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Jordan T.A. Wegberg

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Beschreibung

Ein Mann verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und stirbt bei dem Unfall. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass er eine hohe Dosis psychoaktiver Pflanzen im Blut hatte. Bislang lebte der Hobbyangler ein unauffälliges, geordnetes Leben. Wurde er vergiftet? Doch was könnte der Grund sein?

Keine leichte Aufgabe für den Berliner Mordermittler Joris Eichendorf, der sich zudem noch mit einer schmerzhaften Trennung, dem suspekten Freund seiner Tochter und  der theatralisch trauernden Witwe des Todesopfers auseinandersetzen muss. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, nicht als „ehemalige Frau“ enttarnt zu werden.

Eichendorf bleibt nur eine Möglichkeit: Er setzt alles auf eine Karte, um den wahren Täter zu entlarven ...

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Ein Mann verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und stirbt bei dem Unfall. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass er eine hohe Dosis psychoaktiver Pflanzen im Blut hatte. Bislang lebte der Hobbyangler ein unauffälliges, geordnetes Leben. Wurde er vergiftet? Doch was könnte der Grund sein?

Keine leichte Aufgabe für den Berliner Mordermittler Joris Eichendorf, der sich zudem noch mit einer schmerzhaften Trennung, dem suspekten Freund seiner Tochter und  der theatralisch trauernden Witwe des Todesopfers auseinandersetzen muss. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, nicht als „ehemalige Frau“ enttarnt zu werden.

Eichendorf bleibt nur eine Möglichkeit: Er setzt alles auf eine Karte, um den wahren Täter zu entlarven ...

Über Jordan T.A. Wegberg

Jordan T.A. Wegberg studierte Germanistik und Anglistik sowie Literaturvermittlung und Medienpraxis. Sieben Romane und über zwanzig Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Verlagen und Literaturzeitschriften. Sie wurden unter anderem mit dem Brandenburgischen Literaturpreis und der Goldenen Leslie des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Wegberg unterrichtet literarisches Schreiben und begleitet Autor*innen in Einzelcoachings auf dem Weg zur Veröffentlichung. Mit seinem Hund James wandert der leidenschaftliche Fotograf über 2500 Kilometer im Jahr. Er hört am liebsten Techno oder Vogelgesang, interessiert sich für Botanik und Psychologie, mag keine Schokolade und träumt häufig auf Englisch.

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Übersicht

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

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Impressum

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Sängerfahrt

Kühlrauschend unterm hellen

Tiefblauen Himmelsdom

Treibt seine klaren Wellen

Der ew’gen Jugend Strom.

Viel rüstige Gesellen,

Den Argonauten gleich,

Sie fahren auf den Wellen

Ins duft’ge Frühlingsreich.

Ich aber fass den Becher

Dass es durchs Schiff erklingt,

Am Mast steh ich als Sprecher,

Der für euch alle singt.

Wie steh’n wir hier so helle!

Wird mancher bald schlafen geh’n,

O Leben, wie bist du schnelle,

O Leben, wie bist du schön!

Gegrüßt, du weite Runde,

Burg auf der Felsenwand,

Du Land voll großer Kunde,

Mein grünes Vaterland!

Euch möcht ich alles geben,

Und ich bin fürstlich reich,

Mein Herzblut und mein Leben,

Ihr Brüder, alles für euch!

So fahrt im Morgenschimmer!

Sei’s Donau oder Rhein,

Ein rechter Strom bricht immer

Ins ew’ge Meer hinein.

Joseph von Eichendorff

Samstag, 12.10.

1

Ludger schulterte die Reisetasche, griff mit der freien Hand nach der Angelrute und stieg inmitten einer Schar von Passagieren aus der S 3. Sich zu orientieren, blieb keine Zeit, er wurde einfach weitergeschoben. Der Bahnsteig kam ihm sehr schmal vor für einen der wichtigsten Knotenpunkte der Bundeshauptstadt, doch noch ehe er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, trug ihn die Rolltreppe schon abwärts.

Er war erst zwei-, dreimal im Hauptbahnhof gewesen, das erste Mal kurz nach der Eröffnung, um sich das viel gepriesene architektonische Meisterwerk anzuschauen. Gerade rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft war es fertig geworden. An dem Tag hatte Deutschland gegen Schweden gespielt; er erinnerte sich an eine Flut gelb gekleideter schwedischer Fans, die singend und lärmend über die Gustav-Heinemann-Brücke in Richtung Innenstadt gezogen waren.

Auch heute dominierte Gelb den Blick durch die gläserne Fassade auf den Washington-Platz, doch diesmal war es das Herbstkleid der Bäume entlang der Spree.

Ludger hielt Ausschau nach einer Rolltreppe, die ihn in die nächsttiefere Ebene brachte, entdeckte dann aber einen gläsernen Aufzug, mit dem er die Sache abkürzen konnte. Er quetschte sich hinein und presste die Reisetasche an seine Brust. Im Abwärtsgleiten konnte er die große Uhr vor dem Ausgang sehen: 11 Uhr 21. Er hatte noch genügend Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Trotzdem würden einige seiner Angelfreunde schon auf dem Bahnsteig warten. Hans-Peter wahrscheinlich, der überließ nichts dem Zufall und ging als Vereinsvorsitzender immer mit gutem Beispiel für Zuverlässigkeit voran. Und Uwe. Der hatte das alles schließlich organisiert und würde es sich nicht nehmen lassen, jedem Einzelnen mit wichtiger Miene die Reiseunterlagen auszuhändigen.

Der Gedanke an Uwe verdarb Ludger beinahe die Stimmung. Sosehr er sich freute, ein Wochenende lang mit den Vereinskameraden in der Ostsee zu fischen – auf Uwes Gesellschaft hätte er dabei lieber verzichtet. Dieser aufgeblasene Wichtigtuer mit seinen Stammtischmeinungen zu allem und jedem! Aber ohne den Kassenwart lief bei Poseidon e. V. einfach nichts.

Ludger hatte das Gleis 7 gefunden. Während er den Bahnsteig entlangging, hielt er nach vertrauten Gesichtern Ausschau. Die hagere, hohe Gestalt von Hans-Peter erkannte er sogar von hinten, und bei ihm standen vier – nein, fünf weitere Angelfreunde. Uwe führte wie gewohnt ausladend gestikulierend das große Wort, alle anderen hörten ihm zu.

Ludger trat zu der Gruppe, ohne sich seinen Widerwillen gegen den Kassenwart anmerken zu lassen. Er grüßte freundlich, wurde seinerseits mit großem Hallo und Schulterklopfen begrüßt, ließ die schwere Tasche von der Schulter auf den Boden gleiten und fing gerade an, sich zu entspannen, als ihm Uwes verständnisloses Stirnrunzeln auffiel. »Du hast doch gesagt, du bist am Wochenende auf einer Familienfeier«, waren die ersten Worte, die er an das soeben eingetroffene Vereinsmitglied richtete.

Ludger spürte augenblicklich, wie sein Blutdruck emporschoss. Bedeutete diese Frage das, was er vermutete? »Ja, bei den ersten Planungen habe ich das gesagt. Und dass ich noch nicht genau wüsste, ob ich mitfahren kann. Aber beim letzten Mitgliedertreffen habe ich klipp und klar zugesagt.« Hilfe suchend wanderte sein Blick zu Hans-Peter. Der war schließlich dabei gewesen!

»Hm, das tut mir jetzt leid«, erwiderte Uwe und simulierte auf schmierige Weise ein Bedauern, das er ganz gewiss nicht empfand. »Das hab ich anders verstanden. Ich bin davon ausgegangen, dass du nicht mitkommst.«

»Ja, ich auch«, pflichtete Dieter ihm bei. Logisch. Dieser rückgratlose Speichellecker bestätigte alles, was Uwe sagte. Natürlich ist die Erde eine Scheibe, Uwe.

Die anderen schwiegen und blickten betroffen drein.

