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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Sie sind wirklich eine erstaunliche Frau.« Wie jedes Mal, wenn die ehemalige Schlagersängerin Manuela Gold bei Dr. Daniel Norden in der Praxis war, kam er nicht umhin, sie für ihr heiteres Naturell zu bewundern. »Viele andere hätten nach so einem Schicksalsschlag den Kopf in den Sand gesteckt und wären in tiefe Depressionen versunken.« Erfahren, wie Dr. Norden war, wusste er, dass die psychische Belastung der Patienten durch Brandverletzungen enorm hoch war. Wie viele andere Betroffene hatte Manuela den Unfall bei vollem Bewusstsein miterlebt. Bei Probeaufnahmen zu einer Fernsehshow war ein Scheinwerfer umgefallen. Im Nu hatte die ganze Bühne lichterloh gebrannt. Alle hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Alle außer Manuela, die schwere Verletzungen am Bauch erlitten hatte. Die nun nachfolgende, extrem schmerzhafte Behandlung in der Behnisch-Klinik hatte sich über Monate hingezogen. Die transplantierte Haut war sehr empfindlich und der Heilungsprozess von starkem Juckreiz begleitet gewesen. »Jetzt haben Sie das Schlimmste überstanden und glücklicherweise Ihren Humor nicht verloren«, lobte Daniel Norden seine tapfere Patientin ein ums andere Mal. »Was bleibt mir auch anderes übrig?«, ertönte Manuelas fröhliche Stimme hinter dem Vorhang. Nach der Behandlung schlüpfte sie in die extra für sie angefertigte Kompressionskleidung. »Wenn ich mein zukünftiges physisches Leben schon als Vogelscheuche verbringen muss, will ich mir nicht auch noch so eine Psyche zulegen.« Das Hemd, das sie Tag und Nacht tragen musste, damit das vernarbte Gewebe weich und hell blieb, lag eng am Bauch an.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2024
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»Sie sind wirklich eine erstaunliche Frau.« Wie jedes Mal, wenn die ehemalige Schlagersängerin Manuela Gold bei Dr. Daniel Norden in der Praxis war, kam er nicht umhin, sie für ihr heiteres Naturell zu bewundern. »Viele andere hätten nach so einem Schicksalsschlag den Kopf in den Sand gesteckt und wären in tiefe Depressionen versunken.«
Erfahren, wie Dr. Norden war, wusste er, dass die psychische Belastung der Patienten durch Brandverletzungen enorm hoch war.
Wie viele andere Betroffene hatte Manuela den Unfall bei vollem Bewusstsein miterlebt. Bei Probeaufnahmen zu einer Fernsehshow war ein Scheinwerfer umgefallen. Im Nu hatte die ganze Bühne lichterloh gebrannt. Alle hatten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Alle außer Manuela, die schwere Verletzungen am Bauch erlitten hatte.
Die nun nachfolgende, extrem schmerzhafte Behandlung in der Behnisch-Klinik hatte sich über Monate hingezogen. Die transplantierte Haut war sehr empfindlich und der Heilungsprozess von starkem Juckreiz begleitet gewesen.
»Jetzt haben Sie das Schlimmste überstanden und glücklicherweise Ihren Humor nicht verloren«, lobte Daniel Norden seine tapfere Patientin ein ums andere Mal.
»Was bleibt mir auch anderes übrig?«, ertönte Manuelas fröhliche Stimme hinter dem Vorhang. Nach der Behandlung schlüpfte sie in die extra für sie angefertigte Kompressionskleidung. »Wenn ich mein zukünftiges physisches Leben schon als Vogelscheuche verbringen muss, will ich mir nicht auch noch so eine Psyche zulegen.« Das Hemd, das sie Tag und Nacht tragen musste, damit das vernarbte Gewebe weich und hell blieb, lag eng am Bauch an. »Wie lange muss ich mein Korsett überhaupt noch tragen?«
»Die Narben müssen so lange komprimiert werden, bis sie nicht mehr aktiv sind, das heißt, bis sie auf Druck nicht mehr heller werden«, erklärte Dr. Norden, während er sich die Hände wusch und desinfizierte. »Ich schätze, das ist bald so weit. Danach können wir langsam über eine kosmetische Korrektur der Narben nachdenken.«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Manuela mit ihrer seit dem Unfall immer ein wenig heiseren Stimme.
