Erdstallpirouetten - Lorenz Filius - E-Book

Erdstallpirouetten E-Book

Lorenz Filius

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Beschreibung

In der Schule ist Becky keine große Leuchte, was für ihren Stand unter den Klassenkameraden nicht gerade förderlich ist. Daran hat sie sich zwar über die Jahre gewöhnt, aber diese Hundstage sind irgendwie anders als die der vergangenen Sommer. Juckpulver, eine nicht enden wollende Hitze und diverse andere kleine Nöte machen dem neunjährigen übergewichtigen Mädchen das Leben schwer. Überhaupt scheint sich die Welt um Becky auszubreiten, ohne sie dabei mitnehmen zu wollen. Ihr bester Freund, nämlich ihr eigener Vater, ist zunehmend mit sich selbst beschäftigt, und in ihrem Baumhaus fühlt sie sich seit den Attacken der Eierköpfe auch nicht mehr wohl. Da kommt Becky die Entdeckung einer neuen Zuflucht im Garten der Nachbarin gerade recht, wo sie sich in aller Ruhe überlegen kann, warum sie kein Junge, sondern ein Mädchen ist und ob ihr weißes Kleid ihr irgendwann einmal passen wird. Doch auch hier scheint die Harmlosigkeit des Lebens ihre Grenzen zu haben. Ein Kind entwächst der kleinen Not, durchlebt und aufbewahrt, doch ehe ihm das Schicksal droht, die Welt sich offenbart.

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Ein Kind entwächst der kleinen Not, durchlebt und aufbewahrt, doch ehe ihm das Schicksal droht, die Welt sich offenbart.

Becky raffte sich auf und suchte den Inhalt ihres Ranzens auf dem Bürgersteig zusammen. Diesmal tat es sogar richtig weh - sonst juckte es nur scheußlich. Dabei hatte sie den Heimweg fast geschafft und die Eierköpfe längst zu Hause vermutet. Doch gerade, als sie darüber sowie über das schulische Hitzefrei ein kleines Glück befallen hatte, schossen die Bengel unverhofft aus einer Garageneinfahrt hervor und stellten sich ihr in den Weg. „Specki! - Specki!“, grölten sie. „Wat ne Wonne, wat ne Wonne, die Dicke wiegt bestimmt ne Tonne!“ Dann packte sie auch schon Rudolph, der Älteste von ihnen, und nahm die Neunjährige in den Schwitzkasten. „Wehr dich!“, hatte Becky die Worte ihres Vaters im Ohr. „Wenn sie dir zu nahe kommen, schleudere dich hin und her, und hau ihnen mit deinem Ranzen eins vor den Latz.“ Doch dazu war es schon wieder zu spät, und ihre unbeholfene, behäbige Bemühung fand unter dem kräftigen Jungenarm ein jähes Ende. Allerdings musste sie den Kerl diesmal zumindest irgendwo getroffen haben, bei ihrer hilflosen und doch vehementen Gegenwehr, denn der schrie kurz auf: „Au! - Na warte du fette Kuh, dafür kriegst du ’s heute doppelt!“ Während das Mädchen verzweifelt versuchte, sich von seinem Angreifer loszureißen, zog dessen jüngerer Bruder Alf an ihrem T-Shirt und stopfte ihr zerdrückte Hagebuttenbeeren in den Kragen. Nur der Jüngste der Geschwister, Manfred, stand daneben und grinste hämisch zu dem gemeinen Überfall.

