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Langeweile und Routine: Das ist alles, was das Leben des 17-jährigen Benjamin bestimmt, der seine Homosexualität tief in sich verschlossen hält. Doch dann betritt Marvin die Szene. Der neue Mitschüler reißt Ben unmittelbar und unwiderstehlich aus seiner Isolation. Ben ist Hals über Kopf verliebt, doch sein Glück scheint unerreichbar – Marvin hat nur Augen für Sonja. Auf der Klassenfahrt nach Brüssel verschärft sich die Anspannung. Doch erst kurz danach kommt es zur Katastrophe: Die homophoben Anfeindungen nehmen lebensbedrohliche Züge an. Die Situation eskaliert und es scheint keinen Ausweg mehr zu geben. Wird Ben sein eigenes, sorgsam gehütetes Geheimnis aufs Spiel setzen, um Marvin zu retten, bevor es zu spät ist?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Solingen
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Impressum
Inhaltsverzeichnis
Cover
Body Matter
An einem Freitag betrat Herr Rohdes, wie immer um genau 08:00 Uhr, unser Klassenzimmer. Es war der letzte Schultag für »unsere« Zwillinge, Tom und Silke, vor ihrem Schulwechsel.
Herr Rohdes' Verabschiedung von Tom und Silke fiel kurz und schmerzlos aus. Um Tom wird es Herrn Rohdes nicht leid getan haben. Um Silke auch nicht, höchstens um ihre Oberweite. Hätte er gewusst, dass ich letzteres nicht nur, wie er, vom anglotzen kannte, wäre mein Notendurchschnitt in seinen Fächern sicher deutlich schlechter geworden.
Mit Tom ging für mich nicht nur mein Tischnachbar, sondern auch mein heimlicher Schwarm. Ich würde nicht sagen, dass ich in Tom verliebt war, aber er sah unverschämt gut aus.
Ich, Benjamin Schlieper, genannt Ben, habe die ein- oder anderer heiße Nacht mit Tom verbracht. Leider nur in meinen Träumen, denn, im Gegensatz zu mir, war Tom nur an Mädchen interessiert. Meine Homosexualität war ein gut gehütetes Geheimnis – nur Silke wusste davon. Ich habe es ihr in einem langen Brief geschrieben. Das war ein paar Tage nachdem wir gemeinsam unsere Jungfräulichkeit verloren hatten. In der Nacht, als wir »dabei« waren, dachte ich nur an ihren Bruder.
Mein erstes Mal mit einem Jungen hatte ich im Urlaub auf Mallorca. Ein heißblütiger Spanier aus Berlin. Fantastisch im Bett, aber sonst beziehungsunfähig.
Kennen gelernt habe ich ihn am Strand. Er kam aus dem Wasser, lief in meine Richtung, zumindest ungefähr, und fiel plötzlich hin. Ich hörte ihn vor Schmerzen aufstöhnen und ging hin, half ihm.
Einige Zeit vorher war an meiner Schule ein Mädchen in eine Glastür gestürzt. Dauerte ziemlich lang, bis sich irgendjemand gefunden hatte, der Erste-Hilfe leisten konnte. Unser Direx hat darauf hin dafür gesorgt, dass aus jeder Klasse mindestens zwei Schüler zu Schüler-Ersthelfern ausgebildet wurden. Mir gefiel die Idee, ich meldete mich freiwillig.
Wissen, dass man auch im Urlaub und zum Anbaggern gebrauchen konnte.
Herr Rohdes hatte, eine Weile vor dem besagtem Freitag, die Sitzordnung in der Klasse »aus gegebenem Anlass« dahingehend geändert, dass nun alle Mädchen auf der Fensterseite und alle Jungen in der anderen Hälfte saßen. Leider hat er nie erzählt, was denn dieser »gegebene Anlass« nun genau war. Wäre vielleicht eine interessante Geschichte gewesen. Mit interessanten Dingen hatte er es aber nicht. Vielmehr schien es mir immer so, als würde er sich Mühe geben, selbst spannende Geschichten so langweilig wie möglich zu erzählen.
Jedenfalls hatte er Tom und mich an einen Tisch zusammengesetzt. Hätte Herr Rohdes geahnt, wie verknallt ich in Tom war, er hätte mich an einen Einzeltisch verbannt. Homosexualität war für Herr Rohdes eine Krankheit. So saß ich für wenige Monate neben dem süßesten Jungen der Klasse und dachte lieber an ihn als den Weisheiten der Lehrer zu lauschen.
