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Am Lumpigen Donnerstag wird in Landsberg der Höhepunkt des Faschings gefeiert. Während die Narren dem Gaudiwurm zujubeln, wird in der Landsberger Stadtpfarrkirche ein Pfarrer getötet. Die Staatsanwaltschaft sucht den Täter im Umfeld der Kemptener Mafia. Die junge Kommissarin Antonia Buck aus Fürstenfeldbruck aber ist überzeugt, dass die Tat ihre Ursache in den letzten Kriegstagen hat, als die Außenlager des Konzentrationslagers Dachau geräumt wurden. Sie bittet den pensionierten Landsberger Kommissar Martin Viertaler um Hilfe. Der alte Ermittler wird erneut mit der Frage konfrontiert, wer ist Täter, wer ist Opfer und wer trägt Schuld? Doch in diesem Fall ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Obendrein ist Viertalers Freundin Gertrud Maier gar nicht begeistert, dass er schon wieder inoffiziell ermittelt. Als ein anderer Mann in Gertruds Leben tritt, muss sich Viertaler entscheiden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Das Buch
Am Lumpigen Donnerstag wird der Höhepunkt des Faschings in Landsberg am Lech gefeiert. Während sich die Narren den Gaudiwurm ansehen, wird ein Pfarrer in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt getötet.
Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass die Kemptener Mafia verantwortlich ist, und übergibt den Fall ans Landeskriminalamt. Die junge Kommissarin Antonia Buck aus Fürstenfeldbruck aber ist überzeugt, dass die Tat ihre Ursache in den letzten Kriegstagen hat, als die Landsberger Außenlager des Konzentrationslagers Dachau geräumt wurden.
Sie bittet den pensionierten Landsberger Kommissar Martin Viertaler um Hilfe. Der alte Ermittler wird erneut mit der Frage konfrontiert, wer ist Täter, wer ist Opfer und wer trägt Schuld? Doch in diesem Fall ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Außerdem ist seine Freundin Gertrud Maier überhaupt nicht begeistert, dass er lieber ermittelt, als sich um sie zu kümmern. Als Gertrud einen neuen Mann kennen lernt, muss er sich entscheiden.
Die Autoren
Uschi Pfaffeneder, Jahrgang 1962, arbeitete als Sozialversicherungsfachangestellte, bevor sie sich ihrer Familie widmete. Parallel hierzu setzte sie sich in einem Fernstudium an der Akademie Würzburg mit der katholischen Theologie auseinander. Ergänzend liegt ihr das Menschenbild der Logotherapie nach Viktor Frankl sehr am Herzen. In einer Kurzgeschichte in der Anthologie »Die Spur führt an den Lech« hat sie 2013 den Kommissar Viertaler aus der Taufe gehoben. Aktuell ist sie in der Kinderbetreuung tätig, wo sie auch eine Lesewerkstatt an einer Grundschule betreut.
Klaus Pfaffeneder, Jahrgang 1962, ist Maschinenbauingenieur und arbeitet seit vielen Jahren als leitender Angestellter. Mit fünfzehn beginnt er, erste Sportberichte für das Landsberger Tagblatt zu schreiben. Er hat neben einigen Kurzgeschichten den historischen Roman »Der Baumeister von Landsberg« veröffentlicht.
Die beiden leiten die Schreibwerkstatt der VHS Landsberg und haben drei erwachsene Söhne.
USCHI UND KLAUS PFAFFENEDER
Täter – Opfer
Schuld
Kriminalroman
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Erschienen im Liccaratur-Verlag
Illustration und Umschlaggestaltung: Braun - Gestaltung & Produktion, Fürstenfeldbruck
Lektorat: Susanne Pavlovic / Textehexe, Bamberg
Korrektorat: Monika Wunderlich, Fuchstal
Copyright: © Liccaratur-Verlag
Friedensstraße 5 - 86899 Landsberg am Lech
Erstausgabe 2020
ISBN 978-3-944810-06-5
Für Lisa, Veronika und Theresa
Nur die Liebe und der Tod
ändern alle Dinge.
Khalil Gibran
Handlung und Figuren dieses Romans entspringen alleine der Fantasie der Autoren. Eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Nicht erfunden dagegen sind bekannte Persönlichkeiten, Institutionen, Straßen und Schauplätze in Landsberg am Lech, Fürstenfeldbruck, Kempten und München.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 10
Kapitel 20
Kapitel 30
Kapitel 40
Kapitel 50
Kapitel 60
Anmerkungen der Autoren
Danksagung
Weitere Titel im Liccaratur-Verlag
Kapitel 1
Lumpiger Donnerstag
Eine Stimme schrie in seinem Kopf, doch er verstand die Sprache nicht. Pfarrer Jakub Cibulski wischte sich mit zitternden Händen den kalten Schweiß von der Stirn. Der dumpfe Schmerz im Nacken kroch über seine Kopfhaut, und mit ihm kamen der Schwindel und die Übelkeit. Er kniff die Augen zusammen und tastete nach der Schachtel in der rechten Schublade. Die Tablette schmeckte bitter.
Er lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück und wartete auf die Erlösung, die der Beipackzettel innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten versprach. Gedankenfetzen geisterten durch seinen Kopf. Er zwang sich zur Ruhe. Als das Pochen in der linken Schläfe nachließ, öffnete er vorsichtig die Lider. Die Helligkeit schmerzte noch, aber der Schwindel hatte nachgelassen. Jakub schleppte sich mit hängenden Schultern ins Bad, wo er sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte. Sein Anblick im Spiegel erschreckte ihn. Eingefallenen Wangen, ein erstarrter Gesichtsausdruck.
Die ständigen Migräneattacken, die ihn seit Monaten heimsuchten, höhlten ihn aus, körperlich wie seelisch. Während er zurück an den Schreibtisch ging, fiel sein Blick auf den Koffer neben der Wohnungstür. In ihm steckte Kleidung und alles, was von seinen letzten dreizehn Priesterjahren übrig war: die erste Stola, das Stundengebet in polnischer Sprache und die abgegriffene Familienbibel seiner verstorbenen Eltern. Die restlichen Habseligkeiten waren verschenkt, einige Möbel untergestellt. In fünf Tagen, am Aschermittwoch, begann sein Sabbatjahr in einem Kloster. Schweigen, beten und über das Leben nachdenken.
Vom Bildschirm des Laptops starrten ihm die Stichpunkte für das Übergabegespräch mit seinem Kollegen Andreas Heidenblut entgegen, dessen Krankheitsvertretung er für zwei Monate übernommen hatte. Der Stadtpfarrer der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Landsberg kam am Faschingsdienstag aus der Reha zurück. Jakub schaltete den PC ab. Das, was er dem Pfarrer zu sagen hatte, war ohnehin nicht für ein offizielles Protokoll bestimmt.
Das Mobiltelefon klingelte. Jakub Cibulski zögerte, erkannte dann aber die Nummer auf dem Display und nahm das Gespräch entgegen: »Grüß Gott, Herr Huber. Wie geht es Ihnen?«
»Wie es einem mit fast Neunzig so geht. Ich bin zufrieden. Ich wollte Sie nur an unser morgiges Treffen erinnern.«
Cibulski lächelte. Er schätzte die direkte Art des alten Herrn. Verständlich, viel Zeit blieb ihm nicht mehr. »Nicht nötig, ich komme morgen Vormittag nach der Messe bei Ihnen vorbei, wie ausgemacht.«
»Und vergessen Sie das Buch nicht.« Das Schlagen einer Tür war im Hintergrund zu hören und ohne sich zu verabschieden, legte der Anrufer auf.
