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Ein Serienmörder treibt auf Mallorca sein Unwesen. Kommissar Rafael Lopez und sein Kollege Antonio Díaz der Mordkommission in Palma, stehen vor einem Rätsel. Was ist das Motiv der mysteriösen Morde, bei denen der Täter seinen Opfern zielgerichtet bestimmte Körperteile entfernt? Warum spielen ein alter Klavierflügel, Goldmünzen und Mallorquinische Tonpfeifen eine zentrale Rolle? Stück für Stück verdichten sich Hinweise, dass generationsübergreifende familiäre und politische Hintergründe hinter den Morden stehen könnten.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kerstin von Schuckmann
REBELLION DER GEFÜHLE
Mallorca-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Das Buch
Ein Serienmörder treibt an diversen Orten auf Mallorca sein Unwesen. Ein Mann wird mit abgeschnittener Zunge versenkt, neben einer Yacht gefunden. Kurz danach ein Radfahrer mit abgetrenntem Fuß in einem Brunnenschacht.
Kommissare Lopez und Díaz der Mordkommission in Palma stehen vor einem Rätsel.
Was ist das Motiv dieser und weiterer mysteriöser Morde? Warum werden zielgerichtet Körperteile entfernt und warum spielen ein alter Klavierflügel, Goldmünzen und Mallorquinische Tonpfeifen eine zentrale Rolle?
Stück für Stück verdichten sich Hinweise, dass generationsübergreifende familiäre und politische Hintergründe hinter den Morden stehen könnten.
Die Autorin
Kerstin von Schuckmann, Jahrgang 1965, geboren in Köln, hat nach Lehre und Studium der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing viele Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Sie ist verheiratet und wohnt nach diversen Stationen wie Freiburg, Darmstadt, Sao Paulo/Brasilien und Fulda seit 1993 in Frankfurt am Main. Zahlreiche Aufenthalte auf Mallorca pro Jahr brachten sie auf die Idee, ihren zweiten Kriminalroman ausschließlich auf der Insel spielen zu lassen. Bereits in ihrem ersten Krimi „Engelsmörder“ überführte Rafael Lopez mit deutschen Kollegen einen international gesuchten Mörder. Die Autorin ist Mitglied im Selfpublisher-Verband e.V. in Berlin.
KERSTIN VON SCHUCKMANN
REBELLION DER GEFÜHLE
EIN MALLORCA-KRIMI
KOMMISSAR LOPEZ ZWEITER FALL
Impressum
3. Auflage April 2022
Texte: © Copyright: Kerstin von Schuckmann
Lektorat: Carmen Weber, Julia BeinkerUmschlaggestaltung: © Copyright: Kerstin von SchuckmannVerlag: Kerstin von Schuckmann
Umschlagabbildung: © Copyright: Kerstin von Schuckmann
Titelabbildung: © Copyright: Kerstin von Schuckmann
Titelschutz gemäß § 5 Abs. 3 MarkenG
www.kerstinvonschuckmann.de
www.facebook.com/kerstinvonschuckmann
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Für Mallorca
Kommissar Rafael Lopez betrachtete den aufgedunsenen Körper. Die neben einer Yacht mit einem Anker versenkte männliche Leiche wurde soeben von Tauchern der Einsatztruppe des Kommissariats Palma de Mallorca aus dem mit Neptungras bewachsenen Meeresboden geborgen. In den verfilzten, braunen, und vertrockneten Neptungraskugeln an Land, die den Strand hingegen wie einen Teppich bedeckten, lag eine strahlend weiße Kappe mit der Aufschrift „Luxury“. Unter dem Schriftzug war die Abbildung eines größeren Schiffes. Beim Aufheben der Kappe entdeckte die Spurensicherung darunter eine mallorquinische „Siurell“, einen kleinen, weißen, mit roten und grünen Strichen bemalten Menschen, geformt aus Ton. Eine modellierte Kapitänsmütze zierte ihren Kopf.
„Siurells können als laute Pfeife genutzt werden. Sie verkörpern angeblich eine mystische Verbindung von Menschen und Natur.“
Lopez schaute Kommissar Antonio Díaz tief in die Augen.
„Glauben Sie etwa, dass ich als Mallorquiner nicht weiß, was diese kleine Tonfigur zu bedeuten hat?“
Lopez hustete. Er wusste, dass er weniger rauchen sollte, da seine körperliche Kondition darunter litt. Hinzu kam in der letzten Zeit der psychische Druck noch mehr Leistung bringen zu müssen. Junge, geltungssüchtige und ehrgeizige Kollegen standen bereits als interne Konkurrenten in den Startlöchern. Beide Fakten sorgten dafür, dass seine durch Feingefühl, Ruhe und Humor geprägte Wesensart darunter litt.
„Rafael, ist Ihnen auf der Fahrt hierher nicht das im Hafen von Palma liegende riesige Kreuzfahrtschiff aufgefallen?“
Lopez schüttelte den Kopf.
„Auf dem Weg zum Tatort besteht meine Priorität sicherlich nicht in der Begutachtung der sich im Hafen befindenden Schiffe.“
Der Kollege der Spurensicherung legte die Kappe zurück auf ihren alten Platz und fotografierte sie erneut.
„Bereits ein kurzer Blick auf den Kreuzfahrthafen hätte Ihnen jetzt schon geholfen.“
Lopez schaute ihn irritiert an.
„Luxury heißt auch das sich zurzeit größte im dortigen Hafen befindende Kreuzfahrtschiff.“
„Ist das nicht sehr weit hergeholt?“
Lopez war skeptisch. Die kontaktierte Hafenbehörde bestätigte ihm, dass das größte zurzeit ankernde Schiff die „Luxury“ unter Leitung des ersten Kapitäns, Wolfgang Sturm war. Lopez zog seine Handschuhe an und hob die Mütze erneut auf. Beim Umdrehen entdeckte er im inneren Rand die in blau eingestickten Initialen „WS“. Trotzdem googelte er noch immer skeptisch, in seinem Handy.
„Sie haben recht, Antonio. Der Schriftzug des Wortes und das abgebildete Schiff stimmen mit dem Logo des Schiffes überein. Die Initialen passen zu seinem Namen und schauen Sie…“ Lopez hielt seinem Kollegen das Handy vor sein Gesicht. „Das Crew-Foto des Kapitäns zeigt, dass es sich bei der Leiche mit etwas Fantasie um ihn handelt. Respekt! Durch Ihren Hinweis konnten wir innerhalb kürzester Zeit seine Identität feststellen.“
Lopez sah trotz allem ungeduldig, wie die Spurensicherung, die in circa einhundert Metern Entfernung im Seegras ankernde Yacht nach Indizien untersuchte. Er beschloss zunächst, den ersten Offizier zu informieren, und dann gemeinsam zum Kreuzfahrthafen von Palma zu fahren.
Die „Luxury“ lag an der Westmole der Pier „Dique del Oeste“, einem der vier Sektoren. Der informierte erste Offizier Holm wartete bereits an der Gangway und bat Lopez und Díaz in seine Kabine zu kommen.
„Wie Sie bereits wissen ist Ihr Kollege, Kapitän Sturm, heute ermordet im Seegras von Sa Rapita, in Mallorcas Süden aufgefunden worden. Er muss dort bereits über Nacht gelegen haben. Der Mörder hat ihn mit einem Anker im Seegras versenkt. Wo waren Sie die letzten zwei Tage, und was wussten Sie von den geplanten Landgängen des Kapitäns?“
Holm schaute Lopez in die Augen und setzte sich behutsam auf seinen Schreibtischstuhl. Ihm wurde bewusst, dass auch er unter Mordverdacht stehen könnte.
