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Literatur für einen guten Zweck Die Handlung spielt im Jahr 2089. Der Mond ist seit fast fünfzig Jahren besiedelt. Auf der Erde hat sich in den letzten siebzig Jahren viel verändert. Vieles in negativer Hinsicht. Manches im positiven Sinn. Der erste auf dem Mond geborene Mitarbeiter des Mondbasisteams besucht die Münchner Zentrale und das Nürnberger Werk seines Arbeitgebers. In den zwei Wochen seines Aufenthalts wird er für seine Leistungen ausgezeichnet, verliebt sich in die Sekretärin des Vorstands, wandelt auf den Spuren seiner Ahnen, erfreut sich an einigen irdischen Annehmlichkeiten, gerät in manch heikle Situation, lernt Altbewährtes und Visionäres kennen, wird mit begangenen Umweltsünden konfrontiert und berichtet vom Leben auf dem Mond. Die Rückkehr auf den Erdtrabanten löst gemischte Gefühle bei ihm aus. Einerseits fällt ihm die Trennung von seiner ersten großen Liebe schwer. Andererseits weint er dem ums Überleben kämpfenden Blauen Planeten mit seiner ungewissen Zukunft keine Träne nach. Die Geschichte soll zwar unterhalten, zugleich aber zum Nachdenken anregen. Und weil der Autor nicht nur mahnen, sondern auch einen Beitrag zum Umweltschutz leisten will, spendet er einen Teil seines Honorars an Greenpeace.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Erster Tag
Zweiter Tag
Dritter Tag
Vierter Tag
F?nfter Tag
Sechster Tag
Siebter Tag
Achter Tag
Neunter Tag
Zehnter Tag
Elfter Tag
Zw?lfter Tag
Vorletzter Tag
Letzter Tag
Die An- und Abflughalle ist verhältnismäßig klein. Umso mehr fallen die große Uhr und die rote Tür auf. Man könnte meinen, die große Uhr und die rote Tür kämpften um die Vorherrschaft. Dabei sind beide gleich wichtig, wenn es darum geht, ein bestimmtes Ereignis anzukündigen. Die einen starren auf die große Uhr, in der Erwartung, dass sich die rote Tür öffnet. Die anderen behalten die rote Tür im Auge, bis sie sich öffnet und blicken dann auf die große Uhr, um den Zeitpunkt der Öffnung abzulesen. Über sechzig Umdrehungen hat der rote Sekundenzeiger der großen Uhr inzwischen hinter sich, seit der Shuttle auf der Piste des Münchner Weltraumbahnhofs gelandet ist. Aber bei der roten Tür tut sich noch immer nichts.
Im Terminal ist die Innenbeleuchtung eingeschaltet. Bei schönem Wetter – wie an diesem sonnigen Tag im Mai – eher eine Seltenheit. Heute liegt es an der Verdunklung der rundum vorhandenen Glasfenster und -türen. Ein Heer von Medienvertretern und Schaulustigen, das draußen auf den Einlass hofft, versperrt der Sonne den Weg durch die Glasscheiben.
Das im Süden der bayerischen Landeshauptstadt gelegene Areal des Weltraumbahnhofs wurde früher von einer Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt genutzt. In der nur schwach besiedelten Provinz erinnert das Anwesen eher an einen wenig frequentierten Regionalflughafen als an einen Landeplatz für aus dem All zurückkehrende Flugkörper. Außer Terminal und Landebahn sind noch Tower, Hangar und Startrampe erwähnenswert.
Für die Öffentlichkeit ist die gesamte Anlage heute gesperrt. Auch für die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen. Und dennoch sind sie in Scharen gekommen. Mit Kameras und Mikrofonen ausgerüstet. In der Hoffnung, den Mann vom Mond vor die Linse zu bekommen. Die Schaulustigen haben sich – neben ihren digitalen Allzweckgeräten – sogar mit Feldstechern und Proviant eingedeckt. Schließlich will niemand dieses historische Ereignis verpassen.
Die vier im Terminal wartenden Männer gehören zur Security, wie die Aufschrift auf ihrem Rücken verrät. Die Schwarzgekleideten haben noch kein Wort miteinander gewechselt. Aber ihre Blicke wandern ständig zwischen der großen Uhr und der roten Tür hin und her.
