Selbstdialogische Anekdoten - Lorenz Filius - E-Book

Selbstdialogische Anekdoten E-Book

Lorenz Filius

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Beschreibung

Die in diesem Buch beschriebenen Ansichten und Geschichten im Spiegel des Horizonts entspringen der oft eigentümlichen Inspiration aus Momenten des Alleinseins. Kontraste verschärfen sich - manchmal pointiert, manchmal zu Zerrbildern zwischen Realität und Deutung überakzentuiert. Die Bilder folgen keinem Plot, sondern einfach aufeinander in der Selbstverständlichkeit ihres schicksalhaften Laufs der Dinge aus dem Kopf heraus.

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Was ich denke ,

kann ich durch Fenster erkennen;

was ich kenne,

darin gespiegelt benennen.

… Als Verfasser von Geschichten gehe ich immer auch ein wenig neben mir, wenn ich Ideen aus oft geatmeter Luft gegriffen vor mich hin denke. Dann entspringen ihnen mit einem Mal Charaktere oder Ansichten, die nicht immer alltäglich scheinen, welche mich jedoch aus dem Vorbeiflug eines für mich scheinbar unbedeutenden Momentes heraus ein paar Schritte lang begleiten.

Ganz plötzlich sind sie da: Ob aus der Routine zwischen Kaffeeautomat und Schreibtisch an meinen selbstgesprächigen Lippen klebend, schweigsam meiner Gedankenlosigkeit vor einem hautnah vorbeirasenden Zug entwachsend, oder laut lamentierend inmitten einer Unbequemlichkeit - sie kommen mir nicht selten aus heiterem Himmel genau dann in die Quere, wenn ich mir der unbedeutenden Leere um sie herum nicht sicher bin. Sie sind anders als die üblichen Protagonisten, wenn es mehr um ihre eigene Stimmung geht als um Romane ihres Daseins. Mit ihrer melancholischen, tragischen aber auch unwirklichen Natur gehen sie mir nach und manchmal nah - und zwar im Sinne fühlender Gedanken um banale Kaltblütigkeit des Alltags. Oft verschwinden sie bald darauf wieder, noch nicht ansatzweise vertieft, zwischen meinem Gehabe über sie hinweg.

Aber immer dann, wenn die Muße mich ihnen auszuliefern vermag, schwelgen sie in mir; und die Anschauungen um sie werden zu Betrachtungen meines Gemütszustandes in Spiegelungen auf dem Panoramafenster vor der Welt. Es sind dies die kleinen Figuren und Ansichten der Versinnbildlichung aus dem Schattendasein, welches vom Rampenlicht unserer Gegenwart überstrahlt wird …

Inhalt

Rosemarie und Dornfried

Alle Zeit

Apathus

Sarah und der Kapitän

Voodoo Dog

Stuhlkreis

Offenbarung in einem Sarg

Wieso ich?

Karl und Heinz

Charakterintimität

Apfelmus

Überzogen / Drei Affen

Raus aus der Welt

Der Zigarrenphilosoph

Das allerletzte total Gute

Supis

Nachhause gehen

Die Überbringerin

Perla

Auf immer mein

Ländereien abzugeben

Katzenpetze

Paul Imaginatus

Licht und Lichtlein

Das Malheur

In Luft aufgelöst

Das Schweigen der letzten Zukunft

Rezension Mensch

Eine Million und ein halber Römer

Rosemarie und Dornfried

„Ach, du glaubst ja gar nicht, wie ich mich auf unseren Urlaub freue - den ersten seit so vielen Jahren.“ Rosemarie schaute ihrem Mann Dornfried schwärmerisch in die Augen.