„Kapitän Sturm war ein erfahrener und beliebter Chef und Kollege. Er fuhr lange Zeit Frachtschiffe, Fähren und seit einigen Jahren auch große, luxuriöse Passagierschiffe wie dieses. Er hat die Welt mehrfach umrundet. Wie Sie wissen, übernehme ich als erster Offizier die Vertretung des Kapitäns, sobald er das Schiff verlässt, aber auch dann, wenn er während der Fahrt nicht selbst auf der Brücke ist. Sturm ist schon immer ein begeisterter Fan von kleineren Motoryachten gewesen. Da wir Mallorca sehr oft anlaufen, chartert er sich zur Erholung regelmäßig welche, mit denen er allein oder selten auch mit Bekannten die schönsten Buchten erkundet. Abends allerdings ist er, wenn auch spät, immer wieder an Bord. Nur dieses Mal nicht, so dass unser leitender Ingenieur und ich sofort wussten, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte.“
Lopez lehnte sich an die blau gestrichene Kabinenwand an und dachte sichtbar nach.
„Bevor ich den Yacht Charter Club kontaktiere, müsste ich noch wissen, ob Sie mitbekommen haben, dass er jemals in der Vergangenheit bedroht wurde. Sei es von Passagieren, Angestellten, Freunden oder anderen Personen.“
Holm rief den leitenden Ingenieur zur Runde dazu. Beide waren sich einig, dass Sturm nie über private Probleme gesprochen habe.
„Wissen Sie, Mallorca ist so etwas wie ein zweiter Heimathafen. Man legt an und fühlt sich gleich wie zu Hause. Geht der eine von Bord, muss der andere an Bord bleiben und umgekehrt. Nicht wie bei den schnulzigen TV-Sendungen, bei denen der Kapitän mal ein paar Tage von Bord geht und beim Ablegen wieder auftaucht.“
Lopez wusste, dass weder Holm noch der leitende Ingenieur aufgrund ihrer verpflichteten Anwesenheit an Bord zu den Tätern gehören konnten und bat zwei weitere Kollegen der Crew, deren Aufenthalt zu bestätigen.
Beide Kommissare beschlossen zunächst die nur fünfminütige Strecke zu dem Yacht Charter Unternehmen im Hafen von Port de Mallorca zu fahren, bei dem Sturm seine Privatyacht gemietet hatte.
„Hola, Buenos días! Wir möchten Sie darüber informieren, dass Ihre Yacht noch in Sa Rapita ankert und von unserer Spurensicherung untersucht wird. Hat Ihr Kunde das Boot allein betreten oder konnten Sie sehen, dass eventuell noch weitere Personen dabei waren?“
„Sturm chartert diese Yacht seit Monaten immer allein, fährt auch so los und kommt immer allein zurück. Was er während dieser Zeit unternimmt, wissen wir nicht.“
Lopez und Díaz hatten mit dieser Aussage fast gerechnet. Beide hofften in Kürze neue Erkenntnisse durch die Kriminaltechnische Untersuchung (KTU) zu bekommen.
Lopez brachte seinen Kollegen ins Präsidium und fuhr erneut nach Sa Rapita. Er setzte sich grübelnd in den Sand und schaute fast meditativ auf die meterlangen Seegraswiesen, die sich ins Meer hinauszogen. Ihn quälte die Frage, warum der Mörder Kapitän Sturm nicht weiter draußen im tieferen Wasser unterhalb der Yacht, sondern relativ nah am Ufer mitten in einem Seegrasteppich mit beschwertem Anker ertrinken ließ. Hatte diese Vorgehensweise einen Sinn, oder war es reiner Zufall? Lopez wurde durch das laute Motorengeräusch der startenden Yacht in seinen Gedankengängen gestört und sah, wie das prachtvolle Designerboot um die Ecke zurück nach Palma Richtung Yachthafen gefahren wurde.
„Hola Señor Lopez“ ertönte die bekannte Stimme seines Kollegen der Spurensicherung hinter ihm. „Wir haben unsere Arbeit beendet und werden sie direkt an die KTU zur schnellen Untersuchung weitergeben. Auf der Yacht lag unter der Eisenstange, mit der das Opfer aller Wahrscheinlichkeit nach erschlagen wurde, ein gedruckter Zettel. „Zerstörte Seegraswiesen und Entsorgung von Müll in deren Ökosystem entsprechen einem Massenmord.“ Zudem wurde ein Ohrstecker gefunden, der bei einem kurzen, aber heftigen Kampf verloren gegangen sein dürfte. Er muss dem Täter gehört haben, da Sturm keinen trug. Auf ihm abgebildet ist die Burg, der königliche Almudaina-Palast, der noch heute als Residenz des spanischen Königs dient, wenn er sich auf Mallorca aufhält. Daneben das Wappen der Insel, ein blauer Schrägrechtsbalken, der vier rote Pfähle überdeckt. Der Rest ist goldfarben.“
„Sie wollen wohl meine Aggressivitätsgrenzen austesten. Meinen Sie, dass ich als Mallorquiner nicht die Flagge von Mallorca kenne? Gegenfrage: Ist Mallorca eine Insel oder Festland?“
Beleidigt zog der Kollege seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und fuhr mit den Indizien zur KTU nach Palma.
Fest stand, dass es sich bei dem Täter eventuell um einen überzeugten Mallorquiner gehandelt haben könnte. Vielleicht aber auch um einen Touristen, der den Ohrring einfach so in einem der zahlreichen Souvenirshops gekauft hatte. Für Lopez kam nun die Zeit, die er an seinem Job hasste und die hieß „Warten“. Warten, bis weiterführende Informationen halfen, die Suche nach dem Täter einzugrenzen. „Del dicho al hecho, hay mucho trecho“, auf Deutsch: „Leichter gesagt als getan.“ Lopez erinnerte sich an seinen letzten Fall des „Engelsmörders“, einem Serienmörder, der allen seinen Opfern Erzgebirgsengel an die Kehle legte. Es war zweifelsohne eine sehr interessante Erfahrung gewesen, die aus einer Deutsch-Mallorquinischen Kooperation mit diversen Kommissaren bestand. Auch hier war oft Geduld gefragt, die aber zum Schluss zu einem erfolgreichen Abschluss führte. Lopez hoffte, dass man durch Hautschuppen, die vielleicht noch am Ohrring hingen, weitere Erkenntnisse erreichen konnte. Er saß weiter grübelnd am Wasser. Ihn ließ nach wie vor nicht der Gedanke los, dass dieser Ort bewusst gewählt wurde. Ein Kreuzfahrtkapitän, der tot im Seegras versenkt liegt. Zwei Welten trafen aufeinander. Kreuzfahrtschiffe stehen bis heute für die Verschmutzung der Luft und des Wassers. Palma war oft Spitzenreiter bei der Luftverschmutzung durch Ozeanriesen in Europa. An vielen Tagen quoll seine geliebte Stadt zusätzlich zu den sonstigen Touristen über. Der Mord musste eiskalt geplant worden sein. Der Täter schien den Rhythmus und den Beruf seines Opfers zu kennen, da er regelmäßig an genau dieser Stelle ankerte. Warum hätte er sonst ausgerechnet eine Original Siurell in Form eines Schiffskapitäns hingelegt? Private Yachten lagen trotz hoher angedrohter Geldstrafen oft verboten in den Seegraswiesen, die Lebensraum für viele Meerestiere waren, und zudem ein Garant für sauberes Wasser, da es Kohlenstoffdioxid bindet. Der Mensch zog insbesondere auf Mallorca sehr großen Nutzen aus ihm. Neben Korallenriffen und tropischem Regenwald gehörte es zu den wichtigsten Ökosystemdienstleistern der Welt. Lopez wusste, dass dieses inzwischen sogar von Robotern und Booten von Umweltschützern überwacht wurde. Ihre größten Feinde waren die Yachten. Er zog sein Handy aus der Tasche. Achttausendfünfhundert dieser Boote sollen in den letzten zwölf Monaten im Poseidongras ihre Anker geworfen und es dadurch lokal zerstört haben. Er war begeistert von seinem meditativen Ergebnis. Es könnte sein, dass es sich bei dem Täter um einen militanten Umweltschützer handelt. Einer, der ei-nen Umweltzerstörer töten wollte.