Jakub zog das zerfledderte Notizbuch vom Ablagestapel und strich versonnen über den rauen Einband mit den rostbraunen Flecken, die ihn an getrocknetes Blut erinnerten. Ein modriger Geruch stieg ihm in die Nase und für einen kurzen Moment kam der Schwindel zurück. Das Büchlein enthielt eine erschütternde Wahrheit, die ihn mit Hans Huber verband. Er packte es in die Aktentasche.
Pfarrer Jakub sah auf die Uhr. Zeit genug, um in die Kirche hinüberzugehen. Der gestrige Fund am Abend nach dem Rosenkranz ließ ihm keine Ruhe. Eigentlich hätte er gleich die Polizei verständigen müssen. Als er in seine Schuhe schlüpfte, klingelte es. Aus der Gegensprechanlage ertönte die jugendlich-frische Stimme des Ausbildungsmesners Korbinian Hinteregger. »Hallo Jakub. Soll ich die Weißwürste für deinen Ausstand besorgen oder stürzt du dich selbst in das Getümmel des Lumpigen Donnerstags?«
Der Rücken des Geistlichen straffte sich, und die Starre aus den Gesichtszügen wich einem Lächeln. »Warte, ich komme runter.« Der junge Mann war Balsam für Jakubs geschundene Seele und seinen gequälten Körper. Optimistischer als gerade eben noch zog sich Jakub den schwarzen Mantel über. Bevor er das Wohn-Arbeitszimmer der Einliegerwohnung im Pfarrhaus verließ, steckte er die Tabletten in die Manteltasche; vorsichtshalber.
Die Absätze seiner Springerstiefel klackten einen treibenden Beat auf dem Asphalt. Als Captain Kirk verkleidet, wollte sich Matthias Huber heute in den Landsberger Fasching stürzen. Nach den Turbulenzen der letzten Tage musste er den Kopf frei bekommen. Mit zusammengekniffenen Augen sah er hinauf zum blassblauen Winterhimmel, an dem sich im Süden strahlend die Sonne zeigte. Selbst dieser Anblick vermochte es nicht, seine Stimmung zu heben. Der Frühling war nah, doch seine Gedanken kreisten um die dunklen Gewitterwolken, die über seiner Familie hingen.
Er erreichte die Neue Bergstraße. Sein Mobiltelefon vibrierte in der viel zu dünnen Star Trek Hose. Als er es herauszog, wurde ihm bewusst, wie lächerlich sein Outfit eigentlich war. »Pflegedienst Lech-Ammersee, Matthias Huber am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«
Am andern Ende räusperte sich jemand auf allzu bekannte Art.
»Was gibt es, Tanja?«
»Du, Matthias. Du warst vorhin so schnell aus dem Büro verschwunden.«
»Ja, ich habe dir als meine Stellvertretung gesagt, was die nächsten vier Tage ansteht.«
»Aber ...«
»Aber was?«, patzte er zurück. »Warum rufst du mich nach zwanzig Minuten an? Von dir erwarte ich, dass du den Laden selbständig schmeißt, wenn ich das erste Mal seit Jahren ein paar Tage am Stück frei nehme. Ich will einfach mal Party machen, und mich nicht mit Pflege, Krankheit und Tod beschäftigen. Was bietet sich da besser an, als der Fasching?« Er hatte sich regelrecht in Rage geredet.
Tanja räusperte sich. »Es geht nicht um die Arbeit. Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob wir uns nach meinem Schichtende in der Stadt treffen können.«
»Was?« Eigentlich hatte er heute keine Lust auf Tanja, die mehr von ihm wollte, als One-Night-Stands. Ihm war nach feiern, trinken, flirten zumute.
Noch bevor er etwas antworten konnte, hörte er ihre enttäuschte Stimme: »Tut mir leid, dass ich gefragt habe. Nur, weil wir ab und an miteinander im Bett landen, musst du nicht mit mir deine knappe Freizeit verbringen. Ich sehe dich am Montag beim Übergabegespräch.« Dann legte sie auf.
Für einen kurzen Moment meldete sich ein schlechtes Gewissen, das er jedoch mit seinem Telefon wegsteckte.
Fünf Minuten später überquerte Matthias die Neue Bergstraße, die 1937 von einem NSDAP-Oberbürgermeister eingeweiht worden war. In Matthias Augen hatte die Straße deshalb ´der Adolf´ gebaut. Ein Satz, den er als Altenpfleger von vielen alten Menschen hörte.
Ein kalter Windstoß fuhr ihm trotz des Sonnenscheins unter das dünne Faschingskostüm. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb er im Windschatten des Todesmarsch-Denkmals stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dieser Gedenkstein war für ihn kein Mahnmal, sondern ein Zeichen linksversiffter Erinnerungskultur. Es sollte an den letzten Marsch der KZ-Häftlinge aus den Landsberger Arbeitslagern Richtung Dachau Ende April 1945 erinnern. Und schon war sein Opa präsent, auf den Matthias total stolz war. Und das nicht nur, weil er als blutjunger Mann bei der SS seine Pflicht getan hatte.
Matthias schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor er weiterging. Für Symbole der nationalen Selbstgeißelung hatte er nichts übrig. Irgendwann musste doch Schluss sein mit der kollektiven Schuld der Deutschen. Er konnte es nicht mehr hören. Die deutsche Volkswirtschaft repräsentierte 20 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union, und dennoch hörten die Nachbarn nicht damit auf, Deutschland an die Verbrechen der NS-Zeit zu erinnern. Und das obwohl Deutschland für die Schulden der südlichen Euroländer zu bürgen hatte. Doch mittlerweile gab es endlich wieder eine Partei, die diese Wahrheiten aussprach und damit die Themen der anderen Politiker beeinflusste und sie so unter Zugzwang brachte.
Wenige Augenblicke später erreichte er die Alte Bergstraße. Hier strömten die Narren in großer Zahl hinunter zum Hauptplatz. Von dort drang laute Popmusik zu ihm herauf und ließ ihn den Refrain eines aktuellen Hits mitsummen. Heute war Party angesagt. Eurorettung, Flüchtlingskrise und die Faktenverdreherei der Lügenpresse konnten ihm nicht die Laune verderben. Matthias durchschritt das Schmalztor. Dahinter öffnete sich der Hauptplatz, wo die ersten Schaulustigen auf den Beginn des Gaudiwurms warteten. Er bahnte sich einen Weg in die Fußgängerzone, wo er sich beim Principe eine Pizza holen wollte. Gut gelaunt reihte er sich in die Schlange vor dem provisorischen Verkaufstresen ein. Eine Sambagruppe marschierte vor dem Lokal auf und begann auf ein Zeichen des Bandleaders, sich mit donnernden Fasstrommeln ihren Weg durch die Narrenschar zu bahnen. Intuitiv klatschte Matthias den Rhythmus mit, der ihn mit Haut und Haaren erfasste.
Dann sah er ihn. Schwarzer Anzug, weißer Kragen. Matthias klatschte mechanisch weiter, bis er schließlich ganz damit aufhörte. Dieser vermaledeite polnische Pfaffe, der seinen Opa Hans zum Weinen gebracht hatte. Matthias sah, wie der Pfarrer von einer Gruppe verkleideter Hexen abgedrängt wurde. Er hatte keinen Hunger mehr, ballte die Fäuste und lief los.
Kapitel 2
Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Dieses Mantra hatte für ihn keine Gültigkeit mehr. Die Zeilen aus einem Kirchenlied, die ihn zeit seines Lebens getragen und gewärmt hatten, waren inhaltsleer und kalt wie der Schweiß, der ihm auf der Stirn stand.