Das Tom nun weg war und ich einen Tisch für mich alleine hatte, war zwar gut für meine Noten, aber mir fehlte etwas. Von jemanden zu träumen, neben dem man jeden Tag sitzt ist etwas anderes als von jemanden aus der Vergangenheit zu träumen. Ich fing an, eine Alternative zu suchen. Vielleicht sogar jemanden für mehr als nur Träumen. Aber dazu hätte ich mich outen müssen – zumindest »ihm« gegenüber.
Eine reale Beziehung hätte aber auch das Risiko mit sich gebracht, dass mein Geheimnis entdeckt wird.
Doch die Angst vor einem Coming-Out, oder besser die Angst vor den Folgen daraus, waren zu groß. Ich zog es vor, kein Risiko einzugehen. Ich ahnte nicht, welche Bestätigung meine Angst kurze Zeit später bekommen würde.
Es war gut eine Woche vor unserer Klassenfahrt nach Brüssel als Herr Rohdes morgens die Klasse mit einem neuen Mitschüler betrat. Pünktlich um 08:00 Uhr. Wie immer.
Das erste, was ich von unserem neuen Mitschüler sah, waren seine schlanken Hände. Sie hielten einen fuchsroten Rucksack fest, an den ein schwarzes Skateboard mit weißem Totenkopf geschnallt war.
Mein Blick wanderte vom Board über die Hände und den muskulösen Armen bis zum Gesicht. Schmal war es, mit süßen Wangenknochen. Kurze dunkle Haare, ein wenig durcheinander gewuselt, unterstrichen das leicht schelmische Lächeln. Der Neue schaute zur Seite, drehte mir sein Profil zu. Sein Blick ging immer wieder durchs Fenster hinaus, dann scheu in die Klasse oder verlegen zu Boden.
Auf meiner heimlichen Liste der am besten aussehenden Jungen dieser Schule gab es definitiv einen neuen ersten Platz.
»Morgen! Das ist Marvin Deauville, euer neuer Mitschüler. Marvin, setz' dich neben Ben. Dort hin.«
Marvin sah mir in die Augen – und ich in seine. Dunkelbraune Augen, schon fast schwarz. Ein kurzer Augenblick nur, doch lang genug um alles in mir durcheinander zu wirbeln. Von Null auf Hundert; aus der Lethargie einer langweiligen Schulwoche in die Hyperaktivität beschleunigt. Als hätte mich ein Zug erfasst und mitgerissen. Ein Raketenflug aus einer dunklen Felsenspalte hinein in den Sonnenschein auf Wolke sieben.
Mein Herz schlug hochfrequent, an der Grenze zum Flimmern – zumindest fühlte es sich so an. Blut rauschte in einer Art-und-Weise durch meine Ohren, dass jeder Wasserfall daneben ein leises Hintergrundrauschen gewesen wäre. Die Klasse drehte sich um mich und ich hielt mich unauffällig am Tisch fest, um nicht vom Stuhl zu kippen.
Marvin setzte sich neben mich. Wortlos, ohne mich noch einmal anzuschauen.
Eine Doppelstunde in ich-weiß-es-nicht-mehr. Ehrlich, ich kann es nicht mehr sagen. Habe nichts mitbekommen. Irgendwie muss ich es geschafft haben nicht aufzufallen. Herr Rohdes nahm mich nicht dran. Ich blätterte synchron mit den anderen im Buch. Ich las ohne dass irgendetwas davon in meinem Gehirn ankam. In meinem Kopf gab es nur noch Marvin.
Es klingelte. Wie ferngesteuert verließ ich mit den anderen die Klasse, ging auf den Hof. Frische Luft in meiner Lunge.
Ich suchte mir eine ruhige Ecke. Allein sein. Verzweifelte Versuche, einen klaren Kopf zu bekommen. Fast vollständig Erfolglos.
Erneutes Klingeln beendete die Frühstückspause. Irgendwie schaffte ich es in die Klasse zurück, war spät dran.
Die anderen waren schon zurück und belagerten Marvin, wollten ihn kennenlernen, stellten Fragen. Zum ersten Mal hörte ich seine Stimme. Können Engel süßer singen?
Frau Dicke, unsere Kunstlehrerin, betrat das Klassenzimmer. Sie konnte nicht singen. Nein wirklich, da war sie absolut talentfrei. Dafür war sie aber herzlich wie ein Engel und wir Schüler liebten sie dafür.
