Erwachen des Lichts - Jennifer L. Armentrout - E-Book

Erwachen des Lichts E-Book

Jennifer L. Armentrout

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8,99 €

Beschreibung

Atemberaubend und romantisch – der erste Teil der Götterleuchten-Serie

Eben noch verlief Josies Leben normal. Sie ist eine typische Studentin auf dem Weg zu ihrem Seminar. Da taucht plötzlich ein mysteriöser Typ mit goldenen Augen auf und behauptet, sie sei eine Halbgöttin. Somit ist sie dazu auserkoren, die Unsterblichen des Olymps im Kampf gegen die Titanen zu unterstützen. Um ihre Bestimmung zu erfüllen, muss Josie lernen, ihre Kräfte zu nutzen. Dabei zur Seite steht ihr der impulsive Seth. Bald merkt Josie, dass er ihr gefährlicher werden könnte als die entfesselten Mächte der Unterwelt …

»Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Ein sehr vielversprechender Start der neuen Fantasyserie.«
Publishers Weekly

»Eine knisternde, verbotene Liebesgeschichte und jede Menge Action sorgen dafür, dass man nicht genug von diesem Roman bekommt. Ich bin ein Seth-aholic.«
New-York-Times-Bestsellerautorin Jeaniene Frost

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Seitenzahl: 546

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MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2021 für die deutsche Ausgabe by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2015 by Jennifer L. Armentrout Originaltitel: »The Return« Erschienen bei: Spencer Hill Press, Marlborough

Covergestaltung: Zero Werbeagentur, München Coverabbildung: Dmitriy Rybin, tomertu, Carlos Amarillo, janniwet / Shutterstock E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783745752014

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WIDMUNG

Für euch Seth-Fans da draußen … viel Spaß

ZITAT

Doch jene anderen nannte der Vater Titanen; Söhne, die Uranos, der Mächtige, einst selbst gezeugt. Sagte er doch, sie hätten nach Frevel gestrebt und böse Taten verübt, darum würden sie später der Rache verfallen.

Theogonie des Hesiod, Zeilen 207–210

1.

SETH

In der Villa war es so still, wie es in meinem Kopf gewesen wäre, wenn man mich nach meinen Wünschen gefragt hätte. Kein Laut – nicht einmal ein Röcheln oder ein geflüstertes Wort. Wirklich beseligend.

Friedlich.

Ganz im Gegenteil zu dem Bild, das sich mir bot.

Von der Stelle aus, an der ich oben auf der Freitreppe stand, wirkte das opulente, offen gestaltete Erdgeschoss, als wäre ein Truck rückwärts an die bronzenen Türflügel herangefahren und hätte eine Ladung Spaghetti bolognese quer durch den Raum gekippt. Alles war rot und mit klebrigem Zeug bespritzt, als hätte eine Batterie Kanonen Wände und Decken mit einem endlosen Strom Ravioli beschossen – jede Menge Brocken diverser Materie, die normalerweise ins Innere eines Körpers gehört.

Ich würde nie wieder eine Dose Ravioli mit denselben Augen betrachten.

Im Gegensatz dazu hatte ich keinen Tropfen Blut an mir. Meine schwarzen Stiefel glänzten; an der schwarzen Kampfhose und dem schwarzen Under-Armour-Shirt, der Standarduniform eines Wächters, klebten weder Blut noch Eingeweide. Ich war gut – hatte es richtig drauf.

Mein Blick glitt über den Raum unter mir. Das musste bei Weitem eine meiner besten Sanierungen gewesen sein – der Begriff dafür, Verstecke hochzunehmen und die Verräter zu vernichten, die vor einem Jahr Ares bei seinem Versuch, die Welt der Sterblichen zu übernehmen, unterstützt hatten.

Die bedauerlichen Schwachköpfe hatten keine Chance im Hades gehabt.

Ganz normale Durchschnittssterbliche, die sich auf die falsche Seite hatten ziehen lassen, befanden sich tot zwischen den Nachfahren der Olympier. Aber die meisten, die über dem Boden unter mir verstreut lagen, waren Reinblüter. Offiziell Hematoi genannt. Ich verdrehte die Augen. Diese Typen waren genauso aufgeblasen, wie ihr Name es vermuten ließ. Abkömmlinge zweier Halbgötter, die es getrieben hatten. Ihr Blut wurde als rein betrachtet, im Gegensatz zu dem der Halbblüter, die man so bezeichnete, wenn ein Reinblut und ein Sterblicher zusammenkamen. Nach den schlichten Regeln der Genetik waren Halbblüter schwächer als Reinblüter. Sie trugen weniger Äther in sich, die Substanz, die den Olymp umgab und die zugleich die Lebenskraft im Blut der Götter und all ihrer Schöpfungen war. Mithilfe des Äthers konnten wir einander spüren. Reinblüter hatten mehr Äther in sich als Halbblüter, daher beherrschten Reinblüter wie die Götter auch die Elemente, die Halbblüter dagegen nicht. Tausende Jahre lang war das die Hackordnung unserer Gesellschaft gewesen, weil die Reinblüter sich immer für etwas Besseres als die Halbblüter gehalten hatten. Bis vor einem Jahr waren Halbblüter praktisch ihre Sklaven gewesen; und alles nur, weil sie genetisch bedingt mehr Äther in sich trugen.

Als Leichen waren sie jedoch alle gleich – stinkig, schmierig und tot.

Mein Blick ging zurück zu den weit offen stehenden Türflügeln. Wächter kamen. Ich spürte, wie sie argwöhnisch davor zurückscheuten, das Gebäude zu betreten, schmeckte ihre Nervosität auf der Zungenspitze. Sie wussten, dass ich hier war. Sie fühlten mich ebenfalls, aber ich war etwas völlig anderes als sie.

Ich war ein Halbblut, doch ich war auch der Apollyon, das Kind einer Reinblüterin und eines Halbbluts, einer Verbindung, wie sie Tausende Jahre verboten gewesen war, da ein Apollyon mächtiger war, als jedes Rein- oder Halbblut es sich erträumen konnte.

Ich entdeckte die Schlupfwinkel der Verräter immer vor den Wächtern, sodass sie normalerweise nur noch sauber zu machen brauchten. Ich war mir sicher, dass sie absolut begeistert davon waren.

Als Erste betrat eine Halbblüterin das Gebäude, die genau wie ich gekleidet war. Sie hatte sich das schwarze Haar zu einem ordentlichen kleinen Knoten oben auf dem Kopf zusammengesteckt. Sie war älter, vielleicht Mitte dreißig. Ziemlich selten, dass Wächter so lange am Leben blieben. Sie verharrte gleich hinter dem Eingang, ihre dunkle Haut erblasste. Mit beiden Händen umfasste sie ihre Titandolche, als rechnete sie damit, dass etwas Abscheuliches sie aus der blutigen Schweinerei anspringen würde.

Die Wächterin reckte das Kinn, und das Licht von der Decke glitt über ihre ausgeprägten Wangenknochen. Unter ihrem rechten Auge befand sich eine gezackte Narbe, die Haut war dort heller. Sie sah mich und erstarrte.

Ich lächelte breiter.

Hinter ihr stürzte ein weiterer Wächter herein und rannte sie beinahe um. »Seth«, flüsterte er, sobald er mich erblickte.

Er hatte meinen Namen ausgesprochen, als wäre ich das Monster unter seinem Bett, was mir irgendwie gefiel. Dann tauchte noch ein Wächter auf und noch einer. Der fünfte warf nur einen Blick auf das Ergebnis meiner Raumgestaltung und kippte fast aus den Schuhen. Die Hände auf die Knie gestützt, gab er sein Abendessen von sich.

Nett.

Der durchschnittliche Sterbliche hatte nicht die geringste Ahnung von der Existenz unserer Gesellschaft, deren Grundlage Tausende Jahre lang die sogenannten Fortpflanzungsgesetze gewesen waren. Diese Gesetze hatte man inzwischen abgeschafft, was hieß, dass Halbblüter nicht mehr gezwungen waren, sich zwischen einer Existenz als Wächter und der eines Dienstboten zu entscheiden. Ersteres bedeutete, Jagd auf gewalttätige Kreaturen zu machen, Reinblüter zu beschützen, Regeln durchzusetzen und im Allgemeinen verdammt früh zu sterben. Letzteres war eigentlich kein Job, sondern eher Sklaverei. Neuerdings hatten viele verhätschelte Reinblüter als Wächter angeheuert und den Verlust der Halbblüter ausgeglichen, die mehr oder weniger gedacht hatten: Zur Hölle, ich bin dann mal weg.

Das war nicht unbedingt gut.

Zum Beispiel war der Schwachkopf, der über den blutverschmierten Boden kotzte, ein Reinblut. Während er sich mit grünlichem Gesicht aufrichtete, wich er kopfschüttelnd zurück.

»Ich kann das nicht«, stieß er aus. »Das kann ich einfach nicht.«

Dann drehte er sich um und haute ab.

Ich seufzte. Das hatten wir jetzt davon.

Die Wächterin hatte mehr Mumm als jeder ihrer männlichen Begleiter. Sie näherte sich mir und stieg über ein Bein hinweg, das dem Typen an … nein, dessen Bein lag an der Treppe. Keine Ahnung, wo das andere herkam. Sie öffnete den Mund, wollte vermutlich etwas sagen, ich konnte kaum erwarten, was sie zu erzählen hatte. Doch plötzlich veränderte sich die Luft im Raum, sie lud sich elektrisch auf und kräuselte sich vor Energie. Uralte Symbole bildeten sich auf meiner Haut, wirbelten darüber und ordneten sich an meinem Körper zu Schutzzeichen an.

