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Ein grausamer Mord, ein dunkles Geheimnis und ein Ermittler am Wendepunkt.
Die 16-jährige Danielle Ahlisch kommt nach dem Konzert ihrer Lieblingsband nicht nach Hause. Kurz darauf wird ihre übel zugerichtete Leiche im Treptower Park gefunden. Ihre Familie, die beste Freundin und ihre Lehrerin sind fassungslos. Wer hat das freundliche, hilfsbereite Mädchen so gehasst? Schnell fällt der Verdacht auf die Familie Klewa, deren vierjährigen Sohn sie oft betreut hat. Erst kurz vor ihrem Tod hatte Danielle im Internet nach der Adresse des Jugendamts gesucht, weil die Eltern überfordert wirkten. Fürchteten sie, dass man ihnen Ihr Kind wegnehmen würde? Der Verdacht erhärtet sich, als sie nach der ersten Befragung nicht mehr erreichbar sind. Der Neu-Berliner Kommissar Joris Eichendorf steht vor einem Rätsel. Wären die Eltern wirklich zu dieser Tat fähig? Außerdem gestaltet sich der Start in Berlin für Eichendorf schwieriger als gedacht, denn schon bald wirft sein altes Leben einen Schatten auf den Neuanfang ...
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die 16-jährige Danielle Ahlisch kommt vom Konzert ihrer Lieblingsband nicht nach Hause zurück. Kurz darauf wird ihre übel zugerichtete Leiche im Treptower Park gefunden. Ihre Familie, ihre beste Freundin und ihre Lehrerin sind fassungslos. Wer kann das freundliche, hilfsbereite Mädchen so gehasst haben?
Schnell fällt der Verdacht auf die Familie Klewa, deren vierjährigen Sohn sie oft betreut hat. Erst kurz vor ihrem Tod hatte Danielle im Internet nach der Adresse des Jugendamts gesucht, weil die Eltern überfordert wirkten. Fürchteten sie, dass man ihnen Ihr Kind wegnehmen würde? Der Verdacht erhärtet sich, als sie nach der ersten Befragung nicht mehr erreichbar sind. Der Neu-Berliner Kommissar Joris Eichendorf steht vor einem Rätsel. Wären die Eltern wirklich zu dieser Tat fähig?
Außerdem gestaltet sich der Start in Berlin für Eichendorf schwieriger als gedacht, denn schon bald wirft sein altes Leben einen Schatten auf den Neuanfang.
Über Jordan T. A. Wegberg
Jordan T. A. Wegberg studierte Germanistik und Anglistik sowie Literaturvermittlung und Medienpraxis. Sieben Romane und über zwanzig Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Verlagen und Literaturzeitschriften. Sie wurden unter anderem mit dem Brandenburgischen Literaturpreis und der Goldenen Leslie des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Wegberg unterrichtet literarisches Schreiben und begleitet Autor*innen in Einzelcoachings auf dem Weg zur Veröffentlichung. Mit seinem Hund James wandert der leidenschaftliche Fotograf über 2500 Kilometer im Jahr. Er hört am liebsten Techno oder Vogelgesang, interessiert sich für Botanik und Psychologie, mag keine Schokolade und träumt häufig auf Englisch.
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Jordan T. A. Wegberg
Weinen möcht ich wie ein Kind
Kommissar Eichendorf ermittelt Ein Berlin Krimi
Cover
Titelinformationen
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I Samstag
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
II Sonntag
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
III Montag
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
IV Später
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Impressum
Wer von diesem Kriminalroman begeistert ist, liest auch ...
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Kapitel 44
Kapitel 45
Impressum
Für Anoushka, und sie allein weiß, für wen noch
Von der Poesie sucht Kunde Mancher im gelehrten Buch. Nur des Lebens schöne Runde Lehret dich den Zauberspruch; Doch in stillgeweihter Stunde Will das Buch erschlossen sein, Und so blick ich heut hinein, Wie ein Kind im Frühlingswetter Fröhlich Bilderbücher blättert. Und es schweift der Sonnenschein Auf den buntgemalten Lettern, Und gelinde weht der Wind Durch die Blumen, durch das Herz. Alte Freuden, alter Schmerz – Weinen möcht ich wie ein Kind!
Joseph von Eichendorff
Seit anderthalb Stunden wartete Danielle vor »Huxleys Neuer Welt«, direkt vor der verschlossenen Eingangstür, den stählernen Griff in der Hand. Sie hatte sich keinen Zentimeter von der Stelle gerührt, und von den später Kommenden hatte auch niemand gewagt, ihr diese Position streitig zu machen.
Es war anstrengend, so lange zu stehen. Durch die Glasscheibe konnte sie die Leute von der Einlass-Crew plaudern, herumgehen, lachen sehen. Das ärgerte sie jedes Mal, wie locker und gleichgültig die taten. Als warteten da draußen nicht Menschen, denen das Herz bis zum Hals schlug und für die dieser Abend die ganze Welt bedeutete. Sie warfen dem Grüppchen aufgeregter Fans nicht mal einen einzigen Blick zu.
Aber Dani tat es. Sie hatte ja Zeit. Wie üblich viele bekannte Gesichter: diese verhuschte Büromaus mit der zu großen Brille und ihr ebenso verhuschter Freund; die Kleine, die immer mit ihrer Mutter kam – ob sie beide Fans waren? –; die blonden Zwillingsschwestern.
Und dann marschierten die vier Freundinnen auf, die auch heute wieder einen großzügigen Vorrat Prosecco dabeihatten und sich auf die Show einstimmten, indem sie falsch und schrill die bekanntesten Songs der Band sangen. Danis Magen verknotete sich. Sie kannte die Mädchen – drei davon waren auf ihrer Schule, zwei Klassen über ihr, und jedes Zusammentreffen mit ihnen war eine Quälerei.
Damals bei dem Auftritt der Bunten Kinder im »Frannz Club« war sie ihnen zum ersten Mal außerhalb der Schule begegnet, seither kamen auch sie zu fast allen Konzerten der Band. Sie waren laut, sie waren aggressiv, sie tranken zu viel und drängten immer ganz nach vorne.
Und sie hassten Danielle.
»Guck mal, der Walfisch ist auch da!«
»Ach du Scheiße, dann ist der Saal ja voll.«
»Aber der ist doch hier im Obergeschoss. Vielleicht schafft sie es gar nicht die Treppe hoch.«
»Da hat sie sich bestimmt einen Kran für bestellt. – Mann, Lisa, jetzt gib doch mal die Flasche weiter, die ist ja gleich leer!«
Danielle gab sich größte Mühe, die verletzenden Bemerkungen zu ignorieren, und sehnte verzweifelt Shaya herbei. Ohne ihre beste Freundin fühlte sie sich der krakeelenden Bande schutzlos ausgeliefert, sie konnte nicht mal so tun, als wäre sie viel zu sehr ins Gespräch vertieft, um ihre Umgebung überhaupt wahrzunehmen. Anscheinend war sie die Einzige, die allein hier stand. Seufzend verlagerte sie erneut das Gewicht. Ihr taten jetzt schon die Füße weh, dabei hatte der Abend noch nicht mal angefangen.
Wie immer öffneten die Security-Leute die Tür exakt zur offiziellen Einlasszeit. Sie ließ ihr Ticket einscannen, wurde halbherzig abgetastet und galoppierte dann, ohne sich nach rechts oder links umzuschauen, die Treppe hoch und durch die Halle bis ganz nach vorne zu der Absperrung direkt vor der Bühne. Das mittlere Mikrofon war das von Moritz. Und unmittelbar darunter bezog sie Stellung. Zufrieden legte sie Jacke und Schal über das Gitter, so, wie ein Goldsucher seinen Claim markiert, und schloss rechts und links davon die Hände um die kühle eiserne Stange. Bis hierhin war es gut gelaufen.