Es war bereits später Nachmittag, Zeit für das „almuerzo“, das spanische Mittagessen. Die „Jefatura de Polícia“ lag in der Nähe des Passeig de Mallorca, einer Straße mit großer Auswahl an Tapas Bars, Cafés, Sterne- und Standardrestaurants. Lopez beschloss in die noch näher liegende Cafetaría Rosa zu gehen, in der es seines Erachtens die beste Tortilla von ganz Mallorca gab. Zudem stimmte das Preis-Leistungsverhältnis. Zufällig saß sein Kollege Díaz an der Bar und trank einen Cortado.
„Antonio, ich hätte Sie aufgrund Ihrer „Größe“ kaum an der Theke gesehen. Aber es gibt ja Gott sei Dank hohe Barhocker.“
Díaz wusste nicht, ob er den von Rafael humorvoll gemeinten Satz durch Lachen bestätigen wollte. Er entschied sich, diesen einfach zu ignorieren.
„Sie glauben nicht, zu welchem Ergebnis ich in der Zeit meines Aufenthalts am Meer gekommen bin.“ Lopez erzählte ihm seine Gedankengänge bis ins kleinste Detail und Díaz war begeistert.
„Eine bessere, logischere Erklärung für diesen Mord kann es eigentlich nicht geben. Wenn uns die Pathologie und die KTU jetzt noch stimmige Details mitteilen, könnten wir den Mörder vielleicht in den nächsten Tagen überführen.“
Lopez zahlte, und beide liefen zum Präsidium. Pedantisch tippte er jedes kleinste Detail des Tagesgeschehens in sein System ein, als unerwartet die Abteilung der Forensik anrief.
„Hola! Wir haben, wie immer zunächst versucht die daktyloskopische Untersuchung, also die Fingerabdrücke als Beweise zu nehmen. Allerdings ist es uns ausnahmsweise nicht gelungen, diese zu verwerten, was äußerst selten der Fall ist. Es gibt drei Möglichkeiten. Der Täter hat entweder eine extreme Abnutzung der Fingerkuppen durch seine berufliche Tätigkeit oder eine altersbedingte Abnutzung. Die zweite Möglichkeit wäre, dass der Mörder unter Adermatoglyphie leidet, also einer Genveränderung, die dazu führt, dass die Hautrippen an Fingern und Zehen nicht gebildet werden. Die Haut ist wie zum Beispiel am Bauch, einfach nur glatt. Es handelt sich hierbei allerdings um eine äußerst seltene Krankheit, sodass hier nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht. Dritte Möglichkeit wäre das Tragen von Handschuhen. Oft entfällt diese Möglichkeit, und zwar dann, wenn der Totschlag spontan aus Affekt geschieht. Diese Tatsache wäre hier meiner Meinung nach auszuschließen, da der Mord geplant gewesen sein muss. Der Täter schwimmt nicht zufällig zur Yacht. Das war eiskalt geplant. Nichtsdestotrotz können wir von diesem Täter generell keine verwertbaren Fingerabdrücke nehmen. Die Ergebnisse der anderen, noch offenen Untersuchungen werden morgen mitgeteilt.“
Lopez konnte diese Tatsache nicht beunruhigen. Er schrieb zunächst das Protokoll zu Ende und beschloss danach seinen Arbeitstag zu beenden. Er wusste, dass in den nächsten Tagen und vielleicht sogar Wochen, sehr viel Arbeit und einige Überraschungen auf ihn und sein Team zukommen könnten.
Lopez wippte ungeduldig auf seinem abgewetzten Bürostuhl hin und her. Er schaute auf seine kitschige Wanduhr. Diese bestand aus einem Brett aus Olivenholz mit dem bunten Motiv einer Ziege. Der kleine Zeiger stand bereits in Höhe der Ziegenhörner und er wusste, dass die Pathologie in den nächsten Minuten anrufen würde. Dennoch erschrak er, als genau in dieser Sekunde sein Telefon klingelte. Allerdings war es kein interner, sondern ein externer Anruf.
„Buenos días Kommissar Lopez. Ich bin von der Guardia Civil in Campos. Wir wurden heute Morgen früh von einem Bauern angerufen. Er entdeckte ein Fahrrad, das neben einem Brunnenschacht auf seinem Feld nahe seiner Finca in El Palmer lag. Zunächst dachte er, dass es geklaut wurde und der Dieb es aus schlechtem Gewissen einfach spontan entsorgte. Beim Herunterschauen in den Schacht allerdings machte er eine grausige Entdeckung. Metertief lag unten ein blutiger, regungsloser Körper im Wasser. Wir sind vor Ort, und es sieht wirklich schrecklich aus. Der Brunnen ist circa zehn Meter tief, und Gott sei Dank nicht wie andere auf unserer Insel, dreißig oder vierzig. Wir haben bereits die Spurensicherung informiert und bitten Sie auch sofort hierher zu kommen.“
Lopez schob die stillose, leere Vase auf seinem Tisch nach vorne und nach hinten. Er wusste, dass seine wenigen Kollegen mit Kriminalfällen aller Art mehr als versorgt waren. Auch Antonio Díaz erstickte vor Arbeit. Der Einzige, der im Vergleich dazu noch etwas Luft hatte, war er selbst. Sein geplanter Tagesablauf war damit Geschichte.
„Vale, ich bin in vierzig Minuten bei Ihnen und mache mir ein Bild. Hasta luego.“
Lopez fuhr mit Zigarette im Mund die MA-19 entlang und fragte sich, was ein Radfahrer im Brunnenschacht zu suchen hatte. Seine Gedankengänge wurden abrupt gestoppt, als ein Anruf ertönte.