Jakub Cibulski sperrte mit zitternden Händen das verschlossene Tor auf, das den Pfarrhof an diesem Tag vor Wildbislern und Alkoholleichen schützte. In der Fußgängerzone der Ludwigstraße herrschte lärmender Ausnahmezustand. Die Menschenmasse schien sich in den letzten beiden Stunden verdreifacht zu haben. Er versuchte, sich einen Weg quer durch die ausgelassenen Maskierten zum gegenüberliegenden Aufgang der Kirche zu bahnen, als ihn eine Gruppe Hexen unterhakte und ihn Richtung Hellmairplatz zog.
»Du hast ja eine Super-Verkleidung«, lallte eine aufreizend gekleidete Hexe und deutete auf den Priesterkragen des Pfarrers. Ihr Atem roch nach Alkohol und Jakub drehte den Kopf weg. Ihre Begleiterinnen kicherten und eine große Rothaarige schlang die Arme um ihn. »Oh, das ist ja ein ganz Schüchterner.« Ihre Hände wanderten von der Hüfte zu seinem Hintern. »Eigentlich müsstest du uns jetzt foltern und dann auf dem Scheiterhaufen verbrennen.« Das schallende Gelächter der vier Frauen schmerzte in seinen Ohren.
Jakub versuchte, sich aus der Umarmung der Rothaarigen zu befreien. Vom Alkohol nicht mehr sicher auf den Beinen, strauchelte sie. Während ihre Mithexen sie auffingen, nützte er den Moment und kämpfte sich gegen den Strom zurück zu den Treppen und hoch zum Nordportal. Abrupt blieb er vor dem Baugitter dort stehen. Die Portale waren alle gesichert, damit die Besoffenen den geschützten Platz nicht für ihre ekligen Hinterlassenschaften missbrauchten. Das hatte er vergessen. Er rüttelte an dem provisorischen Metallzaun, um den schmalen Zugang zu verbreitern. Plötzlich verpasste ihm jemand einen kräftigen Schlag zwischen die Schulterblätter. Er taumelte kurz, bevor er sich wütend umdrehte. Waren denn heute alle verrückt geworden?
Vor ihm stand ein breitschultriger, junger Mann in einem goldfarbenen T-Shirt. Die kurzgeschorenen Haare verstärkten die kantigen Konturen des Gesichts. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er ihn an und nuschelte etwas, das der Pfarrer nicht verstand. Dann ballte der Angreifer erneut die Faust. Jakub riss die Arme schützend vor sein Gesicht und schloss instinktiv die Augen. Der erwartete Schlag blieb jedoch aus. Als er einen Blick riskierte, sah er, wie ein Indianer und ein Cowboy den wild um sich schlagenden Randalierer in den Schwitzkasten nahmen und Richtung Treppe zerrten. Cibulski nutzte die Gelegenheit und drängte sich durch den schmalen Spalt zwischen Gitter und Wand, bevor der Verrückte zurückkam. Eine Klammer, kalt wie Eis, legte sich um seinen Nacken. Der Feind in seinem Körper erwachte wieder. Jakub atmete ein paarmal tief durch, bevor er den klobigen Schlüssel aus seiner Manteltasche holte und die schwere Kirchentür aufsperrte.
Im Innern der Kirche war das Wummern der Bässe aus den Musikanlagen nur gedämpft zu hören. Automatisch suchten Jakubs Finger das Weihwasserbecken, bevor er das Kreuzzeichen schlug. Das Zwölf-Uhr-Läuten erklang und gewohnheitsmäßig murmelten seine Lippen den Engel des Herrn, doch sein Herz erreichten die Worte nicht. Vorbei an den Seitenaltären im nördlichen Kirchenschiff schlich er zum Altar der Schutzmantelmadonna und setzte sich dort in die Bank. Hart drückte die Holzlehne gegen seinen Rücken und er spürte die schmerzende Stelle von dem Schlag. Das warme Licht der Opferkerzen, angezündet von den Gläubigen in dem Vertrauen, dass ihre Sorgen bei Maria als Fürsprecherin gut aufgehoben waren, beruhigte ihn nicht. Alles lief in eine verkehrte Richtung. Gott zeigte ihm, was er von seinem Diener hielt.
Unvermittelt kam ihm das braune Tagebuch in den Sinn, das ihm sein Vater auf dem Totenbett anvertraut hatte. Die damit verbundene Lebensgeschichte hatte sein Leben ins Wanken gebracht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bis heute Morgen war er zuversichtlich gewesen, dass er mit dem Sabbatjahr die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen könne. Und jetzt das.
Er ertrug die gütigen Augen der Schutzmantelmadonna nicht mehr und verbarg sein Gesicht in den Händen. Für ihn war unter ihrem Mantel kein Platz mehr. In diesem Moment hörte er, wie die Tür ins Schloss fiel. Er hatte nicht abgesperrt.
Kapitel 3
Grauweiß quoll die Masse aus der aufgerissenen Haut. »Kruzinesen!« Mit einem mürrischen Grummeln zog Martin Viertaler den Topf von der Herdplatte und fischte die geplatzte Weißwurst mit einer Gabel aus dem trüben, mit Fettaugen versetzten Wasser. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er auf die Küchenuhr. Pünktlichkeit war noch nie die Stärke seiner Tochter gewesen.
Doch bevor er sich weiter aufregen konnte, klingelte es und Hexle, die bisher unter dem Küchentisch geschlafen hatte, sprang auf und lief bellend zur Tür.
Endlich! In seine Freude mischte sich Unsicherheit. Er hatte Anna seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Viertaler öffnete die Tür. Hexle stimmte ein Freudengeheul an, und sprang ungestüm an Anna hoch, die sich hinkniete und ihr Gesicht in das Fell der Hündin vergrub. Der junge Mann, der sich dezent im Hintergrund hielt, musste ihr Freund Greg sein.
Als sie aufblickte, glänzten ihre Augen feucht. »Hallo Paps.«
Wie hatte er dieses Paps vermisst. Er schob Hexle zur Seite und nahm sie in den Arm. »Hallo Prinzessin.« Seine Stimme klang brüchig. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste er sich von ihr und musterte sie. »Gut schaust du aus.« Zu ihrer roten kurzen Daunenjacke mit dem grauen Pelzbesatz an der Kapuze trug sie eine enge schwarze Jeans, die ihre schlanke Figur betonte. Sie hatte nicht nur einige Kilos abgenommen. Auch die langen braunen Haare waren einem modischen Kurzhaarschnitt gewichen, der mit hellblonden Strähnen durchzogen war.
»Ich habe den Eindruck, dass dir die Arbeit bei BMW in Amerika gut bekommt. Oder täusche ich mich?«
Bevor Anna etwas erwidern konnte, trat Greg vor und legte ihr den Arm um die Schulter. »Grüß Gott, Mister Viertaler.« Sein Händedruck war kräftig.Ein strahlendes Lächeln entblößte schneeweiße Zähne in dem kaffeebraunen Gesicht.
»Nice to meet you.« Mehr fiel Martin in diesem Moment nicht ein.
»Sie können Deutsch mit mir reden. Ich bin in Augsburg geboren und aufgewachsen. Zumindest bis zu meinem zehnten Lebensjahr. Mein Vater war als Soldat in der Sheridan Kaserne stationiert.«
Martin atmete auf. Die Sprache stand schon mal nicht zwischen ihnen und die offene Art von Greg zerstreute die letzten Bedenken in seinem Vaterherz. »Kommt doch erst einmal rein. Wo habt ihr denn euer Gepäck?«
»Das liegt im Auto und steht auf dem Parkplatz bei der Stadtverwaltung. Ich habe vergessen, dass die Altstadt wegen des Faschingsumzugs gesperrt ist.«
Daran hatte er auch nicht mehr gedacht. »Das könnt ihr später holen und auf Gertruds Parkplatz stellen. Zumindest vorübergehend. Ihr Auto ist in der Werkstatt.«
»Gertrud?«, fragte Greg.
