Bühnenfieber - Alexander S. Coburg - E-Book

Bühnenfieber E-Book

Alexander S. Coburg

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Beschreibung

Der an Lungenkrebs erkrankte Schauspieler Hans-Dieter Messmer, von allen nur HDM genannt, besucht noch einmal seine einstigen Wirkungsstätten. Im Verlauf der Reise begegnet er allen möglichen Menschen, gerät hier und da in Konfliktsituationen, erlebt auf Bahnhöfen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Hotels die eine oder andere Überraschung. Auch vor Ort geschehen seltsame Dinge, ereignet sich zum Teil Mysteriöses: ein geheimnisvoller Fanclub, ihn segnende Priester und Mönche, ein Orgelkonzert ohne Organist, das Läuten einer Totenglocke. Kurze Streifzüge führen ihn zu ehemaligen Privatunterkünften, erinnern ihn an frühere Nachbarn und enden in alten Stammlokalen. Das Wiedersehen mit den Theatern sorgt ebenfalls für manche Kuriositäten: einmal muss er sich mit der Putzfrau, ein anderes Mal mit der Polizei, ein weiteres Mal mit dem Hausmeister auseinandersetzen. Auf der Bühne schlüpft er - ebenso wie im Hotelzimmer - in seine Paraderollen und träumt vom Applaus des Publikums. Nicht zuletzt begibt er sich auf die Suche nach unvergessenen Partnern und Partnerinnen: einer ist in einem Pflegeheim, ein zweiter auf dem Friedhof und ein dritter als Aussteiger auf einem Campingplatz gelandet. Seine allererste Partnerin trifft er zufällig auf einem Bahnhof wieder. Die Geschichte findet schließlich ein überraschendes Ende.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Das Debüt

Die Schwester

Der Aufstieg

Der Abstecher

Die Tochter

Die Krönung

Die Zugabe

Der Heimgang

Das Debüt

Der alte Mann saß im Zug – in einer der modernen Hochgeschwindigkeitsbahnen, die scheinbar über die Gleise schwebten. Er befand sich allein im Abteil. Die Sonne schien unerbittlich durchs Fenster, trieb ihm Schweißperlen ins Gesicht. Er atmete schwer, fasste sich ab und zu an die Brust. Die Füße hatte er ausgestreckt, den Kopf gegen die Lehnen gestützt. Die Hände waren gefaltet. Hin und wieder fuhr er mit einem seidenen Taschentuch über die feuchte Haut von Stirn, Oberlippe und Kinn. Sein Entschluss stand fest. Er wollte die Stationen seiner Schauspielerkarriere noch einmal Revue passieren lassen – trotz der zu erwartenden Strapazen. Es sollte schließlich ein Abschied für immer werden.

Fast fünfzig Jahre hatte er in den unterschiedlichsten Rollen auf der Bühne gestanden – überwiegend in Charakterrollen; war an insgesamt fünf Theatern im Süden und Westen der Republik engagiert gewesen; war zu einem der ganz Großen seines Fachs herangereift. Der Applaus des Publikums hatte die Dimension von Ovationen erreicht.

Er erinnerte sich an seinen Vater, der sich mit seinem Wunsch, Schauspieler zu werden, nicht anfreunden konnte. Er solle lieber einen ordentlichen Beruf erlernen, sagte er. Die Schauspielerei sei nichts als brotlose Kunst.

Auch die Mutter verstand ihn nicht. Sie meinte, er solle sich nicht versündigen. Der Herrgott habe ihn mit hoher Intelligenz gesegnet. Er habe das Zeug zum Physiker, wie seine Schulnoten bewiesen. Am Ende könne er gar Professor an einer Technischen Hochschule werden – von einem lebenslang gesicherten Einkommen ganz zu schweigen.

