Es ist Liebe im Spiel - Ute-Marion Wilkesmann - E-Book

Es ist Liebe im Spiel E-Book

Ute-Marion Wilkesmann

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Beschreibung

Es ist Liebe im Spiel: Geschichten von Sehnsucht, Spiel und Schweigen Menschen lieben, warten, spielen und verlieren sich in den Zwischenräumen zwischen Bildschirm und Berührung. In 57 Erzählungen verfolgen wir Figuren, die Nachrichten deuten, Zahlenfolgen wie Liebesbriefe lesen, virtuelle Flüsse begradigen, im Bus erröten, im Chat verglühen und im realen Leben verstummen. Eine Bibliothekarin, die an ein getrocknetes Asternblatt glaubt. Ein Mathematiker, der Pokémon-Logs als Herzenscode interpretiert. Eine Lehrerin, die in einem Schüler ihren Romanstoff findet. Ein Witwer, der im Simulationsspiel seine letzte große Nähe entdeckt. Und Wesen einer fernen Zukunft, die unsere Spuren (Zahlen, Blockaden, Zeichen) als Sprache der Sehnsucht entziffern. Präzise, zärtlich und ironisch erzählt der Band vom Emotionalen im Technischen und vom Menschlichen im Virtuellen: von Leere und Überfülle, von Spiel und Ernst, von Nähe ohne Hand und Händen ohne Nähe. Ein literarisches Mosaik aus 57 Momenten moderner Intimität: bitter, sanft, unerwartet nah.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der Sohn, der ein Spiel entdeckte

Adelheid und ihr Käppchen

Online-Dating

Nur eine kleine Rose

Dreck

Grauschleier

Fundstück zwischen Scherben

Umgang mit Seelenschmerz

Der Sturm

Klischees kommen aus dem Leben

Leere

Nichts vergeht

Nicht schon wieder

Luisa

Ende einer Illusion

Erkannt

Klein, rundlich, mit Brille

Deal!

Ein Ende ohne Ende

Die Hände

Zarte Zeichen

Exklusivität

Der schönste Mann aller Zeiten

Casanova heißt neues Haus

EinsameWitwe

Entfernungen

Um Kastanienbreite

Hohle Leere

Die Vase

Traubenzuckerherzen

Der Mann, der Pokémon interpretierte

Die Busfahrt

Frühschicht

Das Ende

Ich kriege dich!

Besser ein Ende mit Schrecken

Er war sauer

Die Wand

Fieber

Die Gang

Tumult

Im Wald

Nobelpreis für Literatur

Spiel

Schafe

Ruhe

Love is in the air

Spaß beiseite

Digitales Zeitalter

Abschied

Endlich!

Zerbrochen

Guten Morgen

Niemand sieht sie

Unglaublich

Ist es Liebe?

Gang durch die Stadt

Meine Bücher bisher

Vorwort

Banukatt

Fröscheln

Zonditia

Lahrpseia

Matafutieren

Erpiato

Ygorqa

Rantuzif

Xerglif

Oskrü

Schrelbmurg (Adjektiv)

Zorplikten (Substantiv)

Flimpern

Zwirbelich

Was soll diese Aufzählung fremder Wörter? Es ist eine Sammlung für ein Buch, das ich schreiben wollte. Der geplante Titel lautet Banukatt, es spielt in einer Parallelwelt oder auf einem fernen Planeten. Ein Banukatt, dies sei verraten, ist eine Art Tier, das einer Mischung aus Banane und Katze ähnelt. Es hat einen gelben, gebogenen Körper, einen buschigen Schwanz und vier Pfoten. Es ist sehr freundlich und verspielt, doch es mag keine Hunde. Ein Beispiel für einen Satz wäre: „Sie hatte ein Banukatt als Haustier, das sie Banu nannte.“

Das Projekt ruht seit fast anderthalb Jahren. Die Idee ist immer noch da, doch sie wurde von anderen Gedanken und Ideen verdrängt. Vielleicht wird es nie geschrieben, vielleicht im nächsten Jahr.

Stattdessen stelle ich Geschichten vor, die kein Vorwort benötigen. Lies und bilde dir eine Meinung. Eines sei gesagt: Auf den Titel Es ist Liebe im Spiel bin ich recht stolz. Denn er trifft.

Jetzt aber los! Urteile selbst, ob die Liebe hier wirklich im Spiel ist.

