ENGELSMÖRDER - Kerstin von Schuckmann - E-Book

ENGELSMÖRDER E-Book

Kerstin von Schuckmann

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Beschreibung

Rätselhafte Morde in Freiberg/Sachsen, Berlin, Freiburg/Breisgau, Frankfurt und auf Mallorca, halten die Kommissare Voigt, Holz, Geigele, Äppler und Lopez in Atem. Ein Serienmörder tötet seine Opfer immer nach demselben Ritual. Sie werden kaltblütig erstochen und verschiedene Engel aus dem Erzgebirge auf ihre blutigen Hälse gelegt. Ihre Arme sind wie bei fliegenden Engeln ausgebreitet, und in ihren Mündern stecken gerollte Zettel mit Nachrichten. Wer ist der Mörder, und was ist das Motiv für diese rätselhaften Taten? Über nationale und internationale Grenzen hinweg versucht das Team der Kommissare gemeinsam den Täter zu überführen.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kerstin von Schuckmann

ENGELSMÖRDER

Kommissar Lopez erster Fall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Montag, 6. Oktober

Dienstag, 7. Oktober

Mittwoch, 8. Oktober

Donnerstag, 9. Oktober

Freitag, 10. Oktober

Samstag, 11. Oktober

Sonntag, 12. Oktober

Montag, 13. Oktober

Dienstag, 14. Oktober

Mittwoch, 15. Oktober

Donnerstag, 16. Oktober

Freitag, 17. Oktober

Samstag, 18. Oktober

Sonntag, 19. Oktober

Montag, 20. Oktober

Dienstag, 21. Oktober

Mittwoch, 22. Oktober

Donnerstag, 23. Oktober

Freitag, 24. Oktober

Samstag, 25. Oktober

Das Buch

Impressum

Widmung

Impressum neobooks

Montag, 6. Oktober

Morgendämmerung auf dem Areal der „alten Mordgrube“, einem stillgelegten Bergwerk, auf dem sich Anfang des letzten Jahrhunderts eine Lederfabrik ansiedelte. Jagdhunde eines zurückkehrenden Jägers entdecken eine von der aufgehenden Sonne angestrahlte, als Engel verkleidete Leiche am Waldrand des angrenzenden Parks. Im Blut des Opfers liegt, am Hals platziert, ein Original Erzgebirgsengel, Modell „Himmelsbote“. Im Mund der Toten steckt ein zusammengerollter und bedruckter Zettel mit dem Spruch: „Dieses war der erste Streich und der zweite folgt sogleich.“ Hauptkommissar Gerhard Voigt von der informierten Mordkommission, kann die Tote bereits vor Ort identifizieren.

„Das ist Ingrid Engel, die nette Verkäuferin aus dem Souvenirladen in Freiberg in der Nähe des Obermarktes. Fast jeder kennt sie seit Jahren wegen ihres auffälligen Engelskostüms, das sie das ganze Jahr über als Werbeträgerin für unsere Stadt tragen musste, unter dem Namen „Engels-Ingrid“. Haben Sie von der Spuren- und Beweissicherung bereits irgendwelche besonderen Hinweise auf dem abgesperrten Areal oder am Opfer selbst erkennen können?“

Voigts Kollege war für seine akribische Arbeit leider oft mit zeitverzögernder Wirkung verbunden, bekannt.

„Gewalteinwirkung durch diverse brutale Einstiche in den Hals mit einem dickeren Messer. Sonstige Gewalt ist aktuell nicht erkennbar. Es handelt sich um kein Sexualdelikt. Die Tatwaffe liegt nicht in der Nähe des Opfers. Wir werden natürlich mit Hilfe der Daktyloskopie Fingerabdrücke nehmen und nach weiteren wichtigen Hinweisen suchen. Sämtliche Wertgegenstände und Papiere befanden sich noch an ihrem Körper. Ein Handy konnten wir leider nicht finden. Es ist anzunehmen, dass der Täter dieses mitgenommen und voraussichtlich entsorgt hat. Jedem Täter, der einen Mord plant, dürfte heutzutage bewusst sein, dass das Entsorgen des Handys aufgrund der darauf enthaltenen vielen Daten oberste Priorität haben sollte. Wir werden Frau Engel zur unverzüglichen Obduktion in das gerichtsmedizinische Institut bringen lassen. Den Kraftfahrzeugschein vom Wagen des Opfers konnten wir auch separat in ihrer rechten Hosentasche finden. Alle anderen Wertgegenstände in der linken.“

Dieser Wagen steht nicht in der Nähe des Tatorts, aber irgendwie muss sie ja hier zu diesem abgelegenen Ort gekommen sein, grübelte Voigt. Vielleicht sogar zusammen mit ihrem Mörder.

„Wir werden unser kleines Städtchen durchsuchen lassen, um dieses Auto zu finden. Zunächst an markanten Orten wie ihrer eigenen Adresse, öffentlichen Parkplätzen und weiteren infrage kommenden Möglichkeiten.“

Hauptkommissar Gerhard Voigt wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, den Täter zu finden. Freiberg war ein kleiner Ort in Sachsen, in dem etwas übertrieben, jeder jeden kannte. Anhand des Zettels im Mund und der dazugehörigen Aussage könnte es sich durchaus um einen potenziellen Serienmörder handeln. Er beschloss direkt in die Stadt in den Laden zu fahren, in dem Ingrid arbeitete. Er musste herausfinden, ob ihre Kollegin etwas Außergewöhnliches mitbekommen hatte.

