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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Als Henrik Paulsen seine Mutter in die Prof.-Kayser-Klinik brachte, war er von bangen Ahnungen erfüllt. Er war selbst Arzt, wenn auch gerade erst fertig geworden mit dem Studium. Und wenn es um die eigene Mutter ging, verschloss man gern die Augen vor Symptomen, denen man sonst sehr ernste Bedeutung beimaß. Aber Henrik wollte sichergehen. Er setzte seine ganze Hoffnung auf Dr. Laurin. Vor Tagen hatte er schon ein langes Gespräch mit ihm geführt, und so war Dr. Leon Laurin auf die neue Patientin vorbereitet. Er kannte Gisela Paulsen noch nicht persönlich. Sie lebte in der Nähe von Stuttgart, und Henrik hatte sie nur schwer dazu überreden können, sich in der Prof.-Kayser-Klinik untersuchen zu lassen. »Was du nur hast«, hatte sie immer wieder gesagt, »die Beschwerden kommen und gehen. Ich bin eben noch in den Wechseljahren. Du machst dir viel zu viele Gedanken.« Sie schwor auf ihren Hausarzt, und der hatte ihr gesagt, dass ihr nichts Ernsthaftes fehle. Es wären nur Abnutzungserscheinungen und rheumatische Schübe. Henrik hatte sich nicht mit ihm anlegen wollen. Er hatte seiner Mutter aber sehr eindringlich gesagt, dass man mit dreiundfünfzig Jahren so schmerzhafte Abnutzungserscheinungen noch nicht haben dürfe und er davon auch nicht überzeugt sei. Als sie ihm dann auch noch zögernd eingestand, dass sie sich vor den Vorsorgeuntersuchungen gedrückt hätte, waren seine Befürchtungen noch stärker geworden. »Du kannst mir jetzt doch auch was gegen die Schmerzen verschreiben, da du nun deinen Doktor hast«, sagte sie bestimmt. »Dann müsstest du dich erst von mir untersuchen lassen, Mutti«, hatte er erklärt, aber sie hatte heftig
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Als Henrik Paulsen seine Mutter in die Prof.-Kayser-Klinik brachte, war er von bangen Ahnungen erfüllt. Er war selbst Arzt, wenn auch gerade erst fertig geworden mit dem Studium. Und wenn es um die eigene Mutter ging, verschloss man gern die Augen vor Symptomen, denen man sonst sehr ernste Bedeutung beimaß. Aber Henrik wollte sichergehen.
Er setzte seine ganze Hoffnung auf Dr. Laurin. Vor Tagen hatte er schon ein langes Gespräch mit ihm geführt, und so war Dr. Leon Laurin auf die neue Patientin vorbereitet.
Er kannte Gisela Paulsen noch nicht persönlich. Sie lebte in der Nähe von Stuttgart, und Henrik hatte sie nur schwer dazu überreden können, sich in der Prof.-Kayser-Klinik untersuchen zu lassen.
»Was du nur hast«, hatte sie immer wieder gesagt, »die Beschwerden kommen und gehen. Ich bin eben noch in den Wechseljahren. Du machst dir viel zu viele Gedanken.«
Sie schwor auf ihren Hausarzt, und der hatte ihr gesagt, dass ihr nichts Ernsthaftes fehle. Es wären nur Abnutzungserscheinungen und rheumatische Schübe.
Henrik hatte sich nicht mit ihm anlegen wollen. Er hatte seiner Mutter aber sehr eindringlich gesagt, dass man mit dreiundfünfzig Jahren so schmerzhafte Abnutzungserscheinungen noch nicht haben dürfe und er davon auch nicht überzeugt sei.
Als sie ihm dann auch noch zögernd eingestand, dass sie sich vor den Vorsorgeuntersuchungen gedrückt hätte, waren seine Befürchtungen noch stärker geworden.
»Du kannst mir jetzt doch auch was gegen die Schmerzen verschreiben, da du nun deinen Doktor hast«, sagte sie bestimmt.
»Dann müsstest du dich erst von mir untersuchen lassen, Mutti«, hatte er erklärt, aber sie hatte heftig protestiert.