„Na ja“, antwortete dieser, „wir haben ja eigentlich immer Urlaub, seit wir beide in Frührente geschickt worden sind.“ In Dornfrieds Stimme lag dieser typische Unterton, der die freudige Erwartung seiner Frau leicht dämpfte. Er lächelte sie angespannt an. „Aber, Rosie, wir werden sehen, gell?“

„Was gibt‘s da noch zu sehen, Friedl? - Organisiert und vorbereitet. Ich habe schon alles zusammen, was ich brauche. - Ab in den Koffer damit, und los geht‘s.“

Dornfried schaute über die Schulter seiner Frau hinweg auf das ehemalige Ehebett. Auf seiner Seite lagen Decke und Kopfkissen penibel an der Bettkante ausgerichtet, während auf der abgezogenen Matratze daneben der aufgeklappte, noch zu füllende Koffer seiner besseren Hälfte die bevorstehende Aktion mit einer ungewissen Leere offenbarte. Drumherum lagen Rosemaries vorbereitete Wäschepakete.

„Was ist?“ Intuitiv lenkte sie ihren Mann mit der Aufforderung, ihr beim Einsortieren zu helfen, von dessen aufkommender Unruhe ab.

„Mensch Rosie. wozu brauchst du denn all das für die paar Tage? Die gehen doch schneller vorbei, als du die Klamotten wechseln kannst.“

„Lass mich doch. - Abends mal was Nettes anziehen zum Dinner, oder das Schicke hier, wenn wir durch die Einkaufszone flanieren. Hmm, oder so was für den Strand; habe ich noch nie getragen mangels Gelegenheit.“

„Shorts sind niveaulos. Ich weiß gar nicht, warum du dir die überhaupt gekauft hast.“ Dornfried gab sich gequält belustigt über die noch original verpackte Bermudahose in Rosemaries Hand. „Und apropos Dinner: Gegessen wird schon in der Ferienwohnung? Ich meine, da ist direkt der Discounter neben den Ärztehäusern um die Ecke. War nicht leicht, etwas so Günstiges so gut gelegen zu buchen. Da brauchen wir uns noch nicht einmal Fahrräder auszuleihen.“

„Nee ist klar, und wir brauchen auch nicht über den Deich zu schauen, weil Wasser eh überall gleich aussieht“, kam es von Rosemarie unmutig zurück. „Wir fahren ja auch nur deshalb in Urlaub, um uns beim Arzt zu entspannen und im Discounter ein Einkaufserlebnis bis aufs letzte Sonderangebot auszureizen.“

„Warum bist du denn jetzt so gereizt?“, wollte Dornfried wissen und gab sich gelassen. „Wenn was ist, oder wenn die Restaurants geschlossen sein sollten, sind wir auf der sicheren Seite.“

„Ja, so sicher, wie der Tod. - Was soll denn schon sein, Friedl? - Die Eins-Eins-Null kannst du auch an der Nordsee rufen, und wir werden da oben sicher nicht verhungern.“

Dornfried schmollte: „Das ist nun also der Dank für meine Bemühungen, uns eine solide Unterkunft besorgt zu haben.“

Rosemarie wurde allmählich über diese ihr wohlbekannte unsägliche Art der Diskussion mit ihrem Mann fahrig, klemmte sich am Reißverschluss der zusätzlich gepackten Sporttasche die Finger und schrie genervt auf: „Ja, ich meine nein!“

„Also, was soll dann das Theater jetzt?“, fragte Dornfried, sich mit beleidigter Miene abwendend.

„Das Theater machst du, mein Lieber. Pack mal endlich deinen Koffer. Dann kommst du auch auf andere Gedanken.“

„Ach, nimm doch mit was du willst. Wegen mir auch noch ein paar Umzugskisten zusätzlich. Aber glaube nicht, dass ich das alles schleppe. - Ärgerlich das! Man darf aber auch gar nichts mehr anmerken.“ Dornfried trollte sich aus seinem Schlafzimmer in Richtung Küche.