Natürlich war er als Mime nicht reich geworden. Er war ja kein Filmschauspieler, der eine üppige Gage erhielt – weniger für schauspielerisches Können als vielmehr für zigmaliges Wiederholen einzelner Szenen, bis sie für einen Film verwertbar waren. Im Theater ging alles live vonstatten, musste jeder Monolog oder Dialog auf Anhieb sitzen, durfte kein Fehler gemacht werden. Dafür fiel das allabendliche Salär bescheidener aus. Doch zum Leben reichte es. Wichtiger als der schnöde Mammon war ihm die Resonanz beim Publikum, wenn es einen Vorhang nach dem anderen forderte.

Vor drei Jahren musste er seinen geliebten Beruf an den Nagel hängen. Die grauen Zellen waren nicht der Auslöser gewesen. Der alt und steif gewordene Körper hatte ihm die Gefolgschaft verweigert. Das Auswendiglernen eines Textes zählte zwar nie zu seinen Stärken. Doch wenn er ihn einmal intus hatte, blieb er in seinem Gedächtnis haften – wie eine in Stein gemeißelte Inschrift. Anders stand es um die Bewegungen, die nicht mehr die Eleganz früherer Jahre besaßen. So war sein Rückzug von der Bühne nur konsequent – zumal er die Achtzig längst überschritten hatte.

Er hatte sich fein herausgeputzt, seinen besten Anzug angezogen – einen feinen dunkelblauen Zwirn. Das weiße Hemd war nagelneu. Auf Krawatte oder Fliege hatte er verzichtet. Die schwarzen Lederschuhe glänzten, dass er sich darin spiegeln konnte. Sein Haar war schlohweiß geworden, bedeckte aber noch vollständig den markanten Kopf. Nur die Gesichtszüge hatten sich verändert: die Augen lagen tiefer in ihren Höhlen, die Wangen waren eingefallen.

Er blickte abwechselnd aus dem Fenster und durch die auf den Gang führende Glastür. Die Landschaft flog förmlich vorüber: die ausgedehnten Wälder, deren Grün je nach Sonneneinstrahlung in Licht getaucht war oder vom Schatten beherrscht wurde; die Wiesen, auf denen Pferde, Kühe oder Schafe mit ihrem noch unbeholfenen Nachwuchs weideten; die Äcker, über die sich Bauern mit ihren landwirtschaftlichen Fahrzeugen hermachten; Flüsse und Weiher, auf denen Wildenten mit ihren Küken Eskorten bildeten, ab und zu die Köpfe ins Wasser tauchten und das Hinterteil in die Höhe reckten. Auch die an der Strecke gelegenen Haltepunkte huschten in Sekundenschnelle am Fenster vorüber. Auf dem Gang ging es lebhaft zu. Hin und her eilende Fahrgäste sorgten pausenlos für Unruhe. Vom Schaffner war hingegen nichts zu sehen.

Er dachte an die alten Züge zurück, die von Dampflokomotiven gezogen wurden. Die Räder rumpelten über die Gleise. Jedesmal gab es einen kräftigen Ruck, wenn sich der Zug in Bewegung setzte oder im Bahnhof anhielt. Die Waggons waren mit Holzbänken ausgestattet. Längeres Sitzen war äußerst unbequem. Und wenn es drinnen zu warm und das Fenster geöffnet wurde, drang beißender Qualm ins Abteil herein. Wer dann den Kopf zu weit aus dem Fenster lehnte, fand sich mit einem rußgeschwärzten Gesicht wieder.

Er sah zur Gepäckablage hinauf, wo die beiden Koffer nebeneinander lagen. Alles, was er für seine Hotelaufenthalte benötigte, befand sich in dem zeitgemäßen Reisekoffer. Das antiquarisch wirkende Gepäckstück hingegen enthielt Kostüme, in denen er einst aufgetreten war. Jedesmal, wenn sein Engagement an einem Theater beendet war, erhielt er als Abschiedsgeschenk die Garderobe seiner Lieblingsrolle.

Plötzlich quälten ihn krampfartige Schmerzen. Er zog eine kleine Dose aus der Jackentasche, öffnete sie, nahm eine Tablette heraus und schluckte sie mit Hilfe von Wasser hinunter. Die Flasche hatte er vorsorglich auf dem Bahnhof gekauft. Geduldig wartete er auf eine Linderung seiner Beschwerden.