»Gertrud war, ist ...«
»Gertrud war die beste Freundin meiner verstorbenen Mama«, ergänzte Anna den Satz. Sie räusperte sich.
»Genau«, murmelte Martin. »Ich schau nach den Weißwürsten.« Mit diesen Worten verschwand er in der Küche, um weiteren Nachfragen zu entgehen.
Kapitel 4
»Wenn ihr den Faschingsumzug noch sehen wollt, dann müssen wir jetzt aber los.« Martin deutete auf die Küchenuhr.
»Ich wasche mir nur noch die Hände.« Greg schob den Stuhl zurück und stand auf. »Wo ist denn das Badezimmer?«
Martin Viertaler grinste. Greg hatte es sich nicht nehmen lassen, die Weißwürste wie Viertaler zu zuzeln. Sehr zur Belustigung von Anna, die immer noch an ihrer Breze mit Senf knabberte.
Anna erhob sich. »Komm, ich zeig es dir.« Sie legte ihren Arm um seine Hüfte und zog ihn Richtung Flur.
Martins Freude über den Besuch seiner Tochter wich einem dumpfen Gefühl der Enttäuschung. Die beiden würden kaum in Landsberg sein. Am kommenden Wochenende übernachteten sie bei Freunden von Greg in Augsburg. Von dort aus fuhren sie am Montag zu wichtigen Gesprächen nach München, die bis spät abends dauerten, bevor Greg am Aschermittwoch zurück nach Amerika flog. Anna arbeitete bis Ostern im Stammwerk. Viel gemeinsame Vater-Tochter-Zeit hatten sie vermutlich nicht, weil sie bei einer Kollegin in Schwabing schlafen wollte, um sich die anstrengende Fahrerei zu ersparen.
Abrupt erhob er sich, als ließen sich dadurch die düsteren Gedanken vertreiben, und räumte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine. Die Sonne hatte sich durch den Hochnebel gekämpft und schien warm in den Flur. Er zog die dünne Winterjacke an. Kurz überlegte er, ob er den Faschingshut aufsetzen sollte, den er früher am Rosenmontag immer im Büro getragen hatte. Er verwarf die Idee aber sofort wieder. Irgendwie kam er sich da blöd vor. Außerdem wusste er gar nicht, in welcher Kiste der abgeblieben war.
Anna und Greg warteten bereits an der Treppe hinunter zur Herkomerstraße. Laute Musik und das dumpfe Wummern der Bässe hallten zwischen den Wänden wider und kündigten den Beginn des Umzugs an. Die drei sahen sich suchend um und fanden Plätze hinter einer Gruppe von fünf Bauchtänzerinnen, die sich mit ihren Piccolos lautstark zuprosteten. Mit lautem Gelächter hakten sich die Damen bei den Umstehenden ein und ermunterten sie so zum Mitschunkeln. Viertaler hielt Abstand, so gut das in dem Gedränge ging. Seine verstorbene Frau Franziska hatte ihn für einen Faschingsmuffel gehalten. Wobei das nicht ganz stimmte. Den Franken-Fasching oder die Umzüge in Mainz und Köln schaute er gerne im Fernsehen an. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die phantasievoll geschmückten Wägen und die einfallsreich maskierten Fußgruppen.
Als die letzten Narren vorbei waren, zupfte Anna ihn am Ärmel. »Greg und ich ziehen noch durch ein paar Kneipen. Es kann später werden und du brauchst nicht auf uns zu warten.«
»So früh gehe ich nicht ins Bett, aber ich kann euch vorsichtshalber den Hausschlüssel hinlegen. So wie früher.« Er schmunzelte.
»Ich habe meinen eigenen dabei. Erinnerst du dich? Du wolltest ihn nicht zurück, als ich nach Amerika gegangen bin.« Sie griff in ihre Handtasche und zog einen Schutzengel-Schlüsselanhänger mit einem einzelnen Schlüssel hervor. Für einen kurzen Moment fiel ein Schatten auf ihr Gesicht. Martin schluckte, als er die kleine abgewetzte Engelsfigur sah. Noch bevor er etwas erwidern konnte, schlug ihm jemand auf die Schulter. Gleichzeitig bohrte sich eine schrille Stimme in sein linkes Ohr: »Ist deine Tochter wieder in Deutschland?«
Er zuckte zusammen und wandte den Blick. Sabine ohne Hund. Fast hätte er sie in ihrer Bauchtänzerinnen-Kostümierung mit der schwarzen Langhaarperücke nicht erkannt. Sie hielt ihm ihren Piccolo hin. Viertaler schüttelte den Kopf, und hob abschiednehmend die Hand, um weiteren Fragen zuvorzukommen. Doch er hatte die Rechnung ohne Sabine gemacht.
Sie fasste ihn am Arm und deutete auf Anna und Greg, die sich zusammen mit der Menschenmasse Richtung Hauptplatz schoben. »Ein schönes Paar.« Ihre Augen funkelten neugierig.
»Ist dir nicht kalt?« Er hoffte damit, ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen zu lenken. Weit gefehlt. Ohne auf seine Bemerkung einzugehen, fuhr sie fort: »Ist das der Freund von Anna? So ein hübscher Kerl. Und dass er schwarz ist, stört heutzutage ja nicht mehr. Es laufen ja sowieso schon so viele bei uns rum.« Sie holte kurz Luft, um ihr sprachliches Maschinengewehr erneut zu laden. »Schlafen die beiden bei dir?« Sie sprach das so aus, als wäre das Übernachten etwas Verwerfliches. Ohne Viertalers Antwort abzuwarten, schob sie nach. »Dumme Frage, wo denn sonst, du hast ja Platz. Und heutzutage ist es nicht außergewöhnlich, wenn zwei Unverheiratete in einem Zimmer schlafen. Zu unserer Zeit ...«
Viertaler wartete ihre weiteren Ausschweifungen nicht ab. »Tut mir leid, Sabine. Ich hab leider keine Zeit mehr. Ich muss noch mit dem Hund raus.« Zu spät erkannte er, dass er mit dem Hinweis auf Hexle einen taktischen Fehler begangen hatte.
»Ja, du hast wenigstens einen Hund. Ich fühl mich sehr einsam, seit mein Hasso gestorben ist. Ich habe schon überlegt, einen neuen zu holen.« Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, so als wäre ihr gerade die beste Idee überhaupt gekommen. »Und dann können wir zusammen spazieren gehen«, setzte sie nach.
Nur über seine Leiche. »Kommt Zeit, kommt Rat«, murmelte er. Ohne sich zu verabschieden, eilte er Richtung Treppe.
Noch im Weggehen rief sie ihm nach: »Du hättest dich schon verkleiden können, vielleicht als Polizist.«
Viertaler hörte sie über ihren eigenen Witz kichern. Er atmete tief durch. Diese Frau kostete ihn den letzten Nerv. Wobei er zugeben musste, dass ihm die wandelnde Bild-Zeitung – so nannte Gertrud Maier diese Sabine – bei der Suche nach dem Teufelsküchen-Mörder vor sechs Wochen wertvolle Hinweise gegeben hatte. Er wich fünf laut grölenden Mönchen aus, die die Abkürzung von der Neuen Bergstraße runter zur Stadt nutzten. Die hatten vermutlich auch etwas anderes als Limo in den großen Plastikflaschen.
Hexle stand schon im Flur und sah ihn treuherzig an.
»Bevor wir mit dieser Ratschtante Gassi gehen, verlegen wir unseren Morgenspaziergang auf fünf Uhr früh. Nicht wahr, Hexle?« Er nahm die Leine von der Kommode und leinte die Hündin draußen an. Kurz überlegte er, ob er Gertrud abholen sollte, aber die war mit Kolleginnen beim Krapfenessen. Mit schnellen Schritten ging er Richtung Klösterl und von dort in den Wildpark. Die kühle Luft brachte langsam Ruhe in seine Gedanken. Dass Anna ihr Kinderzimmer mit einem Mann teilte, fühlte sich wirklich komisch an. Die nächsten Tage würden auf jeden Fall spannend werden.
