Eversea - Ein einziger Moment - Natasha Boyd - E-Book

Eversea - Ein einziger Moment E-Book

Natasha Boyd

4,4
8,99 €

Beschreibung

Die zweiundzwanzigjährige Keri Ann traut ihren Augen nicht, als eines Abends der angesagte Schauspieler Jack Eversea in dem Restaurant auftaucht, in dem sie kellnert. Ihr verschlafenes Heimatstädtchen Butler Cove im Süden der USA ist so ziemlich der letzte Ort, an dem sie erwartet hätte, auf einen Hollywoodstar wie ihn zu treff en. Doch Jack hat Gründe, warum er aus L. A. geflohen ist. Und Keri Ann weiß, dass sie die Art und Weise, wie seine Nähe ihr Herz zum Rasen bringt, aus genau diesen Gründen ignorieren sollte. Denn egal wie gut die beiden sich verstehen oder wie sehr die Funken zwischen ihnen sprühen - die Welten, in denen sie leben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Und eine Liebe zwischen ihnen ist unmöglich ... oder?

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Seitenzahl: 434

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Inhalt

Titel

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Jack

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Die Autorin

Natasha Boyd bei LYX

Impressum

NATASHA BOYD

Eversea

Ein einziger Moment

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Henriette Zeltner

Zu diesem Buch

Die zweiundzwanzigjährige Keri Ann traut ihren Augen nicht, als eines Abends niemand anders in ihrem Restaurant auftaucht als Jack Eversea – der zurzeit angesagteste Jungschauspieler Hollywoods. Keri Anns verschlafenes Heimatstädtchen Butler Cove in South Carolina ist so ziemlich der letzte Ort, an dem sie erwartet hätte, auf einen Superstar wie ihn zu treffen. Aber Jack hat gute Gründe, warum er aus L. A. geflohen ist. Seine Freundin und Filmpartnerin hat ihn mit ihrem neuen Regisseur betrogen und damit für einen riesigen Skandal gesorgt. Jetzt braucht Jack erst einmal Ruhe vor der Presse und vor all denen, die denken, sie wüssten, was das Beste für ihn und seine Karriere ist. Als Keri Ann ihn gleich an seinem ersten Abend in Butler Cove erkennt, droht sich sein Plan, in der ruhigen Küstenstadt ein paar Wochen inkognito zu verbringen, sofort wieder in Luft aufzulösen. Doch die junge Kellnerin hat genug mit sich selbst zu tun, als dass sie sich von einem A-Promi beeindrucken lassen würde: Nach dem Tod ihrer Großmutter ist sie dafür verantwortlich, das Studium ihres Bruders zu finanzieren und nebenbei auch noch das Haus, das sie geerbt hat, in Schuss zu halten. Die Tatsache, dass allein ein Blick von Jack ihr Herz schneller schlagen lässt als je zuvor, kommt ihr daher mehr als ungelegen. Zumal eine Liebe zwischen ihnen sowieso unmöglich ist … oder?

1

Du weißt, dass du im Lowcountry von South Carolina bist, wenn sich das Lenkrad deines alten roten Pick-ups von der feuchten Luft rutschig anfühlt, die Nachrichten im Radio nur davon berichten, welchen Weg der jüngste atlantische Hurrikan voraussichtlich nehmen wird, und das überfahrene tote Tier, dem du gerade noch ausweichen kannst, ein fünf Fuß langer Alligator ist.

Ich erschauerte, als ich die schleimigen Überreste des Reptils hinter mir ließ, und hielt kurz die Luft an. Dann hob ich meinen Pferdeschwanz im Nacken hoch und hoffte, die heiße Brise von South Carolina, die durchs Fenster hereinwehte, würde sich zumindest auf meiner feuchten Haut kühl anfühlen.