An der Schauspielschule hatte er nicht als Musterschüler gegolten. Die viele Theorie langweilte ihn. Die Seminare, in denen er die ersten Rollen spielen durfte, mit den Werken sowohl der Klassik als auch der Moderne konfrontiert wurde, lagen ihm weit mehr – wenn ihm das Auswendiglernen der Texte auch Probleme bereitete. Schon auf dem Gymnasium konnte er sich die Schillerschen Balladen kaum einprägen. Dafür besaß er umso mehr Talent, beherrschte Mimik und Gestik wie kaum ein anderer. Während dieser Zeit spielte er den Argan in Molières DER EINGEBILDETE KRANKE, den Sultan Saladin in Lessings NATHAN DER WEISE, den Willy Loman in Millers DER TOD DES HANDLUNGSREISENDEN und den Estragon in Becketts WARTEN AUF GODOT.

Der Zug hielt. Es handelte sich um einen großen Bahnhof, wie er für eine Großstadt typisch war. Er sah ihn allerdings zum ersten Mal. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er sich gerade befand. Auf den Bahnsteigtafeln stand nichts geschrieben. Und die Lautsprecheransage verstand er nicht. Er wurde nervös, war sich aber ziemlich sicher, im richtigen Zug zu sitzen.

Nach kurzem Aufenthalt fuhr die Hochgeschwindigkeitsbahn weiter. Bevor sie richtig Fahrt aufnehmen konnte, betrat eine etwa vierzig Jahre alte Frau das Abteil. Sie nahm ihm gegenüber Platz.

Mit der Bequemlichkeit war es jetzt vorbei. Widerwillig zog er die ausgestreckten Beine ein. Hinzu kam, dass er dem Anblick der Person kaum ausweichen konnte. Der an einen Sumo-Ringer erinnernde Körper nahm zwei Plätze ein. Das schwabbelige Fett quoll aus der zu engen Hose heraus. Die Brüste wirkten wie aufgeblasene Ballons. Aus dem geöffneten Mund der hin und wieder gähnenden Frau lugte ein von Zahnlücken dominiertes Gebiss hervor. Ihre strohblonden Haare waren zerzaust. Sie stank nach Parfüm, hatte sich anscheinend eine ganze Flasche über den Fleischklumpen gegossen. Zu allem Übel begann sie sich auch noch zu schminken, hielt einen Spiegel vors Gesicht, nahm einen Lippenstift zur Hand und übertünchte die wulstigen Lippen mit knallroter Farbe. Sogar die Wimpern mussten dran glauben, wurden in schwarze Bürsten verwandelt. Jetzt sah sie wie ein leibhaftiges Ungeheuer aus.

Er schloss die Augen, versuchte ein wenig zu schlafen. Es gelang ihm nicht. Die Frau beschäftigte ihn mehr als ihm lieb war. Stets von neuem sah er zu ihr hinüber, um sich gleich darauf wieder von ihr abzuwenden. Irgendwann nahm sie ein Buch zur Hand und blätterte darin. Er hoffte herauszubekommen, was sie so angespannt las. Doch auf dem Einband stand kein Titel und die Seiten des Buches waren allesamt leer. Was hatte das zu bedeuten? Er rieb sich verwundert die Augen. Minuten später hielt der Zug erneut. Er war endlich am Ziel seiner ersten Tagesetappe.

Am kleinen Theater in dem nicht minder kleinen Weinort hatte seine Schauspielerlaufbahn begonnen. Der Intendant, der zugleich die Regie von Goethes IPHIGENIE AUF TAURIS und Strindbergs FRÄULEIN JULIE übernommen hatte, war ein Perfektionist. Für jedes Wort musste der richtige Ton getroffen, zu jeder Bewegung die passende Haltung eingenommen werden. Mimik und Gestik wurden unzählige Male trainiert. Eine einzige Szene nahm manchmal mehrere Tage in Anspruch, ehe der Prinzipal hundertprozentig zufrieden war. So war es verständlich, wenn ihn die Proben mehr belasteten als Premieren und Aufführungen zusammen.