Dann ist es soweit. Die rote Tür geht auf und der sehnsüchtig erwartete Mann vom Mond erscheint im Terminal. Ohne seinen Raumanzug, den er im Umkleideraum abgelegt hat. Der rote Sekundenzeiger der großen Uhr hat jetzt – seit der Shuttle-Landung – fast achtzig Umdrehungen hinter sich.
Draußen nimmt der Lärm zu. Die Leute johlen wie die Fans eines Popstars und hämmern unentwegt gegen die Glasscheiben. Doch der Einlass bleibt ihnen heute verwehrt.
Der Mann vom Mond mustert die vier Männer. Er will einen von ihnen ansprechen. Doch sofort bilden sie um ihn herum eine Eskorte, die ihn nach draußen geleitet. Und zwar durch eine Hintertür, die auf die Landebahn hinausführt. Sie müssen ihn stützen. Die lange Flugreise hat ihre Spuren hinterlassen. Hin und wieder bleibt er stehen, um tief ein- und auszuatmen. Der Chauffeur eines in der Nähe abgestellten Fahrzeugs öffnet dem Gast die Beifahrertür, lässt ihn einsteigen, nimmt dann selbst auf dem Fahrersitz Platz und gibt dem Wagen den Startbefehl. Die Security-Männer folgen mit Abstand in einem zweiten Fahrzeug.
„Entschuldigung, Herr Kepler!“ Der Chauffeur stellt sich als touristischer Betreuer während seines irdischen Aufenthalts vor. „Wir mussten das machen, um Ihnen die Medienmeute vom Hals zu halten. Und natürlich auch das neugierige Volk. Viele glauben immer noch an die Grünen Männchen. Die können sich gar nicht vorstellen, dass ein auf dem Mond geborener Mensch auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut sein kann.“
Sein Äußeres unterscheidet sich in der Tat nicht von seinen irdischen Artgenossen. Hautfarbe, Körpergröße, die blauen Augen und das blonde Haar lassen auf seine germanische Abstammung schließen. „Wofür sollen die Sicherheitskräfte gut sein?“
„Die haben wir einzig und allein zu Ihrem Schutz engagiert. Die werden Sie während Ihres gesamten Aufenthalts begleiten.“
„Muss das sein?“
„Ich denke schon.“
Kepler muss an die Worte seines Vaters denken, der ihn vor dem Hype der Massen gewarnt hat. „Also gut. Ich habe verstanden. Nur ging alles viel zu schnell. Ich hätte gern mehr frische Luft eingeatmet, die die Mondatmosphäre nicht bieten kann.“
„So viel kann ich Ihnen versprechen. Unsere Luft werden Sie noch im Überfluss tanken können.“
Kepler ist gespannt auf den Zustand der Erde. Vom Mond aus sind Details nur schwer zu erkennen. Sein Großvater mochte das Leben auf der Erde nicht missen. Trotz mancher negativen Entwicklungen. Der Vater hingegen ist bis heute skeptisch. Meint, dass der Mensch in seiner unsäglichen Dummheit die Erde längst unwiederbringlich zerstört hat.
*
Die Fahrzeuge stoppen vor dem Hotel in München. Der Chauffeur steigt aus, hilft seinem Passagier aus dem Auto und geleitet ihn in die Lobby. Dort wartet die Vorstandssekretärin Luna auf Kepler. Sie wird seine private Betreuerin während seines irdischen Aufenthalts sein. Wie man das auch immer interpretieren mag. Der Chauffeur verabschiedet sich für heute, während die Security-Leute, die er ab sofort als seine Schattenmänner bezeichnen wird, in einer Ecke der Empfangshalle Platz nehmen.
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Kepler.“ Luna reicht ihm die Hand.
„Ganz meinerseits.“ Er hält ihre Hand einen Moment lang fest. „Können wir nach draußen gehen?“
„Wenn Sie möchten? Gern.“
Die beiden verlassen die Lobby und bleiben vor dem Hotel stehen. Die Männer von der Security sind unterdessen aufgesprungen, um Ihnen zu folgen, halten dann aber inne, weil sie ihr Objekt fest im Blickfeld haben.
