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Andreas Knierim erhält über fünf Monate Nachrichten von "Isabelle Hüter". Sie bewohnt, nach eigenen Aussagen, das Kunstwerk von Song Dong "Doing Nothing Garden" auf der dOCUMENTA (13) in der Karlsaue in Kassel. Isabelle Hüter schreibt: "Ich habe mich entschieden, endlich Kunst zu sein. Als Frau von knapp 50 Jahren wohne ich in einem Kunstwerk der documenta. Genauer gesagt: in einem Erdhügel. Die erfolgreiche Quotenfrau aus dem Vor-stand eines Industriekonzerns wohnt in einem Erdhügel." In diesem Buch sind erstmals alle Hüter-Botschaften aus dem documentablog und alle Kommentare von LeserInnen versammelt. Der Briefverkehr mit der documenta-Pressestelle und dem Künstler Song Dong ist dokumentiert, die Vorgeschichte des Blogs wird zum ersten Mal erzählt.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Andreas Knierim
Nichts. Tun. Inside documenta.
Isabelle Hüters Lebenszeichen aus dem Erdhügel der dOCUMENTA (13)
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über den Autor
Über dieses Buch
Isabelle Hüter
Ich lebe in einem Erdhügel
Shit happens eben doch
Aber ich kann doch raus
Meine Rettungsinsel
Sabbatical
Auf dem Fahrrad in den Sonnenuntergang
Der immerwährende Kampf gegen den Zynismus der Welt
Abgeholt von den documenta-Leuten
Alles macht Sinn in diesem Augenblick
Ich war die Müllabfuhr
Es kotzt mich an
Die Regie meines eigenen Lebens
Dankbarkeit auf chinesisch
Das Glück durchströmt mich
Unterwegs in Kassel
Erschüttert in den Grundfesten des Lebens
Selbsthilfe erstens und zweitens
Der Panzer aus meiner Karriere kriegt ein Loch
Überrannt von Menschen
Ich danke Ihnen
Zerstörung und Heilung
Ich bin gesund, das System ist krank?
Das Sein im Sein
Ich atme das Bild
Marcos
Sex im Hügel
Meine Muster und ich
»Glück«
Drauf-gucken statt drin-sein
Der Regen
Die Freude
Die Stille
Nichts. Hoffnung. Und eine Bitte um Antwort
Ich fühle mich wertgeschätzt
Mein Experiment
Mut. Im Park. Und im Dorf
Noch ein bisschen im Dorf
Nichts tun. Und meine Mutter kommt
Ich blühe wie eine Rose
Bin ich das überhaupt noch? Und: Ich trage keinen Hut!
Die Medien sind wir selbst
Sternzeit
Was ist, wenn das hier nicht mehr ist?
Darf ich endlich?
Geführt sein
Oben der Himmel.
Aufräumen. Und die Liste meiner Erfolge.
Glashaus. Ruhe.
Die Welle
Meine Schule des Sehens und des Hörens
Therapie mit dem ersten Schritt: Abschied
Dank
Informationen und Kontakt
Impressum
Über den Autor
Andreas Knierim, Jahrgang 1962, schreibt seit 1999 Kurzgeschichten, Romane und Blogs, veröffentlicht unter http://www.andreas-knierim.de.
Die documenta lernt er 1964 als Zweijähriger kennen. Seitdem ist er vom Bazillus der weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst befallen.
1982 dreht er zur documenta 7 den Super-8-Film »Gott, zeig' mir deine Eier« und zeigt im Dachkino die documenta-Filme.
1987 arbeitet Knierim bei der documenta 8-Pressestelle, 1992 bietet er den DOCUMENTA-IX-V.I.P.-Service an.
1997 ist er Marketingleiter der documenta X im Team um die künstlerische Leiterin Catherine David.
2002 empfängt er mit Coachingkollegen zur DOCUMENTA11 über 200 Gäste zum Open-Space-Kongress »Art meets Coaching«.
2007 moderiert Knierim viele Veranstaltungen des docccSalons, dem Begleitprogramm der cassel creative competence e.V. zur documenta 12.
Über dieses Buch
Andreas Knierim erhält über fünf Monate Nachrichten von »Isabelle Hüter«. Sie bewohnt, nach eigenen Aussagen, das Kunstwerk von Song Dong »Doing Nothing Garden« auf der dOCUMENTA (13) in der Karlsaue in Kassel.