Kapitel 5
Die Faschingswagen paradierten zu donnernden Musikbässen über den Hauptplatz, während Ema sich seinen Weg in Richtung Fußgängerzone bahnte. Er trug einen schwarz-lilafarbenen Kapuzenumhang mit venezianischer Turchetto nero Maske.Seine Verkleidung als Buffone verbarg den netten Gemüsehändler von nebenan, freundlich aber auf Distanz bedacht. Sein Job heute hatte nichts mit Lebensmitteln zu tun. Er musste etwas klären in dieser kleinen Stadt am Lech, in der heute am Altweiberfasching viele verkleidet waren.
Der Capo Provincia schickte ihn, »die Interessen der Familie zu vertreten«, wie er sich ausdrückte. Das in letzter Zeit florierende Kokain-Geschäft im Landkreis Landsberg war gestört worden, weshalb er gestern Nacht einen Anruf bekommen hatte. Wie immer war der Capo gleich zur Sache gekommen: »Ema, einer deiner Bischöfe hat vermutlich Scheiße gebaut. Du musst dich darum kümmern.«
»Di cosa si tratta?« Ema war alarmiert.
»Gestern Abend ist die Landsberger Lieferung nicht wie geplant bei deinem Zwischenhändler angekommen.«
»Porca miseria!Wie kommst du darauf?«
»Dein Bischof hat eine ganze Lieferung angeblich nicht erhalten. Er hat beim Genueser nachgefragt, ob der Übergabeplatz geändert wurde, und der hat mich angerufen.«
Merda. Dieses Arschloch hatte die Regeln gebrochen und nicht bei ihm, dem Kardinal, sondern beim Genueser nachgefragt. »Ich kümmere mich darum.«
»Certamente. Vor allem, weil sich ein Kilo Koks nicht in Luft auflöst. Finde heraus, wo die Ware abgeblieben ist.«
»Capito. Denkst du, dass der Kurier aus Genua das Paket unterschlagen hat.«
»Non ci credo«, fiel ihm der Capo ins Wort. »Der ist mir treu ergeben. Das war eine geplante Aktion von bösen Menschen, Ema. Vielleicht die Ukrainer? Du weißt, dass die immer stärker in unseren Markt drängen. Wenn das der Fall ist, haben wir einen Krieg zu führen. Einen Krieg, den wir gewinnen werden.« Dabei hatte der Boss mit seiner rauchigen Stimme gelacht. Ein tödliches Lachen, das selbst den abgebrühtesten ´Ndranghetisti eine Gänsehaut verursachte.
»Und wenn es nur ein dummer Junge war – ein lebensmüder Unterverteiler?«, hatte der Mafioso eingewandt.
»Glaube ich nicht. Aber selbst wenn. Du weißt, was zu tun ist. Ich verlasse mich auf dich, Ema. Einem zukünftigen Capobastone darf kein Fehler passieren, oder? Er verliert kein Kilo Stoff an einen seiner Bischöfe.« Mit diesen Worten hatte der Capo aufgelegt.
Um den Verbleib der heißen Ware zu klären, war er also heute in das beschauliche Landsberg gekommen. Er würde es herausfinden. Es war nur eine Frage der Zeit.
Der Capobastone in spe glitt anmutig durch die feiernden Narren und erreichte die Fußgängerzone. Der von den Landsbergern als Gaudiwurm bezeichnete Faschingsumzug wand sich mit ohrenbetäubendem Lärm durch die enge Gasse zwischen den Altstadthäusern. Er sah nach oben. Der fast wolkenlose, blaue Himmel heizte die Stimmung der Narren zusätzlich an. Im dichten Gedränge hier musste er die Ellbogen einsetzen. Obwohl es nur ein Katzensprung vom Hauptplatz zur Stadtpfarrkirche war, benötigte er quälend lange durch die feiernde Menge.
Die Kirche hatte seiner Familie bislang als Umschlagplatz gute Dienste geleistet. Ein Beichtstuhl dort diente gerade als Briefkasten. Die Details hatte ihm der Capo auf sein Mobiltelefon geschickt.
»Finde einen Beichtstuhl mit folgendem Schild darauf: H. H. STADTPFR. HEIDENBLUT. Der nächste ohne Schild, rechts davon, ist unser Umschlagplatz.«
Jeden Mittwoch vor Beginn des Rosenkranz-Gebetes deponierte der Genueser Bote die Ware im Beichtstuhl, die kurz nach Ende der Andacht abgeholt wurde. Die betenden Frauen sorgten dafür, dass sich keiner zwischendurch an der Ware bediente. Doch dieses Mal hatte angeblich kein Paket dort gelegen. Er würde seine Suche also dort beginnen.
»Merda!« Das Südwest-Portal an der Fußgängerzone war durch einen Bauzaun verbarrikadiert. Ein Schild lieferte die Erklärung:
> Heute geschlossen <
Links von ihm tobte der Umzug durch die enge Ludwigstraße. Er beschloss, sein Glück rechts herum zu versuchen. Unauffällig schritt er über den Hellmairplatz, vorbei an den momentan weniger frequentierten Freiluftbars. Wenn der Umzug sich auflöste, würde hier vermutlich der Bär toben. Auf den städtischen Bänken lagen bereits jetzt die ersten Bierleichen, für sie war die Party vorerst vorüber. Er musste beinahe die ganze Kirche umrunden, denn erst bei der vierten Eingangstür war der Bauzaun etwas beiseite gerückt. Von diesem Nordwestportal aus führte eine breite Treppe, die den Feiernden als Tribüne diente, hinunter in die Fußgängerzone. Gut so, denn obwohl sich hier an die hundert Menschen drängten, war deren Aufmerksamkeit ganz und gar auf den Gaudiwurm gerichtet. Er zwängte sich durch den Spalt am Bauzaun und fand die Tür trotz des Schildes unverschlossen. Kurz stutzte er, verwarf aber den Gedanken und schlüpfte hinein.
Drinnen erahnte er noch immer eine Spur von Weihrauch in der Luft. Im Vergleich zum Winter, den die Menschen draußen gerade mit dem Fasching austreiben wollten, fühlte sich der Kirchenraum warm an. Links von ihm erstreckte sich das nördliche Seitenschiff mit seinen kleinen Kapellen. Für einen Augenblick ließ er die Erhabenheit des Gebäudes auf sich wirken. Ein starker Kontrast zur Ausgelassenheit, die vor der Kirche herrschte. Vor ihm an einer der Säulen thronte eine lebensgroße Heiligenfigur, die einen Turban trug. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Nach einer Weile war er sicher, dass niemand in der Kirche war. Dennoch behielt er seine Maske auf. Der einzige Beichtstuhl im Norden war ohne Namensschild. Er passierte ein Kriegerdenkmal, auf dem kurz seine Aufmerksamkeit verharrte. Am Ende des Seitenschiffes wartete eine Madonnenfigur, die ihren Mantel ausbreitete für die Sorgen der Gläubigen. Links zu ihren Füßen flackerten dutzende Opferkerzen. Gebannt musterte er das gütige Gesicht der Madonna, das durch das Licht der Kerzen zu schimmern schien. Eine Erinnerung an längst vergangene Tage, Gedankenschnipsel aus einer glücklichen Kindheit huschten durch sein Bewusstsein. Schließlich wandte er sich ab.