Noch war die unbestuhlte Halle fast leer, aber vorne an der Bühne bildeten sich bereits kleine Rudel. Fast alles Frauen oder, na ja, Mädchen. Etwa die Hälfte von ihnen trug Bunte-Kinder-T-Shirts. Dani hätte ihres auch gerne getragen, aber sie sah darin aus wie eine Presswurst, weil es nur Größe L hatte. Und wenn sie Moritz gegenüberstand, wollte sie keine Presswurst sein, sondern eine attraktive, unwiderstehliche junge Frau.
Ihre lange königsblaue Hemdbluse mit den Schulterklappen war neu. Von Ulla Popken. Schweineteuer, aber sie hatte sie extra für diesen Anlass gekauft und fühlte sich wohl darin, denn sie floss locker über ihren Körper hinweg und verhüllte seinen Umfang, statt jedes Kilo gnadenlos hervorzuheben. Das Firmenetikett hatte sie rausgeschnitten, weil es ihr peinlich war, Klamotten aus einem Fachgeschäft für Übergewichtige zu tragen. Shaya hatte sie erzählt, die Bluse wäre von New Yorker. Sie hätte viel darum gegeben, sich tatsächlich mal was bei New Yorker kaufen zu können, in das sie reinpasste.
Außer der Bluse hatte sie noch dunkelgrauen und silbernen Lidschatten gekauft und sich mit einem YouTube-Tutorial beigebracht, wie man Smokey Eyes schminkt. Die ersten Versuche hatten sie eher nach Pandabär aussehen lassen. Noch ein Bambusrohr im Mund, und die Illusion wäre perfekt gewesen. Nach dem sechsten oder siebten Anlauf war sie aber mit dem Ergebnis ganz zufrieden.
Eigentlich hätte sie vor dem Konzertbeginn gerne im Spiegel überprüft, ob ihr Make-up noch okay war – nicht nur Lidschatten und Wimperntusche, sondern auch der dramatisch violette Lippenstift, an dem Moritz’ Blicke sich bestimmt verfangen würden. Aber natürlich konnte sie ihren hart erkämpften Platz unter keinen Umständen preisgeben, um aufs Klo zu gehen. Deshalb hatte sie auch seit dem Mittagessen nichts mehr getrunken.
Verdammt. Sobald sie das Wort »Klo« dachte, drückte ihre Blase, und bei »trinken« klebte ihr die Zunge am Gaumen. Sie musste sich ablenken.
Suchend ließ sie den Blick durch die Halle schweifen, um zu schauen, ob René schon da war. Tatsächlich, er stand an der Bar. Danielle verzog das Gesicht. Erst mal ein Bier, das war natürlich wichtiger als die kleine Schwester. Sie winkte, aber er bemerkte sie nicht. Seufzend zog sie das Handy aus der Gesäßtasche ihrer Jeans, machte ein Duckface-Selfie mit der noch im Dämmerlicht schlummernden Bühne hinter sich und schickte es an Shaya.
Jedes Mal fragte sie sich, wer eigentlich die Musik aussuchte, die vor den Bandauftritten in den Konzerthallen abgespielt wurde. Marteria, Lana del Rey und MGMT hatte sie erkannt, und jetzt lief gerade so ein Uralt-Klassiker, Riders on the Storm, sie wusste nicht, von wem das war. Auf jeden Fall hatten die Songs alle nichts miteinander und erst recht nichts mit Bunte Kinder zu tun. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, die Leute schon mal mit, na ja, ähnlicher Musik einzustimmen?
Aber es gab natürlich keine Band, die auch nur annähernd mit Bunte Kinder vergleichbar war. Das sagten sogar die Musikkritiker. »Bunte Kinder machen unbekümmert alles, was sich kein anderer trauen würde: deutsche Texte, ein undefinierbarer Stilmix aus Hiphop-, Metal- und Synthiepop-Elementen und dazu auch noch eine Geige – aber was die vier Berliner daraus erschaffen, ist frisch wie Pfefferminze, umwerfend charmant und verdientermaßen hitverdächtig.« Das war einer von Danielles Lieblingssätzen. Deshalb konnte sie ihn auch auswendig. Die Vorfreude schoss ihr durch den ganzen Körper bis in die Zehen.
»Na, alles klar bei dir?« René pikste ihr genau in den Speckring oberhalb ihres Hosenbunds, so dass sie aufquiekte. Das machte er immer. Sie hasste es. Und genau deshalb machte er es wahrscheinlich.
»Mann, du Idiot!«
Er ging lächelnd über ihre Empörung hinweg. »Guten Platz hast du dir hier gesichert. Soll ich dir was zu trinken holen?«
Dani überlegte kurz. Ihr Durst war wirklich kaum noch auszuhalten. Ein einziges Getränk würde sie sich wohl erlauben können. Ihr Magen knurrte ebenfalls. »Eine Limo wäre toll. Und zwei Laugenbrezel. Ach, und kannst du meine Jacke an der Garderobe abgeben? Letztes Mal haben die von der Security gemeckert, weil was über dem Gitter hing.«
Während ihr Bruder die Aufträge ausführte, füllte sich der Saal merklich. Ihre Poleposition unter Moritz’ Mikro war begehrt. Die Prosecco-Truppe hatte sich von der Bar rücksichtslos nach vorne gedrängt und versuchte nun, sie durch ätzende Sprüche und übergriffiges Auf-die-Pelle-Rücken zu verdrängen, doch sie stand wie ein Betonblock. Unter allen anderen Umständen hätte das funktioniert: Wenn andere ihr so nahe kamen, dass ihre Körper sich berührten, wich sie aus. Aber nicht jetzt. Nicht, wenn sie die Chance hatte, Moritz zum Greifen nahe zu sein und Fotos von ihm zu machen, die auf ihrem Instagram-Account Hunderte Likes bekommen würden.
Sie tat weiterhin so, als würde sie die verächtlichen Kommentare über ihr Aussehen nicht hören, aber jeder einzelne davon bohrte sich in sie hinein wie Bombensplitter in eine Hausfassade und hinterließ eine hässliche Kerbe in ihrer aufgesetzten Souveränität. Zu Hause vor dem Spiegel, kurz vor dem Aufbruch, hatte sie sich einen kurzen Moment lang beinahe hübsch gefunden. Wenn sie den Rücken durchstreckte, den Bauch einzog und den Kopf auf eine bestimmte Art hielt, sah sie fast gar nicht dick aus oder höchstens ein bisschen pummelig. Unter dem Dauerbeschuss der Prosecco-Girls jedoch bröckelte ihre Selbstachtung und geriet bedenklich ins Taumeln. Ja! Ja! Sie war fett, verdammt! Sie wog siebenundneunzig Kilo und trug inzwischen Größe 48! Und es war vollkommen lächerlich anzunehmen, dass jemand wie Moritz …
»Es kommt doch nicht nur auf das Äußere an«, sagte ihre Mutter immer. Oder: »Viele Männer haben gerne was zum Anfassen.« Oder: »Wer wirklich liebt, für den ist der andere schön so, wie er ist.«
»Hier stinkt’s nach Fisch«, sagte eine Stimme direkt neben ihrem Ohr, »nach Walfisch!« Drei weitere glucksten vor Vergnügen und riefen im Chor: »Iiiiiiih!«
Wieder holte sie ihr Handy hervor und sah sich noch mal die Bunte-Kinder-Homepage mit den Tourdaten an. Das Konzert heute war der Heimatauftakt zu ihrer ersten großen Tournee. Nächsten Mittwoch spielten sie in Potsdam, auch dafür hatte Dani schon ein Ticket. Und dann ging es weiter: Hamburg, Dortmund, München, Amsterdam, Brüssel, Düsseldorf, Salzburg, Wien, Zürich, Basel, Rotterdam. Dazwischen noch zwei große Festivals. Absolut beeindruckend.