Kepler starrt Luna an, als stünde er selbst einer Außerirdischen gegenüber. Das bildhübsche Gesicht mit den braunen Augen und den halblangen schwarzen Haaren scheint ihn derart zu verzaubern, dass er den gut gewachsenen Körper zunächst nicht wahrnimmt. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe trete! Aber solch einer Schönheit bin ich auf dem Mond noch nicht begegnet. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“
„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ Luna lächelt verlegen. „Aber deswegen wollten Sie doch nicht mit mir nach draußen gehen.“
„Nein, nicht nur deswegen. Ich wollte auch ein bisschen frische Luft schnappen. Wissen Sie, bei uns auf dem Mond gibt es sowas nicht. Dort kann man sich nur mit Raumanzug im Freien aufhalten. Man gewöhnt sich zwar daran. Aber von dieser Luft hab ich immer geträumt. Das war auch der Grund, weshalb mein Großvater am Ende seiner Mondmission auf die Erde zurückgekehrt ist. Im Gegensatz zu meinem Vater.“
„Heißt das, er ist dort geblieben?“
„Ja. Weil meine Mutter auch dort geblieben ist. Gezwungenermaßen. Vor vier Jahren ist sie während eines harmlosen Außeneinsatzes an Herzversagen gestorben. Nun ruht sie im ersten auf dem Mond angelegten Grab. Mein Vater, der nach vierzigjähriger Zugehörigkeit zum Mondbasisteam der am längsten dort lebende Bewohner ist, möchte später einmal neben ihr bestattet werden. Und was mich betrifft, bin ich, wie Sie ja wohl wissen, der erste auf dem Mond geborene Mensch überhaupt.“
„Da hat Ihre Familie ja Geschichte geschrieben.“
„Das kann man so sagen.“ Kepler atmet mehrmals tief ein und wieder aus. „Herrlich, diese Luft. Ich wünschte, man könnte sie in Metallbehälter füllen und nach oben verfrachten, um sie in der Mondatmosphäre auszusetzen.“
Luna beobachtet ihn eine Weile. Seine Atemübungen erinnern sie an einen Fisch, der an Land gespült wurde und nun nach Luft ringt. „Ach, eh ich es vergesse. Ihr Gepäck ist vor einer guten Stunde hier im Hotel angekommen und auf Ihr Zimmer gebracht worden.“
„Danke!“ Kepler atmet wieder normal. „Ich sehe schon. Bei Ihnen bin ich in guten Händen.“
„Nennen Sie mich einfach Luna. Den Namen verdanke ich meinem Chef. Als Vorstandsvorsitzender verantwortet er zugleich den Vorstandsbereich Raumfahrttechnologie und damit auch den deutschen Anteil am Mondprojekt.“
„Luna, das ist gut. Das ist wirklich gut. Mich nennen alle nur Kepler.“
„Einfach nur Kepler? Das ist auch gut.“
*
Kepler wirft nur kurz einen Blick in sein Zimmer. Die gehobene Ausstattung lässt keine Wünsche offen. Wichtiger erscheint ihm im Moment, sich frisch zu machen und in Schale zu werfen. In Gesellschaft dieser Frau muss er eine gute Figur abgeben, wenn er sich nicht nur mit ihrer Begleitung abfinden, sondern sie für sich gewinnen will. Auf dem Mond hat er sich mit dieser Prozedur noch nie abgeben müssen. Frauen sind dort rar. Und die wenigen, die im Einsatz sind, sind für ihn schlichtweg zu alt. Er kann nur hoffen, dass seine Kleidung nicht zu antiquarisch wirkt. Immerhin ist es jetzt mehr als fünfzehn Jahre her, dass ihn der Großvater – dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend – mit irdischer Mode beglückt hat. Er überlegt nicht lange. Er zieht sich um und betrachtet sich im Spiegel. Mit seinem Outfit kann er – Modetrend hin oder her – insgesamt zufrieden sein. Gut gelaunt verlässt er das Zimmer.
Zwei der vier Schattenmänner folgen ihm.
Kurz darauf betritt er die Hotelbar.
Seine Bewacher bleiben zurück.
Luna erwartet ihn. Ihren Cocktail hat sie bereits probiert.
Er setzt sich zu ihr an den Tresen und bestellt ein Bier.
Der Barkeeper betätigt einen der Zapfhähne, füllt den Gerstensaft – mit einer ordentlichen Schaumkrone obenauf – in ein Glas und reicht es ihm.
Die beiden stoßen miteinander an.