Der Leichenwagen des naheliegenden Bestattungsinstitutes war bereits in Sicht, um das Opfer in das Institut für Rechtsmedizin zu bringen, als Gerhard Voigt in seinen Dienstwagen stieg und zügig und zielgerichtet zum Souvenirgeschäft fuhr. Erst letztes Wochenende war das beliebte Freiberger Herbstfest mit kleinen Veranstaltungen und verkaufsoffenem Sonntag. Er grübelte, ob der Mord etwas damit zu tun haben könnte. Voigt liebte sein mittelalterliches Städtchen, in dem vor über 800 Jahren Silbererze gefunden wurden und Freiberg zu Reichtum brachte. Er bewunderete den Dom mit der ältesten Orgel Gottfried Silbermanns, die Petrikirche und Nicolaikirche und natürlich das Schloss Freudenstein. Nicht ohne Grund wurde Freiberg in Sachsen zum Unesco Weltkulturerbe ernannt. Sein Urgroßvater und Großvater studierten an der Bergakademie, und jetzt sollte diese derzeitige Idylle durch einen Mord in Aufruhr versetzt werden. Voigt parkte seinen Wagen in einem Parkhaus in der Altstadt. Die ermordete Dame hieß Engel, hatte immer ein Engelskostüm im Laden an, und nachdem sie erstochen wurde, lag auf ihrem blutigen Hals ein Erzgebirgsengel. Handelte es sich um Zufälle, oder war es eiskalt geplant?“ Gedankenvertieft lief er durch die Korngasse Richtung Obermarkt und betrat mit betroffener Miene den Laden.

„Glück auf! Ich weiß, dass Sie die Kollegin von Frau Engel, genannt „Engels-Ingrid“ sind. Setzen Sie sich bitte erst einmal auf den neben ihnen stehenden Stuhl. Es ist etwas Furchtbares passiert und ich wünschte mir, dass ich Ihnen diese Nachricht ersparen könnte, da es auch mir nicht leichtfällt, solche Informationen weiter zu geben. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Kollegin in der Nähe eines Ausflugslokals tot aufgefunden wurde.“

„Um Gottes Willen. Mir wird es schwarz vor Augen. Ich glaube, mein Kreislauf spielt verrückt“, antwortete sie mit leiser und trauriger Stimme. Die Tränen liefen über die dicken Wangen ihres rot erhitzten Gesichts. „Ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Ingrid war immer pünktlich und heute tauchte sie nicht auf. Ich habe versucht sie telefonisch zu erreichen, aber ohne Erfolg. Oh mein Gott, ist das schrecklich.“ Sie weinte plötzlich bitterlich und wischte sich mit einem neben der Kasse liegenden Tuch die Tränen vom Gesicht.

„Wissen Sie schon, woran sie gestorben sein könnte? War es ein Unfall oder ein natürlicher Tod oder eventuell sogar ein Mord“?

„Die beiden ersten Optionen leider nicht“, erwiderte der Hauptkommissar. „Ingrid Engel wurde kaltblütig ermordet. Aus diesem Grund muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Haben Sie mitbekommen, mit wem sie gestern Kontakt hatte? Oder ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?“

„Oh ja, gestern Abend kurz vor Geschäftsschluss kam ein Mann zu uns in das Geschäft.“ „Glück auf“ rief er beim Betreten des leeren Ladens. Direkt danach rief er fast euphorisch „Ingrid, was machst Du denn hier?“ Lange ist es her, dass wir uns gesehen haben. Was für ein Zufall, gell!? Da fährt man längere Zeit mit dem Zug hier her und wen sieht man als Erstes? Die Ingrid.“ „Mir fiel sofort der weiße Anzug unter seinem schwarzen Mantel auf. Etwas, was hier tagsüber nach Freiberg einfach nicht passt. Wir bieten in diversen Regalen neben Engeln zusätzlich Bergmänner aller Art aus Holz an. Meine ermordete Kollegin war an diesem Tag wie immer selbst als Engel verkleidet. Das ist bei uns, wie Sie ja selbst wissen, seit Jahren Brauch. Der Kunde wollte die fünf Engel neben dem Räuchermann-Piloten kaufen und fragte noch, was dieser kosten würde. Meine liebe Kollegin erwiderte nur, dass sie diesen Piloten auch lieben würde. Er erinnere sie an Freiheit und unendliche Weite. 70 Euro war sein Preis.“ „Aber immer daran denken, die Räucherkerze nachzulegen und anzuzünden, sonst hat das Flugzeug kein Kerosin mehr und kann nicht mehr fliegen, haha“, fügte Ingrid noch lachend dazu. Das war ein unechtes Lachen, wie ich es von ihr vorher noch nie gehört hatte. Unser Kunde nahm alle fünf Engel sowie diesen Räuchermann. Als sie weiter ins Gespräch kamen, erzählte er, dass er aktuell Berichte über die schönsten Orte Deutschlands erstelle und Freiberg da eindeutig dazu gehöre. Um einen Image-Report über das Erzgebirge fertigen zu können, fragte er sie, ob sie ihm vielleicht unterstützend zur Seite stehen könnte und ihn später mit nach Zug, einem Stadtteil von Freiberg, begleiten würde. Er wollte sie dort als Dank in das exklusive und für seine Qualität bekannte Ausflugslokal einladen. Sie würde es ja eventuell kennen, denn der Ausblick von dort aus sei einmalig. Vielleicht könne sie sogar das Engels-Kostüm auf die Tour mitnehmen, um die Reportage noch stärker zu untermalen. Ingrid schien regelrecht begeistert von dieser Idee und fügte hinzu, dass sie gleich in dem Ort Zug um die Ecke wohnen würde. Der Mann betonte noch, was für ein erneuter Zufall das sei, nannte sie „Engel“ und versprach ihr den Montagabend gemütlich ausklingen zu lassen. Sie verließen das Geschäft und fuhren gemeinsam nach Zug. Kurz danach schloss ich die Türen des Ladens ab. Das war das letzte Mal, dass ich meine liebe und so sehr geschätzte Kollegin gesehen habe“, fügte sie unter Tränen hinzu.

Voigt schossen plötzlich diverse Fragen durch den Kopf, ohne deren Antworten er diesen Raum nicht verlassen wollte. Er schaute auf das kitschige Namensschild der Dame. „Frau Winkler, Sie sagten, er habe sechs Erzgebirgs-Schnitzereien gekauft. Könnten Sie sich eventuell trotz der für Sie im Moment schweren Situation daran erinnern, um welche Engel es sich handelte? Dieses könnte für unsere weiteren Ermittlungen sehr wichtig sein.“

Elisabeth Winkler dachte sichtlich nach, antwortete allerdings nicht, sondern ging zu einer Schublade und holte einen Coupon hervor.