„Weil ich schon wieder genau weiß, worauf das Ganze hinausläuft!“, rief Rosemarie hinter ihm her. „Ich sage nur Hauskauf und Hochzeit.“

„Nun bleibe bitte sachlich.“, grummelte es aus der Küche, wo sich Dornfried der Kontrolle von ausgestöpselten Steckern und abgeschalteten Herdplatten hingab. „Wenn ich damals nicht kurz vor dem Notartermin die Notbremse gezogen hätte, dann würden wir vielleicht heute nicht hier wohnen.“

„Es reicht mir langsam!“, fuhr Rosemarie Dornfried über den Mund und knallte ihre Badeschlappen in den Koffer. - „Nein, ohne deine blamablen Bedenken damals würden wir heute ganz sicher nicht in dieser heruntergekommenen Wohnsiedlung unser Leben fristen.“

Dornfried winkte ab: „Und was die Hochzeit unserer Tochter angeht? - Rosie, du weißt genau, was ich darüber denke. Geheiratet wird immer noch im Elternhaus der Tochter. Das ist das Normale. Wenn Tanja allerdings meinte, unbedingt in England heiraten zu müssen, musste sie eben damit rechnen, das ihre alten Eltern nicht zwangsläufig ihre verkehrte Welt mitmachen und mal eben anreisen. - Und, hat sie es uns übel genommen? - Nein. Weil sie genau weiß, was sie an uns hat; sonst käme sie uns nicht so oft mit dem Kleinen besuchen.“

„Alte Eltern? Wir waren da Mitte 50, Friedl; und wir hatten die besten Blutwerte, die man in dem Alter haben kann.“ Rosemarie fasste sich. „Fertig!“, konstatierte sie dann und stellte ihr prall gefülltes Gepäck neben sich auf den Boden. „Ja“, fuhr sie fort, „Tanja kommt uns besuchen, damit unser Enkel seine Großeltern wenigstens ein Mal im Jahr zu Gesicht bekommt. Und sie ruft dauernd hier an, um unsere Telefonkosten in Grenzen zu halten. - Aber haben wir ihr einmal drüben in Wales einen Besuch abgestattet? Selbst wenn sie Geburtstag hat, lassen wir sie uns anrufen, damit wir ihr gratulieren können. - Weißt du, mein Lieber, man kann auch alles übertreiben. Mensch, was hätten wir all die Jahre da schöne Sommertage verbringen können, und das immer für lau. Und wenn es dann doch einmal über dich kam, eine Tour zu unternehmen, musstest du ja regelmäßig kurz vor der Abreise deine Herzstolpereien oder die Angst vor dem Abbrennen unserer Wohnung ausspielen, nur weil dir die Sicherungen im Hausflur ganz plötzlich wärmer vorkamen als üblich. Wenn dann alles storniert war, warst auch du wieder kerngesund und die Sicherungen alle auf Normaltemperatur. Und war es nicht das Herz, das durchbrannte oder nicht der Sicherungskasten, welcher sich in einem imaginären Inferno auflöste, war da ja immer noch der Schwiegersohn, mit dem du ja angeblich nicht so gut kannst. - Er mag dich übrigens, wusstest du das? - So, genug lamentiert. Aber das musste einfach mal raus. Ich frage mich sowieso, warum ich das immer wieder einfach hingenommen habe.“

„Red du nur,“ frotzelte Dornfried sich in seiner scheinbaren argumentativen Überlegenheit sonnend, „Die alberne Plattitüde, dass du die Koffer packst und ausziehst, hast du ja immerhin dran gegeben.“

„Meine Koffer sind jetzt immerhin gepackt“, antwortete Rosemarie, „und das eine sage ich dir, dieses Mal machst du zumindest mir keinen Strich durch die Rechnung. - Und wenn ich alleine reisen muss! Noch einmal ganz deutlich: Ich steige morgen früh ins Taxi und fahre zum Bahnhof! - Es ist mir gleich, was dich heute Nacht wieder wach hält, und ob du mit kommst oder nicht. Dein Arzt hat die ganze Woche über die Praxis geöffnet, und das Krankenhaus ist einen Katzensprung weit entfernt; zudem ist kein Feiertag in Sicht, der dich verhungern lassen könnte. Ich reise dieses Mal ohne wenn und aber guten Gewissens ab; schreib dir das hinter deine Ohren.