»Aber ich hab doch gesagt, dass ich mitfahre«, wiederholte Ludger. In seinem Kopf rauschte es. Ihm war unangenehm warm.

»Und ich bin davon ausgegangen, dass du es nicht tust.« Uwe hob die Schultern und breitete die Arme aus. »Ich hab für dich keine Zugfahrkarte und kein Hotelzimmer besorgt.«

»Da muss es doch eine Lösung geben«, schaltete sich Hans-Peter ein, »Ludger kann sich schnell noch eine Fahrkarte kaufen gehen, und im Hotel …«

»Für die Stadtrundfahrt sind aber auch nur zwölf Plätze bestellt«, schnitt Uwe ihm das Wort ab. »Und auf die Baltic gehen gar nicht mehr Leute drauf.«

Die Baltic war der Kutter, mit dem sie am Sonntag zum Hochseeangeln hinausfahren wollten; der eigentliche Zweck und Höhepunkt ihres Ausflugs. Alles andere hätte man vielleicht noch irgendwie regeln können. Ohne die Kutterfahrt jedoch war die gesamte Reise sinnlos.

»Ja, und nun?« Das war weniger eine Frage als ein Wutschrei. Ludger wusste, dass die Sache bereits entschieden war. Er würde wieder nach Hause zurückfahren, allein mit seinem Übernachtungsgepäck und seiner Angelrute, mit dem Relingklettband und den Pilkern und Twistern, die er extra für diese Reise besorgt hatte. Was für eine ungeheure Demütigung!

»Also, das tut mir wirklich total leid, Ludger.« Uwe legte ihm die Hand auf den Unterarm.

Ludger zuckte zurück wie bei einem Schlangenbiss.

»Ich verstehe, dass du jetzt enttäuscht bist, aber als ich die Liste mit den Teilnehmern angelegt habe, hast du hundertprozentig gesagt, dass du nicht mitkommst, das weiß ich ganz genau. Du hast doch erzählt, dass an diesem Wochenende Mitte Oktober deine Frau immer ihren Geburtstag feiert und dass du da auf keinen Fall …«

»Nicht ihren Geburtstag«, zischte Ludger. »Ich habe gesagt, dass sie die Genesung von ihrem Unfall feiert.« Es war vollkommen irrelevant, was Karoline feierte, es änderte nichts daran, dass er nicht mit nach Wismar konnte. Keine Busrundfahrt durch die historische Hansestadt. Kein lustiger Abend mit den Freunden. Kein Dorschangeln. »Da hast du dann wohl auch nicht so genau zugehört.« Diese Bemerkung verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung, aber sie prallte an Uwe ab.

»Beim nächsten Mal frage ich vor der Buchung noch mal jeden einzeln«, beteuerte Uwe mit geheuchelter Geduld, »falls wieder jemand in letzter Sekunde seine Meinung ändert.«

Die Retourkutsche. Platt und herablassend, wie er nun mal war.

Hans-Peter versuchte erneut eine Lösung anzubieten: »Vielleicht können wir den Kutter ja noch umbuchen?«

Ludger winkte ab. »Ist schon gut. Dann ist es eben so. Viel Spaß.« Er hängte sich die Tasche wieder über die Schulter, packte das Transportrohr mit den Angelsachen und stampfte ohne Abschied davon.

Während der nervtötend langsame gläserne Aufzug ihn zurück zu den S-Bahnen in die oberste Ebene brachte, knickten ihm beinahe die Knie weg. Die Wut war verraucht, an ihre Stelle war eine allumfassende, grenzenlose Enttäuschung getreten. Es war über fünf Jahre her, dass er zuletzt ein Wochenende ohne Familie verbracht hatte, und sosehr er Karoline, die Kinder und seine Enkel liebte: Er hatte sich auf diese Auszeit gefreut. Auf ein riesengroßes Jägerschnitzel mit Pommes, auf drei, vier oder fünf Gläser Bier ohne spitze Bemerkungen, auf Fachsimpeleien mit den Angelfreunden, auf eine Nacht ganz allein in einem Zimmer nur für sich, und vielleicht hatte das Hotel sogar so einen Bezahl-Fernsehkanal – warum nicht?

Obwohl Karoline sich bei ihrem Abschied heute Morgen betont kühl gegeben hatte, um zu unterstreichen, wie verletzt sie war, dass er erstmals nicht mit ihr gemeinsam diesen so wichtigen Jahrestag feierte, würde sie sich keineswegs freuen, wenn er gleich wieder nach Hause kam. Sie würde nachfragen und bohren und keine Ruhe geben. »Wie kann das denn sein? Warum hast du dich nicht durchgesetzt? Wieso lässt du so was mit dir machen? Hätte es keine andere Lösung gegeben? Und was hat euer Vorsitzender dazu gesagt? Findest du nicht, dass er sich mehr für dich hätte einsetzen sollen?«

Ludgers tiefer Seufzer ging in dem hydraulischen Zischen unter, mit dem die S 3 ihre Türen abermals für ihn öffnete.

Die kurze Strecke vom S-Bahnhof Karlshorst bis zu seinem Haus kam ihm lang und beschwerlich vor wie der Anstieg zu einem Aussichtspunkt im Mittelgebirge. Karolines Auto war fort. Das war eine gewisse Erleichterung, auch wenn es die unvermeidliche Konfrontation nur ein wenig hinausschob. Sie war wohl zum Einkaufen gefahren, und das konnte dauern, immerhin hatte sie morgen rund ein Dutzend Gäste zu bewirten – und seine Frau bemaß den Erfolg ihrer Feiern nicht zuletzt an der Menge der zur Verfügung gestellten Speisen und Getränke.

Dieser Gedanke weckte neuen Groll in Ludger. Ihn hatte sie nämlich vor vier Wochen auf Diät gesetzt, weil sie der Meinung war, er müsse etliche Pfund abspecken und ernähre sich im Übrigen viel zu ungesund. Sie hatte irgendeinen akribisch ausgetüftelten Plan erstellt, der sich um gute und schlechte, langkettige und kurzkettige Kohlenhydrate drehte und unterm Strich darauf hinauslief, dass er unter keinen Umständen etwas essen durfte, was schmeckte.

Man musste Karoline zugutehalten, dass sie sich ebenfalls daran hielt – zumindest abends, wenn Ludger zu Hause war –, obwohl sie überhaupt keine Gewichtsprobleme hatte. Der Ernährungsplan könne auch zur Entgiftung beitragen, sagte sie, und vielleicht würden ihre Allergien und Unverträglichkeiten dadurch abgemildert.

Na schön, aber Ludger hatte keine Allergien; er hatte schlicht Hunger. Er ging morgens schon mit knurrendem Magen zur Arbeit, weil dieser geschmacksfreie Brei aus Dinkelflocken, Chiasamen und Magerjoghurt überhaupt nicht sättigte, und dass er abends Möhrenstifte knabbern und ungesüßten Kräutertee trinken sollte, statt sich zum Feierabendbier ein paar Salzbrezeln schmecken zu lassen, schien ihm ein Verstoß gegen die Menschenrechte zu sein.

Er hatte das alles eigentlich nur ertragen, weil er sich auf das Wochenende in Wismar gefreut hatte. Beim Einschlafen hatte er von deftigen Fleischgerichten, Thüringer Klößen und sämigen Bratensoßen geträumt. Und nun waren auch diese Träume geplatzt.

Missmutig ließ Ludger sein Gepäck im Flur stehen, marschierte in die Küche und öffnete den Kühlschrank, aber wie erwartet grinsten ihm daraus nur Sojamilch, Blattspinat und Mineralwasser höhnisch entgegen.

Kurz überlegte Ludger, ob er Karoline anrufen sollte. Ihr sagen, dass er wieder zu Hause war und nun doch mit ihr feiern würde. Und ob sie ihm, wo sie ohnehin gerade beim Großeinkauf war, nicht noch ein paar Flaschen von dem leckeren Störtebeker Schwarzbier mitbringen konnte – zur Feier des Tages. Dann dachte er wieder an ihre frostige Verabschiedung heute Morgen und entschied sich dagegen.