Der Vorteil am Herbst war, dass die Touristen schon wieder nach Hause gefahren waren. Der Nachteil, dass das County dann aufhörte, gegen Moskitos und Bartmücken zu sprühen, sodass diese kleinen Scheißviecher Gelegenheit hatten, sich wie verrückt an der »einheimischen Küche« satt zu fressen. Eins davon hatte sich auch in meinen Pick-up verirrt, und ich tat mein Möglichstes, um es zu ignorieren, während ich über die Cross-Island-Brücke fuhr. Aber wenn es die Frechheit besitzen sollte, in einen meiner nackten Fußknöchel zu stechen, dann würde ich rechts ranfahren und es erlegen müssen.

Ich schaute in den Rückspiegel und wollte schon die Spur wechseln, als ein lautes Hupen und dröhnendes Motorengeräusch mich das Steuer zurückreißen ließ. Der Magen zog sich mir zusammen, als ein Motorrad aus meinem toten Winkel rausfuhr. Das hatte ich beinah touchiert. Der Fahrer kam auf meine Höhe und schaute herüber, während ich die Hand zu einer entschuldigenden Geste hob.

Sein Helm hatte ein getöntes Visier, durch das ich nicht durchschauen konnte. Nach ein paar Sekunden hob er grüßend die Hand und rauschte dann röhrend davon. Sein weißes Hemd bauschte sich wie ein Segel. Kalifornisches Nummernschild. Tourist. Das passte.

Ich war für meine Schicht im Grillrestaurant schon spät dran, daher folgte ich dem Beispiel des Bikers und trat das Gaspedal durch. Ein Polizist würde wohl eher den Fremden rechts ranfahren lassen als mich. Oder mir höchstens eine freundliche Ermahnung mitgeben. Wenn du in einer Kleinstadt lebst, dann bist du eben mit fast jedem entweder zur Schule oder in die Kirche gegangen. Auch wenn ich beide schon länger nicht mehr besuchte.

Als ich ankam, blieben mir nur noch ein paar Minuten. Also stellte ich den Wagen ab und rannte hinein.

Der kleine Küstenort Butler Cove Island hatte außerhalb der Saison neuntausend Vollzeiteinwohner, und an manchen Tagen kam es mir vor, als hätte jeder davon einen Schaden. Ich setzte ein falsches Lächeln auf und nickte mechanisch, während ich höflich einem weiteren weisen Rat von Pastor McDaniel lauschte. Der gute Pastor tat so, als würde er puren Eistee trinken, der nicht mit einem Schuss aus dem kleinen Flachmann in seiner Jackentasche versehen war. Im Ernst?

Seine stattliche Erscheinung war in eine Nische gequetscht, und die Knöpfe an seinem Anzughemd sahen aus, als müssten sie einiges aushalten.

Ob er mich diesmal mit dem Gerede über mein Haus verschonen würde? Der Pastor saß im Stadtrat und schien der Ansicht, das gäbe ihm das Recht, richtig dick aufzutragen. »Nun, Miss Keri Ann, deine Großmama würde sicher im Grab rotieren, wenn sie mitansehen müsste, wie das letzte bisschen Immobilienbesitz in eurer Familie so herunterkommt.« Nö. Er fing schon wieder davon an. »Du musst das Anwesen instandhalten.« Verschwörerisch beugte er sich vor. »Soll ich dir nicht am Sonntag nach der Kirche meinen Jasper raufschicken, damit er dir ein wenig unter die Arme greift?«

»Das wäre sehr nett von Ihnen, Herr Pastor.« Es widerstrebte mir, das Angebot abzulehnen, im Ernst. Das Haus meiner Familie war das Letzte von Butler Cove, was den Butlers noch geblieben war, und nun verfiel es. Ich brauchte Hilfe, aber nicht zu dem Preis, dass der Pastor mir einen Gefallen tat. Und daraus, wie seine Knopfaugen hin und her gingen, schloss ich mit Sicherheit, dass ihm die Vorstellung, Jasper und mich zusammenzubringen, durch den Kopf ging. Was gäbe es auch für einen besseren Weg, um an das Haus ranzukommen? Zum Glück war ich mir sicher, dass Jasper und ich unsere Freundschaft beide platonisch belassen wollten. »Ich würde ihn gerne bezahlen, wenn er gegen ein bisschen Schleifen und Streichen nichts einzuwenden hat.«

Der Pastor drückte schnaufend seine Brust ein wenig heraus. »Also nein, davon will ich aber nichts hören. Mein Jasper ist ein Gentleman, der einer Lady hilft, und fertig. Hat er dir schon erzählt, dass er eine Zusage vom Charleston College of Law hat?«

Ich nickte.