Und ich lasse mich heute Nacht auch in keiner Weise herumkriegen, meinen Entschluss zu ändern. Damit du es weißt: Ich habe die Buchung bereits komplett bezahlt - allerdings diesmal ohne Reiserücktrittversicherung. Kannst dir ja überlegen, ob es dir das wert ist.“

Die Sprachlosigkeit, die Dornfried augenblicklich ins Gesicht geschrieben stand, war kaum den Argumenten seiner Frau zu verdanken als mehr ihrem abschließenden Satz. „Du hast was?“, empörte er sich. „Bist du noch bei Trost? - Das hat ein Nachspiel - das sage ich dir. Ich kann nämlich auch ganz anders.“ Angesäuert verzog sich Dornfried ins Wohnzimmer, wo er sich für den Rest des Abends in die Schwarz-Weiß-Fotos alter Familienalben vertiefte.

Selten schlief Rosemarie so unruhig wie in der folgenden Nacht. Sie musste immerzu an die abendliche Diskussion mit ihrem Mann denken und versuchte, sich gedanklich in den Schlaf zu rechtfertigen. Es gelang ihr kaum. Auch nicht der feste Entschluss, im Zweifelsfall die so ersehnte Reise auf eigene Faust und ohne Begleitung anzutreten, ließ sie ruhiger werden. Der Zwiespalt zwischen der vor ihr liegenden Unsicherheit einerseits und wartenden Freiheit andererseits machte sie nur noch nervöser. Immer mal wieder dämmerte sie weg, bis sie kurz nach Mitternacht hellwach da lag. ‚Ich kann auch anders‘ klang es in ihrem Ohr. Das sagte Dornfried nur, wenn er sich seiner Sache besonders sicher war. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch lauschte Rosemarie auf etwaige Unruhen im Schlafzimmer nebenan. Verdächtig still war es. Normalerweise trieb es ihren Mann in der Nacht vor einem solchen in seinen Augen unwägbaren Projekt immer in der Wohnung umher, um das Vorhaben dann schließlich mit nächtlich zurechtgelegten Argumenten am nächsten Morgen beim Frühstück zunichte zu machen. ‚Ich kann auch ganz anders‘; es ließ Rosemarie nicht zur Ruhe kommen. Dann stand sie auf, um nebenan nach dem Rechten zu schauen.

„Friedl? - Kannst du auch nicht schlafen?“ Leise trat sie ein und dann an sein Bett. Dornfried lag dort mit entspannt geschlossenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Er rührte sich nicht. Sein Atem war weder zu hören, noch wies ein leibliches Auf und Ab unter der Bettdecke auf einen solchen hin. Rosemarie legte versöhnlich ihre Hand auf die ihres Mannes und erschrak im selben Moment über dessen eiskalte Haut. Nur Dornfried ließ sich nicht aus der Ruhe bringen; er war sich seiner Sache so sicher wie nie.

Alle Zeit

Also wollt ihr alle Zeit?

Wollt ihr sie um jeden Preis?

Sommer bis der Kopf euch qualmt?

Winter bis es Sonnen schneit?

Nun gut, ihr sollt sie haben. Jubelt eurem großen Bruder in den Rachen. Jahreszeiten, Monate und Tage sind der Schund romantischer Besinnlichkeit. Und so nehmen wir euch diese Last, erleichtern euch auch um Minuten wie um rest-intuitive Schrecksekunden, den gefährlichsten Gesellen unberechenbarer Nachgedanken. Wir sind trickreich euch zu Füßen.

