Ernest Klassen - Heather H. Ewald - E-Book

Ernest Klassen E-Book

Heather H Ewald

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Beschreibung

„Ja“, erwiderte Ernie mit einem Lächeln, „sehen Sie diese Felder mit den Rinderherden?“ Er deutete in eine Richtung. „Die gehören meinem Vater.“ Dann wies er auf die entfernten Berge: „Auch diese – so weit das Auge reicht – gehören ihm. Und ich bin sein Erbe.“ Der Grenzposten wurde neugierig, und Ernie nutzte die Gelegenheit, um ihm zu erklären, dass Gott sein Vater ist und dass die Familie Gottes für jeden offensteht, der sich ihr anschließen möchte. Während er weiter nach Österreich fuhr, konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – nein, er war nicht in eine wohlhabende kanadische Familie hineingeboren worden! In diesem Buch erzählt Heather H. Ewald, die älteste Tochter von Ernie Klassen, von ihrem Vater – einem Mann mit einer einzigartigen Persönlichkeit. Mit Schlichtheit, Geradlinigkeit und geistlicher Vollmacht prägte er viele Menschen. Wer ihm begegnete, konnte sicher sein, dass er auf unkonventionelle und kreative Weise ein kraftvolles Zeugnis seines Glaubens hinterließ.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mein Vater Ernie Klassen

Ein außergewöhnlicher Evangelist unserer Zeit

Heather H. Ewald

Impressum

© 2015 Folgen Verlag, Wensin

Autor: Heather H. Ewald

Cover: Eduard Rempel, Düren

Lektorat: Julia Mehlfeld, Köln

ISBN: 978-3-944187-31-0

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

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Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe

Vorwort zur Erstausgabe

Einführung

Kindheit auf einer kanadischen Farm

Bibelschulzeit

Predigtstellen in Kanada

Dienst in der Königlich-Kanadischen Luftwaffe

Von Illinois nach New Brunswick

Ausreise nach Deutschland

Ins Wasser geworfen!

Zeltmission

Neuanfang

Aufbau der Bibelschule Brake

Besuche bei ehemaligen Schülern

Wieder in Asien

Weitere Reisen

»Ruhestand«

Zu guter Letzt: Südamerika

Nachwort

Aussagen der Bibelschullehrer von Ernie Klassen:

»Von Anfang an, als Ernest Klassen als ein Farmerjunge aus Süd-Saskatchewan in dies Institut kam, habe ich mit tiefem Interesse seinen Dienst verfolgt: sein Wirken beim Gewinnen von Seelen, seinen Lehrdienst und seinen weltweiten Dienst an Missionaren. Sein Leben ist vielseitig und fruchtbar.«

Reverend Herbert W. Peeler, Präsident des Millar Memorial Bibel-Instituts in Pambrun, Saskatchewan

»Ich kenne Ernie Klassen seit mehr als 45 Jahren und war stets tief beeindruckt von seiner echten Liebe für Jesus Christus, seiner gesunden Kenntnis des Wortes Gottes und seinem einzigartigen Dienst der Verkündigung für die Verlorenen. Das alles kennzeichnet ihn als einen wahren Gottesmann.«

Reverend Kenneth M. Robins, Präsident des New Brunswick-Bibel-Instituts in New Brunswick, Kanada

Vorwort zur Neuausgabe

Machen Sie sich für eine Herausforderung bereit – diese Geschichte handelt von einem schüchternen Bauernjungen, den Gott erfasste.

Obwohl Ernie bereits mit nur sechs Jahren in einer Versammlung mit erhobener Hand sein Verlangen nach Errettung signalisierte, wurde er wohl seines jungen Alters wegen vom Evangelisten ignoriert.

Aber als sein Jugendfreund plötzlich verstarb – Ernie war damals Teenager – gab er dem Rufen Jesu nach. Und seitdem hat er nie zurückgeblickt.

Wenn er sich jetzt dank der Gnade Gottes auf den Himmel freuen darf, möchte er nur zu gern, dass andere es auch können. Ob auf seinen Weltreisen oder bei Autofahrten im Gespräch mit Anhaltern, ob beim Einkauf oder auf der Kanzel, Ernie nutzt jede Gelegenheit, um verlorene Menschen anzusprechen.

Es ist über 30 Jahre her, dass dieses Buch geschrieben wurde, aber Ernie hat immer noch eine Leidenschaft dafür, andere für Jesus zu erreichen.

Obwohl er heute mit 96 Jahren nur wenig herumkommt, suchen ihn viele in seiner Wohnung auf – und hören dort von Jesus. Gott hat noch immer eine Aufgabe für ihn – und auch für Sie! Nehmen Sie die Herausforderung an!

Heather H. Ewald, 2015

Vorwort zur Erstausgabe

Als erstes möchte ich meinem Vater dafür danken, dass er sich die Zeit genommen hat, sich mit mir – einer Anfänger-Autorin – hinzusetzen, um meine Kreuzverhöre zu beantworten, bis er mich gewöhnlich daran erinnerte, dass wir dieses Thema bereits erschöpfend behandelt hatten. Dank auch an Mutter, die Vater die Freiheit gab, seinen mit Evangelisieren und Reisen gefüllten Terminkalender beizubehalten.

Mein Mann übersah freundlicherweise den vernachlässigten Haushalt und bereitete sogar gelegentlich eine Mahlzeit zu, um dieses Unternehmen zu unterstützen. Dank auch an Carol Klobucher und Tennessee Bergsten, die ihre konstruktive Kritik einbrachten.

Nicht zuletzt danke ich all den Freunden, die ihre Erinnerungen an Ernie beisteuerten.

Die Lebensgeschichte meines Vaters Stück für Stück zusammenzusetzen war eine schöne Aufgabe. Meine ganze Kindheit hindurch erzählte er Begebenheiten aus seiner eigenen Kindheit (was als Unterweisung, Korrektur oder Tadel gedacht war). Jetzt weiß ich, wie das alles zusammengehört!

Aber ich möchte Ihnen nicht nur von ihm erzählen, sondern wünsche mir, dass auch Sie in Ihrem Leben wie mein Vater Zeugnis geben von der unendlichen Liebe Gottes in Jesus Christus. Hoffentlich wird dieses Buch Sie dazu ermutigen und Ihnen neue Ideen vermitteln, wie Sie die gewinnen können, die noch ohne Christus leben.

Heather H. Ewald, 1986

Einführung

Ernie bremste und hielt an, als der österreichische Zollbeamte auf seinen Wagen zuging. Der Beamte sah seinen Pass und rief aus: »Sie sind Kanadier – dann sind Sie bestimmt auch sehr reich!«

»Ja«, erwiderte Ernie, »sehen Sie diese Felder mit den Rinderherden?«, und zeigte in die eine Richtung, »sie gehören meinem Vater.« Dann zeigte er in eine andere Richtung: »Auch diese Berge, so weit Sie sehen können, gehören ihm, und ich bin sein Erbe.«

Der Posten wurde neugierig, und Ernie erklärte ihm, dass Gott sein Vater ist und dass die Familie Gottes für jeden offen ist, der sich ihr anschließen will.

Während er weiterfuhr, schmunzelte Ernie in sich hinein. Nein, er war in keine »reiche« kanadische Familie hineingeboren worden!

Kindheit auf einer kanadischen Farm

Dem großen Krieg (1914-1918) folgte eine verheerende weltweite Katastrophe auf den Fersen: Eine Grippe-Epidemie forderte 15 Millionen Menschenleben – mehr als der vierjährige Krieg! In dieser dunklen Zeit wurde »A. R. D.« (unter diesem Kürzel war sein Vater Abraham Klassen, weil es zu viele Abraham Klassen gab, bekannt) und Margaret Klassen aus Beaver Flats, Saskatchewan, Kanada, ein sechstes Kind geboren. Im Einklang mit seinem mennonitischen Hintergrund bekam er, da die Zeiten sehr ernst waren, den deutschen Namen »Ernst« oder »Ernest«.

In seinem ersten Lebensjahr bekam er die Grippe. Seine älteste Schwester Elsie erinnert sich noch an die Nacht, in der sich ein Nasenbluten einstellte, das nicht mehr aufhören wollte. In dem schwach beleuchteten Zimmer fingen sie mit einer Schüssel den Blutfluss auf, und A. R. D. meinte, er glaube nicht, dass das Kind die Nacht überleben würde. Diese Nacht war jedoch der Wendepunkt, und Ernest erholte sich.

Die Klassens waren arm, obwohl sie es damals nicht wussten. Sie lebten in einem kleinen Holzhaus, das sie errichtet hatten, nachdem ihre erste Hütte abgebrannt war. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, das Wohnzimmer und ein kleines Schlafzimmer für die Eltern. Im ersten Stock gab es zwei ungeheizte Schlafzimmer – eines für die Mädchen und eines für die Jungen. Ernests Ankunft vervollständigte das erste halbe Dutzend Kinder in der Familie. Betten waren rar, und es gab Jahre, in denen zwei oder drei Kinder nebeneinander schliefen, während ein weiteres quer über dem Fußende des Bettes lag. Obwohl im Winter die Fenster innen vereisten, waren die Betten doch warm, dank Mutters gesteppten und gepolsterten Wolldecken.

Zum Anziehen brauchte man nie sehr lange! Mit einem Satz war man in den Hosen, und das Hemd konnte man auf dem Weg nach unten zuknöpfen. Die Schuhe wurden neben dem Holzofen gewärmt. Mutter strickte allen Strümpfe, Schals und Fäustlinge aus selbstgefertigter Wolle.