Er nimmt einen kräftigen Schluck. „Das Bier schmeckt, wie es mein Großvater beschrieben hat. Überhaupt hat er von diesem Bayern geschwärmt, als wär es das gelobte Land. Und wenn sich die ganze Welt verändert, hat er immer gesagt. Die Bayern werden ihre Traditionen bewahren. Daran wird auch der technische Fortschritt nichts ändern. Wie recht er hatte.“
„Ein weiser Mann, Ihr Großvater.“
„O ja. Das war er wirklich. Die Bayern bleiben sich treu, hat er immer gesagt. Egal, ob sie ihre Feste feiern wie Oktoberfest, Kirchweih oder Maibaumfest. Ob es um ihre Trachten geht wie Lederhose, Hut mit Gamsbart oder Dirndl. Ob Biergarten, Blasmusik, Schuhplattler oder Schnupftabak angesagt sind. Oder ob von Presssack, Weißwurst, Schweinsbraten, Wammerl, Fleischpflanzerl, Radi oder Brezel die Rede ist. Nichts ist ihnen so heilig wie ihre Traditionen. Selbst beim Poltern und Granteln während der Debatten im Maximilianeum bleiben sie sich treu.“
„Schauen Sie sich doch nur das Hotel an.“ Luna zeigt auf Fotos an der Wand. „Das ist doch das beste Beispiel. Hier wurde Altes mit Neuem in Einklang gebracht. Man wohnt in historisch restauriertem Ambiente mit zeitgemäßemKomfort.“
„In Bayern sprach man ja schon vor hundert Jahren von Laptop und Lederhose.“
Luna zeigt sich überrascht, wie gut Kepler informiert ist.
Der betrachtet die Fotos etwas genauer und möchte wissen, wie alt das Hotel ist.
Sie erzählt ihm, dass es bereits seit dem Mittelalter wie ein Magnet Gäste aus nah und fern anzog. Dass es im Zweiten Weltkrieg aber total zerstört wurde und deshalb abgerissen werden musste. Dass der Wiederaufbau erst Jahre nach dem Krieg erfolgte, seitdem aber wieder Hochbetrieb herrscht. Natürlich auch wegen der exzellenten Lage am Eingang zur Altstadt.
„Da kann man nur hoffen, dass der Service so gut ist wie das ganze Drumherum.“
„Das ist er. Hier wird man noch persönlich angesprochen. Die Welt der Digitalisierung spielt sich eher unauffällig im Hintergrund ab.“
„Wie das?“
„Nehmen wir nur mal die Sonderwünsche der Gäste. Zum Beispiel, wenn es um das Buchen von Stadtrundfahrten, von Ausflügen zu den bayerischen Seen oder von Museums-, Theater- und Konzertbesuchen geht. Hier werden Sie noch persönlich beraten. In den meisten Hotels von heute müssen Sie sich mit der Bedienung eines Automaten herumschlagen, bevor Fahrkarten oder Eintrittskarten ausgespuckt werden. Bei Ihnen entfällt das alles, weil Sie unser Ehrengast sind. Doch die anderen sind für den Service hier dankbar.“
„Ich verstehe. Aber vergessen wir mal das Hotel. Ich wüsste gern mehr über Sie.“
„Über mich?“
„Sie begleiten mich jetzt zwei Wochen lang. Da liegt es doch nahe, etwas mehr über seine Glücksfee zu erfahren.“
Luna lächelt verlegen. „Hoffentlich kann ich Ihren Erwartungen gerecht werden.“
„Ich denke schon.“
„Und wo soll ich anfangen?“
„Erzählen Sie einfach aus Ihrem Leben.“ Kepler leert sein Glas und bestellt noch ein Bier.
Der Mann hinter der Theke erfüllt seinen Wunsch.
Kepler nimmt erneut einen kräftigen Schluck.
Luna erzählt, dass sie siebenundzwanzig Jahre alt und Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden ist, aber auch den anderen Vorstandsmitgliedern zur Verfügung steht. Dass die alten Hierarchien mit den Sonderprivilegien des Topmanagements längst abgeschafft worden sind. Dass sie fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch spricht, sich aber auch auf Mandarin und Arabisch verständigen kann. Und dass sie nichts von all dem Emanzipationsgefasel und erst recht nichts von Frauenquoten hält, sondern ausschließlich auf Leistungsorientierung setzt.
Kepler ist fasziniert von dieser Frau, die sich betont weiblich gibt, aber mit ihrem attraktiven Äußeren, dem sympathischen Wesen, der angenehmen Stimme und dem sicheren Auftreten wie ein Leuchtfeuer inmitten der gewaltigen Automatisierungs- und Digitalisierungsflut wirkt.