Eine schimmernde blaue Lichtsäule schoss durch die hohe Kuppeldecke herunter und traf ungefähr einen Meter von der Wächterin entfernt auf den Boden. Das Licht verblasste und enthüllte einen Gott.

Die Wächter wichen zurück. Einige knieten ohne Rücksicht auf die Sauerei nieder. Ich dagegen hob die rechte Hand und kratzte mir mit dem Mittelfinger die Stirn.

Der Kerl, den ich, im ganzen Reich der Sterblichen, auf dem Olymp und im Tartarus zusammengenommen, am wenigsten leiden konnte, verschränkte grinsend die Arme vor der Brust. Aufgeblasen und angeberisch legte der nutzlose Mistkerl den Kopf in den Nacken und musterte mich aus Augen, die vollständig weiß waren – keine Pupille, keine Iris. Verdammt unheimlich so was.

»Ich spürte eine große Erschütterung der Macht«, erklärte er.

Ich kniff die Augen zusammen und stieß gereizt die Luft aus. »Hast du jetzt ernsthaft Star Wars zitiert?«

Apollo, der Gott der Sonne und anderer ätzend wichtiger Dinge, wodurch er praktisch unmöglich umzubringen war, wenn man nicht gleich die Welt vernichten wollte, zuckte mit einer Schulter.

»Kann schon sein.«

Bis eben hatte ich einen schönen Abend gehabt. Hatte Filetsteak und Hummer zum Abendessen. Hatte ein paar Leute umgebracht, ein paar Rein- und Halbblüter erschreckt. Hatte einen weiteren Besuch in dem Mädchencollege geplant, das ich vor ungefähr drei Monaten entdeckt hatte. Diese Studentinnen wussten, wie man einen Kerl aufheiterte. Doch jetzt war er aufgetaucht. Von nun an würde alles den verdammten Bach runtergehen.

Vor Ärger prickelte meine Haut, sodass die Zeichen unruhig darüberflossen. Apollo und ich hatten eine gemeinsame Geschichte – eine ziemlich miese. Er konnte mich nicht töten. Ich war mir nicht sicher, ob irgendeiner unter den olympischen Göttern in der Lage war, mich umzubringen, aber am Ende würden sie es tun. Jedoch nicht jetzt – sie brauchten mich noch. »Was willst du?«

Er neigte den Kopf zur Seite. »Eines Tages wirst du voller Respekt zu mir sprechen, Apollyon.«

»Eines Tages wirst du erkennen, dass ich dich nicht respektiere.«

Die Wächter im Raum starrten mich an, als hätte ich gerade die Hose heruntergelassen und würde mit meinem besten Stück vor ihnen herumwedeln.

Ein verkniffenes Lächeln trat auf die Lippen des Gottes, das mehr oder weniger besagte: Versteckt eure Kinder und eure Familien. Da ich allerdings keins von beidem hatte, schüchterte er mich nicht ein.

»Wir müssen uns unterhalten.«

Bevor ich etwas entgegnen konnte, schnippte er mit den Fingern, und plötzlich stand ich draußen vor der Villa. Meine Stiefel steckten im Sand, Salzgeruch erfüllte meine Sinne, und hinter mir wogte das Meer.

Ein ärgerliches Knurren stieg aus meiner Kehle auf. »Ich hasse es, wenn du das machst.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Ich weiß.«

Ich verabscheute das absolut, und der Mistkerl machte es bei jeder Gelegenheit – für gewöhnlich alle fünf Minuten, wann immer ich in seiner Nähe war, und meistens ohne einen bestimmten Sinn oder Zweck. Manchmal ließ er mich nur zum Spaß von einem Zimmer ins andere hüpfen. Im letzten Jahr war mein dünner Geduldsfaden extrem auf die Probe gestellt worden.

»Worüber müssen wir reden?« Ich verschränkte die Arme, damit ich ihn nicht doch noch mit Akasha schlug, dem fünften und mächtigsten Element, das nur die Götter und der Apollyon beherrschten. Es würde ihn nicht umbringen, ihm aber ganz bestimmt einen höllischen Stich versetzen.

Apollo richtete den Blick auf den dunklen Ozean. »Musst du eigentlich immer so eine Schweinerei anrichten?«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Was?«

»Da drinnen.« Er deutete mit dem Kinn zur Villa, deren Lichter in der Ferne glitzerten. »Musst du immer so herumsauen, wenn du die eliminierst, die uns verraten haben?«

»Ob ich muss? Nein.«

»Also, warum?« Er schaute mich an.

Es war unnötig, so zu töten, wie ich es tat. Ich könnte die Verräter einfach umpusten und es schnell, ordentlich und schmerzlos machen, doch so tickte ich nicht. Vielleicht war ich anfangs weniger … rabiat gewesen, aber so war ich nicht mehr. Nicht, nachdem es nun mein einziger Existenzzweck war, die schmutzige Arbeit der Götter zu erledigen. Denn jedes Mal, wenn ich eins ihrer Gesichter sah, dachte ich an die zahlreichen Gelegenheiten, bei denen ich mächtig Bockmist gebaut hatte, und dann musste ich an … Ich unterdrückte den Gedanken. Dem würde ich mich höchstens heute Abend widmen, allerdings nicht ohne eine Flasche Whiskey.

»Ihr alle habt mich in den Terminator verwandelt. Was habt ihr erwartet?« Ich hob die Schultern. »Wolltest du darüber mit mir reden? Über meine Methode, eure Befehle auszuführen? Ich hatte angenommen, du hättest Besseres zu tun, als hier aufzutauchen und mich zur Schnecke zu machen, weil ich eine Schweinerei angerichtet habe.«

»Es geht nicht um die Schweinerei, Seth, und das weißt du genau. Es geht um dich.«

An meinem Unterkiefer zuckte nervös ein Muskel. Ich kapierte, was er sagte. »So bin ich eben jetzt. Also kommt damit klar.« Ich wandte mich ab. »Wenn es das war, dann bin ich jetzt weg. Da sind diese Mädchen, die ich …«

»Deswegen bin ich nicht hier.«

Ich schloss die Augen und schluckte einen Schwall Flüche herunter. Natürlich nicht. Ich drehte mich zu ihm um. »Was?«

Apollo antwortete nicht sofort. »Erinnerst du dich an Perses?«, fragte er schließlich.

»Uh … nein. Ich habe den zwei Meter zehn großen Titanen, bei dessen Befreiung aus dem Tartarus ich mitgeholfen habe, vollkommen vergessen. Ist mir total entfallen.« Meine Stimme troff vor Sarkasmus. Das statische Knistern, das aus seinen vollständig weißen Augäpfeln kam, bewies, dass ihm das auffiel. Das machte mich unwahrscheinlich glücklich. »Habt ihr ihn inzwischen erwischt?«

»Nicht ganz.«

Ich verdrehte die Augen.

Perses’ Freilassung war das letzte Aufgebot im Kampf gegen Ares gewesen. Der Titan war vermutlich das Einzige gewesen, was der Kriegsgott fürchtete, und die Entscheidung, ihm den roten Teppich in die Welt der Sterblichen auszurollen, war riskant gewesen. Für seine Hilfe hatte man Perses die Ewigkeit in den Elysischen Feldern versprochen – vorausgesetzt, er benahm sich. Natürlich hatte er sich nicht benommen. In dem Moment, in dem Ares erledigt war, war der Titan verschwunden – um zu machen, was uralte Götter immer machten, nachdem sie ein paar tausend Jahre geschlafen hatten.

Ich wette, es hatte mit Sex zu tun. Jeder Menge Sex.

»Dein Sarkasmus und dein Schwachfug im Allgemeinen sind nicht notwendig«, bemerkte Apollo beiläufig.

Ich grinste ihn an. »Ich glaube nicht, dass ›Schwachfug‹ ein Wort ist.«

»Wenn ich es ausspreche, ist es eins.«

Apollo holte tief Luft, ein unverkennbares Zeichen dafür, dass er sich dem Punkt näherte, an dem er mich am liebsten ins nahe Meer treten würde.

»Perses hat das Undenkbare getan.«

Ich hielt vieles für undenkbar, zum Beispiel die Hälfte von allem, was die Götter jeden Tag anstellten. »Das musst du jetzt mal ein wenig eingrenzen.«

Er blinzelte, und als er die Augen wieder öffnete, wirkten sie normaler. Nicht vollkommen normal, aber er besaß nun Pupillen und Iris. Seine Augen, aus denen er mich durchdringend anschaute, waren von einem tiefen Jeansblau. Meine waren bernsteinfarben.

»Er hat weitere Titanen befreit.«

»Das ist nicht … Moment mal. Was?«

»Er hat weitere Titanen befreit, Seth.«

Jetzt hatte er meine volle Aufmerksamkeit. »Alle?«

»Sieben von ihnen. Darunter auch Cronus.«

Heiliger Shitstorm im Hades – damit hätte ich nicht gerechnet. Ich trat einen Schritt zurück, stemmte die Hände in die Hüften und dachte über diese Entwicklung nach. »Wie zur Hölle ist das überhaupt möglich? Hat Hades bei der Arbeit geschlafen oder so was?«

»Ja, Seth, er hat ein Nickerchen gehalten, und Perses ist durch die Hintertür hineingeschlichen und hat sie freigelassen. Danach sind sie durch das Tal der Trauer spaziert, haben unterwegs ein Picknick veranstaltet und dann beschlossen, ganz gemächlich die Unterwelt zu verlassen, und alles, während Hades gechillt und nichts unternommen hat.«

Das klang einleuchtend.