Seine Angelfreunde saßen jetzt im Zug. Die ersten Schnäpse hatten sie bestimmt schon intus; Dieter hatte wahrscheinlich wieder diese kleinen Fläschchen mit Kirschwasser mitgebracht. Er konnte sie beinahe lachen hören. Vielleicht lachten sie auch über ihn. Wie er mit seinem Gepäck wieder abgezogen war, weggescheucht wie ein lästiger Köter. Die Scham der Erniedrigung stieg brennend in ihm hoch.

Ludger nahm sich eine Tomate aus dem Gemüsekorb und biss lustlos hinein. Er sah aus dem Küchenfenster hinaus auf den samstäglich stillen Carlsgarten, und plötzlich kam ihm das alles hier, diese vorstädtische Randlage, diese kleinbürgerliche Reihenhaussiedlung, diese Berechenbarkeit und Gleichförmigkeit, entsetzlich eng vor. Als würde er in einem Korsett stecken und hätte kaum Luft zum Atmen.

Entschlossen ging er ins Wohnzimmer und klappte den Laptop auf. Wer sagte denn, dass er auf Uwe angewiesen war, um sich ein schönes Wochenende zu machen? Er hatte ein Auto; in gut drei Stunden konnte er in Wismar sein, sagte Google Maps. Einer unbestimmten Ahnung folgend rief Ludger die Homepage jenes Unternehmens auf, das Angeltouren auf Kuttern anbot. Wie hieß das Schiff noch mal, das Uwe gechartert hatte – Baltic? Er fand ein Foto und die Beschreibung: 7 Schlafplätze, Zulassung bei Tagesfahrt bis zu 15 Personen.

Fünfzehn, nicht zwölf.

»Uwe, du falsche Sau«, murmelte Ludger vor sich hin und wurde von Erregung und Triumph durchströmt. Nächster Schritt. Die Website des Hotels. Er rief an und bestellte ein Zimmer. »Gar kein Problem, Herr Krohn«, sagte eine sympathische, weibliche, junge Stimme. Ludger hatte sofort ein Bild im Kopf und freute sich darauf, es noch heute Nachmittag mit der Realität abgleichen zu können. »Möchten Sie auch bei uns frühstücken?«

Und ob er das wollte. Mit einem zufriedenen Lächeln fuhr Ludger den Laptop herunter und klappte ihn zu. Er ging noch einmal in die Küche und wischte die Spüle trocken, in der er die Tomate abgewaschen hatte – es war nicht nötig, dass Karoline irgendetwas von seiner außerplanmäßigen Stippvisite mitbekam. Mit seiner Reisetasche und dem Angelrohr, die beide noch dort im Flur lagen, wo er sie hatte fallen lassen, verließ er das Haus.

Auf der Türschwelle stand ein Paket. Wieso hatte dieser Idiot von Zusteller denn nicht geklingelt? Ludger stellte die Reisetasche ab und bückte sich. Von der Konditorei Sachs, adressiert an Karoline. Da hatte ihr wohl jemand irgendwelche Köstlichkeiten zu ihrer Genesungsfeier schicken lassen. Vielleicht ihre Schwester oder ihre Freundin Dorothee. Oder die Kolleginnen aus der Kinderburg.

Ludger griff nach dem Schlüssel, um das Paket hineinzubringen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. So würde er sich verraten. Bestimmt rief sie ihn dann nachher an und fragte, ob er noch mal zu Hause gewesen sei, und auf dieses Gespräch hatte er keine Lust.

Und außerdem: Was immer in diesem Paket war, es wäre ihm als Proviant herzlich willkommen. Nur mit einem faden Brei aus obskuren Getreidesorten im Magen sollte man keine mehrstündige Autofahrt antreten. Das wäre nahezu verantwortungslos, oder? Er schob die Spitze des Autoschlüssels in den Schlitz des Kartons und durchschnitt damit das Klebeband. Innen befand sich eine Gebäckschachtel aus Pappe, bedruckt mit dem rot-weißen Schriftzug der Konditorei. Neugierig klappte Ludger sie auf.

Ah! Die Blätterteigstangen mit Käse und Sesam, die Karoline eine Zeit lang so gern gegessen hatte! Die hatte sie schon oft von aufmerksamen Freundinnen geschenkt bekommen, auch ihr Sohn hatte sie mal mitgebracht, soweit er sich erinnerte. Karolines Leidenschaft für dieses Gebäck war allgemein bekannt, hatte aber nachgelassen, seit sie sich so intensiv mit gesunden Nahrungsmitteln beschäftigte. Nun, offenbar hatte sich das noch nicht bei allen herumgesprochen.

Dass sie bei ihrem neuen Diätplan Blätterteigstangen aß, konnte sich Ludger nur schwer vorstellen. Karoline war so viel konsequenter als er. Als hätte sie überhaupt kein Verlangen nach Fettigem, Süßem, Salzigem. Wahrscheinlich würde sie auch morgen bei der Feier heldenhaft Mineralwasser trinken und Paprikastreifen knabbern, während alle anderen an ihrem legendären Büfett schlemmten. Manchmal empfand Ludger angesichts ihrer Verzichtbereitschaft eine gewisse Wut, aber das lag nur daran, dass sie ihm seine eigene Schwäche so überdeutlich vor Augen führte.

Er schnupperte an dem Backwerk. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. Es lag keine Karte und auch sonst kein Hinweis auf den großzügigen Spender im Karton. Ludger legte ihn flach zusammen und ging durch die Garage in den Garten, um ihn in der Papiertonne zu entsorgen. Die rot-weiße Gebäckschachtel dagegen trug er wie eine Trophäe mit seinem Reisegepäck zum Auto und platzierte sie liebevoll auf dem Beifahrersitz – mit einladend geöffneter Lasche.

2

»Mama, kann ich schon aufstehen?« Wie immer hatte Anando sein Essen kaum angerührt und die Nudeln bloß auf dem Teller umsortiert.

»Nein«, entschied Finja. »Du kennst doch die Abmachung: Wenn du nicht aufisst, musst du warten, bis alle fertig sind.«

»Och Mann!« Anando zog die Augenbrauen zusammen, senkte das Kinn auf die Brust und verschränkte in einer heftigen Bewegung die Arme.

Irgendwie niedlich, diese Schmoll-Pantomime eines Siebenjährigen. Sie wirkte ein bisschen übertrieben und dadurch nicht ganz authentisch, so, als müsste Anando seine Gefühle durch ihre Zurschaustellung einüben. Finja verkniff sich ein belustigtes Lächeln und wandte sich wieder ihrem Mann zu. »Ich hab übrigens die Kinokarten schon online gebucht, dann brauchen wir uns heute Abend nicht anzustellen.«

»Hast du sie ausgedruckt?«, fragte Felix.

»Nein, man kriegt so einen QR-Code, der wird eingescannt.« Wahrscheinlich gab es dieses System schon lange, aber wann waren sie und Felix das letzte Mal im Kino gewesen? Waren sie überhaupt mal im Kino gewesen, seit die Kinder auf der Welt waren? Finja konnte sich nicht erinnern.

»Prima. Dann fahr ich gleich tanken und durch die Waschstraße«, kündigte Felix an.

»Darf ich mit?«, rief Sitara mit vollem Mund.

Finja und Felix wechselten einen Blick. »Na klar«, sagte Felix. »Und Anando auch.«

Beide Eltern nahmen amüsiert zur Kenntnis, dass Anandos bockige Haltung sich augenblicklich entspannte. Für die Kinder war die Autowaschanlage von allerhöchstem Unterhaltungswert, und Finja beneidete sie ein bisschen um ihre Begeisterungsfähigkeit. Noch besser aber war, dass Anando jetzt – augenscheinlich ganz in Gedanken an das bevorstehende Samstagnachmittags-Highlight –, sogar noch ein paar Nudeln aß.