Isabelle Hüter schreibt: »Ich habe mich entschieden, endlich Kunst zu sein. Als Frau von knapp 50 Jahren wohne ich in einem Kunstwerk der documenta. Genauer gesagt: in einem Erdhügel. Die erfolgreiche Quotenfrau aus dem Vorstand eines Industriekonzerns wohnt in einem Erdhügel.«
In diesem Buch sind erstmals alle Hüter-Botschaften aus dem documentablog und alle Kommentare von LeserInnen versammelt. Der Briefverkehr mit der documenta-Pressestelle und dem Künstler Song Dong ist dokumentiert, die Vorgeschichte des Blogs wird zum ersten Mal erzählt.
Isabelle Hüter
Was würden Sie tun, wenn Ihnen eine Frau schreibt und behauptet, sie lebe in einem Erdhügel der dOCUMENTA (13)?
Als Betreiber des Blogs »Arbeitsleben. Nachrichten aus der Zwischenwelt der persönlichen Karriere« erhalte ich viele Zuschriften von Menschen in Veränderungsprozessen. Im Blog gibt es den Aufruf, mir Beiträge zu schicken, die ich dann anonym veröffentliche (http://www.blog.andreas-knierim.de).
Die Geschichte von Isabelle Hüter - so nennt sich die Absenderin des ersten Briefes - ist eine andere, viel komplexe. Das wird mir schnell klar.
Nur: Was mit dieser Geschichte anfangen?
Laut eigener Aussage hat sich Frau Hüter entschlossen, in einem Kunstwerk der dOCUMENTA (13) zu leben, genauer gesagt im »doing-nothing-garden« des Künstlers Song Dong. Dieser Hügel befindet sich auf der Kasseler Karlsaue, zirka 100 Meter von der Orangerie entfernt.
Ich beschließe, Frau Hüter zu glauben und ihr ein Forum zu schaffen. Nicht innerhalb des Arbeitsleben-Blogs, sondern in einem eigenen, dem »documenta-Blog«: http://www.documenta.andreas-knierim.de. Eine spontane Entscheidung, ich habe das Gefühl, Frau Hüter braucht einen eigenen Platz.
Der Titel »Nichts. Tun. Inside documenta« ist eine Gemeinschaftsproduktion von Frau Hüter und mir und bezieht sich auf den Titel des »doing-nothing-garden«. Frau Hüter weiß schon im April, dass es dieses Kunstwerk geben wird, kann den Titel und den Künstler benennen, obwohl doch alles noch seitens der dOCUMENTA-Leitung geheim ist. Das spricht für sie und ihre Glaubwürdigkeit.
Ich lese Isabelle Hüters Text und bin beeindruckt von ihrem Mut, ein »Sabbatical« einzulegen und in diesem Erdhügel zu wohnen. Wie ihren Texten zu entnehmen ist, arbeitet sie als Chief Human Resources Officer in einem Konzern, hat dort im Dezember 2011 um eine Pause von einem Jahr gebeten, der ihre Vorstandskollegen auch zugestimmt haben. Sie bewirbt sich als »Worldly Companion« bei der dOCUMENTA (13) und trifft auf Song Dong. Dann zieht sie in den Erdhügel ein.
Natürlich habe ich keinerlei Möglichkeiten, ihre Geschichte zu überprüfen. Eine Nachfrage bei der documenta-Leitung würde keine Verifikation der Geschichte bewirken. Denn die documenta kommentiert traditionell keine Spekulationen über Künstlernamen und Kunstwerke in Kassel.
Auch ist davon auszugehen, das »Isabelle Hüter« ein Pseudonym ist - eine Suchmaschinen-Abfrage ergab keine (!) Treffer zu ihrem Namen. Dies ist ein sehr untypischer Vorgang, lässt aber auf die Umsicht der Autorin bei der Wahl ihres Pseudonyms schließen.
Der Blog erscheint zeitgleich außerdem auf Facebook (http://www.facebook.com/documentablog und auf Twitter (http://www.twitter.com/documentablog) mit der folgenden Botschaft:
Ich lebe in einem Erdhügel
11. April | Ich wollte schon immer Teil eines Kunstwerkes sein. Ganz eintauchen in diese fremde Welt. Es durch mich durchfließen lassen. Leuchten.
Schon als kleines Mädchen stand ich in der documenta 5 vor einer Regalwand mit lauter Nippes, der mich begeisterte - das Maus Museum von Claes Oldenburg. Sagte mir später der Katalog in Form eines Plastikordners mit Ameisen drauf.
Ich wollte mich in dieses Maus Museum setzen. Denn da war noch ein Fach frei für mich. Ein Museumswärter und meine Eltern verhinderten den Beginn meiner Künstlerkarriere. Erfolgreich. Leider.