Vor Manfred hatte Becky eigentlich keine Angst. Er ging mit ihr in dieselbe Klasse, war aber ein mickriger Feigling, wie ihre Klassenkameraden ihn bezeichneten. Er war der Kleinste unter ihnen, sogar noch kürzer als Becky, und das bekam er auch regelmäßig zu spüren. Becky war dafür die Dickste und damit ebenfalls abseits des restlichen Klassenverbandes. Aber die anderen ließen sie in Frieden - fast zumindest, bis auf die üblichen Sprüche, vor allem bezüglich ihres Namens. ‚Becky’ klang so fett, fand sie, und das Wort alleine schon schien genug Anlässe zu bieten, sie wegen ihres Gewichtes zu hänseln. Sie mochte es viel lieber, wenn sie bei ihrem richtigen Namen Rebecca gerufen wurde, außer von ihrem Vater Robert. Wenn der sie so nannte, lag meistens Ärger in der Luft. An die Hänseleien hatte sich Becky über die Jahre schon gewöhnt, und das war auch nicht so schmerzhaft wie dieses Juckpulver der Eierköpfe. Ihr war so, als ob das Trio es besonders dann auf sie absah, wenn Manfred wieder einmal Blessuren aus der großen Pause davon getragen hatte. Diese Jungs sahen alle drei gleich aus im Gesicht mit dem blonden Stoppelhaarschnitt auf ihren langgezogenen Köpfen - genau wie ihr Vater, Wachtmeister Lohmann. Der war doch Polizist und hätte eigentlich wissen müssen, dass das, was seine Jungs mit Becky taten, nicht gerecht war. Manfreds Brüder Alf und Rudolph waren zwei Klassen über ihr und gingen zur Hauptschule. Die war ein gutes Stück entfernt von der Grundschule, aber ein paar Mal in der Woche hatten die beiden zur gleichen Zeit Schulschluss wie Beckys Klasse; und da lauerten sie ihr regelmäßig auf; mal mit Verbalattacken, mal mit Schubsereien oder eben mit Juckpulver, wie an diesem Schultag auch. Einmal hatten sie das Mädchen sogar eine Böschung hinuntergestoßen. Völlig verdreckt war sie da nach Hause gekommen und musste ein dementsprechendes Donnerwetter ihres Vaters über sich ergehen lassen. „Mensch, du bist doch ein kräftiges Mädchen; hau mal so richtig um dich und zeig es denen.“ Eigentlich wollte Becky gar nicht kräftig sein und hätte es viel lieber gehabt, ihr Vater hätte es ‚denen’ einmal gezeigt. Begonnen hatte das Ganze bereits ein Jahr zuvor, als die drei Jungs mit ihren Eltern nur zwei Häuser weiter in der Waldstraße eingezogen waren. Davor war Beckys Welt mehr oder weniger in Ordnung. Sie lebte seit ihrer Geburt, bei welcher ihre Mutter verstarb, in dem verschlafenen Eifelstädtchen mit ihrem amerikanischen Vater alleine in dem kleinen grauen Haus. Seit sie denken konnte, arbeitete er von dort aus für eine amerikanische Firma mit Sitz in Bitburg und Trier, war also mehr oder weniger immer da, wenn auch meist beschäftigt. Manchmal, wenn Robert außerhalb zu tun hatte, ging Becky mittags zu den Nachbarn, der Familie Walther. Dort aß sie dann mit zu Mittag und machte ihre Hausaufgaben. ‚Sehr zuverlässige Leute’, wie ihr Vater fand, aber bei Becky hinterließ das Rentnerehepaar einen eher komischen Eindruck. Die fragten immer so viel, wollten wissen, ob ihr Vater denn nicht eine Freundin habe und ob das auch so ganz ohne Frau im Haushalt klappen würde. Einmal hatte Frau Walther Becky sogar angeboten, bei ihr zu Hause nach dem Rechten zu schauen, man höre ja so viel. Als sie das ihrem Vater dann abends erzählte, wies er sie zurecht, nicht immer solch dumme Geschichten zu erfinden.

Über die großen Ferien hatte Becky die Eierköpfe schon fast verdrängt, jedoch belehrte die erste neue Schulwoche sie gleich eines Besseren. Im nächsten Jahr würde es vielleicht noch gefährlicher werden, denn da würde sie in die fünfte Klasse versetzt. Zur Realschule könnte sie es unter Umständen schaffen, und in diesem Fall müsste sie sich um die Pausenzeit keine Gedanken machen. Aber der Schulweg wäre in etwa der gleiche. Und an einen Sprung aufs Gymnasium in Bitburg war gar nicht zu denken - mit den Noten, die sie hatte. Manchmal überlegte Becky, dass es vielleicht sogar besser wäre, nicht versetzt zu werden, aber das wäre für ihren Vater eine Katastrophe gewesen, denn die dritte Klasse hatte sie schließlich auch schon beinahe wiederholen müssen.