„An zwei der gekauften Engel kann ich mich sehr gut erinnern, da ich sie schon immer geliebt habe.“ Sie gab Hauptkommissar Voigt den Zettel. Auf diesem stand als Datum der Vortag und die Uhrzeit Viertel vor fünf nachmittags. Gekaufte Artikel waren: 1.Bäckerengel mit Cupcake in der Hand, 2. Kochengel mit Weinflasche, 3. Engel mit goldener Feder und goldenem Buch 4. Engel als Himmelsbote 5. Engelspärchen mit Trennwand 6. Piloten Räuchermann in Holzflugzeug.

„Wie alt war Ihres Erachtens der Kunde?“

„So plus minus 50 Jahre alt.“ Voigt dachte nach.

„Sprach er Hochdeutsch oder hatte er einen Dialekt?“ Elisabeth Winklers Antwort kam verzögert.

„Je länger ich darüber nachdenke, bilde ich mir ein, dass er tendenzmäßig etwas Hessisch sprach. Ich kenne den Dialekt von den Touristengruppen, die regelmäßig aus unserer Partnerstadt Darmstadt zu uns kommen. Sie besuchen nach Besichtigung der Höhepunkte unseres Städtchens oft noch einmal unseren Laden, um Souvenirs wie Erzgebirgsengel oder andere typische Erinnerungen zu kaufen. Das Wort „gell“ fällt bei ihren Einkäufen relativ häufig. Nach dem Motto ist das nicht ein wunderschöner Engel, gell? Ein Wort, das meines Erachtens in keinem anderen Bundesland gesagt wird. Es entspricht unserem Sächsischen „noor“, also „nicht wahr“?“ Eines stand fest. Der Mann, der mit Ingrid Engel zuletzt den Laden verlassen hatte, um mit ihr in die Natur und zum Essen nach Zug ins Restaurant zu fahren, stand unter dringendstem Mordverdacht. Der Himmelsboten-Engel, der auf ihrem blutverschmierten Hals lag, das Engelskostüm, das sie anhatte, und die Tatsache, dass er sie noch zum Essen einladen wollte, sprachen zumindest dafür. Weitere Beweise, wie zum Beispiel Haarspuren oder das Blut des Täters könnten dafür sorgen, ihn möglichst schnell zu überführen. Da es sich um einen potenziellen Serienmörder zu handeln schien, war größte Eile angesagt. Voigt wusste, dass ihm die Zeit davonlief und drängte daher darauf, weitere Beweise zu erhalten.

„Ist Ihnen sonst noch irgendetwas in der letzten Zeit aufgefallen oder gestern an dem Mann selbst? Denken Sie bitte intensiv darüber nach und melden sich dann bei mir. Hier ist meine Karte. Wir müssen jetzt leider Ihren Laden schließen lassen. Die Spurensicherung wird nach weiteren Hinweisen wie Haarproben oder genetischen Fingerabdrücken suchen und diese sicherstellen. Gehen Sie am besten nach Hause und ruhen sich aus. Man sieht Ihnen an, wie sehr Sie diese schreckliche Nachricht mitgenommen hat. Aber noch eine kurze Frage. Seit wann arbeitete Ingrid in diesem Laden?“ Elisabeth Winkler verzog das Gesicht.

„Soweit ich weiß, kommt sie zwar aus Freiberg, war aber nicht immer hier. Ingrid war jahrelang nicht vor Ort. Ich weiß nur, dass sie früher geschäftlich sehr viel von Deutschland und auch von Spanien gesehen hat. Mehr leider nicht. Darüber haben wir komischerweise nie gesprochen. Ich weiß außerdem noch, dass ihr Urgroßvater in der alten Lederfabrik oben in Zug gearbeitet hat. Das verband sie von klein auf immer mit Freiberg und deshalb verbrachte sie hier, in diesem schönen Städtchen bis auf die Jahre dazwischen auch den größten Teil ihres Lebens. Sie war so eine liebe Frau.“

Hauptkommissar Voigt stand unter Druck und fragte erneut nach. „Das war leider keine Antwort auf meine Frage, liebe Frau Winkler. Ich möchte wissen, seit wann Ihre Kollegin in diesem Laden gearbeitet hat.“

„Lassen Sie mich es kurz anhand des Todesdatums meines Mannes nachrechnen. Es müssten etwas weniger als zehn Jahre gewesen sein.“

Voigt bedankte sich bei ihr und wünschte gleichzeitig der eingetroffenen Spurensicherung viel Erfolg. Er lief zurück zur Tiefgarage, um seinen Wagen zu holen, um anschließend sofort in sein Büro zu fahren. Ihm war bewusst, dass der Mörder seine nächste Tat vorbereiten könnte und kontaktierte direkt die Gerichtsmedizin. Seine Hoffnung bestand darin, anhand molekulargenetisch auswertbaren Spurenmaterials neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Sein zuverlässiger Kollege, Professor der Forensischen Pathologie in Dresden, arbeitete unter Hochdruck. Er wies ihn allerdings darauf hin, dass er ihm erst in ein paar Stunden wichtige Informationen überbringen könnte. Voigt wurde von Minute zu Minute ungeduldiger und empfand es geradezu als Erlösung, als bereits nach einer Stunde sein Telefon klingelte. Allerdings war sein Kollege am Apparat, der mit seinem Team den Wagen vom Opfer suchte.

„Kommissar Voigt, das Suchen hat sich gelohnt. Wir haben den PKW direkt am Bahnhof von Freiberg gefunden und sofort die Spurensicherung angefordert.“

Er war erleichtert, wusste allerdings, dass die Ergebnisse dadurch erneut verzögert würden. Voigt beschloss die Zeit zu überbrücken, indem er gemeinsam mit zwei Kollegen und auch seiner Assistentin eine Art kreatives Brainstorming machte. Die Zeit verging allerdings ohne große Ergebnisse. Es war bereits abends, als sein Telefon klingelte und ein Kollege der Spurensicherung sowie der Pathologie am Apparat waren.