Sie begrüßte uns und ganz besonders Marvin. Statt Kunstunterricht gab es erst einmal eine ausgiebige Vorstellungsrunde. So lernte Marvin uns und wir ihn etwas kennen.
Seine Mutter war eine Deutsche, sein Vater Franzose. Bisher hatte er in einem Vorort von Paris gewohnt. Sein Vater hatte die Geschäftsführung der deutschen Niederlassung seiner Firma übernommen, deshalb waren sie nach Solingen gezogen. Französisch und Deutsch waren seine Muttersprachen, letztere aber mit einem super-süßen französischen Akzent, der mich dahinschmelzen lies.
Englisch sprach er auch noch sehr gut. Seine Tante lebte in England und er hatte viele Ferien bei ihr in Seaford an der englischen Südküste verbracht. Als Hobbys nannte er Sport auf Brettern – surfen im Sommer, snowboarden im Winter und dazwischen skateboarden. Musikalisch stand er auf Rock und Metal. Geschwister hatte er keine, Haustiere auch nicht.
Ich war als letzter dran mit Vorstellen.
»Ich heiße Ben – ähm, jamin, also Benjamin Schlieper,« die Klasse lachte, Marvin auch. Er war der einzige, der mich nicht direkt ansah. »Hab' einen älteren Bruder, Fußball Hobby und Popmusik höre ich.« Rot wie eine Tomate war ich angelaufen.
»Ben, was ist denn mit Dir los?«, fragte Frau Dicke und schien kurz zu überlegen. Dann sagte sie zur Klasse: »Es ist schon spät. Ich würde vorschlagen, dass sich jetzt jeder ein Blatt nimmt und einfach ein paar Skizzen zum Thema ›Neu in der Klasse‹ anfertigt.«
Wie alle anderen kramte ich ein Blatt und Stifte hervor. In der Klasse wurde es unruhig.
Marvin schaute auf mein Blatt. »Wenn Du zeichnest wie du redest, solltest du lieber fotografieren.«
Ein paar Mitschüler lachten. Mir tat es sehr weh, zumal ich, ohne Eigenlob, der beste Zeichner in der Klasse war.
Es war das letzte Mal, dass die anderen über einen Witz von Marvin lachten. Die nächsten Lacher gingen auf Marvins Kosten.
In der Mittagspause fing Marcel, der »Alpharüde« unserer Klasse, an, sich über Marvins französischen Akzent lustig zu machen. Nichts wirklich schlimmes oder böses, nur kleine Scherzchen, über die alle lachten. Zumindest alle Anwesenden – Marvin und ein paar der Mädchen waren nicht da.
Die Gang aus Halbaffen, die Marcel um sich gesammelt hatte, folgten ihm gehorsam und stimmten mit ein.
Ich machte da zwar nicht mit, aber ich lachte mit. Marvins blöder Spruch tat mir noch immer weh. Außerdem hatte er mich seither weitestgehend ignoriert. Ich war hoffnungslos verliebt.
Das Lachen verging mir sehr schnell. Marcels kleine Scherze wurden gemeiner. Er schien sich Marvin als sein Lieblingsopfer ausgesucht zu haben, aus welchem Grund auch immer. Er machte die ersten Witze noch, während Marvin nicht dabei war. Am nächsten Tag änderte sich das bereits.
Das erste, was Marvin von den Witzen über seinen Akzent mitbekam war so harmlos, dass er es ignorierte. Was für ein Fehler.
Als Marvin die Sache zu bunt wurde, war es bereits zu spät. Ich hätte nie gedacht, dass sich so etwas dermaßen schnell etablieren kann.
Marvin schnauzte Marcel an. Marcel erwiderte. Fast die ganze Klasse lachte und keiner bemerkte Herr Rohdes, der den Raum betreten hatte. So bekam er, der sonst nie wusste, was unter den Schülern ablief, als erster Lehrer mit, dass Marvin zum Opfer geworden war.
Es folgte Marvins zweiter Fehler. Ausgerechnet Herrn Rohdes, der nur selten ein Hehl daraus gemacht hatte, dass er Franzosen nicht leiden konnte, bat Marvin vor der ganzen Klasse um Hilfe.
Mit einem gekünstelten Akzent antwortete Herr Rohdes: »Isch glaub' das bekommt i'r auch o'ne misch geregöhlt.«
Marcel triumphierte.
