Equinox Paradox - Andreas Knierim - E-Book

Equinox Paradox E-Book

Andreas Knierim

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Beschreibung

Lebe deine Träume, sonst leben deine Träume dich! Der Designer Geo Gadaa wird durch die Droge Equinox aus seinem Alltag geworfen: Seine zwei Realitäten – das Tagesbewusstsein und das Traumbewusstsein – tauschen die Rollen, Geo vergisst seinen Alltag und lebt fast nur noch in seinen Träumen. Auf der Suche nach dem Gegenmittel lässt er sich von der Neuro-Psychoanalytikerin Cristin Bonnet therapieren. Gemeinsam kommen sie der Organisation auf die Spur und treffen auf Ihre Chefin: Helen Webers. Diese Frau will mit Equinox und einem neuartigen Traum-Algorithmus die Menschen direkt im Gehirn manipulieren. Als Geo auf Lanzarote endlich mit Helen zusammentrifft, wird ihm klar, warum er für das Experiment ausgesucht wurde.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Andreas Knierim

Equinox Paradox

Psycho-Thriller

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dr. Alois Alzheimer

Die Organisation

Königin Rachel

Arschloch

Der Köder muss dem Angler schmecken

Free Suppe for all

Die Chefin

Marcello

Fröhlichstes Pitchen

John

Mad-Men-Women-Livestream

Mein Haus, mein Auto, kein Therapeut

In Treatment – Träume sind Schäume

CT plus EEG

Exit-Strategien

Warten – und das Glück beginnt

Sie haben Post

Klarträumen mit RC

Badvertising

Gestalt annehmen

Zwanzig-Null-Null

Sex

San Diego (D)

Interventionen

Out of Control

CJLP

Nighttrain

Catch as catch Cannes

Chillin'

Gut gebrüllt, Löwe

Croissant an der Croisette

Leben mit 3*

Chagall

E-Day 9/21

Manrique

Coming Home to TOS

Delete all

Nur geträumt

Schlaf, Kindlein, Schlaf

Ein Freund, ein guter Freund

Geo-Caching

Wünsch dir was

Gesavte Souls beim Sun-Downen

»» Fast Forward Happy Endings

Kontakt

Impressum

Dr. Alois Alzheimer

»Ich versuche, mir die Schuhe zu binden. Die Schnürsenkel reißen immer wieder. Sie sind aus Spaghetti! Ich nehme neue Spaghetti und fädele sie ein, sie reißen. Ich verknote sie, sie reißen wieder. Ich schaffe noch nicht mal einen Schuh. Und ich muss dabei auch noch mit einer Frau sprechen, sie beruhigen und ihr sagen, dass ich alles im Griff habe.«

Für einen Menschen, dessen Lebenssinn im Erledigen von day-by-day-Terminen bestand, konnte das Vergessen des Tagesablaufes nur die totale Katastrophe bedeuten. Die schön aufgereihten Stunden, die schön aufgereihten Ereignisse und dazu die schön aufgereihten Namen ergaben für Geo Gadaa seinen Halt in der Welt. Und schützten ihn vor Sinnlosigkeit des Daseins und Depression. Denn seine Assistentinnen schafften immer neues Material heraus, das Geo als Meetingmaschine mit dumpfen Stampfen verarbeitete.

Ohne klare Struktur gab es keine Existenzberechtigung für Geo im Räderwerk des Designs. Und genau diese Struktur verlor sich gerade mit sanfter Regelmäßigkeit in der Unendlichkeit des Vergessens. Auch deshalb wurden aus Schuhbändern plötzlich Spaghetti und aus Spaghetti der hilflose Versuch, die Welt wieder zusammen zu binden.

Geo wachte mit einem Krampf in der Wade auf. Langsam versuchte er, das Bein auszustrecken. Nur unter Schmerzen gelang ihm das. Als es vollbracht war, fühlte er Genugtuung. Er hatte seinen Körper mit seinem Willen besiegt, sich bereit gemacht für einen neuen Tag und für den Kampf gegen das Vergessen.

»Mein Gott, es wird schlimmer«, dachte Geo, »ich vergesse immer mehr.«

Schon länger hatte er seine Termine nicht mehr im Griff, schaute morgens einfach auf sein Blackberry, um die Updates seiner Treffen zu sichten. Nur: Für ihn waren das keine Updates, seit einer Woche kam es ihm so vor, als ob jedes Meeting in seinem elektronischen Terminkalender ganz neu war.

»Verdammt, wer ist das noch mal?« fragte er seine Assistentin und ärgerte sich gleich über seine Frage.

»Fenick & Truggles sind Headhunter, die einige Dienstleistungen neu positionieren wollen«, antwortete Julie pflichtgemäß.

»Fenick, Truggles, Headhunter, Dienstleistungen?«, so ging der Nebel durch seinen Kopf.

»Ich habe noch nie, ich schwöre, noch nie etwas von diesen Dingen gehört« wollte er gerade zu Julie sagen und konnte sich gerade noch bremsen. Doch es war die reine Wahrheit und das war die eigentliche Tragik, denn Geo Gadaa war für feine Ironie in seinen Kommentaren bekannt.