40 Jahre später, genauer gesagt vor einem Monat, habe ich mich entschieden, endlich Kunst zu sein. Als Frau von knapp 50 Jahren wohne ich in einem Kunstwerk der documenta. Genauer gesagt: in einem Erdhügel. Die erfolgreiche Quotenfrau aus dem Vorstand eines Industriekonzerns wohnt in einem Erdhügel.
Im documenta-Regiowiki findet sich zum »Maus Museum« von Claes Oldenbourg dieser Eintrag: »Nach Oldenburgs Meinung produziert die Wirklichkeit so viel Künstlichkeit, dass man ihre Entwürfe nur zu übernehmen brauche. Auf dieser Erkenntnisgrundlage schuf Oldenburg 1972 zur documenta 5 sein Maus Museum, dessen Grundriss wie der Kopf von Mickey Maus gestaltet war. In diesem Museum sah man kuriose Schaufensterauslagen - Gefundenes und Gesammeltes sowie vom Künstler Gestaltetes. Ein Warenhaus für Kitsch und Kunst, das zur Auseinandersetzung mit dem Museum ebenso ein Beitrag war wie für die Beschäftigung mit dem Kitsch.«
(HNA-Regiowiki, (http://regiowiki.hna.de/Claes_Oldenburg)
Shit happens eben doch
17. April | Gerade noch hatte mir Steve Jobs mit Stay hungry, stay foolish aus der Seele gesprochen, kurze Zeit später war ich schon satt und ängstlich. In meinem Lebenslauf finden Sie: den unbedeutenden Namen Isabelle Hüter, die stromlinienförmigen Karriereschritte auf der Konzernleiter bis zum Chief Human Resources Officer, dazu die obligatorischen zwei Kinder, den liebenden Ehemann seit 23 Jahren.
Oops, Moment. Da brauchen Sie jetzt eine aktualisierte Fassung: Besagter Ehemann hat sich ein BMW-Cabrio gekauft. Nur: Ich sitze nicht neben ihm, sondern eine Kopie meines Selbst, geschätzte 30 Kilogramm leichter, geschätzte 30 Jahre jünger. Ich stehe hinter dem Wagen, mein Mann lässt den Motor aufheulen, bläst mir aus Doppelrohren die Abgase ins Gesicht. Und weg ist er. Statt Ansichtskarten bekomme ich Anwaltsbriefe, statt schönen Grüssen interessante Unterhaltsforderungen. Ich sehe uns noch am Frühstücktisch, wir lesen uns von der Rosenkriegen gegenseitig aus der Zeitung vor: »Uns passiert das doch nicht.«
Shit happens eben doch. Doch ich bin nicht wegen ihm in meinem selbst gewählten Exil. Das gönne ich ihm und seiner Sozius nicht. Ich bin hier, weil ich eine Auserwählte bin. Zuerst eine weltgewandte Begleiterin, da habe ich in meiner Mappe den Hügel als Skizze des Künstlers kennen gelernt. Dann habe ich auf der Wiese den Hügel in der Realität gesehen. Mich in ihn verliebt. Ganz nah wollte ich diesem Hügel sein. Der Künstler fand es eine Woche irritierend, dann schaute er ernst, nickte und ließ mich einziehen.
Aber ich kann doch raus
23. April | »Warum«, werden Sie fragen, »warum zieht denn der Künstler nicht selbst ein?«.
»Weil«, werde ich Ihnen antworten, »weil mir der Künstler von außen Botschaften geben will. Auf die ich reagieren soll oder nicht.«
Interessanterweise fragen Sie mich nicht, warum es da überhaupt etwas unter dem Erdhügel gibt. Ich habe den Künstler davon überzeugt, mich zu retten. Wenn ich eins kann, dann ist es reden und überzeugen. Er glaubte mir, dass ich diese Rettungsinsel jetzt brauche. 100 Jahre nach dem Untergang der Titanic wurde immerhin eine Seele nachträglich gerettet. In Kassel.
»Hey, hey« werden Sie fragen, »wie schlimm ist das denn. Sie können da nicht raus? Da kriegen Sie doch Platzangst.«
Aber ich kann doch raus. Unter der Erde ist ein kleiner Gang entstanden, über den ich alle wichtigen Dinge geliefert bekomme. Dieser Tunnel ist so groß, dass ich da auch durchpasse. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, verschwinde ich da raus und kehre über den Gang später wieder in mein Versteck zurück.
Nur: Im Moment will ich gar nicht raus! Ich bin mir selbst genug. Stellen Sie sich doch mal folgendes vor: Alle Gescheiterten, alle im Leben verletzten, hätten so eine Erdhöhle, in die sie sich erstmal zurückziehen könnten. Über das Leben nachdenken, vollverpflegt. In Ruhe gelassen von allen. Keine Zeitung, kein Fernsehen, kein bescheuertes Facebook.