Dann fing sie davon an, dass sie endlich nach Rumänien fahren wollte, um nach ihren Verwandten zu suchen und die Gräber ihrer Eltern zu besuchen.
»Du hast es mir versprochen, Henrik, wenn du mit dem Studium fertig bist«, beharrte sie.
»Wir fahren, wenn du dich gründlich untersuchen lässt. Ich kann es nicht verantworten, dass du in diesem Land, in dem die medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist, zusammenbrichst.«
»Ich werde nicht zusammenbrechen«, hatte sie behauptet, aber sie hatte schließlich doch eingewilligt, die Untersuchung vornehmen zu lassen.
Schon während der dreistündigen Autofahrt – Henrik fuhr sehr vorsichtig – zeigte Gisela Paulsen immer wieder Anzeichen von Schwäche.
Henrik musste sie dennoch bewundern, wie beherrscht sie blieb.
Nun waren sie am Ziel, und Gisela Paulsen blickte sich erstaunt um.
»Das ist ja eine ganz moderne Klinik«, stellte sie voller Bewunderung fest. »Das muss sehr viel gekostet haben. Ich wünschte, du könntest dir auch mal so etwas aufbauen.«
»Ich bin froh, wenn ich praktizieren kann und eine gute Stelle finde, Mutti.«
»Vielleicht kannst du hier eine bekommen«, meinte sie.
Er war froh, dass sie jetzt friedlich gestimmt war, und dann zeigte sie sich sichtlich beeindruckt von Dr. Laurin, der es meisterhaft verstand, beruhigend auf sie einzuwirken, als sie wieder damit anfing, dass Henrik sich viel zu große Sorgen mache.
Schon nach der ersten Untersuchung wusste Dr. Laurin, dass diese Sorgen mehr als begründet waren. Es fiel ihm nur schwer, Henrik dies mitzuteilen.
»Es tut mir leid«, begann er vorsichtig, und Henrik wurde noch eine Spur blasser.
»Es ist also Krebs«, sagte er tonlos.
»Im fortgeschrittenen Stadium. Und wie es aussieht, könnten wir auch mit einer Uterusamputation nichts mehr ausrichten. Aber wir werden sie noch hierbehalten und ihr das Gefühl geben, dass nicht alles vergeblich ist.«
Henrik nickte zustimmend. Er brauchte Zeit, um eine Antwort zu finden.
»Sie wollte es ja nicht wissen«, sagte er leise. »Sie ist ganz auf Abwehr eingestellt. Und wenn ich ihr sagen würde, dass eine rechtzeitige Untersuchung es nicht so weit hätte kommen lassen, würde es das auch kaum nützen. Sie will unbedingt nach Rumänien fahren, aber das kann ich doch nicht verantworten.«
»Das wird auch nicht mehr möglich sein. Es ist erstaunlich, wie sie sich hält. Sie ist eine starke Frau.«
»Und eine eigensinnige. Sie hat sehr viel durchgemacht. Ich habe ihr unendlich viel zu verdanken. Sie verstehen, wie mir zumute ist?«
»Ich verstehe Sie sehr gut. Ich möchte Ihnen anbieten, hierzubleiben, falls Sie nicht anderweitige Verpflichtungen haben. Es könnte Ihrer Mutter helfen.«
»Sehr gern würde ich bleiben. Ich bin Ihnen unendlich dankbar für Ihr Entgegenkommen, Dr. Laurin.«
»Wir können immer Hilfe brauchen. Leider müssen wir mit unseren Mitteln haushalten und können nicht noch mehr qualifizierte Ärzte einstellen, aber Zeitkräfte nützen uns auch.«
»Ich will keine Bezahlung. Ich kann hier dazulernen, und dafür bin ich dankbar. Ich hätte nur nicht gedacht, dass ausgerechnet meine Mutter mein erster schwerer Fall sein würde.«
Henrik Paulsen war jung, erst siebenundzwanzig. Er hatte glänzende Zeugnisse und seinen Doktor cum laude gemacht. Er hatte keine Zeit vergeudet wie so viele Studenten.