Hatte Marvin bis dato versucht Kontakte aufzubauen, so kapselte er sich von da an ein. Er versuchte nicht einmal mehr an Sonja dran zu bleiben, mit der er ziemlich eindeutig geflirtet hatte. Sie ignorierte ihn aber auch.
Nur sein Verhalten mir gegenüber änderte Marvin nicht – mich beachtete er nach wie vor nicht.
Darunter litt ich sehr.
Ich sprach ihn aber auch nicht an.
Ich litt aber nicht nur darunter, dass Marvin mich ignorierte. Das er auch zum Ziel für Marcels Mobbing geworden war, ließ mich ebenso leiden.
Erstens weil mich die Ungerechtigkeit traf, zweitens weil ich zu feige war um etwas gegen das Mobbing zu unternehmen und drittens, weil ich auch so etwas wie Genugtuung dafür empfand, dass Marvin mich wie Luft behandelte.
Zum ersten Punkt gibt es nichts zu sagen. Jeder Mensch, der Mitfühlen kann, muss Mobbing als ungerecht empfinden.
Zum zweiten Punkt: Es war die Angst davor, selbst zum Opfer zu werden, die mich schweigen und wegschauen ließ, die mich dazu brachte, dass gehörte zu verharmlosen, herunter zu spielen oder zu ignorieren. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – wie die drei weisen Affen. Nur mit dem gravierenden Unterschied, dass ich nicht drei, sondern nur ein Affe war. Wobei die Betonung nicht auf »Affe«, sondern auf »ein« liegt. Im Gegensatz zu den drei weisen Affen, die jeder nur auf eine »Fähigkeit« verzichteten, tat ich selbiges mit allen drei »Fähigkeiten« zeitgleich. Das ist, aus meiner heutigen Sicht, ein bedeutender Unterschied.
Zum dritten Punkt: Das war, was mir am meisten zu schaffen machte. Trotz der empfundenen Ungerechtigkeit, trotz meiner Verliebtheit – ich hatte das Gefühl von Genugtuung dafür, dass Marvin sich nicht für mich interessierte. Die Erinnerung an diese Erkenntnis lässt mich noch heute erschauern.
Nach besagtem zweiten Fehler von Marvin wurde das Mobbing natürlich noch schlimmer. Jetzt ja quasi mit Legitimation durch Herr Rohdes.
»Da kommt ja unsere französische Schwuchtel.« War die Begrüßung Marvins nach der nächsten Pause.
Marvin schwieg.
Ich leider auch.
Sonja schien, wenn auch nur einen kurzen Augenblick lang, widersprechen zu wollen. Vielleicht in Erinnerung an Marvins Flirtversuche bei ihr.
Sonja schwieg auch.
Die Suche nach Beweisen für Marvins Homosexualität wurde fast zum Volkssport in unserer Klasse. Egal wie Absurd ein Gedanke war, wenn am Ende stand, dass Marvin schwul war, dann wurde er freudig angenommen. Homosexualität war vorher nie ein großes Thema und nun schien es, als würde davon der Weltuntergang ausgelöst. Selbst ein Pestkranker wäre freundlicher begrüßt worden als ein (vermeintlich) Schwuler.
Das Zynische an der Sache war, dass der einzige Schwule in der Klasse, also ich, ja noch nicht einmal Ziel dieser Hexenjagd war.
Wieso traf es Marvin, obwohl er in der kurzen Zeit, die er bei uns war, überhaupt keinen Anlass dazu gegeben hatte, der hätte vermuten lassen können, dass er Schwul sei? Im Gegenteil, mit Sonja hatte er offen geflirtet. Eine der sexiest Girls der Schule – also aus der Sicht eines heterosexuellen Jungen.
Mein Gefühlschaos wurde erweitert. Hinzu kam Erleichterung darüber, dass keiner wusste, dass ich schwul war. Ein Fuchs, an dem die bellende Meute der Jagdhunde einfach vorbei läuft als gäbe es ihn nicht.
Nur eine Handvoll Tage waren vergangen. Nach außen war ich ein Teil der Klasse wie zuvor. In meinem Inneren aber fühlte ich mich fremd. Meine Klassenkameraden merkten nicht wie schnell ich mich von ihnen entfernte.
Am letzten Freitag vor unserer Klassenfahrt teilte Herr Rohdes, ganz undemokratisch, die Zimmer in unserem Gästehaus in Brüssel auf. Da nur Doppelzimmer zur Verfügung standen, entsprach die Aufteilung der Sitzordnung, sprich die jeweiligen Tischnachbarn sollten sich auch ein Zimmer teilen.