Natürlich hatte er im Internet recherchiert und natürlich war er auch Alzheimer gestoßen. Das erschreckende Ergebnisse in einer Newsgroup lautete: Alzheimer ist nicht immer eine Alterserkrankung, sondern kann auch schon ab dreißig auftreten.

»Ab dreißig«, dachte Geo und genau das war das Problem, denn Geo hatte gerade seinen vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Zusammen mit seinen Freunden, die sich komplett tot lachten über seine Ängste, er leide »an dieser Krankheit, dessen Namen ich gerade vergessen habe«. Was sie nicht wussten: Auch sein Vater hatte Alzheimer gehabt und war damit im Laufe von fünf Jahren ins Nirwana der Gedankenlosigkeit verschwunden.

Im Online-Krankheitsbild hatte Geo Gadaa nachgelesen, das das Vergessen langsam einsetzt, genauso war es. Am Anfang war es noch lustig gegenüber Geschäftsfreunden, bestimmte Dinge zu vergessen. In der nächsten Phase folgten sein schamhafte Verdecken der Gedächtnislücken und schließlich das panikhafte Nachfragen bei Assistenten und Nachschlagen auf seinen Facebook- und Xing-Accouts. Gesichter sorgten bei ihm nicht mehr für den Widererkennungsreflex, Namen schaukelten im Wind wie vergessene Wäsche auf der Leine. Ja, langsam hatte das eingesetzt, wenn man eine Woche als »langsam« bezeichnen würde.

Geo musste sich jemand anvertrauen, der ihn nicht gleich auslachen würde. Auf die Schnelle fiel im leider dazu gar keiner ein. Denn das Designgeschäft war ein einsames. Jeder kämpfte gegen jeden, survival of the fittest. Hatte man einen Kollegen als Freund gefunden, verlor man seinen Biss, wurde nachsichtig und, zack, machte Fehler. Fehler waren in seinem Studio keine Punkte auf der Tagesordnung. Die Agenda verzeichnete Erfolge, Erfolge, Erfolge – in dieser Reihenfolge.

Dieser Morgen steigerte Geos Leidensdruck auf neue Höhen: Beim Bäcker war ihm schon nicht mehr das Wort für Mohnbrötchen eingefallen. In den Geschäften waren alle auf diese neue asiatische oder auch amerikanische Art und Weise freundlich zu ihm. In seinem neuen Zustand empfang er es aber nicht aufgesetzt, sondern freute sich über diese Freundlichkeit: Die Stewardess, die ihn zudeckte, die Frau im Call-Center, der Studiopförtner. Das war für ihn alles, was zählte.

Die elektronische Erinnerung war sein Rettungsanker, die Geo über den Tag half und, pling, den nächsten Termin anmahnte. Im Kalender hatte er inzwischen auch schon Frühstücken und Mittagessen eingetragen, er vergaß einfach alles. Nicht nur das: Gut war auch, nach einem Termin das Erledigt-Häkchen anzuklicken - so wenig konnte er sich am nächsten Tag erinnern, ob das Meeting überhaupt stattgefunden hatte.

»Kein Zweifel«, dachte Geo, »ich bin wirklich krank.«

Und sein Apotheker würde diesmal keine Idee für eine Pille haben, das war zumindest mal klar.

Die Organisation

Eine Woche vor Geos eklatanten Gedächtnisverlustes wollten die Touristen auf der Rundfahrt im Hamburger Hafen sowieso nur das sehen, was sie sehen wollten. Die dicken Pötte, das eifrige Entladen der Container mittels nimmermüden Kränen, die stets wachsame Wasserschutzpolizei. Natürlich bekamen sie nur eine Fassade zu sehen, denn die Polizisten mussten schon seit Jahren machtlos zusehen, dass Tonne um Tonne von Drogen im Hafen ankam und mit ausgefeilter Logistik in ganz Europa verteilt wurde.

Die Organisation hatte sich auf den feinsten der feinsten Stoffe aus Kolumbien spezialisiert. So wie sich der Discounter vom Hauslieferservice des Gourmetladens unterscheidet, so unterschied sich Die Organisation von den Großlieferanten, die ihre Waren bis zu 90 % verschnitten. Diese dritte Wahl landet dann eben bei der Klientel, die stundenweise Nachschub brauchte.

Die Organisation war anders, Die Organisation war Premium, Extra, Hochfein. Die Verteilung des weißen Pulver oblag in Europa Dr. h. c. Herbert Weinstein, der seine Kundschaft in Designkreisen schnell, zuverlässig und vor allem regelmäßig bediente. Seine Ehrendoktorwürde - »erworben« und bezahlt in Weißrussland – verschaffte ihm seit über 20 Jahren den Zugang zu genau der Zielgruppe, die mit dem schönen Schein auch selbst Geschäfte machte. In seinem handgeschriebenen Notizbuch fanden sich die Namen von Designern und Künstlern, von Studios und Galerien, von Möbel- und Kunsthändler und natürlich von deren Freunde und Familien. Sie alle erhielten diskret und in kleinen Portionen jede gewünschte Droge – ihre Vorlieben hatte Weinstein selbstverständlich in codierter Form notiert, es gab nur dieses Papier, keine Datenbank, kein Cloud-Computing, kein gar nichts.

