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Selahattin Barzani ist als syrischer Flüchtling in der kleinen Stadt Landsberg am Lech gestrandet. Beim morgendlichen Joggen führt ihn sein Weg an einen Ort, den die Menschen Teufelsküche nennen. Dort holen ihn kurz vor Weihnachten die Schatten seiner Vergangenheit ein. Bei seiner panischen Flucht rennt er beinahe den pensionierten Kriminalhauptkommissar Martin Viertaler um. Der findet am Tatort eine kopflose Leiche und ein Handy, mit dem zuletzt seine gute Bekannte Gertrud Maier, Selahattins ehrenamtliche Betreuerin, angerufen wurde. Da die ehemaligen Kollegen Viertalers schnell den Flüchtling verdächtigen, versucht er zusammen mit Gertrud, dessen Unschuld zu beweisen. Dabei verstrickt sich das ungleiche Ermittlerduo immer tiefer in diesen mysteriösen Fall. Der Mord in der Thomasnacht, der ersten der mystischen Raunächte, entfesselt ein Spiel der Schatten, in das nicht nur der Flüchtling Selahattin, sondern auch alteingesessene Bürger hineingezogen werden. Letzten Endes gerät Gertrud Maier, für die Viertaler zunehmend mehr empfindet, selbst in tödliche Gefahr.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Das Buch
Selahattin Barzani ist als syrischer Flüchtling in der kleinen Stadt Landsberg am Lech gestrandet. Beim morgendlichen Joggen führt ihn sein Weg an einen Ort, den die Menschen Teufelsküche nennen. Dort holen ihn kurz vor Weihnachten die Schatten seiner Vergangenheit ein. Bei seiner panischen Flucht rennt er beinahe den pensionierten Kriminalhauptkommissar Martin Viertaler um. Der findet am Tatort eine kopflose Leiche und ein Handy, mit dem zuletzt seine gute Bekannte Gertrud Maier, Selahattins ehrenamtliche Betreuerin, angerufen wurde.
Da die ehemaligen Kollegen Viertalers schnell den Flüchtling verdächtigen, versucht er zusammen mit Gertrud, dessen Unschuld zu beweisen. Dabei verstrickt sich das ungleiche Ermittlerduo immer tiefer in diesen mysteriösen Fall. Der Mord in der Thomasnacht, der ersten der mystischen Raunächte, entfesselt ein Spiel der Schatten, in das nicht nur der Flüchtling Selahattin, sondern auch alteingesessene Bürger hineingezogen werden. Letzten Endes gerät Gertrud Maier, für die Viertaler zunehmend mehr empfindet, selbst in tödliche Gefahr.
Die Autoren
Uschi Pfaffeneder, Jahrgang 1962, arbeitete als Sozialversicherungsfachangestellte, bevor sie sich neben der Familie dem Studium der katholischen Theologie widmete. Ergänzend liegt ihr das Menschenbild der Logotherapie nach Viktor Frankl sehr am Herzen. In einer Kurzgeschichte in der Anthologie »Die Spur führt an den Lech« hat sie 2013 den Kommissar Viertaler aus der Taufe gehoben. Aktuell ist sie in der Kinderbetreuung tätig, wo sie auch eine Lesewerkstatt an einer Grundschule betreut.
Klaus Pfaffeneder, Jahrgang 1962, ist Maschinenbauingenieur und arbeitet seit vielen Jahren als leitender Angestellter. Mit fünfzehn beginnt er, erste Sportberichte für das Landsberger Tagblatt zu schreiben. Er hat neben einigen Kurzgeschichten den historischen Roman »Der Baumeister von Landsberg« veröffentlicht.
Die beiden leiten die Schreibwerkstatt der VHS Landsberg, sind miteinander verheiratet und haben drei erwachsene Söhne.
USCHI UND KLAUS PFAFFENEDER
Entwurzelte Schatten
Viertalers zweiter Fall
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www.liccaratur-verlag.de
Erschienen im Liccaratur-Verlag
Illustration und Umschlaggestaltung: Braun - Gestaltung & Produktion, Fürstenfeldbruck
Titelfoto: Robert Klinger Fotografie, Landsberg
Lektorat: Monika Wunderlich, Fuchstal
Copyright: © Liccaratur-Verlag
Friedensstraße 5 – 86899 Landsberg am Lech
ISBN 978-3-944810-15-7
Für Florian, Korbinian und Jakob
Die Wahrheit hat manchmal ein hässliches Gesicht
Handlung und Figuren dieses Romans entspringen alleine der Fantasie der Autoren. Eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Nicht erfunden dagegen sind bekannte Persönlichkeiten, Institutionen, Straßen und Schauplätze in Landsberg am Lech, Fürstenfeldbruck und München.
Inhaltsverzeichnis
Skizze Altstadt Landsberg am Lech
Skizze Selahattins Joggingstrecke
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 10
Kapitel 20
Kapitel 30
Kapitel 40
Danksagung
Anmerkungen der Autoren
Weitere Titel des Liccaratur-Verlages
Altstadt Landsberg am Lech
Selahattins Joggingstrecke
1 – Flüchtlingsunterkunft
2 – Hauptplatz
3 – Klösterl
4 – Wildschweine
5 – Kriegerdenkmal
6 – Schlosskirche in Pöring
7 – grauer Opel Astra
8 – Brücke Teufelsküche
9 – Lokal zur Teufelsküche
Prolog
22. Juli, 5:30 Uhr am Morgen
Der Tag begann für die junge Frau wie jeden Tag bei Sonnenaufgang. Mit einem Gähnen streckte sie sich noch einmal, bevor sie ihr Bett verließ. Dann huschte ein Lächeln über ihr ernstes Gesicht. Am Wochenende würde sie heiraten; trotz des Krieges und der Kämpfe in der nahen Stadt.
Sie ging nach unten in die Küche, um sich für die Stallarbeit mit einer Tasse Tee zu stärken. Ein Schrei aus dem Gehöft des Nachbarn ließ sie erschrocken innehalten. Mit zitternden Händen stellte sie die Teetasse auf den Küchentisch. Die Schreckensbilder des Krieges, keine 20 Kilometer entfernt von ihr, tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Sollte sie nachsehen?
Sie fürchtete sich vor dem, was sie vielleicht vorfinden würde. Dann peitschte ein Schuss durch die morgendliche Sommerluft. Sie zuckte zusammen. Direkt in der Nähe rief jemand: »Allahu akbar!«. Sie sprang auf und wollte sich verstecken, doch es war zu spät. Unsägliches Leid und der Tod hatten auch ihr Zuhause erreicht.