Danielle wünschte sich nichts sehnlicher, als die gesamte Tour mitmachen zu können, bei jedem einzelnen Konzert vorne in der ersten Reihe zu stehen und alles mitzuerleben, aber das war natürlich utopisch. Sie hatte nicht genug Geld, um das zu finanzieren – die Eintrittskarten, die Reisen, die Übernachtungen –, und sie steckte mitten im MSA. Außerdem hätte ihre Mutter es niemals erlaubt. Die schickte sogar zu den Gigs hier in Berlin jedes Mal René als Aufpasser mit. Als ob sie ein kleines Kind wäre, das bei einem Rockkonzert verloren gehen könnte.
Hm, ja, in gewisser Weise ging sie tatsächlich verloren. Jedes Mal. Aber auf einer ganz anderen Ebene, und es war herrlich; sie konnte gar nicht genug kriegen von diesem Verlorengehen. Weil sie nämlich komplett alles vergaß, wenn sie Moritz vor sich tanzen sah und von seiner Stimme umspült wurde, sogar, dass sie fett und hässlich war. Solange er sang, fühlte sie sich begehrenswert und geliebt. Sie ging sich selbst verloren, und das war – tja, kein Verlust. Nicht mal für ihre Mutter.
Die Prosecco-Fraktion zauberte jetzt Minifläschchen mit süßem Likör aus allen möglichen Hosentaschen, vielleicht hatten sie das Zeug sogar in den Stiefeln oder in den Strumpfhosen hereingeschmuggelt. Alle vier trugen Bunte-Kinder-Girlie-Shirts, und mindestens drei von ihnen in Größe S. Sie hatten lange Haare, knackige Pos in engen Jeans und bewegten sich mit der völligen Unbekümmertheit von Menschen, die keinen Gedanken zu viel an ihr Äußeres verschwenden.
Dani fragte sich, ob sie manchmal Dankbarkeit dafür empfanden, nicht dick zu sein. Ob sie sich darüber im Klaren waren, was für einen Unterschied das ausmachte. Ziemlich sicher nicht, entschied sie. Um ehrlich zu sein, sie verspürte ja auch nicht pausenlos Dankbarkeit dafür, keine Zahnschmerzen zu haben oder nicht im Rollstuhl zu sitzen. Aber sie hätte wahnsinnig gerne gewusst, wie sich das anfühlte in so einem schlanken, schönen Körper. Worüber man sich dann überhaupt noch Sorgen machen musste. Auf Anhieb fiel ihr nichts ein.
René kam mit Garderobenmarke, Laugenbrezeln und einem randvollen Plastikbecher. Die Limonade hatte eine komische Farbe. Sie nippte daran und verzog das Gesicht. »Was ist das denn?«
»Radler.« René zuckte die Achseln. »Gönn‘s dir.«
Sie überlegte kurz, ob es sich lohnte, deswegen die Welle zu machen, und entschied sich dann dagegen. »Okay, danke.« Ja, gut, sie hatte ihrer Mutter versprochen, keinen Alkohol zu trinken, aber bitte schön, das war doch nur ein Mixgetränk, und außerdem hatte ihr eigener Bruder und Oberaufseher es ihr gegeben. Ihre einzige Sorge war, dass sie davon pinkeln müsste.
René blieb noch eine Weile, machte mit ihrem Handy ein paar Fotos von ihr und schirmte sie erfolgreich gegen die wachsende Konkurrenz ab. Aber als ihr Becher leer war, nahm er ihn an sich und bahnte sich den Weg durch die Menschenmenge zurück zur Bar. Sie wusste, dass er dort auch bleiben würde.
Noch zehn Minuten bis zum offiziellen Beginn. Aus dem Publikum waren bereits langanhaltende, ohrenbetäubende Pfiffe und »Kin-der, Kin-der«-Rufe zu hören. Sie checkte ihre Nachrichten.
OMG ich wär so gern dabei!!!, hatte Shaya geschrieben und noch eine Reihe heulender Emojis hinzugefügt.
Wärst du ja auch normalerweise, dachte Danielle voller Mitleid. Wenn du nicht ausgerechnet heute Morgen deine Regel bekommen hättest. Allmonatlich litt Shaya ein, zwei Tage lang unter ziehenden Unterleibsschmerzen, manchmal so schlimm, dass sie nicht zur Schule gehen konnte. Zum Glück hatte Dani solche Probleme nicht. Aber selbst wenn: Ein Konzert der Bunten Kinder hier in Berlin hätte sie sich nicht entgehen lassen, nicht mal mit eingeschlagenem Schädel.
Die Berieselungsmusik verstummte, die Fans schrien auf. Kurz darauf wurde die Bühne von Scheinwerfern erhellt. Die Anfeuerungsrufe der Massen mündeten in donnernden Applaus und begeistertes Kreischen, als Moritz, Louis, Gunnar und Stevie aus dem Backstage-Bereich vor das Publikum traten. Moritz hängte sich die Gitarre um, hob beide Arme – die Menge tat es ihm nach –, strahlte, rief: »Hallo, Berlin!«, und schon erklangen die ersten Takte von Cake News, dem aktuellen Radiohit ihres neuen Albums.
Danielle war augenblicklich verzaubert, als hätte sich ein Schalter in ihr umgelegt. Ihre Beine bewegten sich wie von selbst im Rhythmus der Musik, während sie Moritz mit ihren Blicken regelrecht umklammerte. Er trug eine Sonnenbrille – so unfassbar cool! –, ein weites, blaues Hemd – fast dieselbe Farbe wie ihre Bluse, als hätten sie sich abgesprochen! –, eine ebenfalls weit geschnittene schwarze Hose und hellblaue Sneakers. Ohne die geringste Schüchternheit tänzelte er über die Bühne, wackelte übertrieben lasziv mit den schmalen Hüften und unterstrich die Worte seines Songs mit Gesten, die bei jedem anderen affektiert oder tuntig gewirkt hätten.
Aber wie er dabei verschmitzt grinste – oh, dieses umwerfende Jungsgrinsen! –, das zeigte, dass er sich selbst nicht ganz ernst nahm, dass er hier einfach eine phantastische Show lieferte und grenzenlos viel Spaß dabei hatte. Und dafür liebte Dani ihn, sie konnte einfach nicht anders. Sie würde alles für ihn tun, nur auf ein Schnipsen seiner Finger hin.
Nach den ersten zwei Songs, in denen sie regelrecht gelähmt war vor Entzücken und nichts gegen ihr entrücktes Lächeln hätte unternehmen können, selbst wenn sie das gewollt hätte, besann sie sich auf ihre Pflichten und holte das Handy hervor. Sie hatte wirklich einen hervorragenden Standort. Nichts versperrte den Blick auf die Bühne, nur ein paar rempelnde Fans versauten ihr das eine oder andere Foto. Sie machte auch Videos, aber nie länger als zwei Minuten. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass Fotos und kurze Filmsequenzen die meisten Likes bekamen.