Das Frühstück bestand immer aus gekochten Weizenflocken mit Milch und hausgemachtem Kaffee, der ebenfalls aus Weizen hergestellt wurde. Aber vor dem Frühstück wollte der Vater alle Kinder am Tisch sitzen haben, damit er ihnen aus der Bibel vorlesen konnte. Dann standen sie auf zum Gebet. Später wurde dieser Brauch gelockert, und sie beteten auf den Knien oder im Sitzen. Jedes Kind hatte einen bestimmten Platz am Tisch, gewöhnlich auf einer Bank ohne Lehne – auf diese Weise konnte man leicht entdecken, wer sich verspätet hatte.

In der Familie war jeder vom anderen abhängig, um zu überleben, was zu einer gewissen Nähe führte, obwohl man Zuneigung nie offen zeigte. Mit sieben Schwestern auszukommen war ein ziemliches Kunststück! Ernest liebte es, wenn der Vater den Kindern entweder die Fortsetzungsgeschichten aus der Zeitung, oder ein gutes klassisches Buch vorlas.

Geschenke wurden nur selten ausgetauscht, aber einmal gab es an Weihnachten ein bisschen extra Taschengeld, und Mutter gab eine Woche lang jedem der Kinder täglich eine Handvoll Erdnüsse. Am Weihnachtstag wurden die Geschenke auf ihren Platz auf dem Tisch gelegt, da Mennoniten keinen Weihnachtsbaum haben durften. Ernest bekam einmal ein Spielzeug-Bastel-Set für 75 Cents. Das war ein denkwürdiges Weihnachtsfest!

Die Klassens mussten nie hungern, obschon die Kost einfach war. Der Vater sorgte für viel Fleisch, und Mutters Garten trug reichlich Kartoffeln und Gemüse. Gartenarbeit war keine Lieblingsbeschäftigung der Familie, aber der Garten musste gewissenhaft gepflegt werden, weil sie davon abhängig waren. Ernest war dafür verantwortlich, den einspännigen Kultivator durch die Furchen zu fahren und darauf zu achten, nur das Unkraut zu vernichten. Eier wurden eingelegt, um sie für den Winter zu konservieren. Ein Fass Kohl wurde zu Sauerkraut gestampft. Selbstversorgung war eine notwendige Sache, und schon sehr früh wurden Ernest und seine eineinhalb Jahre ältere Schwester Linda zu einem Arbeitsteam zusammengestellt. Sie trugen Holz und Kohle ins Haus und die Asche hinaus. Bald fütterten sie auch die Schweine, Pferde und das Rind und hackten Holz.

Ein Nachbarjunge erinnert sich, wie die Mutter einmal nach Ernest rief und ihm auftrug, die kleinen Küken für die Nacht hineinzubringen. Aber Ernest, der mit den älteren Jungen in der Scheune beschäftigt war, bemerkte nur: »Damit werde ich mich nicht abgeben.«

Kurz danach jedoch, als Mutter erschien, half er ihr bereitwillig bei dieser Arbeit! Mit Mutter konnte man keine Faxen machen. Sie regierte das Heim sehr bestimmt und lebte uns vor, was es heißt, hart zu arbeiten. Die ganze Familie drehte sich um sie, und sie sorgte dafür, dass alles reibungslos funktionierte.

Margaret war 19, als sie 1908 »A. R. D.« heiratete. Beide waren in Manitoba, Kanada, geboren, aber in den frühen Jahren des Jahrhunderts verbreitete sich die Kunde, dass man nur »ein Stück« weiter westlich gutes und billiges Land haben konnte. So erwarb A. R. D. im Jahre 1906 ca. 150 Hektar Land als Heimstätte in Beaver Flats, Saskatchewan. Nachdem er zwei Jahre lang den Boden bearbeitet hatte, kehrte er im Winter 1908 zurück, um Margaret Braun als seine Braut zu holen. Sie heirateten am 8. Dezember, und seine Hütte mit ihrem Sandboden und dem undichten Dach wurde ihr Flitterwochen-Häuschen.

Im ersten Jahr gab es dreimal eine Katastrophe. Ihre kleine Hütte und alles, was sie hatten, wurde bei einem Prärie-Feuer zerstört. Dann kam ein Erdbeben, das so stark war, dass es die Hühner von ihrer Stange schüttelte. Als letztes hinterließen heftige Regenfälle so viel Wasser im Haus, dass sie auf ihrer Bettkante saßen und ihre Füße darin wuschen, bevor sie sich zu Ruhe begaben. Margaret jedoch hatte einen wahren Pioniergeist, und Schwierigkeiten waren für sie niemals ein Grund aufzugeben.

Obwohl beide in der Mennonitischen Brüderversammlung aufgewachsen waren, hatte keiner Interesse an der Kirche. Sie liebten Partys, und A. R. D. war ein beliebter Volkstanz-Leiter. Eines Sonntagabends im Jahre 1913 wurden sie eingeladen, evangelistische Gottesdienste in der nahen »Turnhill Mennonite Brethren Church« zu besuchen. Beide kamen zum Glauben, und Margaret berichtete später, dass sie ab diesem Zeitpunkt ein anderes Leben führten. Die drei Kinder, die damals schon geboren waren, waren noch zu klein, um sich daran zu erinnern, wie das Leben vor diesem Ereignis aussah.

Für das Heim der Klassens mit all ihren Kindern waren Fröhlichkeit und Singen kennzeichnend. Jeder war willkommen, und das Haus war immer ganz voll, wenn es irgendwie einen Anlass zur Geselligkeit gab. Die Zeit nach dem Gottesdienst am Sonntag war für gemeinsame Erlebnisse reserviert. Abendgottesdienste wurden nur im Sommer gehalten, so verbrachte man die Sonntage im Winter oft mit Schlittschuhlaufen oder Hockeyspielen. Leider besaßen nur die Jungens Schlittschuhe – für die Mädchen konnte man sich keine leisten. Sie waren zum Zuschauen und Anfeuern bestimmt, außer wenn jemand seine Schlittschuhe für eine kleine Runde auslieh.

In anderen Jahreszeiten spielte man Baseball, bei dem alle mitmachen konnten. Der Sonntag war auch ein idealer Tag, um mit dem einspännigen Schlitten oder leichten Wagen Besuche zu machen. Drei konnten sich zusammen hineinzwängen, das machte großen Spaß.

Pferde waren das Transportmittel auf den Straßen, die damals mit Kies bestreut waren. Die meisten Pferde hielt man als Arbeitspferde, aber eines, Pat, gehörte mit zur Familie. Es war gescheit und liebte es, zu laufen. Wenn Ernest auf die Weide hinausging, um Pat einzufangen, ließ dieser sich fangen und besteigen. Saß der Reiter aber erst einmal ohne Sattel auf ihm, dann galoppierte er davon. Ernest entdeckte eine besondere Methode, Pat ohne Zügel zum Stehen zu bringen. Er lehnte sich so lange auf eine Seite, bis das Pferd anhielt.

Ernest war darauf erpicht, melken zu lernen. Ein älterer und klügerer Nachbarjunge nahm ihn aber beiseite und warnte ihn, es nicht eher zu lernen, als er musste. Andernfalls würde er es immer tun müssen, so wie es ihm auch passiert war! Aber schon früh bekamen Ernest und Linda die Verantwortung dafür übertragen, morgens und abends zu melken – jeder zwei Kühe. Mutter Klassen legte auch Wert darauf, wie sie den Eimer hielten. Es war unhygienisch, ihn auf den schmutzigen Stallboden zu stellen, deshalb mussten sie ihn zwischen den Beinen halten.

Die Milch durch ein Tuch zu sieben, war auch nicht sehr hygienisch, aber eben die einzige Methode, die sie kannten. Als nächstes musste die Sahne von der Milch getrennt werden, wofür man eine komplizierte Maschine mit vielen Scheiben benutzte. Wenn man eine Kurbel in der genau richtigen Geschwindigkeit drehte, kam an einer Stelle Milch und an der anderen Sahne heraus. Linda und Ernest kurbelten abwechselnd, und jeder zählte bis 100, bevor sie tauschten.

Im Alter von sieben Jahren wurden die Kinder zur Schule geschickt, die eine Dreiviertelmeile entfernt lag. Sie gingen zu Fuß, und auf dem Weg froren sie manchmal sehr. Obwohl eine Stunde vor dem Unterricht ein Feuer angezündet wurde, war es oft so kalt, dass die Schüler Gymnastik zum Aufwärmen machen mussten, bevor sie sich an ihre Arbeit setzen konnten. Ein Ofen heizte den ganzen Raum, aber im kältesten Winter dauerte es bis Mittag, bis sie die Wärme fühlten. Haken für die Mäntel an der hinteren Wand und eine Tafel vervollständigten die Einrichtung der Schule. Die Sitzplätze wurden vom Lehrer je nach Betragen zugewiesen, die Unruhigsten mussten ganz vorne sitzen. Ernest gelang es, irgendwo in der Mitte zu sitzen. Der Lehrer zögerte nicht, die Handflächen seiner Schüler – wenn nötig – mit einem Riemen oder Lineal zu bearbeiten. Wenn man zu spät kam oder log, konnte man sicher sein, diese handfesten Erziehungsmaßnahmen zu spüren zu bekommen.

