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In "Engelid" entfaltet Balduin Möllhausen eine vielschichtige Erzählung, die sowohl phantastische Elemente als auch tiefgründige philosophische Fragestellungen vereint. Dieses Werk ist nicht nur eine Reise durch die weiten Landschaften des Unbekannten, sondern auch eine Reflexion über die menschliche Natur und den Kampf zwischen Gut und Böse. Mit einem poetischen und gleichzeitig präzisen Schreibstil gelingt es Möllhausen, atmosphärische Bilder zu schaffen, die die Leser in eine Welt der Wunder und der Schattenspiele hineinziehen. Der literarische Kontext des 19. Jahrhunderts, geprägt von der Romantik und dem Strebens nach neuen Ausdrucksformen, spiegelt sich deutlich in der komplexen Symbolik des Werkes wider. Balduin Möllhausen, ein deutscher Schriftsteller und Reisender, war ein produktiver Künstler, dessen Erlebnisse und Einsichten aus seinen Reisen in die entlegensten Winkel der Welt klar in seine Schreibweise einfließen. Seine Faszination für die Natur und die Kultur anderer Länder hat ihn nachhaltig beeinflusst und spiegelt sich in den lebhaft dargestellten Szenarien von "Engelid" wider. Möllhausens Erfahrungen als Entdecker fußten wohl auf einem bemerkenswerten Verständnis von Menschlichkeit und der Suche nach Identität. Für Leser, die an einer anspruchsvollen Lektüre interessiert sind, bietet "Engelid" eine unvergleichliche Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Themen, die sowohl zeitlos als auch universell sind. Die Verbindung von Fantasie und existentielle Fragen wird auch den anspruchsvollsten Leser in ihren Bann ziehen. Tauchen Sie ein in diese fesselnde Erzählung und lassen Sie sich von Möllhausens meisterhaftem Erzähltalent verzaubern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Ein bleigrauer Himmel hing über der norwegischen Küste[2q]. Zwischen den Inseln und Schärenfelsen, welche den natürlichen Schutz der Einfahrt in den Nord-Fjord bilden, lag das Meer ruhig. Die schweren Dünungen des Oceans brachen sich draußen an dem wild zerklüfteten und zersplitterten Granitpanzer, der, abgeschliffen durch den vieltausendjährigen Anprall träge abwärts gleitender Eismassen, das Ufer rings umzäunte.
Wo die landwärts stehende Strömung eine offene Bahn zwischen den zahlreichen Felseilanden fand, da wälzte es sich hügelähnlich herein, jedoch um nach kurzem Rollen sich zu ebnen, einzuschlummern angesichts der melancholischen Umgebung. Einzuschlummern – denn Farben und Formen trugen in gleichem Maße einen gewissen einschläfernden Charakter. Ueberall, je nach den verschiedenen Entfernungen, sah das Auge matte Abstufungen eines kalten Graublau: graublau dehnte sich die unregelmäßig begrenzte Wasserfläche aus; graublau erhoben sich die gewaltigen Felsmassen der Inseln Hornelen, Batalden und Aralden [aus dem] Meere; graublau ragten dazwischen vereinzelte Klippen empor, während landwärts zerklüftete Plateaus düster über den in dumpfer Stille daliegenden, gleichsam erblindeten Wasserspiegel blickten. Und erblindet durfte man ihn in der That nennen, strahlte er doch, außer dem grauen Himmel, nichts zurück; schien er doch mit dem Gestein in eine einzige starre Masse verwebt zu sein. Nur wenn ein schärferer Windstoß darüber hinpeitschte und strichweise die Fluthen kräuselte, schoß es wie gespenstisches Leben einher, um nach kurzer Frist wieder zu ersterben.