„Wenn ich euch noch einmal erwische, dann könnt ihr was erleben! Saubande!“, vernahm Becky eine vertraute Stimme hinter sich, wenn auch zu spät, denn die Eierköpfe trollten sich längst feixend davon. Frau Berger trat aus der Einfahrt und half dem Mädchen auf die Beine. „Bist du in Ordnung?“

„Ja, ich glaube schon …“

„Lass mal sehen.“ Die zierliche ältere Dame betrachtete sich durch den Kragen den Rücken des Kindes. „Mensch, das ist ja feuerrot. Das musst du unbedingt deinem Papa zeigen. Habt ihr eine Kühlsalbe?“

„Weiß nicht … Dad sagt immer, dass man davon nicht stirbt … ich soll mich lieber wehren, meint er … anstatt zu petzen.“

„Ach was, doch nicht gegen drei auf einmal … Wie waren denn deine Ferien?“, lenkte Frau Berger Becky ab, die sich an ihrem wieder halb aufgesetzten Ranzen den Rücken rieb. Ein Riemen hatte sich bei ihrem verzweifelten Versuch, Widerstand zu leisten, aus der Naht gerissen.

„Och, geht so. Wir waren in Amerika.“

„Ui, na da hast du ja was erlebt …“

„Ja, wir haben Grandma und Grandpa und meine Tante in Texas besucht. Die hat ein süßes, kleines Pony … war ganz lustig“, murmelte Becky sinnierend vor sich hin und spielte an ihrem kaputten Riemen herum. „Durfte ich aber nicht drauf reiten … nur meine Cousine durfte … bin zu schwer.“

„Wer sagt das?“, wiegelte Frau Berger ab.

„Meine Tante …“

„Hm, das ist ja wohl ein wenig übertrieben … Hm … Hast du vielleicht Lust, heute Nachmittag mal vorbei zukommen? Ich habe leckeren Apfelstreusel gebacken mit frischen Äpfeln aus dem Garten ...“

Das Gesicht des Mädchens hellte sich auf. „Au ja, hätte schon Lust. Muss aber erst Dad fragen. Vielleicht muss ich nämlich auch wieder mit zum Angeln.“

„Komm einfach vorbei, wenn du willst; ich bin ja alleine hier.“

Becky nickte. „OK, tschüß dann“, und sie trottete langsam den Rest ihres Weges die Straße hinauf zu dem schlichten Steinhaus, einem der schmucklosesten in der Gegend.