Was ihr Privatleben betrifft, verrät sie ihm, dass sie noch ledig ist und ihre Eltern schon früh bei einem Flugzeugabsturz verloren hat. Weshalb sie einen Flieger stets mit gemischten Gefühlen besteigt. Dass sie an Gott glaubt, aber nicht an die Religionen. Dass sie eine überzeugte Demokratin und Europäerin ist, aber keiner politischen Partei angehört. Und dass sie sich stattdessen einer Bürgerinitiative angeschlossen hat, die für noch mehr Umweltbewusstsein eintritt. „Jetzt hab ich mein Leben wie einen bunten Teppich vor Ihnen ausgebreitet. Wie wär’s, wenn Sie Ihrerseits einen Beitrag zum gegenseitigen Kennenlernen leisten würden.“ Luna leert ihr Glas und bestellt noch einen Cocktail.
Der Barkeeper mixt das gleiche Getränk und reicht es ihr.
Kepler und Luna stoßen miteinander an.
Er erzählt ihr, dass er demnächst vierzig Jahre alt wird. Dass sein Vater Ingenieur ist und die Mutter Biologin war. Dass seine Geburt unter Mithilfe einer Ärztin stattfand, die zur Behandlung erkrankter Mondbewohner auf den Erdtrabanten beordert worden war. Dass er als Kind mit Mondgestein spielte, das ein Geologe in seiner Gesteinssammlung entbehren konnte. Dass er im schulpflichtigen Alter zunächst von seiner Mutter unterrichtet wurde, die ihm Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Dass ihn später ein pensionierter Ingenieur Mathematik, Physik und Informatik lehrte, während ihn ein deutschstämmiger Amerikaner mit Geschichte, Geografie und Englisch vertraut machte. Dass er ein Ingenieurstudium mit Schwerpunkt Raumfahrttechnologie absolvieren konnte, nachdem die erste Internationale Technische Hochschule auf dem Mond eingerichtet worden war. Und dass er schließlich nach bestandenem Examen als Ingenieur in das Mondbesiedlungsprojekt integriert wurde. Und zwar im Auftrag der Firma, in der sie beide heute tätig sind und in der schon seine Ahnen bis zurück zum Ururgroßvater beschäftigt waren.
„Sehn Sie? Jetzt wissen wir beide, mit wem wir es zu tun haben.“ Luna lächelt. „Was halten Sie von einer Einladung heute Abend bei mir zuhause. Ich gebe eine seit langem geplante Party. Dort können Sie einige Mitglieder unserer Bürgerinitiative kennenlernen. Wenn die hören, dass bei mir der Mann vom Mond aufkreuzt, flippen die völlig aus.“
„Das will ich doch nicht hoffen. Ich bin schon froh, dass man mir die Mediengeier und das Heer der Gaffer vom Hals gehalten hat.“
„So schlimm wird es nicht werden. Dafür sorge ich schon. Sie würden mir eine große Freude bereiten. Na, was meinen Sie? Werden Sie kommen?“
„Warum eigentlich nicht.“
„Das ist doch ein Wort.“ Luna gibt Kepler einen Kuss auf die Wange. „Ich schicke Ihnen ein Taxi. Sagen wir, um acht?“
„Abgemacht. Um acht. In der Aufmachung werden mich die Leute hoffentlich nicht auslachen.“
„Ganz bestimmt nicht. So haben sie wenigstens etwas, das sie mit der anderen Welt in Verbindung bringen können.“
Die beiden stoßen noch einmal miteinander an und leeren ihre Gläser.
*
Das Taxi stoppt vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Luna wohnt. Es ist ein altes Haus, das unter Denkmalschutz steht. Das dreistöckige Gebäude hinterlässt mitsamt der Gartenanlage einen gepflegten Eindruck. Kepler steigt aus – in der Hand einen Blumenstrauß, den das Hotel besorgt hat – und klingelt an der Haustür. Das Taxi entfernt sich. Der Wagen mit den Schattenmännern trifft vor dem Haus ein.
Luna öffnet und empfängt Kepler an der Wohnungstür in der ersten Etage. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange, bedankt sich für die Blumen und bittet ihn herein.
Bei einem Rundgang durch die Wohnung fällt ihm auf, dass die Ausstattung zwar zeitgemäß ist, aber auf Gemütlichkeit Wert gelegt wurde. Hydrokulturen ergänzen das geschmackvolle Mobiliar.