Der Mann war ein Künstler, der nicht nur dem Theater, sondern auch der Malerei verbunden war – die Gestaltung der Bühnenbilder inbegriffen. Er war ausgesprochen kreativ. Wie die Farben seiner Bilder verschmolz er die Worte der Sprache zu einer einzigartigen Komposition. Er konnte in Rage geraten, wenn seine Schauspieler nicht optimal vorbereitet waren, ihre Texte nicht auswendig gelernt hatten – für ihn ein Manko, das ihm schon an der Schauspielschule Ärger eingebracht hatte. Dem standen die pädagogischen Fähigkeiten des gestrengen Meisters entgegen, wenn er herausragende Auftritte seiner Darsteller besonders lobte, sie auf diese Weise motivierte und zu noch größeren Leistungen anspornte.

Die harte Arbeit hatte sich für ihn als Debütant ausgezahlt. Namhafte Bühnen waren auf ihn aufmerksam geworden, boten ihm feste Engagements an – vornehmlich im Charakterfach. Er war über Nacht zu einem Begriff in der Theaterszene geworden.

Auf dem Bahnsteig standen etliche Fahrgäste. Sie gafften ihn mit weit aufgerissenen Mäulern an, als kam er von einem anderen Stern. Sah er denn so krank aus, dass sie das Besteigen des Zuges vergaßen? Oder hatten sie ihn wiedererkannt? Nach so vielen Jahren?

Er hielt einen Moment inne und musterte die reglosen Gestalten, für deren Verhalten er keine plausible Erklärung fand. Dann suchte er das Weite, ließ das Bahnhofsgebäude hinter sich und stieg mitsamt seinen Koffern in einen bereitstehenden Bus. Auf der Anzeigetafel war neben der Endstation auch sein Zielort angegeben.

Er war völlig außer Atem, musste mehrmals hintereinander tief Luft holen. Schließlich nahm er Platz. Er hatte die Qual der Wahl, denn der Bus war leer – auch der Fahrersitz. Er hatte sich noch gar nicht erholt, als er seinen Augen kaum traute.

Die gaffende Horde tauchte jetzt an der Bushaltestelle auf, trat mit militärischer Disziplin – wie ein Bataillon ausrückender Soldaten – in Reih und Glied an, starrte auf ihn und ließ erst von ihm ab, als sich der Bus in Bewegung setzte.

Er war verwirrt, bemerkte nur beiläufig den führerlosen Omnibus. Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn. Die scheinbar endlose Fahrt konnte er nicht genießen. Zu sehr war er mit den rätselhaften Vorgängen beschäftigt, fand keine Antwort auf die vielen Fragen.

In der von Weinbergen geprägten Landschaft war er zur Welt gekommen. Hier war er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier war er als junger Mann zum passionierten Weintrinker geworden. Anfangs trank er Silvaner, ging mit zunehmendem Alter zum Müller-Thurgau über. Erst in den letzten Jahren war er auf den Riesling umgestiegen.

Nicht nur die Landschaft dieser reizvollen und zugleich geschichtsträchtigen Region ließ die Herzen höher schlagen. Auch die märchenhaft vor sich hinträumenden Orte waren einen Besuch wert. Die überwiegend katholisch geprägten Gemeinden besaßen alle eine Kirche – und war das Dorf noch so klein. Und natürlich verfügten sie über einen Gasthof, eine Weinstube oder einen Weinkeller. In manchen Orten existierte noch eine Heckenwirtschaft, wo der Wein quasi hinter der Hecke ausgeschenkt und als Erkennungsmerkmal ein Kranz zum Fenster hinausgehängt wurde. In diesen Häusern war der Ausschank zeitlich befristet. Als Symbol dieses Weinanbaugebiets diente der Bocksbeutel. Die an den Häusern und Höfen angebrachten Madonnenstatuen sowie die am Wegesrand stehenden Bildstöcke, die meist an schreckliche Ereignisse erinnerten, waren nicht minder charakteristisch für diesen Landstrich.