Der Unterricht begann mit Gebet. Danach war es im Schulhaus, das aus nur einem Raum bestand, nie sehr ruhig. Sobald der Lehrer damit fertig war, eine Klasse zu unterrichten, pflegte er mit der nächsten weiterzumachen. Diese Lehrmethode hatte zwei »Vorteile«. Jede Klasse hörte den gleichen Stoff acht oder neun Jahre hintereinander. Außerdem mussten die Schüler lernen, sich trotz einer ständigen Geräuschkulisse zu konzentrieren. Ernest konnte später aus diesen Erfahrungen Nutzen ziehen. Die Schularbeiten stellten für ihn nie ein Problem dar, und er tat sich in Rechtschreiben und Mathematik hervor. Alle Mennoniten-Kinder sprachen zu Hause plattdeutsch und in der Kirche hochdeutsch. Englisch lernten sie, wenn sie in die Schule kamen.

Es gab eine britische Familie in der Gegend, mit zwei Jungen im Schulalter. Da die Mennoniten auf die Engländer herabsahen, weil sie sie als zweitklassige Farmer betrachteten, wurden die zwei britischen Jungen nicht gut aufgenommen. Sie taten Ernest leid, und er machte sie zu seinen Freunden. Bei Streitereien stellte er sich auf ihre Seite, was ihn einiges an Beliebtheit kostete.

Um die Schule war einmal eine ca. 70 cm hohe Mauer aus Zement gezogen worden, und den Zwischenraum – ca. 70 cm breit – hatte man mit Erde aufgefüllt, wahrscheinlich zum Zwecke zusätzlicher Isolation. Eine beliebte Pausen-Beschäftigung der kleineren Kinder bestand darin, auf diesem Erdwall um die Schule zu rennen. Eines Tages rutschte Ernest aus und schlug sein Knie an einer Mauerecke an. Am Abend brachten ihn seine Eltern zu einem Arzt. Er diagnostizierte eine gebrochene Kniescheibe und verschrieb »Zeit« als einziges Heilmittel. So humpelte ein steifbeiniger Ernest herum, bis die Zeit ihre Aufgabe erfüllt hatte, und auch diesmal trug er keinen bleibenden Schaden davon.

Das Lunch, das zu Hause von den älteren Schwestern gepackt wurde, war einfach zu richten – es bestand aus ein paar Scheiben vom hausgemachten Brot. Manchmal waren sie mit braunem Schmalz oder Butter bestrichen – das galt als ein seltener Leckerbissen. Als Getränk gab es Weizenkaffee, der auch von zu Hause mitgebracht wurde.

Die letzte Stunde an jedem Freitag war der Musik vorbehalten. Dazu brachten alle ihre Instrumente mit: Gitarren, Mandolinen, Geigen und Ukulelen, und man sang miteinander. Manchmal entdeckte der Lehrer einige gute Stimmen und stellte eine Gruppe zusammen, die dann für das nächste Schulprogramm übte. Da die Musik ein wichtiger Bestandteil mennonitischer Kultur war, konnten die Kinder gut mehrstimmig singen. Noten hatten sie keine.

Auch zu Hause wurde die Musik gefördert. Die Familie Klassen besaß eine alte Tretorgel, Bruder Ed hatte eine Geige, und es gab eine Gitarre, mit der man Cowboy-Lieder begleiten konnte. Wenn die Kinder von der Schule heimkamen, pflegten sie in die Küche zu stürmen, um nach Mutter zu sehen. Gewöhnlich fanden sie diese singend bei der Arbeit, und das bedeutete, dass die Welt in Ordnung war.

Das Jahr 1928 brachte mehrere Veränderungen in der Familie. Katie, die Viertälteste, heiratete als erste. Es war ein großes Ereignis, und der Vater schlachtete ein Rind. In diesem Jahr gab es auch eine Rekordernte. Sie war so gut, dass die Eltern zum ersten Mal das Gefühl hatten, sie könnten etwas Geld ausgeben. Sie bauten ein neues Haus – genauer gesagt, sie vergrößerten das alte. Ernest, damals zehn Jahre alt, half den Boden auszuheben, indem er ein Pferdegespann fuhr, das ein Schabeisen zog. Das Fundament und die Fußböden des neuen Hauses waren aus Zement. Im Erdgeschoss wurde ein Besuchszimmer angebaut und im ersten Stock drei weitere Schlafzimmer. Den größten Fortschritt – der viel Zeit und Arbeit sparte – stellte ein Wasserspeicher im Keller dar, von dem man Wasser direkt ins Haus pumpen konnte. Im Frühling wurde er aus Tümpeln von frisch geschmolzenem Schnee gespeist, und im Herbst holte man das Wasser aus einem nahegelegenen Stausee herauf.

Das Haus war spärlich eingerichtet: Ein Ofen, ein Tisch und Bänke in der Küche, eine alte Couch und mehrere Stühle im Wohnzimmer und oben einige wenige Betten. Die »gute Stube« wurde natürlich nur benutzt, wenn der Pastor oder irgendein anderer besonderer Gast zu Besuch kam.

Der Gottesdienstbesuch war ein wichtiger Punkt im Leben der Klassens. An Wintersonntagen war es jedoch recht schwierig, die Jungens zum Aufstehen zu bewegen, deshalb kaufte der Vater absichtlich kein Thermometer. Wenn sie auch noch gewusst hätten, wie kalt es war, hätte er es noch schwerer mit ihnen gehabt. Das einzige Problem war, dass alle anderen in der Gemeinde ein Thermometer besaßen, so dass die Klassens gelegentlich die einzigen waren, die in der Kirche erschienen! Gewöhnlich bewegten sich die Temperaturen nämlich recht weit unter Null. Margaret blieb auch dann nicht zu Hause, wenn sie gerade ein Baby bekommen hatte. Wenn sie am Anfang der Woche entband, war sie am Sonntag schon wieder in der Kirche. Nur ein Wochenend-Baby hielt sie vom Gottesdienst ab.

Für die Sonntagsschulstunde wurde das Kirchengebäude in mehrere »Klassenzimmer« unterteilt, indem man einige Vorhänge zog, die an kreuz und quer gespannten Drähten aufgehängt waren. Die Lehrer verwendeten für alle Altersstufen das gleiche Buch mit biblischen Geschichten, und wenn sie damit fertig waren, begannen sie einfach wieder von vorn! Einmal hörte man den ältesten Bruder Ed bemerken, wenn der Lehrer ihm beibrächte, wie man Kaninchen schießt, hätte er mehr Interesse am Unterricht.

Ernest machte es nie etwas aus, zur Sonntagsschule zu gehen, aber die knielangen Hosen und langen schwarzen Strümpfe, die kleine Jungen tragen mussten, konnte er ganz und gar nicht ausstehen. Es war ein großer Tag für ihn, als man ihn für alt genug hielt, lange Hosen anzuziehen!

Nach dem Gottesdienst hatten sie immer Gäste zum Mittagessen im Haus, und wer auch immer kam, half die Kartoffeln zu pellen und in Scheiben zu schneiden, die am Tag zuvor mit der Schale gekocht worden waren. Zwei große Bratpfannen wurden damit gefüllt, und zu den Kartoffeln wurde gekochtes Fleisch gereicht. Das Sonntagsessen wurde immer schon am Samstag vorbereitet, damit man am Sonntag nur ein Minimum an Arbeitsaufwand hatte. Eine mennonitische Spezialität–getrocknete Früchte in einer Art Milchsuppe – rundete das Mahl ab. Samstags pflegte Mutter Korinthenbrötchen zu backen. Sie sollten ein Sonntags-Leckerbissen sein und wurden zur Mahlzeit gereicht. Aber wenn möglich, versuchten die Kinder, einige davon am Samstagabend zu stibitzen. Eines der besten »Betthupferl« (das Mutter missbilligte) war ein mit Sauerrahm bestrichenes Korinthenbrötchen.

Die Farm machte das ganze Jahr hindurch Arbeit. Im Frühling musste man das Vieh auf eine Gemeinschaftsweide bringen, wo es den Sommer über grasen konnte. Gewöhnlich arbeiteten mehrere Farmer mit fünf oder sechs Cowboys zusammen, die die rund 200 Stück Vieh trieben. Das gefährlichste Stück der Reise war das Überqueren des Saskatchewan River. Wenn man ihn durchwaten konnte, gab es keine Probleme, aber bei Hochwasser war es schwieriger. Als junger Bursche machte Ernest seine erste Erfahrung im Reiten eines schwimmenden Pferdes. Ernest kippte mit Pat im Wasser fast um und fiel beinahe herunter, aber da er nicht schwimmen konnte, gab die Angst ihm Kraft, sich festzuhalten.

Eine übliche Arbeit für Schuljungen war die Sommerbrache. Klassens bearbeiteten ihr Land in einem dreijährigen Rhythmus: Sie säten ein Jahr Hafer, das nächste Jahr Weizen, und im dritten ließen sie das Land ruhen. Sommerbrache bedeutete, dieses leere Feld regelmäßig zu pflügen, um jedes Wachstum zu verhindern und die schwarze Erde an der Oberfläche zu halten. Zu dieser Arbeit gehörte es auch, den Pflug zum ortsansässigen Schmied zu bringen, der ihn schärfte, indem er die Klinge bis zum Glühen erhitzte und die Schneide dünner hämmerte. Das Pflügen mit einem Gespann von acht Pferden und die wöchentlichen Fahrten zum Schmied hielten Ernest viele Sommer lang auf Trab.

Den Jungen gelang es, Zeit für einen Sport zu finden, der ein wenig Taschengeld einbrachte. Ed besaß ein Gewehr, das sie zur Wiesel- und Kaninchenjagd benutzten. Ihre Anstrengungen wurden gebührend belohnt, denn für die Felle bekamen sie einen halben bis einen ganzen Dollar. Aber Ernest mochte auch abenteuerlicheres Wild: Einige Male schoss er ein Stinktier und häutete es. Die Familie glaubte nicht, dass es das Geld wert sei, und so bekam er nach solchen Expeditionen zu Hause einen kühlen Empfang!