In der Waldstraße lebten fast nur ältere Leute, alt Eingesessene, wie Robert sie bezeichnete. „Und grüße immer schön, wenn du jemandem unterwegs begegnest“, gab er seiner Tochter regelmäßig morgens mit auf den Schulweg. An Kindern gab es neben den Eierköpfen nur noch Martina und Helmut in der Waldstraße, die mit ihren Familien aber ganz am oberen Ende wohnten und zum Kreis gehörten, was immer das auch war. Die gingen schon längst aufs Gymnasium in Bitburg, waren meistens schick angezogen und grüßten nie, wenn Becky ihnen gegenüber ihre artige Pflicht tat. Die anderen Kinder aus Beckys Klasse wohnten fast ausschließlich in den übrigen Ortsteilen oder umliegenden Dörfern. Die Grundstücke auf der rechten Seite der Waldstraße hatten alle eine leichte Hanglage und waren ähnlich bebaut. Die Häuser standen ein wenig erhöht zur Straße hin mit kleinen Vorgärtchen, meist mehr oder weniger gepflegt. Dahinter zog sich dann der Rest der Gärten ziemlich weit aufwärts bis zum oben gelegenen Fichtenweg, mit angelegtem Rasen, Gartenanbauflächen oder einfach nur mit wildem Gras und Obstbäumen. Am spannendsten fand Becky allerdings jene Grundstücke, die mehr verwildert und undurchdringlich aussahen - wie das von Nachbar Jonas. Den hatte irgendwie noch kaum jemand zu Gesicht bekommen, und in seinem Haus waren ständig die Gardinen zugezogen. Die alten Leute munkelten, dass es dort spuke und dass Herr Jonas in seinem Haus merkwürdige Experimente mache. Dieses Grundstück hatte zudem einen besonderen Reiz, weil dort ein ausrangierter, roter Opel Kadett ohne Sitze, Räder und Türen vor sich hin rostete. Ein echter Anziehungspunkt für die, die sich hinwagten. Aber auch Becky fand das schon halb ausgeschlachtete Autowrack faszinierend, wie alles, was mit Technik zusammenhing - ein Umstand, der ihrem Vater zwar eine gewisse Freude bereitete, der ihr selbst aber scheinbar keine Bonuspunkte bei ihren Mitschülern einbrachte. Ihre männlichen Schulkameraden nahmen sie kaum ernst damit, und bei den Mädchen kam sie erst recht nicht damit an. Dennoch, sie war schon ein paar Mal beim alten Opel gewesen, zusammen mit anderen Jungs aus dem Schmalbachweg, welcher parallel unterhalb der Waldstraße samt dem dazugehörigen Bach verlief. Aber den begehrten Platz hinter dem Steuerrad konnte Becky nur selten ergattern. Die älteren Burschen vom Schmalbach gingen zwar alle nicht in ihre Klasse, akzeptierten sie aber zumindest als Anhängsel, solange sie die Jungs ab und zu in Beckys Garten zündeln ließ. Das alte, graue Gras bot dazu die beste Gelegenheit, auch wenn Robert Becky das schon mehr als einmal verboten hatte. Außerdem hatten die Jungs ja etwas gegen ihre Kameradin in der Hand. Bei ihren Zündelaktionen zogen sie immer an weggeworfenen Zigarettenkippen. Einmal konnten sie Becky überreden, es ihnen gleichzutun. „Du musst es tief einatmen“, machten sie ihr das eklige Spiel schmackhaft. Obwohl Becky ihr zaghaftes Nachgeben sofort bereute und ihr spontan davon so schlecht wurde, dass sie sich fast übergeben hätte, erpressten sie die Jungs fortan damit: „Entweder du lässt uns Feuerchen machen, oder wir erzählen deinem Dad, dass du geraucht hast.“ In Herrn Jonas’ Garten traute sich Becky allerdings nicht alleine, und wenn sie doch einmal vorsichtig ein paar Schritte hinter das Loch im Stacheldrahtzaun wagte, pfiff sie entweder ihr Vater zurück oder ein gewisses Unbehagen ließ sie rasch wieder umkehren. Das Grundstück oberhalb ihres eigenen Hauses war hingegen nicht so verwildert, wenngleich auch nicht besonders gepflegt. Neben dem recht hohen, dürren Gras befanden sich dort ein halbes dutzend Apfel- und Sauerkirschbäume; ein besonders großer Pflaumenbaum stand mitten unter ihnen. Das war Beckys Lieblingsplatz im Sommer, und auf die Baumhütte, die sie zusammen mit ihrem Dad dort oben gebaut hatte, war sie besonders stolz. Obst trugen die alten Bäume allerdings kaum. Sie waren seit Jahren nicht mehr beschnitten worden, und die Äste wucherten förmlich in alle Richtungen. Beckys Vater fehlte für die Gartenarbeit und diverse Tätigkeiten rund ums Haus einfach die Zeit. Nur das Gärtchen vor und neben dem Haus war mit Rasen bewachsen, den Becky seit Neuestem ganz alleine mähen durfte. Das fand sie toll, obwohl sie nach einem solchen 200 Quadratmeter Pensum ganz schön außer Puste war. Robert besaß nämlich nur einen Handmäher und keinen elektrischen wie die meisten übrigen Nachbarn. „Damit du wenigstens etwas Kondition bekommst und nicht den ganzen Tag im Baumhaus herumhockst“, meinte er immer, wenn seine Tochter einmal vorschlug, einen echten Rasenmäher zu kaufen.

Becky stieg langsam die Stufen vor ihrem Haus hinauf und schlenderte über den eigens von ihr angelegten Pfad durch den Rasen zur Haustür. Auf halbem Wege verharrte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte einen Blick über die säuberlich geschnittene Grenzhecke von Familie Walther bis hinüber zum übernächsten Grundstück zu erhaschen - dem Garten der Eierköpfe. Dort schien alles ruhig. Wahrscheinlich war der Vater der drei Jungs zu Hause und hielt sie mit Hausaufgaben in Schach. Manfred hatte einmal so etwas erzählt. In diesem Fall war mit einem ruhigen Nachmittag zu rechnen, und Becky konnte sich nach ihren Schularbeiten getrost in ihren Garten begeben. In ihrem Baumhäuschen zu sitzen und bei einer Tüte Gummibärchen entweder einen neuen Comic zu lesen oder ihre Schätze zu sortieren und begutachten, war dann ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Becky sammelte nämlich leidenschaftlich gerne alles mögliche technisch Ausrangierte - mit Vorliebe vom Sperrmüll. „Das kann man bestimmt irgendwann mal gut gebrauchen“, war immer ihr Argument, wenn sie mit einer neuen Errungenschaft durch die Haustür trat und ihr Vater die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Spätestens, als er eines Tages barfuß in eine kleine Elektroplatine getreten war, die Becky beim Zerlegen eines alten Radios auf dem Teppich vergessen hatte, musste sie den größten Teil ihrer Sammlung in die Baumhütte verlagern, zumindest die Dinge, über welche sich Robert schon einmal geärgert hatte.