Kapitel 1
Dienstag, 22. Dezember 2015
Wenn man etwas haben will, das man noch nie gehabt hat, so muss man etwas tun, was man noch nie getan hat. An diese Worte seiner Großmutter dachte Selahattin Barzani, als er schlaftrunken zur Toilette schlurfte. Sie war es gewesen, die ihn überredet hatte, aus Syrien wegzugehen. Sie wollte nach Sohn und Schwiegertochter nicht auch noch den Enkel an den Krieg verlieren. Auf seiner strapaziösen Flucht über die Balkanroute trieb ihn dieses arabische Sprichwort immer wieder an. Es war auch jetzt noch sein Mantra, das seine Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit nährte.
Die grünweißen Leuchtschilder, die die Fluchtwege in der Gemeinschaftsunterkunft kennzeichneten, tauchten den Flur in ein gespenstisches Licht. Da wo er herkam, mieden die Menschen dunkle Flure, besonders in öffentlichen Gebäuden. Sie mieden auch Turnhallen, weil dort die Schergen des Assad-Regimes und die IS-Kämpfer mit Vorliebe ihre Folterzentren einrichteten. Doch hier, in dieser alten Sporthalle, brauchte sich niemand zu fürchten. Auch wenn die Schatten der Vergangenheit ihn selbst hier in seinen Träumen heimsuchten.
Nach einer kurzen Morgentoilette schlüpfte er in die Laufschuhe, die ihm seine Betreuerin besorgt hatte. Sorgfältig band er sie mit einer Doppelschleife zu. Dabei huschte ein Lächeln über sein junges Gesicht. Selahattin liebte es, früh aufzustehen, vor den anderen wach zu sein, um seinen Gedanken nachhängen zu können. Beinahe lautlos schlüpfte er durch die Eingangstür ins Freie. Sich geräuschlos zu bewegen, hatte er in seinem früheren Leben gelernt, denn das war im Krieg wichtig, um zu überleben. Hier dagegen war es nur ein Zeichen von Respekt den anderen im Schlafsaal gegenüber. Immerhin waren in dieser ehemaligen Turnhalle unterschiedliche Gruppen untergebracht, mit denen das Zusammenleben nicht immer einfach war. Er hoffte, dieser Enge bald entfliehen zu können, denn er war nur übergangsweise hier, wie ihm seine Betreuerin Gertrud erzählt hatte.
Er holte tief Luft. Über Nacht hatte der Winter die Dächer der alten Stadt mit Schnee bedeckt, sodass sie in der Dämmerung wie mit Glitzerstaub überzogen schimmerten. Er mochte diesen Ort, obwohl ihn das Schicksal erst vor fünf Wochen hierher verschlagen hatte. Sela, wie ihn seine Betreuerin Gertrud nannte, begann wie jeden Tag seinen morgendlichen Lauf durch die Gassen der Altstadt. Auf dem zentralen Hauptplatz erwachte um diese Uhrzeit trotz des erneut einsetzenden Schneetreibens langsam das Leben. Ohne Argwohn überquerte er den noch im Zwielicht liegenden Platz. In seiner Heimatstadt Kobane wäre das Selbstmord gewesen. Doch hier war es absolut sicher.
Es gab keine Scharfschützen, die hinter den Fenstern der alten Bürgerhäuser auf ihn anlegten.
Es gab keine Straßensperren an den Zugängen zum Platz. Nur die kleine Fußgängerzone im Norden des dreieckigen Platzes gebot dem Autoverkehr Einhalt.
Es gab keine Milizionäre, die Passierscheine gegen teures Geld verkauften. Nur städtische Parkwächter, die sorglos geparkte Fahrzeuge mit Strafzetteln belegten.
Es gab keine islamistischen Kämpfer, die einen jungen Mann zwangsrekrutieren konnten. Hier war es friedlich.
Leichtfüßig durchquerte Sela das kleine Klösterl-Viertel und verließ Augenblicke später die Stadt in Richtung Süden. Sein Ziel war der Wildpark.
»A wild park?«, hatte er Gertrud gefragt, als sie ihn zum ersten Mal während eines Spaziergangs hierher gebracht hatte. »With wild creatures or is it a savage garden?«, wollte er in seinem akzentgefärbten Englisch wissen.
Seine Betreuerin achtete aber stets darauf, dass er Deutsch zumindest versuchte. Sie übersetzte: »Mit wilden Tieren oder ist es nur ein wilder Garten?«, und gab auch gleich die Antwort: »Nein! It is with wild animals; wilde Tiere. Wildschweine, Rehe, Hirsche.« Nachdem Selahattin verwirrt angesehen hatte, ahmte Gertrud mit ihren beiden Händen das Geweih eines Hirsches nach zu beiden Seiten ihres Kopfes. »Hirsche are stags, you know. Für uns hier in Bayern sind diese Tiere – animals – wild. For us Bavarians they are wild.« Seit diesem Moment hielt er Gertrud für ein wenig seltsam; galten doch in seiner Heimat eher Löwen als wilde Tiere.
Der Park lag eingekeilt zwischen dem Gebirgsfluss Lech und einem Steilhang auf der Ostseite. Sela ließ seinen Blick über den nebelverhangenen Fluss zu seiner Rechten schweifen. Beim Aussprechen des Flussnamens hatte er sich anfangs fast die Zunge gebrochen. Mittlerweile war aus dem »Leck« ein »Lech« geworden; sehr zur Freude von Gertrud.
Langsam breitete sich das Morgenlicht aus und die Farben kehrten zurück, verdrängten die Schatten der Nacht. Jetzt war der Fluss wieder grün und nicht schwarz. Guten Mutes lief er an den Wildschweingehegen vorbei, doch die Schwarzkittel nahmen keinerlei Notiz von ihm, genauso wie der alte Mann mit seinem Hund, den er überholte. Kurze Zeit später passierte er die futuristische Gaststätte, in der er mit Gertrud vor nicht allzu langer Zeit Tee getrunken hatte. Sie war seine ehrenamtliche Betreuerin, obwohl er das Gefühl hatte, dass sie mehr für ihn tat, als es ihre Aufgabe gewesen wäre. Sie kümmerte sich nicht nur um Behördengänge und Deutschkurse, sondern versuchte auch, ihm die Kultur ihrer Heimat näherzubringen.
Er erreichte das verschlafene Pitzling und trabte locker über die Seestraße, bis er beim Kriegerdenkmal nach links abbog in die Pöringer Straße hinauf zur Schlosskirche. Nach einem leichten Anstieg erreichte er das alte Gemäuer, das ihn immer an eine mittelalterliche Kreuzfahrerburg erinnerte. Vor dem burgähnlichen Gebäude bog er nach rechts ab in einen Waldweg, wo er an einem geparkten, grauen Opel Astra vorbeikam. Auf dem Armaturenbrett bemerkte er eine Elvis-Figur, die anscheinend aufgeklebt war. Der anbrechende Tag erleichterte mittlerweile die Orientierung. Kurz nach dem Fahrzeug musste er nach links auf eine Autostraße abbiegen und gleich darauf wieder in einen Feldweg. Nun war er nicht mehr weit entfernt von der Teufelsküche.