„Zunächst einmal ist interessant, dass die Tote, wie bereits am Tatort erwähnt, noch sämtliche Wertgegenstände am Körper trug und nichts entwendet wurde. Eine Tatwaffe wurde nicht vor Ort gefunden, der Fundort der Leiche war auch der Tatort der Leiche. Bei dem Mordinstrument dürfte es sich um ein altes Fliegermesser handeln, das in Notfällen, wie bei Abschüssen oder Ähnlichem, von Militärfliegern benutzt wurde. Piloten trugen es in Notfällen bei lebensrettenden Absprüngen mit dem Fallschirm zum eigenen Schutz direkt am Körper mit sich. Tatzeit und Todeszeitpunkt gestern gegen halb zwölf nachts. Und was interessant ist, dem Opfer wurde circa zwei Stunden vor der Tat ein langsam wirkendes Schlafmittel verabreicht. Untersuchungen des Bluts sowie des Mageninhalts haben dieses ergeben. Dieses wirkt in Verbindung mit Alkohol noch stärker als ohne und davon hatte sie ebenfalls mehr als genug im Blut. Circa 1,5 Promille. Der Engel weist Fingerabdrücke diverser Personen auf. Der Täter scheint bei seiner Tat alte Lederhandschuhe getragen zu haben, da wir an diversen Stellen alte Lederfasern fanden. Diese scheint er auch beim Fahren des Autos nach seiner Tat zum Bahnhof getragen zu haben, da diese Fasern auch auf der Fahrerseite von Ingrid Engels Auto zu finden waren. Dort steht der Wagen seit der Mordnacht. Blutspuren des Täters konnten wir leider keine entdecken, aber die Haarproben und Hautpartikel, die wir auf der Leiche fanden, stimmen mit den Haarproben, die wir im Geschäft und auch im Auto fanden, überein. Anhand unserer Fluoreszenz Mikroskopie konnten wir auch feststellen, dass es sich um denselben Anzug und Mantel handelt. Es ist also auf jeden Fall der Mann, der die Engel und die Räucherkerzen-Figur gekauft hat, und mit Ingrid essen war. Er fuhr auch ihr Auto nach der Tat zum Bahnhof. Den Spuren auf dem Weg können wir entnehmen, dass der Täter Schuhgröße vierundvierzig hat.“ Voigt war nun klar, dass es sich eigentlich um einen ganz einfachen Vorgang gehandelt haben musste. Der Täter hatte sein Opfer mit Alkohol und einem langsam wirkenden Schlafmittel betäubt. Sie mussten aber noch einige Zeit nach ihrem Dinner im angrenzenden Park spazieren gegangen sein, da die Tatzeit erst halb zwölf war, das Restaurant aber bereits um zehn Uhr geschlossen hatte. Danach dürfte sie langsam am nebenliegenden Waldesrand eingeschlafen sein. Sie wurde nicht vom Tatort entfernt, da keine Schleifspuren zu erkennen waren. Er nahm den Autoschlüssel aus ihrer Tasche und holte das Engelskostüm, das sie täglich beruflich trug, aus ihrem Wagen, der noch auf dem angrenzenden Parkplatz stand. Anschließend zog er es ihr am Tatort an. Danach stieß er das Messer in ihre Kehle und platzierte den Engel auf dem blutigen Hals. Den vorbereiteten Zettel mit der Nachricht steckte er in ihren Mund. Anschließend ging er zurück zum Auto und fuhr zum Bahnhof. Voigt wusste, dass er die Bedienung des Lokals als Zeugen befragen musste. Er wollte herausfinden, ob sie sich an das Gästepaar erinnerten und was ihnen eventuell aufgefallen sein könnte. Ein Phantombild war unumgänglich, um es systemintern bundesweit einzustellen und parallel öffentlich zur Fahndung herauszugeben. Voigt holte sich noch schnell in einer der typischen Freiberger Fischräuchereien ein köstliches Räucherfischbrötchen und fuhr los.

Die Bedienung des Vorabends war leider nicht vor Ort, aber Hauptkommissar Voigt erhielt seine Privatadresse, sodass er ihn zu Hause erreichen konnte.

„Wissen Sie, ich hatte das Gefühl, dass sich die Beiden nicht zum ersten Mal begegnet sind. Das Ganze kam mir doch ziemlich vertraut vor. Sie lachten viel, tranken sächsischen Wein und zum Schluss noch zwei unserer guten hausgemachten Schnäpse. Gegessen haben sie jeder nur eine Hauptspeise, aber die sind ja, wie Sie wissen, bei uns auch immer ziemlich üppig. Ich musste sie dann mehr oder weniger rausschmeißen, weil sie sonst weiter gefeiert hätten. Wie Sie eventuell wissen, war Ingrid ja auch ein lebensfreudiger Mensch, wobei mir auffiel, dass sie zum Schluss dann doch ziemlich müde war.“

Voigt überlegte. „Ist Ihnen sonst noch irgendetwas aufgefallen?“

„Natürlich. Jetzt, wo Sie es sagen. Der weiße Anzug der Begleitung war schon etwas unpassend und sehr auffällig. Durch sein wenig aufgeknöpftes Hemd konnte ich so etwas wie ein Tattoo erkennen. Eins davon war auf jeden Fall ein Totenkopf. Aber vielleicht habe ich mich da auch getäuscht. Es war ja nicht mehr ganz so früh und ich hatte an dem Tag eine Hochzeitsveranstaltung vorbereitet und war dadurch etwas müde. Aber durch den weißen Anzug und das helle Hemd schimmerte schon einiges durch.“

Voigt notierte sich sämtliche Details und sagte mit trauriger Stimme: „Nur, damit Sie es wissen, Ingrid Engel ist gestern ermordet worden und der Herr, der sie begleitet hat, steht unter dringendem Mordverdacht. Eine kurze Frage. Wo waren Sie, nachdem Sie das Lokal verlassen haben?“ Nach einer kurzen, bedächtigen Pause antwortete er leise.