»Gut, während ihr unterwegs seid, nehme ich mir den Strauchschnitt vor«, erklärte Finja. »Morgen soll schon wieder Regen kommen. So gegen vier müssten wir los, bringen die Kinder zu meiner Mutter und fahren von da aus gleich zum Kino.«

»Schlafen wir heute bei Naani?«, erkundigte sich Anando, und nachdem Finja das bestätigt hatte, spießte er vor Freude gleich noch zwei Nudeln auf seine Gabel, während Sitara mit tomatensoßenverschmiertem Kinn ankündigte, dass sie der Naani vorher noch ein Bild malen wolle.

Im selben Moment klingelte das Telefon. »Ich geh schon«, sagte Felix und wischte sich im Aufstehen die Hände an der Serviette ab.

Finja hörte ihn mit seiner Mutter telefonieren. Das erkannte sie an seiner Stimme. Wenn ihr Mann mit Karoline sprach, hatte er immer so einen ganz bestimmten Tonfall, den er bei keinem anderen Menschen auf der Welt anwandte.

»Und wieso darf Papa aufstehen, wenn wir noch nicht fertig sind mit Essen?«, beschwerte sich Anando.

»Wenn jemand bei uns anruft, kann er ja nicht sehen, dass wir gerade beim Essen sitzen, und es wäre unhöflich, einfach nicht ranzugehen. Es kann schließlich etwas ganz Wichtiges sein.«

»Was denn zum Beispiel?«, wollte Sitara wissen.

Finja überlegte kurz. Über medizinische Notfälle und andere Katastrophen wollte sie mit den Kindern nicht sprechen, also musste sie sich etwas anderes ausdenken. »Hm, zum Beispiel, dass wir den Hauptgewinn bei einem Preisausschreiben bekommen.«

»Bei was denn für einem?«

Herrje, jetzt hatte sie möglicherweise eine Endlosfragenkette in Gang gesetzt. Zum Glück lenkte Anando das Gespräch in eine andere Richtung, indem er ihre vorherige Bemerkung aufgriff: »Aber das wäre doch cool, wenn man vorher sehen könnte, wo man anruft, damit man nicht beim Mittagessen anruft oder wenn einer schläft oder auf dem Klo ist.«

Die Mahlzeit war ohnehin so gut wie beendet gewesen. Und während die Kinder darüber debattierten, was die moderne Telefonpartner-Überprüfungstechnik alles leisten musste, konnte sie die Teller aufeinanderstapeln. »Mund abwischen, Hände abwischen, dann dürft ihr aufstehen.«

Felix kam erst wieder, als sie das letzte Messer in die Spülmaschine räumte, und erneut wusste sie nur allein aufgrund seiner Körpersprache, dass er ihr etwas mitzuteilen hatte, auf das er eine ärgerliche Reaktion von ihr befürchtete. »Meine Mutter würde die Feier gern heute schon machen.«

»Heute?« Finja richtete sich auf und starrte ihn ungläubig an. »Wieso das denn? Die ist doch für morgen geplant!«

»Ja, aber Dorothee kann wohl kurzfristig morgen nicht, deshalb hat Mama jetzt überall rumtelefoniert, ob die Leute auch heute kommen können, und außer den Wiedemanns haben alle zugesagt.«

Finja musste diese Nachricht erst mal verdauen. Dann verengten sich ihre Augen. »Du wahrscheinlich auch.«

»Ja, na ja, wir können doch, oder?« Felix sah ihr bei dieser Antwort nicht ins Gesicht.

»Nein«, sagte Finja ungefähr in demselben Tonfall, den sie gegenüber ihrem Sohn anwandte, wenn er nach dem Zähneputzen noch Süßigkeiten haben wollte. »Wir haben Kinokarten, und die Kinder freuen sich auf ihre Naani.«

»Wir bringen sie trotzdem zu deiner Mutter«, bot Felix an. »Und ins Kino können wir ja vielleicht morgen gehen, bevor wir sie wieder abholen.«

Finja wurde ein bisschen lauter. »Du meinst, wir fahren gleich quer durch die ganze Stadt, nur um die Kinder abzugeben, obwohl wir gar keine Kinderbetreuung brauchen?« Sie fühlte einen gefährlichen Zorn in sich aufsteigen.

»Wilmersdorf ist ja nun nicht am anderen Ende der Welt«, versuchte Felix sie zu beschwichtigen.

»Aber am anderen Ende der Stadt«, beharrte Finja, »was ungefähr auf dasselbe hinausläuft, und samstags sind überall Demos, man kommt nirgends durch.« Gleichzeitig war ihr klar, dass es gar nicht um die unnütze Fahrerei ging, sondern die Quelle ihres Ärgers viel tiefer lag – nämlich bei Felix’ Unfähigkeit, seiner Mutter etwas abzuschlagen.

Felix war kein Waschlappen. Sie hätte ihn anderenfalls nicht geheiratet. Er hatte klare Standpunkte, konnte sich durchsetzen, und in Sachen Kindererziehung zogen sie an einem Strang. Aber Karoline war seine Achillesferse, und wie schon häufiger in solchen Situationen hatte Finja auch jetzt wieder das Gefühl, dass sie nur die zweitwichtigste Frau in seinem Leben war.

»Ich hab jetzt schon gesagt, dass wir kommen.«

Das war typisch für Felix. Tatsachen schaffen und dann so tun, als wären sie unumstößlich. Finja hatte große Lust, einen richtig deftigen Streit vom Zaun zu brechen, mit Gebrüll und Türenknallen und Tränen. Bloß dass jetzt Sitara in die Küche kam und klagte: »Mama, Anando sagt, ich darf die Filzstifte nicht nehmen!«, dicht gefolgt von ihrem Bruder, der seinerseits jammerte: »Sie lässt die immer offen, und dann trocknen die aus! Ich brauch die Filzstifte für die Schule!«

»Zieht euch Jacken und Schuhe an«, ordnete Felix an. »Wir fahren jetzt erst mal durch die Auto-Geisterbahn, und danach überlegen wir, wie wir das mit den Filzstiften regeln können.«

Auch das war typisch für Felix. Ohne erkennbare Anstrengung Konflikte entschärfen, Alternativen anbieten, negative Energie in positive umwandeln.

Finja beschloss, den Streit auf später zu verschieben. Wenn sie dann noch wütend genug war. Jetzt würde sie erst mal die Wäsche aus der Maschine holen, die Wollsachen auf die Leine hängen, den Rest in den Trockner stecken, die Übernachtungstasche für die Kinder packen, das Geschenk für Karoline in buntes Papier einwickeln und eine Glückwunschkarte dazu schreiben, Anandos Hausaufgaben nachsehen, seinen Schulranzen auf vergessene Pausenbrote kontrollieren, die beiden Bücher zurechtlegen, die sie sich von ihrer Mutter ausgeliehen hatte und heute Abend zurückgeben wollte, Sitaras verlorenen Handschuh suchen und sich um den Garten kümmern.

3

Auf der Stadtautobahn war es voll, wie immer. Schon an der Auffahrt Buschkrugallee reihten sich die Autos so dicht aneinander, dass kaum eine Lücke zum Einfädeln blieb. Ludger tastete nach der Gebäckschachtel, ohne hinzusehen, und fingerte darin herum: leer. Hatte er wirklich bereits auf den ersten Kilometern seiner Reise sämtliche Blätterteigstangen verputzt? Er wischte sich die Krümel vom Hemd und kämpfte gegen das Völlegefühl an, das seinen Gürtel zu eng erscheinen ließ.

Wenn Karoline das gesehen hätte, dachte er beschämt. Andererseits war es ihre Schuld, dass er so unbeherrscht fettiges Salzgebäck in sich hineingestopft hatte – ohne ihre lächerliche radikale Fastenkur wäre er schließlich nicht so ausgehungert gewesen.