»Devil´s kitchen«, hatte Gertrud ihm erklärt. »Teufelsküche, weil der Teufel, the devil, dort haust.«
»Woher weiß man das?«, war seine verblüffte Frage gewesen.
»Das sind sehr alte Sagen und Legenden«, erklärte ihm seine Betreuerin daraufhin. »Es heißt, dass der Teufel einem Mann den Kopf abgeschlagen hat, weil der Ehebruch begangen hat.«
Sela hatte sie bleich angestarrt. Auch in seinem Glauben gab es den Iblis, den Schaitan oder Satan, der die Menschen vom rechten Weg abbringen wollte. Sela kannte den Teufel aus seinem eigenen Leben nur zu gut und wusste, wie es sich anfühlte, von ihm versucht zu werden. Ihm die Stirn zu bieten, war eine übermächtige Aufgabe, an der man leicht scheitern konnte. Denn der Schaitan zeigte sich nicht mit Hörnern, so wie er oft abgebildet wurde. Meist kam er in einer höchst gefälligen menschlichen Gestalt daher, der eine böse Seele innewohnte.
Die Sage der Teufelsküche erinnerte ihn regelmäßig beim Joggen an diesen epischen Kampf mit der Versuchung, und dabei schlug sein Herz immer schneller. Heute schien es ihm, als hätte sich das Licht des anbrechenden Tages noch nicht in die Teufelsschlucht gewagt. So, als wüsste es, welche Schatten dort ihr Unwesen trieben. Mit jedem Schritt, der ihn näher an die Brücke über die Teufelsküche brachte, wurde er unruhiger. Mit jeder Faser seines Körpers hatte er das Gefühl, dem Bösen entgegenzulaufen. Doch er konnte nicht zurück; er ahnte, dass der Schaitan ihn von Neuem herausfordern würde.
Kapitel 2
Dienstag, 22. Dezember 2015
Martin Viertaler saß gedankenverloren vor seiner Tasse Kaffee. Es war noch früh am Morgen und vor dem Fenster tanzten die Schneeflocken. Nicht ungewöhnlich für diese Jahreszeit, aber doch überraschend, nachdem die letzten Tage fast frühlingshaft gewesen waren. Er liebte diesen Blick aus dem Wohnzimmerfenster des kleinen Häuschens am Seelberg in Landsberg, das sich unterhalb der neuen Bergstraße fast an die Mauer schmiegte. Die Giebel der historischen Altstadt hielten sich in der Dämmerung des anbrechenden Tages noch verborgen, auch das Rauschen des nahen Lechwehrs konnte man heute nicht hören.
»Wie kann man denn hier wohnen?«, wurde er öfter von Bekannten gefragt, die sein Zuhause nur von außen kannten. »Den Verkehrslärm oben auf der Bergstraße bekommt man sicherlich hautnah mit.« Doch kaum hatten sie den Fuß über die Schwelle des Hauses gesetzt, waren sie dem Charme der liebevoll renovierten Zimmer erlegen. Und selbst der nicht überdachte Stellplatz in einiger Entfernung am Eingang zum Wildpark schmälerte ihre Begeisterung nicht.
Seine Frau Franziska hatte es wirklich verstanden, alt und neu harmonisch zu verbinden. Mit viel Herzblut hatte sie aus ihrem Elternhaus im Laufe von zwanzig Jahren ein Zuhause für die eigene Familie geschaffen. »In dem Haus hängt der Geruch von zweihundertfünfzig Jahren«, hatte sie immer gesagt.
Er hatte es nie gerochen. Vermutlich war sein Geruchssinn schon so abgestumpft, dass er die feinen Nuancen gar nicht mehr wahrnahm. Er blickte sich um. Auch jetzt noch war die unverwechselbare Handschrift von Franziska zu erkennen, obwohl sie ...
Eine feuchte Hundeschnauze stupste ihn und unterbrach seine Erinnerungen, die ihm an diesem Morgen besonders zu schaffen machten. Vielleicht lag es am bevorstehenden Weihnachtsfest. Das erste Weihnachten als Pensionär und ohne seine Tochter Anna – das zweite Weihnachten ohne Franziska.
»Ja Hexle, ich komm schon.« Der schwarzweiße Bor-der Collie blickte ihn erwartungsvoll an. Sie hatten ihn vor drei Jahren aus dem Tierheim geholt. Seine alte Besitzerin war gestorben. Eigentlich hatte er nie einen Hund gewollt. Aber Franziska hatte damals so lange gedrängt, bis er schließlich um des lieben Friedens willen nachgegeben hatte. Vielleicht hatte sie damals schon geahnt, dass er bald jemanden brauchen würde, der ihn täglich daran erinnerte, dass das Leben weitergeht. Martin Viertaler erhob sich von seinem Sessel. Das war das Zeichen für Hexle, denn wie der Wind sauste sie zur Haustür. Ihr Herrchen zog sich seine Wildpark-Schuhe an und griff sich den braunen Kapuzenparka, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Das war ihm egal. Er hatte noch nie sehr viel Wert auf sein Äußeres gelegt. Auch da hatte Franziska immer unterstützend eingreifen müssen.
Dichtes Schneetreiben empfing ihn. Er zog den Kopf ein. Hexle dagegen war in ihrem Element. Sie hüpfte aufgeregt hin und her, um die tanzenden Schneeflocken zu fangen.
»Hexle! Jetzt halt doch mal still.« Nur mit Mühe konnte er ihr die Leine anlegen. Um diese Zeit war zwar kaum jemand unterwegs, aber Viertaler wollte nicht riskieren, dass sie ihren Jagdtrieb an den frei laufenden Rehen und Hirschen auslebte. Ganz zu schweigen davon, dass der morgendliche Spaziergang dann zu einem Spazierlauf ausarten würde.
Viertaler ging durch die schmale Gasse zwischen den Häusern des ehemaligen Beginenviertels Richtung Wildpark. Der fallende Schnee verschluckte die Geräusche des anbrechenden Tages und legte sich wie ein Leichentuch über die Gasse. Er fragte sich, wie viele Menschen wohl hinter diesen Mauern gestorben waren, als der mittelalterliche Laienorden Alte und Kranke gepflegt hatte. Er hoffte, dass ihn einmal ein schnellerer Tod ereilte, als es diesen armen Seelen und letztlich auch seiner Frau vergönnt war.
Viertaler schüttelte den Kopf, als wollte er die düsteren Gedanken zu Leid und Tod verdrängen. Jetzt war sein Ziel wie jeden Morgen die Teufelsküche, sein Ritual, mit dem er den Tag begann. Er brauchte für die einfache Strecke knapp 45 Minuten, aber er hatte Zeit. Niemand wartete auf ihn.