Viel schlimmer als die Brandnarben war für sie, dass Hitze und Rauch sie ihres größten Kapitals – ihrer Singstimme – beraubt hatten. Nicht genug damit, dass sie sich niemals wieder einem Menschen nackt präsentieren würde, konnte sie auch nicht mehr auf einer Bühne im Rampenlicht stehen. Das bedeutete ein Dasein im Schatten.
Manuela schlüpfte in den Pullover.
»Schließlich hab ich sie mir unter Schmerzen ehrlich verdient«, erklärte sie betont heiter.
Dass sie in Wahrheit panische Angst vor neuem Leid und weiteren Qualen hatte, wollte sie dem fürsorglichen Arzt nicht unbedingt sagen. Dr. Norden sorgte sich auch so schon genug um seine zerbrechlich wirkende Patientin, die bei dem unglückseligen Brand ihre gesamte Zukunft und fast ihr Leben verloren hatte. Manuela konnte von Glück sagen, dass Gesicht, Hals, Brust und Arme verschont geblieben waren, sodass ihr auf den ersten Blick nichts anzusehen war.
Daniel, der nichts von Manuelas Gedanken ahnte, wartete lächelnd auf seine Patientin, um mit ihr ins Sprechzimmer zurückzugehen und die weiteren Schritte der Nachbehandlung zu besprechen.
»Wie läuft es in der Kanzlei?«, erkundigte er sich interessiert, als sie am Schreibtisch Platz genommen hatten. »Gewöhnen Sie sich langsam an ein Leben hinter den Kulissen?«
Anmutig schlug Manuela die langen schlanken Beine übereinander und lehnte sich entspannt zurück.
»Ein Glück, dass mein Vater mich damals gezwungen hat, neben Gesang noch was Vernünftiges zu studieren«, lächelte sie und zog den strengen Pferdeschwanz straff. »Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich nicht recht an die langweilige Aufmachung gewöhnen kann.« Missmutig blickte sie hinab auf die dunkelblaue Bundfaltenhose, die sie mit einem ebenfalls dunkelblauen Blazer kombiniert hatte. Eine weiße Bluse komplettierte das wenig aufregende Ensemble. »Wegen des Kompressionsverbands brauch ich noch nicht einmal einen Gedanken an Reizwäsche zu verschwenden«, bedauerte sie so bekümmert, dass Daniel lachen musste.
»Keine Angst, das kommt alles wieder«, versprach er.
Trotzdem grub sich eine weitere Sorgenfalte zwischen Manuelas überraschend blaue Augen. Sie bildeten einen reizvollen Kontrast zu ihrem Haar.
Plötzlich wirkte sie ungewöhnlich bedrückt.
»Ich bin mir nicht so sicher, ob meine Bank das auch so sieht.« Wenn sie an die Kontoauszüge dachte, die ihr am vergangenen Tag ins Haus geflattert waren, wollte wieder Panik in ihr aufsteigen. »Aber warum sollte ich Angst vor ein paar Blättern Papier haben?« Manuela zwang sich zu einem Lächeln. »Ich meine, ein paar lächerliche Zahlen sind doch nichts, wovor man sich fürchten müsste.«
Daniel Norden, der den Zustand von Manuelas Narben im Computer festgehalten hatte, wurde hellhörig.
»Sie haben Schulden?«
»Ach, die paar hundert Euro sind nicht der Rede wert«, winkte Manuela ab und lächelte, wenn auch ein bisschen verkrampft.
Daniel sah sie fragend an.