Er passierte den Hauptaltar. Draußen dröhnten immer noch die Bässe. Er schlug ein flüchtiges Kreuz und ging ins südliche Seitenschiff weiter. Direkt vor dem Gotteshaus lag auf dieser Seite der Hellmairplatz, auf dem die Verkaufsstände bereits wieder die Musik aufgedreht hatten. Vorsichtig untersuchte er alle Einsatzkapellen des Seitenschiffes. Hier gab es insgesamt vier Beichtstühle. Am dritten klebte ein handgeschriebenes Schild über einem anderen:
PFARRER CIBULSKI
Der ´Ndrinu stutzte und sah sich um. Er war allein. Mit seiner behandschuhten Hand löste er vorsichtig das provisorische Schild. Darunter kam H. H. STADTPFR. HEIDENBLUT zum Vorschein. Ein Lächeln huschte über das maskierte Gesicht. Rechts davon befand sich also der Umschlag-Beichtstuhl. Er stieg dort über das niedrige, barocke Geländer und war gerade im Begriff, den Vorhang zurückzuschlagen, als die Tür ins Schloss fiel.
Eine Viertelstunde später stand er wieder in der schmalen Gasse zwischen der Kirche und einer Gaststätte im Norden. Sein Telefonino ans Ohr gedrückt.
»Pronto?«
»Sono io, Ema.«
»Come va?«
»Die Sache sieht nicht gut aus.«
»Perché? Cosa è successo?«
»Die Ware ist weg, und wir haben einen toten Pfaffen.«
»Merda!«
Kapitel 6
Besorgt stand Robert am Fenster seines Büros im ersten Stock und beobachtete die kreischenden Elfenprinzessinnen und Einhörner, die in dem großen Garten des Doppelhauses Fangen spielten. Die Sonne hatte sich gegen den Frühnebel durchgesetzt, und seine Frau Evi hatte kurzerhand den Kinderfasching nach draußen verlegt. Seit gestern war ihm die Lust auf Fasching vergangen. Aber trotzdem hatte er geholfen, das Haus mit Luftschlangen zu schmücken und die Muffins zu verzieren. Niemand durfte Verdacht schöpfen.
Nervös ging er von dem stilvoll eingerichteten Arbeitszimmer über die Kirschholztreppe hinunter in die großzügig geschnittene Wohnküche. Seine Hände zitterten, als er sich auf dem neuen, sündhaft teuren Kaffeevollautomaten einen Espresso zubereitete. Ein Luxus, den er sich zukünftig vermutlich nicht mehr leisten konnte. Ganz zu schweigen von den hohen Raten für das Haus. Er warf einen kurzen Blick auf das Prepaid-Handy in seiner Jackentasche, um sich zu vergewissern, dass er das Summen einer eingegangenen Nachricht nicht überhört hatte. Nichts. Er ballte die Fäuste. Auf was hatte er sich da nur eingelassen! Als sein selbstständiger Autohandel vor einem Jahr eingebrochen war, war ihm das Angebot des Kardinals wie ein Geschenk des Himmels erschienen. Jetzt führte es ihn direkt in die Hölle. Er ging ins Wohnzimmer. Vorbei an dem hohen Wandspiegel im Flur, aus dem ihm ein schlanker, sportlich gekleideter Mittvierziger mit den ersten grauen Strähnen in dem sonst so pechschwarzen Haar entgegenblickte. Der dezente Schatten des Dreitagebarts unterstrich sein attraktives Äußeres. Einzig die dunklen Ränder unter den braunen Augen spiegelten seine innere Angst und Erschöpfung wider. Im Wohnzimmer warf er einen Blick nach draußen, wo Chiara gerade einen Topf hinter einem Busch versteckte. Kurzentschlossen öffnete er die Terrassentür, um seine Frau unterstützen.
Die großgewachsene, durchtrainierte Gestalt stand in der Seitenstraße im Schatten der Bäume und beobachtete das muntere Treiben in dem großen Garten des Doppelhauses. Seit gut einem Jahr beobachte er seine Familie regelmäßig. Natürlich unerkannt und unangemeldet. Das gehörte zu seinem Geschäft. Er musste schließlich wissen, wie zuverlässig die von ihm ausgewählten Zwischenhändler waren. Und vor allem, wo sie ihre Schwachstellen hatten. Denn da konnte er sie packen, wenn es mal nicht so lief, wie sein Capo Provincia und er, Ema, Deckname Kardinal, sich das vorstellten. Und der Bischof, so der Tarnname, hatte gleich drei große Schwachstellen. Eine hübsche rotblonde Ehefrau, mit Rundungen an den genau richtigen Stellen. Nicht so hager und ausgemergelt, wie die Nachbarin, deren Zwillingsmädchen, als Einhörner verkleidet, ebenfalls mitfeierten. Und dann waren da die zwei Bambini. Chiara, die ältere der beiden im Feenkostüm, glich mit ihren langen dunklen Haaren und der zierlichen Figur eher ihrem Papa. Sie war mittlerweile in der zweiten Klasse, und ihm war ihr Entwicklungsschub nach den Weihnachtsferien nicht entgangen. Das Kindliche verschwand langsam aus ihren Gesichtszügen und aus ihr würde einmal eine bildschöne Ragazza werden. Aber auch die kleine Sofia, die in der Vorschule des Kindergartens war, hatte ihren eigenen Charme. Mit ihrer properen Figur und den rotblonden Locken kam sie eher nach der Mama. Außerdem schien sie die dominantere der beiden Mädchen zu sein. Da paarte sich Frechheit mit Neugier. Eine gute Mischung.
Als er Robert Lang auf die Terrasse kommen sah, kochte eine gefährliche Wut in ihm hoch. Der Kerl hatte ihm einfach eine SMS geschickt, dass er sich heute nicht mit ihm treffen konnte. Normalerweise hielt Ema den persönlichen Kontakt nur mit Robert Lang und nicht mit dessen Familie. Aber besondere Situationen erforderten besondere Lösungen. Und 1.000 Gramm fehlendes Kokain mit einem Marktwert von 50.000 Euro rechtfertigten Emas Verhalten. Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen und rieb sich die klammen Finger in den dünnen schwarzen Lederhandschuhen. Es war kalt im Schatten, und er beschloss zu handeln.
Nervös wippte Robert mit dem Fuß, während er die Mädchen beim Topfschlagen beobachtete. Der Kardinal hatte sicher schon erfahren, dass der Stoff weg war. Vielleicht hätte er ihn zuerst informieren sollen, bevor er beim Genueser reklamiert hatte? Sollte er sich doch mit ihm treffen? Er konnte beim besten Willen nicht weg. Evi war sowieso schon sauer, weil er sich in sein Büro zurückgezogen hatte, während sie die Kinder bespaßte. Unschlüssig starrte er auf seine Schuhspitzen, als das Geschrei plötzlich verstummte. Er blickte auf und eine eiskalte Hand griff ihm in den Nacken. Der Kardinal schlenderte auf Evi und die Kinder zu, die ihn überrascht anschauten. Beide Hände in den Taschen seines schwarzen Trenchcoats. Fieberhaft scannte er die ausgebeulten Taschen nach den Umrissen einer Waffe. Robert blieb das Herz stehen, als Sofia ihre Elfenflügel zurechtrückte und spielerisch auf den Besucher zuflatterte.
Jetzt kam Leben in Robert. Er sprang über das niedrige Mäuerchen, das die Terrasse vom Garten abgrenzte, und hechtete auf seine Frau und die Kinder zu. Noch bevor er Sofia wegziehen konnte, drehte sich diese um und meinte strahlend: »Du, Papa, dein Geschäftsfreund würde gerne mit uns Muffins essen.«
Kapitel 7
Korbinian Hinteregger stieg schwankend von der Bierbank und suchte sich einen Weg durch die schunkelnde Menge nach draußen. Atemlos durch die Nacht, dröhnte es in seinen Ohren, als er neben dem Faschingszelt in die Wiese kotzte. Mit dem Ärmel eines schwarz-weiß-karierten Sakkos wischte er sich den Mund ab.