Seine ausladenden Schritte und die kalte Winterluft brachten das Gedankenkarussell in seinem Kopf zur Ruhe. Heute waren sie niemandem begegnet. Das schlechte Wetter hatte wohl auch die morgendlichen Radfahrer von Pitzling nach Landsberg ausgebremst. Er wurde wie fast immer von seinem rennenden Flüchtling überholt. Die Asylanten gehörten mittlerweile auch in Landsberg zum Stadtbild.
»Der rennt immer noch vor etwas weg; er hat wohl noch nicht begriffen, dass er angekommen ist.« So hatte er es seinem Hund erklärt, als sie den jungen Mann – ein Araber, vermutete Viertaler – zum ersten Mal gesehen hatten.
Hexle, mittlerweile nicht mehr angeleint, unterbrach seine Gedanken. Eine nasse Schnauze auf seinem Handrücken erinnerte ihn daran, den Stock zu werfen. Jeder Wurf wurde mit Freudengebell apportiert. »So, Hexle, jetzt haben wir uns aber unser Frühstück verdient.«
Ein furchtbarer Schrei unterbrach die Zwiesprache von Martin Viertaler mit seinem Hund. Hexle bellte aufgeregt und zog wie wild an ihrer Leine. Es hätte nicht der Spürnase seines Hundes bedurft – Martin wusste sofort, woher das Gebrüll gekommen war. Zögerlich ging er an der Gaststätte vorbei hoch zur Teufelsküche.
Unvermittelt musste er zur Seite springen. Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment wäre er fast mit dem rennenden Flüchtling zusammengestoßen, der den Berg herunter rannte. Martin Viertaler konnte den panischen Blick in den Augen sehen, bevor er an ihnen vorbei, und Sekunden später aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Er hatte Mühe, seinen tobenden Hund zu beruhigen. »Was war das denn, Hexle?« Sein Instinkt, durch jahrelange Ermittlungstätigkeit geschult, blitzte auf. Er nahm den Hund an die kurze Leine und ging eilig den Hügel zur Teufelsküche hinauf. Was er dann auf der schmalen Brücke sah, ließ selbst den erfahrenen ehemaligen Kriminaler blass werden. Er zog sein Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer der Polizei.
Kapitel 3
Dienstag, 22. Dezember 2015
Hundegebell! Er konnte den Plan nicht zu Ende führen. Warum hatte er sich nur auf diese teuflische Geschichte eingelassen? Verzweiflung und Wut lieferten sich in seinem Kopf einen Zweikampf. Der Weg zum Lech war versperrt! Er musste den Koffer mit dem Kopf loswerden. Panisch sah er sich um, entschied sich, die Treppe hinauf zum Waldweg zu nehmen. Unter seinen Füßen knirschte der Split, in seinen Lungen brannte die kalte Luft des Wintermorgens. Er holte weit aus, und warf den Koffer mit heftigem Schwung in die Brombeerranken. Dann rannte er los, den Teufel im Nacken. Durch seine Tat hatte er ihn wieder in sein Leben geholt. Er ahnte, dass er dieses Mal den Kampf verlieren würde.
»Himmel, Herrgott!« Viertaler stockte. »Wenn ich dir doch sage, Michi, dass ich nichts gesehen habe.« Er war wieder in seinem Element. Die bleierne Schwere, die ihn die letzten Monate gelähmt hatte, schien verschwunden. »Ich bin wie jeden Morgen mit dem Hund meine Runde gegangen. Auf der Brücke der Teufelsküche habe ich die Leiche entdeckt, besser gesagt, was von ihr noch übrig ist.« Er holte tief Luft. Der Anblick hatte auch ihn im ersten Moment schwer getroffen, obwohl er nach fast 30 Jahren Tätigkeit bei der Kripo einiges gewöhnt war.
»Was hat der Notarzt in den Totenschein geschrieben? Natürlich kann ja wohl nicht infrage kommen, oder? Immerhin dürfte klar sein, woran die Frau gestorben ist.«
Polizeiobermeister Michael Haas aus der Landsberger Polizeidienststelle unterbrach ihn. »Du woaßt ganz genau Martin, dass I dir da nix sogn derf, selbst wenn du oana vo uns warst. Du bist schließli seit drei Wocha in Pension und – deswegn a ganz normaler Zeuge wia jeda andere a. De Spusi aus Fürstenfeldbruck miassad jedn Augnblick do sei. Selbstmord konn ma ja ausschliaßn, oder? Bei der Todesursache.« Dabei machte er eine eindeutige Handbewegung quer zu seinem Hals.
»Wisst ihr schon, wer da liegt?«
»Es is bessa, wenn du jetzad gehst. Du verunreinigst uns mit deim Hund bloß an Tatort.«
Wie auf Kommando fing Hexle wie wild an zu bellen und zerrte an der Leine. Drei in weißen Ganzkörperanzügen gehüllte Männer kamen den Hang zur Teufelsküche herauf.
Viertaler hatte sowieso vorgehabt, zu gehen. Gegen die Männer der Spurensicherung hatte er nichts, aber Ingo Bayerl, den Kriminaloberkommissar aus Fürstenfeldbruck und mittlerweile sein Nachfolger, konnte er gar nicht leiden.
»Dem G´scheithaferl will ich eh nicht begegnen«, murmelte er vor sich hin. »Ihr wisst ja, wo ich zu finden bin, wenn ihr noch was braucht.« Er hatte es jetzt eilig. »Komm Hexle, wir müssen jetzt noch dringend jemandem einen Besuch abstatten.«
»Grüß Dich, Gerti. Bist du nicht als Ehrenamtliche beim Roten Kreuz tätig, oder täusch ich mich da?« Martin Viertaler stand vor der Eingangstür von Gertrud Maier im Klösterl.
Die attraktive Mittfünfzigerin musterte ihn mit hochgezogener Augenbraue. »Danke, Martin. Mir geht es auch gut.« Mit einem Seitenblick auf den freudig schwanzwedelnden Border Collie ergänzte sie trocken: »Hexle scheint auch gut drauf zu sein.« Mit diesen Worten tätschelte sie den Hund.
Viertalers Wangen röteten sich. Er war wieder mal höchst undiplomatisch bei seiner Bekannten mit der Tür ins Haus gefallen. So pflegte er die beste Freundin seiner verstorbenen Frau zu bezeichnen. Sie hätte vermutlich Freundin bevorzugt, aber das war ihm zu viel der Nähe. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand er eine Antwort: »Was hältst du davon, wenn wir zusammen gemütlich frühstücken? Das hast du doch schon mal vorgeschlagen.«
»Das habe ich tatsächlich schon dutzende Male angeregt.« Seufzend fügte sie hinzu: »Wenn du ein paar frische Semmeln beim Bäcker holst, mache ich Frühstück. Du hast Glück, ich habe heute keinen Unterricht mehr, sondern nur noch eine Lehrer-Weihnachtsfeier am Nachmittag.