»Nein«, fuhr er mich an, und seine blauen Augen glühten auf. »Hades hat nicht bei der Arbeit geschlafen. Keiner von uns hat das, du miese kleine Ratte.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Also, das war jetzt unnötig.«

Apollo ignorierte es. »Benutz ausnahmsweise dein Hirn, Seth. Du bist doch ein kluger Junge, das weiß ich. Und dir ist verdammt klar, dass Ares’ Vernichtung Auswirkungen haben musste.«

»Yeah. Vielleicht erinnere ich mich.«

Er trat einen großen Schritt von mir weg, und ich war mir sicher, dass er sich zurückhalten musste, um mich nicht so zusammenzuschlagen, dass ich erst in einer Woche wieder aufwachte.

»Wir wussten, dass es Nebenwirkungen geben würde. Das war ein Risiko, das wir eingehen mussten – genau wie bei Perses’ Befreiung. Doch Ares’ Tod hat uns alle auf die eine oder andere Art geschwächt. Wir hatten keine Ahnung, dass eine der größten Lücken in unserer Deckung die Schutzzeichen sein würden, hinter denen die Titanen begraben lagen. Wie Perses dahintergekommen ist und in den Tartarus gelangen konnte, um sie zu befreien, weiß niemand, und darauf kommt es an diesem Punkt auch nicht an. Einige von ihnen sind frei. Zusätzlich ein paar Seelen – Schatten. Und zwar nicht einfach gewöhnliche Seelen, sondern uralte, die die Titanen während ihrer Herrschaft unterstützt haben.«

Wie vor den Kopf geschlagen, starrte ich den Gott an. »Du willst mir erzählen, keiner von euch hat daran gedacht, dass das passieren könnte?«

Wütend funkelte er mich an.

Ich lachte trocken und humorlos; eher ein Husten. »Das ist toll, Apollo. Wir haben Titanen, die frei herumlaufen?«

»Irgendwo sind sie. Wo? Wir haben keine Ahnung. Sie sind unserem Blick entzogen.« Apollo strich sich durch das blonde Haar. »Sie planen eine Verschwörung, um uns zu stürzen.«

»Glaubst du? Ich meine, bestimmt sind sie noch sauer, weil Zeus und seine trottelige Crew gegen sie geputscht haben.« Am liebsten hätte ich wieder gelacht, doch nichts von diesem ganzen Mist war lustig. Wäre mir nicht überhaupt alles ziemlich egal, dann wäre ich wohl eher besorgt als verärgert. »Also wollt ihr, dass ich Jagd auf sie mache oder so?«

Das musste der Grund sein, aus dem er hier war. So verrückt das war, freute ich mich über diese Aufgabe. Die Sanierungen wurden langsam langweilig, und wenn ich die Titanen aufspürte, würde meine Existenz auf dieser Ebene wahrscheinlich beendet werden. So mächtig und hammermäßig großartig ich auch war, konnte nicht einmal ich es mit einem Haufen Titanen aufnehmen, ohne am Ende tot zu sein. All das hieß, dass ich schneller sterben würde als erwartet.

Was mir ziemlich egal war.

Vor über einem Jahr war ich einen Deal eingegangen, bei dem ich statt des Kopfes der Person, die ich am zweitschlechtesten auf der ganzen Welt leiden konnte, meinen eigenen auf den ewigen Henkersklotz gelegt hatte. Aus diesem Grund hing über meiner Existenz eine riesige tickende Uhr. Wenn die Götter der Meinung waren, dass sie mich nicht mehr brauchten, würden sie einen Weg finden, mein Leben zu beenden. Dann würde meine Ewigkeit als Hades’ Diener beginnen. Aber der Deal … doch, er war es wert. Nicht seinetwegen, ich war es ihr schuldig gewesen.

Apollo beobachtete mich aufmerksam. »Nein.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Nein worauf genau?«

»Ich schicke dich nicht auf die Jagd nach ihnen. Noch nicht«, erklärte er und verschlug mir damit die Sprache – eine Seltenheit. »Ich habe eine andere Aufgabe für dich. Du musst sofort in den Süden von Virginia aufbrechen. Ich würde deinen kleinen Mir-doch-alles-egal-Hintern ja hinteleportieren, aber jetzt bist du mir auf die Füße getreten und kannst die zwanzig Stunden oder so mit dem Auto fahren.«

Das war ärgerlich, allerdings mochte ich lange Autofahrten eigentlich ganz gern, also was sollte es. »Was ist im Süden von Virginia?«

»Die Radford-Universität.«

Ich wartete.

Ich wartete noch etwas und seufzte dann. »Okay. Soll ich mich am College einschreiben?«

Apollo legte den Kopf in den Nacken und lachte so laut, dass seine Stimme sich dabei überschlug. Ich runzelte die Stirn. »Was zum Teufel ist daran so komisch?«

»Du. College. Dein Hirn benutzen. Das ist komisch.«

Ich war kurz davor, ihn mit Akasha zu schlagen.

Das Grinsen verschwand von Apollos Gesicht.

»Dort hält sich eine bedeutende Person auf, die du um jeden Preis beschützen musst, Seth.«

Ich verzog die Lippen zu einem höhnischen Lächeln. Mich als Bodyguard einzusetzen – wie klischeehaft. »Das sind nicht besonders viele Details.«

Apollo grinste dreist. »Du wirst wissen, wer die Person ist, wenn du sie siehst.«

Er wedelte mit der Hand, ein Rauchwölkchen erschien, und als es sich in der Nacht auflöste, sah ich, dass er einen Zettel in der Hand hielt. Nette Fähigkeit.

»Das ist ihr Stundenplan. Es dürfte kein Problem für dich sein, sie zu finden.«

Stirnrunzelnd nahm ich das Papier und überflog es. Es war ein Stundenplan – ein langweiliger, voll mit Psychologie und Soziologie. »Okay. Und was genau soll ich mit dieser Person anfangen?«

»Dafür sorgen, dass sie am Leben bleibt.«

Hörbar stieß ich den Atem aus. »Echt jetzt, Apollo?«

»Ihr müsst beide zum Covenant in South Dakota – zur Universität dort.«

Mit einem Ruck straffte sich meine Wirbelsäule, als hätte mich jemand hochgezogen. Das war der letzte Ort, an dem ich sein wollte. Da befanden sich Menschen, die ich nicht sehen wollte. »Warum? Wer ist diese Person?«

Apollo lächelte wieder, zwinkerte mir zu und verschwand. Einfach so. Verpufft. Weg, von einer Sekunde auf die andere. Mistkerl, das hasste ich nämlich auch. Ziemlich angeödet schaute ich auf den Zettel. Auf dem Stundenplan standen Initialen.

J. B.

Klang wie ein Name für einen Volltrottel.

Ich drehte mich zum Meer um und belegte Apollo mit einer Reihe von Verwünschungen. Der Wind fuhr mir in die Haare, die sich aus der Lederschnur lösten, mit der ich sie zusammengebunden hatte. Ich hätte schwören können, dass ich den Bastard lachen hörte.

Ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht darüber war, dass Apollo mir kaum etwas erzählt hatte, mit dem ich arbeiten konnte. Der Mistkerl war dafür bekannt, dass er einem wenig bis keine Informationen lieferte und dass er das, was er preisgab, in winzigen Mengen und im unpassendsten Moment offenbarte. Und zwar für gewöhnlich, nachdem diese Informationen nützlich gewesen wären.

Eins war sicher. Der Unbekannte, den ich bewachen sollte, würde bei diesem Deal den Kürzeren ziehen. Der letzte Mensch, den ich hatte beschützen sollen, hatte am Ende eine Titankugel in der Stirn gehabt.

2.

JOSIE

Mom stieß einen tief empfundenen Seufzer aus, und es knisterte in der Leitung.

»Baby, ich wünschte, du wärst nicht so weit weg, sondern hier, wo ich dir helfen oder bei dir sein könnte, wenn du mich brauchst.«

Mom war geistig instabil.

Nicht auf die Art mit irrem Kichern und so. Aber sie war felsenfest davon überzeugt, dass vor zwanzig Jahren mitten in der Nacht ein waschechter Engel sie aufgesucht und sie mit mir geschwängert hatte.

Jepp.

Seit ein paar Jahren lebte sie mit der Diagnose Schizophrenie ganz gut, weil sie ihre Medikamente nahm, aber die vielen Jahre davor waren schwierig, manchmal angsteinflößend und immer aufreibend gewesen.

Es war auch nicht hilfreich gewesen, dass Mom sehr jung schwanger geworden war, mit knapp siebzehn. In der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, waren die Menschen nicht nett zu jungen, unverheirateten Müttern gewesen. Und ganz bestimmt hatte die Allgemeinheit kein Verständnis für ihre psychische Erkrankung aufgebracht.

»Ich muss wirklich Schluss machen, Mom«, sagte ich ins Telefon und warf einen Blick zur Tür, die aufgesprungen war. Erin Fore tänzelte herein. Nach ihrem Morgenlauf im New River Valley in den Blue Ridge Mountains schien sie von innen zu leuchten. Sie lief lieber im Freien, obwohl wir in unserem Wohnheim einen Fitnessraum hatten. Ich zog es vor, auf einem Crosstrainer herumzuspielen. Das wilde Herumgerenne draußen konnte mir herzlich gestohlen bleiben – zu anstrengend.