„Sehen Sie sich nur um.“ Luna scheint Keplers Gedanken lesen zu können. „Intelligente Haustechnik werden Sie bei mir nicht finden. Nicht, weil ich konservativ bin, sondern weil die Systeme viel zu anfällig sind. Nichts ist mehr hundertprozentig sicher. Das Türschloss nicht. Die Videokamera nicht. Die digitalen Geräte nicht. Selbst Klimatisierung und Beleuchtung nicht. Sicherheitslücken sorgen immer wieder für Ärger.“
Kepler erinnert sich an die Aussage seines Großvaters, dass Deutschland, ja ganz Europa in den sechziger und siebziger Jahren des 21. Jahrhunderts viel sicherer geworden ist. Doch dass nun – im Jahr 2089 – genau das Gegenteil der Fall ist, überrascht ihn schon.
„Vor allem die Anzahl der Wohnungseinbrüche ist gestiegen. Und das hat nicht nur mit den Flüchtlingen zu tun, wie gern behauptet wird.“ Luna zeigt ihre neueste Errungenschaft. „Die Alarmanlage hab ich mir erst kürzlich einbauen lassen. Im Haus wurde im letzten Jahr dreimal eingebrochen. Obwohl in jeder der betroffenen Wohnungen ein Hund gehalten wird. Das Problem ist nur, dass die kleinen Köter zwar kläffen, aber eher aus Angst. Jetzt hoffe ich, dass bei der geringsten Gewalteinwirkung auf die Wohnungstür oder eines der Fenster die Sirene losheult.“
Es klingelt. Luna öffnet zuerst die Haus- und dann die Wohnungstür.
Die Mitglieder der Bürgerinitiative erscheinen als geschlossene Gesellschaft. Die einen haben für vegetarischen Imbiss, die anderen für alkoholfreien Umtrunk gesorgt.
Die Hausherrin stellt alle mit Namen vor.
Die kann sich Kepler natürlich nicht alle merken, weiß sie aber für sich zu charakterisieren, um sie auseinanderhalten zu können. Die meisten passen zu Luna. Einige hingegen fallen aus dem Raster. Sei es rein äußerlich wie ein Kalorienfreund oder ein Kalorienfeind. Sei es von der Art her wie ein Wortsparer oder ein Wortverschwender. Oder sei es aus sonstigen Gründen wie die beiden Geschlechtsabweichler.
Dann stellt Luna Kepler vor.
Niemand sagt etwas. Alle starren ihn nur an, als wäre er tatsächlich eines dieser grünen Männchen. Warum zum Teufel glotzen die so? Er ist doch kein Alien. Oder liegt es an seiner altmodischen Kleidung, wie er befürchtet hat? Mit Rücksicht auf seine Gastgeberin verkneift er sich jegliche Bemerkung.
Dafür ergreift Luna das Wort. „Wie ihr seht, ist der Mann vom Mond nichts anderes als ein Mensch aus Fleisch und Blut. So wie jeder von euch. Wenn ich euch enttäuscht habe, tut es mir leid.“
Es folgt betretenes Schweigen, ehe sich einige der Sprachlosen auf ihre Fragen besinnen, die sie schon immer mal stellen wollten. Wo und wie wohnt man da oben? Woher kommen die Energien wie Strom und Wasser? Wie ernährt man sich in dieser feindlichen Umgebung? Welche Arbeiten werden ausgeübt? Wie ist es um Infrastruktur und Mobilität bestellt? Gibt es lokale Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten? Und wie verbringt man seine Freizeit?
Kepler steht Rede und Antwort. Die Anwesenden erfahren, dass die aus Wohn- und Arbeitsmodulen bestehende Mondbasis unterirdisch in einem Krater am Südpol errichtet wurde. Erstens, um der oberirdisch drohenden Strahlung und möglichen Einschlägen von Meteoriten aus dem Weg zu gehen. Zweitens, um die vor Ort ständig scheinende Sonne zur Stromerzeugung zu nutzen. Und drittens, um aus dem nur dort vorhandenen Eis Wasser zu gewinnen. Dass die Ernährung teils mit von der Erde stammenden Lebensmitteln, teils mit auf dem Mond angebauten Nutzpflanzen und gezüchteten Kleintieren wie Hühnern und Kaninchen gesichert ist. Dass Ingenieure für den weiteren Ausbau von Infrastruktur und Mobilität sorgen. Dass Chemiker den Abbau von Rohstoffen aus dem Mondgestein vorantreiben. Und dass Astronomen für die Errichtung und Wartung von Photovoltaik- und Radioteleskopanlagen zur Energieversorgung und Erforschung des Alls zuständig sind. Dass ein von allen beteiligten Staaten genutztes Bildungssystem existiert, das von der Grundschule bis zum Studienabschluss reicht. Und dass verschiedene Einrichtungen für die Freizeitgestaltung wie Bibliothek, Videothek, Mediathek, Billardzimmer, Schachsalon, Computerraum, Spielothek und Fitnessstudio zur Verfügung stehen.