Der Bus fuhr immer am Ufer des Flusses entlang, der das Tal beherrschte. Wie von Geisterhand gesteuert bewegte sich das Gefährt von einer Haltestelle zur andern, hielt jedesmal kurz an, ohne dass jemand zustieg, und fuhr kurz darauf weiter. Während der ganzen Tour blieb er der einzige Fahrgast. Die Passanten in den von der Linie bedienten Orten schien der Anblick des führerlosen Busses nicht zu irritieren. Im Gegenteil: die meisten, die dem geheimnisvollen Fahrzeug begegneten, nahmen kaum Notiz davon. Und falls doch einer dem Vehikel Aufmerksamkeit schenkte, winkte er dem einzigen Passagier wie einem alten Bekannten zu.

Am Ziel wurde er von einer Stimme aufgefordert, den Bus zu verlassen. Es handelte sich um eine computergesteuerte Ansage. Aber woher wusste das System, dass er in diesem Ort aussteigen wollte? Er war vollends verunsichert. Und weil er gezögert hatte, wiederholte die Stimme die Ansage. In Panik ergriff er die beiden Koffer und stolperte ins Freie. Den Gehweg vor der Haltestelle hatte er kaum betreten, als der seltsame Linienbus in Richtung Endstation weiterfuhr.

Das kleine Theater war weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Leute strömten in Scharen herbei. Ein Einlass ohne Vorbestellung war nahezu unmöglich. Es war ein gemischtes Völkchen: jung und alt, männlich und weiblich, groß und klein, übergewichtig und schlank, elegant und sportlich, elitär und volkstümlich. Trotz voller Konzentration auf seine Rolle war er in der Lage, die Besucher von der Bühne aus zu beobachten: wenn sie lachten oder zu Tränen gerührt waren, erwartungsvoll oder skeptisch dreinschauten, geduldig oder ungeduldig wirkten, begeistert oder gelangweilt reagierten. Obwohl alle Karten besaßen, bezogen sie lange vor Vorstellungsbeginn vor dem Theater Position. Sobald die Tür geöffnet wurde, stürmten sie in das Foyer und von dort die Treppe hinauf in den Zuschauerraum, um ja einen guten Platz zu ergattern. Dabei war die Sicht in dem winzigen Raum von überall gleich gut.

Autogramme hatte er nur selten geben müssen. Die meisten zog es nach dem letzten Vorhang in einen der Gastronomiebetriebe des kleinen Weinortes. Unter denen, die ein Foto mit seinem Portrait signiert haben wollten, befand sich eine junge Frau. Er sollte seine Unterschrift mit dem Zusatz FÜR ANGELIKA unter das Bild setzen. Den Gefallen tat er ihr. Die etwa Zwanzigjährige war ihm auf Anhieb sympathisch. Danach hatte sie sich den anderen angeschlossen. Als er in der Garderobe verschwinden wollte, um sich umzuziehen und abzuschminken, bemerkte er eine Visitenkarte auf dem Boden. Er hob sie auf und stellte anhand des Vornamens fest, dass sie von der jungen Frau stammte. Hatte sie die Karte verloren? Oder ließ sie diese absichtlich fallen, damit er ihre Spur aufnahm?

Auf dem Heimweg hatte er überlegt, ob er sie suchen sollte. Dafür hätte er sämtliche Lokale abklappern müssen. Das erschien ihm zu mühsam. Vielleicht war sie auch in einem Nachbarort einquartiert, möglicherweise mit einer Gruppe unterwegs. Er hielt es für angebracht, sie irgendwann anzurufen. Früher oder später musste sie daheim sein.