Wortlos übergab er seiner Nachbarin den Hund und eilte zum Bäcker am Hauptplatz.
Fünfzehn Minuten später goss Gertrud Maier eine Tasse frisch gebrühten Kaffee in Viertalers Tasse. »Also, was hast du vorhin mit deiner Frage nach dem Roten Kreuz gemeint?«
Viertaler musterte sie aufmerksam, bevor er seine Frage präzisierte: »Ich interessiere mich für eine ehrenamtliche Tätigkeit, und wenn ich mich recht erinnere, bist du als Freiwillige in der Flüchtlingsbetreuung tätig. Vielleicht wäre das auch etwas für mich?«
Erstaunt stellte Gertrud die Kaffeekanne zurück auf den liebevoll gedeckten Tisch. Die hartgekochten Eier waren in gehäkelte Wärmer gehüllt, die Viertaler an mutierte schwarzweiße Kühe erinnerten.
»Fällt dir die Decke auf den Kopf, so allein in deinem Haus am Seelberg? Es freut mich ungemein, dass du als Ehrenamtlicher bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise mithelfen willst. Weißt du, wir haben immer Bedarf, weil wir zu wenige sind.«
Viertaler nickte bedächtig. Er musste seine Worte mit Sorgfalt wählen, um das Gespräch in die beabsichtigte Richtung zu lenken. »Seit ich Ende Oktober meinen Resturlaub vor der Pension genommen habe, war ich eher mit aufräumen und neu ordnen beschäftigt. Ich habe es endlich geschafft, Franziskas Kleiderschrank auszusortieren.« Er stockte kurz.
Gertrud Maier sah ihn mitfühlend an. Sie ahnte, wie viel Energie ihn das gekostet haben musste.
»Ich habe sogar den Dachboden aufgeräumt und alles Überflüssige zur Deponie nach Hofstetten gebracht. Ich habe mein altes Leben entrümpelt, wenn man so will. Anschließend habe ich fast alle Zimmer neu gestrichen.«
Gertrud war so taktvoll, ihn nicht darauf hinzuweisen, dass es nur Bad und Toilette waren.
»Jetzt aber«, er nahm einen Schluck Kaffee, »will ich mich wieder den lebenden Menschen zuwenden.« Er sah sie über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg an und hoffte, dass sie seinen Worten Glauben schenkte.
Ihre Augen strahlten. Vielleicht hatte sie den introvertierten Polizisten und Ehemann ihrer besten Freundin Franziska doch falsch eingeschätzt. »Wenn du willst, nehme ich dich morgen Nachmittag mit in die Flüchtlingsunterkunft in der Lechturnhalle. Da lernst du den Koordinator vom Roten Kreuz kennen. Der ist immer ab drei da.«
»Sehr schön«, murmelte Viertaler.
»An was für ein Fachgebiet hast du gedacht? Bei deiner Qualifikation bieten sich viele Themen an.« Gertrud Maier begann aufzuzählen: »Integrationspate für Behördengänge, Hilfe bei der Wohnungssuche, Infoabende zum deutschen Rechtssystem.«
Beschwichtigend hob er die Hände. »Ich weiß ja noch gar nicht, ob so ein alter Brummbär wie ich hilfreich wäre. Vielleicht ist es möglich, mir zunächst selbst ein Bild der Situation zu machen? Bislang kenne ich alles nur aus der Zeitung. Was hältst du davon, wenn ich mal mit einem Flüchtling spreche?«
Gertrud hielt einen Augenblick in ihrem Eifer inne, denn etwas fühlte sich komisch an. Dann fuhr sie zögerlicher fort: »Keine Sorge. Wir finden was für dich. Wenn du willst, trägst du bereits nächste Woche die Verantwortung für einen Flüchtling. Der Koordinator vom Roten Kreuz ...«
»Nächste Woche? Also, ich würde gerne schon heute Vormittag mit meinem ersten Flüchtling sprechen. Warum die Sache aufschieben? Was meinst du, ginge das?«
Mit einem Mal betrachtete Gertrud Maier den ehemaligen Kommissar mit zusammengekniffenen Augen. »Warte mal, da ist doch etwas faul. Du willst gar nicht ehrenamtlich tätig werden. Ermittelst du vielleicht in irgendeiner Sache?« Sie legte die Stirn in Falten, und noch bevor Viertaler etwas sagen konnte, schimpfte sie los: »Martin, du bist offiziell seit drei Wochen in Pension! Und ich dumme Gans falle auf dich rein. Gib´s zu, du wolltest mich von Anfang an nur aushorchen.«
Verlegen rührte Viertaler in seiner Kaffeetasse, obwohl er gar keinen Zucker hineingetan hatte. Was sollte er dazu sagen – sie hatte ihn durchschaut. Er drapierte den Löffel sorgfältig auf der Untertasse und legte die Fingerspitzen aneinander. »Nun, was soll ich dir erzählen, du hast natürlich recht. Aber ich veranstalte das nur zum Besten für ei-nen deiner Schützlinge.«
Gertrud stutzte. »Was meinst du damit?«
Er beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen: »Es handelt sich um einen jungen Mann; einen Sportler. Heute in der Früh hat er deine Nummer gewählt auf seinem Mobiltelefon und es dann verloren.«
»Sela!«, platzte es aus ihr heraus. »Was ist mit ihm? Ist er verletzt? Woher weißt du das mit dem Anruf? Ich war gerade unter der Dusche, als das Telefon geklingelt hat.«
»Als du ihn zurückgerufen hast, habe ich sein Telefon auf dem Weg gefunden. Dabei ist mir deine Nummer aufgefallen.« In seiner ruhigen, bedächtigen Art erklärte er anschließend in groben Zügen, was sich am Morgen in der Teufelsküche zugetragen hatte. Wohlweislich sparte er die prekären Details dabei aus.
Je mehr Viertaler erzählte, desto bleicher wurde seine Nachbarin. »Und jetzt glaubt die Polizei, der Sela hat etwas mit der Leiche zu tun?«
Viertaler hob beschwichtigend die Hände. »Noch weiß niemand, was dort geschehen ist. Aber wenn meine Ex-Kollegen sein Mobiltelefon finden, rückt er schnell ins Zentrum der Ermittlungen. Ich habe allerdings dafür gesorgt, dass das noch eine Weile dauert. Ich denke, wir haben einen Vorsprung bis heute Nachmittag.« Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Wenn du mir also hilfst, wissen wir vielleicht schon heute Mittag, ob dein Sela etwas damit zu tun hat oder nicht.«
»Er hat nichts damit zu tun«, erwiderte Gertrud Maier trotzig.