„Ich bin direkt gegen 22h15 zu meiner Familie gefahren. Sie können meine Frau fragen. Sie ist in der Küche.“

Hauptkommissar Voigt überlegte kurz, verneinte dann aber, da er wusste, dass seine Ehefrau befangen war und zudem ihrem Gespräch an der Türe zugehört hatte. Voigt bat ihn allerdings darum, nachmittags im Präsidium vorbeizukommen, um ein Phantombild vom vermuteten Täter erstellen zu lassen. Er verabschiedete sich und wies erneut auf den späteren Termin im Revier hin. Auf dem Rückweg klingelte sein Telefon. Elisabeth Winkler war in der Leitung.

„Hallo Herr Polizeihauptkommissar. Sie hatten versucht mich zu erreichen?“.

„Ja“, antwortete Voigt.

„Bitte kommen Sie direkt zu uns ins Revier. Wir möchten mit Ihrer Hilfe ein Phantombild des Täters erstellen lassen.“

„Ich bin auf dem Weg“, antwortete Elisabeth. „Bis gleich.“ Elisabeth Winkler und die Bedienung des Restaurants trafen mehr oder weniger zur selben Zeit im Kommissariat ein. Sie wurden hintereinander in das Zimmer gerufen, um eine gegenseitige Beeinflussung der Täterbeschreibung zu vermeiden.

„So. Wie haben Sie den Mann spontan in Erinnerung?“ Elisabeth antwortete sofort.

„Schwarze Haare und relativ kurz geschnitten, also drei bis vier Zentimeter lang.“

„Langsam, langsam!“, antwortete der zuständige Sachbearbeiter. “Ungefähr so?“

„Ja. Perfekt. Außerdem ziemlich dichte Haare. Dunkle Augenbrauen. Augenfarbe blau. Keinen Bart und einen relativ großen Mund mit dickeren Lippen. Größere Ohren als Standard. Körpergröße circa einen Meter achtzig. Weißer Anzug und weißes Hemd, darüber ein schwarzer Mantel. Muskulöser Hals und eventuell ein oder zwei Tattoos am Oberkörper, die am Ansatz des V-Ausschnitts seines Hemdes mit etwas Fantasie zu erahnen waren.“

Voigt war skeptisch. „Wie konnten Sie die Tattoos erkennen, wenn er über seinem Anzug noch einen Mantel anhatte?“

Elisabeth antwortete direkt. „Er trug den Mantel über seinem Anzug, das ist richtig. Allerdings hatte er zeitweise beide Hände in seinen Hosentaschen, sodass beide Kleidungsstücke nach hinten gedrückt wurden und sein Hemd ohne Probleme sichtbar war. Sobald er sie aus den Taschen nahm, sah man seine großen und dicken Finger. Sonst sind mir keine Besonderheiten aufgefallen. Ach doch, der geringe hessische Dialekt, den ich, wie bereits erwähnt, an dem einen Wort „gell“ erkennen konnte.“

„Danke Elisabeth. Hier geht es im Moment aber nur um das Phantombild. Meinen Sie, dass dieses Bild ungefähr der Realität entspricht?“

„Ja, so habe ich ihn in Erinnerung.“

„Ihren Hinweis auf einen eventuellen hessischen Dialekt, werden wir separat im Text der Fahndung angeben. Könnten Sie bitte den nächsten Zeugen, der vor der Türe wartet, hereinbitten?“

„Dunkle, kurze und dichte Haare. Augenbrauen dunkel, allerdings waren die Augen blau, was ja bei Dunkelhaarigen selten ist, aber gerade das fällt einem dann auf. An den Mund und die Lippen kann ich mich nicht so richtig erinnern. Ich glaube Standard, also normal, unauffällig. Körpergröße einen Meter fünfundsiebzig bis einen Meter fünfundachtzig. Durchtrainierter, sportlicher Körper, und wie bereits zu Hause angedeutet, meines Erachtens ein bis zwei Tattoos auf dem Oberkörper, Höhe beginnender Hals. Ja. So ist es perfekt. Ach, und natürlich der weiße Anzug und der schwarze Mantel.“ „Vielen Dank. Falls Ihnen in den nächsten Tagen weitere Dinge einfallen sollten, rufen Sie uns bitte unverzüglich an.“

Direkt im Anschluss erstellte die Kripo ein Täterprofil, ergänzt durch das Phantombild und stellte es intern bundesweit in alle Polizeisysteme zur Fahndung ein. Hauptkommissar Gerhard Voigt unterstrich erneut die Dringlichkeit der Tätersuche, da es sich um einen sehr organisierten Täter und potenziellen Serienmörder handeln könnte.

Dienstag, 7. Oktober

Hauptkommissar Voigt fuhr nach einer schlaflosen Nacht erneut zum Tatort. Der Herbst war nicht mehr aufzuhalten. Es regnete. Die goldroten Blätter der Bäume wurden durch den starken Wind bis zum Waldrand geweht, sodass der Fundort der Leiche durch den nassen Boden und die Blätter nur noch schwer zu erkennen war. Grübelnd lief er hin und her. Er konnte sich den Hintergrund der Tat bisher nicht erklären. Ingrid Engel war eine attraktive Frau um die 50 Jahre. Ein anscheinend alter Bekannter, der zu Besuch in Freiberg ist, freut sich sie zu sehen, geht mit ihr essen und bringt sie danach um. War der Mord geplant? Woher hatte er das Messer? Warum zog er ihr das Engelskostüm an? Welche Bedeutung hatte der Himmels-Engel auf ihrem blutgetränkten Hals, und warum kündigte er an, dass diesem Mord noch ein weiterer folgen sollte? Täter und Opfer schienen sich zu kennen, aber woher? Voigt war klar, dass er noch mehr über das Leben der Toten erfahren musste. Unterbrochen wurde sein Grübeln vom Klingeln des Telefons. Herr Wunder, der Professor der Rechtsmedizin, war in der Leitung.