In den nächsten Tagen griff er ein ums andere Mal nach der Karte, las Vor- und Nachnamen, Adresse und Telefonnummer. Und jedesmal rief er sich ihr Bild in Erinnerung. Sie war etwas kleiner als er, trug lange schwarze Haare. Die braunen Augen strahlten, der Mund lud zum Küssen ein. Sie war gut gewachsen, besaß auffallend lange Beine. Die Proportionen stimmten. Nur die dünnen Finger stellten einen kleinen Makel dar. Bekleidet war sie mit einem roten Rock und einer weißen Bluse. Die Farben passten gut zu ihrem schwarzen Haar und der gebräunten Haut.

Eines Tages fasste er sich ein Herz und rief sie an. Doch niemand ging ans Telefon. Er versuchte es noch ein paar Mal – jedes Mal ohne Erfolg. Irgendwann gab er auf. Am Ende geriet sie in Vergessenheit.

Zum Hotel waren es nur etwa hundert Schritte. Doch er hatte sich zuviel zugemutet. Mit den schweren Koffern wurden selbst die paar Meter Fußweg zur Tortur. Er musste immer wieder stehenbleiben und tief durchatmen. Nur unter größten Anstrengungen erreichte er erschöpft sein Ziel.

Das Hotel kannte er von früher, hatte hin und wieder im Restaurant zu Abend gegessen. Am Eingang grüßte eine originale Ritterrüstung. Er ging hinein. Die Rezeption war nicht besetzt. Überhaupt schien das Haus menschenleer zu sein. Kein Personal war zu sehen, auch kein Gast. Er rief laut, um sich bemerkbar zu machen. Niemand erschien. Es kam ihm unheimlich vor. Er rief nochmals, aber nichts geschah. Erst jetzt entdeckte er einen auf dem Tresen liegenden Schlüssel mit der Zimmernummer zehn. Darunter lag ein Zettel mit seinem Namen. Man hatte ihn also doch nicht vergessen. Er nahm den Schlüssel und schleppte die Koffer in die erste Etage hinauf. Das Treppensteigen fiel ihm noch schwerer als der Weg zum Hotel. Schließlich stand er vor besagtem Zimmer.

Er öffnete die Tür und trat ein. Der Raum war groß und hell. Die beiden Fenster waren dem Innenhof zugewandt, lagen also auf der ruhigen Seite. Dabei konnte der durch den Ort fließende Verkehr nicht als übermäßig bezeichnet werden. Entweder suchten die Anlieger ihre Grundstücke auf. Oder ein paar lauffaule Touristen warfen einen Blick auf die schmucken Häuser und Höfe. Trotz der günstigen Lichtverhältnisse heizte sich das Zimmer nicht auf. Die Möbel besaßen antiquarischen Wert. Das breite Bett mit dem intarsiengeschmückten Kopfteil war bequem, der reich verzierte Schrank für die Unterbringung seiner Kleidung groß genug. Einzig das Bad war auf den neuesten Stand gebracht worden. Der im Zimmer angebrachte mannshohe Spiegel mit dem vergoldeten Rahmen hatte es ihm besonders angetan, lud ihn zur Verkleidung geradezu ein.

Er legte den Kostümkoffer aufs Bett, öffnete ihn und setzte sich daneben. Was hatte er nicht alles auf die Reise mitgenommen: die Garderobe des Orest in Goethes IPHIGENIE AUF TAURIS, des Mackie Messer in Brechts DREIGROSCHENOPER, des Lelio in Goldonis DER LÜGNER, des Hamlet in Shakespeares gleichnamigem Trauerspiel und des Mephisto in Goethes FAUST.

*

Nichts erinnerte mehr an die geisterhafte Stille vom Vortag. Vor der Rezeption stauten sich die Übernachtungsgäste, die entweder einchecken oder zahlen wollten. Überall versperrten die Koffer der Reisenden den Weg zum Haupteingang. Die Servicekräfte rannten zwischen der Küche und dem Restaurant hin und her, räumten das Frühstücksgeschirr ab und deckten die Tische für das Mittagessen. Er hangelte sich mühsam durch den Hindernisparcours.

