Es ist immer so schön mit dir - Heinz Strunk - E-Book

Es ist immer so schön mit dir E-Book

Heinz Strunk

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Beschreibung

Eine katastrophale Liebe

Er war mal Musiker. Jetzt ist er Mitte vierzig und im Großen und Ganzen nicht unzufrieden. Seine Freundin hat ein geregeltes Einkommen, und das Ein-Mann-Tonstudio wirft auch ein bisschen was ab. Die Träume von der künstlerischen Karriere sind längst begraben. Sie schmerzen nicht mehr.

Da lernt er Vanessa kennen, Schauspielerin, jung, strahlend schön. Zuerst versteht er gar nicht, warum sie sich für ihn interessiert. Er verliebt sich in sie. Er verlässt seine Freundin. Ist er jetzt mit Vanessa zusammen?

Es wird immer größer: das Glück und das Chaos. Sie ist beides für ihn. Und er kommt nicht los von dieser Frau und ihren Abgründen. Liegt das am Ende gar nicht an Vanessa, sondern an ihm selbst?

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Seitenzahl: 324

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Heinz Strunk

Es ist immer so schön mit dir

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Eine katastrophale Liebe

 

Er war mal Musiker. Jetzt ist er Mitte vierzig und im Großen und Ganzen nicht unzufrieden. Seine Freundin hat ein geregeltes Einkommen, und das Ein-Mann-Tonstudio wirft auch ein bisschen was ab. Die Träume von der künstlerischen Karriere sind längst begraben. Sie schmerzen nicht mehr.

 

Da lernt er Vanessa kennen, Schauspielerin, jung, strahlend schön. Zuerst versteht er gar nicht, warum sie sich für ihn interessiert. Er verliebt sich in sie. Er verlässt seine Freundin. Ist er jetzt mit Vanessa zusammen?

 

Es wird immer größer: das Glück und das Chaos. Sie ist beides für ihn. Und er kommt nicht los von dieser Frau und ihren Abgründen. Liegt das am Ende gar nicht an Vanessa, sondern an ihm selbst?

Vita

Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren. Seit seinem ersten Roman «Fleisch ist mein Gemüse» hat er neun weitere Bücher veröffentlicht. «Der goldene Handschuh» – «eine große und zugleich humane Zumutung. Jedenfalls dann, wenn zu bedeutender Literatur gehört, den Blick von nichts abzuwenden», so die Frankfurter Allgemeine Zeitung – stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt.

«Würden Sie mir bitte gestatten, meine Hand um Ihre Knöchel zu legen? Das ist alles, was ich möchte. Es würde mir das Leben retten. Ich würde Sie auch gern dafür bezahlen.»

– John Cheever

Erster TeilZuvor erwogene Möglichkeiten haben sich zerschlagen

Eins

Leichter Schneefall hat eingesetzt, der Balkon ist bedeckt von einer dünnen Schicht, Schnee wie Staub. Der Schnee schluckt den Schall, es ist still wie in der Tiefsee, in Panic Rooms, in der arktischen Nacht. Er horcht auf seinen Atem. Hält die Luft an, zählt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Wie es wohl wäre, ein Leben mit angehaltenem Atem zu führen? Kann man sich nicht vorstellen. Kann sich kein Mensch vorstellen.

 

Es riecht nach Zigarettenrauch. Julia ist auf dem Balkon, die Tür zum Schlafzimmer steht einen Spaltbreit offen. Eine letzte Zigarette und ein letztes Glas im Stehen. Allerdings steht Julia nicht, sie sitzt, auf einer leeren Getränkekiste, und ein Glas hat sie auch keins in der Hand.

Er hat das Rauchen schon lange aufgegeben. Aufgeben ist das richtige Wort. Wann eigentlich genau? Keine Ahnung. Wenn man nicht mehr weiß, wann man aufgehört hat, ist das ein gutes Zeichen, dann ist man endgültig drüber hinweg und auf dem Stand eines Nierauchers. Nieraucher, kein Nichtraucher, eine sinnvolle Unterscheidung. Der Nichtraucher ist ein Raucher, der sich den Genuss versagt, aber nichts lieber täte, als eine zu dampfen; der Nieraucher hat noch nie geraucht, ergo weiß er auch nicht, was er verpasst.

 

Julia kommt ins Schlafzimmer und legt sich zu ihm. Sie hat sich gründlich die Hände eingeseift, die Zähne geputzt, den Mund ausgespült, das Gesicht gewaschen. In einem Jahr will sie auch aufhören. Pünktlich zu ihrem Vierzigsten. Immer noch von Kälteschauern geschüttelt, macht sie «brrr, huu, kalt, kalt, kalt» und schmiegt sich an ihn. Ihre Haut fühlt sich eisig und klamm an.

«Geht das? Oder zu kalt?»

«Ja, geht, sogar ganz angenehm. Mir ist nämlich ganz heiß.»

Sie nimmt ihre Wasserflasche vom Nachttisch und trinkt in kleinen, spitzen Schlucken. Da liegen sie ganz friedlich, die Schatten auf ihren Gesichtern laufen ineinander.

«Das wäre mal wieder geschafft.»

Was meint sie? Das Wochenende? Was sonst. Wann genau ist das Wochenende eigentlich geschafft, vorbei, ganz offiziell? Punkt null Uhr? Oder schon eher, wenn der Sonntagabend im Flimmern und Flackern des Fernsehers versickert? Früher gesellte sich zum Flimmern und Flackern noch das Rauschen, aber das wurde abgeschafft, wie der Sendeschluss.

Für ihn ist das Wochenende gefühlt seit etwa einer Stunde vorbei. Gestern so, heute so und morgen noch mal ganz anders. Als Kind ist man verrückt aufs Leben, wünscht sich, die Zeit möge stillstehen, geht aus Angst, etwas zu verpassen, noch nicht mal zur Toilette. Das Leben bestand ausschließlich aus Anfängen, und nichts hatte ein Ende. Jetzt ist es ihm ganz recht, dass die Zeit rasch vergeht.

Ohne Ehrgeiz die Tage verdämmern, durch Zufälle dahin geraten, wo man ist. Sich treiben lassen, zunehmende Stimmungen, abnehmende Stimmungen, nach nicht durchschaubaren Mustern …

Wenn sein Hirn erst mal zu plappern angefangen hat, hört es so schnell nicht wieder auf. Es produziert dann fast ausschließlich nutz-, wert- und sowieso lose Gedanken, als hätte es eine Extrawindung, die ausschließlich dafür reserviert ist. Denken und brüten, bis ihm alles über den Kopf wächst und die Verwirrung nicht mehr überschaubar ist. Also Ruhe jetzt, finito, silenzio, cut.