Das Baden war im Sommer viel einfacher als im Winter. Während für das Winterbad alle zwei Wochen Wasser heraufgeholt und erhitzt werden musste, um damit die kleine runde Metallbadewanne zu füllen, konnte man im Sommer ein kurzes Bad im Flüsschen nehmen: Ein zusätzlicher Vorteil war natürlich, dass man nicht warten musste, bis man an der Reihe war oder das Wasser als fünfter benutzen musste.

Das größte Ereignis des Jahres war die Ernte, sie war der jährliche Zahltag des Farmers. Schüler, die zu Hause gebraucht wurden, wurden so lange wie nötig von der Schule befreit. Ein von Pferden gezogener Garbenbinder schnitt und band das Getreide in Garben. Als nächstes wurden sechs oder sieben Garben zusammengestellt, damit sie trocknen konnten. Dann kam die Dreschmaschine. Sechs Heuraufen beförderten die Garben zum Drescher, um ihn ständig ihn Betrieb zu halten, und zwei Wagen transportierten das Korn zur Getreidescheune. Das Stroh, das vom gedroschenen Korn übrigblieb, wurde auf das Feld geblasen. Später holte man es je nach Bedarf als Streu oder Futter ein. Da Ernest groß und stark war, half er schon mit elf Jahren, 20 Pfund schwere Garben auf die Heuraufen zu laden. Mit zwölf Jahren fuhr er stolz ganz allein einen Heuwagen.

Ein Teil des Getreides wurde sofort in die Stadt gebracht, wo es zu Mehl gemahlen wurde – ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Familie. Einmal verbrauchte Mutter in einer Woche hundert Pfund Mehl zum Brotbacken und Nudeln machen. Mit einem weiteren Teil des Getreides wurde das Dreschen und das Mahlen bezahlt. Es konnte auch gegen eine Ladung Kohlen oder andere Gebrauchsgegenstände getauscht werden.

Ein weiteres großes Ereignis im Herbst war das Schlachten. Die Familie Klassen schlachtete gewöhnlich sechs Schweine und ein oder zwei Kühe. Mehrere Nachbarn wurden zum Helfen eingeladen, da jedes Schwein 250 bis 300 Pfund wog und man kräftige Arme brauchte, um die Arbeit in einem Tag fertigzubringen. Ernest hatte nach dem Schlachten die Aufgabe, den Schinken zu räuchern. Der hölzerne Schornstein hatte innen Haken, an denen das Fleisch aufgehängt wurde. Jeden Tag wurde darunter ein Strohfeuer angezündet und gerade so am Glühen gehalten. Wenn Flammen entstanden, musste Ernest sie begießen. Dies bedeutete, dass er aus der nächsten Flussbucht Wasser holen musste. Zwei oder drei Tage nahm diese Arbeit in Anspruch. Zu besseren Zeiten benutzte man Holz, das besseren Rauch erzeugte. Das Rindfleisch wurde geschnitten, eingewickelt und aufbewahrt, um es beim ersten starken Frost einzufrieren. Man hielt es gefroren, indem man es in der Getreidescheune eingrub.

Im Herbst mussten auch die Kühe heimgebracht und für den Winter mit Streu versorgt werden. Gleichzeitig brachte man die meisten Pferde zur Gemeinschaftsweide, wo sie den Winter über blieben.

Nach der achten Klasse verließ Ernest die Schule. Während des ersten Jahres, in dem er zu Hause war, hatte er die Aufgabe, jeden Morgen das Feuer im Schulhaus anzuzünden. Oft verleitete er dann Pat zu einem Vergnügungsritt nach Hause. Er band ein Seil an den Sattelknauf und ließ sich auf selbstgemachten Skiern ziehen.

Alle paar Tage musste er eine Ladung Stroh vom Feld hereinbringen und im Kuhstall verteilen. Die Mischung aus Mist und Stroh, von den Hufen festgetrampelt und getrocknet, gab für jene mageren Jahre billiges Brennmaterial ab. In besseren Jahren wurden Getreidefuhren in die Stadt gebracht und gegen Kohle eingetauscht.

Pferdegeschirr und Sattelzeug mussten immer wieder repariert werden. Das tat Ernest gern, denn er konnte bei dieser Arbeit in der Nähe des Küchenofens bleiben. Mutters fußbetriebene Nähmaschine wurde so ziemlich mit jeder Art von Material fertig, und er besserte damit die Ledersachen aus. An manchen langen Winterabenden erprobte Ernest sein Geschick beim Wollspinnen. Die Feinspinnmaschine bot einige Abwechslung. Aber seine Wolle war nicht viel wert – sie war zu unregelmäßig gesponnen.

Sogar im Winter konnte man Sport treiben–besonders an den Sonntagnachmittagen. Als junger Erwachsener hatte Ernest beim Schlittschuhlaufen ein Erlebnis, das er nie mehr vergaß. Für diesen Abend war bei Klassens eine Party geplant, und viele der Gäste kamen früher, um Schlittschuh zu laufen. Einer von Ernests Schlittschuhstiefeln hatte vorne ein Loch. Seine Socken waren sehr dünn, und es dauerte nicht lange, bis sich seine Füße eiskalt anfühlten. Aber sein Stolz erlaubte ihm nicht, davon zu reden. Man konnte ohnedies keine Abhilfe schaffen, denn niemand hatte zusätzliche Kleidung oder Schuhwerk dabei. Als Ernest dann seine Schlittschuhstiefel auszog, waren seine Füße gefroren. Sein Schwager erinnert sich, dass er, um diese Situation zu dramatisieren, mit einem Stock auf die Füße schlug – knallhart gefroren! Wenn auch Mutter noch so mitfühlend war – hier gab es keine schnelle Abhilfe. Ernest hatte den ganzen Abend seine Füße in einem Eimer mit Kerosin (Petroleum, Lampenöl). Es schmerzte schrecklich, während die Party im Raum nebenan stattfand. Jedoch seine Füße erholten sich, und es gab keinen bleibenden Schaden.

Ernest wurde nun als erwachsen betrachtet und leistete das Tagewerk eines Erwachsenen. Aber solange er zu Hause wohnte, lebte er unter dem Kommando von A. R. D. und war vor körperlichen Züchtigungen nicht sicher. Es war an einem Sonntag. Weil die große Familie nicht in dem Ford Modell T 1928 Platz fand, wurde überlegt, wie sie alle in die dreieinhalb Meilen entfernte Kirche gelangen könnten. Die Hälfte der Familie sollte zu Fuß losmarschieren. Zur rechten Zeit würden dann die andern losfahren, um die erste Gruppe einzuholen. Dann würden sie Plätze tauschen – die Fußgänger dürften nun fahren, und die andern mussten den Rest der Strecke zu Fuß zurücklegen. Ernest war an diesem Tag in der zweiten Gruppe und erhielt das Vorrecht, der Fahrer zu sein. Er ließ nie eine Gelegenheit aus, den Wagen zu fahren. Aber nach der Fahrt schlug er diesmal den Heimweg ein, statt in die Kirche zu gehen. Er wurde vermisst. An diesem Nachmittag nahm ihn A. R. D. in die Scheune hinaus, und egal mit welchem Pferderiemen er zuschlug – es hatte auf alle Fälle die Wirkung, dass Ernest für die nächste Zeit ziemlich religiös wurde.

In Jahren, in denen es eine schlechte Ernte gab oder wenn gerade genug Burschen zu Hause waren, die die Arbeit tun konnten, wurden die jungen Männer zum Geldverdienen hinausgeschickt. Auch mit Ernest wurde da keine Ausnahme gemacht. Im folgenden Sommer ging er – erst 15jährig – 80 Meilen von zu Hause fort, um seinen ersten Job anzunehmen. Er arbeitete 6 Tage in der Woche, täglich 12-14 Stunden. Morgens und abends gab es Hausarbeit zu erledigen, dazwischen ging er lange Stunden hinter den Pferden her über den Acker. Am Sonntag fiel die Feldarbeit aus, aber die Hausarbeit musste trotzdem getan werden. Sonntagnachmittags hatte er seine einzige Freizeit. Neben Kost und Logis verdiente er 25 Dollar pro Monat.

In den 30er Jahren fielen die Ernten so kärglich aus, dass die kanadische Regierung die Farmer unterstützen musste. Als Gegenleistung bauten sie – nur mit ihrem eigenen Werkzeug ausgerüstet – einfache, ungepflasterte Straßen. Ernest scheute die Arbeit nicht – es war besser, als Sozialhilfe zu erhalten. Er versuchte sich auch mit dem Verlegen von Eisenbahnschwellen. Das war eine harte und schwierige Arbeit, und als die Geleise in ihrem Gebiet gelegt waren, gab er sie auf.

Bibelschulzeit

Man schrieb das Jahr 1935. Ernie, seit nunmehr zwei Jahren aus der Schule, war zu einem sehr rastlosen und rebellischen jungen Mann geworden. Die Landarbeit hatte ihm nicht die erwartete Befriedigung gebracht, und so beschloss er, nach der Ernte von zu Hause fortzulaufen und in die großen Städte zu gehen, um dort nach Erfüllung und Abenteuern zu suchen.