„Na, konnte eure Neugier befriedigt werden?“ Luna schaut in die nickende Runde. „Jetzt hätte ich noch eine Frage an unseren Ehrengast.“ Sie schaut Kepler an. „Was ist das für ein Gefühl, wenn man vom Mond zur Erde fliegt? Das muss doch ein atemberaubendes Flugerlebnis sein.“
„Na ja, mir war zunächst mal etwas mulmig zumute. Das komplizierte Reiseprocedere kannte ich nur vom Hörensagen. Man fliegt zunächst mit der Mondfähre vom Mond zur Raumstation im Mond-Orbit, von dort weiter mit dem Transit-Raumschiff zur Raumstation im Erd-Orbit und von dort schließlich mit dem Shuttle zur Erde. Das ist die reinste Ochsentour. Aber man wird für vieles entschädigt. Je näher man dem Blauen Planeten mit dem Shuttle kommt, desto grandioser ist der Anblick der immer größer werdenden Kugel.“
„Ist die Erde denn vom Mond aus zu sehen?“ will einer wissen.
„Ja. Die Erde leuchtet als blauer Planet. Sie erscheint fast viermal größer als der Mond aus irdischer Sicht. Auf dem Mond geht die Erde nie auf und unter. Aber sie dreht sich. Man kann sie wie einen beleuchteten Globus rundum betrachten. Und sie durchläuft – vom Mond aus gesehen – die gleichen Phasen wie der Mond von der Erde aus. Sie wechselt von der Sichel zur Kugel und nimmt danach wieder ab.“
„Sieht man eigentlich die Chinesische Mauer?“ erkundigt sich ein zweiter.
„Spezialkameras erkennen sie. Das menschliche Auge nicht. Auch wenn das manche Leute hartnäckig behaupten.“
„Und wie sieht es mit dem Klimawandel aus?“ fragt ein Dritter. „Ist der eigentlich erkennbar?“
„Vom Mond aus nicht. Aber von der im Erd-Orbit kreisenden Raumstation aus. Und natürlich, wenn man aus dem Shuttle blickt. Vor allem sind Sturmtiefs, Flächenbrände und Überschwemmungen deutlich zu erkennen.“ Kepler schaut sich um, ob es noch weitere Fragen gibt. Die einen schweigen, die anderen schütteln den Kopf. Dann stellt er selbst noch eine Frage. „Weshalb essen eigentlich alle vegetarisch, wo doch gerade die bayerische Küche so viele Schmankerl anbietet?“
Luna scheint die Frage zu amüsieren, ehe sie stellvertretend für alle antwortet. „Bei unseren Treffen essen wir immer vegetarisch. Auch wenn die meisten unter uns nicht nur Pflanzenfresser sind. Uns stört einfach die Art des Fleischverzehrs.“ Luna hat jetzt eine Lawine losgetreten.
Mit einem Male geraten alle Anwesenden in Rage. Regen sich über das Umweltbewusstsein der Verbraucher auf, das sich in den letzten hundert Jahren kaum geändert hat. Schimpfen über die Geschmacksbanausen, die, statt die regionalen Fleischerzeuger wie Landwirte und Metzger zu unterstützen, nach wie vor verpackte Billigware im Lebensmittelhandel bevorzugen, ohne sich über die zum Teil dubiose Herkunft der Fließbandprodukte Gedanken zu machen. Stellen die Fast-Food-Industrie an den Pranger, deren Fertiggerichte – bestehend aus genmanipuliertem Gemüse und chemisch haltbar gemachtem Fleisch – auf Dauer gesundheitliche Schäden verursachen. Und spotten über die Kostverächter, die selbst mit dem 3D-Drucker erzeugte Lebensmittel nicht verschmähen würden.
Kepler ist vom Engagement der Gruppe beeindruckt. Und ihm wird bewusst, mit welchen Problemen der Blaue Planet – neben vielen anderen – zu kämpfen hat.