 

«Nimm mich doch mal in den Arm.»

Ihr Atem trifft seine Nasenlöcher. Unter dem Zahnpastageruch hängt, kaum wahrnehmbar, eine vergorene Note.

«Nichts lieber als das.»

«Wann liest du mir eigentlich mal wieder was vor?»

«Jetzt gerade nicht. Ich hab irgendwie Kopfschmerzen.»

Er hat praktisch nie Kopfschmerzen. Nur heute, ausnahmsweise. Das Pochen ist unregelmäßig, es kommt und geht.

«Du hast doch sonst nie Kopfschmerzen.»

«Die sind ja auch nur ganz leicht. Gehen bestimmt gleich wieder weg.»

«Aber nächsten Sonntag.»

«Was?»

«Na, vorlesen.»

«Ja, machen wir.»

«Versprochen?»

«Versprochen.»

«Wir haben es doch gut miteinander.»

«Ja, haben wir.»

Da liegen wir hier, denkt er. Da liegen wir hier nun. Da liegen wir hier rum. Julia fröstelt immer noch.

«Ich fand es heute fast am schönsten.»

Sie hat die Angewohnheit, vor dem Einschlafen das Wochenende Revue passieren zu lassen. Ein Ritual. Sie geht alle Stationen noch mal ab, detailverliebt, haarklein, klein-klein, klitzeklein, sich vergewissernd, ob er es ähnlich schön fand wie sie. Der schöne Spaziergang, der schöne Besuch, das schöne Kochen, der schöne Abend gerade eben, den sie puzzelnd und lesend verbracht haben. Aus irgendwelchen schrägen Gründen hat sie das Puzzeln wiederentdeckt. Sie puzzelt, er liest. Puzzeln ist eigentlich wie Basteln, denkt er, der Heimwerker werkelt, der Denksportler rätselt, unerbittlich und grausam. Allrounder, Bastler, Hobbymenschen: Leute, mit denen etwas nicht stimmt.

Sie erzählt auf eine ganz eigene, ungelenke, fast kindliche Art und Weise, Grammatik egal. Es plätschert wie Wasser.

«Oder was meinst du?»

Er nickt. Er könnte etwas sagen, aber er begnügt sich mit Nicken und vergisst, dass man das in der Dunkelheit nicht sehen kann.

«Hallo?»

«Ach ja, sorry, ich nicke die ganze Zeit, ich pflichte dir in allen entscheidenden Punkten bei.»

«Dann ist ja gut.»

Es war gewiss genauso schön wie das letzte und vorletzte und wie alle noch folgenden Wochenenden. Man könnte das kommende und vergangene und das vorvergangene und das Wochenende vor einem Jahr übereinanderlegen, käme in etwa immer das Gleiche bei raus. So ist das mit dem Leben und den Wochenenden: Die Kreise werden kleiner, sie nähern sich dem Radius null.

«Oder hat dir was nicht gefallen?»

Langsam nervt es.

«Doch, doch, alles okay, ich bin nur müde.»

«Entweder man hat Kopfschmerzen, oder man ist müde. Beides auf einmal geht nicht.»

Das saß. Da hat sie recht.

«Die Müdigkeit überlagert den Schmerz. Der ist ja auch nur ganz leicht, hab ich doch schon gesagt.»

«Überlagert, überlagert. Da hast du dich ja geschickt aus der Affäre gezogen.»

Affäre? Welche Affäre? Sie wendet den Kopf in seine Richtung, schaut ihn durch aus der Mitte der Iris verrutschten Pupillen an. Sie hebt die Augenbrauen und verdreht die Augen ins Weiße, eine Miene, die einmal zu dem Satz «Ich glaub, es hackt» gehörte, jetzt aber alles Mögliche bedeuten kann. «Na ja, macht ja nichts. Ich war seit glaube ich zwanzig Jahren nicht mehr im Zoo.»

Wie kommt sie denn jetzt dadrauf?

«Das heißt, du möchtest demnächst mal wieder hin? Können wir machen.»

In den Zoo! Was soll er denn im Zoo?

Während sie weiterredet, beginnt sein Rücken feucht zu werden. Unangenehm. Er hört sie wie durch einen weichen Brei. Zwischendurch sagt er: hm, ja, ach so, genau. Tempo rausnehmen, ausbremsen, ausschleichen. Es funktioniert; langsam versiegt der Redefluss.

«Ja gut, dann mal gute Nacht.»

«Wünsche ich dir auch.»

«Und gute Besserung.»

«Weshalb noch mal?»

«Na, wegen den Kopfschmerzen.»

«Ach so.»

«Ja genau, ach so.»

Er drückt sie an sich. Bis sie endgültig eingeschlafen ist, trägt er die Verantwortung für sie.

Ich war seit glaube ich zwanzig Jahren nicht mehr im Zoo. Der Satz hängt noch in der Luft, wie Wärme, wie Rauch.

Er gähnt mit geschlossenem Mund, um sie nicht zu wecken. Die liebe Julia, denkt er, so ein lieber Mensch. Wenn doch nur alles etwas einfacher wäre. Er etwas einfacher wäre. Dann würden sie zusammen in diesem Zimmer wohnen, bis sie sich in Staub auflösen und zu Boden rieseln. Der Mondschein dringt weiß und wässrig ins Zimmer. Nackt wie ein weißes Loch, der Mond. Sie beginnt leise zu schnarchen. Behutsam löst er die Umarmung, sie dreht sich auf den Rücken.

Nach einer Weile mischt sich in das Schnarchen ein Pfeifen und eine Art breiiges Röcheln, Nachwirkungen einer verschleppten Grippe. Er dreht sie vorsichtig auf die Seite. Das Schnarchen verstummt, das Pfeifen bleibt. Es zieht sie zurück in die Rückenlage. Man kann sie drehen und wenden, wie man will, denkt er, nützt alles nix. Sie murmelt etwas Unverständliches und greift seine Hand. Immer noch kalt. Wie kann man nur schlafen mit so kalten Flossen.

Irgendwas riecht komisch. Ist sie das? Aber wonach riecht es? Kartoffelbrei? Nein, Kartoffelbrei riecht anders. Feuchter Zement. Auch nicht. Spuren von Lösungsmittel. Ach egal. Wie er wohl für ihre Nase riecht? Julia betont oft, dass sie seinen Geruch mag. So soll es bleiben. Bekanntlich lassen sich die Leute in langjährigen Partnerschaften gehen. Gott bewahre, so weit wird er es nicht kommen lassen, wenn er eines weiß, dann das.