Und die Nächte werden abgeschafft. Wir hängen einen leuchtend roten Popanz an die Himmel unserer Sphäre. Dieser wird euch leiten, von Maloche zum Besäufnis, von Besoffenheit vor anerzogener Glückseligkeit hinweg über das Schlafbedürfnis produktiver Spielverderber bis zur eingepeitschten Kontinuität von Nutz- und Dämmerzuständen. Ihr werdet sportlich und galant im Angesicht domestizierter Angst vor Depressionen aus der düsteren Vernunft vorbei flanieren - ihr sollt erhellt sein, und nicht ruhen, bis man es euch medizinisch zugesteht, den letzten Ausweg zu erstreiten und intim verklemmt die widerliche Endlichkeit zu zeitigen.

Ja, genießt die heiße Freiheit; spornt sie weiter an und sonnt euch in Verschmelzung mit dem Flair, bis ihr die Katastrophen mittels Selbstkasteiung lieben lernt; so wachsen sie euch niemals über Schweißperlen hinaus. Lasst euch endlich ein auf eine lustvolle Verewigung des immer jungen Tags im fetten Stern am rosa Firmament. Denn ihr rettet alle Zeit der Welt in Sonnenuntergänge bis zum Morgengrauen und vergesst, weil nichts mehr die Vergangenheit beschwört. Auch um uns braucht ihr euch nicht zu sorgen, denn wir sorgen ja für euch.

Aber wehe euch, wenn ihr das zeitlose Geschenk erniedrigt, seinen Glanz verdunkelt und im Aufzug wolkiger Besinnung Schatten zwischen euch und diesem kalkuliert: Dann kostet euch die Hexenjagd der Elemente wieder Zeit, euch der Verantwortung bewusst zu werden. Wir jedoch, das welterfahrene Kontinuum, wir werden euch nicht länger schützen können vor der Einbildung, das Klima mehr vergiftet und verbraucht zu haben, als es unsere Begnadung je verwässern konnte. Ja, dann habt ihr einen Wandel, den ihr immer scheutet, und der Takt darin wird euch erschlagen, weil ihn niemand mehr in langweilige Bahnen lenken will. - Wie ihr es macht, so habt ihr es verdient, so wie ihr uns für euch verbrüdert habt.

Apathus

Ohne eine Miene zu verziehen, stand Apathus vom Esstisch auf. Das war mal eine klare Ansage seiner Frau. So war sie für ihn eigentlich in Ordnung, schien beinahe richtig in sein Beziehungskonzept zu passen: Ehrlichkeit ohne wenn und aber, und diesmal sogar ohne diese nassen und Problemlösung verweigernden Augen. Ihr aus seiner Sicht ausdrucksloses Gedruckse ließ den eingefleischten Wissenschaftler sonst regelmäßig ratlos zurück. Nun sprach sie Tacheles: Sie ging also fremd. Damit konnte Apathus immerhin arbeiten. Ob er damit auch leben konnte? Das war nun an ihm herauszufinden.

