Es werde Mensch - Jörg Bör - E-Book

Es werde Mensch E-Book

Jörg Bör

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Beschreibung

Die in diesem Buch gesammelten kurzen Meditationen richten sich überkonfessionell an Christen und alle an ethischen und religiösen Themen interessierten Menschen, unabhängig von Kirchenzugehörigkeit oder individuell gelebter Religiosität. Die Texte haben tröstende und ermutigende Aspekte des Evangeliums zum Inhalt. Sie wollen neue Blickwinkel zeigen und Anregungen zum Konflikt zwischen christlichen Idealen und gelebtem Alltag geben. Selbstkritisch hinterfragt der Verfasser auch seine eigene Religiosität und seine persönliche Sicht auf die Mitmenschen.

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Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Allgemeine Hinweise

Bibelzitate in den vorliegenden Texten folgen überwiegend der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984. Davon abweichende Zitierungen sind entsprechend angegeben.

Die Schreibweise biblischer Namen sowie der biblischen Bücher ebenso wie deren Abkürzungen orientiert sich an der Stuttgarter Erklärungsbibel.

Inhalt

Es werde Mensch

Das neue Gebot

Dem Nächsten Liebe schulden

Fürsprache

Hörende und verständige Herzen

Was uns antreibt

Gottes Eingreifen

Mit ganzem Herzen

Die erste Blüte

Es gibt keinen Gott?

Kann Gott bewiesen werden?

Der da ist!

Der Tempel Salomos – nur ein Irrtum?

Gott ist!

Der rechte Weg

Kamel und Nadelöhr

Maria, die Mutter Jesu

Nur wenige?

Demut

Der Jünger, den Jesus lieb hatte

Mutlos?

Schatz und Kaufmann

Gott zählt deine Tränen

Was willst du?

Ich komme bald!

Wahrheit und Güte

Der Feigenbaum

Gedeckt – verborgen – erhöht

Jesus dankt für den Kelch

Auch wir vergeben

Friede sei mit euch!

Geburt im Stall

Jesus weint über Jerusalem

Bedingungslose Liebe

Wer rollt den Stein vom Grab?

Christi Himmelfahrt – warum?

Sündopfer

Ein weißes Gewand

Steine werfen?

Das Endgericht

Es werde Mensch

Dieser Titel provoziert Widerspruch, denn die biblischen Schöpfungsberichte betonen, dass zwar alle Welt durch das schaffende Wort Gottes entstanden ist, der Mensch aber von Gott aus Erde zu seinem Bilde geschaffen wurde (1 Mo 1,27; 1 Mo 2,7). Das Johannesevangelium dagegen bestätigt, dass »ohne dasselbe (Wort) nichts gemacht ist, das gemacht ist«: Und dann kommt die großartige Kunde des Evangeliums: »Und das Wort ward Fleisch!« (Joh 1,14)

Dieses Buch soll nicht die Schöpfung Gottes, das Werden der Natur und letztlich des Menschen betrachten, hier steht der zentrale Gedanke des Evangeliums im Mittelpunkt: Gott ist für uns Mensch geworden!

Gott schuf den Menschen sich zum Bilde – und dann wird er selber Mensch? In diesem Geschehen zeigt sich die Größe der Gnade Gottes, denn durch die Sünde sind wir Menschen nicht sein Ebenbild geblieben. Zur Zeit Noahs musste Gott feststellen, dass auch die Menschen Fleisch waren, also dem Fleischlichen zu sehr verhaftet waren (vergl. 1 Mo 6,3). Um uns aber in den gottgewollten Zustand zurückzuführen, nahm der Dreieinige im Sohn Menschengestalt an. Damit dieser Plan in vollem Umfang erfüllt werden kann, ist eine Entwicklung des einzelnen Menschen erforderlich. Und in diesem Sinne verstehen wir die bedeutungsvolle Aufforderung: »Mache es wie Gott – werde Mensch!«

Hier wird der im Johannesepilog dargestellte Prozess umgekehrt. Das Fleisch soll also wieder dem Wort gleich werden. Dazu muss das Wort angenommen, verstanden und umgesetzt werden.