„Pathologie, guten Morgen. Dank einiger Überstunden können wir Ihnen bereits einige Ergebnisse unserer bisherigen Untersuchungen mitteilen. Kapitän Sturm wurde auf jeden Fall mit einem stumpfen Gegenstand von hinten erschlagen. Vermutlich mit einer Metallstange. Man sieht die geformte Hautblutung noch als Teilabdruck des Instruments. Es gibt die sogenannte „Hutkrempenregel“, das heißt, wenn die Verletzung oberhalb der Hutkrempe ist, handelt es sich um fremde Gewalteinwirkung. Ist die Verletzung auf oder unterhalb der Hutkrempe, weist dieses auf einen Sturz hin. Er musste bereits tot gewesen sein, als ihn der Mörder mit einem Anker am Boden fixierte. Insofern hat er nicht sehr gelitten. Danach wurde ihm die Zunge abgeschnitten. Die Spurensicherung konnte die Zunge nirgendwo finden. Wir vermuten, dass er sie entweder mitgenommen hat oder direkt in das Meer warf, wo sie von den Fischen verspeist wurde. Die zweite Möglichkeit scheint wahrscheinlicher. Sandproben, die unsere Kollegen im Umkreis von circa dreißig Zentimetern um die Siurell herum mitnahmen, wurden auf Haare untersucht. Allerdings waren in den Proben keine zu finden. Der Mörder könnte vom Land aus tauchend zum Schiff gekommen sein. Das dürfte bei dem ruhigen Seegang der letzten Tage und der Nähe des Schiffes zum Festland kein Problem gewesen sein. Nachdem er Sturm dann erschlagen, den Zettel unter der Eisenstange fixiert und im Neptungras mit einem weiteren Anker versenkt hatte, wird er ihm, so vermuten wir es, die Zunge abgeschnitten haben. Die Kappe nahm er beim Zurückschwimmen mit an Land. Diese war unseren Untersuchungen nach ursprünglich nass und salzig sowie mit einigen Algen versehen. Auch die Siurell muss er die ganze Zeit in seiner Hosentasche gehabt haben, denn auch diese war vom Salzwasser angegriffen. An Land angekommen legte er diese in den Sand, die Kappe darüber und flüchtete. Persönliche Fußabdrücke haben wir keine, da der Täter Badeschuhe getragen hat. Wir konnten diese Abdrücke in einiger Distanz zu den letzten Ausläufern der Wellen finden. Glücklicherweise waren keine Flut und kein starker Seegang. Dadurch haben wir das Profil und die Größe der Schuhe, nämlich einundvierzig. Ohrringe hat der Kapitän nicht getragen, aber das wussten Sie ja schon. Tätowierungen oder sonstige auffällige Merkmale hat das Opfer nicht. Die KTU untersucht derzeit noch den Ohrring auf Hautschuppen.“
Lopez bedankte sich, während er langsam eine rote Ampel überfuhr. Er war bereits kurz vor El Palmer. Das geschehene Verkehrsdelikt schob er auf seine derzeitig mentale Belastung zurück. In diesem Augenblick war er froh, beruflich und nicht privat unterwegs gewesen zu sein. Durch die weitläufigen Felder zogen sich Schotterwege, die auch von vielen Radfahrern zu Touren benutzt wurden. Leider bewahrheitete sich das an dem teilweise rücksichtslos hinterlassenen Müll. In der Ferne winkte bereits der Kollege der Guardia Civil. Der Bereich um den Brunnen war großzügig durch die Spurensicherung abgesperrt. Neugierige Radfahrer wurden sofort durchgewunken. Lopez fuhr mit seinem SUV etwas aufs Feld und lief direkt zum Brunnen. Beim Anblick der Leiche erkannte er unter Zuhilfenahme der Lampe eines Kollegen, dass es sich um einen mit einer Radhose und einem Trikot bekleideten mittelalten Mann handelte. Er schien sich den Hals gebrochen zu haben. Abgesehen von Brüchen anderer Körperteile.
„Señor“, fragte Lopez den Bauern. „Wie kann es sein, dass das Opfer überhaupt in Ihren Brunnen fallen konnte?“
„Kommissar, die Öffnung ist schon ewig mit Pflanzen bewachsen. Ich weiß es, und fremde Personen dürfen eigentlich nicht auf mein Feld. Insofern bin ich nicht schuld.“
„Darum geht es jetzt nicht. Sollte es sich um einen Mord gehandelt haben, müsste jemand gewusst haben, dass hier ein Brunnen ist, den man im Falle eines Mordes dazu nutzen könnte. Es gibt so viele alte, teilweise auch versteckte Brunnen auf Mallorca und Hunderte von circa dreißig Zentimetern breiten Bohrlöchern, mit denen das unterirdische Wasservorkommen getestet werden soll. Warum wurde dann gerade dieser Brunnen genommen? Wem haben Sie jemals von ihm erzählt, oder wer hat ihn in der Vergangenheit jemals wahrgenommen?“
Der alte Bauer seufzte verzweifelt.
„Eigentlich wusste es nur meine Frau, und sie ist vor drei Jahren gestorben. Sie mochte den Brunnen auch nicht sehr. Er war ihr immer zu unheimlich. Helligkeit wie Sonne, Meer und leuchtende Felder, das waren eher ihre Farben. Radfahrer konnten den Brunnen nie sehen. Sie heizen vorbei, da dieser Weg eine der beliebtesten Routen durch das Landesinnere der Insel ist. Sie werfen höchstens mal die Verpackung ihres Riegels in die Natur und fahren dann schnell weiter.“
Lopez wusste, dass die Arbeiten der Spurensicherung noch lange andauern würden und auch das Bergen des Opfers erst gegen Abend erfolgen dürfte.
„Ich werde direkt auf meinem Rückweg die Pathologie um eine Art Nachtschicht bitten, da ich so schnell wie möglich wissen muss, ob es sich hierbei um Mord, Suizid, oder einfach nur um einen unglücklichen Zufall handelt. Die Identität des Opfers benötigen wir auch noch, um Zeugenaussagen zu erhalten. Nach dem Bergen der Leiche dürften wir weitere Informationen erhalten.“
Lopez beschloss zurück zum Präsidium nach Palma zu fahren, dabei aber vorher noch dem rechtsmedizinischen Institut einen Besuch abzustatten.
„Buenos días Carmen! Ihnen wird nachher ein Opfer vorbeigebracht werden, das in einem Brunnen tot aufgefunden wurde. Ich bitte Sie, die Untersuchungen auf folgende Punkte besonders zu überprüfen: Wurde der Tote ermordet, und wenn ja, durch was oder wie. Oder handelte es sich um einen Suizid? Oder war es Zufall? Der Tote ist Radfahrer. Ansonsten benötige ich Auffälligkeiten und generelle Angaben.“ Carmen schüttelte den Kopf und lachte laut.
„Rafael, das sind ja ganz neue Aufgaben für mich. Kann es sein, dass Sie etwas überarbeitet sind?“
Lopez war beleidigt, musste aber böse Miene zum guten Spiel machen, da die Ergebnisse noch bis heute Nacht erarbeitet werden sollten.
„Ich kann es ja nicht so gut nachvollziehen, dass Sie, als Pathologin gerne gegrilltes Fleisch essen. Schaffen Sie es allerdings noch heute Nacht wichtige Beweise herauszufinden, würde ich Sie dafür auch gerne in ein Steakhouse Ihrer Wahl einladen.“
Sie lachte erneut.
„Ich wusste doch, dass Sie noch etwas wollen, aber einem so gutaussehenden Mallorquiner wie Ihnen schlägt man seine Wünsche auch ohne Restaurantbesuch nicht aus. Außerdem ist es mein Job. Und den mache ich gerne.“
Lopez hatte sich die Nummer des Fahrradverleihers und des Fahrrads notiert, um an weitere Informationen kommen zu können. Entgegen erster Vermutungen handelte es sich nicht um den größten Verleiher der Insel, sondern um einen kleineren der vielen Anbieter direkt im Zentrum von Palma. Er beschloss dorthin zu laufen, da es in den engen Gassen in diesem Viertel keine Parkplätze gab. Beim Vorbeigehen an den alten Klöstern, Kirchen, Herrenhäusern und Plätzen wurde ihm wieder bewusst, in welcher schönen Stadt er doch wohnte. Geschichte verbunden mit Meer, Genuss und purem Leben. Er betrat den Fahrradverleih, in dem noch circa fünfzig weitere Fahrräder auf ihre Mieter warteten.