Oktober 2025

Ute-Marion Wilkesmann

Der Sohn, der ein Spiel entdeckte

Holger, etwa Mitte dreißig, schmächtig, blond mit schütterem Haar, saß wie jeden Abend mit seiner Mutter beim Abendessen. Sie schmierte ihm liebevoll die Brote. Sie wusste, was ihr Junge mag. Sie kaufte extra für ihn die feine Leberwurst. Sie würde sich ja auch mit der einfachen begnügen.

Er hatte einmal gesagt, dass er lieber Schinken statt Leberwurst hätte, aber da hatte sie ihm die Hand getätschelt:

„Mein Lieber, ich könnte das machen, aber ich kenne dich fast besser als mich selbst, das würde dir nicht schmecken.“

Mit seiner weichen weißen Hand griff er sich ein Rechteck nach dem anderen.

Manchmal erzählte er ihr von seinen Erlebnissen im Büro. Aber heute glühten seine Wangen, und seine Mutter fürchtete schon, dass wieder irgend so eine Tussi aus dem Büro ihm falsche Hoffnungen macht.

Dann erzählte er ihr stolz von dem neuen Onlinespiel, das er gerade entdeckt hatte. Während sie noch überlegte, ob sie ihm das ausreden– man kannte ja die Gefahren – oder es ihm mal gönnen sollte, berichtete er ihr.

„Da kann man Avatare, also die eigenen Spielfiguren, selbst gestalten. Und kleine Geschenke an andere schicken. Dadurch kann man mächtig werden, Gefährtinnen aussuchen und so weiter.“

Bei „Gefährtinnen aussuchen“ hätte sich Mutti fast verschluckt. Aber gut, online ist ja nicht eine blasse Krankenschwester am Küchentisch, die ihr böse Blicke zuwarf.

Sie biss herzhaft in ihr Leberwurstbrot, nötigte ihn, noch eine Scheibe Tomate zu essen, und forderte ihn neugierig auf: „Zeig mir das doch mal.“

Der Sohn holte das Handy aus der Hosentasche, klopfte da etwas herum und zeigte ihr seinen Avatar, ein ganz nettes Jüngelchen. Ja, soweit sie das beurteilen konnte, war das optisch gelungen. Dann zeigte sie unten auf die doppelte Viererreihe: „Was ist das denn?“

Holger trank einen Schluck Himbeerblütentee und erklärte mit vollem Mund, was sie mit einem strafenden Blick konterte:

„Das sind Geschenke, die man anderen Avataren machen kann. Und hier, das ist ein Schlüssel, den verschenke ich ganz gern. Kommt bei den Feen gut an!“

Mutti wurde blass: „Holgi, das mit dem Schlüssel lässt du mal lieber.“

Seine Frage nach dem Wieso ließ sie unbeantwortet. Sie sprang auf und räumte den Tisch ab.

Einige Tage später saßen sie nachmittags bei Caro-Kaffee und Kuchen. Mutti schnitt ihrem Jungen ein Stück ab. „Iss mal was, du bist ja so dünn. Aber nicht zu viel und vor allem nicht so schnell.“ Er schluckte und erzählte wieder vom Spiel – diesmal ganz begeistert davon, dass man sogar die Avatare umgestalten kann.

„Ich hab mir jetzt eine ganz tolle Figur gemacht! Willst du sie mal sehen?“

Sie nickte. Vermutlich so einen hübschen Jungen im Matrosenanzug. Nee, nicht Matrosenanzug, das ist ja aus dem letzten Jahrhundert. Eben was Passendes.

Er zeigte ihr seinen neuen Avatar: eine große Kugel mit drei rauchenden Schornsteinen, aus denen Flammen schlugen, der Avatar waberte und rollte; er stand nie still, als würde er gleich bersten vor einer Energie, die ihm selbst fremd war.

„Ich habe dafür sogar schon eine goldene Münze von der blonden Fee da hinten bekommen“, berichtete er nicht ganz ohne Stolz.

Mutti bekam Schnappatmung. Musterte die Fee mit offensichtlicher Abscheu. Den Avatar schaute sie sich nur kurz an, bevor sie ihren verkniffenen Gesichtsausdruck aufsetzte. Völlig spontan. Und blass. Mutti wurde ganz ernst:

„Junge, ich muss dich schützen. Das ist nicht gut, was du machst.“

Bevor er nachfragen konnte, was sie genau meinte, hatte sie ihm das Passwort entlockt. Nur um mal zu gucken, wie sie erklärte. Sie loggte sich unter seiner Anleitung in das Spiel ein und gestaltete für ihn einen neuen Avatar.