»Für was haben Sie sich denn so in Unkosten gestürzt?«
Verlegen zupfte Manuela ein paar Flusen von ihrem dunkelblauen Blazer.
»Och, wissen Sie«, erklärte sie gedehnt, »seit ich in dieser Kanzlei arbeite und nur so langweilige Sachen tragen darf, gehe ich gern einkaufen. Am liebsten richtig bunte, lustige Kleider, Pullover, Röcke.« Ihre Stimme wurde lebhaft. »Und Schuhe! Ich sag’s Ihnen, wissen Sie eigentlich, was für tolle Schuhe es gibt? Neulich hab ich orangefarbene Sandalen gesehen mit winzigen Mandarinen drauf. Sie können sich nicht vorstellen, wie hübsch die waren. Einfach unwiderstehlich.« Während Manuela begeistert von ihren Einkaufsausflügen erzählte, begannen ihre Wangen, vor Eifer in schönstem Rot zu leuchten. »Aber nicht, dass Sie denken, ich interessiere mich nur für Kleider«, schloss sie schnell aus Daniels ernster Miene. Auf keinen Fall wollte sie ihren Arzt langweilen. »Es gibt ganz viele andere tolle Sachen, denen ich einfach nicht widerstehen kann. Zum Beispiel dieser Teppich neulich. Der würde Ihnen auch gefallen. Er ist aus lauter kleinen Filzkugeln zusammengenäht. Wunder-schön!«, deklamierte Manuela verzückt. »Und das Beste an ihm war sein Preis. Er hat nur die Kleinigkeit von 349 Euro gekostet. Ein Schnäppchen sozusagen.«
Zu gern hätte Daniel Norden über die Begeisterungsfähigkeit der schönen Frau gelacht. Leider klingelten in ihm stattdessen sämtliche Alarmglocken.
Er stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und legte die Fingerspitzen aneinander.
»Es tut mir leid, aber das klingt ganz danach, als wären Sie kaufsüchtig«, sprach er seine Bedenken schonungslos aus.
So abwegig war sein Gedanke in der Tat nicht. Möglicherweise kompensierte der ehemalige Schlagerstar seine psychischen Leiden – ausgelöst durch den Unfall – mit einem ausgewachsenen Kaufrausch, einer richtiggehenden Sucht, die einen Menschen über kurz oder lang, wenn nicht in den körperlichen, so doch in den finanziellen Ruin treiben konnte.
Manuela starrte ihren Arzt einen Moment lang mit offenem Mund an. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus und erhob sich. Sie lachte noch immer, als sie schon an der Tür war und Dr. Norden die Hand zum Gruß hinhielt. Mit der anderen wischte sie sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln.
»Ach, Doktorchen, Sie sind aber auch immer für einen Scherz gut.« Einen Moment lang sah es danach aus, als ob sie ihm mit dem Zeigefinger liebevoll über die Wange streicheln wollte. Doch schließlich verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, sich rechtzeitig um einen neuen Nachsorgetermin zu bemühen, und ließ einen nachdenklichen und ein wenig ratlosen Daniel Norden zurück.
»Ich sollte ein aufmerksames Auge auf sie haben«, murmelte er versonnen, bevor er an seinen Schreibtisch zurückkehrte, um sich auf den Besuch des nächsten Patienten vorzubereiten.
»Da sind Sie ja endlich!« Die Empfangsdame Cynthia Scheyer hob nur beiläufig den Kopf, als Manuela Gold in die Kanzlei rauschte. »Dr. Holzleitner wartet schon sehnsüchtig auf Sie.«
»Natürlich.« Manuela stolperte über die Türschwelle. Ihre Handtasche fiel zu Boden, und der Inhalt ergoss sich über den grauen Filz. »Oh, kleinen Augenblick«, rief sie hektisch, als sie Cynthias hochgezogene Augenbraue bemerkte. »Das hab ich sofort.« Auf allen Vieren krabbelte sie höchst undamenhaft ihren Siebensachen nach. Sie streckte sich gerade nach einem Lippenstift, der hinter einen Blumentopf gerollt war, als ein scharfer Riss ertönte.
