Enttäuschte Mutterliebe - Patricia Vandenberg - E-Book

Enttäuschte Mutterliebe E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Leise summend deckte Milena Mathissen wie jeden Morgen liebevoll den Frühstückstisch für ihre Familie. Ein Lächeln spiegelte sich auf ihrem Gesicht, als sie den Geräuschen aus dem oberen Stockwerk des Reihenhauses lauschte. Wasser rauschte im Bad, wahrscheinlich duschte ihr Sohn Moritz. Leises Schimpfen drang aus dem Schlafzimmer, und Milena stellte sich vor, wie ihr Mann Henrik wieder einmal auf der Suche nach einer passenden Krawatte oder einer zweiten Socke war. »Träumst du, Mama?« Das war Daria, Milenas Tochter aus erster Ehe, die ihre Mutter mit einem sanften Kuß zurück in die Wirklichkeit holte. »Du hast mich aber erschreckt. Guten Morgen, mein Schatz. Setz dich. Möchtest du ein Ei?« »Meine Güte, hast du dir wieder viel Mühe gemacht.« Ob des üppig gedeckten Tisches schüttelte Daria unwillig den Kopf. »Ist das wirklich nötig, daß du uns so verwöhnst? So wird Moritz nie erwachsen.« »Das laß mal meine Sorge sein. Hier ist deine Brotzeit. Du kommst doch heute spät nach Hause.« In diesem Moment kam Henrik in die Küche, mit offenem Hemd, die Krawatte um den Hals gehängt. Er war offensichtlich in Eile. »Guten Morgen, Schatz.«

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 140 –Enttäuschte Mutterliebe

Sie konnte nicht verzeihen

Patricia Vandenberg

Leise summend deckte Milena Mathissen wie jeden Morgen liebevoll den Frühstückstisch für ihre Familie. Ein Lächeln spiegelte sich auf ihrem Gesicht, als sie den Geräuschen aus dem oberen Stockwerk des Reihenhauses lauschte. Wasser rauschte im Bad, wahrscheinlich duschte ihr Sohn Moritz. Leises Schimpfen drang aus dem Schlafzimmer, und Milena stellte sich vor, wie ihr Mann Henrik wieder einmal auf der Suche nach einer passenden Krawatte oder einer zweiten Socke war.

»Träumst du, Mama?« Das war Daria, Milenas Tochter aus erster Ehe, die ihre Mutter mit einem sanften Kuß zurück in die Wirklichkeit holte.

»Du hast mich aber erschreckt. Guten Morgen, mein Schatz. Setz dich. Möchtest du ein Ei?«

»Meine Güte, hast du dir wieder viel Mühe gemacht.« Ob des üppig gedeckten Tisches schüttelte Daria unwillig den Kopf. »Ist das wirklich nötig, daß du uns so verwöhnst? So wird Moritz nie erwachsen.«

»Das laß mal meine Sorge sein. Hier ist deine Brotzeit. Du kommst doch heute spät nach Hause.«

In diesem Moment kam Henrik in die Küche, mit offenem Hemd, die Krawatte um den Hals gehängt. Er war offensichtlich in Eile.

»Guten Morgen, Schatz.« Er drückte Milena einen nachlässigen Kuß auf die Wange, während er auf den Frühstückstisch schielte. »Hm, das sieht aber lecker aus.« Hastig knöpfte er den obersten Hemdenknopf zu und band den Schlips. »Leider habe ich heute überhaupt keine Zeit. In einer halben Stunde beginnt ein Meeting mit dem Vorstand. Das habe ich völlig vergessen. Sei nicht böse, ja?« Henrik schenkte sich einen Kaffee ein, stürzte ihn im Stehen hinunter, verbrannte sich die Zunge und verließ laut fluchend die Küche. Milena starrte ihm verdutzt nach, und Daria lächelte spöttisch.

»Guten Morgen, Mama, hi, Ria«, begrüßte Moritz Mutter und Halbschwester salopp, auch er mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. »Was ist denn mit Papa los?«

»Er hat ein Meeting mit dem Vorstand vergessen«, erklärte Lena nachsichtig. »Möchtest du Kaffee?«

»Sehr lieb, aber ich bin heute auch etwas knapp.« Moritz griff nach einem Brot, legte sich eine Scheibe Käse drauf und biß herzhaft hinein, auch er, ohne sich hinzusetzen.