Doch da konfrontierte ihn der plötzliche Tod eines Cousins und engen Freundes mit dem Gedanken an das Leben nach dem Tod. Er begann sich ernsthaft damit zu befassen. Oft ging er zu Bett mit der Erkenntnis: »Wenn diese Nacht die Wiederkehr Jesu stattfinden würde, bin ich nicht dafür bereit und würde zurückgelassen werden.«

Während dieser Zeit trug ein scheinbar unbedeutender Vorfall dazu bei, ihm weitere Erkenntnis zu vermitteln. Sooft seine einzige Hose geflickt werden musste, ging er zu Bett, während Mutter sie reparierte. Vom Schlafzimmer droben aus hörte er sie unten, während sie arbeitete, das deutsche Lied singen, »O Sünder, wo wirst du sein, wenn ER kommt?«

Die Sündenerkenntnis wuchs, bis er endlich einige Nächte darauf die Bibel zur Hand nahm und las: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stürbe« (Joh. 11, 25). Das war Ernests Verlangen: Er wollte leben! Nachdem er einige Verse weiter gelesen hatte, kniete er nieder und übergab sein Leben dem Herrn. Voll Freude legte er sich zu Bett und betete: »Herr, das ist herrlich! Ich bin auf dem Weg zum Himmel. Wie kann ich das je zurückzahlen, was du für mich getan hast?« Sofort wusste er die Antwort:

»Wenn du wirklich dankbar bist, wirst du es weitersagen.«

Bald darauf, während einer evangelistischen Versammlung in der Kirche, stand er auf und bekannte öffentlich, dass er den Herrn angenommen hatte. Er wusste, dass »der Mensch mit dem Herzen glaubt, aber mit dem Munde bekennt« (Röm. 10, 9. 10). Doch als er darum bat, getauft zu werden, was in seiner Kirche automatisch auch Mitgliedschaft in der Gemeinde bedeutete, wurde ihm geraten, bis zur nächsten jährlichen Tauffeier zu warten.

Bald erhielt er eine weitere Gelegenheit, Zeugnis abzulegen, diesmal in der Schlafbaracke auf der Gemeinschaftsweide. Die Gespräche, die dort geführt wurden, waren nie besonders anständig. Obwohl Ernest schüchtern war, gab ihm Gott den Mut, die Männer zu bitten, doch für einen Augenblick still zu sein. Sie erfüllten seinen Wunsch, und es gab eine absolute Stille, als Ernest neben seinem Bett niederkniete und betete.

Die Männer machten sich nie über ihn lustig, weil sie seinen Mut anerkannten.

Diesen Sommer blieb die verhasste Arbeit, Schafe zu scheren, an ihm hängen. Als Christ entschloss er sich jedoch, das Beste daraus zu machen und während der Arbeit Jesaja 53 auswendig zu lernen. Tatsächlich lernte er in den ersten paar Monaten nach seiner Bekehrung 500 Bibelverse auswendig. Während er mit den Pferden über den Acker fuhr, prägte er sich die Bibelverse ein. Jeden Abend notierte er sich die Bibelstellen, die er an diesem Tag gelernt hatte, auf der Rückseite seines Kalenders.

Das Christsein brachte noch einige andere Veränderungen mit sich. Wenn er pflügte, wurden die Furchen gerader.

Auch sein Verhalten gegenüber dem Vieh besserte sich. Seinem Vater fiel diese Veränderung auf, und er lobte ihn.

Mit Linda, die sich auch bekehrt hatte, besuchte er ein Missionslager der kanadischen Sonntagsschule am nahegelegenen Swift Current-Fluss. Das Lager war neu in dem Gebiet und die Ausstattung sehr primitiv. Zelte dienten als Unterkunft. Ein Farmer lieh ihnen eine Kuh zum Melken, und freundliche Frauen buken für sie Brot. Aber Ernest und Linda wurden zu vertieftem geistlichen Wachstum herausgefordert.

Es war ein lernbegieriger 16jähriger Ernest, der in diesem Herbst aufbrach, um mit dem Segen und voller Unterstützung seines Vaters eine Bibelschule der Mennoniten-Brüdergemeinden zu besuchen. Aber die Lehrer ließen es sich mehr angelegen sein, biblische Geschichten zu erzählen, statt die jungen Leute mit den Nöten der Welt und der Tiefe des Wortes bekannt zu machen. Kein praktischer christlicher Dienst wurde von den Studenten verlangt, nur einige grundlegende Pflichtübungen standen auf dem Programm. Ernest war bald enttäuscht. Ohne Mühe erhielt er gute Noten und verschwendete folglich eine Menge Zeit.

Der Empfehlung der Gemeinde folgend, hatte Ernest nun ein Jahr des Wartens auf die Taufe hinter sich gebracht. Er bewarb sich erneut und wurde als Kandidat angenommen. Bei der nächsten Gemeindeversammlung beantwortete er Fragen der Gemeinde und auch die tiefer schürfenden Fragen des Pastors. Dann bat man ihn, den Raum zu verlassen und beriet in seiner Abwesenheit über die Zulassung. Da er die Fragen zufriedenstellend beantwortet hatte, wurde er zur Taufe zugelassen. Die Familie und Freunde versammelten sich an einer ruhigen Stelle am Fluss um Zeugen dieses Gehorsamsschrittes zu sein. Die meisten seiner Freunde jedoch kamen, um zu spotten und sich über ihn lustig zu machen.

Bald konnte er zum ersten Mal jemanden zu Christus führen. Als er eines Nachts aus einer Versammlung kam und wusste, dass er andere erreichen musste, bemerkte er einen Freund, der in einem Auto wartete. Ernest spürte: das war seine Gelegenheit. Er schluckte schwer, als er hinging. Der Freund hörte willig zu, als er ihm das einfache Evangelium Christi vorstellte, und er war sogar bereit, Jesus anzunehmen. Ernest war vor Freude außer sich.

A. R. D., dessen geistliches Verständnis ebenfalls wuchs, schien es nichts auszumachen, dass Ernest in diesem Herbst keinen Wunsch äußerte, zur Bibelschule zurückzukehren. Er stellte fest, dass andere Schulen und Camps mehr geistliches Leben hatten als die Schule ihrer eigenen Denomination. So blieb Ernest wieder zu Hause, um auf der Farm zu helfen, während Linda auszog, das Millar Memorial Bibel-Institut, eine kleine interkonfessionelle Schule in Pambrun, zu besuchen. Während des Winters besuchte Ernest Linda und war beeindruckt von dem, was er sah und hörte. Er beschloss, auch dort zu studieren. Kost und Logis kosteten 7,50 Dollar im Monat, dafür musste er hart arbeiten und fleißig sparen.

50 Meilen von zu Hause entfernt fand eine Freizeit statt. Mr. Peeler, der Direktor des Millar Memorial-Bibel-Instituts, war der Prediger. Ernest und ein Freund ritten hin, um an den letzten paar Tagen der Freizeit teilzunehmen. Hier weihte er sein Leben ganz dem Herrn.

Im Herbst des Jahres 1937 gab es in Saskatchewan eine Missernte. Das bedeutete Arbeitslosigkeit. Aber es kam die Nachricht, dass Verwandte in Manitoba Hilfe brauchen konnten. Ed und Ernest trampten hin. Die Verwandten lebten mit ihren 15 Kindern in einem großen Haus, und für die angeworbenen Arbeiter gab es eine Schlafbaracke. Ernest musste beim Mähdreschen helfen. Für 3 Dollar täglich schaufelte er Korn, und für zusätzliche 2 Dollar pflügte er die ganze Nacht. Bald entwickelte er die Fähigkeit, auf dem Traktor zu schlafen. Wenn dieser am Ende der Furche anstieß, rüttelte es ihn genügend wach, um zu wenden und weiterzufahren.

Während der Ernte bekamen Ernie und Ed telefonisch die schreckliche Nachricht, dass ihr ältester Bruder Dave ertrunken war. Mit einigen anderen fuhren sie 500 Meilen zum Begräbnis nach Hause. Doch es eilte mit der Ernte, und so mussten sie sofort zurückkehren, um ihre Arbeit zu beenden. Das fiel ihnen schwer.

All sein hart verdientes Geld sparte Ernest für die Bibelschule. Im Oktober traf er wieder einmal lernbegierig in einer Schule ein – diesmal im Millar Memorial Bibel-Institut, das auch Linda besuchte.

Das Leben im MMBI erlaubte keine Kinkerlitzchen. Die Ernährung lieferten selbstbebaute Felder. Sie war sehr einfach – Kartoffeln und Steckrüben – dann wieder Steckrüben und Kartoffeln. Fleisch gab es nur, wenn es von jemandem gespendet wurde. Bei einer Gelegenheit sagte ein Farmer zu Mr. Peeler, dass sie ein Rind geschenkt bekämen, wenn sie dieses selbst erschießen würden. Ernie – (diese Namenskürzung hatte er in der Schule erhalten) – der sich nie etwas entgehen ließ, borgte sich ein Gewehr, und zu zweit gingen sie hin, um das Rind zu schlachten. Dieses Fleisch war ein seltener Genuss, denn die Schule besaß nur Milchkühe.

Das Frühstück bestand aus demselben Weizenflocken-Brei, den es auch zu Hause gegeben hatte. Trinkwasser musste fast eine Viertelmeile weit hergeholt werden. Bei sehr kaltem Wetter stülpten sich die Männer dazu Pappschachteln über den Kopf, um sich vor dem Wind zu schützen. Zum Sehen hatten sie einen Schlitz hineingeschnitten. Wenn sie die gefüllten Eimer einige Minuten stehen ließen, formte sich eine dünne Eisschicht darauf, so dass sie leichter zu transportieren waren.