Die Konditorei schien zudem das Rezept verändert zu haben. Eigentlich mochte er Käse nicht besonders, aber diese Stangen hatten so eine angenehme Schärfe gehabt und eine ganz leicht bittere Note. Ein Pils hätte wunderbar dazu gepasst. Ein gutes, eiskaltes, helles Pils.

Warum war es eigentlich so heiß im Auto? Ludger stellte die Heizung niedriger. Er hatte schon Herzjagen vor lauter Hitze, sein Gesicht fühlte sich an, als würde es glühen.

Er konnte es kaum erwarten, Uwes Reaktion zu sehen, wenn er plötzlich im Hotel auftauchte. Dem würde die Kinnlade herunterfallen, so viel war sicher.

Das Licht war so grell. Es war doch eigentlich kein besonders sonniger Tag, warum blendete es bloß so stark? Ludger kniff die Augen zusammen, klappte die Sonnenblende herunter und wieder hoch, weil sie nichts nützte, und schloss kurz die Lider, während er hinter einem langsam dahinkriechenden Baustellenfahrzeug feststeckte.

Er hätte nicht so hastig essen sollen. Nicht nachdem er zwei Wochen fast nur Rohkost und Kräuterquark zu sich genommen hatte. Jetzt war ihm schlecht. Und zwar auf eine Art, die er nicht kannte, obwohl es natürlich immer wieder mal vorkam, dass er über den Hunger hinaus aß. Genau genommen war ihm richtig heftig schlecht. Und immer noch unerträglich heiß. Und es pochte in seiner Brust. Ludger öffnete das Seitenfenster.

Er würde Uwe fertigmachen. Fertigmachen. Fertigmachen. Vor aller Augen. Ungespitzt in den Boden rammen. Voll auflaufen lassen. Zur Schnecke machen. Der würde ihn kennenlernen.

Verdammt, dieses grelle Licht!

Aber hübsch war es ja auch, so weiß und rein, und wie es sanft durch ihn hindurchglitt, obwohl es ihn immer weiter erhitzte. Es musste das Licht sein, das diese Hitze verursachte. Es musste das Licht, weil Uwe die Baltic fünfzehn, nicht zwölf. Dieser Scheißkerl.

Trinken. Trinken. Warum hatte er nichts. Er hätte doch. Daran hätte Karoline.

Ostsee.

Dorsch im Wasser. Wasser. Wasser!

Und wie er durch das Licht glitt. So heiß. So stickig, ja, stickig, das andere Fenster auch noch. Besser? Nein.

Luft. Luft. Luft!

Herrgott, so hell! Zu hell!

4

Bei der ersten Stauwarnung ging Joris vom Gas. Hinter der zweiten sah er schon die Prozession aus roten Bremsleuchten. Die letzten Fahrzeuge in der Reihe hatten die Warnblinkanlagen eingeschaltet. Er glitt langsam darauf zu, betätigte ebenfalls den Warnblinker und brachte sein Auto zum Stehen.

Na super. In zwanzig Minuten sollte er im Salzclub sein, und er wusste nicht mal, ob er da in der Nähe parken konnte oder noch einen längeren Fußmarsch einplanen musste. Die Gäste kamen zwar erst ab 18 Uhr, aber Elisabeth hatte ihn gebeten, zwei Stunden früher da zu sein, damit sie gemeinsam das Büfett aufbauen konnten.

Mehr musste er nicht tun – alles andere hatte sie für ihn organisiert. Noch immer war er zutiefst gerührt von dieser Geste. Das war ihr Geschenk zu seinem Vierzigsten, den er letzten Mittwoch ohne größeres Aufhebens hinter sich gebracht hatte, einen Tag nach ihrem einundvierzigsten Geburtstag, der heute Abend ebenfalls gefeiert wurde.

Nach nicht mal einem Jahr in Berlin mit ziemlich wenig Freizeit hätte er bestenfalls ein paar Kollegen auf ein Bier in der Kneipe einladen können. Freunde hatte er außerhalb der Arbeit bisher nicht gefunden. »Es ist dein Vierzigster«, hatte Elisabeth streng gesagt. »Den lässt man nicht einfach sang- und klanglos verstreichen, mein Lieber.«

Also hatte sie diese Party-Location gemietet und neben Joris’ Kollegen ihren eigenen, weitaus größeren Freundeskreis eingeladen, den sie bereitwillig mit ihm teilen wollte. Eine ebenso gut durchdachte wie großzügige Idee, die seine Wertschätzung für die Rechtsmedizinerin noch verstärkt hatte.

Wenn das überhaupt möglich ist, dachte Joris mit einem Lächeln und bewegte den Wagen zwei Meter weiter vorwärts, um zu seinem Vordermann aufzuschließen. Aus der Ferne waren Martinshörner zu hören. Die Fahrzeuge auf der linken Spur schoben sich näher an die Leitplanke, die anderen drängten sich weiter nach rechts, um eine Rettungsgasse zu bilden. Wie immer blieben ein, zwei Autofahrer unbeirrbar im Weg stehen.

Joris dachte daran zurück, wie er Elisabeth zum ersten Mal gesehen hatte. Um den Tatort nicht zu kontaminieren, waren sie beide in weiße Schutzanzüge gehüllt gewesen – nicht unbedingt die optimale Voraussetzung, um Vorzüge ins rechte Licht zu rücken. Und trotzdem hatte er sich augenblicklich zu Elisabeth hingezogen gefühlt. Zu dieser faszinierenden Diskrepanz zwischen nordischer Kühle und der Wärme ihres Blicks. Zu ihren hohen Wangenknochen und ihren blauen Augen. Vor allem aber zu der bezaubernden Form ihres Mundes, der Oberlippe, die im Profil betrachtet ein kleines Stück über die Unterlippe hinausragte.

Bis heute wusste Joris nicht, was das genau war, das zwischen ihnen kleine Funken sprühen ließ. Verliebtheit? Freundschaft? Flirt? Seelenverwandtschaft? Eine Mischung aus allem oder nichts davon, sondern noch etwas anderes? Neununddreißig Jahre lang war Joris niemals in eine Frau verliebt gewesen. Warum sollte er ausgerechnet jetzt damit anfangen?

Gegenfrage: Warum nicht?

Der erste Rettungswagen raste an ihm vorbei, gefolgt von einem Streifenwagen der Polizei. Sie mussten das Tempo verringern, beinahe stehen bleiben, bis auch die Unbeirrbaren das Prinzip der Rettungsgasse verstanden und umgesetzt hatten. Die Fahrzeugkolonne dagegen kam überhaupt nicht voran. Der Unfall musste soeben erst passiert sein.

Wie immer in solchen Momenten – wenn auch nur in solchen – war Joris dankbar dafür, dass seine Tochter Stella nicht in Berlin lebte, sondern bei seinem Ex-Mann Thomas in Essen. Wenn er einen Krankenwagen sah oder hörte, was in dieser Stadt mehrmals täglich der Fall war, brauchte er wenigstens nicht zu befürchten, dass seinem Kind etwas passiert sein könnte.

Zehn Minuten hatte er jetzt schon verloren; er würde auf jeden Fall zu spät kommen. Joris griff nach seinem Handy und schickte Elisabeth eine Sprachnachricht.

Es dauerte weitere zwanzig Minuten, bis allmählich wieder Bewegung in den Verkehr auf der Stadtautobahn kam. Nur eine Fahrspur war offen, überall flackerte beängstigend grell das Blaulicht. Im Schritttempo passierte Joris die Unfallstelle: drei Fahrzeuge, alle drei besorgniserregend ramponiert, waren inzwischen auf den Seitenstreifen befördert worden. Die Leitplanke auf der linken Seite war durchbrochen, es gab schwarze Bremsspuren und dunkle Flecken auf dem Straßenbelag, die mit Sägespänen bestreut worden waren. Öl – vielleicht auch Blut. Joris schluckte etwas Bitteres hinunter und sah zu, dass er fortkam.