Das lange Hadern über Problemlösungen lag Apathus nicht; er gab sich lieber der Methode von Ursache und Wirkung hin - stets abgesichert und mit doppeltem Boden, versteht sich -, um seinen Weg durchs Leben zu finden. Sie ging also fremd, und sie war damit die Ursache für die Folgen aus dem, was Apathus nun unternehmen würde. Zur Absicherung dessen klopfte er die Vorgeschichte seinerseits bei einem ausgedehnten Spaziergang am Deich entlang ab; dort, wo rechts nur das stille Wasser und links das flache Land seinen Weg ab durch die Mitte ebneten. Apathus schaute unentwegt geradeaus, und er fand in dieser Aussicht nichts, was ihn von der Vergangenheit hätte logisch einholen können. Er ging den Ehevertrag im Kopf noch einmal durch; vor etlichen Jahren hatte er ihn vor der Eheschließung auswendig gelernt: Punkt für Punkt hakte er gedanklich im Nachhinein ab, aber weder ein Rechtsbruch, noch ein Abweichen von seinen ehelichen Pflichten kam ihm dabei quer. Hier und da hielt er kurz inne, um sich kleinere Unsicherheiten bezüglich einzelner Unterpunkte gewissenhaft aus dem Kopf zu schlagen. In der Regel handelte es sich dabei um zu vernachlässigende Toleranzen. Sie resultierten meist aus einer Art höherer Gewalt, welche in vereinzelten Affekthandlungen seitens Apathus ihren schlagkräftigen aber berechtigten Ausdruck fanden. Die abschließende Kernfrage, warum er und seine Frau überhaupt geheiratet hatten, ließ sich nach dem geistigen Abgleich der vertraglichen Theorie mit der verstrichenen Ehelaufzeit einfach beantworten: Eine Jugendsünde, die im Großen und Ganzen folgenlos geblieben war; abgesehen von den paar Querelen nach einer kleinen Abtreibung, welche aber ebenso auf rechtlich sicheren Füßen stand. Apathus atmete konsequent durch. Gut. ‚Nun also zum nächsten Schritt‘, überlegte er, nämlich der Beseitigung des aktuellen Umstandes und der Kündigung des Vertrags.

Zurück zuhause, setzte sich Apathus auf den harten Stuhl vor seinem Schreibtisch. Sein Arbeitsplatz war so positioniert, dass er von da aus das gesamte Wohnzimmer im Blick hatte, in welchem sie mit der Hausarbeit fortfuhr. Auch beim gemeinsamen Fernsehen saß er immer dort, während es sich seine Frau auf dem Sofa mit dem Rücken zu ihm gemütlich machte. Eine gute räumliche Konstellation zum Ausklang eines Tages, fand Apathus. So ließ sich über vieles hinwegsehen, was sonst womöglich einen unnötigen Diskussionsaufwand erzeugt hätte. Nun ging es aber um etwas anderes, weitaus Existenzielleres. ‚Wortloses Staubwedeln‘, ging es Apathus durch den Kopf, als er seine Frau beobachtete. Das dauerte und gab ihm Zeit für weitere gedankliche Vorbereitungen. Er folgte akribisch jeder ihrer gebeugten Bewegungen quer durch das Zimmer. Um dabei nicht aufzufallen, ließ er seinen Blick immer wieder über ein weißes Blatt Papier vor sich auf dem Tisch wandern - dann, wenn sich aus den unberechenbaren Körperhaltungen vor ihm die Möglichkeit anbahnte, dass sich die Blicke der beiden treffen könnten. Das galt es in diesem Stadium der Entscheidungsfindung zu vermeiden. ‚Wie sie sich windet‘, überlegte Apathus während seiner Analyse, ‚so emotional affektiert, völlig umständlich und der Effizienz ihrer Arbeit kaum dienlich; dabei ist sie handwerklich immerhin recht begabt als ausgebildete Feinschlosserin.‘ Eine weitere Bestätigung Apathus‘ Bedürfnisses nach Klarheit, dass mit dieser Frau nicht sachlich zu diskutieren war. Und deswegen hatte ihre sachliche Behandlung Priorität zur Beilegung der Gesamtsituation. Schließlich rief die einträgliche Tagesordnung, und auf Apathus‘ Schreibtisch lagen noch viele weiße Blätter, die mit Schwarz gefüllt werden mussten.