Niemand hatte genug Geld für vernünftige, warme Kleidung. Die Schüler wohnten in gemieteten Häusern. Ihre Öfen mussten sie selber beheizen, Heizmaterial und Wasser herbeischleppen, ihre Wohnungen sauberhalten und ihre Wäsche selber waschen. Die Jungen waren auch für die Hausarbeit verantwortlich, die in der Schule anfiel – den Stall ausmisten, melken und Butter herstellen, Kohle, Asche und Wasser schleppen. Die Mädchen halfen in der Küche und bügelten den Jungen die Hemden. Aber ihre Hosen bügelten die Jungens selber.

Ernie hatte die Aufgabe, die Petroleumlampen sauber zu halten und nachzufüllen. Er war auch verantwortlich dafür, die Gas-Bügeleisen aufzufüllen, eine Neuerung während seines zweiten Bibelschuljahres. Bis dahin musste man die Eisen auf dem Herd erhitzen.

Mr. Peeler forderte großen Respekt, und Ernie bewunderte ihn sehr. Er war nicht nur ein hervorragender und beliebter Lehrer und Chef, er war selbst der erste, der zugriff, wenn etwas getan werden musste. Und er versäumte es keinen Tag, Fußball zu spielen, auch nicht im hohen Schnee. Ernie wollte ihm darin nicht nachstehen, und so waren sie beide manchmal die einzigen Spieler! Daraus entstand eine Freundschaft für immer.

Manchmal wurden auch Streiche gespielt. Aber Ernie war dabei mehr ein Teilnehmer als ein Anführer. Eines Nachts kehrte er mit seinen Zimmergenossen spät heim. Während er nach der Öllampe tastete, stieß er an einen ausgestopften Strohmann, der von der Zimmerdecke herabbaumelte. Sein Puls blieb einen Augenblick stehen, als er sich überlegte, welcher Freund das Schulleben wohl nicht mehr ertragen hatte.

Ein andermal banden zwei Schüler einige Blechdosen mit einer Schnur zusammen und brachten sie in der offenen Mansarde über ihrem Zimmer an. Dann luden sie Mitschüler zu sich ein und regten an, sich gegenseitig Gespenstergeschichten zu erzählen. Zu einem geeigneten Zeitpunkt zogen sie an der Schnur. Die klappernden Dosen verursachten einen großen Schrecken. Niemand wusste, woher das Geräusch kam und wer – oder was! – es verursacht hatte.

Es bot sich viel Gelegenheit für christlichen Dienst an, denn jedes Wochenende diente ein Team von der Schule irgendwo. Ernie versäumte das in keiner Woche, und das hatte einen zweifachen Grund: Er freute sich, ein Teilnehmer des Gottesdienstes zu sein, aber er genoss auch besonders seinen Platz hinter dem Steuerrad des Lastwagens eines Mitschülers, den ihm keiner streitig machte. Ernie hatte dessen Freundschaft erworben und ihm bei seinen Pflichten geholfen. Dafür wurde ihm nun erlaubt, das Lastauto zu benutzen. Er wurde von allen beneidet!

Die Bibelschüler drängten sich auf der offenen Ladefläche zusammen und los ging es, manchmal 40 oder 50 Meilen weit, ohne Schutz vor dem Wind. Ernie hatte genug Zeit auf dem hinteren Teil des Wagens verbracht, um ermessen zu können, was für ein Opfer das war. Dennoch fehlte es nie an Freiwilligen zu solch einem Wochenende der Verkündigung. Jeder wollte dabei sein!

Ernie war immer noch sehr schüchtern. Während eines Einsatzes ergriff er die Gelegenheit, einem Fremden ein Traktat in die Hand zu drücken. Weil er nicht wollte, dass irgendein Gespräch dabei zustande kam, machte er kehrt und rannte weg. Sein Bibelschullehrer Ken Robins erinnert sich, dass seine ersten Predigten interessant, aber mit langen Pausen und »aaahs« durchsetzt waren.

Musik spielte im Schulleben eine bedeutende Rolle. Ernie sang bei Quartetten und Chören mit. Er hatte die Musik immer geliebt, und hier fand sie ihren Ausdruck, wie es seiner Meinung nach auch sein sollte, im Lobpreis seines Erlösers.

Als er in den Sommerferien nach Hause kam, hörte er nicht auf, Zeugnis abzulegen. Im Mai 1938 führte er seine jüngere Schwester, Ruby, zum Herrn. Sie war aufs Feld hinausgekommen, um Ernie etwas zu essen zu bringen, als er sie nach ihrer Erlösung fragte. Sie war willens und bereit, den Herrn gerade hier auf dem Feld anzunehmen.

Er und Oliver Beisel beschlossen, zusammen in Beechy evangelistisch zu wirken. Das Millar Memorial Bibel-Institut ermutigte seine Studenten, sich im Sommer irgendeinem praktischen Einsatz anzuschließen, obwohl die meisten Schüler sich in dieser Zeit die Kosten für ihr nächstes Schuljahr verdienen mussten.

Sie sagten einem Nachbarn, dass sie wie Paulus und Silas aufbrachen und wanderten dahin in der Hoffnung, dass jemand sie mitfahren lassen würde. Oliver hatte 4 Dollar und Ernie 1 Dollar. Gegen Ende des ersten Tages erreichten sie eine kleine Stadt, 20 Meilen von daheim entfernt. Da sie niemanden kannten, gingen sie zu dem Angestellten einer Tankstelle, und Ernie fragte: »Gibt es Christen in dieser Stadt?«

Der Angestellte schaute schockiert drein und antwortete: »Nun, wir sind doch keine Heiden!« Aber als er sah, wie frustriert sie waren, besänftigte er: »Ich glaube ich weiß, nach welcher Art von Leuten ihr Ausschau haltet. Wenn ihr dort den Hügel hinaufgeht, findet ihr eine Familie, die so ist.«

Sie konnten die Nacht bei der christlichen Familie auf dem Hügel verbringen. Anderntags erbot sich der Gastgeber, der ein Auto besaß, sie zu ihrem Bestimmungsort zu fahren. Das war eine von Ernies ersten Erfahrungen, dass uns Gott über unsere Bedürfnisse und Erwartungen hinaus versorgen kann.

Nachdem sie in Beechy eine Bleibe gefunden hatten, gingen sie zur Schulpflegschaft und erhielten Erlaubnis, das Schulhaus für ihre Versammlungen zu benützen. Jeden Morgen lehrten sie die Kinder drei Stunden lang Lieder und biblische Geschichten. Abends predigten sie. Nach einer Woche waren sie mit ihrem Predigtstoff am Ende und kehrten heim.

Diesen Herbst kam Erma in das Institut. Da sie einen Zwillingsbruder hatte, der Ernest hieß, sagte sie Ernie, er könne ihr Ersatzbruder sein, solange sie in dieser Schule sei. Obwohl sie später Frau Klassen wurde, bestand zu jener Zeit keine romantische Beziehung zwischen ihnen. Sie war eine Klasse unter ihm, und so hatten sie keinen gemeinsamen Unterricht. Doch wirkten sie beide im Schulorchester mit – sie spielte Mandoline und er Gitarre.

Während der Weihnachtsferien beschloss Ed, dass er und Ernie noch einige zusätzliche Pferde von der Gemeinschaftsweide heimbringen sollten. Sie brachen in bitterkaltem Wetter auf, so warm wie möglich gekleidet. Ernie trug seine Halbschuhe, und ein Strumpf hatte ein Loch in der Ferse.

Sie kamen in einem Schneesturm auf der Weide an und suchten nach einem Schuppen, wo sie sich aufwärmen und die Nacht verbringen konnten. Er war mitten auf der 36 Quadratmeilen großen Weide gelegen. Nachdem sie eine Zeitlang herumgeritten waren, mussten sie verzweifelt zugeben, dass sie sich verirrt hatten. Die Temperatur fiel unter 35 Grad minus, und sie fürchteten, dass sie erfrieren würden.

Ed interessierte sich nicht für Geistliches, aber Ernie, der hinter Ed herkam, sagte: »Wir müssen beten.« Sie hielten an, und er betete, dass Gott sie zu dem Schuppen führen möge. Als er die Augen öffnete, sah er eine Pferdespur, die Ed übersehen hatte. Sie konnten ihr über einen Hügel zu dem Gebäude folgen.

Drinnen entdeckte Ernie, dass seine Ferse gefroren war. Aber er sagte es niemandem. Sehr langsam und schmerzhaft taute sie im Bett wieder auf, während Ed für den Heimritt den Strumpf flickte. Nach der Nachtruhe fingen sie die Pferde ein und brachen auf. Aber sie schafften nur die halbe Strecke und mussten nochmals in einem Lager übernachten. Als Ernie an diesem Abend die Socken auszog, kam ein Stück von seiner Ferse mit: Sie war wieder gefroren! Diesmal konnte er es nicht mehr verbergen. In diesem Zustand konnte er nicht weiterreiten. Freunde brachten ihn im Auto heim, während Ed allein ritt.

Die wunde Ferse würde ihn vom Schulbesuch abhalten, es sei denn, jemand würde ihn mitfahren lassen. Doch es gab eine noch bessere Lösung: Im Klassenzimmer wurde ein Bett aufgestellt, so dass er am Unterricht teilnehmen konnte. Seine Ferse heilte schnell.

In seinen zweiten Sommerferien befand er sich schon wieder unterwegs zu einer Einsatzwoche. Diesmal arbeitete er mit Leonard Klassen zusammen. Sie waren reicher als im Vorjahr und hatten ein Fahrrad. Es war aber nicht stabil genug, sie beide zu tragen, so arrangierten sie eine Abmachung ähnlich jener, mit der die Klassenfamilie jedermann zur Kirche befördert hatte. Einer von ihnen fuhr einige Meilen, während der andere marschierte. Der Fahrer ließ dann das Fahrrad im Straßengraben zurück und trat seinen Teil des Fußmarsches an. Wenn der Fußgänger zum Fahrrad gelangte, konnte er nun fahren. Die Nächte verbrachten sie in Scheunen oder am Straßenrand.