Dr. Laurin war durch Professor Rödemer auf ihn aufmerksam gemacht worden, als sie sich anlässlich eines Ärztekongresses trafen. Rödemer war der Doktorvater von Henrik, und er wusste von den Sorgen, die dieser sich um seine Mutter machte. So war Leon Laurin mit dem jungen hochbegabten Kollegen bekannt geworden.
Er konnte ihn gut einschätzen und wusste, dass Henrik ein Arzt ganz nach seinen Vorstellungen war. Gerade in letzter Zeit war Dr. Laurin wieder mit einigen Kollegen konfrontiert worden, den er am liebsten die Approbation abgesprochen hätte. Er hatte keinerlei Verständnis dafür, wenn als Kunstfehler hingestellt wurde, was schlicht und einfach Versagen war. Es machte ihn zornig, wenn es dann auch noch vertuscht wurde.
Er fragte Henrik nach seinen Zukunftsplänen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Gynäkologe würde er wohl nicht werden wollen, da er seine Mutter nicht helfen konnte.
»Momentan weiß ich es noch nicht«, gab Henrik offen zu. »Neurochirurgie oder auch die Genforschung würden mich interessieren. Aber wie es auch kommen mag – ich müsste zuerst Mutters Wunsch erfüllen und in ihre Heimat fahren, auch wenn sie mich nicht mehr begleiten kann. Ich bin es ihr schuldig. Es war immer ihr größter Wunsch. Sie ist in Bukarest geboren. Mein Großvater hat dort bis zu seinem Tod als Arzt praktiziert. Sie haben schwere, aber auch schöne Zeiten dort erlebt, und Mutter wollte so gern noch einmal alte Freunde und auch Verwandte besuchen. Jetzt wäre es möglich.«
»Aber auch nicht gerade erfreulich«, meinte Dr. Laurin. »Vielleicht wäre Ihre Mutter enttäuscht und traurig zurückgekehrt.«
»Sie hat als junges Mädchen viel Trauriges erlebt, aber sie hat sich dennoch die Erinnerung an ihre Heimat bewahrt, obwohl es ihr hier viel besser ging. Es mag sein, dass der frühe Tod meines Vaters dazu beigetragen hat, dass sie mehr in der Vergangenheit lebte.«
»Aber es ging ihr hier doch gut«, sagte Dr. Laurin zögernd.
»Sehr gut sogar, aber sie dachte dabei immer an die anderen, denen es in Rumänien nicht so gut ging. Viele Pakete schickte sie, aber die meisten erreichten nicht den Empfänger. Auch das stimmte sie traurig. So wollte sie an Ort und Stelle sehen, wo sie helfen könnte.«
Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte er aufkommende Gedanken wegwischen.
»Darf ich jetzt zu meiner Mutter gehen?«, fragte er.
»Selbstverständlich. Sie hat eine Injektion bekommen und wird sich wohlfühlen.«
»Dann will sie bestimmt gleich wieder nach Hause«, meinte Henrik besorgt.
»Sie können ihr ja sagen, dass es ihr noch besser gehen wird, wenn sie einige Zeit hierbleibt.«
»Einige Zeit?«, fragte Henrik rau.
»Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, lieber junger Kollege. Mir ist es unbegreiflich, dass sie so lange durchgehalten hat. Sie muss manchmal unerträgliche Schmerzen gehabt haben.«
»Sie hat es mir verheimlicht. Könnte es sein, dass ihr Hausarzt den Ernst der Situation erkannte und ihr starke Schmerzmittel gab?«
»Versuchen Sie doch, sie auszufragen. Sie müssen es nur diplomatisch anfangen.«
»Mutter ist sehr hellhörig und manchmal sogar hellsichtig.«
Henriks Blick schweifte in die Ferne. »Es könnte sein, dass sie so drängte, diese Reise bald zu machen, weil sie ahnte, dass sie sehr krank ist.«
*
Gisela Paulsen schien ganz gelöst zu sein. »Es war doch eine gute Idee von dir, mich hierherzubringen, mein Junge«, sagte sie. »Mir geht es viel besser, und nun können wir bestimmt bald nach Rumänien fahren.«
»Du musst schon noch einige Zeit hierbleiben, Mutti. Hättest du nur schon früher auf mich gehört.«
»Dr. Seebach ist auch ein guter Arzt. Natürlich ist Dr. Laurin eine Kapazität, und die Klinik ist sehr modern. Er ist auch sehr nett. Er erinnert mich an meinen Vater, als er noch jung war.«
Jetzt verlor sie sich wieder in Erinnerungen, und Henrik ließ sie reden. Er hatte immer alles für bare Münze genommen, was sie erzählte, aber jetzt kam es ihm doch so vor, als würde sie es so berichten, wie sie es gern gehabt hätte. Alles schilderte sie in rosigem Licht, die Schattenseiten schienen vergessen.
