Das Mädchen tastete sich mühsam vorwärts. Doch als nach einer Weile der Mond aufging und hell leuchtete, konnte es ohne Mühe weitergehen. Erschrocken bemerkte es, dass es am Rand des Waldes angekommen war. Vorsichtig blickte es sich um, vermochte jedoch nichts Unheimliches zu sehen, nur einen Schwarm Glühwürmchen. Beim Näherkommen stellte es fest, dass Elfen miteinander einen Reigen tanzten. Etwas so Bezauberndes hatte Lindren, so hieß das Mädchen, nie zuvor gesehen. Wie verzaubert schaute es den zierlichen Wesen zu und vergaß darüber alles andere, stand nur da und staunte.
„Wer bist du und was machst du in meinem Wald?,“ ertönte neben ihm eine kratzige Stimme. Vor Schreck fuhr das Mädchen zusammen. Von einem großen schwarzen Pilz herab starrte giftig ein Gnom. Seine roten Augen schienen Blitze in die Luft zu schleudern. „Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen, dummes Ding?“, höhnte der Gnom. Lindren schüttelte den Kopf. „Bitte verzeih, dass ich in deinen Wald gekommen bin. Es geschah nicht mit Absicht. Verlaufen habe ich mich und fand nicht zurück. Dann habe ich die Elfen beim Tanz gesehen. Sie sind so wunderschön, dass ich sie immerzu anschauen musste.“ „Vielleicht wollen sie gar nicht, dass man sie anschaut. Hast du überhaupt gefragt?“, keifte der Zwerg wütend. „Nein, ich wollte sie nicht stören.“ Der Gnom stellte eine Frage nach der anderen und keifte und tobte ohne Unterlass. Doch das Mädchen blieb ruhig und freundlich.
Die Elfen hatten bei dem Geschrei längst aufgehört mit ihrem Tanz. Eine kam auf die beiden zugeflogen und sprach das Mädchen an: „Was tust du hier?“ „Was soll sie hier schon tun?“, krakeelte der Gnom. „Gaffen will das neugierige Ding.“ Die Elfe beachtete ihn gar nicht. Das Mädchen erzählte leise, wie es sich verlaufen hatte und in den Wald gekommen war. „Komm mit mir“, riet die Elfe. „Ich werde dir helfen.“ Lindren folgte der Elfe, die mit funkelnden Flügeln vor ihm herflog. Bei den anderen angekommen erzählte das Mädchen seine Geschichte noch einmal: Wie es aufgebrochen war, um Pilze zu suchen, wie es sich verlaufen und dem Wald immer nähergekommen war. Als es an die Stelle kam, warum es den Elfen beim Tanz zugeschaut hatte, schauten diese ganz unglücklich drein. „Was habt ihr denn? Habe ich euch gekränkt?“ Das Mädchen war ganz bedrückt. „Nein, liebes Kind, gräme dich nicht. Du kannst nicht wissen, warum wir getanzt haben. Wir wollten den Waldgott gnädig stimmen und ihn um Hilfe bitten. Unsere Königin Reigawen ist entführt worden und wir wissen nicht, wie wir sie befreien können.“ „Wer hat sie entführt?“, fragte Lindren bestürzt. „Du hast ihn gesehen – es war Golrosch, der Zwerg mit den roten Augen.“ „Der Zwerg?“, fragte das Mädchen verwundert. „Er ist doch sehr klein. Wie hat er das geschafft?“ „Er ist der schwarzen Magie mächtig. Jetzt hält er die Königin gefangen, aber wir wissen nicht, wo.“, erklärten die Elfen. „Deshalb brauchen wir die Hilfe des Waldgottes Mornaphor.“ Da ertönte eine tiefe Stimme aus dem alten Walnussbaum: „Mornaphor, der Gott des Waldes, hat die Bitte der Elfen vernommen. Er weiß, dass sie seiner Hilfe bedürfen, um ihre Königin zu befreien. Doch Mornaphor kann den Elfen nicht helfen.“ Fassungslos sahen sich die Elfen an. „Guter Waldgott, du bist groß und mächtig. Warum kannst du uns nicht helfen?“ Wieder erklang die Stimme aus dem Baum. Dieses Mal zitterte sie. „Der rotäugige Gnom, der die Königin der Elfen gefangen hält, hat auch Faemoa in seiner Gewalt.“ „Wer ist Faemoa?“, fragte das Mädchen leise. „Faemoa ist Mornaphors Schwester“, erklärte der Baum. Wieder sprach er von sich in der dritten Person. „Golrosch hat gedroht, sie zu töten, wenn Mornaphor etwas gegen ihn unternimmt. Deshalb hat Mornaphor einen Eid geleistet, Golrosch nicht anzugreifen.“ Hilflos schauten sich die Elfen an. „Dann gibt es keine Hoffnung für unsere Königin“, weinten sie. „Allein können wir sie nicht finden und befreien.“ Mit tränenüberströmten Gesichtern flogen sie davon und vergaßen sogar das Mädchen, das allein zurückblieb. Lindren setzte sich unter den Baum und dachte nach. „Sag doch, ehrwürdiger Gott des Waldes, was genau hast du dem bösen Wicht geschworen?“ „Mornaphor hat geschworen, dass er ihn nicht angreifen wird“, erwiderte die Stimme im Baum nachdrücklich. „Aber hast du auch geschworen, keinem anderen zu helfen, den Gnom zu besiegen?“, fragte das Mädchen weiter. Jetzt lächelte der Baum: „Nein, das hat Mornaphor nicht geschworen. Einen Rat kann er immer aussprechen.“ „Dann rate mir, was ich tun soll“, rief das Mädchen. „Ich will euch helfen.“ „Wer zu Füßen des Waldgottes im Gras sitzt, wird den Schlüssel in Händen halten.“
Lindren beschloss, am Fuße des Baumes zu übernachten. Hier fühlte sie sich in Sicherheit. So lehnte sie sich an den Stamm, schloss die Augen und schlief ein. Am anderen Morgen wurde sie durch ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen geweckt, die sie an der Nase kitzelten. Das Mädchen rieb sich die Augen und sah sich um. Sein Blick fiel auf ein paar Schlüsselblumen, die gleich neben ihm wuchsen. Als der Wind leicht durch die Blüten strich, begannen diese zu klingeln und ein kleiner goldener Schlüssel fiel ins Gras. Das Mädchen hob ihn auf. Als es ihn berührte, begann er zu funkeln. Leise knarrte der Baum: „Drei Tage weit von hier in Richtung der Sonne liegt ein schwarzer Berg. In seinem Stein findest du ein kleines goldenes Schloss. Wer den passenden Schlüssel besitzt, kommt unbeschadet hinein. Doch lege ihn unter keinen Umständen ab. Sonst ist alles vergebens.“ Da befestigte es den Schlüssel an einer kleinen goldenen Kette, die es um den Hals trug, deckte ein Tuch darüber, dass keiner das Funkeln sehen konnte, und machte sich mutig auf den Weg. Am Abend des dritten Tages sah es von weitem den schwarzen Berg. Er lag da wie eine faule Kröte. An seinem Fuße angekommen, suchte Lindren überall nach dem Schloss. Plötzlich begann über ihrem Kopf etwas zu glitzern. Sie sah hinauf und entdeckte, was sie suchte. Jedoch schien es unerreichbar. Da rollten Steine vom Berg herab. Die sammelte das Mädchen, türmte sie aufeinander und kletterte hinauf. Oben angekommen holte den Schlüssel hervor und schloss auf.