Weinstein beherrschte die Grundregel des Marketing im Schlaf: Die Segmentierung des Marktes, die Spezialisierung auf einen ausgewählten Kreis von Menschen und die Positionierung des genau richtigen Produktes. Er hatte sich auf kaufkräftige Zielgruppe, die Designer und deren Vermarkter fokussiert. Sein eigenes Kommunikationsverhalten entsprach seiner Targetgroup, die immer an der Spitze der Bewegung agierte und sich selbst als Early Adopters bezeichnete. Bei einer Übersetzung, etwa Frühzeitige Anwender, würde diese hippen Menschen nur das Gesicht verziehen, sie kauften diese neuen Produkte gerade deshalb, weil sie noch keiner hatte. Und nahmen dabei in Kauf, dass sie in den meisten Fällen noch unausgereift waren: Das Bananenprinzip – die Produkte reifen beim Kunden.

Herbert Weinstein konnte sich guten Gewissens als der Entdecker dieses Marktsegmentes bezeichnen – zumindest, was die Produktpalette von Drogen anging. Seine exzellente und europaweit agierende Crew hatte seine Marketingphilosophie komplett verinnerlicht. Im Hamburg-Hauptquartier verließ sich Weinstein blind auf seinen »ersten Offizier«, eine Frau. Diese Offiziersorganisation war keineswegs militärisch motiviert, Weinstein war eben nur seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Trekkie. Und diese Verehrung reichte weit zurück, so weit, dass man in Deutschland in den Anfangsjahren noch von Raumschiff Enterprise und nicht von Star Trek gesprochen hatte.

»Herbert, die amerikanischen Kollegen haben uns ausgewählt, ein neues Produkt im Markt zu etablieren« verkündete diese ersten Offizierin Esther von Sonnenkamp.

»Was verschafft uns diese Ehre, liebste Esther? Sonst sind die Amis doch so zaghaft und überlassen das Testen lieber den Asiaten.«

»Im asiatischen Markt verstopfen die Wettbewerber gerade das Neuproduktfeld. Dort ist erst wieder in drei bis vier Monaten Platz. Außerdem ist das Design perfekt auf Europa zugeschnitten worden.«

»Dann haben wohl unsere Bitten bei letzten Global Meeting in San Francisco gefruchtet? Deine hübschen Charts waren aber auch so was von eindrucksvoll.«

»Keine Ironie, Herbert. Du kennst mich doch besser als mich selbst. Wenn ich mir in den Kopf gesetzt habe, die US-Amerikaner von unserem Markt zu überzeugen, dann will ich das auch im gleichen Quartal umsetzen.«

»Und da haben dir unsere American Friends eine Freude machen wollen?«

»Wenn du es so sehen willst, von mir aus. Das Premiumprodukt hat vier Jahre Entwicklungszeit gekostet und die Konzernleitung erwartet den Investitionsrückfluss nach einem Jahr.«

Herbert Weinstein und Ester von Sonnenkamp wussten genau, dass dieses Ziel sehr ambitioniert war. Das schöne daran war: Wenn sie genau diese Vorgabe erreichen würden, stünden ihnen in Zukunft alle Mittel zur Verfügung, die sich nur erträumen konnten.

»Also ran an die Arbeit« motivierte Weinstein. »Wir brauchen fünf bis zehn Coaches, die die Präsentation im Vertrieb mit allen Mitarbeitern vorbereiten.«

»Aye aye, Captain. Darf ich folgenden Zeitplan vorschlagen: Schulung auf dem neuen Produkt in den nächsten drei Tagen, Einladung der Top-Verkäufer zur Verkaufsparty am nächsten Wochenende. Vertrieb an die Zielgruppe ab Montag nächster Woche.«

»Machen Sie es so« zitierte Weinstein mit dem obligatorischen Fingerzeig sein großes Vorbild Captain Jean-Luc Picard aus Star Trek. Dessen »Make it so« hatte, inklusive der schlechtesten deutschen Übersetzungs-Synchronisation aller Zeiten längst Kultcharakter.

Die Marketingmaschinerie lief an. Im Intranet des Konzerns wurden zuerst die deutschen und die Schweizer Kollegen informiert, deren Absatzzahlen die höchsten Sprungraten auswiesen. Das Privileg der ersten Information, auch wenn es dabei nur um Minuten ging, wurde bei der Organisation kultiviert wie nirgends sonst. Danach waren Mitarbeiter in Russland und die Nordländer dran. Zum Schluss alle die, die sich bei Verkaufssteigerungen noch mit Auszeichnungen wie Leader of the week herumschlagen mussten.