»Ich wünschte wirklich, du würdest nach Hause kommen. Du lebst ja praktisch auf der anderen Seite der Welt.«

Ich kämpfte gegen den Drang, einen Seufzer auszustoßen. Ständig sagte ich mir, dass das schwer für Mom war. »Hier ist doch nicht die andere Seite der Welt. Du bist in Missouri und ich in Virginia. So weit ist das auch wieder nicht, Mom.«

Erin fing meinen Blick auf; in ihren dunklen Augen sah ich Mitgefühl. Wir teilten uns seit drei Semestern das Zimmer, fast zwei Jahre. Sie wusste alles über meine Probleme mit meiner Mom und verstand vollkommen, wieso ich Psychologie studierte. Wegen Moms Krankheit faszinierte es mich, wie das menschliche Gehirn arbeitete – und was dabei alles schiefgehen konnte. Mit einem psychisch kranken Menschen aufzuwachsen hatte mir eine einzigartige Sicht auf die Auswirkungen auf andere Familienmitglieder verschafft. Ich wollte denen helfen, die die Krankheit hatten, und denen, die diese Leute betreuten.

Es steckte jedoch noch mehr dahinter. Wenn ich verstand, wie der menschliche Geist funktionierte, würde ich vielleicht nicht dasselbe Schicksal erleiden wie meine Mutter.

»Ich würde mich besser fühlen, wenn du einfach nach Hause kämst«, fuhr sie fort, als hätte ich gar nichts gesagt. »Wir haben hier auch gute Colleges. Es war schwer, als du nach den Sommerferien wieder gefahren bist, Josephine. Ich möchte, dass du nach Hause kommst. Irgendwas stimmt nicht.«

Ich war dabei gewesen, meine Ballerinas anzuziehen, und erstarrte. Da ich mich nach vorn beugte, hingen mir lange, hellbraune Haarsträhnen ins Gesicht. Ich starrte meine Haare an und sah die beinahe weißen Strähnen, die sich in meine normale Farbe mischten. Ich färbte mir keine Strähnchen. Meine Haare waren in der Mittelschule teilweise blond geworden.

Mom hatte gesagt, da zeige sich die Schönheit meines Vaters, des Engels. Das klang cool, aber mehr als wahrscheinlich rührten sie daher, dass ich die Sommer grundsätzlich am See verbrachte. Aus irgendeinem Grund waren die blonden Strähnen nicht verschwunden, ich mochte sie irgendwie gern und färbte mir die Haare nie.

Schuldgefühle drehten mir den Magen um, und ich dachte das Gleiche wie an jedem Tag, seit ich aufs College ging. Ich hätte sie nicht alleinlassen sollen. Aber die Stadt hatte mich langsam umgebracht. Ich hatte weggemusst, um atmen zu können, und meine Großeltern hatten mich darin bestärkt. Sie wollten, dass ich ein normales Leben führte, das war ihnen so wichtig, dass sie jeden Cent auf die hohe Kante gelegt hatten, um mich zur Uni zu schicken und mich von der Engstirnigkeit der Leute im Ort und der drückenden Verantwortung zu erlösen, die es bedeutete, die Tochter meiner Mutter zu sein.

»Josephine«, flüsterte sie.

Niemand außer meiner Mom nannte mich Josephine, mein Herz setzte jedoch nicht deswegen einen Schlag aus. Ich richtete mich auf, wandte mich von Erin ab und trat an meine kleine Kommode, wo ich einen goldfarbenen Armreif in die Hand nahm, Modeschmuck. Ich sprach leiser, obwohl das in unserem winzigen Zimmer sinnlos war. »Was stimmt denn nicht?«

»Das Ende der Welt ist nahe.«

Ihre geflüsterten Worte klangen schicksalsschwer, dennoch löste sich die Anspannung in meinen Schultern. Das war nichts Neues.

»Du kannst doch nicht vergessen haben, was letztes Jahr passiert ist.«

Niemand, der richtig im Kopf war, vergaß die verheerenden Katastrophen, die anscheinend um die ganze Welt gegangen waren. Ein Tornado hatte große Teile North Carolinas von der Landkarte radiert. Vulkanausbrüche, ausgedehnte Erdbeben, Tsunamis – Städte waren ausgelöscht worden. Länder hatten praktisch vor dem Dritten Weltkrieg gestanden. Es hatte tatsächlich gewirkt, als wäre das Ende der Welt gekommen, und kurzzeitig hatte ich wirklich Angst gehabt, meine Mom könnte einmal recht haben. Aber dann hatte es aufgehört, einfach aufgehört, und seitdem befanden sich alle – die ganze Welt – im Friede-Freude-Eierkuchen-Modus. Sogar Staaten, die einander seit Ewigkeiten bekriegten, hatten das Blutvergießen eingestellt, es herrschte Frieden und allgemeines Wohlgefallen.

Damit alle wach wurden, hatten Millionen von Menschen sterben müssen, doch es war nicht so gewesen, als wäre der Film 2012 Wirklichkeit geworden. Die Welt war nicht untergegangen. Es war nur Mutter Natur, die der Menschheit ein paar kräftige Ohrfeigen verpasst hatte, um sie zur Vernunft zu bringen.

»Mom, die Welt geht nicht unter.« Ich schnappte mir noch einen Armreif, dessen Goldton ein wenig dunkler war, und streifte ihn über mein linkes Handgelenk. »Alles ist in Ordnung. Mir geht es gut. Und dir geht es doch auch gut, oder?«

»Ja, Baby, aber ich habe einfach … einfach ein schlechtes Gefühl«, flüsterte sie ins Telefon, und meine Schultern verkrampften sich wieder. »Du weißt schon, ein richtig schlechtes Gefühl.«

Ich schloss die Augen, mein nächster Atemzug ging mühsam. Ein »schlechtes Gefühl« war unser Codewort für einen Rückfall – für ihre akustischen und visuellen Halluzinationen; dafür, dass sie meinen Großeltern entglitt und unbeabsichtigt ihr Leben gefährdete. Mein Herz begann schnell zu pochen. Als ich mich umdrehte, saß Erin auf ihrem schmalen Bett und streifte die Schuhe ab. Besorgnis ließ ihr hinreißendes Gesicht spitz wirken. »Was für eine Art von ›schlechtem Gefühl‹ hast du denn?«

Meine Mutter erzählte, dass sie von meinem Vater träumte. »Eine große Veränderung steht bevor. Alle Menschen werden …«

»Ist mit ihr alles in Ordnung?«, fragte Erin tonlos, während Mom weitersprach.

Ich schüttelte den Kopf und fühlte mich tief bedrückt. Als ich auflegte, war mir klar, dass ich zu spät zu meinem Psychopathologie-Seminar kommen würde, wenn ich nicht einen Zahn zulegte. Am liebsten wäre ich aber nur noch ins Bett gekrochen und hätte mich unter den Patchworkquilt, den meine Granny mir genäht hatte, verkrochen.

»Hat sie einen Rückfall?« Erin löste ihr Haar.

Schwarze, dicke Locken fielen ihr um die Schultern. Das Haargummi hatte nicht mal einen Abdruck hinterlassen.

Erin war vollkommen.

Sie war außerdem furchtbar lieb.

»Ja.« Ich warf mein Haar zurück – schweres Haar, das sich einfach nicht zu Locken formen ließ, aber garantiert einen Abdruck zeigen würde, falls ich es auch nur eine Minute zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden sollte – und schnappte mir meinen Rucksack. »Nach dem Seminar rufe ich Granny an. Wahrscheinlich wissen die beiden aber Bescheid und wollen nur nicht, dass ich mir Sorgen mache.«

Elegant stand Erin auf und zeigte dabei ihre unglaublich langen, unglaublich glatten dunklen Beine. Ich war überzeugt davon, dass darauf kein einziges Haar wuchs. Ernsthaft.

»Kann ich etwas für dich tun?«

»Mir für heute Abend Tequila einschmuggeln?« Ich hängte mir den Rucksack über eine Schulter.

Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Ich weiß immer, wo man das gute Zeug herbekommt.«

Allerdings. Irgendwie merkwürdig, weil sie genau wie ich erst zwanzig war. Ich hatte keine Ahnung, wo sie den nie versiegenden Nachschub an Alkohol herbekam. Wahrscheinlich konnte sie einfach in einen Schnapsladen reinmarschieren, auf diesen Wahnsinnsbeinen posieren und ihr wunderschönes Lächeln aufsetzen, und die Leute gaben ihr, was sie wollte.

Mich dagegen würden sie auslachen und aus dem Laden werfen.

»Ich besorge uns auch Junkfood – zum Beispiel Schokoladeneis mit Nüssen und Marshmallows, Kartoffelchips mit Dillgeschmack und … ach ja, diese Brezeln mit Schokoguss.« Sie hielt mir die Tür auf. »Wie klingt das?«

»Du bist toll.« Ich stürzte auf sie zu, umarmte sie kurz und zog mich dann mit geröteten Wangen zurück. Ich war so ein Depp, dass es peinlich war.