Dann kam ein kritischer Moment dazwischen, da Apathus es in Vertiefung seines Anliegens versäumt hatte, den Schreibtisch zu verlassen, bevor dieser der Staubwischattacke seiner Frau zum Opfer fallen konnte. Schon stand sie seitwärts vor seinem Tisch und wischte über die dort stehende Kommode. Er musste schnell handeln, aber darauf war er derart kurzfristig nicht vorbereitet. Und das letzte Mal, dass seine andere Ehehälfte zwecks eines körperlichen unabdingbaren Grundbedürfnisses seinerseits sich ihm auf weniger als einen Meter genähert hatte, war schon eine geraume Zeit her. Da konnte Apathus einfach die Augen schließen und die Befriedigung abwarten. Jetzt aber passte diese Strategie überhaupt nicht. Stattdessen lief im Gehirn des von sich selbst Überraschten ein finales Notprogramm ab, eines, das er immer wieder seit der Eheschließung vor dem Spiegel trainiert hatte. Mit einer weiteren Halbdrehung wendete sich seine Frau nun Apathus zu. Im selben Moment hatte dieser schon die Pistole aus seiner Schreibtischschublade gezogen und hielt sie seinem Gegenüber genau mittig vor das Gesicht. Ohne durch ein Wimpernzucken weitere Zeit zu verlieren drückte er ab.

Ein enormer Knall hatte das Zimmer erschüttert. Apathus saß dort mit unverändertem Blick, zurückgefallen in seine Stuhllehne. Aus seiner Stirn ran Blut und ein Stück Metall ragte aus dem Knochen. Milena nahm ihm die Reste der zersplitterten Waffe aus der Hand. Der perfekte Rohrkrepierer. Sie betrachtete sich das Ende des zerfetzten Laufs, in welchem die eingedrehte Schraube immer noch fest, sicher und schließlich effizient saß.

Sarah und der Kapitän

Das wohl verdiente Glas Wein zum Abschluss eines arbeitsreichen Tages neigte sich langsam dem Ende zu, und Skipper Fiete schüttelte den trockenen Sand aus seiner Seemannsmütze. Er schätzte es nicht besonders, wenn sich jemand an seinem Lieblingskleidungsstück zu schaffen machte und damit herumspielte. Eigentlich gab es auch niemanden in Fietes Leben, der auf diese Idee kommen könnte; niemanden, bis auf Sarah; da wusste er aber, dass seine knautschige Kopfbedeckung in guten Händen war. Fietes sechsjährige Nichte saß neben ihm in dem klapprigen aber gemütlichen Strandkorb und blinzelte abwechselnd mal in den Sonnenuntergang über der Nordsee und dann wieder in das rosige Gesicht des bärigen Touristenbootkapitäns neben sich.

„Und was machen wir jetzt?“, wollte Sarah wissen, als Fiete sich die Mütze aufsetzte und mit der Handkante prüfte, ob sie auch mittig saß. Sarah lachte und ahmte seine Handbewegung nach.

„Na was wohl“, brummelte ihr Onkel, „aufs Schiffchen, und dann rasch in die Koje; morgen kommen deine Eltern zurück aus Amerika. Und übermorgen ist dein erster Schultag, das wird sicher aufregend.“

„Ich weiß nicht.“ Sarah baumelte nachdenklich mit den Beinen und hatte so gar keine Lust, die gemütliche Strandbehausung zu verlassen. „Ich weiß nicht ... ich würde lieber wieder mit dir aufs Meer. - Ist bestimmt aufregender.“

„Na, nu muss das ja weiter geh‘n, meine Lütte.“ Mama und Papa freuen sich sicher auf dich und euer neues Haus in Düsseldorf. Und da hast du auch wieder dein großes, weiches Bett.“

Die beiden Strandausflügler kramten ihr Abendbrot zusammen und liefen barfuß durch den Sand in Richtung der Anlegestelle, wo Fietes Boot festgemacht war. Fiete sprang an Deck und streckte dem Mädchen die Hand entgegen. Sarah aber machte keine Anstalten wie üblich, der Aufforderung Folge zu leisten. Stattdessen blieb sie beharrlich am Rand der Kaimauer stehen, schniefte und blickte ihrem Onkel fest ins Gesicht. „Gib‘s zu“, kam es leise über ihre Lippen.

„Was soll ich zugeben?“ Fiete stutzte. Dann grinste er. „Nun komm schon rüber, wird langsam spät ... und die Kai-Klabautermänner haben dich sicher schon entdeckt.“