*

Sie holten soeben die letzten beiden Servierplatten aus dem Transporter der Cateringfirma, als die ersten Gäste eintrafen. Der DJ nahm seine Arbeit auf und sorgte professionell für eine aufgelockerte Hintergrundatmosphäre, ohne die Begrüßungen und munteren Gespräche zu überlagern. Joris schüttelte zahlreiche Hände, aktivierte sein Namensgedächtnis bis an die Grenzen der Belastbarkeit und musste immer wieder dieselben Fragen beantworten.

Auch seine Kollegen von der siebten Mordkommission waren da, und ihm entging nicht, dass sie sich grüppchenweise zusammenscharten, miteinander tuschelten, verstohlene Blicke in seine Richtung warfen und allesamt ein bisschen aufgeregt wirkten. Hoffentlich hatten sie nicht irgendein hochnotpeinliches Partyspiel vorbereitet!

Aus dem Augenwinkel sah er Elisabeth einen neu eingetroffenen Gast umarmen – und erkannte ihn zu seiner Überraschung. Groß, schlank, wie aus dem Ei gepellt mit schmal geschnittenem Anzug, blendend weißem Hemd und einer bunt gemusterten Weste, für die ein gewisses Selbstbewusstsein erforderlich war, das sich lichtende Haar auf die vorteilhafteste Weise frisiert und mit einer sardonisch gehobenen Augenbraue, die an einen Zirkumflex erinnerte: Doktor Hendrik Zweifel, der Psychiater.

Joris hatte ihn im Sommer zu einem Mordverdächtigen befragt, und Zweifel hatte nicht nur sehr nützliche Hinweise zu den psychopathischen Tendenzen von Gordon Breydin geliefert, sondern auch das beschämend unreife Verhalten von Joris’ Kollegin Leah aus der Vermisstenabteilung mit heiterem Gleichmut hingenommen. Irgendwann war Leah aus unerfindlichen Gründen wutschnaubend aus dem Zimmer gestürmt und hatte Joris damit bis auf die Knochen blamiert. Er konnte sich nicht mehr im Wortlaut erinnern, was der Psychiater dazu gesagt hatte – nur dass es ihn aufgemuntert hatte.

Dass er und Elisabeth sich kannten, war Joris vollkommen neu. Als er sich den beiden näherte, spiegelte Hendrik Zweifels Miene nicht nur Wiedererkennen, sondern auch unbestreitbares Vergnügen. »Herr Eichendorf! Wie schön, Sie zu sehen!« Die Männer schüttelten einander die Hände. »Konnte ich Ihnen damals eigentlich weiterhelfen? Ist Frau Breydins Mörder gefasst worden?«

Joris brachte den Psychiater auf den aktuellen Stand und empfand in seiner Nähe wieder dasselbe angenehme Gefühl eines unausgesprochenen Einverständnisses wie damals. Elisabeth nahm bereits die nächsten Gäste in Empfang, doch die beiden rührten sich nicht von der Stelle, kamen von beruflichen Überschneidungen auf andere Themen zu sprechen und waren beim Du angelangt, als die Musik plötzlich verstummte.

Ein Scheinwerfer richtete sich auf die kleine Bühne, die bisher im Dunkeln gelegen hatte. Unsichtbare Hände schoben Joris bis ganz nach vorn, neben Elisabeth, die ebenso perplex war und sich unsicher lächelnd umsah. Unter Applaus und Jubelrufen tänzelten Joris’ Kolleginnen und Kollegen im Gänsemarsch ins Spotlight. Jeder hatte sich etwas Paillettenbesetztes angezogen oder umgehängt.

Der Anblick von Bernd mit Bäuchlein, Brille und Glitzerschal sorgte für schallendes Gelächter, aber auch der durchtrainierte und immer sehr auf sein maskulines Äußeres bedachte Heiko in einer goldgeschuppten Las-Vegas-Jacke war von immensem Unterhaltungswert. Das Ermittlungsteam des LKA 11 bildete eine funkelnde Reihe. Alicia hatte ein Mikrophon in der Hand; Heiko verlangte mit einer gebieterischen Geste nach Ruhe.

Dann füllte das unheimliche Quietschen einer Tür den Raum, Schritte näherten sich – und jeder erkannte auf Anhieb die Bläserfanfare, die den Achtziger-Jahre-Hit Thriller einleitete, gefolgt von dem unverwechselbaren funkigen Basslauf.

In die Ermittler kam Bewegung. Mit Staunen sah Joris, dass sie eine Choreografie einstudiert hatten, die sich durchaus mit dem Zombie-Tanz des legendären Videos messen konnte. Noch größer wurde seine Überraschung, als Alicia sich das Mikro vor die Lippen hielt und exakt im richtigen Augenblick ihre Stimme anstelle der von Michael Jackson aus den Lautsprechern klang.

»Es geht auf zwölf zu,

Berlins Verbrecher schleichen durch die Nacht.

Verängstigt hörst du,

Wie etwas hinter dir Geräusche macht …«

Unfassbar! Sie hatten einen komplett neuen Text zu dem Song geschrieben, und offensichtlich einen, der auf ihre berufliche Tätigkeit zugeschnitten war! Joris legte den Arm um Elisabeths Schultern, und sie schob ihren mit derselben wortlosen Selbstverständlichkeit um seine Taille.

Die Situation spitzte sich zu, das lyrische Du wurde von finsteren Gestalten bedroht, und dann kam der Refrain:

»Doch da kommt Joris!

Mit Elisabeth,

Zu Gangstern sind sie knallhart

Und zu allen andern nett.

Joris!

Und Elisabeth,

Wir schlafen wieder ruhig, denn sie

Regeln

Für uns

Den Rest.«

Joris fühlte, wie Elisabeths Schultern leicht bebten, vielleicht vor Rührung, vielleicht lachte sie auch. Ihm selbst erging es nicht anders. Er atmete ganz tief und langsam, als könne er so die Zeit entschleunigen und diesen besonderen, gloriosen und wunderbaren Moment ein bisschen länger festhalten. Nie zuvor hatte ihm jemand so eine liebevolle, witzige und individuelle Überraschung bereitet, und er hatte das Bedürfnis, sie alle zu küssen.

Alicias Stimme war bemerkenswert. Joris hatte nicht gewusst, dass sie singen konnte. Er hätte sich auch nicht vorstellen können, wie lebhaft und weitgehend synchron die anderen ihren unheimlichen Totentanz aufführten. Natürlich war Heiko in seinem Element, und Yolanda hatte noch nie ein Problem damit gehabt, alle Blicke auf sich zu ziehen. Doch auch die unscheinbare Samreen brillierte durch ihre enorme Beweglichkeit, und selbst Bernd mit seinen wiederkehrenden Bandscheibenbeschwerden hatte nicht die geringste Scheu, sich auf der Bühne wild wirbelnd um die eigene Achse zu drehen. Bei Thorben wusste man nicht genau, ob die unbeholfenen Bewegungen eher seiner Schüchternheit oder der Zombie-Parodie geschuldet waren.

Diese Frage beantwortete sich, als die Erzähler-Passage des Songs erreicht war. Denn nun trat Thorben einen Schritt vor, nahm Alicia das Mikrophon aus der Hand und sprach mit tiefer Stimme und großer Geste den umgedichteten Text.

»Dunkelheit herrscht in Berlin,

nichts ist mehr so, wie es schien.

Schurken steigen aus der Spree,

Blut verfärbt den Schlachtensee.

Bist du jetzt nicht in Sicherheit,

Droht dir womöglich großes Leid.