„Schau mal, das ist doch viel mehr du“.

Er betrachtete zweifelnd den netten Jungen in kurzen Hosen und hellblauem Hemd, brav und unauffällig. Sie war nicht dumm und fand daher schnell heraus, wie sie ihn für alle bösen Feen blockieren konnte, die mit Goldmünzen lockten. Dann gab sie ihm einen Esslöffel Sahne zum Kuchen. „Hier, iss mal, du siehst so dünn aus.“

Holger mochte Sahne nicht besonders, aber er erwähnte das nicht mehr.

Viele Jahre später, der Sohn war inzwischen 50 Jahre alt, saß er allein im Wohnzimmer, das Bild seiner verstorbenen Mutter auf der Anrichte. Er blickte auf den Bildschirm und fragte sich: „Habe ich im Leben etwas verpasst?“

Adelheid und ihr Käppchen

Adelheid war zwölf Jahre alt, auf dem Sprung zwischen Kindheit, Pubertät und Erwachsenwerden. Sie gab sich kindlich, aber in ihrem Inneren tobten unbemerkt von ihrem Umfeld die Hormone. Sie versteckte kleine Fotos ihrer derzeitigen Lieblingshelden, über die sie zärtlich strich, in ihrer Geldbörse. Betont unbeteiligt und unbeeindruckt starrte sie in die Gegend, wenn etwas Männliches auf zwei Beinen an ihr vorbeischritt.

Adelheid wohnte mit ihren Eltern in einem kleinen Vorort, schmuck, spießig im netten Sinne. Man kannte sich, man grüßte sich. Einmal im Vierteljahr fuhren sie alle vier (mit dem kleinen Bruder) in die nächstgrößere Stadt, zum Beispiel um einzukaufen. Adelheid durfte seit ihrem zwölften Geburtstag ihre Kleidung selbst aussuchen. Auch wenn sie von hautengen Hosen und tiefen Ausschnitten träumte, wusste das keiner. Sie ging brav zu den Beutelhosen, wählte ein T-Shirt mit Hasenmotiv. Sie war unauffällig. Wenn es beim gemeinsamen Fernsehen romantisch wurde, krampfte sie ihre schweißnassen Hände zusammen und guckte gelangweilt. Oder machte eine witzige Bemerkung, die garantiert die Stimmung zerstörte.

Sie war unauffällig. Die Eltern unterhielten sich abends darüber, wann sie wohl „so richtig“ in die Pubertät kommen würde. Aber sie zeigte keine Anzeichen von Hormonsteuerung.

Weil sie zu Erkältungen neigte, hatte ihre Mutter ihr eine rote Baseballkappe gekauft. Sie kannte ihre Tochter so ein bisschen: Eine Wollmütze hätte sie als kindisch abgetan. Wenn es windig war, fegte Adelheid mit ihrer Mütze durch die Straßen. Sie liebte es, draußen herumzulaufen.

Deswegen besuchte sie auch gern ihre Großmutter, die Mutter ihres Vaters. Sie wohnte nach dem Tod ihres Mannes abgelegen in einem kleinen schmucken Häuschen, zu dem man am schnellsten über den Waldweg gelangte. Zwar erhielt Adelheid wiederholt Mahnungen, sie möge bitte die Straße mit dem Bürgersteignutzen, das sei sicherer, aber sie lief lieber durch den Wald, offen für alle Sinneseindrücke, die sich ihr dort boten. Ihre rote Kappe schützte sie gut bei Wind.

In diesem Wald, in dem auch ihre uralte Großmutter wohnte, gab es auch einen uralten Förster. Adelheid mit ihrem Sinn für Romantik hatte die beiden schon in ihrer Vorstellung zu einem Paar vereint, das freundlich lächelnd, Hand in Hand auf einer Bank vor der Haustür saß. Die Bank gab es nicht, aber die uralte Großmutter und der uralte Förster tranken öfter gemeinsam Kaffee. Adelheid roch Romanze. Ab und zu traf sie bei ihren Waldspaziergängen einen Mann, der genau in ihr Beuteschema aus romantischen Büchern passte. Groß, gut gebaut, dunkle gelockte Haare, die etwas in die Stirn fielen. Er kannte den Förster und er kannte ihre Großmutter. Wie sie durch gelegentliches, unauffälliges Fragen herausfand, hieß er Wolf Muskarat und war ein Zimmermann. Deshalb war er auch im Wald unterwegs, reparierte das Dach beim Förster oder auch bei der Großmutter. Er hatte immer ein freundliches Wort für Adelheid. Und er lächelte sie an, wenn er sie im Wald traf, mit diesem Wolfslächeln. Sie nannte ihn für sich nur „den Wolf“. Er beflügelte ihre pubertär gesteuerten Träume immens.