Sie drückt im Schlaf ihre Füße gegen seine. Kalt wie ein Stück Fleisch, das man aus dem Kühlschrank genommen hat. Immer die armen Füße, taub und kalt und schwer. Kalte Hände, kalte Füße, schöne Grüße, schießt ihm durch den Kopf. Das ist ja mal wieder besonders sinnlos, denkt er. Vielleicht lässt sich der Satz so lange im Kreis denken, bis ich wegnickere. Sie drückt sich noch fester an ihn. Lass mal locker, denkt er, ich brauche Bewegungsfreiheit, mit ein paar Zentimetern nur wäre mir schon gedient. Aber wenn er sie wegschiebt, wacht sie auf und ist enttäuscht: «Ich dachte, du hältst mich noch ein bisschen.»

Wenn sie das ganze liebe, ganze lange Wochenende keinen Sex hatten, ist sie besonders empfindlich. Aber was soll er machen. Leider löst sie keine sexuellen Wünsche mehr bei ihm aus, ihre Gegenwart hat etwas geradezu Sedierendes. Vielleicht tut sie ihm auch heimlich irgendwelche Weich- oder Schlaffmacher ins Getränk. Bei fast allen Paaren, die er kennt, ist Sex forbidden zone, vermintes Gelände, gehört Sexualität zu einem längst vergangenen Lebensabschnitt. Liebe, Sex und Zärtlichkeit, wie die gleichnamige Bravo-Serie von anno dunnemals. Aus Liebe, Sex und Zärtlichkeit wird Liebe, Kuscheln, Zärtlichkeit und schließlich Freundschaft, Nähe, Gemütlichkeit. Früher haben sie nicht über Sex gesprochen, weil es nicht nötig war, heute sprechen sie nicht darüber, weil es zu nichts führt. Welche Art von Gespräch wäre wohl geeignet, einschlägige Probleme zu lösen? Dirty Talk in umgekehrt, fällt ihm ein. Ein richtiger Quatschsatz, aber man weiß, was gemeint ist.

Reizmittel helfen auch nicht. Wäsche, Spielzeug, Hilfsmittel: Reizarmes, von Reizen umhüllt, wirkt gleich noch reizloser. Bitte schnell wieder ausziehen, das Zeug, verstecken oder am besten wegschmeißen! Die Sachen sind noch im Schrank irgendwo. Wenn er sie heimlich entsorgte, würde ihr das hundertprozentig nicht auffallen, und es wäre endlich wieder Platz im Schrank.

«Wo sind die Dings eigentlich?»

 

Julia wird wie immer durchschlummern wie ein Stein, bis um Punkt sechs der Wecker klingelt. Dann wird sie, ohne zu zögern, aus dem Bett springen. Von einer Sekunde zur nächsten quicklebendig und putzmunter. Manchmal pfeift sie, während sie sich ihren Morgenkaffee kocht, vor lauter guter Laune vor sich hin. Julia findet das Leben nämlich grundsätzlich schön. Und hat das Glück, nicht nur etwas zu tun, was ihr Spaß macht und was sie kann, sondern darüber hinaus noch das Gefühl, zu etwas Sinnvollem (Kinder und Jugendliche angstfrei mit der großen, weiten, schwer durchschaubaren Welt der Mathematik vertraut zu machen) beizutragen. Sie wünscht sich, dass alles im Wesentlichen so bleibt, wie es ist. Man fährt gut damit, keine übertrieben hohen Erwartungen zu haben. Glücksformel Nr. 1: Mit dem zufrieden sein, was das Leben zu geben bereit ist. Was nützen einem schon ein großes Schloss und ein Dutzend Schnitzel? Egal, wie reich man ist, man kann sowieso immer nur in einem Raum gleichzeitig sein, und nach zwei, allerspätestens drei Schnitzeln ist man satt.

Sie mag die Banalität ihres Alltags, das dünne Bächlein von Ereignissen, die ruhig über sie hinwegplätschern. Angenehm gleichförmig alles, geordnet wie in einem Schuhregal. Das hysterische, fiebrige Glück junger Menschen hat sie gegen das friedliche, stille Glück für Erwachsene eingetauscht. Den Wunsch, eine neue Erfahrung zu machen oder ein neues Gefühl zu entdecken, hat sie verschwinden lassen, überlistet, ausgetrickst. Wenn er wäre wie Julia, wäre alles leichter. Immerhin bemüht er sich.

 

Er greift nach der Rolle mit den Pfefferminzdrops, die zwischen allem möglichen Krimskrams auf seinem Nachtschränkchen liegt. Krimskrams, denkt er, ein schönes, ein lebenszugewandtes, irgendwie auch heiteres Wort. Er nimmt einen Drops, schiebt ihn erst in die eine, dann in die andere Wangentasche, schließlich auf die Zungenspitze. Er versteift die Zunge und spürt, wie sich der Drops langsam auflöst, plattgelutscht zum Plättchen wird. Kurz bevor es so weit ist, zerbeißt er ihn, ein winziger Tropfen rinnt durch seine Kehle. Herrlich fühlt sich das an. Er nimmt noch einen und einen dritten und vierten. So könnte es weitergehen, bis in alle Ewigkeit. Vom Drops zum Plättchen, vom Menschen zum Strichmännchen.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Die Langeweile ist ein Vorbote des Todes, denkt er, lange vor dem Sterben schon präsent. Trübsal, Langeweile, Gerüche, Pfeifen. Obwohl er schon hellwach war, wird er noch wacher, dabei geht das eigentlich nicht Gleich erhebt sich die Wachheit in voller Größe über mir und versetzt mir so lange schallende Ohrfeigen, bis ich aufstehe und etwas MACHE.

 

An Abenden wie diesen ist er im Unglück zu Hause, leidenschaftlich unglücklich, wenn es so was gibt: in Bitterkeit schwimmend wie ein Fisch im Wasser. Wenn das Unglück von der Erde verbannt würde, wüsste er gar nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Als sie sich kennenlernten, fühlte Julia sich von seinem Unglücklichsein angezogen. Sie fand es reizvoll, weil sie keinen Zugang dazu hatte. Sie kannte sich nicht aus mit unglücklichen Künstlern. Gehört das Unglück nicht untrennbar zum Künstlerschicksal?