Ab und zu warf sie jetzt auch mal den anderen drei Musikern einen Blick zu. Hübsch waren sie eigentlich alle. Gunnar hinter seinem Schlagzeug war nicht so gut zu sehen, aber immerhin ließ er beeindruckende Oberarmmuskeln erkennen, und er hatte ein Band um die Stirn geknotet wie die Vietnam-Soldaten in diesem einen Kriegsfilm, das sah ziemlich stark aus.
Stevie war einfach total knuffig mit seinen langen weichen Haaren und den feinen Gesichtszügen, eher Junge als Mann, aber einer von der Teddybärensorte, den man einfach nur an sich drücken und beschützen möchte. Bei seinen Geigensoli schloss er manchmal die Augen, als würde er völlig in der Musik versinken. Dani war keine Expertin, aber die Kritiker schrieben immer, er sei ein Ausnahmetalent.
Und dann Louis, der Bassist mit den kräftigen Händen und tätowierten Unterarmen, ganz in Weiß gekleidet mit Cowboyhut, spitzen Stiefeln und Dreitagebart. Er schaute nur selten ins Publikum und konzentrierte sich meistens auf seine Bandkollegen. Sie war immer noch ein bisschen sauer auf ihn wegen der Rosensache.
Bisher hatte sie zu allen Konzerten der Bunten Kinder – zwölf Mal, wenn man den Gig bei dem Open Air in Caputh mitzählte – eine rote Rose für Moritz mitgebracht und ihm die bei ihrem absoluten Lieblingssong Rosenleben zugeworfen. Als Zeichen ihrer Liebe und ein bisschen auch als persönliches Markenzeichen, denn spätestens beim zweiten Mal musste er zwangsläufig auf sie aufmerksam werden, und Aufmerksamkeit war die erste Stufe dessen, was sie sich von ihm wünschte.
Tatsächlich waren sie irgendwann so aufeinander eingespielt gewesen, dass er die Blume in der Luft aufgefangen hatte. Alle hatten getobt vor Begeisterung, und es war ihre Rose gewesen! Er hatte sie dann zwar wieder ins Publikum geworfen, aber egal, ein paar Sekunden lang hatten sie beide etwas miteinander geteilt, und eine ganze Konzerthalle voller Menschen hatte es gesehen und sich daran erfreut. Das war fast schon so romantisch wie ein öffentlicher Heiratsantrag.
Tja, und nach dem letzten Auftritt der Band hatte sie dann geschafft, wovon sie die ganze Zeit geträumt hatte, nämlich hinterher mit den Jungs zu sprechen. Persönlich. Von Angesicht zu Angesicht. Sie und Shaya und René hatten einfach noch ganz lange vor dem »Lido« gewartet, irgendwann mussten sie ja rauskommen. Und Shaya hatte sie angequatscht, weil Dani sich nicht traute. Aber sie waren eigentlich total nett gewesen, hatten sich Zeit genommen und ihnen sogar ihrerseits ein paar Fragen gestellt.
Bis Louis plötzlich sagte: »Du bist das doch mit den Rosen, oder?« Alle vier hatten sie angeguckt, und sie war fast durchgedreht vor Stolz und vor Aufregung. Aber dann hatte Louis so ganz streng gemeint: »Lass das in Zukunft bitte sein. Das ist echt gefährlich, wenn Gegenstände auf die Bühne geworfen werden. Und übrigens auch verboten. Ich werd der Security Bescheid sagen, dass sie darauf achten sollen. Wenn die dich noch mal dabei erwischen, kriegst du Hausverbot.«
Das hatte die ganze Stimmung kaputtgemacht. Gunnar versuchte, es ins Witzige zu ziehen, indem er »Jawoll, Sir!« rief und salutierte, Moritz zwinkerte ihr zu, und Stevie zog wie zur Entschuldigung die Schultern hoch und murmelte: »Da passieren manchmal leider wirklich total blöde Unfälle«, aber das Gespräch war gegen die Wand gelaufen und kam auch nicht mehr in Gang.
Deshalb hatte Dani heute keine Rose dabei. Stattdessen hatte sie Moritz einen Brief geschrieben, der noch viel deutlicher zum Ausdruck brachte, was sie für ihn empfand. Sie hatte sehr lange an diesem Brief gearbeitet, unzählige digitale Versionen davon erstellt, und erst als ihr die Worte auch am nächsten Morgen noch gefielen, hatte sie sie mit silberfarbener Tinte und in ihrer schönsten Handschrift auf dickes violettes Papier geschrieben.
Sie wartete auf Rosenleben, das, wie sie wusste, ganz am Ende der Setlist stand, nur noch gefolgt von der Zugabe, und bei diesem Song, der ihre Emotionen entfachte wie kein anderer, würde sie Moritz den Brief und damit praktisch ihr Leben zu Füßen legen. Nicht einmal Louis konnte dagegen etwas einwenden.
Es lief phantastisch. Noch besser als erwartet. Tausendfünfhundert Menschen, vor so einem großen Publikum hatten sie noch nie gespielt, und Moritz hatte das Gefühl, dass er jeden Einzelnen von ihnen zu jedem Zeitpunkt des Gigs unter Kontrolle hatte. Da rollte eine Energiewelle durch die Halle, das war ohne Worte.
Er hatte sie den Refrain von Rosenleben singen lassen, das Mikro einfach in die Menge gerichtet. Oft hatte er das schon vorgehabt, heute zum ersten Mal riskiert. Und es hatte geklappt. »So ist es eben mit dir, Baby, wir lassen die Neurosen beben, wir lieben unser Rosenleben« aus tausendfünfhundert Kehlen, was für ein Gänsehautmoment! Hoffentlich hatten die Kameraleute das vernünftig mitgeschnitten. Als Promo-Material kaum zu toppen.
Fast ein bisschen schade, dass die Dicke heute keine Rose geworfen hatte. Sie waren ja inzwischen gut aufeinander eingespielt, und wenn er die Blume aus der Luft schnappte, setzte das einen starken Akzent. Wäre auch eine großartige Szene für das Live-Video gewesen. Was hatte Louis sich bloß dabei gedacht, das Mädel so abzubügeln? Darüber ärgerte er sich immer noch. Fans waren ihr wichtigster Aktivposten, die durften sich praktisch alles erlauben, solange es halbwegs legal war! Stevie meinte ja, Louis wäre bloß eifersüchtig, weil ihm keiner was auf die Bühne warf. Na ja, vielleicht.
Er hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Sie hatten sich gerade von den Leuten da draußen verabschiedet, aber natürlich würden sie eine Zugabe spielen. Ihnen blieben also nur ein paar knappe Augenblicke. Mit dem Handtuch wischte er sich den Schweiß aus Gesicht und Nacken, nahm einen langen Schluck aus der Wasserflasche und beugte sich dann herunter zu den acht Lines, die Bogdan ihnen fein ordentlich auf ein kleines Silbertablett gelegt hatte. Er musste lachen. Der Mann hatte Stilgefühl, Respekt! Aber Lachen und Ziehen, das verträgt sich nicht, deshalb ließ er Gunnar den Vortritt und zwang sich, ruhig zu atmen, als er den nächsten Anlauf nahm.
Moritz legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und zog heftig die Nase hoch. Ein Kribbeln, ein Stechen, kurz kamen ihm die Tränen, dann spürte er auch schon, wie die Energie zurückkehrte. Die drei Zugaben würden sie mit so viel Schwung spielen, dass es den Leuten das Gehirn wegblies.
Selbst hier im Backstage-Bereich dröhnten ihm die Ohren vom Pfeifen, Rufen und Klatschen aus der Halle.