»Mensch Korbi, alles in Ordnung?« Theresa, eine ältere Ministrantin aus der Pfarrei im Micky-Maus-Kostüm, tauchte vor ihm auf. Sie war auch nicht mehr nüchtern, aber im Gegensatz zu Korbinian noch sicher auf den Beinen.
Er winkte ab. »Passt schon. Der Pitcher vorher in der Sonderbar muss schlecht gewesen sein.« Mit einem verlegenen Grinsen versuchte er, die peinliche Situation zu überspielen.
»Hast du noch Lust auf einen Döner und dann auf eine Tour in den Sommerkeller?«
Er zögerte. Allein bei der Erwähnung des Döners drehte sich sein Magen um. »Ich glaube, der Sommerkeller muss ohne mich auskommen. Mein Bedarf an Fasching ist für heute gedeckt.«
»Gut, aber dann vielleicht Handballerball am Samstag im Sportzentrum?« Sie sah ihn abwartend an. »Wir treffen uns um zehn am Pfarrhof und gehen zu Fuß hin.«
»Okay, bis Samstag Abend.« Er sah ihr nach, wie sie im Zelt verschwand, wo die anderen aus der Pfarreiclique von Mariä Himmelfahrt auf sie warteten.
Er mochte Theresa. Sie war vor kurzem 18 geworden und gehörte aus seiner Sicht zu der unkomplizierten Sorte Mädchen. Mit ihr konnte man über alles reden. Wie mit Pfarrer Jakub. Korbinian torkelte über den Parkplatz der Waitzinger Wiese in Richtung Von-Kühlmann-Straße. Die Sonne war bereits untergegangen. Im Zwielicht der hereinbrechenden Nacht tastete er sich an dem rauen Holzgeländer entlang hinunter zum Weg am Lech. Trotz der Kälte lag auf einer Bank ein leichtbekleidetes Pärchen, das so mit sich beschäftigt war, dass sie ihn gar nicht bemerkten. Er ertappte sich dabei, wie sein Blick an dem Spiel ihrer Lippen und Hände haften blieb. Es war lange her, dass er mit jemandem so am Fummeln war. Er schwankte über den Lechsteg weiter, vorbei an Gymnasium und Turnhalle. Überquellende Container mit den Resten eines ausgelassenen Lumpigen Donnerstags vor dem Inselbad. Die Fenster auf der rückwärtigen Seite des Pfarrhauses lagen im Dunkeln. Korbinian Hinteregger wunderte sich, denn Pfarrer Jakub war am Abend meistens zu Hause.
Er wählte die Abkürzung durch die Tiefgarage in den Pfarrhof. Die automatische Beleuchtung tauchte den Innenhof in ein milchiges Licht. Er sperrte die schwere Tür des zweistöckigen Gebäudes auf und stieg die von vielen Jahren blankgescheuerten Holztreppen hoch in den ersten Stock. In der kleinen Einliegerwohnung drehte er alle Heizungen auf. Ihm war kalt und schlecht. Er holte sich eine Flasche Wasser aus der Küche, warf sich auf das schmale Bett und schlief sofort ein.
Das Sechs-Uhr-Läuten vom nahen Kirchturm weckte ihn. Er hatte zehn Stunden wie tot geschlafen. Sein Magen fühlte sich flau an und sein Kopf dröhnte. Er griff nach der Wasserflasche und trank sie in einem Zug leer. Nach einer heißen Dusche und zwei Tassen Kaffee ging es ihm besser.
Schritte erklangen im Treppenhaus. Der Mieter aus der Wohnung über ihm fuhr in die Arbeit. Korbinian hatte noch eine Stunde. Heute war er allein für das Aufsperren der Kirche und die Vorbereitung des Gottesdienstes um neun zuständig. Der Mesner Paul Schäffler war gestern Vormittag mit seiner Frau und den beiden kleinen Buben in den Skiurlaub gefahren. Korbinian scrollte die verpassten WhatsApp Nachrichten durch und grinste. Theresa hatte ihm um halb drei ein Selfie aus dem Sommerkeller geschickt. Ein Kussmund in einem mit Faschingsschminke verschmierten Gesicht. Er schickte ihr einen erhobenen Daumen zurück und wünschte ihr mit einem Zwinker-Smiley viel Spaß für den letzten Schultag vor den Faschingsferien.
Postwendend kam die Antwort: Danke du Arsch.
Sein Lächeln verschwand, als er die drei verpassten Anrufe seiner Mutter sah. Vermutlich wollte sie gut Wetter machen, nachdem sie gestern Vormittag das Weißwurstessen im Pfarrhof kurzfristig abgesagt hatte. Angeblich wegen Migräne. Er hatte sich sowieso gewundert, dass sie ihn in der Pfarrei besuchen wollte. Ihr Verhältnis war nicht das Beste, seit er sich zum Mesner umschulen ließ. Sie war dagegen gewesen, dass er seinen sicheren und gutbezahlten Job als Elektriker aufgab. Egal. Er war seit vier Jahren volljährig und konnte tun und lassen, was er wollte. Selbst wenn er Pfarrer werden würde, war sie dagegen machtlos.
Kapitel 8
Rußiger Freitag
Müde saß Martin Viertaler im Ladencafé Manhart am Hauptplatz und schaute durch die großen Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Ein rotbärtiger Straßenkehrer fegte die Reste des gestrigen Faschingsumzuges weg. Vereinzelt zogen Schüler mit verkaterten Gesichtern vorbei. Er nahm einen Schluck von seinem Cappuccino und wartete auf die belebende Wirkung des Koffeins. Auch ohne Faschingstreiben war die letzte Nacht kurz gewesen. Die ungewohnten Geräusche in dem sonst stillen Haus hatten ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Das Rauschen des Wassers, das Knarzen der Treppe, leise Gesprächsfetzen aus dem Zimmer seiner Tochter, das an seines angrenzte. Dann war er nochmal aufgestanden, um das Licht im Treppenhaus zu löschen, das durch seinen Türspalt schimmerte. Nach dem Auszug von Anna war die erste Strom- und Wasserrechnung erfreulich niedrig gewesen.
08:15 Uhr. Wo blieb Gertrud? Das gemeinsame Kaffeetrinken an ihrem freien Freitagmorgen war eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die seit ihren Ermittlungen an Weihnachten übriggeblieben waren. Obwohl er ahnte, dass Gertrud mehr von ihm wollte, als nur das Kaffeetrinken und die Spaziergänge. Gerade, als er sein Mobiltelefon herausholte, um sie anzurufen, betrat sie die Bäckerei. Sie winkte ihm zu und holte sich eine Latte Macchiato.
»Entschuldigung, dass ich zu spät bin, aber meine Schwester hat mich angerufen, ob ich Lust auf Fasten-Exerzitien und Yoga habe. Auf der Nordseeinsel Spiekeroog. Ihre Freundin, mit der sie eigentlich fahren wollte, ist krank geworden. Und jetzt ist das Zugticket übrig.« Etwas atemlos stellte sie das Glas auf den Tisch und zog ihren roten Mantel aus. »Außerdem muss ich um neun in die Frühmesse.«
Martin sah sie irritiert an und räusperte sich. »Ich wusste gar nicht, dass du eine regelmäßige Kirchgängerin bist.«
»Eigentlich nicht. Ich habe meiner Oma versprochen, dass ich an ihrem Todestag immer eine Messe lesen lasse.«
»Dann solltest du dir aber vorher den Glitter aus dem Gesicht wischen.« Dabei deutete er auf die lila schimmernde Stelle auf ihrer Backe.