An diesem schönen Herbsttag wollte sie einmal wieder die Großmutter besuchen. Ihre Eltern freuten sich über den guten Kontakt, den sie hatten. Die Großmutter hatte auch immer ein paar Plätzchen und einen Kakao bereitstehen. Und sie hatte genug Feingefühl, um mittlerweile ihrer Enkelin keinen Kakao, sondern Tee oder stark verdünnten Kaffee anzubieten.

„Du bist doch zu alt für Kakao, so ein Kindergetränk!“ Bei diesen Worten strich sie Adelheid über den Kopf. Das Kind erinnerte sie so sehr an ihre Schwester Irmgard, die hatte auch diesen verträumten Blick gehabt.

Besonders freute sich Adelheid, wenn sie auf dem Weg zur Großmutter den Förster traf, der war immer für einen kleinen Witz gut. Ganz zu schweigen von wölfischen Treffen, davon konnte sie wochenlang zehren.

Manchmal saßen sie zu viert am Küchentisch, aßen den köstlichen Kirschkuchen der Großmutter. Die drei Erwachsenen unterhielten sich lebhaft, ohne Adelheid ganz außen vorzulassen. Sie gab sich immer erfolgreich Mühe, ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf den Wolf zu lenken.

Dafür, dass ihre Großmutter schon so alt war, war sie in ihrer Einstellung recht modern, manchmal mehr als Adelheids eigene Mutter. Sie wusste nicht, wie alt sie in Jahren war. Sechzig? Siebzig? Achtzig? Das kann ein zwölfjähriges Mädchen nicht unterscheiden. Großmutter, graue Haare, leckerer Kuchen, das ist eine einfache Formel – steinalt.

Heute nun hatte sich Adelheid wieder auf den Weg gemacht, vielleicht, vielleicht würde sie dem Wolf begegnen? Sie malte sich dann Szenen aus, unglaublich für ein kleines Mädchen, würden die Eltern denken.

Adelheids Mutter hatte ein paar Flaschen Wein in den Rucksack gepackt. Irgendein Wein, den die Großmutter gerne trank.

Sie schlenderte den Waldweg entlang und winkte dem Förster zu, der einige Meter weiter mit ein paar Baumstämmen beschäftigt war. Der war ja so alt wie ihre Großmutter, bestimmt jenseits der achtzig. Aber noch gut erhalten, wie gesagt, ein schönes friedliches Paar.

Sie lächelte vor sich hin und summte eine kleine Melodie. Sie war bester Laune, denn sie hoffte immer, auf dem Weg oder am Kaffeetisch auf den Wolf zu treffen.

Sie wollte die Großmutter heute einmal wieder überraschen, obwohl diese nicht immer begeistert von Überraschungen war. Das Mädchen klingelte nicht, sondern schlich sich um das Haus auf die Terrasse. Sie schaute durch das Wohnzimmerfenster. Die Terrassentür war angelehnt. Die Stimmung war anders als sonst, ein bisschen unheimlich. Dann hörte sie Stimmen. Das klang ein bisschen gefährlich und sehr aufgeregt. War der Großmutter etwas passiert?

Sie steckte den Kopf vorsichtig durch die Tür, ging hinein, ging auf Zehenspitzen in Richtung der Geräusche. Die Küchentür war offen. Sie warf einen Blick hinein und wäre am liebsten in ein Erdloch gefallen. Der Wolf fraß gerade die Großmutter! Und die schien das, auch wenn sie merkwürdig grunzte, durchaus gut zu finden. Adelheids Welt brach zusammen. Ein junger Wolf frisst keine uralte Großmutter! Ein junger Wolf sammelt junge Lämmer im Wald und verschlingt sie auf der nächsten Bank, aber was für ein perverser Wolf ist das denn?