»Was hat Dr. Seebach dir eigentlich für Tabletten gegeben, Mutti?«, fragte er, als sie eine Pause machte, anscheinend ziemlich erschöpft.
»Die Tabletten? Ach, die brauche ich jetzt nicht«, murmelte sie. »Ja, er hat mir welche gegeben, aber ich habe sie nur genommen, wenn ich starke Schmerzen hatte. In meiner Tasche müssen noch welche sein. Ich brauche sie nicht mehr, es geht mir gut, wirklich gut.«
Ihre Stimme wurde immer leiser, und schon war sie eingeschlafen.
Er betrachtete sie. Ihr Gesicht war von der Krankheit gezeichnet. Jetzt konnte er es deutlich sehen. Sie hatte immer verstanden, sich selbst aufzuputschen. Oder hatten doch schon Tabletten dazu beigetragen? Er nahm ihre Tasche aus dem Schrank. Niemals wäre er früher auf den Gedanken gekommen, in ihre Tasche zu sehen.
Der Inhalt verriet ihre Ordnungsliebe. Eine Brieftasche, ein Geldbeutel und ein Päckchen Papiertücher. Eine kleine Flasche Eau de Toilette und ein silbernes Döschen, in dem sich vier Kapseln befanden. Das Döschen nahm er an sich und ging damit zu Dr. Laurin.
»Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie hat zugegeben, dass sie von Dr. Seebach Tabletten bekommen hat. Es sind noch vier übrig. Ich habe sie mitgebracht.«
Er gab sie Dr. Laurin, und der betrachtete sie mit ernstem Ausdruck.
»Es sind starke Schmerzmittel, ich kenne sie«, erklärte er. »Ich würde gern mal mit dem Kollegen Seebach sprechen, oder wollen Sie das übernehmen?«
»Nein, es wäre mir lieber, wenn Sie mit ihm sprechen würden. Mir würde er sicher auch nur ausweichende Auskunft geben – falls er überhaupt schon eine Diagnose gestellt hat.«
»Ich werde gleich bei ihm anrufen. Haben Sie die Nummer?«
Henrik nickte und gab sie ihm. »Er ist eigentlich mehr ein Landarzt«, sagte er.
»Die verstehen manchmal mehr als Fachärzte«, erwiderte Dr. Laurin. »Möchten Sie sich mal auf der Chirurgischen umsehen, solange Ihre Mutter schläft?«
»Ja, gern, aber ich würde auch gern mal bei einer Geburt dabei sein.«
»Das waren Sie doch sicher schon.«
»Ja, aber es war kein Arzt wie Sie.«
Das konnte man nun deuten, wie man wollte, aber Dr. Laurin spürte, dass es ein Kompliment sein sollte.
Auf der Chirurgischen wurde Henrik von Dr. Hillenberg empfangen. Als er sich vorstellte, sagte Michael Hillenberg, dass er schon Bescheid wüsste.
»Meine Frau ist Dr. Laurins Sekretärin«, erklärte er.
»Sie ist sehr nett«, stellte Henrik fest.
»Deshalb habe ich sie ja auch geheiratet.«
»Ich darf mich hier umsehen mit Dr. Laurins Erlaubnis«, erklärte Henrik.