Wenn das Zweier-Team in einem Haus untergebracht war, begann es sofort mit einem Kinder-Club. Jeden Morgen saß Ernie am Lehrerpult und stimmte seine Gitarre, während er auf die Ankunft der Kinder wartete. Viele von ihnen hatten Angst vor ihm, denn sie sahen nicht oft einen Fremden.

Nach dem Abendgottesdienst machten sie Hausbesuche. Als sie einmal eine Familie, die sie besucht hatten, wieder verließen, wollten die junge Tochter und ihr Bruder sie nach Hause begleiten. Das fanden sie seltsam, denn es waren mehrere Meilen in der Dunkelheit zurückzulegen, und die beiden mussten allein wieder umkehren. Aber während sie so dahingingen, kam die Absicht zutage: Bruder und Schwester wollten den Herrn annehmen und brauchten dazu eine andere Atmosphäre, als sie sie zu Hause hatten. So führten Ernie und Leonard sie zum Heiland – mitten auf der dunklen Straße.

Eine ältere Schwester derselben Familie hatte einen ortsbekannten Atheisten geheiratet. Ernie beschloss diesen Mann zu besuchen. Der Ehemann arbeitete auf dem Acker, und Ernie ging geradewegs dorthin, wo er war. Obwohl der Inhalt des Gesprächs nicht mehr bekannt ist, weiß man, dass der Atheist an diesem Tag gläubig wurde. Seine Rettung war ein herrlicher Sieg für das Team und für die Sache Christi in diesem Gebiet.

Im letzten Schuljahr litt Ernie unter Geldknappheit. Er schrieb Mr. Peeler, dass er das Schulgeld nicht aufbringen könne. Mr. Peeler antwortete sofort: »Komm trotzdem zurück. Ich vertraue dem Herrn deinethalben.« Ernie kam nur zu gern zur Schule zurück, und am Ende seiner Schulzeit konnte er alles, was er schuldig war, zurückzahlen.

Während Ernies letztem Schuljahr baute das Millar-Memorial-Bibel-Institut noch weitere Gebäude. Er freute sich, Mr. Peeler beim Bau helfen zu können. Die einfachen Baustrukturen aus Holz erforderten kein besonderes Geschick. Es wurde auch eine Wasserleitung installiert, und ein kleiner Generator brachte genügend Elektrizität für ein paar Glühbirnen zustande. Ein »Elektriker« legte die Leitungen. Seine offenliegenden Kabel würden nicht dem heutigen Standard entsprechen – aber sie funktionierten.

Ernie überlegte sich immer, wie man etwas besser machen könnte. Eine Hauptarbeit war, Wasser zu schleppen, um die Zisterne zu füllen. Es wurde da geholt, wo jeweils der Frühlingsschnee zu einem klaren Tümpel schmolz. Wenn der nächstgelegene Tümpel ziemlich weit weg war, organisierte Ernie die jungen Bibelschüler. Er borgte sich jeden Eimer, den er auftreiben konnte – etwa 20, und brachte 10 Jungen dazu, je zwei Eimer zu füllen und zu tragen. Wenn jeder mitarbeitete, war die Zisterne rasch gefüllt.

Der Schulabschluss fand während der Frühjahrskonferenz statt. Für die Herbst- und die Frühjahrskonferenz mussten alle Studenten ihre Zimmer den Gästen überlassen. Bei gutem Wetter nahm Ernie eine Decke und schlief unter offenem Himmel. Wenn das Wetter ungünstig war, konnte er gewöhnlich einen Schlafplatz in einem nahegelegenen Getreidesilo finden. Solche Härten waren so sehr ein Teil des Lebens der Bibelschüler, dass sie gar nicht als solche angesehen wurden. Aber diese schwierigen Umstände bereiteten sie auf ihre zukünftige Tätigkeit auf dem Missionsfeld vor.

Obwohl Pambrun ein kleiner, entlegener Ort war, fanden viele Missionare während ihres Reisedienstes dorthin, und sie wurden mit offenen Armen und offenem Herzen willkommen geheißen. MMBIs erklärtes Ziel war es, Missionare für die Missionsfelder der Welt auszubilden. Nach drei Jahren war auch Ernie bereit zu gehen, wohin der Herr ihn senden würde.

Predigtstellen in Kanada

Zuerst musste Ernie Klassen seine Schulgeldschulden abtragen. Er nahm eine Farmarbeit in der Nähe an und predigte bei jeder Gelegenheit. In einer Samstagnacht fühlte er sich nicht wohl, aber weil er seine Verpflichtungen sehr ernst nahm, predigte er am nächsten Tag in einem heißen Sommernachmittagsgottesdienst. Während der Predigt taumelte er und fiel um. Nachdem er am Boden liegend seinen Satz beendet hatte, wurde er bewusstlos. Mitglieder der Gemeinde trugen ihn hinaus. Er kam bald wieder zu sich und machte einen Scherz darüber, so dass schließlich alle tüchtig lachen mussten!

Im Herbst, nachdem das Schulgeld abbezahlt war, beschlossen Elmer Klassen und er, als nächstes nach Britisch Kolumbien zu gehen. Elmer hatte Verwandte dort, und es war ein guter Platz, den Winter dort zu verbringen. So trampten sie dahin, und wo immer sich die Gelegenheit bot, hielten sie evangelistische Versammlungen. Unterwegs nahmen sie auch jede Arbeit an, die sie finden konnten, um ihr Unternehmen zu finanzieren.

Ein Job, der ihnen angeboten wurde, war das Entfernen einiger großer Baumstümpfe. Das schien leicht erworbenes Geld zu sein, doch nach viel Schweiß und Mühe mussten sie sich geschlagen geben. Erfolgreicher dagegen war ihr Predigtdienst. Einmal bekehrte sich die ganze Versammlung – sie bestand nur aus einer Person.

Nach einem sehr kurzen Aufenthalt in Britisch Kolumbien wurde Ernie durch die Kanadische Sonntagsschul-Mission einem kleinen Pastorat in Warmly empfohlen. Er nahm den Ruf an und kehrte nach Saskatchewan zurück, während Elmer in Britisch Kolumbien blieb, um dort die Arbeit weiterzuführen.

Ernies Verantwortung umfasste zwei Gemeinden, die sich in Häusern und im Schulhaus versammelten. Man stellte ihm eine neu errichtete Hütte zur Verfügung, die nur aus einem Raum bestand und innen und außen mit Lehm verputzt war. Das war für Ernie gut genug – sein augenblickliches Problem war die Vorbereitung von Predigten. Er sagte zu einem seiner Kirchgänger: »Ich glaube nicht, dass ich genug Predigten für ein ganzes Jahr habe!« Nachdem er sich seiner Gemeinde vorgestellt hatte, indem er sich ein Pferd borgte und damit Hausbesuche machte, arbeitete er für die Farmer am Ort. Es war Erntezeit, als er ankam, und er wurde dazu bestimmt, ein Garbenbinde-Gespann zu lenken. Bald brachte er in kürzerer Zeit mehr Garben in die Raufen als jeder andere. Während er auf die andern wartete, saß er auf seiner Ladung und studierte sein Neues Testament, das er immer in seiner Tasche mit sich trug. Eines Tages jedoch überlud er in seinem Übereifer eine Raufe, und sie brach unter dem Gewicht. Dass der Farmer darüber nicht glücklich war, ist verständlich.

Als die Ernte vorbei war, half er auf einer Pelztierfarm die Nerze zu häuten. Während der Freizeit sang er und gab vor den andern Arbeitern sein Zeugnis. Mit seiner Gitarre stimmte er auch den Gesang im Gottesdienst an. Sein begeistertes Singen steckte alle an. Da keine der beiden Gemeinden einen gleichbleibenden Versammlungsort hatte, war eine Gitarre am besten als Begleitinstrument geeignet.

Er versuchte, seine Predigten interessant und zeitgemäß zu gestalten.

Oft las er der Gemeinde auch Geschichten vor. Obgleich diese auf die Kinder abgestimmt waren, fand er in ihnen das wirksamste Mittel, auch die Erwachsenen zu erreichen. Daran würden sie sich erinnern und so etwas von den Sonntagsgottesdiensten mit nach Hause nehmen.

Ernies Lohn war, was in der Kollekte zusammenkam – von 2 Dollar bis 10 Dollar pro Monat. Die Leute waren arm, und sie dachten, auch der Prediger solle arm sein. Die Bauern versorgten ihn mit Fleisch und Brot und borgten ihm ein Pferd, wenn er eines benötigte. Wenn seine Vorräte erschöpft waren, erschien er gern zu Hausbesuchen während der Essenszeiten. Die Mütter von heiratsfähigen Mädchen begrüßten seinen Besuch. Er benutzte diese Gelegenheiten, um Zeugnis zu geben. Wenn er zum Beispiel in dem Haus war, in dem auch die Lehrerin wohnte, klopfte er an ihre Tür und redete mit ihr über Christus.

Die Predigtvorbereitung war weiterhin eine Plage für ihn, und bei jeder möglichen Gelegenheit bat er einen Gastredner, zu kommen. Er gab ihm die ganze Kollekte und nahm den finanziellen Verlust in Kauf, wenn er nur keine Predigt vorbereiten musste.