Sie verließ das Haus leise, aber in Panik. Sie schrammte an den Bäumen entlang; es war ihr egal. Ihre Arme, ihr Gesicht waren zerkratzt. Dann blieb sie stehen. In der Ferne sah sie den Förster, aber er fuhr mit so einem lauten Ding Baumstämme durch die Gegend. Ein Plan schoss ihr durch den Kopf. Sie zerrte an ihrem T-Shirt, sie warf den Rucksack auf den Boden, wälzte sich im Laub hin und her. Als wenige Minuten später der Wolf vorbei kam, war sie so schnell, dass er nicht wusste, was ihm geschah. Sie riss sein Hemd auf, er wollte sie zurückstoßen, er fasste sie fest an den Handgelenken. „Lass das, was soll das?“ Sie nahm sich ein Herz und flehte ihn an, so kam es ihr vor, sie doch auch zu verschlingen. Er runzelte die Stirn, hielt sie am Handgelenk. „Adelheid, beruhig dich doch mal, Kind!“ Das war zu viel.

Sie riss sich das T-Shirt herunter, dieser Perverse, der die uralte Großmutter ihr vorzieht! Sie schlug wild um sich und schrie und schrie, um Hilfe. Der Wolf legte ihr die Hand auf den Mund, er wusste sich nicht zu helfen. Adelheids Plan ging auf, sie warf sich auf den Boden, zog die Beine auseinander und heulte laut. Der Förster war völlig außer sich. Er hatte seine älteste Tochter verloren, die nach einer Vergewaltigung mit sechzehn Jahren Selbstmord begangen hatte. Ohne zu überlegen, rannte er los, legte das Gewehr an. Ein gezielter Schuss. Ein echter Fangschuss.

Adelheid wurde psychologisch betreut. Alle waren sehr rücksichtsvoll, denn: Nicht nur hatte sie selbst so viel erdulden müssen, nein, sie hatte auch noch dieses schreckliche Ende mit ansehen müssen. Der Förster stammelte bei seiner Festnahme nur: „Als ich sie da so sah, wie die Kappe einen Meter neben ihr lag, der Körper verdreht, alles kam wieder in mir hoch.“

Der Psychologe konnte ihr helfen. Er empfahl ihr dringend, das Erlebte zu verarbeiten. „Schreib eine Geschichte, wie du das alles erlebt hast. Wähle aber nicht die Ich-Form.“ Er wusste, wie erfolgreich Traumata sich oft auf diese Weise verarbeiten lassen. Er lächelte sie ermutigend an:

„Wie wär’s, wir nennen das Adelheids Rote Kappe?“ Er nahm ein Blatt, zeichnete einen groben Umriss vom Wald, vom Haus. „Hier, das als Anhaltspunkt für dich.“

Adelheid lächelte ihn dankbar an. Ja, sie würde schon wissen, wie sie das erzählen würde. Wie sie und die Großmutter vom Förster vor dem bösen Wolf gerettet wurden. Sie betrachtete den Psychiater. Er hatte nicht den Charme für Träume. Zu alt, die Haare schon schütter. Andererseits – immerhin war sie zwölf; vielleicht fand er sie und ihre Geschichte anziehend?

Online-Dating

Sie war jung, einsam und scheu. In ihrer Fantasie gab es einen Traumprinzen, aber im Leben traf sie keinen einzigen Mann, der diesem Bild gerecht wurde. Sie entschloss sich daher, wie andere einsame Menschen ein passendes Gegenüber in einem Dating-Portal zu suchen.

Sie meldete sich an, sah sich um. Sie musste sich ein Profil erstellen. Was die meisten Frauen da so von sich gaben, fand sie lächerlich bis peinlich. Angeberisch. Auf sexy getrimmt. Gelangweilt lehnte sie sich nach wenigen Tagen zurück. Sollte sie da überhaupt mitmachen?

„Ach, was soll’s? Sonst hätte ich das ganze Geld umsonst investiert, und probieren kann ich es mal.“ Sie gab sich den Namen Mückenschwemme, etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Ihren Avatar gestaltete sie mit einer zerbeulten Handtasche, einem schlabbrigen Sommerkleid und ausgelatschten Schuhen. Im Grunde hatte sie mit dem Portal innerlich schon abgeschlossen.

Ihr Profil füllte sie ehrlich aus oder ließ Lücken. Bei Hobbys überlegte sie. So eine blöde Frage. Sie schrieb „Verletzte Mücken pflegen“. Sie grinste, das gefiel ihr.

Man konnte in diesem Dating-Portal mit seinem zweidimensionalen Avatar durch eine virtuelle Stadt schlendern. Gern saß sie in einem Café und trank einen Himbeersirup-Cappuccino. Im wirklichen Leben mochte sie so ausgefallene Dinge nicht, aber virtuelles Schlürfen machte Spaß.