»Herrje, meine Hose!« Erschrocken hielt Manuela in der Bewegung inne und sog die Luft mit einem zischenden Laut durch die Zähne.
Ohne ein Lächeln starrte Cynthia kühl und herablassend hinüber zu Manuela.
»Nicht die Hose«, bedauerte sie fast. »Es war der Ärmel Ihres Blazers.«
Erleichtert streckte Manuela die Hand nach dem Lippenstift aus und krabbelte rückwärts direkt vor Dr. Holzleitners Füße. Sie bemerkte ihn nicht.
»Frau Gold, eigentlich habe ich Sie eingestellt, damit Sie am Schreibtisch sitzen und für mich arbeiten. Und nicht auf dem Fußboden herumkriechen.«
Die Kompressionskleidung war so eng, dass Manuela in dieser Haltung kaum Luft bekam. Ihr Kopf glühte nicht nur vor Scham, als sie endlich aufrecht vor ihrem Chef stand.
»Meine Tasche …«, stammelte sie und wollte zu einer weiteren Erklärung ansetzen, als Dr. Holzleitner ungeduldig die Hand hob.
»Auf Ihrem Schreibtisch liegen jede Menge Akten. Am besten, Sie fangen ganz oben an.« Seine Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn, und Manuela machte, dass sie in ihr Büro kam. »Aber zuerst rufen Sie Dr. Schultheiß an«, rief er ihr nach. »Es wird Zeit, dass diese Sache endlich vom Tisch kommt.«
Ausgerechnet Dr. Schultheiß! Wenn möglich, wurde Manuela bei diesem Gedanken noch heißer. An Dr. Urs Schultheiß heranzukommen, war schwieriger, als an einer Audienz beim Papst teilzunehmen. Davon war Manuela inzwischen felsenfest überzeugt. Dr. Schultheiß’ Nummer kannte sie längst auswendig angesichts ihrer zahllosen vergeblichen Versuche, den Unternehmer ans Telefon zu bekommen.
»Kanzlei Holzleitner und Partner, mein Name ist Manuela Gold«, leierte sie auch diesmal wieder ihren Spruch herunter.
Den Hörer hatte sie zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt und lackierte sich die Fingernägel der rechten Hand. Sie wusste ohnehin, was sie erwartete.
»Worum geht es bitte?«
Vor Schreck ließ Manuela den Pinsel fallen. Er rollte über den Schreibtisch, hinterließ auf der Akte eine dunkelrote Spur wie Blut, um schließlich auf ihrem Schoß zu landen.
»Hallo …, sind Sie noch dran?«, erkundigte sich Dr. Schultheiß’ Assistentin ungeduldig.
Hastig schraubte Manuela den Deckel des Nagellacks zu und konzentrierte sich auf das Gespräch.
»Natürlich … Entschuldigen Sie bitte.« Panisch betrachtete sie die Nagellackflecken auf der Akte. Unschwer zu erraten, was ihr Chef dazu sagen würde. »Es geht um eine Erbschaft … Die Angelegenheit ist wirklich dringend. Ich muss Herrn Dr. Schultheiß unbedingt persönlich sprechen«, erklärte Manuela in geschäftsmäßigem Tonfall, der mit ihrer heiseren Stimme durchaus beeindruckend war.
»Kleinen Augenblick, ich stelle Sie durch.« Tatsächlich klickte es in der Leitung, und Manuela konnte ihr Glück nicht fassen. Doch die Freude währte nicht lange.
»Schultheiß!«
Vor Schreck hätte Manuela den Hörer um ein Haar fallen gelassen. Die ruppige, unfreundliche Stimme passte nicht zu dem Bild, das sie sich von dem schwerreichen Unternehmer gemacht hatte. Menschen mit viel Geld hatten ihrer Ansicht nach kaum Sorgen. Und schon gar keinen Grund, derart unfreundlich zu sein.