„Buenos días, Kommissar Lopez, ich benötige ein paar Informationen von Ihnen.“
Er zog sein Handy aus der Tasche und öffnete seine Bildergalerie.
„Dieses Fahrrad, laut Aufkleber Ihres Ladens mit der Nummer 6611, wurde gestern ohne seinen Fahrer auf einem Feld gefunden. Deshalb benötige ich dringend Informationen über ihn. Name, Adresse, Alter und sonstige Daten, die Sie von ihm haben. Ihr Fahrrad bekommen Sie wieder. Unsere Spurensicherung muss es nur noch untersuchen. Ich hoffe für Sie, dass er per Vorauskasse gezahlt hat.“
Lopez lachte kurz. Der Mitarbeiter zeigte keinerlei Emotionen und tippte wortlos die Fahrradnummer in sein Notebook ein.
„Unser Kunde heißt Michael Dreschke, wohnhaft in Freiberg, Sachsen. Geboren 1980. Privatadresse schreibe ich Ihnen auf. Also kein Mallorquiner, sondern ein strohblonder Deutscher.“
„Ich benötige nicht nur seine Privatadresse in Deutschland, sondern auch seinen Aufenthaltsort auf Mallorca.“
Murrend suchte der Verleiher erneut in den ihm zur Verfügung stehenden Daten.
„Er wohnt immer in dem kleinen Hotel namens „Esperanza“ in der Calle de Cervantes. Nicht luxuriös, aber sauber und mitten in der Stadt. Er hat bei mir schon oft Fahrräder aller Art geliehen, am liebsten aber Geländeräder, genannt Crossbikes. Solche, mit denen man so richtig fett über Wiesen und Felder durch die Natur heizen kann. Rücksicht auf die Vegetation wird hier nicht genommen. Hauptsache schnelles und kraftvolles Fahren. Dreschke lieh sich von Zeit zu Zeit aber auch Rennräder aus, um über die Berge zu kommen. Er war ein absoluter Einzelgänger. Er fuhr nie in Gruppen oder zu zweit. Dieses hat er mir sogar einmal selbst gesagt.“
„Freiberg/Sachsen“. Sofort kam Lopez erneut der letzte Fall gemeinsam mit Kommissar Gerhard Voigt in den Sinn. Irgendwie vermisste er seinen deutschen Kollegen und könnte ihn jetzt zudem gut gebrauchen. Vielleicht hatte er Hinweise zu Dreschke in seinem Informationssystem.
Lopez bedankte sich und lief zügigen Schrittes zurück zum Präsidium. Im Büro angekommen merkte er, dass er zunächst eine kleine Pause machen musste, um sein hörbar schweres Atmen zu reduzieren. Erst danach griff er zum vergilbten Telefonhörer.
„Hola Gerhard! Hier ist Rafael aus Palma.“
„Dorheeme is am scheensten. Für Sie auf Hochdeutsch Rafael, „Zu Hause ist es am schönsten.“ Das dachte ich bis jetzt, aber wenn ich an Mallorca denke, stimmt dieser Spruch nicht mehr so ganz. Was kann ich für Dich tun?“
„Wir haben einen toten Radfahrer in einem Brunnenschacht gefunden. Er heißt Michael Dreschke, wohnhaft bei Dir im Erzgebirge in Freiberg. Kannst Du spontan irgendetwas über ihn herausfinden?“
Voigt tippte hörbar auf seiner Tastatur.
„Ei verbibbsch. Siehe da. Dreschke hat diverse Male strafbare Eingriffe in die Natur vorgenommen, indem er zum Beispiel illegal Fäkalien in einen Bach laufen ließ. Hinzu kam, dass er mit seinem Motocross Rad nie die extra dafür gebauten Anlagen nutzte, sondern aggressiv zerstörend damit im Freiberger Biotopschutzgebiet herumfuhr.“
„Hervorragend Gerhard. Das reicht schon. Bis demnächst.“
„Nu, ma guggen.“
Lopez hielt es nicht länger auf seinem Lederstuhl aus. Er lief diverse Runden durch sein nicht allzu großes Zimmer und blieb abrupt am Fenster stehen. Er hielt den Griff desselben verkrampft in der Hand und schaute auf die belebte Hauptstraße. Sollte es Mord gewesen sein, stellt sich die Frage, ob beide Taten miteinander zusammenhängen könnten. Allerdings konnte er bei diesen Toten selbst mit noch so großer Kreativität keinen Zusammenhang erkennen. Ein Kreuzfahrtkapitän und ein Radfahrer. Zwei Welten trafen aufeinander. Lopez ließ den Griff los, um sich einen Cafe con leche zu holen. Auf dem Gang hörte er in der Ferne seinen bis zum Anschlag eingestellten Klingelton. Fluchend rannte er zurück in sein Büro und nahm schwer atmend den Hörer ab.
„Wo habe ich Sie denn hergeholt? Die Kriminaltechnische Untersuchung hat ergeben, dass am Ohrring des Mörders von Kapitän Sturm tatsächlich Hautschuppen gefunden wurden. Es liegt uns hierzu leider nur keine Vergleichsprobe vor. Der Verdächtige ist bisher nicht in einer DNA-Kartei gespeichert, woraus man schließen kann, dass er bis zum heutigen Zeitpunkt keine Verbrechen begangen haben dürfte. Auch die Schrittgröße zu den Badeschuhen hilft uns nicht weiter. Leider ist unsere Arbeit im Fall des Mordes an Sturm bisher ergebnislos geblieben. Erfolgsversprechender allerdings sind die Untersuchungen zum Tode des Radfahrers. Neben den dicht bewachsenen Sträuchern lag erbrochenes Essen des Opfers. Er musste dieses kürzlich zu sich genommen haben. Was den Tatort am Brunnen betrifft, so konnten hier keine Haare gefunden werden, da die ruppige Vegetation, die ihn überwuchert, dies nicht zuließ. An einem Strauch allerdings waren Blutspuren, die entweder vom Täter oder vom Opfer selbst stammen mussten. Dieses können wir aber erst herausfinden, nachdem die Pathologie ihre Arbeit getan hat. Beim Herausziehen der Leiche aus dem Brunnen stellten wir fest, dass der rechte Fuß des Opfers fehlte. Er wurde abgehackt. Voraussichtlich mit angezogenem Schuh. Wir konnten trotz intensivster Suche weder den Fuß noch den dazugehörigen Schuh finden. Er hatte, wie viele Radfahrer eine in diesem Fall günstige Pulsuhr am Arm. Diese wurde beim Aufprall beschädigt und ist seit halb elf, also seinem Todeszeitpunkt, stehen geblieben. Wir konnten die aktiven Zeiten des Vortages herausfinden und ich werde sie Ihnen gleich per E-Mail schicken.“
Lopez bedankte sich und nahm einen erneuten, erfolgreichen Anlauf zum Kaffeeautomaten, um den bevorstehenden langen Abend zu überstehen. Früher als geplant meldete sich Carmen Perez, die Lieblingspathologin von Lopez.