In dieser Zeit sprach der Herr über das Abgeben des Zehnten zu Ernie. Vielleicht waren die geringen Kollekten ein zusätzlicher Ansporn. So beschloss er, über die Abgabe des Zehnten zu predigen. Aber ehe er es predigen konnte, musste er es selbst praktizieren. Das war schwierig, weil 2 Dollar nicht sehr weit reichten. Jedoch der Herr versicherte ihm, dass er mit neun Zehntel genauso gut auskommen könnte wie mit zehn Zehntel. Er berichtete später von vielen Segnungen, von denen er glaubt, dass sie ein direktes Ergebnis davon waren, dass er bei der Abgabe des Zehnten den Herrn an die erste Stelle setzte – aber er erinnert sich heute nicht mehr, ob die Kollekte sich erhöhte.

Seine Hütte war nahezu 300 Meter vom Heim der Butes entfernt, die das Land für das »Pfarrhaus« gespendet hatten. Eines Morgens waren sie erstaunt und besorgt, als sie ihn um seine Hütte rennen sahen, als ob er verfolgt würde. Als sie hingingen und nachforschten, erklärte er, dass er gerade trainiere, »wie ihr es macht, wenn ihr Kühe jagt«.

Frank Bute erinnert sich an einen Vorfall, der zu seinem inneren Wachstum als Christ beitrug. Ernie war krank, und Frank brachte ihm und seinem Freund Bill etwas zum Frühstücken. Bevor er wegging, baten ihn die beiden, mit ihnen zu beten. Frank hatte nie in englischer Sprache gebetet, und er sagte, das könne er nicht. Die jungen Männer ermutigten ihn, und so betete er zögernd das erste Mal laut auf Englisch. Er erinnert sich noch dankbar an diesen bescheidenen Anfang, der für sein geistliches Leben und seine Entwicklung neue Dimensionen eröffnete.

Als Pastor, der an zwei verschiedenen Orten predigen musste und viele Hausbesuche machte, brauchte Ernie ein besseres Transportmittel. Im Herbst 1940 hatte er etwas Extra-Geld verdient bei der Arbeit mit der Dreschmannschaft, aber er rechnete sich aus, dass er sich kein Auto leisten konnte und entschied sich für ein Motorrad. Mit 105 Dollar in der Tasche ging er ins nahe Brandon. Dort fand er einen 1928er Modell A-Touring-Wagen, der für 95 Dollar zu haben war. Voll Freude kaufte er ihn, und es blieb ihm noch genug Geld für das Benzin zur Heimfahrt übrig. Das Auto wurde bald unentbehrlich, um Leute zum Krankenhaus zu bringen oder sie zu entfernt lebenden Verwandten zu fahren. Ein Hochzeitspaar fuhr er zu einem ordinierten Pastor zur Trauung. Für ihre Flitterwochen bot er ihnen eine Fahrt nach Regina, das 100 Meilen entfernt lag, an. Mit Vorhängen statt mit Fensterglas ausgestattet, war das eine kalte Januar-Fahrt! Der zweitägige Ausflug war ein großes Ereignis – das Paar war zum ersten Mal im Leben so weit von zu Hause fort.

Ein Autobesitzer gilt etwas – und er hatte einen besonders guten Wagen – er konnte sogar durch den Schnee fahren. Wenn das Auto steckenblieb, weil es zu leicht war, stellte er sich auf die Stoßstange, um es zu beschweren. Die Straßen waren sehr ausgefahren, und so brauchte niemand hinter dem Lenkrad zu sitzen. Jedoch als er wieder einmal auf diese Weise fuhr, machte sich das Auto selbständig und fuhr einen Hügel hinab, ohne dass es er aufhalten konnte. Unten prallte es an einen Baum. Beschämt ging Ernie zu einem Nachbarn und bat, dass man es aus der Grube herausziehen möge. Dem Auto war nicht viel Schaden geschehen, wohl aber dem Stolz des Predigers!

Ernie war für seine Pünktlichkeit bekannt, aber an einem verschneiten Abend war er zu spät dran, als er zu einem Weihnachtsprogramm der Hazel-Valley-Schule, die 13 Kilometer entfernt lag, unterwegs war. Da es keine Straßen gab, fuhr er querfeldein und folgte Pferdespuren hügelauf und -ab. Unerwartet kam er an eine Kurve. Der Wagen raste in ein dichtes Gebüsch, das ihn einen Meter hoch vom Boden hob. Ernie hatte keine andere Wahl als zur Farm zurückzurennen und sich ein Pferd zu borgen, um zur Versammlung zu gelangen. Am nächsten Tag brauchten sie ein paar Pferde, um das Auto herauszuholen. Es stellte sich heraus, dass nur ein paar Drähte gerissen waren, obwohl sie einige Bäume niederhauen mussten, um es herauszubekommen.

Das 1928er Modell A leistete ihm gute Dienste. Er ist heute davon überzeugt, weil er den Zehnten gab, bewahrte der Herr sogar die Reifen davor, sich schnell abzunutzen. Zweimal ersetzte er die Karosserie, zuerst machte er einen kleinen Lastwagen daraus und später eine Limousine. Nach drei Jahren verkaufte er es für 225 Dollar.

Ein junger Pastor ist nicht automatisch bei jedermann beliebt. So war z. B. ein Nachbar ziemlich unfreundlich. Ernie hatte gebeten, sich ein Pferd ausleihen zu dürfen, weil der Schnee sogar für das Auto zu tief war. Der Nachbar sah das als eine Gelegenheit an, seinen Pastor zu testen und entschloss sich, ihm ein Pferd zu geben, von dem er sicher war, dass der Prediger es nicht reiten könne. Obwohl Ernie schon mit zwei Jahren das Reiten gelernt hatte, war er kein sehr guter Reiter. Er brachte es jedoch fertig, auf diesem Pferd zu bleiben. Der Nachbar gab nachher beschämt zu, dass er erstaunt war, dass das Pferd ihn nicht abgeworfen habe. Sie wurden gute Freunde, und viele Jahre später entwickelte sich ihre Freundschaft so weit, dass diese Familie Ernie unterstützte, als er Abschied nahm, um seine Missionsarbeit in Europa zu beginnen. Tatsächlich beschloss diese Familie sogar einmal, die Installation elektrischer Anlagen auf ihrer Farm hinauszuschieben, um lieber Ernie und seine Familie unterstützen zu können.

Ernie liebte Sport und schloss sich dazu den jungen Leuten an. An den Samstag-Abenden drehte er oft die Kurbel der Eiskrem-Gefriermaschine. Selbstgemachtes Speiseeis war seine Lieblingsleckerei. Dann setzte er sich zu den Burschen und hörte der Hockey-Sportreportage im Radio zu. Eines Nachts, als er mit der Jugendgruppe beim Schlittenfahren war, fanden er und noch ein Bursche einen besonders steilen Hügel. Die schnelle Talfahrt endete mit einer besonders harten Landung – sie stießen am Grund auf einen Steinhaufen!

Gegen Ende seines ersten Jahres im Dienst wurde er sehr krank. Der Arzt stellte eine schwere Kehlkopfentzündung fest. Freunde nahmen ihn auf und pflegten ihn, aber als er seine Stimme verlor, konnte er seinen Predigerdienst nicht mehr erfüllen. Bald ging es ihm etwas besser, und er entschloss sich, einige Zeit auf das Millar Memorial Bibel-Institut zurückzukehren. Hier gönnte er seiner Stimme Ruhe und war doch körperlich aktiv. Die Schule baute noch immer, und seine Mitarbeit war willkommen. Es war für ihn ein erfrischendes und ermutigendes Jahr, und die Freundschaft zwischen ihm und Mr. Peeler vertiefte sich noch mehr. Seine erste Erfahrung beim Bau einer Bibelschule erwies sich in seinem späteren Leben als wertvoll.

Mr. Peeler erinnert sich an diese gemeinsame Zeit. »Ich denke an die vielen, vielen Stunden, in denen er sich großzügig einbrachte, hier an der Schule. Für ihn war das nie eine große Sache, sondern ein fröhlicher Dienst für den Herrn, den er so sehr liebte. Wir arbeiteten hart, fast ohne jede moderne Ausrüstung, aber von früh bis spät. Es ist typisch für seinen abgehärteten Körper, dass er fast einen Kilometer weit zum Stausee lief und nach der Arbeit eines langen Tages mit uns andern in das eiskalte Wasser sprang. Es war noch Eis auf dem Stausee, als wir das taten. Diese Art Robustheit war ein Kennzeichen seiner Entschlossenheit, die Arbeit des Herrn unter allen Lebensumständen zu tun, auch wenn der Körper davor zurückschauderte. Ernie war glücklich, und unsere Gemeinschaft im Herrn war wunderschön. Ich kann mich nicht an einen ärgerlichen Vorfall erinnern während all dieser arbeitsreichen Monate. Preis dem Herrn!«

Als Ernies Stimme ausgeheilt war, wurde er gebeten, mit Henry Hildebrandt von der Kanadischen Sonntagsschulmission Zeltversammlungen abzuhalten. Sein Predigtstil besserte sich in dieser Zeit, aber besonders denkwürdig war die Gelegenheit, als sie ein Duett singen wollten. Ernie hatte beim Einüben einige Schwierigkeiten gehabt, aber nach fleißigem Proben dachte er, nun könne er es schaffen. Als sie an diesem Abend sich erhoben, um zu singen, erinnerte sich Henry an die Proben und musste lachen. Er konnte sich vor Lachen nicht mehr beherrschen, und das Duett fiel ins Wasser. Ernie war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute, und es brauchte lange, bis auch er diesen Vorfall von der humorvollen Seite nehmen konnte.