Ihr Vater öffnete die Tür, noch ehe Becky klingeln konnte. Er wusste sofort, was los war.

„Hast du wieder den Kürzeren gezogen? - Und der Riemen ist auch entzwei - Na dann komm mal rein. Den Ranzen werde ich nachher flicken. Wie war es in der Schule?“

„Für den kaputten Riemen kann ich nichts, das waren die …“

„Ach, hör mit diesen Ausflüchten auf, Becky“, winkte Robert ab, „ … es sind immer die andern gewesen, ich weiß.“

Becky streifte den Ranzen ab und hielt ihrem Vater demonstrativ den Rücken hin. „Das tut total weh diesmal … und ist feuerrot.“

„Seit wann kannst du dir selbst auf den Rücken schauen?“

„Hat Frau Berger gesagt.“

„Hat sie dich wieder mal gerettet, ja?“

„Manno, die sind immer zu dritt. Was soll ich denn da machen?“

„Hab ich dir schon mehrmals erklärt. Wir üben das noch einmal.“

„Kannst du nicht mal … mit denen oder ihren Eltern …“

„Ach wo! Wie sieht das denn aus? Ich finde, ihr solltet so etwas als Kinder unter euch regeln. So schlimm sind die Jungs doch gar nicht. Mich grüßen sie jedenfalls immer freundlich auf der Straße.“

„Ja klar, weil sie vor dir auch Schiss haben.“

„Unsinn, du musst lernen, dich durchzusetzen. Du bist doch ein kräftiges …“

„Bin ich eben nicht … fett bin ich - fett, fett, fett.“

„Tja, da musst du eben auch etwas dran tun. Ich sag dir ’s ja immer: Iß mehr Fisch und nicht soviel Schokolade. - Apropos, ich wollte heute Nachmittag zum Angeln. Sie haben neue Forellen im Gondenbretter Weiher.“

„Och, muss ich da mit? Ich will nicht schon wieder Fische totschlagen.“

„Aber essen magst du sie schon, oder? - So, und nun lass mich mal deinen Rücken sehen … Auweia, das sieht ja wirklich übel aus.“ Robert lachte. „Also wenn du damit unter eine Dampfwalze kommst … Das spürst du doch schon fast nicht mehr, oder?“ Becky verzog genervt das Gesicht. „Komm, setz dich an den Tisch. Hab heute mal länger am Kochpott gestanden und einen Linseneintopf gemacht mit Kartoffeln aus dem Garten …“