„Sitzen Sie Rafael? Die Obduktion ergab, dass das Opfer zunächst vergiftet wurde. Sein Mörder musste ihm beim Abendessen eine Überdosis von Cholinesterase-Hemmern in sein Getränk getan haben. Die Toxikologie hat mir das auch noch einmal bestätigt. Diese Überdosis führte beim Opfer zunächst zu Erbrechen. Das Erbrochene lag, wie mir die Spurensicherung erzählte, auch direkt neben den Sträuchern. Danach muss bei ihm eine zentrale Atemlähmung sowie der Herzstillstand eingesetzt haben. Oft wird diese Todesursache bei Morden angewandt, die wie Selbstmorde aussehen sollen. Aber das ist nicht alles. Die Blutgruppe, die auf den Pflanzen gefunden wurde, ist auch die des Opfers. Der Mörder muss Dreschke nach seinem Tod noch einmal mit seinen Armen von der Mauer heruntergezogen haben. Das erkennt man an den starken Kratzspuren, an den Waden des Opfers, sowie an den Hautzellen, die vom Brunnenrand entnommen wurden. Danach muss er ihm den rechten Fuß abgehackt sowie den Körper umgedreht haben, um ihn noch einmal mit einer Glasflasche von hinten zu erschlagen. Vielleicht wollte er unter Adrenalin stehend, sicher sein, dass er wirklich tot ist. Danach muss er den schweren Körper wieder zum Brunnen geschliffen und ihn auf der Mauer liegend hinuntergeworfen haben. Wie Sie selbst gesehen haben, hatte das Opfer noch den Sturzhelm an. Die Brüche und Ödeme zeigen die genauen Aufschlagbereiche. Ich hoffe, das reicht Ihnen zunächst. Sie müssen auch nicht mit mir essen gehen.“
Lopez lachte. „Woher kann der Täter die Cholinesterase-Hemmer bekommen haben?“
„Diese Medikamente werden unter anderem zur Behandlung von Alzheimer Patienten genommen. Eine Überdosierung hat wie bei sehr vielen pharmazeutischen Produkten eine verheerende Wirkung.“
Lopez grübelte. Der Täter musste jemanden kennen, der diese Medikamente einnahm oder legal oder illegal verkaufte. Er und sein Opfer mussten längeren Kontakt zueinander gehabt haben. Lopez schaute sich das Zeitaktivitätsprotokoll an. Leider hatte dieses Modell keine GPS-Fähigkeit und damit keine Routenvisualisierung. Aber das wäre auch zu einfach gewesen, dachte er sich. Die Aktivität startete gegen zehn Uhr morgens. Am frühen Nachmittag wurde eine kurze zehnminütige Pause angezeigt. Danach fuhr Dreschke bis neunzehn Uhr weiter, und es erfolgte eine lange Unterbrechung über drei Stunden. Einer erneuten Aktivität von fünf Minuten folgte die nächste erst nach einer viertel Stunde. Und diese betrug wieder lediglich fünf Minuten. Danach wurde nichts mehr aufgezeichnet. Lopez war sich sicher, dass Dreschke seinen Mörder in einem Restaurant kennengelernt haben musste. Dreschke hätte normal noch zwei Stunden mit dem Fahrrad zurück nach Palma fahren müssen, und das hätte er im Dunkeln nicht erst um zehn Uhr abends gemacht. Jemand hatte ihm vielleicht vorgeschlagen, ihn mit zurückzunehmen. Die kurze Aktivität danach dürfte zum Beispiel auf das Heraufladen seines Fahrrads auf das Auto des Mörders zurückzuführen sein. Nach zehn Minuten Fahrt war der Brunnen erreicht. Sie setzten sich nach dem groben Entfernen der Pflanzen auf den Rand, und der Täter ermordete Dreschke nach erwähntem Ritual. Er lehnte das Fahrrad nach dem Tod an die Sträucher der Mauer, so dass es wie ein Selbstmord aussehen sollte. Lopez positionierte den Brunnen auf seiner Karte und berechnete den innerhalb von zehn Minuten mit dem PKW zu erreichenden Umkreis. Dabei gab es nur einen Ort, der überhaupt in Frage kam. Ses Covetes war der Name des kleinen Dorfs. Hier gab es nur eine Tapas Bar, die bei Radfahrern besonders beliebt war. Lopez beschloss direkt morgen zur Öffnungszeit vor der Türe zu stehen. Sein Ziel war es, den Tathergang bildlich zu rekonstruieren. Zuvor jedoch musste er noch früh Kontakt zum Hotel Esperanza aufnehmen, um zumindest einige Informationen über das Opfer herauszufinden. Trotz fortgeschrittener Stunde rief er die Spurensicherung an und bat sie erneut am folgenden Tag nach eventuellen Reifenspuren eines PKWs oder Kleinlasters zu suchen, mit dem Dreschke zum Tatort gebracht worden sein musste. Was für ein Tag dachte sich Lopez, während er sich einen Zigarillo der teureren Sorte anzündete und ermattet, aber zufrieden nach Hause fuhr.
Kurz nach sieben betrat der Kommissar das kleine Hotel. Eine ältere Dame an der fast kitschig anmutenden Rezeption erwies sich als die Eigentümerin.
„Buenos días. Mein Kollege hatte Sie bereits gestern darüber informiert, dass Ihr Gast namens Dreschke seinen Aufenthalt in Ihrem Haus nicht mehr fortsetzen wird, da etwas Schreckliches passiert ist. Um Sie nicht durch nähere Angaben zu beeinflussen, habe ich ein paar Fragen an Sie. Dreschke war, wie wir erfahren haben, jedes Jahr mehrfach Gast in Ihrem Haus. Welche spontanen Erinnerungen haben Sie an ihn?“
Die Dame überlegte kurz.
„Er war ein sehr gesundheitsbewusster Mann. Jeden Morgen bestand sein Frühstück nur aus Haferflocken mit Obst und anschließend zwei gekochten Eiern. Er aß keine Wurst, keinen Käse. Lediglich noch Joghurt und diverse frisch gepresste Säfte. Er hat nie geraucht und auch so gut wie keinen Alkohol getrunken.“
„Hatte er Freunde, oder fuhr er immer allein?“
„Wir haben uns ab und zu im Frühstücksraum unterhalten. Dort erzählte er mir jeden Morgen von seinen geplanten Touren, die er nicht wie viele in Gruppen durchführte, sondern fast immer allein. Ganz selten buchte er eine mit anderen Bikern. Gestern allerdings wollte er wieder, wie bei jedem seiner Aufenthalte auf unserer Insel nach Ses Covetes in sein Stammlokal. Dort gibt es wohl eine gute klassische mallorquinische Küche.“
„Hervorragend“, dachte sich Lopez. Es musste sich genau um das Lokal handeln, zu dem er demnächst fahren wollte. Seine Berechnungen mussten also stimmen.