Sie alle fanden auf ihren Smartphones die Einladung zur Präsentation nach Berlin. Wie immer getarnt als First-Look-Präsentation des Modelabel Cocaine. Das war schon wieder so offensichtlich, so krank in der Verdrehung, dass keiner der selbstverliebten Drogenfahnder Verdacht schöpfen könnte. Auf ihren blass schimmernden Display flossen Sonne und Mond zu einem einzigen Symbol zusammen und darunter erschien, matt grau, der Name der Droge, die Europa im Sturm erobern sollte:

EQUINOX

Die Präsentation im Palaissaal des Hotel Adlon Kempinski Luxury 5 star hotel war ein Knaller: Weinstein ging auf die Bühne, begrüßte seine Gäste, womm, Licht aus. Die großen, roten Flügeltüren gingen auf, die Kellner brachten luxuslinermäßig auf silbernen Tabletts das Equinox herein, die Wunderkerzen glühten um die Wette. Dann standen sie vorne und präsentierten das neue Produkt, hatten natürlich keine Ahnung, was sie da auf ihren Tellern trugen. Die Kristallleuchter dimmten hoch, Applaus, Euphorie, die Zuhörer wussten ganz genau, was die Kellner dort auf den Tellern trugen. Die Organisation hatte es mal wieder geschafft, »Wo wir sind, ist vorne». Die Vorhänge vor den Fenstern hoben sich und gaben den Blick frei auf die Quadriga, auf das Brandenburger Tor, der Streitwagen könnte mit Apollon-Weinstein besetzt sein, »First we take Manhattan, then we take Berlin«.

»Meine Damen und Herren, wir präsentieren Ihnen Equinox. Ein Produkt, das Wünsche wahr werden lässt, das Träume in Wirklichkeit verwandelt. Die Brüder Grimm haben im Froschkönig noch geschrieben ' In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat'. Jetzt leben wir in neuen Zeiten und, so wahr, wie ich hier stehe: Das Wünschen hilft wieder!

Das Publikum hing an Weinsteins Lippen.

»Praktisch ohne Nebenwirkung steigen Sie mit Equinox in der Traumwelt ein. Nur: Diese Welt kommt Ihnen wie die Realität vor und sie erinnern sich nach dem 'Aufwachen' auch an alles. Nicht wie früher, als sie nachts vom Eis geträumt haben und morgens enttäuscht feststellten, dass sie gar kein Eis gegessen haben. Dank Equinox haben sie das Eis gegessen, ihre unbewussten Träume sind bewusst geworden. Alles, was sie ausleben wollten, leben sie jetzt auch aus. Und zwar ohne Cyberbrille, alles dank der Kraft ihrer eigenen Gedanken.«

Weinstein konnte gut erkennen, dass einige in der ersten Reihe am liebsten sofort eine Kostprobe geschluckt hätten. Doch das verbot der Dealer-Ehrenkodex in diesen Kreisen: Schluckte man erstmal das Zeug, was man vertickte, war man auch nur noch das arme, abhängige Schwein, dass die meisten hier verdrängten.

»Ich möchte Sie bitten, die Ihnen zugeteilten Rationen zuerst im Premium-Markt zu verteilen und ihre Zielkunden auch entsprechend kommunikativ zu bearbeiten. Wir wollen hier Sog-Marketing betreiben und sie alle wissen, was das bedeutet: Die Kunden werden uns Equinox aus der Hand reißen!«

Eine Woche nach dieser Präsentation sollte um Punkt Mitternacht an einem Montag der Verkauf in den Hauptkanälen beginnen, praktisch in allen Unternehmen und Organisationen, die das Wort Design im Namen trugen. Die Kunden mussten dafür nicht vor den Filialen campieren, um an die begehrten ersten Exemplare zu kommen. Ein Heer von Verkäufern in René-Lazard-Anzügen (verkauft früher mit dem Claim »Leider teuer«) stellte die Verteilung diskret sicher.

In einer mündlichen Umfrage würden diese Erstkunden dann die Wirkung beschreiben, von Außendienstlern in Fragebögen penibel dokumentieren. Scouts hatten schon vor vielen Monaten die Top-Kundschaft identifiziert und mit viralem Marketing angesprochen. Wobei damit nichts anders als die gute alte Mundpropaganda gemeint war.

Nur: Leider hatten Weinstein und von Sonnenkamp nicht damit gerechnet, dass das Premiumpulver Equinox eine ganz andere Wirkung hatte als in der Zielgruppe erwartet. Und die Kundschaft auch enorme Schwierigkeiten dabei haben würde, die Wirkung zu beschreiben, geschweige denn noch einen Fragebogen auszufüllen.

Denn die amerikanische Muttergesellschaft war zum ersten Mal in der vierzigjährigen Firmengeschichte der Organisation instrumentalisiert worden. In Dealerkreisen hätte man es wohl einfacher gesagt »Die haben euch reingelegt, ihr Anfänger!«

Königin Rachel

Wenn die Mitarbeiter des Kreativ-Studios De|Sign hätten wählen können, sie hätten sich entschieden, diesen Tag, diesen Freitag im Mai für immer aus ihrer Erinnerung zu löschen.

Dabei war alles wie immer gelaufen:. Rachel Rutenberg parkte vor den Bürotürmen der Hafencity, stieg aus ihrem stahlgrauen Aston Martin DB 5, Baujahr 1964. Weit durfte man diesen Klassiker nicht bewegen, doch auf dem Weg zwischen ihrem Penthouse im Marco Polo Tower zum Studio klickte der analoge Kilometerzähler sowieso nur zwei Mal.