 

Morgen hat er nichts weiter vor, keine Termine, Erledigungen, Arbeiten, die keinen Aufschub dulden. Rein theoretisch könnte er den ganzen Tag im Bett oder sonst wo (Puff, Casino, 24-Stunden-Kneipe) verbringen. Ihn überkommt große Lust, etwas zu trinken. Das Wochenende hat er so gut wie nichts getrunken, da kann er sich jetzt einen Schluck genehmigen, obwohl alleine trinken bekanntermaßen das Letzte ist. Er steht leise auf und tappt in Unterhose ins Wohnzimmer.

Nur noch Brandy da. Ein Brandy am Nachmittag macht einen weichen Gang, schießt es ihm durch den Kopf. Hat Onkel Dings immer gesagt. In Genießermanier das Glas schwenkend, schaut er aus dem Fenster. Er schaut gerne aus dem Fenster. Ruhig, mit schönem Schwung. Er riecht an seinen Fingern. Ein Geruch, als hätte er schmutzige Geldstücke angefasst. Schlechte Angewohnheit, die Schnüffelei, muss er sich dringend wieder abgewöhnen. Leute, die an ihren Händen riechen, sehen gestört aus. Wie irgendwelche Tiere, die schnüffeln auch ständig an sich rum, stecken ihre Nase bzw. Schnauze in alle möglichen und unmöglichen Öffnungen.

Die Flocken fallen kaum sichtbar, außer im Licht der Straßenlaternen. Die Scheinwerfer der Autos lassen dann und wann fächerförmige Lichtschlitze über Wände, Decken, Laternen, alles Mögliche gleiten.

An einer Laterne ist sein Rad angeschlossen, oder das, was davon noch übrig ist. Der Sattel, die Reifen und die Kleinteile abmontiert, zerpflückt, ausgeschlachtet, obwohl dies eigentlich keine Gegend für Vandalismus ist. Nun steht das Gerippe da, bis es zu Spänen und Rost und sonst was zerfällt. Das arme Fahrrad, die treue Scheese. Zehn Jahre treue Dienste. Liebe alte Eierscheese. Einsam und allein, wie sein Besitzer.

Er schenkt sich nach und lümmelt, fläzt, pflanzt sich aufs Sofa, stellt den Fernseher an und auf stumm und stellt sich vor, wie die Strahlen durch Tür und Mauerwerk dringen und Julias Träume durcheinanderwirbeln. Mit welchem Ergebnis? Sie führt ein Traumtagebuch und wird es während des Frühstücks notieren.

Er schenkt noch mal nach. Warum auch nicht. Er kann sich so oft nachschenken, wie er will. Betrunken sein heißt, nicht an Fragen zu verzweifeln, auf die es keine Antwort gibt. Als Kind war seine Idealvorstellung vom Leben im Bett liegen, Louis-de-Funès-Filme schauen, Vollmilch-Katzenzungen essen und eiskalte Fanta trinken. Echtes Glück, Kinderglück. Schwache Erinnerungen, dünn wie Rauchfäden, leider kann er sich nur an wenig aus der Kindheit erinnern. Vergnügt war er. Mutig. Neugierig. Bestand praktisch nur aus Vorfreude. Auf Weihnachten. Den eigenen Geburtstag. Ostern, Pfingsten, kleine, mittlere, große Ferien, Mittagessen, sogar auf Karneval, muss man sich mal vorstellen. Er hatte sich das Leben als eine Folge von Glücksmomenten vorgestellt, die sich in der Zukunft immer weiter vermehren würden, das Glück würde größer und größer werden, bis er dann, ganz am Ende, als alter Mann, absolut glücklich wäre. So war das damals mit dem gänzlich unbeschwerten Glück der Kindheit (wenn er sich richtig erinnert).

Es gibt Menschen, denen das Glück zufällt wie anderen das Atmen. Er zählt nicht dazu. Dabei hatte er objektiv wahrscheinlich auch nicht mehr Unglück und nicht mehr Glück als andere auch. Es gibt Menschen, die sich wohl in ihrer Haut fühlen, und welche, auf die das nur bedingt zutrifft.

Nebenbei ein guter Kalenderspruch. Ob es wohl eine Institution gibt, bei der man Kalendersprüche einreichen kann, vergleichbar mit dem Verein, bei dem man jedes Jahr Kandidaten für das Jugend- und/oder Unwort des Jahres vorschlagen darf?

Die Luft steht im Dunkeln still. Es ist wirklich ungewöhnlich ruhig. Was wohl in den Stockwerken über ihm vor sich geht? Ob Tote im Haus lagern? Vor langer Zeit ermordete Geiseln? Mumifizierte Rentner in durchgeranzten Ohrensesseln, die darauf warten, endlich unter die Erde gebracht zu werden, ausgedörrte Totenschädel, die sich an den blinden Scheiben die Nasen platt drücken? Das Glas ist schon wieder leer. Wie schnell das immer geht.

Der Tiefpunkt des Wochenendes war der Samstag gewesen. Immer wieder Samstag; Samstag, Silvester light. Früher war der Samstag sein Lieblingstag gewesen, Sonntage waren schlimm, jetzt ist es genau umgekehrt, wie an diesem Wochenende. Sie waren aus gewesen oder hatten es zumindest versucht. Ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen, das sollte man mittlerweile doch wissen, aus Schaden wird man klug usw.

Bis auf eine kurze Phase in den Dreißigern, an die er sich nur noch dunkel erinnern kann, hatte er schon immer eine Aversion gegen das Party machen (hieß damals noch anders, er hat vergessen, wie). Mittlerweile ist ihm das Feier-Gen, wenn man es denn so nennen will, endgültig abhandengekommen. Wie alt ist er jetzt noch mal? Genau. So alt wie die, die ihm in seiner Jugend alt vorgekommen sind.

Aus seiner Sicht leiden die Partypeople an einer Art Massenpsychose. Alle wahnsinnig, rasend, von Teufeln besessen, denn es gibt weder einen vernünftigen noch einen unvernünftigen Grund, sich zu amüsieren. Das Leben ist eine ernste Sache.

Die Gaudimaten (tolles Wort, hat er neulich irgendwo aufgeschnappt) sind natürlich keineswegs verrückt, er ist nur eben raus. Dabei ist er ja noch nicht wirklich alt, er ist in den besten Jahren, viril, guter Körper, gut gereift, wohlklingende, tiefe Stimme, nicht die klitzekleinste Geheimratsecke. Er weiß das, aber ihm ist das Bewusstsein davon abhandengekommen. Nur manchmal fällt es ihm wieder ein, vor allem, wenn er ehrlich zu sich ist, im Vergleich mit Julia.