»Was macht dich da so sicher? Kannst du in ihn reinschauen? Eines hat mich mein Beruf gelehrt: Seine Unschuld ist erst bewiesen, wenn wir alle Fakten überprüft haben. Und manchmal reicht schon eine unbedachte Aussage, um eine Katastrophe auszulösen. Vor allem, wenn schon durch traumatische Erlebnisse eine Vorbelastung bestehen könnte. Was ich dir aber versprechen kann ist, dass ich unvoreingenommen sein werde. Mein Nachfolger bei der Kripo dagegen ist da nicht so zimperlich.«
Nachdem Gertrud wusste, dass es um Selahattin Barzani ging, wischte sie alle Bedenken beiseite. Eine Stunde später betrat sie an der Seite von Martin Viertaler die Flüchtlingsunterkunft in der Lechturnhalle. Schon im Vorraum wimmelte es von jungen Männern, die sie neugierig beobachteten.
Viertaler betrachtete die auf ihn fremd wirkenden Burschen. »Fühlst du dich hier wohl?«, wollte er von seiner Bekannten wissen.
»Nun ja, ähm ... Was soll ich sagen?«
»Ach, vergiss es. Kannst du mal fragen, wo der Gute ist?«
»Er heißt Sela, schon vergessen?«
Doch Selahattin Barzani war nicht da. Sein Bettnachbar Ali erzählte ihnen, dass Sela zum Einkaufen weg sei.
»Was meint er?« Ungeduldig mischte sich Viertaler in die Unterhaltung ein. »Gerti, denk dran, was geschieht, wenn der Erkennungsdienst sein Telefon findet. Dann sitzt der junge Mann schneller in Untersuchungshaft, als ihm lieb ist. Ich will ja nicht drängen, aber wir sollten uns beeilen.«
»Er kauft sich wohl ein neues Handy. Weißt du was, wir gehen rüber in die Stadtbücherei und trinken einen Kaffee, bis er wieder da ist. Von dort aus sehen wir vielleicht durch die großen Fenster, wenn er zurückkommt.«
Viertaler stimmte widerwillig zu und saß Minuten später erstaunt vor einer Tasse Cappuccino. »Ich wusste gar nicht, dass es so was Feines in der Bücherei gibt.«
»Du solltest öfter herkommen. Franziska war sehr gerne hier. Wir hatten viel Spaß, weißt du. Hier haben wir beschlossen, Kräuterhexen zu werden.«
»Ihr habt was?« Beinahe hätte sich der Ex-Kommissar verschluckt. »Sag das noch mal!«
»Wir haben beim Schmökern ein Buch gefunden über Naturheilkräuter. Das hat uns so fasziniert, dass wir beschlossen, es selbst einmal auszuprobieren.«
Ungläubig schüttelte Viertaler den Kopf. Wieder musste er sich eingestehen, dass er viele Dinge über seine verstorbene Frau nicht gewusst hatte. Nachdenklich nippte er an seinem italienischen Kaffee.
Gertrud Maier aber kam jetzt erst richtig in Fahrt. Detailreich erzählte sie ihm von den verschiedensten Kräutern und was man damit anstellen konnte.
Er hörte nur mit halbem Ohr zu und hing den Gedanken an seine verstorbene Frau nach. Vor allem an das, was er nicht von ihr wusste, weil er zu sehr mit seiner Arbeit verheiratet war. Unvermittelt bemerkte er draußen einen jungen Mann mit grauem Kapuzenpulli. Mit gesenktem Kopf und einer Plastiktüte in der Hand eilte er auf die Turnhalle zu. Obwohl das Gesicht unter der Kapuze verborgen war, erkannte er ihn wieder. »Gerti! Da draußen ist dein Syrer.«
Ruckartig setzte sie sich auf, um aus dem Panoramafenster zu sehen. »Ja, das ist er.« Sie legte Viertaler die Hand auf den Arm. »Du kannst ihm doch helfen, Martin. Oder?«
Irritiert sah er sie an. »Was?«, brummte er. »Wenn wir noch länger warten, dann nicht mehr.«
Augenblicke später fanden sie Selahattin Barzani in der Lechturnhalle. Er saß auf seinem Feldbett und packte sein neues Smartphone aus. Überrascht sah er auf und erkannte seine Betreuerin. Neben ihr stand ein älterer Herr, der ihm irgendwie bekannt vorkam. »Gertrud!«, rief er. »What are you doing here?«
»Hi, Sela. Ich möchte dir einen guten Freund vorstellen. Er ist – war – bei der Polizei.«
Aus den dunkelbraunen Augen des jungen Syrers starrte Viertaler mit einem Mal blanke Angst entgegen.
»Gerti, kannst du ihm für mich ein paar Fragen stellen? Ich bin im Englischen ein wenig eingerostet.«
»Du kannst ihn gerne selbst fragen. Sela versteht dich gut.« Aufmunternd sah sie den jungen Syrer dabei an.
»Also gut.« Doch Viertaler kam nicht weiter, weil plötzlich Rufe und ein unheilkündender Lärm aus dem Vorraum hereindrangen. Noch bevor er seine Fragen stellen konnte, tauchten mehrere Polizisten im Schlafbereich auf. Rüde wurden er und Gertrud Maier beiseite gedrängt. Noch ehe irgendwer Einspruch erheben konnte, lag Selahattin auf dem Bauch, die Arme auf dem Rücken gefesselt.
Eben wollte Viertaler etwas zu den Polizisten sagen, als er die schnarrende Stimme seines Nachfolgers im Fürstenfeldbrucker Morddezernats vernahm: »Mich laust der Affe! Martl, was machst du denn hier? Wolltest du nicht angeln gehen am Lech-Stausee?«, fragte er ironisch. Dann stutzte er und fixierte mit zu Schlitzen verengten Augen den pensionierten Kommissar. Er bellte befehlsgewohnt: »Haas!«
Hinter ihm tauchte ein Uniformierter auf. »Kommissar Bayerl?«
»Nehmen Sie diese Zivilisten fest. Sie sind vermutlich in den Fall verwickelt. Zumindest behindern sie unsere Ermittlungen.«
Ungläubig sah der junge Mann von Viertaler zum Kommissar und wieder zurück.