»Wie oft soll ich dir sagen, daß hastiges Essen ungesund ist?«

»Lieb, daß du dich so um mich sorgst. Aber keine Panik, das überleb’ ich schon«, spottete Moritz gutmütig. »Du hast doch nichts dagegen, wenn ich dein Auto nehme?«

Milena hatte keine Gelegenheit zu antworten, denn schon war er aus der Küche hinaus, klapperte mit einem Schlüsselbund, ehe er den Kopf noch mal zur Tür hereinsteckte.

»Danke, Mama, du bist einfach die Beste. Übrigens müßt ihr heute abend nicht auf mich warten, es wird spät.«

Lena wollte ihm noch nachrufen, daß sie das Auto doch selbst brauche, aber das Schlagen der Haustür ließ sie den Mund wieder zuklappen. Kurz darauf heulte der Motor ihres alten Golfs auf.

»Mit dieser Raserei bringt sich Moritz eines Tages noch um«, seufzte sie und ließ sich erschöpft und deprimiert auf einen Stuhl fallen. Daria frühstückte in der Zwischenzeit in aller Seelenruhe.

Milena beobachtete sie eine Zeitlang schweigend dabei. Endlich hatte sie sich soweit erholt, daß sie sich eine Tasse Kaffee einschenken wollte, als das Telefon klingelte.

»Laß nur, Mama, ich geh’ ran.« Wieselflink war Daria aufgesprungen und mit wenigen Schritten am Telefon. »Ach, du bist es, Omi. Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?« Die Antwort schien wenig erfreulich, Ria verdrehte die Augen, während sie in die Küche zurückkehrte und Milena den Hörer reichte. »Vorsicht, bissiger Drache«, flüsterte sie.

Gottergeben griff Lena nach dem Hörer.

»Margarethe, wie geht es dir?«

»Fällt euch beiden eigentlich nichts anderes ein?« fauchte Marga aufgeregt in den Hörer. »Henrik ist wohl nicht zu Hause?«

»Nein, tut mir leid. Dein Sohn hatte heute noch nicht mal Zeit fürs Frühstück. Irgendeine wichtige Sitzung.«

»Der gute Junge«, unterbrach Margarethe ihre Schwiegertochter unbarmherzig. »Du kannst ihm wirklich dankbar sein für das ruhige Leben, das er dir ermöglicht. Kannst du mich bitte in einer Stunde abholen? Ich habe heute einen Termin bei Dr. Norden.«

»Das würde ich gern tun, Marga. Leider hat Moritz heute das Auto genommen…«

»Soll das heißen, du willst mich nicht hinbringen?«

»Von Wollen kann keine Rede sein. Natürlich würde ich das gerne für dich tun. Aber wie soll ich das ohne Auto anstellen?«

»Wann seht ihr endlich ein, daß Moritz einen eigenen Wagen braucht? Immerhin ist der Junge alt genug.«

»Der Junge verdient in der Bank genug eigenes Geld, um sich selbst einen Wagen kaufen zu können. Und Daria ist drei Jahre älter als Moritz und hat auch noch kein eigenes Auto«, widersprach Milena impulsiv.

»Daria, Daria, du denkst wohl immer nur an deinen heimlichen Liebling. Aber sie ist nicht meine Enkeltochter, um sie mußt du dich schon selbst kümmern. Mir geht es um Moritz, und ich verlange, daß du mit Henrik darüber sprichst.«

»Schon gut, reg dich nicht auf, Marga. Das ist nicht gut für dein Herz. Und mit dem Arztbesuch lasse ich mir was einfallen. Ich bin in einer halben Stunde bei dir.«

»Na schön«, murrte Margarethe unwillig. Nur zu gern hätte sie ihre schlechte Laune weiterhin an der Schwiegertochter ausgelassen, aber da sie heute ihre Hilfe in Anspruch nehmen mußte, zügelte sie ihr Temperament. »Aber bitte sei pünktlich.«

Seufzend drückte Milena auf einen Knopf, um das Gespräch zu beenden.

Nach einem Blick auf die Uhr machte sie sich daran, den beinahe unberührten Frühstückstisch abzuräumen.

»Aber Mama, du hast doch noch nicht mal gefrühstückt«, widersprach Daria und hielt den Arm ihrer Mutter fest.