Halt dich fern von dunklen Gassen,

Willst du nicht dein Leben lassen …«

Er schaffte es wirklich, den Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, doch als er das Mikrophon an Heiko weiterreichte, der mit unübersehbarer Leidenschaft für das finale irre Gelächter sorgte, brach das Publikum in Heiterkeitsstürme aus. Es tobte, pfiff und trampelte. Die Künstler verneigten sich. Yolanda warf Kusshändchen in die Menge, Bernd winkte neckisch mit seinem Glitzerschal.

*

»Psychoaktive Pflanzen haben mich immer schon interessiert«, erklärte Hendrik gute vier Stunden später und rührte in seinem Cocktail. »Bei den Naturvölkern Lateinamerikas zum Beispiel wird Ayahuasca konsumiert. Es soll den Geist reinigen und öffnen und wird wegen der Heftigkeit der halluzinatorischen Wirkung nur im Rahmen schamanischer Rituale angewendet, das heißt, man wird dabei von einem erfahrenen Schamanen angeleitet und begleitet. Mittlerweile ist das hier zu einem regelrechten Trend geworden, besonders in der esoterisch orientierten Yoga- oder Meditationsszene.«

»Und hast du das auch schon mal ausprobiert?«, fragte Joris.

»Ja, hab ich. Ich hab noch nie so ausgiebig gekotzt.« Beide Männer lachten. »Das gehört allerdings zwingend dazu«, fuhr der Psychiater fort, »es heißt, dass alles Negative und Toxische aus deinem Körper und deinem Geist abgeleitet wird. Und ja, zugegeben, der anschließende Rausch hat durchaus … epiphanische Dimensionen.«

Joris konnte nicht behaupten, dass er für jedes von Hendrik verwendete Fremdwort eine lupenreine Wörterbuchdefinition zu liefern in der Lage wäre, aber er hörte ihm einfach furchtbar gern zu – und was er nicht auf Anhieb verstand, ließ sich aus dem Kontext gut zusammenreimen. »Dann würdest du so eine Erfahrung also jederzeit wiederholen?«

Hendrik überlegte und saugte dabei an seinem Trinkhalm. »Vielleicht«, räumte er ein. »Aber im Vordergrund steht für mich die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens, und dafür ist es zwar hilfreich, die Droge mal selbst konsumiert zu haben, es erfordert allerdings auch eine möglichst neutrale Distanz zum Untersuchungsobjekt.« Er sah sich in dem großen Partyraum um, als wäre er aus einem Traum erwacht. »Oi, es sind ja kaum noch Leute hier! Vielleicht sollte ich mich auch mal auf den Weg machen.«

Mit Hendrik brachen noch zwei weitere späte Gäste auf – man überlegte, sich ein Taxi zu teilen –, und nachdem Joris sich von ihnen verabschiedet hatte, half er Elisabeth beim Einsammeln der überall abgestellten Gläser. »Du hast aber heute viele Handyfotos gemacht«, bemerkte er.

»Na ja, es war doch auch ein denkwürdiger Abend, oder?« In ihrem Lächeln lag etwas Geheimnisvolles, doch Joris war zu müde und zu angetrunken, um dem auf den Grund zu gehen. Erst jetzt, da außer einem inbrünstig schmusenden Pärchen in der Sitzecke alle Gäste gegangen waren, spürte er die Anstrengung der letzten Stunden und den Alkohol, der sich in seinem Blutkreislauf angereichert hatte. Dass er sein Auto stehen lassen würde, war ihm allerdings schon nach der zweiten Flasche Bier klar gewesen.

Obwohl der DJ seine Arbeit längst beendet hatte und gerade die letzten Kabel zusammenrollte, rauschte es von dem Partylärm immer noch in Joris’ Ohren; seine Augen fühlten sich trocken an und die Lider schwer. Er war auf eine Weise glücklich, die ebenso aus Erschöpfung wie aus der unermesslichen Energie gespeist war, mit der er seine seelischen Akkus heute Abend hatte aufladen können. All die Freundschaft und Zuneigung, die ihm zugeflossen waren, die guten und tiefen Gespräche, ja selbst der oberflächliche, einvernehmliche Austausch mit vormals Wildfremden über die Musik oder das unbeständige Oktoberwetter hatten ihn so fühlbar gestärkt, dass ihm erst jetzt klar wurde, wie sehr er all das während der letzten Monate vermisst hatte.

Er war nach Berlin gekommen und sofort in den Strudel beruflicher Aufgaben geraten, die ihm weder Zeit noch Gelegenheit für viel Zwischenmenschliches gelassen hatten. Und ja, ein bisschen war er auch selbst daran schuld, weil er immer davor zurückschreckte, zu viel von sich preiszugeben. Nur ein einziger Mensch in dieser vollgepackten Partylocation – sein Kollege Bernd – hatte heute Abend darüber Bescheid gewusst, dass Joris nicht im Körper eines Mannes geboren worden war.

Krass, dachte Joris.

Es machte ihn stolz und traurig zugleich.

5

»›Lebe wohl, lebe wohl‹, sagte die kleine Schwalbe und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Deutschland zurück; dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann, vor ihm sang sie: ›Quivit! Quivit!‹ Daher wissen wir die ganze Geschichte.« Solveig klappte das Buch zu, und sofort rief Sitara: »Noch ein Märchen!«

Anando dagegen ließ sich das Gehörte kritisch durch den Kopf gehen, wie es seine Art war. »Warum nennt der Blumenengel das Däumelinchen denn am Ende Maja? Hat das was mit der Biene Maja zu tun? Wegen der Flügel, die sie bekommen hat?«

»Nein, ich glaube, das ist reiner Zufall«, erwiderte Solveig ernsthaft.

»Im Kindergarten gibt es auch eine Maja«, verkündete Sitara, »die hatte mal rote Nägel.«

»Hä? Wozu das denn?«, fragte Anando verständnislos.

Solveig ahnte, dass Sitara nicht von Metallstiften sprach. »Du meinst, sie hatte sich die Fingernägel lackiert?«

Das Mädchen nickte eifrig. »Und die macht Ballett und kann das Bein ganz hoch machen.« Sie sprang auf und versuchte, es vorzuführen, geriet dabei aber ins Schwanken und landete kichernd auf dem Po. Das erheiterte auch ihren Bruder.

Es war wunderbar, die Kinder so fröhlich zu erleben, auch wenn sie allmählich müde wurden und ihre ausgelassene Stimmung jederzeit in Überdrehtheit umzuschlagen drohte. Solveig konnte sich nur wenig Beglückenderes vorstellen, als mit ihren Enkeln zusammen zu sein. Jeder Augenblick mit ihnen war neu und überraschend, als wäre man auf einer kurvenreichen Straße unterwegs, die hinter jeder Biegung eine andere Aussicht bot.

»Ich will noch ein Märchen, Naani«, drängte Sitara. »Oma Karo liest uns immer ganz lange vor!«

Solveig erhob sich energisch aus dem Lesesessel. »Nein, jetzt zieht ihr beiden euch erst mal aus und geht euch die Zähne putzen, und wenn ihr dann im Bett liegt, könnte es eventuell sein …« Mit einem geheimnisvollen Grinsen hob sie das Buch mit Andersens Märchen. Das genügte. Sofort zog Anando sich das Sweatshirt über den Kopf, und Sitaras kleine Fingerchen nestelten am Knopf ihrer Hose herum.

»Können wir Mama und Papa anrufen und Gute Nacht sagen?«, fragte Anando, nachdem die beiden sich mit einem Berg von Decken, Kissen und Kuscheltieren in ihren Himmelbetten eingerichtet hatten.

»Nein, das geht heute nicht. Sie sind doch im Kino.«

»Gar nicht. Sie sind bei Oma Karo«, widersprach Anando.

Solveig runzelte die Stirn. »Nein, Schatz, dann hätten sie euch doch nicht hergebracht.«

»Mama hat gesagt, Oma Karo hat ihre Feier vorgelegt«, erklärte Sitara.

»›Vorverlegt‹ heißt das«, korrigierte Anando mit der müden Weisheit des älteren Bruders.