Aus den Lautsprechern wummerte La Traviata und erstarb in derselben Sekunde. Sie schritt mit strammen Schritten zum Vorstandsaufzug, der sie - nonstop - in die zweiundzwanzigste Etage katapultieren würde.

»Freitag«, dachte Rachel, »Freitag ist der schönste Tag der Arbeitswoche.«

Alle waren schon halb im Wochenende und sie machte sich bereit, ihren Leuten dieses wollige Gefühl inklusive Barbecue-Bundesliga-Vorfreude gründlich zu vermiesen. Die Wettbewerber waren nämlich in ähnlichen Weekend-Moods, der eine oder andere Kunde war im Pitch heute zu gewinnen. Der frühe Vogel fängt zwar den Wurm, gefressen wurde er aber am Freitag zum Business-Lunch.

In Etage 22 warteten bereits zwei Lasse und ein Assistent auf Anweisungen - Rachel war ein Gender-Meister, der die beiden Geschlechter virtuos gegeneinander ausspielen konnte. Die drei Mitarbeiter standen selbstverständlich direkt an der Fahrstuhltür, selbstverständlich mit den kleinen Factsheets aus Karton, die Rachel so sehr liebte. Fast mehr liebte als Arthur, ihren Basset Fauve de Bretagne, und Pierre, den Kosenamen für ihren Lieblings-Champagner Dom Pérignon, benannt nach dem Erfinder der Méthode champenoise, Pierre Pérignon. Genau in dieser Reihenfolge: Sheets, Arthur, Pierre.

Auf diesen Fakten-Karten standen in gestochenscharfer Handschrift die Tageziele, die Golden Goals, wie Rachel Rutenberg sie nannte. Diese Ziele mussten eingehalten werden – auch wenn es die ganze Nacht kosten würde bis zu den Tageszielen am nächsten Morgen. Niemals in der vierzehnjährigen Geschichte des Studios waren diese Golden Goals nicht erfüllt worden, niemals. Doch was ist schon ein »Niemals« in der Kreativbranche. Heute Mittag würde wieder der Beweis angetreten, dass Träume ab und zu wahr werden und sich dann, leider, als Alpträume entpuppen.

De|Sign stand für den Kampf der Kreativ-Eitelkeiten, der narzisstisch Gestörten, um die Preise untereinander und danach für den Kampf um die Kunden. In dieser Reihenfolge selbstverständlich, denn das Gewinnen des Golden Löwen auf dem Festivals in Cannes befriedigte das Ego der Kreativen für viele Monate. Erst danach kam die zermürbende Arbeit mit dem Kunden, der die kreative Arbeit eines Studios sowieso nicht verstand und damit auch nicht entsprechend huldigen konnte.

De|Sign war das Werk seiner Gründerin Rachel Rutenberg, deren Auftreten in der Branche immer Angst und dann meerschweinchenhafte Panik mit erfolgloser Schutzsuche auslöste. Ein Designer hätte beim Vergleich des Studios De|Sign mit einem Bienenstock sicherlich die Denkerstirn in Falten gezogen – nicht kreativ genug. Und doch stimmte dieser Vergleich: Die Königin kümmerte sich in ihrem Bau ausschließlich um den Erhalt des Schwarms und, dies traf vor allem auf Rachel Rutenberg zu, hatte dabei einen enormen Verbrauch von Drohnen.

Das Designstudio war streng hierarchisch aufgebaut: An der Spitze die Inhaberin und darunter, Steinchen für Steinchen, die Abteilungen für Kontakt, Controlling und Kreativ-Design. Alle drei Abteilungen verstanden sich, wie es sich für Wirtschaftsunternehmen gehörte, überhaupt nicht und kommunizierten untereinander am liebsten mit E-Mails. Auch wenn sie sich, dank Matrix-Organisation, gegenüber am Schreibtisch saßen. Wer zuviel redete, gab zuviel von sich preis, war die ungeschriebene Regel im Design-Business und die gelebte Regel bei De|Sign.

Arschloch

»Lasse, du bist so ein …..«

»Arschloch?«

Nola war einigermaßen beeindruckt, dass sich ihr »Freund« Lasse überhaupt dazu herabgelassen hatte, mit ihr diesen Ausflug in den Zoo zu machen. Jetzt versaute er ihr auch noch den finalen Auftritt und erriet ihre Lieblingsbezeichnung für Lover kurz vor der Exekution.

Lasses Hang zu zynischen Kommentaren war einer der Gründe, warum ihre Liebe erkaltet, warum alles verdorben war:

»Elefanten in Gefangenschaft, möglichst in der dritten Generation gezüchtet, verfallen in eine Art Lebenskoma und können trotzdem die Tagesroutinen vor Publikum durchführen.«

»Die Fische können uns nicht sehen, die Innenseite des Glases wirkt als eine Art Spiegel – sie sehen sich also nur selbst und sind erleichtert, unter Artgenossen zu sein.«

Das waren die noch harmlosen Bemerkungen, Lasse hatte vor, sich im Laufe des Nachmittages noch erheblich zu steigern. Dazu fehlte Nola die Kraft und sie schlug vor, eine Auszeit im Zoo-Café zu nehmen und ihre Beziehung, wie sich gerne ausdrücke, »zu thematisieren.«

Nur, Lasse hatte die Lust an diesem Thema schon vor Wochen, vielleicht auch schon vor Jahren verloren. Er lief im Laufrad seiner kleinen Hamsterwohnung, arbeitete sich voran – und doch wurde sein Fleiß nicht belohnt. Seine Besitzerinnen verlangten immer neue Kunststückchen, die er von Natur aus leider nicht beherrschte. Gerne wäre er ein One-Trick-Pony, das sein ganzes Leben lang eben nur den einen, dafür gekonnt ausgeführten, Trick kannte.