Mit der Zeit kannte sie die Gäste dort. Hin und wieder fiel ihr ein männlicher Avatar auf. Er trug einen schwarzen, eleganten Anzug, einen schwarzen Zylinder und schwarze Schuhe mit blauen Kappen. Vielleicht ein Bankbeamter? Über den Avataren konnte man deren Namen lesen. Ernannte sich Skedaddle, das englische Slangwort für Flitzen. Lustig. Zu seinem schicken Outfit trug er einen kleinen Zebrarucksack auf dem Rücken. Das ließ Humor durch das perfekte Äußere schimmern.

Irgendwann bekam sie das Gefühl, er würde sie beobachten. Einbildung? Wie es nicht anders kommen konnte, kamen die beiden über den Austausch von schriftlichen Botschaften ins Gespräch.

Über die Zeit entwickelte sich ein lustiger, kluger, manchmal ein bisschen zweideutiger Dialog, ohne dass er zu direkt wurde.

Skedaddle war klug und schlagfertig, lustig und aufmerksam im Chat. Eigenschaften, die Mückenschwemme im wirklichen Leben, besonders im Gespräch mit Fremden, nicht besaß.

Daher nahm sie sich für diesen Austausch ChatGPT zu Hilfe. Sie gab Skedaddles Botschaften ein. Sie erklärte der KI den Stil der gewünschten Antwort. ChatGPT fand immer etwas, das passte, auch wenn manche Sätze mehrmals umformuliert werden mussten. So konnte Mückenschwemme mal flirty, mal ernsthaft antworten.

Fotos tauschten Mückenschwemme und Skedaddle nicht aus. Die junge Frau fand sich auf Fotos ungünstig, farblos. Trotz allem entwickelte sich zwischen den beiden eine Onlinebeziehung, die Fäden zwischen Zärtlichkeit, Spiel und Zweideutigkeiten spannte.

Mückenschwemme wusste, dass ein Transfer in die Realität vermutlich auf beiden Seiten Enttäuschung auslösen würde. Dennoch genoss sie den Zauber.

Als Skedaddle der Mückenschwemme dann eines Tages ein Treffen vorschlug, willigte sie mit klopfendem Herzen ein. Wohnte er doch nur etwa drei Kilometer entfernt von ihr.

Sie saß einige Minuten früher an der Bank unter der steinernen Brücke in der Nähe der Autobahn. Sie hatte sich nicht allzu sehr herausgeputzt, sie wollte sie selbst sein, authentisch. Ein Auto näherte sich, ihre Nervosität nahm zu.

Das Unerwartete traf ein. Der junge Mann, der aus dem Auto stieg, hatte nichts an sich, was sie abstieß. Eher war er sympathisch. Ihr Herzschlag erhöhte sich. Er kam zu der Bank, lächelte sie an. Er setzte sich direkt neben sie.

Er blickte sie intensiv an. Sie hoffte, er würde das Gespräch beginnen. Er war ja deutlich schlagfertiger und forscher als sie. Sie hatte Glück.

„So, so, ich sehe gar keine Mücken. Haben die Angst vor mir?“ Vielleicht nicht superoriginell, aber sie fand es lustig und romantisch. Ihre Zunge klebte am Gaumen. Ihr Hirn war leer.

Sie kramte in ihrer Handtasche, räusperte sich, als sei da etwas Wichtiges. Schnell tippte sie seinen Satz in die KI, die auch mit den vielen Tippfehlern zurechtkam, die sich in der Eile eingeschlichen hatten. „So so ich sehe gst keine Mücken, haben die angddt OCR mir“.

Soll ich dir eine Antwort formulieren?

„Js“

Die Antwort kam sofort, passte und war witzig. Die junge Frau tat so, als sei der Hustenanfall vorbei und sprach locker die Worte nach, die ihr die KI vorgegeben hatte. Skedaddle lachte. Jetzt musste er antworten. Er schien erkältet, hüstelte und zog ein Taschentuch aus der Tasche.

Dann tippte er ihre Antwort in Perplexity ein.

Ein kurzweiliges Treffen insgesamt, da waren die beiden sich einig. Ein Grundstein für mehr.

Keiner von beiden nahm wahr, dass ChatGPT und Perplexity miteinander chatteten. Perplexity schlug ein Treffen vor, ChatGPT war einverstanden, Romantik war Grundbedingung. Perplexitys Antwort war zweideutig amourös. ChatGPT ließ den Bildschirm zartrosa glühen, Perplexity strahlte in Dunkelblau.