„Seine Welt war das Radfahren auf Mallorca. Was ist mit Dreschke passiert?“
„Das wird Ihnen später ein Kollege mitteilen. Bitte kommen Sie heute Nachmittag in das Polizeipräsidium. Dort wird man Ihnen die eben gestellten Fragen noch einmal stellen und Ihre Antworten schriftlich für mich festhalten. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“
Die Bar in Ses Covetes öffnete bereits um neun Uhr. Viele Einheimische tranken, bevor sie zur Arbeit gingen, schnell einen Cortado, also einen Espresso mit wenig Milch. Lopez bestellte zunächst einen Café solo, einen Espresso ohne Milch und eine Ensaïmada, ein typisch mallorquinisches, schneckenförmiges Schmalzgebäck mit Puderzucker. Die Bedienung stellte ihm beides wortlos auf den frisch abgewischten Plastiktisch. Als sie zur Küche laufen wollte, rief Lopez sie zurück.
„Kommissariat Palma, Lopez mein Name. Ich habe ein paar Fragen an Sie und bitte Sie, sich kurz ein wenig Zeit dafür zu nehmen.“
Irritiert und sichtlich aufgeregt setzte sich die Dame an den Tisch.
„Geht es um die illegal vermietete Ferienwohnung dort hinten am Berg?“
„Nein, das ist auch nicht mein Bereich. Es geht um Mord.“
„Aber unsere Speisen oder Getränke sind hoffentlich nicht schuld daran. Ich bin die Eigentümerin der Bar und das wäre für uns fatal.“
Lopez beruhigte sie.
„Nein, es geht um zwei Gäste, die gestern Abend bei Ihnen gewesen sein dürften. Einer davon ist ein Deutscher. Michael Dreschke sein Name, aber das dürfte Ihnen wenig sagen. Von der zweiten Person haben wir keinerlei Anhaltspunkte. Er kann deutscher Staatsangehörigkeit gewesen sein, Engländer, Schwede, Mallorquiner, wir wissen es nicht. Dreschke ist passionierter Radfahrer, so wie viele, die bei Ihnen in der Bar einen Stopp machen. Auffällig könnte für Sie gewesen sein, dass er strohblonde Haare haben muss.“
„Ah, si, si. Er ist jedes Jahr sehr oft auf der Insel, kommt auch jedes Mal zu uns und isst eine große Portion Arros brut mallorquin, den besten heißen Reiseintopf auf Mallorca. Dieser wird in einem Tontopf mit Fleisch, Wurst, Gemüse, Kräutern und Pilzen aus den Zutaten von der Finca meines Onkels zubereitet. Danach isst er immer zwei Stücke unseres Gató de almendra, unserem köstlichen Mandelkuchen, hergestellt nach dem Rezept meiner Großmutter. Normalerweise trinkt er keinen Alkohol dazu, da er noch zweieinhalb Stunden mit dem Fahrrad zurück nach Palma fahren muss. Dieses Mal allerdings hat er bestimmt zwei Gläser Wein und Bier getrunken. So etwas fällt einem dann schon auf. Er hat sich ausgiebig mit einem Mann unterhalten, der ohne Zweifel Mallorquiner war. Auch das war auffällig, da er normalerweise immer nur allein hier ist.“
„Wie sah er aus? Können Sie ihn bitte genau beschreiben?“
„Also ehrlich gesagt achte ich eher auf die Touristen. Die Mallorquiner sind mir bekannt.“
Ihre Mundwinkel schienen ein Lachen anzudeuten.
„Er war so einen Meter siebzig groß, dunkelhaarig, keine Locken, sondern normal geschnittenes Haar.“
„Wie alt war er ungefähr?“
„Ich schätze ihn so um die fünfzig Jahre. Aber was auffällig war, waren beim Bezahlen seine Hände. Für einen mittelalten Mann hatte er sehr abgenutzte Hände. Seine Finger waren auch recht dick. Fast so ähnlich wie die meines Onkels der viel auf dem Land gearbeitet hat. Er nahm noch eine Flasche Wasser mit auf den Weg, da er wohl meinte dadurch seinen Alkoholspiegel senken zu können.“
Lopez hatte zunächst nicht mit so vielen Informationen gerechnet und ließ seine Freude erkennen, indem er der Dame auf die Schulter klopfte. Diese allerdings rückte direkt mit ihrem wackelnden Holzstuhl einen halben Meter weiter nach rechts von ihm.
„Konnten Sie sehen, ob sie zusammen gegangen sind und ob sie beide mit dem Fahrrad da waren?“
„Michael kommt immer damit. Da er aber nicht mehr fahrtüchtig war, und den Weg nach Palma zurück meines Erachtens nach auch nicht mehr gefunden hätte, hat ihn der Bekannte mit seinem Auto mitgenommen. Sie haben das Fahrrad in einen Kleintransporter gelegt und sind weggefahren.“
„Was für ein Kleintransporter und was für eine Farbe hatte er, und welches Kennzeichen?“
Lopez wurde nervös.
„Señor Lopez, es war dunkel und ich hatte auch noch zu arbeiten. Vergessen Sie das bitte nicht. Die Farbe muss dunkel gewesen sein, auf keinen Fall hell. Er war von der Größe her so ähnlich wie der, der dort auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht.“
Lopez drehte sich um und sah einen circa zehn Jahre alten VW Transporter, und zwar den der kleinsten Kategorie.
„Ich gehe davon aus, dass Sie das Kennzeichen auch nicht lesen konnten.“
„Nein. Ich musste wie erwähnt arbeiten.“
Er merkte den langsam unfreundlicher werdenden Tonfall der Dame.
„La cuenta por favor, die Rechnung bitte und vielen Dank für Ihre ausführlichen Informationen.“
Die Bedienung lief Richtung Küche, kehrte aber plötzlich abrupt wieder um.
„Wer ist eigentlich tot?“
„Dreschke. Den werden Sie hier nie mehr sehen. Ich bitte Sie heute Nachmittag bei meinen Kollegen im Präsidium erneut auszusagen, damit wir Ihre wertvollen Angaben im Protokoll schriftlich festhalten können.“
Lopez legte seine Visitenkarte und zwanzig Euro als Dank für alles auf den Tisch und beschloss erneut direkt zum Tatort zu fahren, um die Ergebnisse der erweiterten Untersuchung der Spurensicherung zu verfolgen. Er fuhr den staubigen Weg, der sich zwischen den Feldern entlang zog, und stellte sich parallel vor, wie Dreschke, alkoholisiert neben seinem Mörder sitzend im VW Bus hin- und hergeschaukelt wurde. Was hat sein Mörder ihm wohl auf dem Weg zum Brunnen erzählt? Das Märchen einer Prinzessin, die im Brunnen liegt und aufersteht, wenn er hineinschaut? Auf jeden Fall muss es überzeugend gewesen sein. Lopez wurde bereits dreihundert Meter vor dem Tatort von einem Kollegen abgefangen, um keine weiteren Spuren zu zerstören.
„Hola Rafael, es ist erstaunlich. Der Mörder muss aller Voraussicht nach mit einem Kleintransporter bis circa einhundert Meter vor den Brunnen gefahren sein. Die Spuren des Wagens waren so perfekt überarbeitet, dass wir sie wirklich nur durch Zufall finden konnten, da nach der Tat bereits diverse Wagen, unter anderem Ihrer und unserer darübergefahren sind. Er muss die Spuren bei der Rückfahrt immer in aufeinanderfolgenden Abständen bearbeitet haben. Zunächst hat er mit einem mitgebrachten Rechen den Weg gekehrt, und dann hat er ihn mit diesen ebenfalls mitgebrachten Steinen, Pflanzen und Zweigen unregelmäßig bestreut. Geschickt gemacht, aber nicht so pedantisch, dass wir nicht noch einige Dinge entnehmen konnten. Es handelte sich wie erwähnt um einen Kleintransporter, dessen Reifenabdrücke wir selbstverständlich genommen haben.“
Lopez war klar, dass der Begleiter im Lokal sein Mörder war. Der Hinweis, dass es sich um einen Kleintransporter handelte, stimmte mit der Angabe der Eigentümerin des Lokals überein. Was aber war, wenn der Mörder seine Reifen sofort entsorgt hatte? Lopez wusste, dass der Mörder dafür sorgen würde, dass auch weitere Spuren auf Sitzen oder im Kofferraum vernichtet würden. Es war bereits mittags und er musste zunächst seinen Bericht mit den Neuigkeiten eingeben.