Erin schenkte mir ein strahlendes Lächeln, aber sie begriff es auch nicht. Sie war in der Nähe von Washington aufgewachsen, in einer größeren Stadt, in einer weitläufigen Familie und umgeben von Freunden, die sie in der Leichtathletikmannschaft kennengelernt hatte. Und ich? Ich war praktisch ohne Freunde groß geworden, in einem Ort, in dem das Kind einer unverheirateten Mutter als Ausgeburt des Teufels galt; und deswegen wusste ich ihre Freundschaft umso mehr zu schätzen.

Bevor ich alles nur noch peinlicher machte, indem ich ihr zu Füßen fiel und ihr dafür dankte, dass sie meine Freundin war, winkte ich ihr zu, wedelte dabei mit den Fingern und eilte aus dem Zimmer. Ich rannte praktisch den Flur entlang. Ich musste alles, was mich beschäftigte, in Schubladen stecken, und das, was mit Mom los war, in eine Ecke in meinem Kopf schieben, um mich nach dem Unterricht damit zu beschäftigen. Dies war unsere letzte Vorlesung vor der Prüfung am Freitag.

Ich verließ das Wohnheim und zog die weite Strickjacke enger um meinen Oberkörper, während ich auf den mit Platten belegten Weg trat. Frühling lag in der Luft, und winzige Blätter sprossen aus den Ästen, doch noch war es auf dem Campus winterlich kühl. Muse Hall war ein großartiges Wohnheim – Jungs und Mädchen gemischt –, lustig und mit einer eigenen Mensa, aber es war von hier verdammt weit bis nach Russell Hall, wo das Psychopathologie-Seminar stattfand, und ich hatte das Gefühl, ich würde in die Bäume geweht werden, bevor ich dort ankam.

Scharfer Wind blies durch das Tal und pustete mir das Haar aus dem Gesicht. Ich zog die Schultern hoch und hielt den Kopf gesenkt, als ich unter dem Vordach hinaustrat, und achtete nicht auf die diversen Studenten, die am Eingang herumhingen oder auf den Bänken herumlungerten. An einem guten Tag war ich zwar auch leicht abzulenken, aber wenn ich nervös und gestresst war, wirkte alles auf mich wie ein schimmernder, glitzernder Gegenstand, und ich hatte eine Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch. Ich konnte es mir jedoch nicht leisten, mich in ein Gespräch verwickeln zu lassen und dann unvermeidlich den Unterricht zu verpassen.

Ich folgte dem Weg, der durch den harmonisch angelegten Park führte. An freundlicheren, wärmeren Tagen lernte ich unter den großen schwarzen Eichen. Der Campus war wirklich schön. Das war einer der Gründe, aus denen ich mich hier eingeschrieben hatte.

Das und der Umstand, dass hier niemand wusste, wer ich war oder was mit meiner Mutter los war.

Ich hatte gerade die Hälfte des Wegs zurückgelegt, als ich etwas spürte … etwas Merkwürdiges und Vertrautes und entschieden Unerwünschtes, und verschränkte die Arme fester vor der Brust. Es begann mit einem plötzlichen Schauder unten an meinem Rückgrat und verlagerte sich dann nach oben. Das eigenartige Zittern lief über meinen Nacken und breitete sich auf meinem Rücken aus. An meinem Körper stellten sich die Härchen auf, und irgendwie verhedderten sich meine Füße auf dem flachen Boden, sodass ich stolperte. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in meiner Magengrube breit wie Unkraut, das entschlossen ist, alles zu überwuchern.

Ich warf einen Blick über die Schulter und ließ ihn über windbewegte Äste und die Bänke schweifen, aber ich sah nichts Unnormales. Überall waren Studenten, die sich in Grüppchen unterhielten und ihr eigenes Ding machten, doch ich konnte das deutliche Gefühl nicht abschütteln, dass ich beobachtet wurde, dass sich Blicke in meine Haut, durch meine Muskeln und Knochen bohrten.

Niemand achtete auch nur das kleinste bisschen auf mich. Das war nie der Fall, wenn ich dieses Gefühl bekam. Alles spielte sich in meinem Kopf ab.

Ich ging schneller, doch ich konnte den unguten Empfindungen nicht davonlaufen, die sich zu scharfer, bitterer Panik hinten in meinem Rachen zusammenzogen. Mein Herz schlug heftiger und trieb meinen Puls in den Fettverbrennungsbereich. Ich spürte, wie mir Schweiß auf die Handflächen trat.

»Mist.« Ich blieb stehen und zwang mich, mehrmals tief und lange durchzuatmen, dennoch legte sich Druck auf meine Brust. Das Zittern kletterte meinen Hinterkopf hoch. War es das? Ein Warnsymptom? Hatte es bei Mom auch so angefangen? Eine Menge Studien brachten Geisteskrankheit mit den Genen in Verbindung. Ich hatte eine ungefähr fünfundzwanzigprozentige Chance, Schizophrenie zu entwickeln. Und ich gehörte zu der Altersgruppe, bei der die Krankheit auszubrechen pflegte.

Ich werde nicht krank. Ich werde nicht krank.

Ich schloss die Augen und umfasste mit zitternder Hand den Riemen meines Rucksacks. Das war kein Symptom für eine geistige Störung. Ich war einfach nur müde. Erschöpft. Ansonsten jedoch vollkommen in Ordnung. Alles würde gut werden.

Es musste.

Ich kam doch noch pünktlich zum Seminar und konnte mich währenddessen konzentrieren, sodass ich den Eindruck hatte, gut auf die Prüfung am Freitag vorbereitet zu sein. Als Jesse Colbert, der wie ich Psychologie im Hauptfach studierte und ein paar Kurse mit mir zusammen hatte, neben mir sitzen blieb, während ich mein Zeug zusammensuchte, versuchte ich, mich nicht wie ein Volltrottel zu benehmen.

Er war groß, ungefähr so alt wie ich und hatte schwarzes Haar, das wie polierter Obsidian glänzte. Gut aussehend. Nett. Tolle Wangenknochen. Richtig süß und immer mit einem lässigen Lächeln auf den Lippen. Großartige Hände. Aus irgendeinem Grund stand ich auf Männerhände, jedenfalls auf seine – klobig, maskulin, mit langen Fingern. Mir gefielen sie.

Ich riss mich aus den Gedanken an meine merkwürdige Vorliebe, die fast ein Fetisch war, und zwang mich zu einem, wie ich hoffte, nicht schmierigen Lächeln. »Hey.«

Er schnappte sich seine Bücher und warf mir ein leichtes Grinsen zu. »Bleibt’s bei morgen Abend?«

Ich stand auf und schob das dicke Lehrbuch in meine Tasche. »Jepp. Wir sind verabredet …« Mein Hirn zuckte zusammen und ruderte zurück. »Ich meine, keine Verabredung wie ein Date. Wie ausgehen und so. Essen gehen. Egal.« Meine Wangen brannten, und ich konzentrierte mich darauf, den äußersten Punkt seiner Schulter anzusehen. »Gemeinsam lernen, kein Date.«

Oh mein Gott. Ich musste dringend den Mund halten, denn genau dieses Geplapper war der Grund, aus dem ich niemals ein richtiges Date hatte. Herrje, jetzt glühte mein ganzes Gesicht, weil ich vor Jesse stand und daran dachte, dass ich noch Jungfrau war. Ich wünschte, mein Hirn hätte einen Knopf zum Abschalten.

Während ich albern vor mich hin plapperte, beobachtete er mich, und als ich endlich den Mund zuklappte, lachte er leise.

»Ja, ich weiß, Josie. Bis morgen um sechs?«

»Ja. Sechs. Sechs Uhr abends, richtig?« Verpasst mir bitte einen Kopfschuss. »Natürlich. Perfekt.«

Er zögerte, dann fuhr er mit einem Grinsen, bei dem sich seine Mundwinkel nach oben zogen, herum. Ich seufzte und stellte auf dem Weg aus der Tür gedanklich eine Liste der Gründe auf, aus denen ich die Königin aller Vollpfosten war. Unterwegs machte ich einen Boxenstopp auf der Toilette; größtenteils, um den Anruf bei meinen Großeltern ein paar Minuten hinauszuschieben. Ich war noch nicht bereit, von ihnen zu hören, was ich schon wusste, und das hasste ich, weil es feige war. Ich wusch mir zweimal die Hände, zerrte eine winzige Bürste durch mein vom Wind zerzaustes Haar, trug frischen Lipgloss auf und schlenderte dann auf den Flur hinaus. Der Unterricht hatte bereits begonnen, ich ließ die Tür hinter mir zufallen und ging zur nächstgelegenen Treppe. Wieder richteten sich meine Gedanken auf meine Mom und meinen Anruf bei Granny. Ich musste das hinter mich bringen, deshalb zog ich den Rucksack nach vorn und griff nach meinem Handy.

Keine Ahnung, wie das Nächste passierte.

Im ersten Stock, nur ein paar Stufen vor dem Treppenabsatz, schoss vom Fußboden ein kalter Luftstoß empor und raste an mir hoch, kräftig genug, um mich zu erschrecken. Ich streckte eine Hand aus, um mich am Geländer festzuhalten. Der Rucksack rutschte mir von der Schulter, landete auf dem Boden und hüpfte auf den Absatz hinunter.

Was in aller Welt …?

Ein paar Sekunden lang starrte ich ihn an, dann warf ich einen Blick über die Schulter. Keine Ahnung, was ich dort zu sehen erwartete – vielleicht Casper, den perversen Geist oder so. Ein wenig ausgeflippt, drehte ich mich wieder um und wäre vor Schreck fast hintenübergekippt.