»Die hören ja gar nicht mehr auf«, sagte Stevie halb verwundert, halb entzückt.
»Wäre wohl auch kein gutes Zeichen, wenn sie sich plötzlich mucksmäuschenstill rausschleichen«, spöttelte Louis.
Moritz stellte sich vor, wie sie platzend vor Tatendrang und bereit für die Zugabe wieder auf die Bühne sprangen – und vor einer leeren, dunklen Halle standen, während die letzten Besucher gleichgültig schwatzend zum Ausgang schlenderten. Das Bild brachte ihn zum Lachen. Vielleicht konnte er mal einen Song darüber schreiben. Epic Fail. Cool, den Titel hatte er auch schon.
Aber eins stand fest, dieser Song wäre nicht autobiographisch. Bunte Kinder waren alles andere als ein Epic Fail, sie waren … ja, man konnte wohl sagen: Stars. Sie gaben Interviews und Autogramme, sie bekamen Awards und mehr Buchungsanfragen, als sie erfüllen konnten, sie hatten einen Manager, ein Label und Verträge. Und treue Fans, die ihnen zujubelten. Ihn durchströmte ein Gefühl intensiver Zuneigung für jeden Einzelnen, jede Einzelne von ihnen. Er wollte da rausgehen und sie alle umarmen.
Noch ein großer Schluck aus der Wasserflasche, einmal tief durchatmen, Konzentration. Den Earplug wieder rein. Sie tauschten Blicke.
»Los geht’s«, sagte Bogdan, »gebt ihnen den Rest.«
Und Moritz sprang erneut auf die Bühne, die drei Kollegen voraus, er als Letzter. Die Begeisterung der Massen brandete hoch wie eine gewaltige Woge und trug ihn auf ihrer schaumigen Krone. Er hob die Arme über den Kopf, formte die Hände zu einem Herz, Hunderte antworteten ihm mit derselben Geste. Liebe strömte unaufhaltsam durch die Halle, floss in alle Richtungen und ließ jeden aufleuchten, den sie berührte.
Moritz hatte genug Energie in sich, um noch mal einen ganzen Gig zu spielen. Er hüpfte über die Bühne wie ein Gummiball, ging in die Knie, sprang in die Luft, wirbelte um die eigene Achse, hielt die Gitarre beim Spielen über den Kopf, tanzte einen improvisierten Flamenco mit Louis, stolzierte stoisch wie ein Model, watschelte dann lachend wie eine Ente und kniete vor Stevie nieder, während der sein Solo spielte. Den Refrain von Society Hai, ihrem unwiderruflich letzten Song für diesen Abend, sang er auf der schmalen Kante von Gunnars Schlagzeugpodest balancierend.
Als Gunnar zu seinem Solo ansetzte, sprang er wieder herunter, um zu seiner Position am vorderen Bühnenrand zurückzukehren. Beim Aufkommen rutschte ihm der linke Fuß weg, da war irgendetwas Glattes, das er nicht gesehen und mit dem er nicht gerechnet hatte. Eine Wasserpfütze? Die Setlist? Nein, die war doch festgeklebt. Er geriet aus dem Gleichgewicht, sein Körperschwerpunkt zog ihn nach hinten, verdammt nochmal, er würde auf dem Arsch landen, und das wäre ein Epic Fail und ein elend beschissener Abschluss für ihr bisher erfolgreichstes Konzert.
In einer Explosion von Adrenalin streckte er die linke Hand aus und fing seinen Sturz damit ab. Schmerz schoss seinen Arm hoch, als hätte er in einen Flammenwerfer gefasst, aber er schaffte es, sich wieder in die Senkrechte zu katapultieren und mit ein paar elastischen Moves das Beinahe-Unglück so geschickt zu überspielen, als hätte es zur Show gehört. Falls die Szene mit auf dem Video war, musste sie auf jeden Fall rausgeschnitten werden.
Er umfasste den Hals seiner Gitarre und wollte die letzten Akkorde greifen. Es ging nicht, seine Finger gehorchten ihm nicht mehr. Wenigstens konnte er noch singen, also scheiß auf die paar Riffs, vermutlich merkte es keiner.
Der Schlussapplaus war gigantisch und übertraf alles, was Moritz je erlebt hatte. Seine Gänsehaut hörte gar nicht mehr auf. Er wusste, dass er strahlte wie ein Atomreaktor, und es war nicht annähernd genug, um zu zeigen, wie glücklich und dankbar er war. Am liebsten wäre er von der Bühne gesprungen und hätte sich in die Arme seiner wundervollen Fans geworfen.
Aber das mit dem Springen ließ er für heute wohl lieber bleiben.
Als Joris Eichendorf den letzten Karton in den vierten Stock hochgeschleppt und die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, schmerzten seine Arme von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, und seine Oberschenkelmuskeln hatten sich in Gallertmasse verwandelt. Er sah sich nach einer Stelle um, an der er sich kurz hinsetzen konnte, aber sowohl das Sofa als auch der Sessel waren vollgepackt mit Kisten, Regalbrettern, einem großen Sack voller Bettwäsche und diversen Haushaltsgeräten.
Joris räumte den Staubsauger und den Karton mit der Aufschrift »Kerzen/Kopfhörer/Vorratsdosen« ein Stück zur Seite und quetschte sich mit einem Ächzen auf den frei gewordenen Polsterstreifen. Vorsichtig streckte er die Beine aus und straffte den Rücken, verschränkte die schmerzenden Hände hinter dem Kopf und schloss mutlos die Augen. Es würde wahrscheinlich Jahre brauchen, bis er sich in seiner neuen Wohnung eingerichtet hatte.
Dabei war er nicht mal sicher, ob er überhaupt so lange in Berlin bleiben wollte. Was er in den vergangenen drei Wochen von der Stadt gesehen hatte, war – zurückhaltend ausgedrückt – verwirrend. Es gab keinen ordentlichen Mittelpunkt, keine Fußgängerzone, keinen Marktplatz, nicht mal einen zentralen Bahnhof, um den die Stadt sich gleichmäßig in alle Richtungen ausdehnte und an dem man sich immer wieder orientieren konnte. Nur eine unüberschaubare Vielzahl von Kiezen, deren einzige Gemeinsamkeit in den allgegenwärtigen Baustellen bestand.
Fast täglich hatte er überraschende Begegnungen mit Postkartenmotiven. Unvermittelt taten sich der Fernsehturm, das Brandenburger Tor, die Oberbaumbrücke vor seinen Augen auf, während er noch herauszufinden versuchte, in welchem Stadtteil er sich eigentlich befand.
Berlin war anstrengend und ehrlich gesagt an keiner Stelle besonders schön. Obwohl – na gut, an manchen vielleicht. Der Charlottenburger Schlosspark mit seinen verschlungenen Wegen. Die Beachvolleyballfelder am Gleisdreieck. Abendfrieden an der Spandauer Havel. Aber man musste schon gezielt danach Ausschau halten und einiges Wohlwollen aufbringen.
Bei der Arbeit lief es allerdings gut, und letztlich war das der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, von Essen nach Berlin zu ziehen. Also ein starkes Argument zu bleiben, soweit er das nach den paar Wochen beurteilen konnte.
Mit den Kollegen im LKA 11 schien es sich leben zu lassen. Sie waren insgesamt etwas zurückhaltender, als er das aus dem Ruhrgebiet kannte. Dort wären sie schon am zweiten Abend gemeinsam in die Kneipe gegangen, und am Wochenende wäre er zu einer privaten Grillfeier eingeladen worden. So weit war es hier noch nicht – aber fast alle waren herzlich, nahmen Anteil an seiner Wohnungssuche, gaben ihm Restaurant- und Dönerbudentipps, erkundigten sich nach seinen bisherigen Erfahrungen, erzählten auch mal etwas Persönliches. Immer gerade so viel, dass die nötige Distanz gewahrt blieb. Und die hatte Joris zu schätzen gelernt.