Julia ist ihm, man muss es leider so sagen, irgendwie peinlich geworden. Sie hat etwas Tantchenhaftes bekommen. Tantchen-, wenn nicht gar ein wenig omahaft. Auch ist ihr Gang irgendwie watschelig, stapfend, wie eine Bäuerin in Pantinen. Dabei ist ein schöner Gang die halbe Miete. Nichts ist attraktiver als ein junger Gang. Das Gangwerk sagt mehr über das wahre Alter als Hände oder Hals.

Und wie schnell sich das änderte! Als wäre sie, ohne ersichtlichen Grund, in einem plötzlichen Sprung nach vorne ins Alter gestürzt. Oder ist er der Grund? Ist sie an seiner Seite alt geworden? Vom Teenie zur Muhme. Bald schon wird sie zu den Frauen gehören, die von Männern auf der Straße keines Blickes mehr gewürdigt werden. Bei denen man unbewusst wegschaut, wenn sie eine Sauna betreten. Die vergessen, sich die Augenbrauen zu zupfen. Zum Zahnarzt zu gehen. Unwahrscheinlich, dass ihr irgendwann noch mal ein Mann «I’m blinded by your grace» ins Ohr flüstert.

 

Manchmal, wenn sie in der Stadt spazieren gehen und ihr Spiegelbild zufällig in einem Schaufenster aufblitzt, zuckt er regelrecht zusammen: Wie sehen die (wir) denn aus! Provinzler, die am Wochenende aus den umliegenden Speckgürteln gekrochen kommen, Eltern, deren Kinder gerade das Haus verlassen haben und die nun endlich wieder tun und lassen können, was sie wollen, aber verlernt haben, wie das geht: staunende, ratlose Witzwesen, die durch die aufgeladene Nacht irren. Je aufgeladener die Nacht, desto stärker entladen sich die Witzwesen. Grob, linkisch, fremdelnd wandern die Uncoolen durch die Nacht, um den Auftritt der Coolen umso glänzender erscheinen zu lassen, denken im Unterschied zu coolen Leuten auch immer viel zu lange darüber nach, welchen Eindruck sie gerade machen. Mühelosigkeit zeichnet diejenigen aus, denen eh schon alles zufällt; bei den Bemühten mag man nicht gerne hinschauen. Die Welt, damit das mal klar ist, gehört den Singenden und Tanzenden.

 

Er schenkt sich ein letztes Mal nach. Der Geschmack ist nach dem vierten (oder fünften?) Humpen etwas penetrant, aber er trinkt schließlich nicht, weil es ihm schmeckt, sondern weil er noch ein letztes kleines Schlückchen braucht. Sein Kopf summt vom Alkohol und von der Drehung des Universums.

Er könnte Musik hören. Aber dafür er ist schon zu hinüber, hat er nix mehr von. Außerdem darf man Musik, die man mag, nicht allzu oft hören, sonst nutzt man sie ab, dabei muss sie ja halten, unter Umständen ein ganzes Leben. Langsam wird’s Zeit fürs Bett, außerdem drückt die Blase. Auf dem Weg zur Toilette muss er sich an der Wand abstützen. Im Sitzen merkt man nie, wie voll man schon ist, denkt er, erst wenn man aufsteht, schlägt die Stunde der Wahrheit. Jetzt noch Zähne putzen. Als er im Badezimmer das Licht anmacht und sein Blick in den Spiegel fällt, bekommt er wirklich und wahrhaftig und ganz in echt einen Schock.

WIESEHEICHDENNSCHONWIEDERAUS?! MEINEGÜTE, DASGIBT’S DOCHNICHT.

Wenn er betrunken ist, täte er besser daran, den Spiegelblick zu meiden, denn der Alkohol verändert auf ungute Weise seine Wahrnehmung, und er sieht wahrhaft Gespenster. Die einen trinken sich schön, er trinkt sich hässlich: Er blickt in das faltige, runzlige Gesicht eines Affen. Affe? Selbst zum Affen langt es nicht, dazu ist die Haut zu verquollen und picklig und schuppig und unrein. Und gerötet. Ein rot geschwitztes Knetfigurengesicht, von einem Kleinkind geknetet, breit und vergurkt, Augen in Aspik, Stirn auf halb acht, tiefhängende Unterlippe, vorgelagerte Zunge.

Das kann doch nicht mit rechten Dingen vorgehen, es muss sich um eine optische Täuschung handeln, eine Spiegelung, Brechung, was in der Art. Anstatt das Licht unverzüglich wieder auszumachen, wird er der Sache unverzüglich auf den Grund gehen. Seine Unterhose hängt wie eine Windel. Eine formlose, weiche, welke Windel. Runter mit der Windel! Er kann nicht anders.

Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? Aber das Beste kommt wie immer zum Schluss: der SACK. Ob sich so ein trauriger Sack noch liften ließe? Doppelte Hodenstraffung mit Schwanzbegradigung und Schwellkörpererweiterung. Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.

«Geil, geiler Typ, echt geiler Typ», murmelt er vor sich hin. «Einfach nur noch geil.»

Er hat die Vokabel aus seinem Sprachschatz verbannt, aber jetzt ist eine passende Gelegenheit, sie mal wieder auszugraben. «Geil, geil, geil, geiler Typ.»

 

«SAGMAL, WASISTDENNMITDIRLOS?»

Er zuckt zusammen, als wäre auf ihn geschossen worden. Julia steht in der Tür, bleich, entsetzt, ratlos. «Geht’s dir nicht gut?»

Gute Frage.

Sie hat nicht den geringsten Schimmer, was er macht und was das soll. Ein nacktes Gespenst, das sich aus dem Sarg erhoben hat; der Mann muss vor sich selbst geschützt werden. Ein Arzt muss her oder die Polizei, oder alle beide und die Feuerwehr gleich mit.

 

«Ich gefalle mir überhaupt nicht.»

Das ist natürlich sehr schwach.

«Ach Mensch.»

Mehr fällt ihr nicht ein. Die Stille dehnt sich.

«Ich geh dann mal wieder ins Bett.»

Sie wirft ihm ein (Mut machendes?) Lächeln zu, das sich hilflos in die Breite zieht. Sie hat vergessen sich abzuschminken, die dicke Wimperntusche um ihre Augen ist verlaufen und wieder getrocknet.