»Danke, mir ist der Appetit gründlich vergangen.« Ein Blick auf die schwitzende Wurst und den angetrockneten Käse genügte, um sie zu verstehen. »Warum nur kommt immer alles anders, als man es sich vorstellt?«

»Weil du zu idealistisch bist, Mama. Warum willst du nicht einsehen, daß es keinen Sinn hat, sich so zu bemühen, wenn es ohnehin niemand schätzt.«

»Bist du niemand?«

»Für mich mußt du keinen solchen Aufwand betreiben.«

»Ich weiß. Aber deinem Vater bin ich das doch schuldig. Immerhin hat er viel für uns beide getan, als es uns damals so schlecht ging.«

»Diese Schulden sind längst be­glichen. Wann siehst du das endlich ein?« Mit sanfter Gewalt drückte Daria ihre Mutter auf den Stuhl, schenkte ihr frischen Kaffee ein, machte ihr ein Brot zurecht und schob ihr den Teller hin. »So, das ißt du jetzt, während ich die Küche aufräume«, bestimmte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

»Mußt du nicht ins Institut?«

»Meine Vorlesungen beginnen erst in zwei Stunden. Bis dahin bin ich hier locker fertig.«

»Meine süße Ria, manchmal wüßte ich nicht, was ich ohne dich täte.«

»Dich zum vollkommenen Trottel machen lassen, obwohl das weder Papa noch Moritz von dir verlangen. Darüber solltest du mal nachdenken.«

Milena nickte. Natürlich hatte ihre Tochter recht. Aber was sollte sie machen, wenn ihr die eigene Schwiegermutter ständig ein schlechtes Gewissen einredete? Dagegen war ihre sensible Seele nicht gewappnet.

*

Ungeduldig stand Margarethe Mathissen am Fenster ihres Bungalows und starrte hinaus in den tristen, verregneten Frühlingsmorgen, als sie endlich ihre Schwiegertochter auf dem Fahrrad um die Ecke biegen sah. So schnell es ihre alten Beine erlaubten, hastete sie zur Tür.

»Da bist du ja endlich«, herrschte sie ungehalten. »Und wie du wieder aussiehst! Was soll denn da der Herr Dr. Norden denken?«

»Es tut mir leid, aber mein Fahrrad ist noch nicht wasserdicht«, entgegnete Milena gereizt, atemlos von der schnellen Fahrt durch den Regen. Sie schüttelte die nassen dunklen Haare, die sich feucht auf ihrer Stirn ringelten.

»Komm schon rein und fön dir die Haare. So kann ich dich unmöglich mitnehmen.«

»Was hältst du davon, wenn ich dir ein Taxi rufe und du allein zum Arzt fährst?« machte Lena einen vorsichtigen Vorschlag, doch das entrüstete Gesicht ihrer Schwiegermutter war Antwort genug.

»Soll das heißen, du willst mich alleine bei diesem Wetter hinausschicken? Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Entschuldige, es war nur ein Gedanke. Schließlich habe ich hier noch Arbeit«, sie sah sich im Wohnzimmer um, »und zu Hause gibt es auch noch genügend zu erledigen.«

»Ihr Frauen von heute seid ganz schön verwöhnt. Zu meiner Zeit gab es weder Waschmaschinen noch Geschirrspüler. Das war Arbeit. Der Haushalt heutzutage ist dagegen ja ein Kinderspiel. A propos Haushalt, könntest du mir später, wenn wir vom Arzt zurück sind, mein Bett frisch beziehen? Das ist mal wieder bitter nötig.«

Milena schluckte eine ärgerliche Antwort hinunter und nickte ergeben.

»Natürlich, Marga, das mache ich doch gerne. Und jetzt rufst du uns ein Taxi, und ich gehe schnell ins Bad, damit wir nicht zu spät kommen.«

Besänftigt schaute Margarethe ihrer Schwiegertochter nach und ging dann zum Telefon. Auch wenn sie es Henrik nie verziehen hatte, eine Ausländerin, noch dazu mit einem Kind, geheiratet zu haben, war sie im Grunde genommen recht zufrieden. Milena erfüllte ihr jeden Wunsch, sie konnte sie ganz nach Geschmack herumkommandieren. Schließlich war es nicht zuletzt ihr Verdienst, daß Milena hier ein sorgloses Dasein führen konnte. Dafür konnte man schon ein bißchen Unterstützung verlangen.