»Ich habe ein bisschen Zeit. Wir hatten heute eine schwere Magenoperation.«
»Krebs?«
»Ja, aber ich hoffe, dass wir den Patienten wieder hinkriegen.«
»Wenn ich diese Hoffnung bei meiner Mutter doch auch haben könnte.«
»Wenn eine Operation helfen könnte, würde sie bestimmt durchgeführt«, sagte Michael Hillenberg. »Es tut mir leid, wenn nichts mehr zu machen ist, aber da kann man dann nur hoffen, dass das Leiden nicht zu lange dauert.«
Sie gingen zur Intensivstation. Der Frischoperierte war schon bei Bewusstsein, wenn auch noch etwas benommen.
»Ich lebe ja noch«, murmelte er.
»Sie werden sich noch wundern, wie schnell Sie wieder auf den Beinen sind, Herr Schneider«, sagte Michael Hillenberg.
»Ich nehme Sie beim Wort.«
»Und wenn es nicht so ist?«, fragte Henrik, als sie wieder draußen waren.
»Ich bin davon überzeugt. Dr. Sternberg ist ein fantastischer Chirurg, und er war optimistisch.«
»Es ist ein scheußliches Gefühl, wenn man machtlos ist«, sagte Henrik gedankenvoll.
»Aber auch damit muss man fertig werden. Ich habe meine Frau kennengelernt, als ihr Vater hier starb. Ich hatte gerade die Stellung bekommen. Moni war noch so jung, und sie hat auch noch zwei jüngere Geschwister. Die Mutter war schon früher gestorben, und dann standen die drei jungen Menschen plötzlich allein da. Es war für mich auch schlimm. Ich habe mich bemüht, sie zu trösten, und so kamen wir uns näher.«
»Hat Herr Schneider auch Kinder?«
»Ich weiß es nicht. Gekommen ist noch keiner, auch seine Frau nicht. Sie leben wohl getrennt. Ich denke schon, dass sie jetzt aufkreuzen wird, falls er sterben sollte. Da sind dann auch diejenigen zur Stelle, die sich schon ewig nicht mehr um einen Angehörigen gekümmert haben. Was meinen Sie, was wir alles erleben.«
»Das kann ich mir gut vorstellen, denn ich habe ja schon praktisch gearbeitet in zwei verschiedenen Kliniken.«
»Wollen Sie sich spezialisieren?«
»Ich interessiere mich für Neurochirurgie und für Genforschung.«
»Letzteres bringt wohl die besseren Erfolge, und wenn man dadurch Krankheiten verhindern könnte, wäre es ein gewaltiger Fortschritt.«
Sie hatten gleich einen guten Kontakt zueinander und unterhielten sich angeregt. Inzwischen telefonierte Dr. Laurin mit Dr. Seebach. Von ihm erfuhr er, was er eigentlich vermutet hatte.
Dr. Seebach sagte, dass er die Patientin darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ein Tumor dahinterstecken könnte, aber sie hätte davon nichts wissen wollen. Er hätte sie an einen Gynäkologen überweisen wollen, aber davon hatte sie auch nichts wissen wollen, ganz nach dem Motto: Schicksal, nimm deinen Lauf.
Dr. Seebach schien ein ganz vernünftiger Arzt zu sein. Er äußerte auch die Meinung, dass Gisela Paulsen ziemlich genau wisse, was mit ihr los sei, denn sie sei eine intelligente Frau. Aber sie verdränge die Beschwerden und gehöre zudem zu den Menschen, die nicht sehr schmerzempfindlich seien, weil positives Denken und autogenes Training für sie Medizin wären.
Dr. Laurin unterhielt sich eine ganze Zeit mit ihm, und er konnte Henrik später sagen, dass Dr. Seebach die Augen vor den Tatsachen nicht verschlossen hätte.
»Warum hat er nicht mit mir gesprochen?«, fragte Henrik.
»Weil er meinte, Sie wollten auch nicht darüber sprechen.«
»Wie ist Ihre Meinung, Dr. Laurin? Soll man den Patienten die Wahrheit sagen, oder soll man darauf warten, dass sie fragen?«