«Ich komm auch gleich. Brauchst du noch was?»

Sie gibt keine Antwort. Die Tür geht auf und dann zu.

Zwei

Beim Versuch, sich durch einen engen Felsspalt zu zwängen, bleibt er stecken. Da hilft kein Ruckeln und Schlängeln und Luftanhalten, je verzweifelter die Befreiungsversuche, desto aussichtsloser wird die Lage. Bald geht es keinen Zentimeter vor und keinen zurück, ihm bleibt die Luft weg, er droht zu ersticken. Der seit etwa einem Jahr immer wiederkehrende Albtraum zerfällt beim Aufwachen, hinterlässt jedoch eine Beklommenheit, die den ganzen Tag überschattet.

Als er sich auf die andere Seite drehen will, überkommt ihn schlagartig, wie eine ganze Abfolge von Schlägen, die Erinnerung an seine nächtliche Performance. Was war da los gewesen, was sollte das, wieso macht er so was? Ein peinlicher, nahezu totaler Gesichtsverlust, der alle vorherigen Gesichter wie schlampig aufgetragene Masken erscheinen lässt. Julia, seine liebe gute Julia, muss ihm, bitte schön, bitte sehr, verzeihen und ihm sein Gesicht zurückgeben.

 

Nebenan der Küchen-Soundtrack wie immer; Kaffeekoch-Geräusche, Pfeif-Geräusche, Klöter-Klimper-Klapper-Geräusche, Fetzen aus dem Radio. Ein neuer Oldie-Sender, der vierundzwanzig Stunden am Tag tote Teenagersongs aus untergegangenen Zeiten versendet.

Als Julia ins Schlafzimmer kommt, um sich zu verabschieden, hat sie ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ein Glück, denkt er, ist anscheinend alles wieder halbwegs in Ordnung.

«Sag mal, gestern, war das sehr krank? Ich meine unangenehm? Hast du dich sehr erschrocken?» Er verzieht den Mund zu einem käsigen Grinsen.

«Weißt du was?» Ihre Stimme hat ein angenehm entspanntes Timbre.

«Nein, was denn?»

«Du musst mal zum Erbsendoktor, auf die Rüttelbank. Dass die ganzen Erbsen in deinem Kopf zurechtgerüttelt werden.»

Zum Erbsendoktor auf die Rüttelbank. Phantastisch, da muss man erst mal drauf kommen. Julias Art ist einfach, erfrischend und zerstreuend. Sie verkompliziert die Dinge nicht unnötig, sie ist nicht nachtragend, sie ist lösungsorientiert. Sie schauen einander direkt ins Gesicht. Komisches Gefühl. Früher haben sie sich öfter so angeschaut, wie ein Liebespaar eben. Julia kratzt sich an der Nase und scheint einen Moment vergessen zu haben, worum es geht.

«Ich kenne dich nun wirklich lange genug. Es ist alles in Ordnung.»

«Ach so, ja. Ich konnte es nur nicht recht einschätzen.»

«Weiß ich doch. Und jetzt hast du dir die ganze Zeit Gedanken darüber gemacht?»

«Ja, vielleicht.»

«Quäl dich doch nicht immer so. Du bist ein toller, gutaussehender Mann mit leichter Schraube locker. Ich muss jetzt los. Wir sehen uns vielleicht Mittwoch.»

Sie gibt ihm einen Kuss auf den Mund und rubbelt ihm über den Kopf, wie man einem Kind oder einem Haustier durchs Haar bzw. Fell fährt.

«Wir hören uns später noch mal.»

Dann ist sie weg. Wir sind zwei Termiten, denkt er, in der Ausdauer liegt unsere Stärke.

Er schließt die Augen. Die Uhr auf dem Nachttisch tickt weiter, ihre Zeiger drehen sich im Kreis. Der Kater ist brutal, der wird sich nicht so leicht wegschlafen lassen. Er stellt sich vor, wie schön morgendliche Fröhlichkeit wäre. Die Luft klar und rein, der Azur des Himmels tränkt die Erde, ich nehme teil an der Gemeinschaft des Erwachens. Er hat das Bedürfnis, sich als Teil der werktätigen Solidargemeinschaft zu begreifen, denn wer bereits am Montag verschläft, gerät schnell ins Hintertreffen und kann den Rückstand bald schon nicht mehr aufholen.

Bitte, lieber Gott, denkt er, sei so gnädig und lass mich noch ein wenig schlafen. Den lieben Gott bemüht er ausschließlich in alkoholbedingten Elendszuständen, für einen bescheidenen Gefallen ist sich der liebe Gott sicher nicht zu schade, wo er sich mit den großen Gefallen doch schon so schwertut.

Unvermittelt kommt ihm der Gedanke an Sex. Auch so eine Sache: Kaum ist Julia aus dem Haus, melden sich die Hormone. Er stellt sich so einiges vor, Stellungswechsel, die immer akrobatischer und anstrengender werden; im besten Fall gelingt es ihm, über solche Gedanken einzupennen. So ist es mit dem Gehirn: Wird’s zu kompliziert, schaltet es sich ab. Die Stille senkt sich schwer wie eine Wolke herab, zieht seine Lider hinunter, und er schläft wieder ein.

 

Nach dem Duschen schaut er sich lange im Spiegel an. Sieht aus wie immer, keine Spuren, keine Dellen, keine Schwarten und Scharten, keine Einschlüsse und Grieben. Mit etwas Wohlwollen kann er als Charakterkopf durchgehen.

Er geht auf den Balkon, um sich ein Bild vom Wetter zu machen. Hat er sich seit kurzem wieder angewöhnt: die Wetter-App links liegen lassen und selbst das Wettermännchen machen, kurz den Arm, das Bein oder sich selbst raushalten. Aus dem niedrigen, grauen Schneehimmel kommt nichts heraus, er gibt nur einen schmutzig gelben Schimmer wieder vom Arbeitslicht der Stadt. Die herabhängenden Äste sind schwer von schmelzendem Schnee. Der Wind schmeckt säuerlich. Na ja, soso, denkt er. Vielleicht trotzdem mal eine Runde rausgehen.

Als er aus der Haustür tritt, rennt er fast eine um. Ein junges Mädchen, siebzehn oder achtzehn, Mutant aus Kindergesicht und Sexbombe. Ihm bleibt die Luft weg, Schultern und Brust sinken ein, ihm klappt die Kinnlade runter, es haut ihn von den Socken. Im Bruchteil einer Sekunde entfacht sie in ihm eine brutale Gier, zehn Milliarden Neuronen feuern zeitgleich, die innere Sekretion arbeitet auf Hochtouren, die Ionenkanäle sind offen wie Scheunentore.