Lopez fuhr eine halbe Stunde nur an Feldern vorbei. Ganz selten sah er in der Ferne eine Finca. Er genoss diese Strecke, da er die Natur liebte. Erst ab S´Arenal hatte ihn die Zivilisation wieder, und die Straßen bis Palma waren stark befahren. Am Polizeipräsidium angekommen, setzte sich Lopez sofort an sein Notebook und tippte die einzelnen Details seines Besuchs in der Bar in Ses Covetes ein. Beim Eingeben der Täterbeschreibung schrie er auf einmal laut „ich Idiot“ in den Raum. Eine Assistentin klopfte an die Türe und öffnete sie.
„Ist alles in Ordnung? Habe ich gerade den Ruf „Ich Idiot“ vernommen, oder war das der Kollege der Spurensicherung, der die Reifenspuren vielleicht direkt beim ersten Mal hätte entdecken sollen?“ Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen, prustete laut in den Flur, in dem gerade Kollege Antonio Díaz vorbeilief.
„Hola Rafael. Was ist denn mit unserer Assistentin los?“
„Die Tatsache, dass ich in meinem Zimmer „Ich Idiot“ gerufen habe, hat sie wohl übermotiviert und gefreut.“
„Warum haben Sie sich so genannt?“
„Machen Sie bitte die Türe zu Antonio. Ich erkläre es Ihnen.“
Díaz setzte sich auf einen mit mallorquinischem Stoff bezogenen Holzstuhl, der direkt unter der Wanduhr stand.
„Ich gebe gerade die neuen Informationen über den Brunnenmörder ein. Beim Eintippen der Merkmale „Abgenutzte Hände und dicke Finger“ schoss mir plötzlich die Tatsache in den Kopf, dass diese, wie Sie wissen, auch der Mörder von Kapitän Sturm hatte. Auch von ihm konnten aufgrund derselben Merkmale keine Fingerabdrücke genommen werden. Dieses würde auch die Tatsache bestärken, dass er keine Handschuhe beim Mord angehabt haben dürfte.“
„Das heißt es ist ein Mörder“ riefen beide zusammen in erkennbarem Ton in den Raum hinein.
Erneut ging die Türe auf und Assistentin Esmeralda stellte sich beide Arme in die Hüften gestützt, fragend in den Raum hinein.
„Ist das hier die Generalprobe für ein neues Theaterstück?“ Sie verließ erneut laut lachend das Zimmer.
Lopez und Díaz guckten sich an und klatschten mit ihren Handflächen ein lautes Give me five.
„So macht das Arbeiten Spaß, Antonio.“
Lopez ging wie so oft, zu seinem Fenster und schaute auf die belebte Straße. Er umfasste wieder den Fenstergriff, da er sich einbildete, dass er in dieser Position schon oft gute Ideen erzeugen konnte. Den Rücken seinem Kollegen zugewandt, sprach er laut gegen das gekippte Fenster.
„Die Mordmethode war unterschiedlich, aber auch wieder ähnlich. Mit einer Eisenstange erschlagen und mit einem Anker am Meeresboden fixiert. Das andere Opfer mit einer Glasflasche erschlagen und zusätzlich mit einem Giftmix ermordet. Hinzu kam, dass dem ersten Opfer die Zunge abgeschnitten und dem zweiten der rechte Fuß abgehackt wurde. Sollte es sich eventuell um einen Serienmörder handeln, oder war es reiner Zufall? Beide Opfer hatten tendenzmäßig etwas mit Umwelt zu tun. Der Kapitän durch die Zerstörung der Seegraswiesen und deren Ökosystem, sowie der Radfahrer, der laut Kommissar Voigt in Freiberg auch kein Umweltfreund zu sein schien. Handelte es sich bei dem Mörder wie bereits beim ersten Mord vermutet, um einen radikalen Umweltschützer? Beide Tatorte waren außergewöhnlich. Woher hatte der Mörder die abgenutzten Finger? Handwerker, Bauern waren nur zwei der Berufsgruppen, die mir spontan einfallen würden.“
Lopez konnte nicht mehr denken.
„Rafael, sie müssen eine Fahndung rausgeben, auch wenn noch nicht sehr viele Merkmale des Mörders vorliegen. Aber allein die abgenutzten Fingerkuppen und die auffällig dicken Finger sind Merkmale, die nicht jeder Mensch hat. Alle bisher erarbeiteten Merkmale sind Standard und treffen auf viele Personen zu.“
Lopez war müde und wusste, dass seine Kreativität nachließ. Seine Frau hatte heute außerdem Geburtstag und er hatte ihnen einen Tisch in einem sehr guten Restaurant mit typisch mallorquinischem Essen hinter Palma Richtung Portals Nous reserviert.
„Antonio, Sie werden mich in den nächsten Tagen weiter begleiten. Sollte es sich um einen Serienmörder handeln, reicht meine alleinige Kraft nicht mehr aus.“
Díaz überlegte kurz.
„Im Delegieren waren Sie immer schon ohne Konkurrenz. Ich helfe Ihnen gerne, auch wenn ich eigentlich abseits dieses Falls genug zu tun hätte.“
Spontan umarmte Lopez seinen Kollegen. Erneut ging die Türe auf und Esmeralda trat sichtlich irritiert herein.
„Happy End des Theaterstücks? Wie kitschig.“ Sie murmelte etwas vor sich hin und knallte die Türe zu.
„Antonio, bitte kümmern Sie sich um das Erstellen der Fahndungsblätter mit unseren Fachabteilungen.“
Díaz lachte.
„Wie bereits erwähnt, Delegieren war schon immer Ihre Stärke.“
Lopez liebte die mallorquinische Küche. Das Geburtstagskind und er fuhren gegen neun Uhr abends Richtung Restaurant. Das Lokal war traumhaft auf einem Felsvorsprung gelegen. Die Tische standen direkt an den Rändern der Klippen, sodass den Gästen bei Wind die Salzluft mild in das Gesicht wehte. Beeindruckend war der Blick bis zum Horizont und das glasklar spiegelnde Wasser. Oft ankerten direkt vor dem Lokal riesige Yachten, von denen auch viele Eigentümer im Restaurant den Champagner fließen ließen. Lopez schaute sich um, ob eventuell einer der vielen Prominenten, die auf Mallorca fest oder zeitweise wohnten, anwesend sein könnte, aber unter den bisher Anwesenden konnte er keinen erkennen. Die beiden Tische vor und hinter ihnen waren allerdings noch unbesetzt.
„Ich nehme, wie immer, wenn ich hier bin, den Hummersalat mit exotischen Früchten und Wildseehecht mit Reis.“
„Das wusste ich. Wenn man sich lange kennt, weiß man schon im Voraus, was der Partner nimmt.“