»Ach, die Glitzerschminke sieht man immer noch Tage später.« Sie zog ein Papiertaschentuch aus ihrem Pulloverärmel und wischte sich über die Wange. »Besser?« Sie rutschte mit dem Stuhl vor und hielt Martin ihre Backe hin.
»Ja, passt schon«, brummelte er. Ihr Gesicht so dicht vor seinem verunsicherte ihn.
Gertrud lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ich platze vor Neugier. Wie geht es Anna? Vor allem, wie ist denn ihr Freund Greg?«
Martin druckste herum. »Ich denke es geht ihr gut, ein bisschen zu dünn vielleicht. Greg ist ganz nett. Du wirst es nicht glauben, aber er kommt ursprünglich aus Augsburg.«
»Dann spricht er deutsch?«
»Ja, sein Vater war Soldat. Als dessen Brigade 1992 in der Sheridan-Kaserne aufgelöst wurde, ist er mit seinen Eltern zurück nach Amerika.«
»Hört sich doch gut an. Aber irgendwas scheint dir nicht zu passen.«
»Es fühlt sich einfach komisch an, dass die beiden in Annas Kinderzimmer schlafen«, konstatierte er.
»Ja und? Mit dreißig Jahren ist sie wohl alt genug dafür«, hakte sie spöttisch nach. Dabei zog sie ihre rechte Augenbraue hoch.
»Nein, versteh mich nicht falsch. Aber Sabine ohne Hund ...«
»Meinst du die wandelnde Bildzeitung?«, warf Gertrud ein.
»... hat mich gestern verunsichert«, fuhr Viertaler fort, ohne auf ihren Einwurf einzugehen. Er stockte.
Das spöttische Grinsen aus Gertruds Gesicht verschwand. »Ich glaube, was dir zu schaffen macht, ist eher die Tatsache, dass deine Prinzessin erwachsen geworden ist. Du bist nicht mehr der einzige Mann in ihrem Leben.«
Martin suchte nach Worten.
Sie winkte ab. »Mach dir nichts draus. Mein Schwager hat gerade das gleiche Problem wie du. Meine Nichte hat letzte Woche ihren ersten Freund mit nach Hause gebracht. Meine Schwester hat mir erzählt, dass er schön blöd aus der Wäsche geschaut hat, als aus dem Bad ein junger Mann in Boxershorts kam. Aber ganz etwas anderes. Weiß Anna eigentlich, dass wir gegen ihren früheren Lover ermittelt haben?«
Seine Halsschlagader begann zu pochen. »Nein, noch nicht, und du kannst froh sein, dass du selbst heil aus dieser Sache rausgekommen bist«, grantelte er.
Gertrud Mayer nickte ernst.
»Es sind keine zwei Monate her, dass dich dieser Verrückte fast umgebracht hätte. Und das nur, weil du die Unschuld deines Schützlings Selahattin Barzani beweisen wolltest.«
»Du hast ja recht. Aber letztlich ging es auch um mein seelisches Gleichgewicht in diesem Fall. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass du nur zu gerne mitgemacht hast.«
Am Klang ihrer Stimme hörte Martin, dass Gertrud dieses Trauma noch nicht überwunden hatte. Er versuchte sie abzulenken: »Was macht eigentlich Selahattin jetzt?«
»Ich habe letzte Woche mit ihm telefoniert. Er arbeitet bei einem Bäcker. Sein Antrag auf Bleiberecht ist noch in Bearbeitung. Untergekommen ist er vorläufig bei einer Familie. Der Sohn ist für ein Jahr ins Ausland, und Selahattin wohnt in dem freien Einzimmer-Appartement.« Sie stand auf und schlüpfte in ihren Mantel. »Ich muss los.« Sie nahm ihre Tasse und stellte sie auf das Band bei der Geschirr-Rückgabe. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Richte doch Anna Grüße von mir aus. Es ist ewig her, seit ich mein Firmpatenkind das letzte Mal gesehen habe. Vielleicht können wir ja mal zusammen essen gehen.«
Nachdenklich sah Martin ihr nach. Täuschte er sich, oder war Gertrud heute in sich gekehrter als sonst? Gleichzeitig fragte er sich, warum er sie auf Abstand hielt, obwohl ihm ihre Gegenwart guttat? Er trank den letzten Schluck Cappuccino, der inzwischen kalt war und einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterließ, zog seine Jacke an und holte den Abholschein vom Schuster aus der Tasche. Aber erst musste er noch Semmeln und Brezen mitnehmen. Heute Morgen hatte er einen Klebezettel an der Kaffeemaschine entdeckt: »Wir freuen uns auf das Frühstück mit dir – aber bitte nicht vor 11:00 Uhr.«
Kapitel 9
Frierend zog Korbinian die Schultern hoch und begann den Bauzaun wegzuschieben. Von der Anstrengung, die schweren Betonelemente alleine zu versetzen, fing sein Kopf wieder an zu dröhnen. Etwas außer Atem sah der Jungmesner anschließend hoch zur Kirchturmuhr. Kurz vor halb neun. Gleich würde Pfarrer Jakub kommen. Er war immer dreißig Minuten vor Gottesdienst-Beginn da. Er schätzte es, wenn die Bücher bereitlagen und der Altar mit dem Gabentisch gerichtet war. Das half dem Priester bei der geistigen Einstimmung auf die Messe, wie dieser ihm gegenüber immer betonte. Die Chemie hatte von Anfang an zwischen ihnen gestimmt. Jakub interessierte sich für ihn, fragte ihn sogar nach seinen Beweggründen, warum er Mesner werden wollte.
Das zweimalige Schlagen der Kirchturmuhr riss ihn aus seinen Gedanken. Er nahm das Geschlossen-Schild ab und steckte den Schlüssel ins Schloss. Überrascht stellte er fest, dass die Tür unverschlossen war. Hatte er am Mittwochabend vergessen, die Kirchentür abzusperren? Er zog sie auf und trat ein. Leichter Weihrauchgeruch hing in der Luft. Unter dem Weihwasserbecken gleich links neben dem Portal lagen eine leere Wodkaflasche und zwei Kaffeebecher. Eine braune Lache zog ihre Spur über die ausgetretenen Fliesen. Beunruhigt stieß Korbinian den Atem aus und durchquerte eilig den Kirchenraum. Flüchtig beugte er das Knie vor dem Allerheiligsten vorne im Hochaltar. Erste Erleichterung stellte sich ein, als er die anderen Türen versperrt vorfand. Bis auf die Sauerei am Nordwestportal und Luftschlangen über den Ohren des Palmesels war alles in Ordnung. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was hätte passieren können. Außerdem war Pfarrer Jakub bislang nicht aufgetaucht. Hoffentlich war er nicht krank. Schon gestern, beim Weißwurstessen war er so einsilbig gewesen. Aber vielleicht war das einfach der Tatsache geschuldet, dass er in ein paar Tagen die Pfarrei wieder verlassen musste. Schnell machte er sich daran, die Luftschlangen zu entfernen und die anderen Hinterlassenschaften der Narren aufzuräumen. Gerade als er den Kaffee mit den Papiertaschentüchern aus seiner Jackentasche aufwischte, trat eine Frau in einem roten Mantel ein. Überrascht sah sie ihn an, wie er da am Boden kniete, grüßte freundlich und setzte sich in die hinteren Reihen des Mittelgangs.
Routiniert bereitete Korbinian den Gottesdienst vor, während er immer wieder nervös auf die Uhr schaute. Organist und eingeteilter Lektor warteten in der Sakristei bereits auf die Anweisungen des Pfarrers. Ein letzter Blick auf den Mittelgang, wo sich das übliche Häufchen Kirchgänger verteilte. Kein Jakub Cibulski in Sicht. In diesem Augenblick hallte ein markerschütternder Schrei durch die Kirche.