»Er ist ein kluger Bursche, der mal weit rumkommen wird. Kann mit seinem Verstand und seinen Händen umgehen. Ich schicke ihn am Sonntag zu dir rüber.« Er fokussierte seinen Blick und schien an der Nasenspitze entlang auf mich zu schauen, obwohl ich seine sitzende Gestalt sicher um mindestens drei Köpfe überragte. »Ich hoffe, ich sehe dich vorher im Gottesdienst.«

Wie kriegte er das bloß hin?! Es musste da eine eigene Schule geben, wo Pastoren lernten, Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich lächelte zaghaft und stellte das Wasser ab, das ich gerade in der Hand hielt.

»Wie wär’s mit ein wenig Wasser, Herr Pastor?«, fragte ich und schaute vielsagend auf seinen hochprozentigen Eistee. Seit sechs Jahren war ich nicht mehr in der Kirche gewesen. Wenn ich diesen Sonntag ging, konnte mich eventuell der Blitz treffen.

Es war ein gemächlicher Abend. Endlich Ruhe nach der verrückten Touristensaison. Die einzigen Leute, die sich noch in dem schummrig beleuchteten Restaurant aufhielten, saßen an der Bar. Eine davon war meine beste Freundin Jazz, die diesen Spitznamen ihrem Lieblingsmusikgenre verdankte, und ein gebeugt dahockender Typ mit Baseballcap und Kapuze, der erst vor fünf Minuten reingekommen war und sich jetzt praktisch auf dem Barhocker in der Ecke einrollte. Er zog ein Handy aus der Tasche seiner Jeans.

Es war schon fast Zeit zu schließen, und ich hoffte sehr, dass er nicht lange bleiben würde. Mal früh ins Bett zu kommen, das konnte ich wirklich brauchen. Und das Lokal pünktlich zu schließen schien mir eine himmlische Aussicht zu sein.

»Was kann ich Ihnen bringen?«, rief ich dem Typ mit dem Kapuzensweater zu, während ich hinter die Bar zurückkam. Er murmelte irgendwas, schaute dabei aber nicht von seinem Handy hoch, in das er eifrig tippte. Ich seufzte und ging noch ein Stück den Tresen hinunter, damit ich ihn verstand. Manche Leute können dermaßen unhöflich sein. Davon hatte ich diesen Sommer schon genug gehabt, und ich denke, das erging nicht bloß mir so. Es war von ein paar Fällen berichtet worden, als Einheimischen der Kragen geplatzt war. Kein Wunder. Die Bezirksverwaltung hatte sogar Plakate aufhängen müssen, in denen man die Einheimischen daran erinnerte, dass der Großteil ihrer finanziellen Mittel aus dem Tourismus kam.

»Einen Burger, medium, mit Pommes. Zum Mitnehmen«, wiederholte der Kapuzentyp, ohne hochzublicken. Der Schirm seines weinroten Caps verbarg sein Gesicht vollständig. »Und einen Bushmills auf Eis, solange ich warte.« Sein Akzent verriet, dass er definitiv nicht von hier war. Er simste schon wieder weiter. Ich seufzte und tippte die Bestellung auf den Touchscreen. Zum Glück besaß ich die Geduld einer Heiligen. Zehn Sekunden später lehnte sich Hector aus der Küche und musterte mich kopfschüttelnd.