»I kenn den Herrn. Er ist ...«
»... jemand, der unsere Ermittlungen behindert. Mitnehmen!«
Zögerlich nickte der Beamte. Verlegen wandte er sich an den früheren Vorgesetzten von Kommissar Bayerl: »Herr Viertaler, wenn Sie mir bitte folgen wollen?«
Kapitel 4
Dienstag, 22. Dezember 2015
Martin Viertaler saß im Befragungsraum der Polizeiinspektion Landsberg. Das spärliche Mobiliar war ihm von früheren Besuchen in Landsberg vertraut, doch der ehemalige Kriminalbeamte nahm keine Notiz davon. Er war aufgeregt, und es fiel ihm schwer, das zu verbergen. Polizeiobermeister Michael Haas hatte den ganzen Weg über kein Wort mit ihm gewechselt. Nun stand er neben ihm – alleine. Sein Kollege hatte Gertrud Maier in einen anderen Raum gebracht. Schließlich brach Viertaler das angespannte Schweigen: »Michi, wohin habt ihr meine Begleiterin gebracht? Wird sie auch befragt?«
Unsicher sah ihn der junge Beamte an. Er trat von einem Fuß auf den anderen und antwortete in seinem breiten oberbayerischen Dialekt. »I derf dir doch nix sogn, Viertaler.«
Der rollte mit den Augen. »Wie lange kennen wir uns jetzt? Wir haben immer gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet.«
Schließlich gab sich Haas einen Ruck: »Also gut. Sie ist nebenan und wird vom G´scheithaferl aus Fürsti vernommen.«
»Verstehe. Dir mach ich keinen Vorwurf. Sag mir nur eins: Wieso wart ihr so schnell in der Lechturnhalle?«
Haas senkte die Stimme. Mit einem wissenden Grinsen im Gesicht stellte er fest: »Du hast uns nicht alles gesagt, was du gewusst hast! A Hund bist scho, Viertaler.« Nach einem anerkennenden Blick fuhr der Uniformierte fort: »Ich hab das Handy gefunden, als es läutete. Seltsamerweise lag es im Unterholz.« Dabei zog Haas die Augenbrauen hoch. »Dann haben wir schnell herausgefunden, dass es einem Flüchtling gehört, einem Araber. Und außerdem hat er deine Freundin angerufen und wohl nicht erreicht.«
»Bekannte. Sie ist meine Bekannte, Michi.«
»Passt schon. Ich hab nichts gesagt.« Haas klopfte dem alten Kommissar auf die Schulter. »Sauhund!« Dann ließ ihn ein Geräusch draußen auf dem Flur zurückzucken.
Schwungvoll öffnete sich die Tür des Befragungsraumes. Kriminaloberkommissar Ingo Bayerl kam nicht herein, er erschien. Zumindest war das seine Absicht. Viertaler konnte die selbstgefällige Art seines damaligen Stellvertreters und jetzigen Nachfolgers nie leiden.
Selbstbewusst konfrontierte Bayerl seinen ehemaligen Chef: »Also, Martl. Was hast du als Pensionär bei einem dringend Tatverdächtigen zu suchen?«
Viertaler ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sah ihn nur herausfordernd an.
Als er nichts erwiderte, fuhr der Kommissar aus Fürstenfeldbruck fort: »Also gut. Du hast uns gegenüber mit keinem Wort erwähnt, dass du den Burschen kennst.«
»Ich kannte ihn nicht.«
»Wieso finden wir dich dann in dieser Asylunterkunft?«
Viertaler hob beschwichtigend die Hände. Betont lässig erklärte er: »Noch einmal fürs Protokoll. Ich habe auf der Brücke über der Teufelsküche eine weibliche Leiche ohne Kopf gefunden, als ich mit meinem Hund auf meiner morgendlichen Runde war.«
»Das wissen wir doch alles, Martl!«, unterbrach ihn Bayerl ein wenig zu laut. »Brauchst gar nicht so auf formell machen, du alter Fuchs. Ich kenn dich. Jetzt mal zu den Fakten.«
»Wie gesagt, ich fand also diese weibliche Leiche und habe sofort – wie es meine Bürgerpflicht ist – die Notrufnummer gewählt. Dann habe ich zugewartet, bis die Beamten der Polizeiinspektion Landsberg vor Ort waren. In der Zwischenzeit habe ich weder etwas verändert oder hinzugefügt, noch habe ich den Tatort kontaminiert. Der engagierte Beamte hier«, damit deutete er mit ausladender Handbewegung auf Michael Haas, »hat den Tatort gesichert, den Notarzt hinzugezogen, dass der Tod offiziell festgestellt werden konnte und mich befragt.«
Kommissar Bayerl rieb sich die Schläfen. Augenscheinlich befriedigte ihn Viertalers Antwort nicht. »Woher hast du gewusst, dass dieser Herr Banani aus Syrien am Tatort war? Und wie hast du ihn gefunden?«
»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Ingo? Ich bin, nachdem ich meine Aussage zu Protokoll gegeben hatte zu Frau Maier, meiner Bekannten, gegangen. Wir waren zum Frühstück verabredet. Dabei hat sie mir erzählt, dass sie als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagiert ist. Und weil mich das Thema auch interessiert – jetzt, nachdem ich als Pensionär zu viel freie Zeit habe ...«
»Ich glaub dir kein Wort. Das Mobiltelefon des Tatverdächtigen lag seltsamerweise im Unterholz, beinahe zehn Meter vom Weg entfernt. Wie kam es da wohl hin?«
»Was weiß denn ich? Vielleicht hat er es vor lauter Panik weggeworfen, nachdem er die kopflose Leiche gefunden hatte. So ein Anblick ist ja nicht jedermanns Sache. Da verliert man leicht den Kopf.«
Michael Haas unterdrückte ein Lachen.
Ein wütender Seitenblick von Ingo Bayerl ließ ihn aber sofort verstummen. »Sehr lustig. Verarschen kann ich mich selber. Ich sag dir jetzt mal etwas«, damit beugte er sich vor und fixierte Viertaler mit kalten Augen. »Wenn du hier ermitteln willst, dann hast du dich geschnitten, Martl. Ich mach dich und deine Bekannte so fertig, dass du dir wünschst, du wärst nie an diesem Tatort vorbeigekommen.«
Viertaler erhob sich. »Sonst noch was, Ingo? Ich werde jetzt nach Hause gehen. Zusammen mit meiner Bekannten, Frau Maier.« Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob er sich, ging zur Tür und verließ den Raum. Das Zuschlagen der Tür war in der ganzen PI Landsberg zu hören.
Es dauerte eine Weile, bis Polizeiobermeister Haas Gertrud Maier in den Eingangsbereich der Inspektion brachte. Dort bot ihr der alte Kommissar galant seinen Arm an und führte seine Nachbarin aus der Polizeiwache hinaus in die Katharinenstraße.
Sobald sie auf der Straße waren, entzog ihm jedoch Gertrud ihren Arm.