Hastig ordnete sie die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und überflog die Notizen, die sie sich gemacht hatte. Unfreundlichkeit hin oder her, sie musste mit dem Mandanten sprechen.
»Es geht um das Testament Ihres verstorbenen Vaters«, erklärte sie so freundlich wie möglich. »Wir haben Sie bereits mehrfach angeschrieben, aber leider keine Antwort erhalten.«
»Ich bin ein vielbeschäftigter Mann.«
In Manuela begann der Ärger zu brodeln. Schließlich informierte sie den Unternehmer über ein Erbe, das noch mehr Geld in seine ohnehin vollen Kassen spülen würde.
»Wir müssen Sie trotzdem um ein persönliches Gespräch bitten«, beharrte sie.
Manuela war sich dessen bewusst, dass sie seit dem Brand verrucht klang, der wohl einzige Vorteil des Unfalls. Für gewöhnlich hatte diese Stimme – besonders auf Männer – eine einzigartige Wirkung. Leider schien ausgerechnet Dr. Schultheiß immun gegen diesen besonderen Reiz zu sein.
»Dann müssen Sie wohl oder übel zu mir kommen.«
Manuela lehnte sich zurück und dachte an Joseph Schultheiß, den Vater ihres Mandanten, den sie kurz vor seinem Tod kennengelernt hatte. Das Bild des griesgrämigen Eigenbrötlers mit verkniffenem Mund erschien vor ihrem geistigen Auge. Wahrscheinlich war Urs Schultheiß ein ebenso schwacher Mann wie sein Vater, von kleiner Statur und obendrein hässlich. Aus Erfahrung wusste sie, dass sich solche Männer besonders gern mit einer Aura der Unnahbarkeit umgaben. Doch das gab ihnen noch lange nicht das Recht, so unfreundlich zu sein. Schließlich war das Schicksal auch nicht gerade zimperlich mit ihr umgesprungen, und sie war trotzdem fröhlich geblieben.
Schon lag Manuela ein ruppiger Kommentar auf den Lippen, als ihr Blick auf die halb geöffnete Bürotür fiel. Unvermittelt war ihr Chef Peter Holzleitner aufgetaucht und verfolgte das Gespräch aufmerksam.
»Die Anweisungen Ihres Vaters sind eindeutig, Herr Dr. Schultheiß«, zwang sich Manuela, freundlich zu sein. »Er hat unsere Kanzlei damit beauftragt, seinen letzten Willen zu vollstrecken. Dr. Holzleitner wies mich an, die Angelegenheit den Anforderungen unseres Mandanten entsprechend …«
In Manuelas Ausführungen hinein begann Urs Schultheiß unvermittelt zu lachen. Es war kein fröhliches Lachen. Eher spöttisch und herablassend.
»Drücken Sie sich immer so geschwollen aus?«, fragte er ironisch. »Ich frage mich, wen Sie damit beeindrucken wollen.«
Manuela fühlte sich wie nach einem Schlag in den Magen. Zutiefst gekränkt, wie sie war, hätte sie am liebsten den Hörer aufgelegt. Dummerweise stand Peter Holzleitner immer noch in der Tür.
»Sie sind also damit einverstanden, dass ich zu Ihnen komme?«, fragte sie gepresst.
Dr. Holzleitner war zufrieden. Ohne eine Miene zu verziehen, reckte er den Daumen der rechten Hand in die Höhe und nickte.
Manuela presste den Hörer ans Ohr. Sie hörte das Klicken einer Computertastatur und fragte sich eben, ob Dr. Schultheiß sie vergessen hatte, als er weitersprach.
»Kommen Sie morgen um 16:00 Uhr in mein Büro.«
Bevor Manuela auch nur Luft holen konnte, klickte es in der Leitung. Dr. Urs Schultheiß hatte aufgelegt.
Fassungslos starrte sie auf den stummen Hörer in ihrer Hand. Wie ausgesprochen unhöflich, einfach aufzulegen!