Er war keineswegs sicher, ob er seinen Plan realisieren konnte: hier ganz neu anzufangen, die Vergangenheit wirklich und wahrhaftig abzuschütteln, sich »neu zu erfinden«, wie das bei Prominenten immer hieß, wenn sie sich ein neues Image zulegten. Vielleicht flog er irgendwann auf. Oder er stieß an seine eigenen Grenzen und merkte, dass er die Verschleierungs- und Verheimlichungstaktik nicht durchhalten konnte. Aber dann hatte er es wenigstens versucht.
Joris’ Glieder wurden immer schwerer. Es war ein Fehler gewesen, sich hinzusetzen. Jetzt konnte er sich nicht mehr aufraffen, und dabei gab es noch deprimierend viel zu tun, ehe er die erste Nacht in seinem eigenen Bett verbrachte. Zum Beispiel musste dieses Bett erst mal zusammengeschraubt werden.
Das war der erste Umzug, den er allein durchzog, ohne die Unterstützung routinierter Heimwerker mit Schlagbohrern und Akkuschraubern. Solche Werkzeuge hatte er sich inzwischen selbst zugelegt und dabei eine Mischung aus ehrfürchtiger Scheu und freudiger Aufregung empfunden, scharf gewürzt mit einer Prise Versagensangst.
Es war nicht dasselbe, ob man dem Vater schon als Dreijähriger die Nägel anreichte und mit sieben einen Kassettenrekorder reparierte oder sich erst mit Ende dreißig in die Materie einarbeitete. Aber er wollte sich und anderen etwas beweisen, und dafür war Kistenschleppen und Möbelbauen genau das Richtige.
Nach vierundzwanzig Nächten in einem knapp mittelmäßigen Hotel am Kaiserdamm sehnte er sich vor allem nach zwei Dingen: einer anständigen Matratze und einem weit geöffneten Fenster, das richtige Luft statt Abgasen und nächtliche Stille statt Straßenlärm hereinließ. Unter Aufbietung seiner letzten Energiereserven hievte er sich aus dem Sofa hoch. Hinterher kannst du allen erzählen, dass du es allein geschafft hast, munterte er sich auf. Dieser Gedanke war tatsächlich belebend.
Sein künftiges Schlafzimmer ging hinaus auf einen Innenhof, der genügend Platz für eine üppige Kastanie und einen Sandkasten bot. Es gab eine kleine Rasenfläche, einen umzäunten Bereich für Fahrräder, und hinter einer efeubewachsenen Mauer waren diskret die Mülltonnen verborgen. Heute Mittag, als das Umzugsunternehmen die Möbel gebracht hatte, war der Hof von Sonnenlicht überzogen gewesen: eine kleine urbane Idylle. Jetzt schimmerte eine Lampionkette in den unteren Ästen der Kastanie durch die Dämmerung, und Joris konnte in die erleuchteten Räume des gegenüberliegenden Hauses schauen.
Er öffnete das Fenster und lauschte. Stille war vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber Abendfrieden traf es recht gut. Der Verkehr nur ein fernes Rauschen, deutlich übertönt vom Schlaflied einer Amsel, dem Klappern von Geschirr und mehrstimmigem Gelächter: Freunde, die sich zum Essen getroffen hatten, oder eine vielköpfige Familie. Irgendwo lief ein Fernseher. Die Tagesschau-Fanfare.
Und die Luft, entschied Joris nach einem tiefen Atemzug, war frisch und klar, der Kastanie sei Dank. Es roch ein bisschen nach Regen. Eine Mücke summte an seinem Ohr vorbei ins Schlafzimmer. Er machte sich in Gedanken eine Notiz: Fliegengitter besorgen. Dann begann er, die Beine an das Bettgestell zu schrauben.
Zwei Stunden später hatte Joris’ Schlafzimmer Gestalt angenommen. Das Bett war montiert, die Matratze mit einem sauberen Laken bezogen, sogar der Kleiderschrank stand an seinem Platz. Nachdem er die Einlegeböden hineingeschoben und mit einem feuchten Tuch sauber gewischt hatte, brachte er die Türen an. Eine Schraube fehlte. Er beschloss, dass es einstweilen auch ohne gehen würde. Mit Stolz betrachtete er sein Werk und spürte nicht mal mehr den Schmerz im linken Ringfinger, den er sich am Lattenrost geklemmt hatte.
Inzwischen war es halb elf. Er war seit dem Morgengrauen auf den Beinen, hatte drei komplette Fahrzeugladungen aus dem Selfstorage geholt und in die Naumannstraße gefahren, rund vierzig Säcke, Kisten und Kleinmöbel in den vierten Stock geschleppt, den Umzugsservice dirigiert, überwacht und mit Getränken aus dem Späti bei Laune gehalten, die eingebauten Küchenschränke ausgewaschen und die Toilette geschrubbt. Er würde sich irgendwo eine Kleinigkeit zu essen besorgen, ein Bier trinken und in sein frisch aufgebautes Bett gehen. Schließlich lag noch der ganze lange Sonntag vor ihm, um seiner Wohnung ein heimeliges Gesicht geben zu können.
»Wenn man dich mal einen Moment aus den Augen lässt!«, seufzte Bogdan, der mit einer gewissen Selbstironie gerne das Klischee des theatralisch entnervten Managers pflegte. Vorsichtig berührte er Moritz’ stark geschwollene linke Hand. Der zuckte zurück.
»Was willst du denn da jetzt anfassen?«, fauchte er. »Das sieht man doch wohl, dass das wehtut!«
»Schmerz kann man nicht sehen. Den muss man spüren«, belehrte Bogdan ihn nachsichtig.
»Na schön. Ich spüre ihn. Genügt dir das?«
Bogdan zuckte die Achseln, als wollte er sagen: Muss es ja wohl. Er hegte gar keinen Zweifel daran, dass Moritz’ Hand außerordentlich weh tat. Die Finger waren dick angeschwollen, verfärbt und schienen sich auch nicht an ihrer normalen Position zu befinden. Das war mit Sicherheit nicht einfach nur eine harmlose Prellung, und was das für die bevorstehende Tour bedeutete, mochte sich Bogdan gar nicht ausmalen. Im Geiste ging er bereits verschiedene Optionen durch.
Er konnte alle Auftritte absagen, bis es Moritz wieder besser ging. Das würde allerdings Vertragsstrafen nach sich ziehen, und zwar in einer Höhe, die sie sich niemals leisten konnten, schließlich standen Bunte Kinder erst ganz am Anfang ihrer Karriere. Da gab es noch keine Rücklagen oder Sicherheitspolster. Jeder verdiente Cent – und zusätzlich noch der eine oder andere Euro aus den privaten Hosentaschen seiner Schützlinge – floss in Equipment, Studiokosten, Bühnenausstattung und in die Löhne und Gagen der Roadies, der Videofilmer und aller anderen Dienstleister. Auch in Bogdans Honorar natürlich. Und er fand, dass er eine Menge dafür leistete.
Eine zweite Möglichkeit war, Moritz durch jemand anderen zu ersetzen. Im Studio wäre das möglich gewesen, aber bei einer Tournee? Allein um das Repertoire in so kurzer Zeit einzustudieren, wäre schon ein wahres Wunderkind vonnöten, ganz zu schweigen von der Dynamik innerhalb der Gruppe, die nie so bedeutsam war wie während der Liveshows und bei den anstrengenden Reisen von einer Stadt zur nächsten.