Wenigstens war das Trennungsgespräch im Zoo-Café mal etwas Neues. ER hatte den Mut aufgebracht und sich getrennt. ER konnte seine trockenen Tränen den Nashörner präsentieren, die ihn seltsamerweise trösteten. Es waren ja auch Nashörner und keine Krokodile. Vor Nola hatten in diesem Jahr von ihm auch Maike, Rafaela, Felice und Ella diverse Kunststückchen verlangt. Er hatte mit seinen treuen Hamsteraugen in die unerbittlichen Gegenüber geblickt, hilflos und überfordert.

Schluss damit, Lasse hatte sich entschlossen, Rache zu nehmen an den Dressurversuchen seiner Freundinnen. Speziell an einer, die ihn so eiskalt abserviert hatte, dass seine Wohnung noch tagelang die Betriebstemperatur eines Bofrost-Autos anzeigte: Rachel Rutenberg, Besitzerin des Studios De|Sign.

Dies eine Mal würde er ihr jeden Cent zurückzahlen, sie sollte für alle Nolas, Ellas und so weiter gleich mit büßen. Es gab eine Reihe von offenen Rechnungen, die Lasse jetzt eintreiben würde. Rachel musste bezahlen, noch diese Woche und hoffentlich das verlieren, was ihr am Herzen lag: ihren exzellenten Ruf.

Rachel hatte bei Lasse in den letzten sechs Monaten ihr Meisterwerk der Dressur vollenden wollen. Natürlich ging es um Macht, deshalb hatte sie sich die auch das Designstudio angeschafft. Vor allem Macht gegenüber Männern und die subtile Art und Weise, sie dort zu kränken, wo es Männer am meisten ausmachte – in der Arbeit. Im Hollywoodfilm hätte Rachel die dunkelhaarige Rivalin gespielt, die den Protagonisten zum Schluss an die Blondine verliert. Und genau das war ihr egal, sie legte es vielmehr darauf an. Kurz vor dem Verlieren holte sie meistens zum finalen Schlag aus und hinterließ ihre Männer als gescheiterte Existenz, die noch nicht einmal den Gang zum Rechtsanwalt wagten.

Lasse Torbo war ihr klassisches Beuteschema: Als sie ihn als Branding-Director einstellte, vereinte er alle Charaktereigenschaften, die sie zu brechen gedachte. Das eitle Kreative, das machohafte Herumkommandieren und die beleidigte Leberwurst waren die drei Lasse-Hydras, die Rachel je nach Gusto gegeneinander ausspielen konnte. Sie folgte einer perfiden Strategie - dass Lasse ihr Mitarbeiter war, gehörte immer zum Konzept.

Natürlich hatte sie gleich am Anfang mit ihm geschlafen, damit er sich in Sicherheit wiegte. Im Bett gab er bereitwillig Auskunft, wer im Studio schlecht über sie redete und wer hoffnungslos demütig war. Doch als Informationsquelle hatte Lasse schnell seinen Reiz verloren, er sollte heute der Prototyp ihres ausgefeilten Bossings werden – die Mobbingvariante, bei der der Chef der Böse ist.

»Herr Torbo, kommen Sie doch mal in mein Büro« sagte Rachel möglichst beiläufig und laut genug, dass alle im Großraumbüro es hören konnten.

Als Lasse die Tür, genauso hörbar für alle, hinter sich zuschlug, musste er sich sichtlich zusammennehmen: »Hey, Rachel, was soll die Siezerei und vor allem: dieser Befehlston?«

»Zu den Statuten eines Designstudios gehört nun mal der Umgangston« erwiderte Rachel, wohl wissend, dass sich alle im Studio duzen. Außer den Praktikanten, die waren in Augen der Festangestellten sowieso nur Inhuman-Kapital.

»Genug der Flötens, was kann ich für die werte Studioinhaberin tun?«

»Zuerst einmal solltest du deinen Textmist von gestern überarbeiten, damit wir unserem Kunden ausnahmsweise mal Qualität liefern.«

»Schön, dass wir wieder beim 'Du' sind. Ich kann mich leider nicht erinnern, jemals so etwas wie 'Mist' abgeliefert zu haben.«

»Lasse, nur weil wir miteinander schlafen, heißt das nicht, dass ich nachsichtig mit deiner Arbeit bin.«

»Nachsichtig, nachsichtig« äffte Lasse sie nach und fühlte sich leider wieder einmal an seine Mutter erinnert. Obwohl der Altersunterschied zwischen ihm und Rachel wohl ähnlich groß war.