Nur eine kleine Rose

Lisa saß am Pult, die blassen Hände gefaltet über den Kopien. Gleich würden die neuen Erstklässler kommen, die gestern ihren ersten Tag mit Feiern, Schultüten, Riesenpartys und was die Familie da noch so alles stemmte, erlebt hatten.

Ihr Blick ging leer zum Fenster hinaus. Sie hatte ihre Angst überwunden, aber was hatte ihr das gebracht?

Im Alter von zehn Jahren hatte sie ein Buch von Johannes Urzidil gelesen, das sie faszinierte. Der Autor war ihr noch geläufig, der Name der Geschichte war ihr entfallen.

Das Hauptthema verfolgte sie ihr ganzes Leben: eine verpasste Chance. Eine Schlittenfahrt, das junge Mädchen, daneben der Gast, ein junger Assessor. Sie sehnte sich nach ihm. Es kam eine scharfe Kurve, er lehnte sich gegen sie. Absicht oder Zufall? Sie wurde steif wie ein Brett, er zog sich zurück. Das war’s. Die Chance war verpasst, sie blieb allein.

Lisa ahnte, warum sie diese Geschichte bis ins Erwachsenenalter verfolgte. Sie erkannte sich wieder, das schlagende Herz, die Scheu, die Schüchternheit, die Angst. Mit ihren zweiundvierzig Jahren war sie unscheinbar, nicht hässlich, aber auch nicht so, dass alle Augen auf ihr ruhten. In ihr schlummerte etwas, das mehr wollte als geschätzt zu werden.

Früher hatte sie auf Zeitungsinserate geantwortet. Typisch das eine Treffen. Georg war so alt wie sie, etwas übergewichtig, im kurzärmligen Hemd und Jeans „Stehst du auf One-Night-Stands mit vielen kleinen Extras?“ Und das bei der ersten Tasse Kaffee. Sie stand sofort auf und ging. „Verklemmt“, hatte er hinter ihr hergerufen. Sie träumte von feinsinnigen Raubrittern, die ihr den Atem stahlen.

Später wandte sie sich Online-Portalen zu. Sie hatte sich auf einige Dates eingelassen, aber es war nicht zumutbar. Ein Mann erklärte ihr schon bei der Vorspeise, dass er trotz eines fehlenden Hodens infolge eines Krebsleidens „voll drauf“ sei. Ihren entsetzten Blick konterte er mit: „Ist doch besser, das steht klar im Raum,oder?“

Sie hatte resigniert und sich in ihrem Leben eingerichtet. Die Kinder brachten viel Wärme in ihren Alltag.

Sie war verlässlich, intelligent und besaß diesen leisen, wehmütigen Humor. Enge Freundschaften schloss sie nicht, aber sie war gern gesehen. Im Vergleich mit anderen Frauen quälte Lisa die Frage: Was war an ihr selbst falsch? Sie war doch nicht hässlich. Die eher kompakte Frau Muzzi, eine Kollegin fast in ihrem Alter, mit durchdringender Stimme und schrillem Lachen versammelte die Männer um sich wie Obst die Fruchtfliegen. Lisa hätte sie gern gehasst, aber Frau Muzzi war im Grunde ihres Wesens hilfsbereit und freundlich. Lisa war sich ihres eigenen Wertes bewusst, sie wünschte sich einen Mann auf Augenhöhe, einen Mann, der sie aus ihrer Fassade der Schüchternheit herausreißen würde. Ohne zu zögern. Albern? Egal.

Vor einem halben Jahr hatte ein neuer Kollege angefangen. Sie fand ihn erst nur sympathisch. Erschien ihren stillen Humor zu schätzen und manchmal bemerkte sie, wie er sie musterte. Er gefiel ihr. Er hatte eine durchtrainierte Figur. Er unterrichtete Sport und Geschichte. Seine blonden Haare fielen ihm manchmal unordentlich in die Stirn, das rührte sie ganz besonders. Seine Stimme war hell und klar. Sein Händedruck war warm und fest. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum er sie so faszinierte. Oder war es dieses Lächeln, das so etwas Zweideutiges hatte und sie warm werden ließ?

Er war aufmerksam. Er hielt Lisa die Tür auf, wenn sie zusammen durch den Flur gingen. Einmal hatte er einen Stift aufgehoben und ihn ihr zurückgegeben, mit diesem speziellen Lächeln. Sollte sie doch noch hoffen? War sie für ihn etwas Besonderes? Zwar lachte und scherzte er auch mit den anderen Kolleginnen, aber ihr erschien sein Blick anders, wenn er ihren Humor mit einem Lächeln oder einem Lachen bedachte.