Ein Typ stand vor mir. Na ja, eigentlich stand er nicht. Er bückte sich, um meinen Rucksack aufzuheben. Aber wie in aller Welt war er dorthin gelangt? Ich hatte nicht gehört, dass jemand die Treppe heraufgekommen wäre, außerdem hätte niemand so schnell dort ankommen können … es sei denn, er hätte sich Flügel wachsen lassen und wäre heraufgeflogen, doch das hielt ich für unwahrscheinlich.

Ich konnte ihn wegen seiner gebückten Haltung nur halbwegs sehen, dennoch bemerkte ich, dass er groß war. Mit gut eins neunundsiebzig bin ich nicht klein für ein Mädchen, aber neben diesem Kerl käme ich mir … zierlich vor.

Sein dunkelbraunes kragenloses Hemd spannte sich straff über breiten Schultern und muskulösen Oberarmen. Das blonde Haar wurde im Nacken von einem braunen Lederband zusammengehalten. Kürzere Strähnen hatten sich daraus gelöst und verdeckten sein Gesicht. Langgliedrige Finger schlossen sich um den Riemen meines Rucksacks.

Ach du meine Güte – er hatte wunderschöne Hände.

Bis dahin, wo er die Ärmel hochgeschoben hatte, schimmerten seine Unterarme golden. Ich hatte noch nie so eine Hautfarbe gesehen. Es war keine Sonnenbräune, sondern … etwas anderes. Als er sich aufrichtete, stockte mir der Atem, der vorher gemütlich in meine Lunge geflossen war.

Der heißeste aller heißen Typen!

Von einem geschwungenen Kinn, das beinahe störrisch wirkte, ging ein kantiger, kräftiger Kiefer aus. Die Oberlippe war nur wenig schmaler als die Unterlippe, und die losen Haarsträhnen streiften breite, hohe, goldene Wangenknochen.

Dann sah ich seine Augen.

Ich ruckte zurück, verlor das Gleichgewicht und landete mit dem Hintern auf der Stufe hinter mir. Vielleicht würde mir das später peinlich sein, doch jetzt gerade konnte ich ihn nur anstarren.

Er musste der schönste Mann sein, den ich je gesehen hatte, das war kein Scherz. Mir fiel niemand aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften oder Filmen ein, der so aussah wie er. Seine maskuline Schönheit wirkte empfindsam und hart zugleich, rau und weich, eine wunderbare Mischung anscheinend gegensätzlicher Eigenschaften, aber seine Augen …

Sie hatten eine völlig ungewöhnliche Farbe – dunkles Bernsteingelb. So etwas konnte unmöglich natürlich sein. Verdammt. Bei ihm wirkten diese Kontaktlinsen zusammen mit den erstaunlich dichten Wimpern und den Brauen, die um eine oder zwei Schattierungen dunkler waren als sein Haar, großartig.

Mit einem Mal fragte ich mich, ob es möglich war, einen visuellen Orgasmus zu erleben, denn ich hatte den Eindruck, das wäre mir eben passiert, nur dass … dieser irreale, wunderschöne Mann mich aus honigfarbenen Augen ansah, die immer größer wurden.

Dieser Blick war nicht gerade freundlich – er wirkte fast, als könne er nicht glauben, was er sah; als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen. Mir war schon klar, dass ich mit meinen breiten Hüften niemals Miss USA werden würde, aber ich hatte keine Ahnung, weshalb er mich anschaute, als würde er sich gleich übergeben.

Oder auf etwas einschlagen.

»Dieser Bastard«, sagte er.

Mein Rucksack rutschte ihm aus den Fingern und landete wieder mit einem dumpfen Knall auf dem Boden.

Hätte ich nicht schon auf dem Hintern gesessen, hätte ich mich nun hingesetzt. Seine Stimme … Langsam schüttelte ich den Kopf und wünschte mir, er würde noch einmal sprechen; denn das war die tiefste, weichste Stimme, die ich je gehört hatte, mit einem leichten Akzent, den ich nicht einordnen konnte.

Ich sollte etwas sagen, aber ich saß nur da und staunte ihn offen an. Und man bedenke, dass ich nur Lipgloss trug, obwohl ich ein Mädchen war, das mindestens Rouge und Mascara brauchte, um vernünftig auszusehen … ach was, ein komplett angemaltes Gesicht.

»Wie heißt du?«, fragte er.

Mir wurde der Mund trocken, während ich ihn weiterhin anglotzte, als hätte mein Hirn einen Kurzschluss, was möglich war. Ich hatte das Gefühl, ein paar Gehirnzellen verloren zu haben, vielleicht ein paar Synapsen und einige andere Dinge … Zeugs.

Er schoss heran und bewegte sich dabei schnell wie die zuschlagende Klapperschlange, die ich zu Hause einmal am See gesehen hatte – so schnell, dass ich keine Chance hatte, mich zu rühren. Eine Hand legte er neben meinem Kopf auf das Geländer, die andere zwei Stufen über mir. Nun befand sein Gesicht sich direkt vor meinem, und er atmete denselben Sauerstoff wie ich. Das breite Treppenhaus mit den rot gestrichenen Wänden rückte gefühlt zusammen und wirkte plötzlich viel enger als vorher.

Wir sahen einander an, und … so verrückt das klingt, seine Augen … Sie schienen zu leuchten, als würde Licht hinter den Pupillen brennen.

»Sind deine Initialen J. B.?«

Irgendwo in meinem Hinterkopf wurde mir klar, dass das eine eigenartig präzise Frage war. »Woher weißt du das? Wir kennen uns nicht. Ich bin mir sicher, denn daran würde ich mich erinnern.« Es ging schon wieder los; ich plapperte wie eine Idiotin. »Ich meine, ich vergesse nie ein Gesicht.«

Besonders, außerordentlich attraktive Gesichter nicht – ja, an die erinnerte ich mich.

Dichte Wimpern senkten sich und bedeckten kurz diese Augen.

»Mist«, murmelte er.

Ich blinzelte. »Wie bitte?«

»Dein Name?«

Am liebsten hätte ich ihn gefragt, wie zum Teufel seiner war, aber er hatte mich überrumpelt. »Josie. Josie Bethel.«

Wieder sah er mir in die Augen und sagte lange nichts. Meine Haut fühlte sich plötzlich überempfindlich an, und ich bekam eine Gänsehaut. Spannung lag in der Luft, als wäre sie fassweise über uns ausgegossen worden. Mein Puls ging schneller, und ich atmete flach ein. An seinem Unterkiefer zuckte ein Muskel, und er öffnete die Lippen.

»Was zum Teufel bist du?«

3.

SETH

Meine Augen mussten mich täuschen, oder ich erlag einem vollkommen abgedrehten Wunschdenken. Außerdem hatte ihr Haar die falsche Farbe. Zum Teufel, ich war mir noch nicht mal sicher, was für eine Haarfarbe das war. Hellbraun? Blond? Hellblond? Alle Schattierungen auf einmal? Und ihre Nase war zu klein, doch dieses Mädchen sah aus wie …

Ich konnte mich nicht überwinden, diesen verheerenden Gedanken zu Ende zu denken.

Ihre Augen waren von einem tiefen Jeansblau, das mir vage, aber quälend bekannt vorkam. Sie sah mich starr an. Als sie keine Antwort auf meine Frage gab, entschied ich mich für eine körperbetontere Herangehensweise. Meine Hand schoss vor und legte sich um eins ihrer Handgelenke.

Ich wartete auf etwas – einen Donnerkeil oder einen knisternden Energieblitz, der offenbaren würde, was sie war.

Nichts.

Sie riss die Augen auf, bis sie fast ihr ganzes Gesicht einzunehmen schienen, in ihrem plötzlich argwöhnischen Blick lag etwas so Unschuldiges, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte.

»Wa… Was machst du da?«

Sie wollte ihren Arm wegziehen, kam aber nicht besonders weit.

Ihre Frage blieb unbeantwortet. Ich konzentrierte mich darauf, dieses Rätsel zu lösen: Was zur Hölle war sie, und warum zum Teufel war ich hier?

Ich hatte sie nicht wahrgenommen, als ich ins Treppenhaus getreten war – zu spät nach ihrem Stundenplan, den ich bei mir trug. Ich hatte nicht einmal mehr damit gerechnet, den geheimnisvollen J. B. nach dieser Vorlesung noch anzutreffen. Mist. Ich hatte sie sogar erst gespürt, nachdem ich schneller, als ein Mensch das verfolgen kann, die Treppe hinaufgerannt war und sie erschreckt hatte. Sie war eindeutig weder Halb- noch Reinblut, denn das hätte ich wahrgenommen. Also versteckte sie sich nicht in der Welt der Sterblichen, wie manche von ihnen das in der Vergangenheit fertiggebracht hatten. Als ich mich aufrichtete und ihr Gesicht sah, da wusste ich – wusste es einfach, dass sie die Person war, zu der mich Apollo geschickt hatte, und ihre Initialen bestätigten das.

Nichts Besonderes sprang von ihrer Haut auf meine über – kein Gefühl für etwas, das sie einzigartig gemacht hätte. Sie fühlte sich sterblich an, aber sie konnte es nicht sein, weil Apollo keinen Grund hätte, mich eine sterbliche Studentin bewachen zu lassen. Es sei denn, dies war noch eine seiner perversen Strafmaßnahmen, und zum Teufel, das hätte mich nicht einmal überrascht.

»Du tust mir weh«, flüsterte sie.