Die Kommunikation mit Isabelle Hüter klappt inzwischen sehr gut über einen »toten Briefkasten«, wie er aus Mafia-Filmen bekannt ist. In den ersten Wochen schreibt mir Isabelle Hüter einmal pro Woche. Wir verabreden einen Ablageort ihrer Texte in der Karlsaue, an dem auch ich Nachrichten hinterlassen kann. So sind wir zumindest in einer Art Fern-Dialog.
Meine Rettungsinsel
2. Mai | Nur ab und zu die Stimmen von Besuchern, die über den Erdhügel rätseln und Botschaften da lassen.
»Was'n das?«
»Kunst oder so.«
»Sieht ja aus wie eine Mini-Insel.«
Bravo, mein Süßer: Von weitem sieht mein Hügel wie die verkleinerte Version einer Insel aus. Nicht schlecht. Eben eine Rettungsinsel.
Am Anfang ist der Erdhügel noch wenig bepflanzt, die ersten Pflanzen und Gemüse sind eingesät.
Sabbatical
7. Mai | Der Hügel ist meine Rettung aus dem früheren Business-Leben. In meinem alten Cyberspace war ich entweder ganz drin oder ganz draußen. In meinem Erdhügel bin ich ganz drin. Ohne ein Draußen. Schreibe mein Leben auf. So wie jetzt gerade.
Am 18. Dezember habe ich meinen Vorstandskollegen verkündet, dass ich ein Sabbatical brauche. Klug positioniert in der Tagesordnung nach der Boni-Zuteilung. Ich sah zustimmende Gesten, nachdem ich über Burnout-Prophylaxe und Down-Shifting gesprochen hatte. Alle waren zufrieden. Wann hätten meine Kollegen je eine bessere Chance, in den zwölf Monaten meiner Abwesenheit einen Nachfolger in die eigenen Reihen zu lotsen und mich nach meiner Rückkehr geräuschlos abfinden zu können? Ich spreche hier nicht von einer Nachfolgerin, denn die Herren wollen gerne wieder unter sich sein.
Auf dem Fahrrad in den Sonnenuntergang
10. Mai | Ich verließ damals die Etage mit unendlichen Glückgefühlen. Ich nahm die Treppe, die Mitarbeiter auf den anderen Etagen staunten.
Mich hatte noch niemand
1. so fröhlich,
2. so zu Fuß,
3. so extrem langsam gehend gesehen.
Ich drückte Marcello, dem Pförtner, die Hand! Er ließ sie erst nicht los, so erstaunt war er. »Auf Wiedersehen, Frau Hüter. Bis morgen.«
»Bis morgen in zwölf Monaten« dachte ich zu mir, »oder vielleicht nie mehr.«
Mein Chauffeur hielt mir die Tür auf, ich lachte, schüttelte den Kopf und zeigte auf den Kofferraum. Er verstand sofort, holte das Faltrad raus, klappte es mir auf, ich radelte in den Sonnenuntergang. So gefühlt meine ich.
Der Blog ist auch bei Facebook zu finden. Der erste Kommentar wird gepostet, viele weitere folgen.
Jumbo Guesthouse: Ich hoffe, dass ich Dich, Frau Hüter persönlich kennen lernen werde, du machst mich neugierig auf Dich!!!!
Der immerwährende Kampf gegen den Zynismus der Welt
14. Mai | Meine Pläne waren vollkommen klar, denn ich hatte kurze Zeit vorher im Internet den Aufruf gelesen: Wir möchten Personen dazu aufrufen, sich als Begleiterinnen und Begleiter zu bewerben. Sie werden unsere »Worldly Companions«, weltgewandte Begleiterinnen und Begleiter, und erhalten ein spezielles Training für diese Aufgabe.
Nach einem Telefoninterview und einem ganzen Tag Workshop haben sie mich genommen. So eine Quotenfrau hatte ihnen wohl noch gefehlt. Oder lag es an meinen Antworten?
Frage 1: Was, glauben Sie, macht Sie aus?
Antwort 1: Der immerwährende Kampf gegen den Zynismus der Welt. Oder anders gesagt: Ich war in der Konzernleitung immer dafür, Recycling-Toilettenpapier zu bestellen. Wir sprechen wirklich über so was. Gibt es übrigens auch 5-lagig.
Frage 2: Wenn Sie an Kunst denken, an was denken Sie?
Antwort 2: Kunst mir mal fünf Euro leihe? Oder: Eine Wolf-Vostell-Installation aus BMW-Cabrios.
Frage 3: Was ist Ihr Traum von einer besseren Welt?