„Hallo Herr Voigt. Anhand der Einstiche im Hals haben wir nun auch herausgefunden, um welche Art Messer es sich gehandelt haben dürfte. Es muss sich um ein Messer aus dem zweiten Weltkrieg handeln. Die genaue Herkunft konnten wir leider noch nicht bestimmen, aber wir sind dabei, weitere Informationen einzuholen. Man erkennt es an den Einstichformen und den teilweise sich im Hals befindenden Micro-Rostresten.“

„Danke Ihnen. Über weitere Informationen bin ich Ihnen sehr dankbar.“ So richtig viel hatte ihm diese zusätzliche Erkenntnis allerdings nicht gebracht. Im Gegenteil. Ein Messer aus dem 2. Weltkrieg sorgte eher für noch mehr Verwirrung. Auf jeden Fall waren die Kollegen bundesweit durch die bisher zur Verfügung stehenden Informationen alarmiert, was ihm etwas Hoffnung machte. Fest stand, dass sich der Mörder nicht mehr in Freiberg aufhalten dürfte, doch wo könnte er jetzt sein? Die Vermutung lag nah, dass sich der Täter mit dem Zug Richtung Dresden auf die Reise begeben haben könnte, da dieser Bahnhof eine Art Knotenpunkt für die Weiterfahrt in diverse andere Destinationen ist. Indizien wie der weiße Anzug oder der fehlende Bart durften bei der Suche aktuell nicht mehr ausschlaggebend sein, da diese beiden Merkmale schnell geändert werden konnten. Bisher gab es relativ wenig Anhaltpunkte, und die Welt ist leider groß.

Mittwoch, 8. Oktober

Ständige Fragen und fehlende Antworten verkürzten den Schlaf von Hauptkommissar Voigt in dieser Nacht erneut um einige Stunden. Selbst wenn dieser Mann, wie Elisabeth Winkler sagte, hessisch sprechen sollte, so wäre dieses noch lange keine Garantie dafür, dass er sich in einem Zug nach Hessen befinden könnte. Auch dieses Bundesland erweist sich bei Recherchen größer als gedacht. Voigt hoffte nun auf eventuelle Hinweise seiner geschätzten Kollegen in dieser bisher recht aussichtslosen Suche nach Erfolg. Um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, beschloss er sich mittags auf dem Präsidium zunächst mit einem weiteren älteren Fall zu beschäftigen. Vertieft in die ersten Seiten, klingelte plötzlich sein Telefon. Am Apparat war Elisabeth Winkler.

„Ich habe vor lauter Aufregung vergessen, Ihnen zu erzählen, dass Ingrid mit einer Lebensgefährtin, also einer Frau, zusammenlebte. Sie heißt Xenia Uhlig. Keiner wusste es lange Zeit, da diese oft unterwegs und nur selten zu Hause war. Vielleicht war der Mord ein Mord aus Eifersucht, da sie dachte, dass sie ein Verhältnis haben könnte?“

„Danke für den vielleicht sehr wichtigen Hinweis“, antwortete Voigt. Er bedankte sich bei Elisabeth und teilte ihr mit, sich wegen eventuell zusätzlicher Fragen noch einmal zu melden. Die Lebensgefährtin von Ingrid Engel musste unbedingt als Nächstes verhört werden. Vielleicht kannte sie den Tatverdächtigen. Xenia Uhlig war nicht anzutreffen. Eine Nachbarin wies den vor dem Haus stehenden Kommissar auf seine Nachfrage in tiefstem Sächsisch darauf hin, dass sie für ein paar Tage in einem europäischen Kloster wäre. Angeblich ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Sie würde in dieser Jahreszeit jedes Jahr kurze Zeit in einem Kloster untertauchen und keiner wüsste, in welchem. Das Ganze nenne sich „Besinnungstage“. Allerdings dürfte sie in den nächsten beiden Tagen wieder da sein. Voigt musste warten, da er wusste, dass eine europaweite Suche nach ihr dieselbe Zeit in Anspruch nehmen würde wie ihre geplante Rückkehr nach Freiberg. Er fühlte auch basierend auf seiner langjährigen Erfahrung, dass der Mord anhand der bisher vorliegenden Indizien durch den Verdächtigen vollzogen worden sein dürfte

-Berlin- Zwei Tage nach Entkommen des Freiberger Mörders wurde eine Frauenleiche am Lietzensee im Bezirk Berlin Charlottenburg Wilmersdorf gefunden. Der See, der die Form einer Sichel hat, ist umgeben von dichten Baumanpflanzungen und von sehr wenigen Häusern. Die umliegenden Parkanlagen des Lietzenseeparks sind weitere mehrere Hektar groß. Die Tote lag versteckt zwischen großen Büschen. Rentner Heinz Bulle, sechsundachtzig Jahre, ein alter Charlottenburger, oder „Lietzenseer“ wie er sich selbst nannte, lief wie jeden frühen Morgen der Gesundheit wegen, langsam mit seinem Stock den gut aufbereiteten Spazierweg am See entlang. Er wollte, wie immer an dem leicht zugänglichen Stück zum Wasser hin die Enten füttern. Allerdings quälte ihn seine Prostata auf dem kurzen Stück zum Wasser hinunter so sehr, dass er bereits kurz davor in die Büsche gehen musste. Beim Hinstellen spürte er plötzlich, dass sein rechter Fuß auf einer Art weicher Wurzel stand. Als er genauer hinsah, traute er seinen Augen nicht. Zunächst vermutete er, dass es an seiner Sehschwäche und der noch vorhandenen Dämmerung liegen könnte. Aber beim zweiten Hinsehen schrie er einen so lauten Ton aus, von dem selbst er als ehemaliger und stimmlich nicht mehr so voluminöser Opernsänger überrascht war. Er trat zurück und sah eine tote Frau mit seitlich ausgestreckten Armen. Der Körper war Richtung Wasser platziert. Ihr wunderhübsches Gesicht schien eine Zigarette im Mund zu haben und auf dem eindeutig blutenden Hals lag seines Erachtens ein Stück Holz. Da er noch nicht lange unterwegs war, ging er so schnell wie überhaupt möglich nach Hause, um die Polizei anzurufen. „Hallo, Hallo, ist dort die Polizei? Ich habe eine Tote am Lietzensee gefunden. Ich bin aus Versehen noch auf ihren Arm getreten. Bitte kommen sie schnell.“

Eine beruhigende, tiefe Stimme eines Beamten klang in sein rechtes Ohr hinein.