Luna ist bemüht, ihm weitere Diskussionen über die irdischen Befindlichkeiten zu ersparen. Sie wechselt das Thema. „Kepler, was werden Sie in den kommenden zwei Wochen am meisten genießen?“
„Das Zusammensein mit Ihnen.“
Luna lächelt verlegen. „Jetzt mal im Ernst.“
„Auf jeden Fall Dinge, die ich auf dem Mond vermisse. Ich werde mich auf einer Wiese ins Gras legen, Blumen für Sie pflücken, durch einen Wald spazieren und an der Rinde von Bäumen riechen. Ich werde versuchen, mich mit einem Fahrrad fortzubewegen. Ich werde mich im Wasser vergnügen. Ich werde alle möglichen Tiere beobachten. Ich werde regionale Speisen und Getränke probieren. Und ich werde einfach nur die frische Luft inhalieren.“
„Und dabei Lunas Anwesenheit zu schätzen wissen.“ Der Mann im Hintergrund hat sich bis jetzt unauffällig verhalten. „Bleibt Ihnen nur zu wünschen, dass Sie beide ungestört bleiben. Ich denke da vor allem an die vier Gorillas, die unten Wache schieben.“
„Da mach dir mal keinen Kopf drum.“ Luna lacht und schaut Kepler an.
Der lacht ebenfalls, zieht es aber vor, zu schweigen.
Die Zentrale des Raumfahrttechnologiekonzerns f?llt deutlich aus dem Rahmen. Au?en die Fassade, auf der das Transportsystem zwischen Erde und Mond abgebildet ist: Shuttle, Raumstation im Erd-Orbit, Transit-Raumschiff, Raumstation im Mond-Orbit, Mondf?hre. Innen die Sicherheitsschleuse, die Unbefugten das Betreten des Geb?udes aus Gr?nden der besonderen Geheimhaltung verwehren soll: Schutzw?rdige Projekte wie Mondbesiedlung, Mars-Expeditionen, Asteroiden-Erkundungen.
Kepler ? stets im Blickfeld seiner Schattenm?nner ? ben?tigt eine Weile, bis er das Sperrsystem ?berwinden kann. Als Mondbewohner besitzt er keinen eingepflanzten Chip. Folglich k?nnen seine pers?nlichen Daten nicht ausgelesen werden. Abhilfe schafft eine Sondererlaubnis, die ihm Luna besorgt hat. Die erspart ihm aber nicht die Eingabe weiterer Informationen. Und weil er sich damit schwertut, nimmt er die Hilfe des Chauffeurs in Anspruch. Erst dann kann er die Eingangshalle endlich betreten.
Begr??t wird er zuerst vom Vorstandsvorsitzenden, der ihm freundlich die Hand reicht und ihn willkommen hei?t. Danach von seinem Vater, der auf einem gro?en Bildschirm erscheint und ihm vom Mond aus viel Gl?ck auf der Erde w?nscht. Damit hat er nicht gerechnet. Sichtlich ger?hrt, aber sprachlos winkt er zur?ck. Der Zustand des Vaters bereitet ihm schon seit l?ngerem gro?e Sorgen. Seit dem unerwarteten Tod der Mutter hat sich sein Alterungsprozess sp?rbar beschleunigt, hat das Leid, das er so fr?h erfahren musste, deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.
Mit dem Lift geht es in die zweite Etage. Kepler und der Vorstandsvorsitzende betreten den gro?en Sitzungssaal, wo sie mit Beifall seitens der Belegschaft empfangen werden. Sie gehen ? an den besetzten Sitzreihen vorbei ? die Stufen hinunter. Den Blick auf die Mitarbeiter gerichtet, bleiben sie vor dem Podium stehen. Hinter diesem ? an der fensterlosen R?ckwand ? ist eine riesige Leinwand angebracht. Die Glasfronten links und rechts sind mit Rolll?den ausgestattet. Bei einfallendem Tageslicht oder eingeschalteter Innenbeleuchtung erinnert der Raum an den Plenarsaal eines Stadtstaats oder an den H?rsaal einer Universit?t, bei verdunkelten Fenstern an ein kleines Kino.
Der Vorstandsvorsitzende stellt Kepler vor. Er erkl?rt, dass dieser als erster auf dem Mond geborener Mensch vor allem durch seine herausragenden Ingenieurleistungen beim international besetzten Mondbasisteam gro?e Anerkennung erworben hat und somit ein w?rdiger Repr?sentant der Firma ist.