«Oh, Entschuldigung», sagt er leise.

«Macht nichts», erwidert das Mädchen, ohne ihn anzuschauen. Sie weiß um ihre Wirkung, dass sie seit neuestem, in der Blüte ihrer Jugend, einschlägt wie eine Bombe. Sie beschleunigt ihren Schritt, nach ein paar Metern dreht sie sich um. Fühlt sie sich von ihm verfolgt, bedroht? Als sich ihre Blicke treffen, lächelt er. Freundlich, harmlos, väterlich soll es ausfallen, doch sein Lächeln verunglückt, er spürt, dass er eine Idiotenfratze zur Schau stellt. Ein panischer Zug tritt ins Gesicht des Mädchens. Er hebt die Hand zu einer Art, ja, was denn, beschwichtigender Geste, dass alles okay mit ihm ist. Sie wendet sich ab und setzt ihren Weg fort. Was für ein anmutiger Gang, denkt er, die schwebt ja mindestens zehn Zentimeter über dem Bürgersteig. Schon wieder das Gangwerk, das die Spreu vom Weizen trennt. Die einen schweben, bei den anderen gibt der Bürgersteig nach. Er glotzt ihr hinterher, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwunden ist.

 

Zu Fuß nach Hause sind es etwa zwanzig Minuten. Tauwetter hat eingesetzt, pockennarbiger Schneematsch, der die Gegend in Streifen überzieht wie ein Spinngewebe. Regenwolken kommen in langen Schüben über den Himmel gewälzt. Aus einem Hauseingang springt ein großer schwarzer Hund mit gelben Augen und bellt ihn an. Er zuckt zusammen. Von wegen immer nach vorne schauen, vielleicht sollte man öfter mal beiseiteschauen, dorthin, wo die anderen nicht hinschauen, wo die Hunde und Gespenster lauern. Der Hund knurrt ihm hinterher, vom Besitzer keine Spur. Schon mal was von Leinenpflicht gehört?

Wieder mal hat er vergessen, ein Fenster gekippt zu lassen. Die Wohnung riecht nach altem Staubsauger, es ist stickig und dunstig. Er reißt das Fenster auf, hält seinen Kopf hinaus und zählt bis hundert. Die Fenster der Wohnungen auf der anderen Straßenseite sehen aus wie schmuddelige Laken, die man an die Wand genagelt hat, Wände und Dächer und Häuser und Fenster, grau in grau in grau in grau. An einer Scheibe klebt ein Rentnerpaar wie aufgespießte Schmetterlinge. Auch grau, reglos. Die müssen nie mehr im Leben arbeiten, denkt er, die dürfen den lieben langen Tag aus dem Fenster starren. Von einer Ecke zur anderen gehen. Von einer Ecke zur anderen gehen und dabei pfeifen. Von einer Ecke zur anderen gehen und dabei Rülpskonzerte veranstalten. Oder irgendwas ganz anderes; die ruhige Freude derer, die ohne Hast und schlechtes Gewissen ihre Zeit verplempern.

Er ist immer noch völlig groggy. Wenn seine Kraft für die Arbeit nicht reicht, könnte er sich Alltagsverrichtungen zuwenden, leichten, anspruchslosen Tätigkeiten, die sich aber auch nicht von selbst erledigen. Mit Hilfe eines Ceranfeldschabers Kerzenwachs vom TV-Möbel kratzen beispielsweise. Die permanent auslaufenden Kerzen sind ein Ärgernis, das nicht in den Griff zu bekommen ist. Im Nebenhaus hat es kürzlich gebrannt. Vermutlich Verwahrlosung, Alkohol, Drogen, glühende Kippen, zusammensackende Kerzen; der Wohnungsbrand als Tiefpunkt eines hoffnungslos aus dem Ruder gelaufenen Lebens. Die Summe unlösbarer Probleme, die irgendwann zum erlösenden Brand führen. Im Suff die eigene Bude abfackeln und dann direkt in die Geschlossene, aufpassen.

Er macht sich eine Kanne Tee – an Kaffee ist mit dem Kater nicht zu denken – und rollt sich in Embryonalhaltung auf dem Sofa ein. Viele Stunden gilt es herumzubekommen; mindestens genauso schwer wie Lebenszeit zu füllen, ist, sie zu vergeuden.

Es ist noch nicht mal früher Nachmittag, auf den zunächst der späte Nachmittag folgt, dann der frühe Abend, die Primetime, und erst ganz zum Schluss, in unendlich weiter Ferne, der späte Abend. Und erst, wenn auch der offiziell vorbei ist, darf man zu Bett.

Ticktack, ticktack. Er hat sich zum Geburtstag eine schöne alte Wanduhr geschenkt. Das Geticke ist fast so gemütlich wie Regen, der gegen Scheiben pladdert. Ticktack, ticktack, herrlich, der Zeit dabei zuzuhören, wie sie vergeht. Die Zeit versickert in den Löchern, die er in die Luft starrt, in Wurmlöchern, schwarzen Löchern, allen möglichen unentdeckten und noch unbenannten Löchern. Ticktack, ticktack.

Es reicht, los. Er geht jetzt zur Arbeit. So ist der Mensch nun mal programmiert, irgendwann geht jeder zur Arbeit.

Am Himmel nun rosa Streifen und ein seltsames Licht. Spatzen schlittern über die Schneereste, hoppeln und hüpfen mit hängenden Flügeln davon, vor dem Habib-Grill kämpfen schmutzige und aufgeplusterte Tauben um Dönerreste. Er stellt sich vor, dass alle Leute, denen er begegnet, ganz normale Arbeitnehmer sind, die sich wie verrückt auf den Feierabend freuen. Vielleicht sind auch Verbrecher darunter. Ob jemand zur Arbeit geht oder von einem Raubmord kommt, lässt sich am Gang nicht erkennen.

Sein Arbeitsplatz ist achtzehn Quadratmeter groß und liegt im Erdgeschoss einer zweistöckigen, etwas heruntergekommenen Gewerbeeinheit. Hinterhof, Nachkriegsbau, dreihundertdreiundneunzig Euro Miete inklusive. Die Toilette teilt er sich mit vier Parteien, einem Foto-, einem Ton- und zwei Graphik-Studios. Graphiker-Studios. Studios mit Graphikern drin.