„Sagen Sie uns bitte erst einmal Ihren Namen und wo Sie wohnen, und dann gehen wir gemeinsam dort hin.“ Heinz Bulle antwortete hektisch und laut.

„Witzlebenstrasse, aber kommen Sie am besten ans Bootshaus. Sie erkennen mich an meinem silberfarbenen Gehstock. Außerdem sind zurzeit ja noch nicht viele Leute unterwegs.“

Wenige Minuten später trafen Hauptkommissar Holz, die Polizei und die Spurensicherung am Bootshaus ein.

„Guten Tag Herr Bulle. Wir bedauern, dass Sie diese schreckliche Entdeckung machen mussten. So etwas sieht keiner gerne. Glauben Sie uns, wir haben damit trotz unserer langjährigen Erfahrung auch immer noch Probleme. Lassen Sie uns gemeinsam langsam zur Tatstelle gehen.“ Schweigend gingen sie zu der Böschung, in der das Opfer lag.

„Vielen Dank Herr Bulle. Wir müssen jetzt den Tatort leider großräumig abriegeln, damit uns keine wichtigen Spuren verloren gehen. Bleiben Sie bitte zu Hause ganztägig erreichbar, da Sie kein Handy haben. Geben Sie uns bitte auch noch Ihre Hausnummer in der Witzlebenstrasse und Ihre Telefonnummer. Wir melden uns dann heute noch bei Ihnen. Legen Sie sich erst einmal auf Ihr Sofa und ruhen Sie sich nach diesem Schock etwas aus.“

Heinz Bulle trat den Rückweg an und war verwundert, dass ihm so etwas in seinem hohen Alter an diesem schönen See noch passieren musste. Die Spurensicherung hatte den Fall bereits an die Mordkommission übergeben und begann mit ihrer Arbeit. Hauptkommissar Johann Holz begrüßte seine geschätzten Kollegen.

„Guten Tag allerseits. Ich weiß, Sie hatten noch keine Zeit ausführlich Spuren zu finden, aber ich möchte mir, ohne groß Ihre Arbeit zu behindern, nur einen kurzen Eindruck verschaffen.“

Holz sah eine wunderschöne blonde Frau, deren Liegeposition an einen Engel erinnerte. Und sie hatte einen Erzgebirgs-Holzengel als Bäcker mit einem Cup Cake in der Hand auf ihrem blutigen Hals liegen. Dieser wies Stichwunden auf, und in ihrem Mund steckte ein zusammengerollter Zettel. Ich habe es geahnt, dachte sich Kommissar Holz. Ähnlich wie in Freiberg in Sachsen.

Soweit er es beurteilen konnte, handelte es sich auch hier nicht um ein Sexualdelikt.

„Lassen Sie uns jetzt bitte arbeiten“ sagte ein Kollege mit unfreundlicher Stimme zu ihm. Wir werden Sie später auf dem Polizeipräsidium mit den Details versorgen.“

„Okay“ sagte Holz und verließ den Fundort. Er ging den leichten Anstieg vom Seeufer hoch und bog danach rechts auf den Weg ab. So wie die Leiche aussah, war der Mord erst ein paar Stunden her, dachte er sich. Ein gutes, bekanntes und direkt am Wasser liegendes Restaurant, lag auf seinem Rückweg. Holz hoffte innerlich, dass es dort vielleicht einen Zeugen geben könnte, der die Tat beobachtet hatte.

„Guten Morgen die Damen, Mordkommission Berlin, Holz mein Name. Es gab in der vergangenen Nacht einen Mord, nicht weit weg von hier. Von Ihrer Terrasse aus gesehen mit frontalem Blick auf das Wasser circa vierhundert Meter nach rechts entfernt. Können Sie sich eventuell an einen weiblichen Gast mit kurzen blonden Haaren, circa vierzig Jahre alt, gekleidet in einem pinkfarbenen Mantel erinnern?“

„Sie sind lustig“, sagte eine der beiden Angestellten.

„Blonde kurze Haare sind nicht gerade selten. Bei den vielen Gästen, die hier täglich ein und ausgehen, gucken wir bestimmt nicht auf jeden Mantel oder jede Jacke, die jemand anhat. Es gibt hier in der Ecke so viele kreative und individuelle Leute, dass selbst ein pinkfarbener Mantel nicht auffällt.“

„Danke für das freundliche Feedback“ sagte Holz. „Ich komme eventuell noch einmal in Ihr Restaurant, wenn es voller ist. Vielleicht habe ich ja dann mehr Glück. Schönen Tag noch.“

Holz fuhr weiter zum Präsidium in der Hoffnung, so schnell wie möglich weitere mit dem Mord in Verbindung stehende Informationen erhalten zu können. Da dieses aber noch etwas Zeit in Anspruch nehmen würde, nutzte er sie vor Ort, um in das Datenanalysesystem der Morddelikte zu schauen. Laut diesem System hatte auch die in Freiberg vor einigen Tagen ermordete Person einen Engel am Hals und einen Zettel im Mund.