*

Entgegen seiner ersten Absicht führte ihn der Weg nicht direkt an seinen Arbeitsplatz, der Kreditabteilung einer Bank. Vielmehr erreichte Moritz Mathissen unterwegs ein höchst interessanter Anruf auf dem Handy.

»Leander, altes Haus, wie geht’s denn so?« begrüßte Moritz seinen Freund salopp, während er mit der anderen Hand den Wagen seiner Mutter durch den dichten Berufsverkehr lenkte.

»Danke der Nachfrage, bestens. Und selbst?«

»Hervorragend. Ich habe meiner Mutter heute das Auto abgeschwatzt. Was hältst du davon, wenn wir heute abend die Stadt ein bißchen unsicher machen?«

»Gute Idee. Aber sag, hast du immer noch keinen eigenen Wagen?«

»Nein, warum auch? Meine Alten wollen mir keinen Wagen finanzieren, und ich selber verdiene nicht so üppig. Allein Steuer und Versicherung verschlingen eine ganz schöne Summe. Die Kohle gebe ich dann doch lieber für Klamotten und Discobesuche aus.«

»Und wenn du dir mit einem kleinen Gefallen ein hübsches Sümm­chen dazuverdienen könntest?« fragte Leander lauernd.

»Das wäre natürlich was anderes. Wieso?«

»Kann ich nicht am Telefon erklären. Komm doch einfach vorbei. Am besten gleich.«

»Hm, eigentlich muß ich in die Bank.«

»Kannst du da nicht was drehen?«

»Also gut. Du hast mich überredet.« Moritz lachte übermütig. Zu solchen Schandtaten war er immer bereit. »Ich bin in zehn Minuten bei dir.«

Ein Telefonat mit seinem Chef genügte, in dem er ankündigte, mit einem Kunden ein privates Kreditgespräch zu Hause zu führen, und Moritz konnte guten Gewissens vor dem Wohnblock vorfahren, wo sein Freund seine kleine Internetfirma führte.

»Heraus mit der Sprache, was führst du im Schilde?« erkundigte er sich, als er das chaotisch anmutende Apartment betreten hatte.

»Nun mal langsam«, Leander lächelte geheimnisvoll, während er seinen Freund durch die Wohnung in das Zimmer führte, das er zum Büro umfunktioniert hatte. »Setz dich. Möchtest du was trinken?«

»Nein danke, ich hab’ nicht den ganzen Vormittag Zeit. Mach es nicht so spannend.«

»Also gut, hör zu!« Leander ließ sich in einen schwarzledernen Drehstuhl fallen. Seinem Freund bot er einen Sessel an. »Ich hab’ dir doch von meiner Firma erzählt.«

»Wenn ich nicht irre, gestaltest

du Internet-Auftritte von Kunden, Home­pages und so was.«

»Gut aufgepaßt.« Leander lächelte zufrieden. »Stell dir vor, das Geschäft boomt, und ich möchte gerne expandieren. Büroräume anmieten, Mitarbeiter einstellen. Wie du siehst, platzt hier alles aus den Nähten. Angesichts dieser schönen Prognosen hat mir mein Berater ans Herz gelegt, an die Börse zu gehen.«

»Du willst also eine AG gründen?« Nachdenklich wiegte Moritz den Kopf. »Keine schlechte Idee.«

»Das Problem ist nur, daß ich eine Bank brauche, dir mir einen anständigen Kredit gibt.«

»Da läuft der Hase also lang.«

»Versteh mich nicht falsch, Moritz«, lenkte Leander schnell ein. »Ich habe so positive Zahlen, da bekomme ich jederzeit und überall einen Kredit. Aber ich habe mir gedacht, mein alter Freund Mathissen soll auch davon profitieren. Immerhin sitzt du ja an der Quelle in deiner Kreditabteilung. Ich könnte dafür sorgen, daß nicht nur für mich ein gutes Geschäft herausspringt. Denk doch nur an den Wagen, den du dir leisten könntest. Das wäre was anderes als der alte, klapprige Golf deiner Mutter.« Er warf einen verächtlichen Blick aus dem Fenster, hinunter auf die Straße.