Außerdem war Moritz ihr Zugpferd, der Mädchenschwarm, der kreative Kopf und Wortführer. Alle anderen konnte man zur größten Not und mit ein paar Verlusten austauschen, doch Moritz war das Gesicht der Bunten Kinder. Ohne ihn waren sie nichts, vor allem nicht bunt. Bloß Kinder, sozusagen. Bogdan unterdrückte bei diesem mentalen Bonmot ein selbstzufriedenes Lächeln und nahm sich vor, es bei Gelegenheit in ein Gespräch einfließen zu lassen.
Es blieb also nur die dritte Option: Moritz trat weiter auf, spielte aber nicht Gitarre, sondern sang nur. Sie würden einen fünften Musiker brauchen, der Moritz’ Instrumentalpart übernahm, und auch das konnte die Dynamik gefährden und brachte allerhand Probleme mit sich, doch im Vergleich schienen sie Bogdan eher lösbar.
Zur Not spielt ihr eben Playback, dachte er, hütete sich allerdings, seine Überlegungen laut auszusprechen. Die Jungs sollten Musik machen; fürs Denken, Organisieren und Planen bezahlten sie ihn, und nur bei einer klaren Aufgabenteilung konnte dieses Prinzip funktionieren.
»Wie ist das denn überhaupt passiert?«, erkundigte sich Bogdan, um wieder zu dem unmittelbar vor ihm liegenden – oder genauer gesagt auf der Couch sitzenden – Problem zurückzukehren.
»Ich bin von Gunnars Podest gesprungen und dabei irgendwie weggerutscht«, erklärte Moritz missmutig. Dann sah er Bogdan flehend an. »Guck bitte unbedingt, dass das nicht in dem Video zu sehen ist! Ich will auf keinen Fall, dass das online geht!«
»Wir kriegen das sowieso noch mal zur Abnahme, oder?« Louis riss eine Bierdose auf. »Mir ist bei Kamikaze der Hut runtergerutscht. Das darf auch nicht zu sehen sein.«
»Alter, ihr seid solche Pussys!«, amüsierte sich Gunnar und fügte mit übertrieben hysterischer Fistelstimme hinzu: »Mir ist da ein Schweißtröpfchen übers Gesicht gelaufen, o mein Gott, was mach ich denn bloß, wenn man das im Video sehen kann?«
»Jetzt lass uns erst mal einen Arzt holen«, meldete sich Stevie zu Wort, der endlich seine Violine in den Kasten gebettet hatte wie eine fürsorgliche Mutter ihr Baby. »Das ist doch wohl wichtiger als irgendwelche Fails im Video!«
Bogdan tätschelte ihm die Schulter. »Junge, du hast recht.« Er fischte das Handy aus der Innentasche seines Sakkos, entsperrte den Bildschirm und sah dann unschlüssig wieder hoch. »Soll ich jetzt den Notarzt …?« Irgendwie kam es ihm seltsam unangebracht vor, schließlich lag hier niemand im Sterben.
Die Jungs erwiderten seinen Blick ebenso ratlos. Moritz hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Er hielt die verletzte Hand dabei möglichst reglos in die Höhe.
»Also gut«, sagte Bogdan, als hätten sie ihm eine klare Anweisung erteilt, und tippte eins, eins, zwei. Sobald er mit der Notrufzentrale verbunden war, drehte er den anderen den Rücken zu. »Ja, Keitel hier, ›Huxleys Neue Welt‹. Ich bin der Manager der Band Bunte Kinder, und einer meiner Jungs hatte einen kleinen Unfall. – Was? Nein, nein, er hat sich an der Hand verletzt. – Ein Sturz. – Ja. – Im Backstage-Bereich. Das Konzert ist vorbei. Ähm, Hasenheide … die Nummer weiß ich nicht im Kopf, aber ›Huxleys‹, ich meine, das kennen Sie doch, oder? – Gut, danke.« Er tippte auf den Bildschirm und wandte sich wieder den Jungs zu. »Sie schicken jemanden.«
Gunnar hielt Moritz wie zur Aufmunterung eine frische Bierdose hin. Der schüttelte nur düster den Kopf und murmelte: »Ich möchte mal wissen, wieso ich da ausgerutscht bin. Ist einem von euch eine Flasche umgekippt oder was?«
Gunnar öffnete die Dose und trank selbst daraus. »Also, mir nicht.«
»Mir auch nicht«, schloss Louis sich an.
Stevie zögerte ein bisschen, und Bogdan dachte schon, er werde jetzt beichten, dass ihm das Getränk ausgelaufen sei, aber dann zog er ein violettes Stück Papier aus seiner Hosentasche. »Ich nehme mal an, du bist auf dem hier gelandet.«
Alle starrten es stirnrunzelnd an. »Was ist das?«, wollte Gunnar wissen.
»Ein Brief«, antwortete Stevie, obwohl das ziemlich offensichtlich war. »Fanpost«, fügte er hinzu.
Louis riss die Augen auf. »Wie, du meinst, das hat jemand auf die Bühne geworfen? Verdammt, sag nicht, die Dicke …«
»Hab ich nicht gesehen«, unterbrach Stevie ihn. »Aber der lag da jedenfalls.« Er hielt das Couvert ein bisschen höher. »Und da ist ein Schuhabdruck drauf.«
Louis riss ihm den Umschlag aus der Hand und überprüfte ihn schweigend. Er reichte ihn weiter an Gunnar, der gab ihn Moritz. Bogdan konnte die staubigen Konturen einer Sneakers-Sohle erkennen, ohne das Couvert selbst in der Hand zu halten, ebenso wie das Wort »Moritz«, das in silberfarbener Tinte darauf geschrieben war. Mit einer großen, runden Mädchenhandschrift und einem Herzchen über dem i.
»Hast du den gelesen?«, fragte Moritz.
Stevie schüttelte hastig den Kopf und errötete dabei leicht. Bogdan schmunzelte in sich hinein. Sie wussten alle, dass er nicht lügen konnte.
»Lies mal vor«, forderte Louis Moritz auf.
»Hey, hey, langsam«, schaltete sich Bogdan ein, dem das ein bisschen zu weit ging. Er hatte Louis’ Ärger über die Rosenwerferin mitbekommen und vermutete, dass Eifersucht keine ganz geringe Rolle dabei spielte. Die musste man durch das Verlesen eines vermutlich sehr schwärmerischen Liebesbriefs nicht noch weiter schüren und damit den Teamgeist gefährden. »Der ist so lange persönlich, bis Moritz was anderes entscheidet.«
»Persönlich?«, brauste Louis auf. »Was soll denn der Scheiß jetzt? Unser Frontmann hat sich gerade die Hand gebrochen, weil die fette Kuh schon wieder und trotz ausdrücklichem Verbot was auf die Bühne geschmissen hat, okay? Ich kann da absolut nichts Persönliches dran finden, das betrifft uns nämlich alle, und zwar beruflich! Genau genommen: existenziell!« Mit jedem Satz wurde er ein bisschen lauter. »Wir haben vierzehn Gigs zu spielen, Alter! Vierzehn! Und für die sieht’s gerade ziemlich scheiße aus, wenn ich mir Moritz so ansehe!«
Bogdan hob die Hand zu einer, wie er hoffte, respekteinflößenden Gebärde. »Jetzt beruhigen wir uns alle mal, ja?« Unwillkürlich war er ebenfalls laut geworden. »Wir wissen noch gar nicht, wie schlimm es überhaupt ist. Vielleicht machen die ein bisschen Salbe drauf, und in zwei Tagen lachen wir alle darüber.« Es war nicht so, dass er daran glaubte, er hielt es jedoch für seine Aufgabe, Zuversicht zu vermitteln, statt Panik zu schüren.