Becky stocherte recht lustlos in ihrem Essen herum. Gemüse war nicht ihr Ding, und ihr Vater war kein besonders guter Koch, fand sie für sich im Stillen. Dabei bot der mehr oder weniger brach liegende Garten hinter dem Haus genug Fläche zum Anbau für den häuslichen Gebrauch. Aber zu mehr als ein paar gesetzten Kartoffeln ließ sich Robert nicht hinreißen. Er hatte einfach zuviel um die Ohren. Deswegen gab es oft schnelle Küche, die er zwischen seiner Arbeit als Schaltplanentwickler und der übrigen Hausarbeit zubereitete oder vom Schnellimbiss aus dem Ort mitbrachte. Letzteres schmeckte Becky am besten von alledem. Ständig saß ihr Vater über irgendwelchen Zeichnungen und rechnete und malte darin herum - sogar beim gemeinsamen Essen. Becky kannte ihn so, seit sie klein war. Und wenn sie ihn fragte, ob ihm das überhaupt immer Spaß mache, erwiderte er, dass er eben auf diese Weise das nötige Geld verdiene, damit er und Becky das Haus halten und einmal im Jahr auch in Urlaub fliegen könnten. Das mit dem Haus verstand Becky nicht so ganz, da sie ja dort wie selbstverständlich schon immer gelebt hatte. Allerdings hatte sie auch ein Jahr zuvor mitbekommen, dass ihr bis dahin bester Freund Philipp wegziehen musste, weil dessen Eltern das Haus eben nicht mehr halten konnten. Und wegziehen, das wollte Becky eigentlich nicht - auch nicht wegen der Eierköpfe. Auf ihrem Grundstück war sie sicher vor ihnen. Aber Roberts zeitraubender Beruf hatte auch etwas für sich. Er kannte sich nämlich aus mit technischen Dingen, und das fand Becky prima. Wenn er sich auch oft nicht die Zeit nahm, auf alle ihre Fragen eine Antwort zu suchen, so war er jedoch sofort ganz Ohr, wenn es sich um Technik und Sachkunde handelte. Da waren sie auf einer Wellenlänge, und so manche gemeinsam verbrachte Zeit mit solchen Themen machte die oft langen Stunden, die Becky sich selbst überlassen war, wieder wett. Es waren diese gemeinsamen Aktionen, die ihr schließlich mehr bedeuteten als der Wunsch, unter ihren Klassenkameraden etwas zu gelten. Somit war Sachkunde auch das Fach, in welchem Becky wenigstens die einzige Zwei auf dem Zeugnis präsentieren konnte. Für eine Eins reichte es nicht, weil Fräulein Nagelfuß nur sehr selten Einsen gab. Bei ihrem Vater hätte sie eine Eins bekommen, da war Becky sich sicher.

Was die Eierköpfe anbetraf, hatte sie eine viel bessere Idee, mit der sie allerdings bei Robert regelmäßig auf Granit biss.

„Nun iss mal, sonst ist es gleich kalt“, munterte er seine verträumt dreinschauende Tochter auf.

„Em, Dad? Warum kann ich eigentlich nicht auf die Elementary School in Bitburg gehen?“

„Ach Becky, das hatten wir doch schon. Das ist alles zu umständlich; du sprichst besser Deutsch als Englisch, und die ganze Busfahrerei … ich weiß nicht.“

„Aber ich bin doch auch eine halbe Amerikanerin, und du könntest mich doch fahren. Außerdem meint Harry, dass das …“

„Schluss jetzt Becky. Ein Schulwechsel macht im vierten Schuljahr überhaupt keinen Sinn. Das würde alles durcheinander werfen. Sieh lieber zu, dass du den Sprung zur Realschule schaffst.“

„Wenn ich es aufs Gymnasium schaffen würde, müsste ich auch nach Bitburg.“

„Na, davon gehe ich lieber mal nicht aus. Aber wenn du es zur Realschule schaffst, dann fliegen wir im nächsten Sommer in die Mountains.“

„Du meinst die Rockys, Dad?“ Beckys ohnehin schon große, schwarze Kulleraugen wurden noch größer.

„Genau, mein Schatz - also streng dich an.“

Becky verzog den Mund und konnte sich nicht entscheiden, ob sie schmollen oder sich wegen des gemachten Angebotes freuen sollte. „Ich bin satt“, meinte sie dann und schob den noch halbvollen, mittlerweile abgekühlten Teller Linseneintopf vor sich in die Mitte des Tisches.

„Wie ist es, kommst du nun mit zum Angeln, oder willst du lieber bei Walthers warten, bis ich zurück bin? Kannst ruhig in ihrem Garten Ball spielen, hat Frau Walther angeboten.“

„Nö, langweilig“, maulte Becky, „kann ich nicht lieber zu Frau Berger? Sie hat mich gefragt, ob ich sie nicht besuchen will.“

„Was willst du denn bei der alten Frau? Auch Löcher in den Bauch fragen?“ Robert zwinkerte seine Tochter an. „Also gut, meinetwegen. Aber fall ihr nicht auf die Nerven, hast du gehört? Ich möchte unser gutes Verhältnis zu den Nachbarn nicht getrübt sehen … Kannst dich ja vielleicht etwas nützlich machen. Am besten, ich gebe dir eine Kleinigkeit für sie mit. Ah ja, und noch etwas: Wenn du draußen spielst, dann geh diesem Harry aus dem Weg. Der ist kein Umgang für dich … er und seine Kumpels aus der Wohngemeinschaft. So, und nun ab, Aufgaben machen. Ich sehe sie mir heute Abend an.“