Verblüfft sah sie Viertaler an. Mit bebender Stimme und um Fassung ringend presste sie hervor: »Du hast mich benutzt, Martin. Und in diesen Fall hineingezogen. Heute Morgen war ich eine unbescholtene Bürgerin. Jetzt bin ich aktenkundig bei der Kripo. Hinzu kommt, dass du mir nicht vertraut und nur die Hälfte erzählt hast.«
»Wie bitte?«
»Martin! Du hast heute Morgen beim Frühstück berichtet, dass jemand zu Tode gekommen ist und Sela blöderweise dort vorbeigejoggt sei.«
»Ja und?«
»Ja und, ja und! Es handelt sich um eine Frau, und jemand hat ihr den Kopf abgeschlagen. Das ist doch ein bisschen was anderes, als einfach nur zu Tode gekommen«.
»Ich wollte dich nur schonen.« Ohne weiter auf die Anschuldigungen einzugehen, schlug er vor: »Komm, wir gehen was essen. Ich lade dich ein zum Bürgerbahnhof.« Er schaute auf seine Armbanduhr. »Bis wir dort sind, haben sich alle zu Mittag essenden Rentner wieder verdrückt und wir können ungestört reden.«
»Rentner!« Gertrud Maier stieß die Luft aus. »Du bist genaugenommen selber ein Rentner.« Stirnrunzelnd sah sie auf ihre Armbanduhr. »Ich habe bis 15:00 Uhr Zeit.«
Mit Hingabe verspeiste Viertaler ein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, den er gegen die Pommes Frites ausgetauscht hatte. »Das fettige Zeugs verursacht mir Magendrücken, weißt du?«, hatte er Gertrud gegenüber geäußert.
»Weißt du, was mir auf den Magen schlägt?« Gertrud war immer noch sauer. Ihr Salatteller mit gebratenen Putenstreifen stand unberührt vor ihr. »Deine Lügerei schlägt mir auf den Magen. Ich dachte, ich kann dir vertrauen. Als du mir vorgegaukelt hast, dass du dich für die Flüchtlingsarbeit interessierst, habe ich mich echt gefreut.« Dass sie ihn dadurch vielleicht öfter sehen würde, musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden.
Zerknirscht hob er abwehrend die Hände. »Es tut mir leid. Ich wollte dich da wirklich nicht hineinziehen. Dass das jetzt so gelaufen ist, war nicht geplant.«
»Super! Das ist dir ausnehmend gut gelungen, mich aus diesem Fall herauszuhalten. Ich war vorhin in Guantanamo und du hast mich dorthin gebracht.«
Viertaler senkte den Kopf. So kam er nicht weiter, vor allem, weil emotionale Angelegenheiten nicht seine Stärke waren.
»Ich dachte schon, der unflätige Kerl praktiziert gleich Waterboarding an mir, wenn ich ihm nicht alles sage. Aber du musst dir keine Sorgen machen. Ich habe nichts gesagt. An mir hat sich dieses Bayerl-Buberl die Zähne ausgebissen.«
Viertaler sah seine Nachbarin bewundernd an. Er hatte Gerti unterschätzt. Sie war jahrelang die schräge Freundin seiner Frau gewesen, und seit er Witwer war, fühlte er sich von ihr bedrängt. Er hatte immer das seltsame Gefühl, dass sie etwas von ihm wollte – mehr sein wollte, als nur eine Nachbarin und Bekannte.
»Erde an Martin! Erde an Martin! Wie geht´s jetzt weiter?«
Ihre leuchtend blauen Augen funkelten. Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie attraktiv sie mit ihren schulterlangen brünetten Haaren war, die sie gerne im Nacken zu einem lockeren Knoten band.
Verlegen senkte Gertrud den Blick und schob eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr.
Viertaler räusperte sich. Er legte sein Messer weg, streckte seine Hand über den Tisch, über sein halbes Schnitzel hinweg und an Gertis Salatteller vorbei. »Wir sind jetzt Partner und werden diesen Fall gemeinsam lösen.«
Unschlüssig sah sie von seiner Hand zu ihm und wieder zurück. Sollte sie ihm vertrauen? Langsam bewegte sich ihre Hand in Richtung der seinen. Dann hielt sie erneut inne. »Das ist kein Spiel, Martin. Hier geht es um einen Menschen. Es geht um Sela und seine Zukunft.«
Er hielt seine Hand weiterhin ausgestreckt. »Es geht immer um Menschen. Das ist mir durchaus bewusst. Weißt du, ich habe diesen Beruf jahrzehntelang ausgeübt. Ich – wir – wollen beide die Unschuld deines Schützlings beweisen. Das heißt, wenn er unschuldig ist.«
Sie wollte etwas erwidern, aber er fiel ihr ins Wort: »Alles ist möglich. Das wenigstens habe ich während meiner langen Jahre als Leiter der Mordkommission gelernt. Das Offensichtliche muss nicht zur Lösung führen. Häufig ist es das Unerwartete, das uns von der Seite umhaut. Also: Bist du bereit, auch seine mögliche Schuld zu akzeptieren?«
Dieses Mal zögerte sie nur einen Wimpernschlag, bevor sie Viertalers Hand ergriff und entschlossen drückte. »Er ist unschuldig. Ich fühle es und du wirst es bald herausfinden. Intuition ist eine mächtige Angelegenheit, Martin.«
Sofort fragte sich Viertaler, ob diese Allianz mit Gerti wirklich so gut war. Andererseits war das vielleicht genau der unorthodoxe Ansatz, der hier gebraucht wurde.
Kapitel 5
Dienstag, 22. Dezember 2015
»Was bildet der sich eigentlich ein?« Ingo Bayerl konnte sich nicht beruhigen. »Erst verwischt er am Tatort Spuren und dann rennt er auch noch mit seiner Gutmenschin in die Asylunterkunft.«
Mit einen lauten Knall warf er die Akte mit dem Vernehmungsprotokoll auf den Schreibtisch.
Michi Haas zuckte zusammen und senkte den Blick. »Wir haben keinen Beweis, dass er Spuren verändert hat.« Polizeiobermeister Haas bemühte sich, Hochdeutsch zu sprechen.
»Papperlapapp, Haas. Sie brauchen den nicht in Schutz zu nehmen. Fakt ist, dass er da war. Für mich ist der Fall so gut wie gelöst. Dieser Banani kommt in Untersuchungshaft.«
»Barzani, Herr Kommissar, der heißt Barzani.«
Ein böser Blick von Ingo Bayerl ließ ihn sofort verstummen. »Weiter im Text: Morgen früh wird er nach Augsburg verfrachtet und dem Haftrichter vorgeführt. Der Haftbefehl ist meines Erachtens dann nur noch Formsache, bei der Schwere des Verbrechens. Außerdem besteht Fluchtgefahr. Bei einem nicht anerkannten Flüchtling kann der Untersuchungsrichter gar nicht anders.«
»Aber das Motiv?«, schaltete sich nun Gustl Stockleitner ein. Der Polizeikommissar der PI Landsberg und Chef vom Dienst, hatte dem Wortgefecht der beiden bislang kommentarlos zugehört.