„Guten Tag sehr geehrter Kollege Voigt. Ich bin Hauptkommissar Holz von der Mordkommission Berlin. Heute Morgen wurde in unserer Stadt eine Leiche am schönen Lietzensee in Charlottenburg gefunden. Ich erinnerte mich sofort daran, dass Sie diese Woche einen ähnlichen Mordfall in Freiberg hatten. Daraufhin habe ich, um einen ersten Anhaltspunkt zu bekommen, in das System der Tötungsdelikte reingeschaut, um festzustellen, ob eine gewisse Ähnlichkeit vorliegen könnte. Leider ist das Ganze noch zu frisch, aber tendenziell könnte es passen. Ich werde Ihnen schnellstmöglich die ermittelten Erkenntnisse weitergeben. Auf gute Zusammenarbeit!“

Voigt war erfreut, endlich einmal Kontakt zu einer etwas entfernter liegenden Mordkommission zu bekommen. Er arbeitete normal fast ausschließlich mit den Kollegen in Dresden zusammen. „Sehr gerne Herr Holz. Vielen Dank! Vielleicht kann der Mörder durch unsere gemeinsame Zusammenarbeit schneller gefunden werden. Ich wünsche Ihnen bis zu unserem nächsten Kontakt erst einmal einen erfolgreichen Tag.“

Holz schaute aus dem Fenster und sah aus der Ferne, dass die Kollegen vom Lietzensee zurückkamen. Auch sie sahen ihn bereits am Fenster und wussten genau, dass er sie, pedantisch wie er war, gleich anrufen würde. Der Leiter der Spurensicherung bevorzugte es daher, lieber direkt in seinem Büro vorbeizukommen.

„Da sind wir wieder und haben bisher schon einige Erkenntnisse dazugewinnen können. Die Leiche wird jetzt obduziert und die Ergebnisse sowie die der Kriminaltechnischen Untersuchungen (KTU) liegen am späten Nachmittag vor, also keine Panik. Die tote Dame ist circa vierzig Jahre alt. Wie Sie selbst sehen konnten, lag der Bäcker-Engel mit dem Cup Cake in der Hand, an ihrem blutigen Hals. Die Einstichstelle wurde mit einem Messer vollzogen. Der im Mund zusammengerollte Zettel enthielt die Aufschrift „Dieses war der zweite Streich und der dritte folgt sogleich.“ Tatort des Mordes ist der Fundort. Die Tatwaffe war nicht am Tatort. Papiere, Geld und so weiter wurden entwendet. Tatzeit und Todeszeitpunkt circa elf Uhr nachts. Das Opfer war auf jeden Fall bereits länger als sechs Stunden tot. Das konnte man mithilfe des auch Ihnen bekannten Drucktests feststellen.“

Holz war sich nicht ganz sicher, ob er den Inhalt noch wusste und guckte seinen Kollegen absichtlich fragend an.

„Also bei Leichen, die länger als sechs Stunden tot sind, lassen sich die Flecken nur durch kräftigen Druck geringfügig ändern. Sie kehren in den nächsten Sekunden nicht zurück. Dieser Zustand war bei der Dame der Fall. Bekleidet war sie mit einem pinkfarbenen Mantel, gelben Sneakers, orangefarbener Hose und blauer Bluse. Verzeihen Sie lieber Kollege, aber sie sah so bunt aus wie der Cup Cake den der Engel in der Hand hielt.“ Er lachte, fügte aber beschämt hinzu, dass das Ganze ja eigentlich nicht zum Lachen sei. Holz bedankte sich und ging in die Kantine zum Essen. Er saß allein am Tisch und genoss die leckere, typische Berliner Curry Wurst, die seiner Meinung nach die beste in diesem Stadtteil war. Beeindruckt von der bisherigen Übereinstimmung des Falls in Freiberg mit dem hier in Berlin, konnte er den Anruf des Pathologen kaum erwarten. Holz wusste, dass seine Kollegen immer unter Hochdruck arbeiteten, sodass er bereits gegen Abend die ersten Ergebnisse haben dürfte. Seine langjährige Erfahrung bestätigte seine Vermutung. Gegen sechs Uhr abends meldete sich zuverlässig die Pathologie. „Warten Sie“, sagte Holz. „Ich bin sofort bei Ihnen, dann können Sie mir alles direkt vor Ort persönlich mitteilen.“ Am Autopsie-Tisch stehend, zeigte ihm der Pathologe zunächst den Arm der Toten. „Diese Verletzung entstand post mortem als der Rentner, Herr Bulle, auf den Arm des Opfers getreten ist. Es handelt sich hierbei nicht um eine Gewalteinwirkung durch den Täter. Die Tat selbst ist natürlich eine Gewalteinwirkung durch die drei gezielten Stiche in den Hals mit einem alten Messer. Meine neue Kollegin hat parallel zu meiner Arbeit herausfinden können, dass es sich um ein altes Militärmesser handelt. Dem Tatvorgang nach könnte es sich um Hass gehandelt haben. Kein Sexualdelikt. Größe des Opfers, ein Meter siebzig, Schuhgröße achtunddreißig, Gewicht siebenundsiebzig Kilogramm, also etwas kräftiger gebaut. Kein Blut des Täters vorhanden. Keine Fingerabdrücke, aber Speichelreste an der rechten Wange, die vom Täter sein müssten. Dieselben Speichelreste fanden wir an den Krümeln der Reste eines Gebäckstücks. Auf diesen Krümeln fanden wir allerdings auch Speichelspuren der Ermordeten. Beide müssen also vorher gemeinsam in etwas Süßes reingebissen haben. Mehr dürfte unseren Kenntnissen nach zu urteilen nicht zwischen den beiden gewesen sein.“ Holz bemerkte einen größeren Bluterguss am Schienbein.

„Hierbei handelt es sich um eine prämortale Wunde, die bereits vor dem Tode existierte. Vielleicht hat sie sich an einem Sofatisch gestoßen.“

Kommissar Holz gab ihm die Daten der Haare, Hautschuppen, des Mantels und des Anzugs. Bis auf die Fasern des Anzugs stimmte alles mit den Daten des Mordes in Freiberg überein.

„Jetzt sagen Sie bloß noch, dass im Blut des Opfers Schlafmittel nachgewiesen werden konnte.“

„Ja. Schlafmittel und leider auch noch Alkohol. Interessant ist auch, dass die Dame auf ihrem Rücken ein schon ein paar Jahre altes Tattoo hat. Ein Flugzeug.“