Ihre Stimme riss mich aus meiner Grübelei. Ich sah auf meine Finger hinunter, die um ihr schmales Handgelenk lagen. Ihre Haut um meine Hand herum wurde weiß. Mist – ich tat ihr wirklich weh. Ich ließ sie los, als hätte ich mich an ihr verbrannt. Kurz war ich verblüfft, aber ich hatte keine Ahnung, ob der Gedanke, dass ich ihr nicht wehtun wollte, echt oder nur Wunschdenken war.

Manchmal wusste ich nicht einmal mehr selbst, was ich wollte.

»Was bist du?«, fragte sie und zog dabei die Nase kraus. »Abgesehen davon, dass du atemberaubend aussiehst und offensichtlich Abgrenzungsprobleme und Probleme mit deiner Aggressionsbewältigung hast?«

Ich blinzelte. Sie fand, dass ich atemberaubend aussah? Ja, natürlich tat sie das.

»Gott. Mein typisches Pech.« Sie rieb sich ihr Handgelenk und musterte mich offen misstrauisch. »Warum müssen die heißen Jungs immer so schreckliche Deppen sein?« Sie stand auf. Unsere Blicke trafen sich, als sie beiseitetrat und sich an die Wand drückte. »Was willst du?«

Was willst du, Seth? Ein Bild aus zornigen, whiskeybraunen Augen begleitete die Worte aus der Vergangenheit. Ich zuckte so schnell zurück, dass es mich wunderte, dass ich dabei kein Schleudertrauma abbekam.

»Weißt du was? Ich will es gar nicht wissen. Wahrscheinlich ist es gut, wenn ich es nie erfahre. Ich nehme einfach meinen Rucksack und verschwinde. Okay? Also, für mich klingt das gut.« Sie schob sich an der Wand entlang. »Ich gehe jetzt.«

Als sie sich an mir vorbeidrückte, mich dabei mit der Schulter anstieß und sich ihren Rucksack schnappte, überkam mich ein merkwürdiges Déjà-vu-Gefühl.

»Verrückt«, murmelte sie halblaut. »Ich locke immer die Irren an.«

Ich drehte mich um, und sie eilte die Treppe hinunter und flüchtete vor mir, als wäre ich der Verrückte, dem man nicht in einer dunklen Gasse begegnen will. Und nun ja, allzu weit war das nicht von der Wahrheit entfernt. Manch einer hätte sich vielleicht lieber mit einer Harpyie konfrontiert gesehen als mit mir.

An einer der Türen blieb sie stehen und blickte über die Schulter zu mir, und wieder kamen mir diese tiefblauen Augen, die eigensinnige Linie, die Kiefer und Kinn bildeten, und die geschwungenen, vollen Lippen unglaublich bekannt vor. Von meinem Standpunkt aus konnte ich sie jetzt richtig sehen. Ich hätte wetten können, dass ihr Hintern zu ihrem herzförmigen Gesicht passte, aber ihr weiter Pullover verbarg ihn.

Es war, als hätte jemand zwei Personen, die ich kannte, genommen und sie durchgemixt, um einen brandneuen Menschen zu erzeugen. Total unheimlich.

Sie huschte durch die Tür und war fort, und ich stand wie ein Schwachkopf auf dem Treppenabsatz.

Was willst du, Seth?

Alles, alles Mögliche und gar nichts?

Ja, das klang ungefähr richtig. Ich ballte die Hände zu Fäusten, schloss die Augen und versuchte, mich zu fokussieren. Ich konnte den Eindruck jedoch nicht abschütteln, dass ich das schon einmal erlebt hatte, aber mit jemand anderem.

Draußen krachte Donner und hallte im Gebäude und in meinem Schädel wider. Ein Sturm braute sich zusammen, passend zu den widerstreitenden Gefühlen in meinem Inneren.

Was willst du?

Meine Augenlider hoben sich, das Treppenhaus wirkte, als wäre es in bernsteingelbes Licht gehüllt. Nein, verdammt, nein. Ich taumelte rückwärts gegen die Wand. Das ergab keinen Sinn, dennoch hatte ich das götterverdammt schon mal erlebt.

Verflucht.

Ich würde Göttermord an Apollo begehen.

JOSIE

Nach dem Zusammentreffen mit dem unheimlichen, aber außerordentlich attraktiven Kerl im Treppenhaus war ich so ausgeflippt, dass ich meine Granny doch nicht vor der Statistik-Vorlesung anrief. Ich hätte mir die Vorlesung ohnehin sparen können, denn als die fünfzig Minuten vorüber waren, hatte ich das Gefühl, mich eben erst gesetzt und mein Notizbuch aufgeschlagen zu haben.

Ich hatte mir ungefähr zwei Sätze notiert und ein Strichmännchen, das wie ein Zombie aussah, an den Rand der Seite gezeichnet. Jawohl, ich war die Königin der Mitschriften.

Nachdem ich den Raum verlassen hatte, wobei ich mir vorkam, als wäre ich gerade dümmer statt schlauer geworden, rief ich meine Großeltern an. Wie erwartet waren sie sich vollkommen bewusst, wie Mom sich fühlte, und behielten sie genau im Auge. Granny riet mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Das war zwar leichter gesagt als getan, linderte meinen Stress aber teilweise. Mom hatte Unterstützung. Sie war nicht allein.

Auf dem Weg zum Wohnheim wandten meine Gedanken sich wieder dem Treppenhaus in der Russell Hall zu. Wer war dieser Kerl, und warum in aller Welt hatte er mich gefragt, was ich bin? Als ob es neben »Mensch« noch eine andere Kategorie gäbe. Das war mit Sicherheit die merkwürdigste Frage, die mir je gestellt worden war, und ich hatte mir schon allerhand Eigenartiges anhören müssen.

Gott, ich wusste wirklich, wie man Spinner anlockte.

Ich hatte eine lange und komplizierte Geschichte mit ihnen, angefangen mit Bob. Seinen Familiennamen habe ich nie erfahren, was wahrscheinlich gut war, wenn man diese Sache mit dem Anlocken von Spinnern bedachte. Als ich ein kleines Mädchen war, war Bob einen Sommer lang meine ganze Welt gewesen.

Die meisten Tage verbrachte ich damals am See, der verborgen hinter Trauerweiden und leuchtend gelben Eichen lag, die bis an das Grundstück meiner Großeltern reichten. In diesem Alter war mir der See so groß wie ein Ozean vorgekommen. Und dort traf ich Bob.

Er tauchte eines Nachmittags auf, als ich am Kieselstrand spielte – an einem Nachmittag, der bedeutend für mich war. Eins der Mädchen in der Schule gab an diesem Abend eine Schlummerparty, um das Ende des Schuljahrs und den Beginn der Sommerferien zu feiern. Ich war nicht eingeladen – ich war noch nie zu solchen Partys eingeladen worden – und war traurig und verwirrt, weil ich mir immer nur gewünscht hatte, dass die anderen Kinder mich mochten. Die Jungs konnten mich erst ab der Highschool leiden, aber aus lauter verkehrten Gründen.

Als ich Bob zum ersten Mal sah, war ich zu Tode erschrocken und erstarrte, als er zwischen den Bäumen hervortrat. Er war dunkelhaarig, hatte himmelblaue Augen und war so riesig wie die Superhelden in den Comics, die mein Großvater in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte und die anzurühren mir streng verboten war.

Ich las eine Menge darin.

Bob behauptete, ein Stück weiter unten am Seeufer zu wohnen, und ich kam gar nicht auf die Idee, daran zu zweifeln. Damals war die Welt für mich so riesig, dass ich nicht wusste, dass abgesehen vom Haus meiner Großeltern keine anderen Hütten oder Häuser am See standen. Bei unserer ersten Begegnung redete er über die Welse im See und die größeren Fische, die er im Meer gesehen hatte, und er erzählte mir Geschichten, die mich faszinierten. Ich mochte ihn gern und war froh, als er in der nächsten Woche am selben Tag und um dieselbe Zeit wiederkam und mir Bonbons schenkte. Damit begann ein wöchentliches Ritual, und da ich so gut wie keine Freunde hatte – abgesehen gelegentlich von einem Kind, das neu in die Stadt zog, das entweder nicht lange blieb oder nicht nett blieb –, wurde Bob im Laufe eines Sommers mein bester Freund.

Die Babypuppen, die er mir mitbrachte, trugen dazu bei.

Sogar meinem kindlichen Blick kamen sie selten und teuer vor, als hätte er sie auf der ganzen Welt zusammengetragen, denn ihre hübschen, bemalten Gesichter entstammten vielen Kulturen, von denen ich noch nie gehört hatte.

Im Rückblick verstand ich vollkommen, wie unheimlich das alles war. Aber damals war ich so ausgehungert nach Freundschaft, dass ich mich wahrscheinlich für den Sensenmann erwärmt hätte, hätte er mir mit seinen Knochenfingern zugewinkt.

Wirklich wahr.

Die Freundschaft wurde beendet, als mein Großvater eines Nachmittags über uns stolperte. Bob saß im Schneidersitz neben mir und zeigte mir, wie man sich einen Grashalm so zwischen die Finger klemmt, dass man darauf pfeifen kann. Natürlich flippte Pappy aus und brachte mich nach Hause. Meine Großeltern fanden die Puppen und warfen sie alle weg. Aus irgendeinem Grund weinte Mom, und mich setzte man hin und schärfte mir streng ein, nie wieder mit einem Fremden zu sprechen.

Ich sollte Bob nie wiedersehen.