»Ein genialer Plan, ich muß schon sagen.« Moritz grinste belustigt. Für solche Geschäfte hegte er ein Faible. Ein bißchen tricksen, ohne daß jemand etwas merkte, das war genau sein Fall. »Gib mir mal deine Unterlagen mit. Ich werde sehen, was ich machen kann.«

»Sehr schön.« Leander reichte ihm einen Umschlag, den er vorsichtshalber schon vorbereitet hatte. Immerhin war Moritz ein Schulfreund, gemeinsam hatten sie schon viel Unsinn ausgeheckt. »Ich bin sicher, wir kommen ins Geschäft.«

»Ich melde mich bei dir.« Moritz steckte das große Kuvert in seinen Aktenkoffer und stand auf. »Aber jetzt muß ich los. Sonst schöpft der Alte doch noch Verdacht.«

»Kann er ruhig. Immerhin haben wir ja tatsächlich ein Kundengespräch geführt. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, daß diesmal wir die Gewinner sind und nicht dein Arbeitgeber, die Bank.« Leander lachte hämisch, während er seinen Freund zur Tür begleitete und ihm nachsah, bis er im Treppenhaus verschwunden war. In ein paar Wochen würde er ein reicher Mann sein. Was für ein ungemein beruhigender Gedanke.

*

Ein begüterter Mann war Daniel Norden durch seinen Beruf nie geworden, trotzdem fühlte er sich reicher als manch anderer. Er besaß eine wunderbare Frau, mit der ihn auch nach jahrelanger Ehe eine einzigartige Liebe verband, fünf wohlgeratene Kinder und eine gutgehende Praxis, in der er all die guten Taten vollbringen konnte, die ihm so sehr am Herzen lagen. Ausgestattet mit einer schier unerschöpflichen Geduld gelangte aber selbst Dr. Norden angesichts mancher Patienten an den Rand seiner Belastbarkeit. Dabei handelte es sich nicht um die Menschen, die alleine lebten und sich bei ihm die Aufmerksamkeit holten, die ihnen von anderen verwehrt wurden. Vielmehr brachten ihn die notorischen Nörgler manches Mal beinahe zur Verzweiflung. Eine solche Patientin war Margarethe Mathissen, deren kleine Wehwehchen er schon seit Jahren behandelte und die ihn mit schönster Regelmäßigkeit aufsuchte. Wie immer wurde sie von ihrer Schwiegertochter Milena begleitet, einer, wie Daniel fand, sehr attraktiven, warmherzigen Frau, die alle Launen der griesgrämigen alten Dame ohne Widerrede hinnahm.

»Was kann ich für Sie tun, Frau Mathissen?« erkundigte sich Daniel auch an diesem Tag, nachdem er die beiden Damen gebührend begrüßt und Milena verkündet hatte, sie würde im Wartezimmer auf ihre Schwiegermutter warten.

»Ach, Herr Doktor, Sie sind der einzige, der meine Beschwerden wirklich ernst nimmt«, begann Marga sofort mit ihrer Litanei. »Bei meinem Sohn sehe ich das ja ein, er hat soviel Arbeit, um seine Familie zu ernähren. Auch mein lieber Enkel Moritz ist sehr fleißig in der Bank. Aber stellen Sie sich vor, meine Schwiegertochter wollte mich ganz alleine mit dem Taxi zu Ihnen schicken. Dabei hat sie doch den lieben langen Tag nichts zu tun, als sich um den Haushalt zu kümmern.«

»Sie hat Sie aber doch begleitet«, wagte Daniel einen vorsichtigen Einspruch.

»Aber nicht freiwillig, das müssen Sie mir glauben. Sie hätte lieber ihre Beine zu Hause hochgelegt und auf ihren Mann gewartet.«

»So schätze ich Ihre Schwiegertochter aber wirklich nicht ein, Frau Mathissen. Ich habe sie als sehr bemühte, fleißige Frau kennengelernt, die sich rührend um Sie kümmert. Aber vielleicht sollten wir lieber von Ihren Beschwerden sprechen. Was führt Sie zu mir?« machte er der sinnlosen Diskussion ein Ende und dankte Gott, der ihn

mit wohlgesonnenen, freundlichen Schwie­gereltern gesegnet hatte.

»Ach, der Kreislauf spielt mal wieder verrückt, Herr Doktor. Einmal zeigt mein Blutdruckmeßgerät einen viel zu niedrigen Blutdruck an, ein andermal ist er viel zu hoch. Dieses ständige Hin und Her macht mich völlig fertig. Ganze Tage werde ich dieses lästige Schwindelgefühl nicht mehr los.«