Sein eigenes Studio heißt Audio-Konzept. Nicht sonderlich originell, aber immer noch besser als Eurovoice, Klangschmiede oder Noiseless. Jetzt ist es sowieso zu spät, den Laden umzubenennen. Außerdem weiß man gleich, was Sache ist: Hörbücher, Hörspiele, Podcasts, E-Learning, Guides, Tutorials, Telefonansagen, Interviews, Erklärvideos, Imagefilme, Voiceover für Produktvideos. AUDIO-KONZEPT – ALLES, WASSPRACHEKANN. Er ist schnell und liefert gute Qualität zu günstigen Kursen. Das hat sich rumgesprochen, die Auslastung von Audio-Konzept hat mit den Jahren stetig zugenommen.

Zwei unbearbeitete Produktionen liegen auf Halde, ein Hörbuch und ein Hörspiel. Das Hörbuch muss geschnitten werden, heißt, Versprecher, Störgeräusche, Pausen eliminieren. Cleaning nennt sich das. Cleaning ist null Komma null kreativ und in etwa so langweilig, langatmig und langwierig, wie es sich anhört. Das Hörspiel muss darüber hinaus vertont werden, heißt, passende Sounds und Atmosphären auswählen und an der richtigen Stelle positionieren. Unendlich viele Geräusche gilt es einzusetzen, von sehr kurz (Lichtschalter betätigen) über kurz (Zeitung auseinanderfalten), mittel (Kirchenglocken), bis lang (Dorfplatz am Morgen/Freibad/Fußballstadion/Baustelle). In seiner Soundbibliothek finden sich allein dreizehn unterschiedliche Telefonklingeltöne. Von Ding bis Dong. Wenn in Minute siebenundvierzig das Telefon klingelt, muss er ein Signal an die richtige Stelle schieben. Reine Frickelarbeit, Millimeterarbeit, Mikromillimeterarbeit, mehr Millionstelmillimeterarbeit geht nicht. Anderes Beispiel: Eine Person betritt eine Wohnung oder ein Haus oder eine Hütte oder BEHAUSUNG, DIVERSE. Dieser Vorgang muss von einer Abfolge von Geräuschen begleitet werden, die man intuitiv begreift: Klinke drücken – Tür öffnen – erneutes Klinkengeräusch – zwei Schritte in den Raum hineingehen – Tür schließen – Schritte – Reißverschluss öffnen – Jacke ausziehen – Schritte – Schlüsselbund auf Ablagefläche legen – Schritte – Stuhlrücken – hinsetzen. Dieses aus dreizehn Einzelfiles bestehende Audiofile hat er eigenhändig erstellt, weil es in keiner Library zu kaufen ist. Sein Archiv umfasst auch Human Standards (den Begriff hat er sich ausgedacht) wie gurgeln, niesen, schnarchen, würgen, spucken, kratzen, mit den Gelenken knacken. Einzigartiges, überlegenes Material, denn wo sonst finden sich Files wie Der große Pups, Eilbekpups lang, Eilbekpups kurz, Furz – groß und trocken, Furz – klein und eklig, Trompetenpups 1, Trompetenpups 2?

Das zu bearbeitende Hörspiel für die Traditionsfirma Achterbahn trägt den Titel «Herr Roabarb, Frau Grump und Pongo» und zählt zur Kategorie Hörspiel für Kinder bis zwölf Jahren. Weitere Kategorien sind Krimi, Science-Fiction, Unterhaltung, Erotik, Bildung und Wissen, Humor, Literatur. Bislang sind nur die nackten Sprachaufnahmen im Kasten, die meisten von Schauspielern eingesprochen, ein paar Spuren auch von ihm selbst, um Geld zu sparen. Er verändert Tonhöhe und Klang seiner Stimme mit Hilfe eines Pitch-Shifters und klingt dann, je nachdem, wie ein neunzigjähriger Mann mit Bronchialkatarrh, ein kleines Mädchen oder Mickymaus persönlich. Die Technik hat rasante Fortschritte gemacht, und der Tag ist nicht mehr fern, an dem überhaupt keine Sprecher mehr benötigt werden.

Er fährt den Computer hoch und nimmt sich das Hörbuch vor. Der Sprecher hatte eine Erkältung, das hört man auch: durchgehend Magengeräusche, Räusperer, unterdrücktes Husten, von Rechts wegen müsste der noch mal kommen, um wenigstens die allerverschleimtesten Passagen auszubessern. Aber der ganze Stress und Streit, und dann verlangt der noch Nachschlag, Gott bewahre, da kämpft er sich lieber durch dieses Inferno aus Nebengeräuschen. Spuck, Sabber, Sprötzel. Qualität kommt von Qual. Definition Arbeit: Qual. Alles, was quält. Macht etwas Spaß, dann ist es keine Arbeit. Er bastelt und bastelt. Warum kann nicht das Telefon klingeln, eine dringende Nachricht oder Mail eintrudeln oder der Strom ausfallen?

Dann klingelt doch noch das Telefon. Ja, ja, ja! Es ist Frieder, Freund Frieder, sein ältester, mutmaßlich bester Freund. Ob er heute Abend schon was vorhabe. Nicht dass ich wüsste. Ob er Frieder zu einer Filmpremiere begleiten wolle. Nichts Weltbewegendes, Arthouse, aber trotz Low Budget sei die Produktionsfirma für High-End-Premierenfeiern bekannt. Aha, soso. Genau. «Was ist, kommst du mit?»

Wieso wird Frieder, im Unterschied zu ihm, eigentlich ständig zu Premieren, Feiern, Events eingeladen? Weil er im Unterschied zu ihm auf allen möglichen Verteilern ist. Und wie kommt man auf diese Verteiler? Gute Frage. Es ist halb fünf, und vor ihm läge eine endlose Cleaning-Strecke. Also ja, okay, aber nicht so lange, es ist schließlich Montag. Fein, sagt Frieder, halb acht vor Ort.

Auf dem Heimweg überkommt ihn große Lustlosigkeit. Vorhin hatte er sich fast gefreut, und kaum eine halbe Stunde später ist davon nichts mehr übrig. Immer diese unerklärlichen Stimmungsschwankungen; auf nichts kann man sich verlassen, am allerwenigsten auf sich selbst. Aber wenn er absagen würde, wäre es bereits der dritte Rückzieher in Folge. Ich brauche Frieder noch, denkt er, wieso, wofür und weshalb, fällt ihm nicht ein.

Drei