Draußen holte er erst einmal tief Luft. Eigentlich war das Klima in dieser von Weinbergen beherrschten Gegend genau das Richtige für ihn. Er kam ins Grübeln, ob es nicht besser gewesen wäre, diesem Landstrich – seiner Heimat – die Treue zu halten. Doch für derartige Überlegungen war es jetzt zu spät. Außerdem war er nicht hierher gekommen, um Trübsal zu blasen, sondern sein bewegtes Leben noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen. Und dieser kleine Weinort sollte den Anfang machen.

Die Neugier trieb ihn zu dem alten Fachwerkhaus, in dem er eine Zwei-Zimmer-Wohnung gemietet hatte. Es war ansehnlich herausgeputzt, glänzte mit frischer Farbe. Zu seiner Zeit war es nicht verfallen, aber renovierungsbedürftig. Die Wohnung befand sich im ersten Obergeschoss. Er wollte auf den Klingelknopf drücken, traute sich aber nicht. Womöglich hätte man ihn abgewiesen. Doch dann erinnerte er sich an die hierzulande übliche Gastfreundschaft. Er fasste sich ein Herz und läutete. Es rührte sich nichts. Er versuchte es noch einmal. Aber es war vergeblich. Niemand reagierte.

Eine gleich nebenan wohnende Frau mittleren Alters hatte ihn beobachtet. Sie sah aus einem nur halb geöffneten Fenster, trug eine Menge Lockenwickler im Haar und sprach einen fremden Dialekt. Im Nachbarhaus sei niemand, rief sie ihm laut zu.

Er trat näher an das Fenster der Frau heran, um sie besser zu verstehen.

Der Hausbesitzer läge im Krankenhaus. Er habe sich bei einem Treppensturz das linke Bein gebrochen. Eine schlimme Sache. Sei wohl ein komplizierter Bruch. Erst am nächsten Morgen habe man den jammernden Unglücksraben gefunden. Und die vermietete Wohnung im ersten Stock stünde seit langem leer. Der junge Mann säße im Knast. Habe wohl was mit Drogen zu tun gehabt.

Er bedankte sich für die Auskunft, glaubte der Frau aber kein Wort. Von wegen, in der Wohnung lebte niemand mehr. Als er kurz nach oben sah, bekam er zufällig mit, wie ein junges Mädchen hinter der halb geöffneten Gardine verschwand und diese zuzog. Er ersparte sich weitere Nachfragen und ging ein paar Häuser weiter. An die meisten Nachbarn konnte er sich nicht mehr erinnern. Nur drei Personen waren in seinem Gedächtnis haften geblieben: ein Lehrer, eine Bedienung und ein Behinderter.

Der Lehrer war nur wenig älter gewesen. Er war als Studienrat am Gymnasium der Kreisstadt tätig, lehrte Deutsch und Geschichte. Er wusste alles über die Schlachten seit Alexander dem Großen: kam ins Schwärmen, wenn er von DREI DREI DREI, ISSOS KEILEREI sprach; bewunderte Arminius, den Cheruskerfürst, der Varus und seine römischen Legionen in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen hatte; und pries Napoleon als großen Feldherrn, der bei Waterloo lediglich seiner Selbstüberschätzung zum Opfer gefallen war. Nur an dem überfallartigen Gemetzel der Nazi-Schergen ließ er kein gutes Haar, bekam glänzende Augen, wenn er an deren Niedergang erinnerte. Er konnte sich fürchterlich ereifern, wenn sein Vater und dessen blindgewordene Generation ihm vorhielten, das Land aufgebaut zu haben. Dabei trugen sie ja die Verantwortung dafür, dass die Alliierten alles in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie alle hatten auf die Frage WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? mit einem ohrenbetäubenden JA! geantwortet.