»Sorry, Hector. Das ist die letzte, dann kannst du alles ausmachen. Ich mach hier draußen dicht.«

Seine griesgrämige Miene brachte mich zum Lächeln. Wir beschwerten uns jeder mal, aber immer im Guten, denn wir mochten unsere Jobs im Snapper Grill. Den ganzen Sommer über waren die Löhne und Trinkgelder riesig, und in der Nebensaison, wenn die meisten anderen Saisonangestellten weiterzogen, hielten mehr oder weniger wir beide den Laden am Laufen. Richtig was los war dann nur am Wochenende, wenn das Lokal eher als Bar für die Inselbewohner fungierte und weniger als Restaurant. Es war hilfreich, dass unser Besitzer Paulie den Sender mit der lokalen Sportberichterstattung abonniert hatte. Denn die meisten Einheimischen sahen überhaupt nicht ein, dass sie sich ein Premiumabo des Kabelanbieters zulegen sollten, nur um die Spiele der Tigers oder der Gamecocks zu sehen. Hector zog seinen dunklen Schopf wieder in die Küche zurück und murmelte irgendwas auf Spanisch.

»Sooo, was gibt’s in der Welt der Promis denn Neues?« Ich deutete mit dem Kopf auf die Zeitschrift, die Jazz gerade verschlang, und füllte nebenbei ein Glas mit Eiswürfeln und gutem irischem Whiskey.

Jazz schaute hoch und seufzte vor Glück. »Was für eine Wohltat. Monatelang bin ich nicht dazu gekommen, einfach nur rumzusitzen und Klatschblätter zu lesen. Weißt du, meine Mutter duldet sie nicht mal im Haus. Sie sagt, ich würde damit meinen Verstand verflüssigen, während sie meine Studiengebühren zahlt. Ich kann’s gar nicht erwarten auszuziehen, auch wenn ich sie vermissen werde.«

Jazz studierte an der University of South Carolina Beaufort, wohnte aber noch zu Hause, um Geld zu sparen, und jobbte in einem schicken Laden hier im Ort. Ich schenkte meiner Freundin ein mitfühlendes Lächeln und servierte den starken Drink am anderen Ende der Bar.

Der Kapuzenkerl scrollte immer noch mit seinen langen Fingern auf dem Handydisplay und achtete überhaupt nicht auf das Glas, das ich mit einer Serviette darunter auf das polierte Holz direkt vor ihm stellte. Ich seufzte und schlenderte zurück zu Jazz.

»Du weißt ja, dass du bei mir einziehen kannst, Jazz. Solange Joey die Med School fertig macht, hänge ich da doch sowieso nur allein rum.« Sie tat, als höre sie mich nicht. Ich hatte ihr das schon eine Million Mal angeboten, aber Jazz und mein Bruder Joey hatten einen Sommer lang, als Joey vom College aus nach Hause kam, kurz was miteinander gehabt. Zu behaupten, er hätte Jazz das Herz gebrochen, als er wieder abreiste, wäre untertrieben. Ich war mir nicht sicher, ob irgendjemand bemerkt hatte, wie viel Jazz an ihm lag, am wenigsten sie selbst. Mir zuliebe hatten sie eine notdürftige und zerbrechliche Freundschaft geschlossen, als Joey zu den Feiertagen zurückgekommen war. Aber jetzt, zwischen Uni und Praktika und der anstehenden Facharztausbildung, war er immer seltener da.

»Dann versucht McDaniel immer noch, dich mit Jasper zu verkuppeln?«, fragte Jazz, während sie rasch durch das Heft blätterte. »Weißt du, du brauchst hin und wieder ein Date … um in Übung zu bleiben, bis der Richtige daherkommt.« Sie zwinkerte mir zu.