Im Lauf der Jahre sammelte ich weitere Spinner, zum Beispiel die alte Dame, die immer im Laden an der Ecke war, wenn ich mich dort mit Junkfood versorgte, weil meine Großeltern solche Gesundheitsfreaks waren. Irgendwie schlossen wir eine eigenartige Freundschaft – sie und ich und ihre neun Katzen. Dann war da die Bibliothekarin in der Schulbücherei. Ich hatte nie eine beste Freundin gehabt, aber sie kam dem am nächsten.

Es waren noch mehr gewesen, und so lächerlich das klang, manchmal fragte ich mich, ob ich tief im Inneren übergeschnappt war und ob andere Irre das bei mir spürten wie ein Funksignal. Also hätte ich wahrscheinlich nicht so erstaunt darüber sein sollen, dass ein irrer – wenn auch gut aussehender – Kerl auf einem Campus mit Tausenden von Menschen ausgerechnet über mich stolperte.

Ich betrat das Wohnheim und fuhr mit dem Aufzug in den zehnten Stock. Unterwegs rückte ich meine Armreifen zurecht und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Als der Lift hielt, stürzte ich hinaus und hätte fast ein kleineres Mädchen umgerannt. Sie taumelte nach hinten und fing sich an der gegenüberliegenden Wand ab.

»Das tut mir leid, so leid«, sagte ich und zuckte zusammen, als sie sich aufrichtete. »Wirklich leid.«

»Keine große Sache.« Lächelnd trat sie in den Aufzug.

Kopfschüttelnd ging ich den langen Flur zu meinem Zimmer entlang. Als ich die Tür erreichte, spürte ich wieder diesen Schauer, der vom unteren Ende meines Rückgrats nach oben lief und sich über meine Schultern legte. Das Herz wurde mir schwer, und ich schloss die Augen.

Zwei Mal an einem Tag.

Oh Gott.

Bisher hatte ich diese Empfindung nie öfter als alle paar Tage mal gehabt. Ich schluckte heftig, umfasste den Türgriff und kämpfte gegen den Drang an, den Flur hinunterzusehen, weil ich genau wusste, dass dort niemand sein würde.

Ich holte tief Luft, öffnete die Tür und trat ins Zimmer. Meine Augenbrauen ruckten hoch, und während ich die Tür schloss, vergaß ich das Gefühl.

Erin presste die Handflächen auf den Boden und reckte mir ihr in Elastan gekleidetes Hinterteil entgegen. Sie senkte den Kopf und sah mich unter ihrer Achselhöhle her an.

Unter ihrer Achselhöhle.

»Wie in aller Welt kannst du dir den Hals so verrenken, ohne dich umzubringen?«, fragte ich.

»Hab’s eben drauf.«

Erin übte gewissenhaft Yoga und Meditation und behauptete, es helfe ihr dabei, ihr Yin und ihr Yang zu verschmelzen oder so. Einmal erzählte sie mir, sie habe eine schlimme gemeine Ader, und das Verrenken in schmerzhaft aussehenden Stellungen erleichtere es ihr, sich mit »guten Schwingungen« zu umgeben. Was merkwürdig war, denn ich kannte Erin jetzt zwei Jahre, und in dieser Zeit habe ich kein einziges Mal erlebt, dass sie aus der Haut gefahren wäre.

Erin entflocht sich aus der Position »Der nach unten sehenden Hund« oder meinetwegen auch »Das nach oben sehende Pony« und grinste mir zu.

»Schau mal unters Bett.«

Neugierig ließ ich meinen Rucksack fallen und trat über ihre Beine hinweg. Ich bückte mich und hob die Tagesdecke hoch. Meine Augen wurden so groß wie Untertassen, als ich die Flasche entdeckte. Ich schnappte sie mir, drückte sie an meine Brust und fuhr zu Erin herum.

Ihr Grinsen wurde zu einem Lachen. »Der beste Freund, den ein Mädchen sich wünschen kann.«

SETH

Ich stand mitten im Penthouse eines Hotels, das nicht weit von der Radford-Uni entfernt lag, und brüllte zum vierten Mal, seit ich durch die Tür getreten war, nach Apollo. Endlich bekam ich Antwort in Form eines elektrischen Knisterns, das den Raum erfüllte. Warme Luft strich über meinen Nacken. Ich wirbelte herum und fluchte, als ich Apollo direkt vor meiner Nase sah. Er hatte sich praktisch auf mich heruntergezappt.

»Götter«, schrie ich. »Der Laden hier hat mindestens fünfundsiebzig Quadratmeter, Kumpel; nicht nötig, dass du auf meinem Hintern landest.«

Apollo kicherte und verschränkte die Arme. »Du hast gerufen?«

Ich baute mich vor dem Gott auf. Wir waren fast gleich groß; er überragte meine eins dreiundneunzig vielleicht um zwei, drei Zentimeter. »Wer ist sie?«

Eine Pause. »Josephine Bethel.«

Ich starrte ihn an, meine Gereiztheit steigerte sich wie ein Zyklon, der Tempo aufnimmt. »Das weiß ich inzwischen auch. Danke.«

»Tatsächlich? Übrigens, du hast ja einen guten Start hingelegt, was das Beschützen betrifft. Machst du das aus der Ferne? Ist das eine neue Fähigkeit von dir, die ich noch nicht kenne?«

Er drehte sich um, neigte den Kopf zur Seite und schien das Kettchen anzustarren, das vom Deckenventilator herunterhing. Sekunden später bestätigte er meinen Verdacht, indem er die Hand ausstreckte und daran zog.

Das Licht ging an.

Er zog wieder an der Kette.

Das Licht ging aus.

Oh, um der Götter willen. Manchmal war er so was von hyperaktiv. »Apollo«, stieß ich hervor.

Er schien vergessen zu haben, dass er sich in einem Raum mit mir befand. Langsam ließ er die Hand sinken.

»Du hast die Frage nicht korrekt gestellt, Apollyon.«

Ich zwang mich, einen Schritt zurückzutreten, um nicht das Luftelement anzurufen, die glänzende Goldkette um seinen Hals zuzuziehen und eine Sonnengott-Piñata aus ihm zu machen. »Sie ist weder Halb- noch Reinblut. Sie fühlt sich an wie eine Sterbliche, aber sie …« Ich schüttelte den Kopf, wandte mich ab, trat an das große Fenster und zog den Vorhang zurück. Es war Abend geworden, und Nebelschleier lagen über den Baumkronen der bewaldeten Berge.

»Was, Seth?«, fragte Apollo leise.

Ich konnte nicht glauben, dass ich das jetzt aussprechen würde, doch Apollo hatte nicht vor, mich mit Informationen zu füttern. So tickte er nicht. Ich ließ den Vorhang los und schloss die Augen. »Sie sah aus … sie hat mich an Alex erinnert.«

Alex.

Alexandria Andros.

Das Mädchen, das ich anfangs für ein gewöhnliches Halbblut gehalten hatte und von dem sich herausgestellt hatte, dass es ein zweiter Apollyon war – der richtige Apollyon. Ich war derjenige, der nie hätte auftauchen sollen, obwohl ich vor ihr geboren worden war. Ich existierte, weil Ares versucht hatte, den Olymp zu beherrschen, indem er mich kontrollierte. Als wäre es nicht schlimm genug, von diesem Bastard abzustammen, hätte er mich auch noch beinahe erfolgreich in einen Göttermörder verwandelt, dieses übermächtige Wesen, das entsteht, wenn ein Apollyon die Kräfte des anderen übernimmt. Deswegen war es verboten, dass zwei Apollyons in einer Generation existierten.

Und ich hatte Ares in die Hände gespielt. Ich hatte es vermasselt – und zwar derart, dass Alex jetzt einen großen Teil des Jahres in der Unterwelt verbringen musste – und das für alle Ewigkeit. Das war etwas, das ich mir nie verzeihen würde. Ganz gleich, was für Wiedergutmachung ich leistete oder was für Deals ich einging.

Ich räusperte mich und sprach weiter: »Nicht vollständig. Ihr Haar ist anders. Die Nase und die Augen sind anders, doch eine Sekunde lang klang sie sogar wie sie.« Ich lachte heiser. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, die beiden seien irgendwie verwandt, aber das ist nicht möglich. Richtig?«

Keine Antwort. Apollo starrte mich an.

Da rastete ich aus.

Zeichen rasten über meine Haut. Die Lampe auf dem modernen Schreibtisch explodierte in einer Wolke aus Funken und klimpernd herabrieselndem Glas. Der Geruch von verbranntem Ozon lag in der Luft. Wind kam auf und wehte die kleinen Gratis-Notizblöcke von den Nachttischen. »Das ist nicht möglich, Apollo.«

Er zog eine seiner blonden Brauen hoch. »Es wundert mich nicht, dass sie dich an Alexandria erinnert.«

Einen Moment lang konnte ich weder sprechen noch mich rühren. Ich stolperte einen Schritt nach hinten, und meine Lippen zogen sich zu einem höhnischen Ausdruck zurück. Ich wartete darauf, dass er etwas sagte, egal was. Ungute Vorahnung drückte mir den Hals zu wie mit Knochenfingern.

»Was ist sie?«, keuchte ich und verkrampfte mich. Der Drang, etwas zu zerschlagen, erfasste mich wie eine Schockwelle.

Apollo senkte den Kopf, Sekunden verstrichen, bis er sprach.

»Sie ist eine Halbgöttin.«