Im Fach Deutsch wurde der Pauker eher sinnlich. Hier hatten es ihm die Klassiker, insbesondere die des Theaters, angetan: de la Barca, Shakespeare, Molière, Goldoni, Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Grabbe und Hebbel. So war es nur verständlich, wenn die beiden hin und wieder über die Dramen der großen Dichter fachsimpelten. Und natürlich hockte der Pädagoge in dem kleinen Theater, wenn er, Hans-Dieter Messmer, schon damals unter dem Kürzel HDM ein Begriff, auf der Bühne stand – nicht nur als Orest in Goethes IPHIGENIE AUF TAURIS, sondern auch als Diener Jean in Strindbergs FRÄULEIN JULIE. Meistens blieb es nicht bei Plaudereien über diese schöne Kunst, wenn sie nach der Vorstellung im beliebten Weinhaus zusammensaßen. Hin und wieder musste er Teile seiner Rollen vortragen. Dann erhob er sich in seiner Weinseligkeit und verwandelte das gastronomische Kleinod in ein Theater der besonderen Art. Die Gäste spendeten nicht nur Beifall, indem sie mit den Fäusten wie Trommler auf die Tischplatten schlugen, bis die Weingläser klirrten, und mit den Füßen wie Stepptänzer den hölzernen Boden bearbeiteten, bis der ganze Raum bebte. Sie spendierten dem Mimen ab und zu auch ein Glas Wein, was die Hemmschwelle bei seinen Auftritten weiter herabsetzte. Bald hatten sich derartige Abende unter Ortsansässigen und Touristen gleichermaßen herumgesprochen, worüber sich vor allem der Wirt freuen durfte.

In eben diesem Weinhaus war er der Bedienung begegnet. Sie war deutlich jünger als er. Sie war bildhübsch – eine Mischung aus schwarz und weiß. Wie er gehört hatte, stammte sie aus der Beziehung zwischen einem dunkelhäutigen amerikanischen Soldaten und einer einheimischen Frau, die alljährlich bei der Weinlese half. Die Tochter der beiden sprach hiesigen Dialekt, was bei der dunklen Hautfarbe irritierte. Sie trug mit Vorliebe einen kurzen Rock und eine tief ausgeschnittene Bluse, wirkte aber nicht aufreizend. Die Kleidung passte zu ihr, machte sie zu einem Blickfang. Wenn Gäste ihre Freizügigkeit zum Anlass nahmen, an den vollen Busen zu fassen oder das ausgeprägte Hinterteil zu tätscheln, haute sie ihnen auf die Finger. Zu ihm war sie stets freundlich, kokettierte gar ein wenig mit ihm, wollte dem allseits beliebten Mimen unbedingt gefallen. Ob sie ihn jemals auf der Bühne erlebt hatte, bezweifelte er. Die karibisch anmutende Schönheit wäre ihm mit Sicherheit aufgefallen.

Der ebenfalls noch sehr junge Behinderte hatte seit Jahren im Rollstuhl gesessen. Nach einem Motorradunfall mussten ihm beide Beine amputiert werden. Manchmal schob er ihn in den Flur des zweistöckigen Nachbarhauses, dessen Stufen zum Eingang eine schier unüberwindbare Barriere darstellten. Umso erstaunlicher war es, wie sich der junge Mann aus dem Gefährt befreite und die Treppe bis zur ersten Etage hinauf schaffte. Das grenzte an Akrobatik. Er bewunderte das auf fremde Hilfe angewiesene Unfallopfer, wie es sein Schicksal meisterte und als Gott befohlen hinnahm.

Ihn interessierte natürlich, was aus den Dreien geworden war. Ihre Namen waren an den Haustüren verschwunden. Rein zufällig kam ihm ein älterer Mann mit Glatze entgegen, der in eines der Häuser hineingehen wollte. Er fragte den Kahlköpfigen nach deren Verbleib.

Den Lehrer habe er nur vom Hörensagen gekannt. Er wisse lediglich, dass er nach seiner Pensionierung weggezogen sei. Der Behinderte sei ihm hin und wieder begegnet. Leider sei er vor ein paar Jahren verstorben. Angeblich habe sein Kreislauf versagt. Zu der Bedienung könne er nichts sagen. Und ob sie noch in dem Weinhaus arbeite, wisse er nicht. Er verkehre dort nicht. Dann verschwand der Kahlköpfige eilig im Haus.