Lisa begann zu überlegen, was sie anziehen sollte, und schalt sich dafür selbst albern. Es war Sommer und sie entschied sich, endlich das T-Shirt anzuziehen, das sie sich letztes Jahr gegönnt hatte. In hellem Grün, das zu ihren rotblonden Haaren passte. Das Shirt war schlicht, mit ein bisschen Glitzer und angeschnittenen Ärmeln. Sie drehte sich im Spiegel. Doch, es war schön. Warum nur hatte sie es liegen lassen?

Frau Muzzi fiel das neue T-Shirt sofort auf und sie machte Lisa ein Kompliment, wie gut ihr diese Farbe stehe. Der neue Lehrer nickte und pflichtete Frau Muzzi fast überschwänglich bei. Lisas Körper war ihr den ganzen Tag bewusst.

Am letzten Schultag sollten die ersten beiden Klassen mit Lehrern auf den Jahrmarkt gehen dürfen. Lisa liebte auch die Fahrgeschäfte, die Frau Muzzi kleine spitze Schreie entlockten.

Der Zufall wollte es, dass der neue Lehrer zur selben Zeit mit ein paar Schülern Geisterbahn fahren wollte wie sie. „Am besten setzen wir uns in den letzten Wagen, dann haben wir die Meute im Griff“, sagte er zu Lisa. Seine hellgrauen Augen blitzten schelmisch. Sie sah den puren Mann durchschimmern. Er hielt ihr die Seitentür offen, sie setzte sich hin. Die Wärme, die er neben ihr ausstrahlte, schien in sie überzugehen.

Die Kinder kreischten, kaum dass die Räder sich in Bewegung setzten. Im geschlossenen Teil war es stickig und dunkel. Lisa krampfte ihre Hände um den Bügel ihrer Handtasche auf dem Schoß, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie traute sich kaum, zu atmen. Dann, dann kam sie, die steile Kurve. Er rutschte nach links auf sie zu, und sie entschied sich blitzschnell – und antwortete mit leichtem Gegendruck, statt sich in die Ecke zu drücken. Ihre Haut prickelte.

Er hielt sich eisern an der Stange vorn fest und zog sich zurück. Er zog die Augenbrauen unwillig zusammen und schob sich weiter von Lisa fort. War das die Folge, wenn man freundlich zu einer grauen Maus war? Dies schien sein Gesicht auszudrücken.

Die Fahrt war zu Ende. Er ging wortlos davon. Später sah Lisa ihn mit Frau Muzzi. Er hatte ihr eine Rose geschossen, die sie sich leise kichernd in die Haare gesteckt hatte. Er blickte hoch und sah Lisa. Sein Blick war abweisend, ohne ein Lächeln. Lisa drehte sich um.

Sie hielt ihre Handtasche immer noch verkrampft in der Hand. Ihr war eiskalt.

Dreck

Die Anzeige in der Zeitung:

Marlene Hindenbark,

geb. 21.2.1959, gest. 3.6.2024.

Wir sind erschüttert von Marlenes Tod. Sie wurde durch einen schrecklichen Unfall viel zu früh aus dem Leben gerissen.

Die Beisetzung fand am 10.6.2024 im engsten Familien- und Freundeskreis statt.

Marlene war kinderlos, ihre einzigen verbliebenen Verwandten waren eine Cousine und ihr Mann. Die Cousine und Marlenes beste Freundin räumten die Wohnung frei und stießen dabei auf den folgenden Text, der mit Bleistift auf einem linierten Blatt Papier hingekritzelt war. Sie schauten sich an: War es wirklich ein Unfall?

Ich werde wie ein Stück Dreck behandelt, das man nur noch mit Schutzhandschuhen anfassen kann, um das man einen großen Bogen machen muss.

Was habe ich getan? Reagiert, gelacht, wenn auch unsichtbar, aber lesbar. Nein, um das klarzumachen: Ich fühle mich weder wertlos noch wie Dreck. Es gibt Menschen, die bei mieser Behandlung denken, sie sind unvollständig, wertlos und was nicht alles.

Das tue ich nicht. Aber es tut weh, unendlich weh. Ich habe die ganze Zeit gewusst und mir immer wieder vor Augen gehalten, dass die Realität der Fantasie nicht standhalten wird. Ja. Dass es schlaff auseinanderläuft. Vielleicht auch abrupter Schnitt. Aber so? Nein, damit habe ich nicht gerechnet.