Obwohl es noch Sommer war, machte der Anblick der starren Eintönigkeit das Herz frösteln. Die fernen duftigen Höhen mit dazwischen gestreuten weißen Feldern ewigen Schnees brachten nur dürftige Abwechselung in diese Einöde von Wasser und Fels. Man hätte sie mit phantastischen Träumen aus der Eiszeit vergleichen mögen, mit verkörperten nordischen Märchen von verwegenen Wikingern, gewaltigen Zauberern, Riesen und Meerungeheuern. –
Lautlose Stille überall![3q] Hier und dort schwebte eine Möve mit trägem Flügelschlage einher, rasteten auf einer Klippe einige Robben, steuerten Tauch-Enten mit kaum wahrnehmbarer Bewegung durch die Fluth. Alles melancholisch – melancholisch gemahnte auch ein großes viereckiges, braunrothes Segel, welches, anscheinend aus dem Nord-Fjord kommend, seinen Cours zwischen der Horneleninsel und dem Festlande hindurchhielt. Es gehörte zu einem plump gebauten Fahrzeuge mit niedrigem stumpfem Mast, einer sogenannten Nordlandsjacht[3], und folgte schwerfällig dem Druck der matten Luftströmung auf die Insel Aralden zu.
Statt des Bugspriets erhob sich vorn der nach oben verlängerte Kielbalken gegen vier Fuß hoch über den Rand des seltsamen Schiffsgebäudes. Dort lehnte er sich etwas zurück, sodaß das obere Ende nur eines Schmuckes in Form eines Drachenkopfes bedurft hätte, um ein Boot zu veranschaulichen, wie sie vor tausend Jahren, von raublustigen Recken gesteuert, ihren Weg zwischen den Schären hindurch nahmen. Ein Schiffsknecht stand auf der Bedachung des kleinen Kajütraumes am Steuer, einer Art Deichsel, die er bei dem stetigen, wenn auch matten Winde nur selten ein wenig nach der einen oder der anderen Seite hinüberzuschieben brauchte.
Zwei andere Männer saßen vorn neben dem Schiffsschnabel, die Füße auf dem Verdeck einer Art Vorrathskammer. Die Ladung, welche den ganzen übrigen Raum ausfüllte, bestand aus gedörrten Fischen und war mit einem Stück getheerter Leinwand bedeckt. Da nun das einzige, von einer kurzen Raae niederhängende Segel keiner sonderlichen Aufmerksamkeit oder Fürsorge bedurfte, so mochten die beiden Männer ungestört ihre kurzen Pfeifen rauchen und ihrem Gespräch nachhängen.
„Höre, Knut, es gereut mich in der That, daß Du nicht weiter mit willst,“ erklärte der Schiffseigner, eine verwitterte echte Lootsengestalt[5] mit scharfen blauen Augen und bereits etwas ergrautem schwarzem Haar und Bart. „Deine Gesellschaft sollte mir lieb gewesen sein bis nach Bergen hinunter; denn kommt Jemand, wie Du, von draußen herein, wo er seine zehn Jahre und drüber auf allen Meeren kreuzte, so hat er mehr gesehen, als Andere, und weiß manch gutes Garn abzuspinnen. Bei Gott, Knut, in Bergen wollte ich Dich auf eine Stelle führen, da giebt’s einen Punsch, der auf der ganzen Welt seines Gleichen sucht. Der fließt nämlich über die Zunge wie Milch, wärmt’s Innere ordentlich auf, daß es eine Lust ist und die Munterkeit Dir aus den Augen sprüht, so wahr ich Olsen heiße.“
Knut, ein ungewöhnlich großer und kräftiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einem offenen, ernsten Gesicht, nahm den Hut vom Haupte und strich mit der Hand durch sein schlichtes, blondes Haar und den röthlichen Vollbart. Er sandte einen träumerischen Blick nach den schroffen Höhen der Horneleninsel hinüber, und sich wieder bedeckend, antwortete er mit sorglosem Achselzucken:
„Das klingt verlockend; ich wäre auch der Mann für Dich, aber ich muß auf Aralden vorsprechen – da hinten. Da lebt Jemand, den ich wiedersehen möchte – Olaf heißt er, wenn Du ihn kennst.“