Becky trottete die Holztreppe hinauf und verschwand in ihrem kleinen Dachzimmer. Es sah weniger wie ein Kinder- oder Mädchenzimmer als mehr wie eine Bastelstube für alles Mögliche aus. Besonders aufgeräumt war es nicht, aber Becky wusste genau, wo sie was suchen musste, wenn sie es brauchte. Sie öffnete das Giebelfenster, setzte sich auf ihr Bett unter der Dachschräge und schlug ihr Schreibe-so-Buch auf. Es war schwül draußen, und ihr kleines Zimmer hatte sich in der Vormittagssonne schon ziemlich aufgeheizt. Sie mochte den Sommer und das Spielen im Freien, aber die Hitze war ihr zuwider und machte sie träge. Wenn es dann einmal einen kühlenden Regenguss mit Gewitter gab, war das wie eine Erlösung für sie. Das Jucken auf dem Rücken ließ allmählich nach, aber nur langsam kam sie mit der eigentlich einfachen Hausaufgabe voran. Bäuchlings lag sie da und schrieb ihre Aufgabenlösungen in ihr Rechtschreibheft. Zwischendurch stockte sie immer wieder und träumte vor sich hin, kritzelte kleine Männchen an den Rand ihres Heftes oder malte die Linienzwischenräume einfach mit Tinte aus. Auf einmal vernahm sie eine singende Stimme, die von der Straße nach oben durch ihr Fenster drang. Harry. Becky sprang auf und lief zum Fenster. Genau unter ihr tanzte der dunkelhäutige, junge Soldat mit seinem Kopfhörer an ihrem Haus vorbei. Sie grinste und rief ihn an, aber er reagierte nicht. Die Musik aus seinem Walkman war offensichtlich zu laut. Becky schaute ihm nach, bis er fast am Ende der Straße angelangt war. Er hatte immer die neuesten Hits auf Kassette. Sie seufzte. Sie hatte auch schon viele Hits gesammelt, aus dem Radio, und ihre Kassettensammlung konnte sich sehen lassen. Deutsche Schlager hörte sie am liebsten. So einen Walkman, wie Harry ihn besaß, hätte sie auch gerne gehabt. Ihre Cousine in Amerika hatte natürlich schon so ein tolles Ding. Aber diese kleinen Geräte gab es im ganzen Ort nicht zu kaufen. Zumindest hatte Becky sie noch nie im Schaufenster von Radio-Schmitz gesehen, wenn sie mit Robert einkaufen war. Nur die großen Radiorekorder gab es dort. Manche sogar mit Stereoklang. Auch ein Traum. „Viel zu teuer und unnötig“, war Roberts knappe und damit auch endgültige Antwort in dieser Frage. Immerhin hatte er ihr zu Weihnachten einen kleinen Kassettenrecorder mit eingebautem Mikrophon geschenkt. Den hatte sie sich aus dem Versandhauskatalog aussuchen dürfen, da er die magische 100-D-Mark-Geschenkegrenze gerade noch unterschritt; ein weiterer kleiner, technischer Stolz, den Becky besaß.

Der Himmel war gar nicht mehr richtig blau, so wie in den Ferien oder zu Ende des Schuljahres, mehr weiß blau oder so ähnlich. Becky blickte zwischen den drei Birken vor dem Haus hindurch über die Nachbargrundstücke hinweg zum Horizont. Wenn es richtig windig war, dann knarrten die Bäume immer so schön, und eingehüllt in ihre Decke, stellte sich das Mädchen dann abends oft vor, dass sich die Birken in ihrer Baumsprache geheimnisvolle Geschichten erzählten. Eine Wetteränderung schien allerdings momentan nicht in Sicht, oder bildete Becky sich den leichten Grauschleier in der Ferne vielleicht doch nicht ein? Sie setzte sich zurück auf ihr Bett und betrachtete ihre fast fertigen Aufgaben, deren malerische Verzierungen die Lösung wahrscheinlich auch nicht richtiger machten. Unkonzentriert huschte sie durch die letzten Übungen, um sich danach lieber ihrem Kassettenrecorder zuzuwenden, welcher seit Kurzem ja noch eine gewisse Aufwertung erhalten hatte.

Am Wochenende zuvor hatte Becky zusammen mit Robert ein tolles, kleines Gerät gebastelt: einen Schwingkreis, wie ihr Vater ihr erklärt hatte. Als Becky ihn gefragt hatte, wie eigentlich ein Radio funktioniert, beschrieb er