Diese Lektüre möchte dies unterstützen und einige Anregungen zum Verständnis verschiedener Aspekte des Evangeliums anbieten. Es sind tröstende und ermutigende, aber auch zum Nachdenken anregende Betrachtungen. Möge die Liebe Gottes uns alle begeistern und uns zurückführen zu unserer Bestimmung: »Denn es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es offenbar wird, werden wir Ihm gleich sein; denn wir werden Ihn sehen wie er ist.« (1 Joh 3,2)

Das neue Gebot

Grundlage des Alten Testamentes ist das mosaische Gesetz. Dieses ist eine hervorragende und weitgehend zeitlose Orientierung für das Miteinander von Menschen. Man erkennt die große Bedeutung nicht nur daran, dass seine Grundprinzipien über Jahrtausende hinweg in vielen Staaten des Abendlandes Grundlage der Gesetzeswerke sind. Seine Bedeutung wird in allen drei abrahamitischen Religionen respektiert und die Grundidee dieses Gesetzes spiegelt sich auch in anderen Weltanschauungen wider, z. B. im Konfuzianismus oder im Sozialismus.

Jesus hat diese Grundidee zusammengefasst, indem er zwei Gebote aus dem mosaischen Gesetz hervorhob: Gott von ganzem Herzen zu lieben und seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst (Mt 22,34-40). Damit zeigte er gewissermaßen den Status quo zu seiner Erdenzeit auf.

Aber Jesus ist nicht gekommen, damit alles unverändert weitergehen sollte. Sein göttlicher Auftrag war, Neues zu schaffen. Dabei hat er nicht nur auf neue Möglichkeiten für das menschliche Miteinander hingewiesen, sondern insbesondere einen neuen Zugang der Menschen zu Gott eröffnet.

Dies hat er in dem neuen Gebot zusammengefasst, das er in den bedeutungsvollen Stunden vor seinem Opfertod seinen Jüngern in die Seelen schrieb: »Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe!« (Joh 15,12)

Vergleicht man dieses neue Gebot mit der Zusammenfassung des mosaischen Gesetzes, fällt bei oberflächlicher Betrachtung kaum ein Unterschied auf. Aber warum spricht Jesus dann von einem neuen Gebot (Joh 13,34)? Sieht man genauer hin, stechen zwei markante Unterschiede hervor:

Jesus setzt einen neuen Maßstab. Es ist ein Unterschied, ob ich meinen Nächsten so liebe wie mich selbst oder so, wie Jesus ihn und mich liebt! »Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.« (Joh 15,13) Freiwillig nimmt Jesus die Sünde der Menschen auf sich und geht für uns in den Tod! Damit hat er bewiesen, dass er uns mehr liebt als sich selbst.

Es fällt auf, dass in Joh 13,34 und Joh 15,12 unterschiedliche Zeiten verwendet werden, nämlich Präsens oder Perfekt: »… wie ich euch liebe« oder »… wie ich euch geliebt habe«. Sicher ein Detail, denn allen ist sicher bewusst, dass die Liebe Jesu mit seinem Opfertod zwar ihren Höhepunkt und ihre Erfüllung fand, aber damit nicht aufgehört hat. Doch die Verwendung des Perfekts hebt einen Aspekt hervor, den Apostel Johannes in seinem ersten Brief deutlich macht: »Lasset uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!« (1 Joh 4,19) So ist die Liebe Jesu zu den Menschen nicht nur Maßstab, sondern auch Ursprung der Liebe der Menschen untereinander.