Gunnar schnaubte verächtlich. »Dein Ernst? Na, ein Glück, dass du kein Arzt geworden bist.«
»Selbst wenn Moritz an der Gitarre vorübergehend ausfällt«, fuhr Bogdan scheinbar unbeirrt fort, ohne durchblicken zu lassen, welche Sorgen er sich tatsächlich um die Zukunft der Bunten Kinder machte, »selbst wenn, wohlgemerkt, dann kann er immer noch singen. Okay, für Potsdam könnte es knapp werden, aber Hamburg ist erst in zehn Tagen. Bis dahin finden wir eine Lösung. Entspannt euch, Jungs.« Er breitete beide Arme aus und bemühte sich, über das ganze Gesicht zu strahlen. »Und feiert! Ihr wart genial, gewaltig, umwälzend heute Abend! Tausendfünfhundert Leute! Ich will jetzt hier mal ein bisschen Partystimmung sehen!«
Die Taktik funktionierte. Nicht gut und nicht schlagartig, aber nach etwas Augenverdrehen, Murren und abfälligem Gemurmel kehrte wenigstens oberflächlich Ruhe ein. Bogdan zauberte mit großer Geste eine Flasche Veuve Cliquot aus der Kühlung, Gunnar öffnete sie mit einem spektakulären Knall, Stevie füllte die Gläser. »Auf euren Erfolg! Bunte Kinder erobern die Welt!«, rief der Manager euphorisch. Genau in diesem Moment kamen die Sanitäter, auch ihrerseits bunt in Rot, Weiß und Neongrün.
Sie sahen sich Moritz’ Hand gründlich an, stellten ihm ein paar Fragen, erteilten ihm ein paar Anweisungen, denen er gar nicht oder nur unter Schmerzen Folge leisten konnte, legten eine provisorische Schiene an und erklärten dann, sie würden ihn zum Röntgen und zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus bringen.
Moritz bemühte sich um Lockerheit und machte einen kleinen Scherz, als er von den Sanitätern hinausgeführt wurde, aber als er weg war, trat betretenes Schweigen ein. Louis öffnete die nächste Bierdose, Gunnar goss den letzten Fingerbreit Champagner in sein Glas. Bogdan beobachtete, wie Stevie den in Vergessenheit geratenen violetten Brief wieder in die Hosentasche schob, und empfand eine gewisse sentimentale Rührung über diese Geste. Er liebte die Jungs, jeden Einzelnen von ihnen, aber Stevie war eindeutig der mit der zartesten Seele. Bogdan nahm sich vor, sehr gut auf ihn aufzupassen, damit er ihnen zwischen Tourstress und Triumphen nicht unter die Räder kam.
Seit siebenundzwanzig Jahren war Magnus Kersten Hundehalter, und seit ebenso langer Zeit verspürte er den morbiden Wunsch, eine Leiche zu finden. Als leidenschaftlicher Krimileser wusste er, wie oft ein Spaziergänger mit Hund den grausigen Fund machte, und im Gegensatz zu vielen anderen Krimiklischees war dieses keineswegs weit hergeholt. Selbstredend war er deutlich häufiger im Freien unterwegs als seine hundelosen Zeitgenossen, bei jedem Wetter, um jede Tages- und Nachtzeit und häufig auf sehr wenig frequentierten Wegen.
Am Wochenende fuhr er gerne hinaus ins brandenburgische Umland, wo es noch viel abgelegenere Gegenden gab, die sich nahezu perfekt für die Leichenablage eigneten. Teilweise waren sie bequem mit dem Auto zu erreichen. Anhalten, Kofferraum öffnen, Leiche herausheben und auf den Boden legen, mit Sand oder Zweigen zudecken (optional), wieder einsteigen, fortfahren, fertig. Es konnte Wochen, Monate, Jahre dauern, bis jemand den Leichnam fand. Mit etwas Glück wurde er überhaupt nicht gefunden.
Magnus merkte sich solche Plätze für den Fall, dass ein guter Freund mal in die Verlegenheit kam, sich eines Verstorbenen entledigen zu müssen. Er hätte jederzeit fünf, sechs hilfreiche Ratschläge unterbreiten können. Aber aller Voraussicht nach, so dachte er mit leisem Bedauern, würde sein wertvolles Wissen niemals abgerufen, denn in seinem Bekanntenkreis gab es nicht einmal Schwarzfahrer, geschweige denn Mörder.
Seine Kolleginnen und Kollegen am Institut für Englische Philologie der Freien Universität waren von einer Honorigkeit, Rechtschaffenheit und Gesetzestreue, die Miss Marple Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte, und die Studierenden … ach ja, die Studierenden.
Lebensuntüchtige, verweichlichte, ahnungslose Kinder, die meisten durchaus gutherzig, aber von bestürzender Naivität. Sie wollten ausnahmslos möglichst die Welt, mindestens jedoch ihren Notendurchschnitt verbessern, allerdings brachte schon ein anderthalbstündiges Proseminar über Vanity Fair sie hart an die Grenze ihrer kognitiven Kapazitäten. Mit der Planung, Durchführung und Vertuschung eines Kapitalverbrechens wären sie in jeder Hinsicht überfordert gewesen.
Magnus Kersten hatte bis zur Pensionierung nur noch drei Semester zu lehren und wenig Grund zu der Annahme, dass ihn vor dem Verglimmen seines Lebenslichts jemand als Berater für Opferentsorgungsangelegenheiten konsultieren würde. Die Hoffnung auf einen Leichenfund indes hatte er noch nicht unter Sand und Zweigen begraben. Denn nach wie vor war er mindestens zwei Stunden täglich mit Thackeray unterwegs.
Thackeray war nach Dickens und Fielding sein dritter Deerhound und ging mit seinen acht Jahren auch bereits auf die Rente zu. Seine Zähne waren etwas lückenhaft geworden, sein Blick nicht mehr so scharf und sein Gang nicht mehr so geschmeidig wie in der Blüte seiner Jugend, aber noch immer verfügte Thackeray über einen ausgezeichneten Geruchssinn und war im Übrigen eine Seele von Hund, treu, anpassungsfähig, geduldig und von bewundernswerter Ausgeglichenheit.
Thackeray schlief morgens gerne aus. Wenn sein Herrchen in die Pantoffeln schlüpfte und steifbeinig ins Bad tappte, öffnete er die Augen zu einem trägen Blinzeln, gähnte und reckte mit einem behaglichen Grunzen die langen Glieder, um sich daraufhin noch etwas tiefer in sein Körbchen zu kuscheln. Er kostete jede einzelne der rund dreißig Minuten aus, die Magnus Kersten zum Rasieren, Duschen und Einreiben der arthrosegeplagten Kniegelenke brauchte, und erhob sich erst von seinem weich gepolsterten Lager, wenn er das hauchfeine Gleiten vernahm, mit dem Kersten einen seidenen Schlips vom Krawattenhalter zog.
Dann blieb Thackeray genügend Zeit, um sich ausgiebig zu recken – erst die Vorder-, dann die Hinterläufe – und sein raues Fell durch ein energisches Schütteln in Form zu bringen, ehe er sich mit einem routinemäßigen Schwanzwedeln zu Herrchen in den Flur gesellte, um sich Halsband und Leine anlegen zu lassen.