»Das wäre doch jetzt einmal die Zeit für eine Spitze« dachte er sich und verwarf den Gedanken ob seines sichtlich schlechtgelaunten Bosses.

Rachel knallte seinen schönen Pappschilder mit den ausarbeiteten Entwürfen auf den Tisch, wiederum deutlich sichtbar für alle Angestellten, die das Pärchen im gläsernen Büro wie in einem Aquarium betrachteten. Rachels Ex-Lovers aus früheren Zeiten konnten die Dialoge im Geiste zumindest mitsprechen und genossen das Schauspiel, das Showdown, das unvermeidliche.

»Ja genau, Nachsicht, mein lieber Lasse, können wir uns bei der angespannten Marktsituation nicht erlauben.«

Lasse wusste, dass »mein lieber Lasse« nur der Anfang vom Ende sein konnte. In der Woche vorher war er noch »mein Süßer«, »mein Liebster« und kurz davor noch »Mein Hengst« gewesen. Dies Kosenamen-Zeit war wohl endgültig vorbei: »Und was soll ich deiner Meinung nach verändern, was genau ist 'Mist'?«

Eine strategisch unkluge Frage, denn Rachel erwartete bei dem Stichwort »Mist« normalerweise keine Nachfrage sondern Schwanzeinziehen.

»Mein lieber Freund«, schlimmer ging es jetzt nicht mehr, »du machst jetzt mal deine Hausaufgaben, sonst verlierst du diesen Kunden.«

Lasse wusste genau, dass seine Präsentation Extraklasse war, das Briefing des Kunden Punkt für Punkt abgearbeitet und dann kreativ gebrochen, dass allen im Meeting schon der Atem gestockt war. Er war jetzt Teil des Rachel-Spiels, gespielt auf der Bühne ihres Glasbüros. Keine Premiere, sondern eine Wiederaufnahme wegen des großen Erfolges. Aber diesmal sollte sich das Publikum wundern, denn er hielt sich nicht an seinen Text und den schnellen Abgang: »Hör zu Rachel, du weißt ganz genau, dass das hier Spitzenqualität ist, first flush. Ich glaube aber vielmehr, du willst mich hier abservieren. Der Kunde vertraut mir mehr als dir.«

Ein ungeschriebenes Gesetz der Organisation besagt: Wer Die Organisation in Frage stellt und das Schauspiel entlarvt, ist zum Abschuss freigegeben. Die Rolle »Aufklärer« wurde auf der Bühne nicht besetzt, selbst die systemische Unternehmensberater hatten sich vor Jahren von dieser Rolle verabschiedet und lieber weitere Rechnung geschickt. Warum Lasse das ihm bekannte, das allen bekannte, Gesetz brach, war wohl seinem Hang zum Risiko zuzuschreiben. Er gab alles, endlich einmal ein überraschtes Gesicht von Rachel Rutenberg, der eiskaltesten Lady des Designuniversums, zu sehen zu bekommen.

Und Rachel enttäuschte ihn nicht: »Da hat dir der Ruhm wohl die Sinne vernebelt« war zunächst alles, was ihr einfiel. Kaum drei Sekunden später aber noch dies, mehr im brüllenden Ton: »Und diesen Nebel, Herr Torbo, beabsichtige ich nicht zu lichten. Ich nicht!«

Sie öffnete die Tür und konnte gerade noch sehen, wie sich in den Gesichtern einiger ihrer Angestellten die blanke Angst zeigte: »Raus und raus heißt: Bis 14 Uhr haben Sie ihren Schreibtisch zu räumen.«

Da war Lasse dann doch überrascht: »Du feuerst mich, deinen besten Designer? Nur weil ich deine Eitelkeit gekränkt habe?«

Im gesamten Großraumbüro war eine sakrale Stille eingekehrt. Die Gemeinde in der De|Sign-Kathedrale hatte andächtig der Predigt ihres Herrn und Meisters gelauscht. Und da hatte ein Abtrünniger zum ersten Mal das Haupt erhoben und die Wahrheit verkündet. An Atmen war über einen längeren Zeitpunkt nicht zu denken!

Rachel spürte die Erwartungshaltung ihrer Mitarbeiter und sie machte das, was sie am besten konnte: Auf dem Höhepunkt der Emotionen den Saft abdrehen. Sie drehte sich leicht nach rechts und sagte zu einer ihrer Assistentinnen: »Frau Herford, bitte zeigen Sie doch Herrn Torbo unsere Auswahl an Pappkartons, die wir zu diesem Zweck bereithalten.« Dann drehte sie sich um, schloss die Tür und kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück.

Für Lasse war die Situation längst nicht so souverän lösbar. Er hob die Hände gleichzeitig und sagte eher leise »Entschuldigt, Majestät, dass ich mein Talent in diesem Loch vergeudet habe. Ich werde beim nächsten Mal besser aufpassen.« Dann ignorierte er die dargebotenen Kartonalternativen und schritt von dannen. In seinem Büro angekommen, war der Plan schon geschmiedet. Eine, von ihm geliebte, Mindmap hatte schon ihre Krakenarme ausgebreitet und eine Fülle von Ideen an ihren Enden generiert.