Dieses neue Gebot Jesu Christi stellt den Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament deutlich heraus und hebt so auch hervor, wie sich das Evangelium Christi von den anderen abrahamitischen Religionen abhebt: Gottes Liebe geht auf die Menschen zu und ist sowohl Ursprung als auch Maßstab menschlicher Liebe. Die Liebe Gottes stellt keine Bedingungen. Gott erwartet nicht, dass der Mensch zuerst zu ihm kommt, sondern er ist mit dem Opfer Christi schon den ersten Schritt zu uns gegangen.

Dem Nächsten Liebe schulden

Römer 13,8

Einen ganz zentralen Aspekt des Christseins betont der Apostel Paulus im Römerbrief: »Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt.« (Röm 13,8)

Wie bei so vielen Worten des Apostels Paulus erschließt sich auch hier die Bedeutung nicht auf den ersten Blick. Wohl sieht man sofort, dass er hier das neue Gebot Christi aus Joh 13,34 aufgreift. Aber kann man dazu auffordern, nichts schuldig zu sein? Wir sind doch alle Sünder und somit schuldig geworden. Wer könnte uns von unserer Schuld freisprechen wollen?

Der Apostel beruft sich hier auf die Freiheit, die der Christ durch das Opfer gewinnt: Wer im Herrn erlöst ist, ist frei von Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten gegenüber allen anderen Mächten. Unsere einzige Verpflichtung ist die, die Jesus uns auferlegt, sein sanftes Joch. Und diese Verpflichtung legt er in seinem neuen Gebot fest: »Dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.« Damit hebt er nicht die zehn Gebote auf, denn »die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung« (Röm 13,10) und in den Geboten der Gottes- und der Nächstenliebe »hängt das ganze Gesetz und die Propheten«. (Mt 22,40)

Jesu neues Gebot macht einen besonderen Aspekt deutlich, der das Evangelium auszeichnet: Gott liebt den Menschen! Nie zuvor ist die Zuwendung des allmächtigen und ewigen Schöpfers so deutlich zum Ausdruck gekommen wie in Jesus Christus.

Wenn Apostel Paulus die Christen daran erinnert, dass sie in Jesus zur Freiheit berufen sind (Gal 5,13) und daher sonst niemandem etwas schulden, hat er wohl auch die Wechselwirkung mit dem neuen Gebot Christi im Blick. In dem Bewusstsein, dass Gott uns liebt, können wir als Christen sicher durch die Welt gehen. Wir schulden niemandem etwas, weil Jesus unsere Schuld trägt. Aber könnte uns das Wissen »Niemand hat Macht über mich!« nicht überheblich oder leichtfertig werden lassen? Diese Gefahr besteht nicht, wenn wir uns untereinander so lieben, wie Christus uns liebt. Und das »untereinander« schließt alle Menschen ein, die Christus liebt.

Dieser Gedanke macht es uns leichter, den anderen, der sich in so vielem von mir unterscheidet, zu lieben. Versuchen wir doch in jedem Menschen den zu sehen, den Jesus genauso liebt wie mich.

Fürsprache

Im ersten Brief des Apostels Johannes lesen wir: »Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.« (1 Joh 2,1) Diese Worte tun uns als Christen wohl, denn als Sünder sind wir auf die Gnade Gottes angewiesen.

Ein Erlebnis von Verwandten macht mir den Wert eines Fürsprechers besonders deutlich.

Ein junger Mann war mit dem Gesetz in Konflikt geraten und musste die Folgen tragen. Am Abend bevor er sich vor Gericht verantworten musste, gaben seine Eltern ihm die tröstliche Zusage auf den Weg: »Egal was geschieht, was du auch tust, unser Sohn bleibst du immer!« Seine Schwester – die mir dies später erzählte – war davon sehr beeindruckt.

Der junge Mann fand dann doch einen gnädigen Richter und kam mit einer glimpflichen Strafe davon. Er zog daraus auch seine Lehren und führte sein Leben unbescholten. Später heiratete er und gründete eine Familie.