»Hab ich doch gesagt!«, schnappte Sitara gekränkt.

»Moment mal.« Solveig hob die Hand, um die Aufmerksamkeit der Kinder zurückzugewinnen. »Wieso ist das Fest denn vorverlegt worden? Und wieso haben Mama und Papa euch nicht mitgenommen? Das ergibt doch gar keinen Sinn, dass sie den ganzen weiten Weg hierher- und dann wieder zurückfahren.«

Anando zuckte nur mit den Schultern, weil er elterliche Logik schon vor langer Zeit als unergründlich erkannt hatte, und Sitara forderte energisch: »Jetzt liest du uns aber noch ein Märchen vor!«

6

»Ach, ich bin so enttäuscht, dass ihr die Kinder nicht mitgebracht habt!« Das hatte Karoline schon bei der Begrüßung gesagt, aber sie fand, diesen Umstand könne sie gar nicht oft genug hervorheben. »Schau mal, was ich extra für die beiden gekauft habe!« Sie holte den Karton mit dem Schokoladenbrunnen aus dem Schrank unter der Besteckschublade und stellte ihn auf die Arbeitsfläche. Finja beäugte ihn skeptisch. Das war keine Überraschung. Wenn es nach ihr ginge, würden Sitara und Anando ja vollkommen zuckerfrei aufgezogen.

Karoline fand gesunde Ernährung wichtig. In den letzten Monaten hatte sie sich verstärkt damit auseinandergesetzt, gerade auch weil Ludger um die Hüften herum so zugelegt hatte, und sie selbst musste allmählich ebenfalls aufpassen, dass sie ihre Konfektionsgröße 38 halten konnte. Der Gedanke, in einem Bekleidungsgeschäft nach Größe L fragen zu müssen, jagte ihr Schauer über den Rücken.

Aber den Kindern konnte man doch nicht alles vorenthalten, was ihnen Freude machte! Sie waren so glücklich, ihre beiden Augensterne, wenn sie etwas naschen durften. Wie hätte man ihnen das verwehren können? Finja war da einfach viel zu rigoros, genau wie ihre Mutter, na ja, wobei Solveig eigentlich noch schlimmer war, die hatte wahrscheinlich noch nie irgendeine emotionale Entscheidung getroffen, bei der war alles nur Kopf.

»Ich hatte mich so darauf gefreut, das mit den beiden auszuprobieren!« Karoline holte auch die zehn Tafeln hochfeine Vollmilch-Schokolade aus dem Vorratsschrank, mit denen sie den Brunnen hatte befüllen wollen, einfach nur so, um zu zeigen, dass sie perfekt vorbereitet war. Sie hatte die teuerste Marke genommen. Bei ihren Enkelkindern machte sie keine Kompromisse.

Finjas Lächeln wirkte gequält. Sie rang sich irgendeine nichtssagende Bemerkung ab, »Oh, toll« oder so was. Karoline versuchte, sich nicht darüber zu ärgern. Den Schokoladenbrunnen würden sie eben nächste Woche einweihen, da fände sich schon eine Gelegenheit.

Und abgesehen vom Fehlen der Enkel war alles genau nach ihren Plänen gelaufen. Die Wiedemanns, ihre direkten Nachbarn zur Linken, konnten heute nicht dabei sein, doch deren Absage war im Grunde genommen von Vorteil, denn sie hatte Dirk Wiedemann im Verdacht, öfter mal etwas zu tief ins Glas zu schauen, und seine Frau Elke, na, die hatte ihn überhaupt nicht im Griff. Man wusste nicht, welche unangenehmen Überraschungen er Karoline und ihren Besuchern bereitet hätte. Einzig wegen Mia tat es ihr leid. Die Kleine war zwar bei Weitem nicht so aufgeweckt wie Sitara, aber doch ein ganz niedliches Kind.

Alle anderen hatten trotz der kurzfristigen Planänderung eingewilligt, schon heute statt morgen zu ihr zu kommen, und Karoline fand diese Tatsache sehr befriedigend. Sie würde zwar die aktuelle Folge von Hopfen & Malz verpassen, aber ob der jüngste Sprössling der Bierbrauerdynastie seiner Lucienne nun nach Lyon hinterherreiste oder nicht, konnte sie sich auch am Sonntag in der Mediathek ansehen.

Die meisten waren schon da, die Quiche duftete köstlich aus dem noch warmen Backofen, auf dem Herd stand ein gewaltiger Topf mit Chili con Carne, und sobald alle mit Essen und Trinken versorgt waren, würde sie die Geschenke und Glückwunschkarten öffnen, die ihre lieben Gäste ihr mitgebracht hatten. Es war einfach wunderbar von ihnen, wie sie sich mit ihr freuten, dass sie am Leben und einigermaßen gesund war! Da zeigten sich wahre Freunde, und sie konnte stolz darauf sein, diesen Menschen so viel zu bedeuten.

Bis auf Ludger, tja. Der Stachel saß tief. Es war das erste Mal, dass er den Jahrestag nicht mit ihr gemeinsam beging. Weil sein alberner Angelclub ihm wichtiger war. Die Ostseedorsche wichtiger als die eigene Ehefrau. Wie oft hatte sie schon auf etwas verzichtet, nur um ihm eine Freude zu machen? Wie viele Naturdokus hatte sie schon mit ihm angesehen, obwohl auf den anderen Sendern schöne Spielfilme liefen? Tagtäglich wusch und bügelte sie seine Wäsche, schmückte und putzte sein Heim, sorgte durch gesunde Mahlzeiten für sein Wohlergehen, ertrug sein nächtliches Schnarchen und chauffierte ihn von Feiern nach Hause, damit er ein Bier trinken konnte – und das war nun der Dank.

»Nein, nein, nimm die anderen Teller«, wies sie Finja an, die schon drauf und dran war, das einfache Alltagsgeschirr aus dem Schrank zu holen. Das Mädchen hatte aber auch überhaupt kein Gefühl für so was. Was hatte Solveig ihr eigentlich beigebracht außer Orchideensprachen und dem Ausgeben von nicht selbst verdientem Geld?

Die Türglocke ertönte.

»Ich mach auf!«, rief Felix aus dem Wohnzimmer. Doch dies hier war Karolines Feier, und es war ihre Aufgabe, die Gäste zu begrüßen. Sie kam ihrem Sohn zuvor, öffnete schwungvoll die Haustür, stieß einen Freudenschrei aus und umarmte ihre beiden Kolleginnen mit demselben Enthusiasmus wie deren etwas befangen daneben stehende Ehemänner. So was konnte sie gut, anderen die Scheu nehmen, alle sofort mit ihrer Herzenswärme und guten Laune anstecken, das fiel ihr leicht.

Im Wohnzimmer wurde es jetzt eng, aber genau so liebte Karoline das. Sie hatte gern richtig Leben in der Bude. Es gab doch nichts Schöneres als fröhlich schwatzende Gäste, die sich bei ihr wohlfühlten. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass auch die Neuankömmlinge einen Sitzplatz gefunden und etwas zu trinken bekommen hatten, tänzelte sie wieder in die Küche und genoss das bewundernde vielstimmige »Oooooh!«, als sie wenig später mit der großen Servierplatte voller duftender Quiche-Quadrate zurückkehrte.

»Mein Gott, du hast dir wieder so viel Mühe gemacht!«, rief Dorothee.

»Ach was. Das geht ruckzuck.« Karoline stellte die Platte auf den Esstisch. »Wer möchte denn was? Ich habe Lauch mit und ohne Speck, Spinat mit Ziegenkäse und dann noch Schinken und Birne für die Süßschnäbel.« In Wirklichkeit war es natürlich schon ziemlich aufwendig gewesen, immerhin war sie erst um kurz vor vier vom Einkaufen zurückgekommen und hatte obendrein noch das Chili con Carne zubereitet, aber ihr ging so etwas leicht von der Hand. Letztlich war es alles eine Frage der guten Organisation.