Denn woran Rachel nicht im Traum dachte, sollte sich dennoch bewahrheiten: Lasse würde als erster Mann in einer langen Reihe von Männer Rache üben. Rache war von Studiobeginn an das Heimatgebiet von Rachel, schon wegen des klitzekleinen »l«-Anhängsels in ihrem Namen.

Lasse war auf diesem Gebiet neu, für ihn machte es aber, rein emotional, keinen Unterschied. Besser gesagt, nach einer Wartezeit von ein paar Tagen würde keiner seiner Kollegen mehr Verdacht schöpfen, dass ausgerechnet er, der treue und stille Lasse, der Auslöser des Chaos sein sollte.

Der Köder muss dem Angler schmecken

Lasse Torbo überließ bei seiner Rachel-Rache nichts dem Zufall. Er kaufte sich sogar eine Projektmanagement-Software, um den Überblick zu behalten. Den Überblick über die Zerschmetterung des Imperiums von Rachel Rutenberg und damit von Rachel Rutenberg selbst, da war sich Lasse sicher.

Er musste Rachel an ihrer empfindlichsten Stelle treffen, ihre Eitelkeit. Und diese Eitelkeit war mit ihrem Lebenswerk so gut wie verwachsen: De|Sign. Würde er das Studio ins Chaos stürzen, wäre es auch schnell um den Ruf von Rachel Rutenberg geschehen.

Lasse wusste aus Designer-Erfahrung, dass sich Kunden ungern länger an ein einzelnes Studio binden wollten. Zu groß waren die Befürchtungen der Top-Executives, dass diese »Designheinis« in ihrer hemmungslosen Selbstverliebtheit das Klientel nach Strich und Faden ausnehmen wollten. Zudem war die Kreativität unter den Designer eher dünn gestreut, die Geschäftsführer und Inhaber von Studios mussten schnell einen neuen Kunden aus der Schublade ziehen. Oder Präsentationen gegen andere Studios gewinnen in den so genannten »Pitches.«

Lasse hatte es genau auf die zwei Pitches abgesehen, die am Donnerstag dieser Woche in den Studioräumen von De|Sign über die Bühne gehen sollten. Zwei Interessenten hatten sich angekündigt, die Mitarbeiter von De|Sign waren seit drei Tagen und drei Nächsten mit der Präsentation des neuen Produktdesign beschäftigt.

Rachel Rutenberg hatte erst in der Woche davor erfahren, dass sich ihr bisher größter Kunde aus der Automobilbranche anders orientieren und ein international erfahrenes Studio mit dem neuen Budget betrauen wollte. Sie war dafür bekannt, nicht eine Zehntel Sekunde zu zögern sondern ruhig und locker zu handeln– zumindest nach außen hin. Hinter den Kulissen telefonierte sie mit vier Marketingverantwortlichen und erreichte bei Zweien die kurzfristigen Wettbewerbspräsentationen. Nur die Zartbesaiteten der Branche würden bei Rachels Methoden von »Erpressung« sprechen. Einer ihrer Opfer war Robert »Bob« Degenhardt, Marketinggebieter über Shampoos und Kosmetika.

»Hallo Bob, was machen die Geschäfte? Verkauft ihr überhaupt noch etwas, ich sehe weder Spots noch Plakate.«

Bob kannte sich mit Eröffnungsphrasen von Rachel Rutenberg hervorragend aus. Sie rief nur an, wenn sie am Schluss des Telefonats etwas für sie heraussprang. Profane Fragen zur Verkaufs- und Renditeentwicklung hatten ihre Mitarbeiter aus dem Controlling sicher längst wasserdicht ermittelt.

»Nein Rachel, wir verkaufen unsere Shampoos hervorragend. Übrigens mit Hilfe von Fernsehspots und Plakaten.«

»Spaß beiseite, Bob. Natürlich habe ich die Spots und Plakate gesehen. Ich glaube allerdings, nur ich habe das grottenschlechte Design euerer Verpackung wahrgenommen und nicht eure Zielgruppe.«

Bob Degenhard kannte auch diesen Part des Dialoges nur zu gut. Rachel würde die Qualität des Wettbewerbs ohne viele Worte in Grund und Boden stampfen. Er entschloss sich zu einer Abkürzung: »Dies führt uns, liebe Rachel, zu einem Pitch, in dem du zeigen kannst, es besser zu machen?«

»Brav, liebster Bob, sehr brav. Wäre diese Woche Donnerstag Recht?«

Diese Verabredung hatte den Charme eines Dates mit einer Domina, der keinesfalls zu widersprechen war. Bob kannte Rachels Terminansagen seit vielen Jahren. Eine dieser »Terminanfrage« war ihm am besten und leichtesten im Gedächtnis geblieben. Kurz nach Rachels und – leider – kurz vor seinem Orgasmus in ihrem kuscheligen Penthouse-Kingsizebett.

»Rachel, ich versuche, den Vorstand am Donnerstag mitzubringen.«

»Wie du weißt, ist der Versuch immer zu schwach. Ich freue mich schon sowohl auf den geschätzten CEO als auch auf dich. Bye, bye.«