»Mein Gott, Jazz!« Ich warf einen schnellen Blick zu Pastor McDaniel, um sicherzugehen, dass er nicht gehört hatte, wie ich den Namen des Herrn mal wieder unnütz im Mund geführt hatte. Oops. »Du weißt doch, dass ich im Moment zu viel um die Ohren habe, um mit irgendjemandem auszugehen. Und wer sollte denn um Gottes willen hier in der Gegend der Richtige sein?« Wow, heute Abend war ich ja ganz schön in Fahrt. Zum Glück rüstete sich der gute Pastor schon zum Aufbruch. Ich winkte zurück, als er ging. Gut, dass er sich zu Fuß auf den Weg machte, sonst hätte ich ihm die Autoschlüssel abluchsen müssen.

»Das glaubst du nicht«, rief Jazz; sie schien unser Thema völlig vergessen zu haben und starrte auf die Zeitschrift in ihren Händen. »Audrey Lane hatte eine Affäre mit ihrem verheirateten Regisseur! So eine Kuh. Ich glaub’s nicht. Dabei heißt es, dass sie mit Jack Eversea zusammen ist.« Jazz sah richtig geschockt aus. Sie vergötterte Jack Eversea. Genau wie wahrscheinlich jedes andere Mädchen in Amerika auch.

Ich lachte sie aus. »Jazz, dir ist aber schon klar, dass das meiste von diesem Zeug frei erfunden ist, ja?« Ich beugte mich vor, um einen Blick auf die dubiosen, grobkörnigen Fotos zu werfen, auf die sie mit einem limettengrünen Fingernagel tippte. Ich hielt inne, als abrupt das Geräusch eines zurückgeschobenen Stuhls zu hören war.

Wir schauten beide hinüber und sahen den Kapuzentyp mit dem Rücken zu uns aufstehen. Er fischte ein Bündel Dollarnoten aus seiner Jeanstasche, zog einen Schein heraus und legte ihn auf die Bar neben sein nicht ausgetrunkenes Glas.

Ich bemerkte, wie Jazz’ Blick abwärts bis zu seinem extrem hübschen Hinterteil wanderte, das in einer trendigen Jeans steckte.

Daraufhin gab ich ihr einen ordentlichen Klaps auf die Hand.

»Autsch!«, jaulte sie, und ich grinste.

Mit gesenktem Kinn marschierte der Typ hinaus.

Ich fing Jazz’ Blick auf, als sie mich mit gespielter Empörung anfunkelte. »Was denn? Der hat einen hübschen Arsch«, zischte sie und widmete sich dann wieder ihrem Klatschblatt. Sie hatte gar nicht unrecht, aber ich machte mir mehr Gedanken über sein seltsames Benehmen.

»Bestellung is’ fertig«, kläffte Hector vor der Durchreiche aus der Küche und schob eine Styroporschachtel heraus. Toll. Obwohl, der Vorteil war, dass ich mit einem Burger nach Hause fahren würde, falls der Kerl nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten wieder aufkreuzte. Ich konnte ihm nur raten, genug für seine Zeche dagelassen zu haben. Rasch ging ich die Bar entlang und nahm mir den Schein vom Tresen. Ein Hunderter. Ha! Ich bonierte ihn und nahm das Wechselgeld aus der Kasse.

»Hector«, rief ich durch die Durchreiche. »Das war ein guter Abend für Trinkgeld.« Ich schob ihm achtzig Dollar in bar zu. Auch wenn ich das Geld gebraucht hätte, Hector brauchte es noch dringender.

»Madre«, hörte ich Hector. Er kicherte.

»Mist, ich muss los.« Jazz hüpfte von ihrem Barhocker, kam schnell um die Theke rum und umarmte mich. »Ich muss morgen den Laden aufmachen, und ich hasse es, früh aufzustehen. Man sieht sich.« Mit diesen Worten flog meine quirlige Freundin auch schon zur Tür hinaus.

Jazz und ich waren beste Freundinnen seit der Grundschule in Butler Cove, nachdem wir hierher gezogen waren, um im Haus der Familie zu wohnen und uns um meine Großmutter zu kümmern. Mitten im Schuljahr an einem fremden Ort Freunde zu finden, das stand auf der Liste meiner Fähigkeiten nicht ganz oben. Ich war mir nicht sicher, wieso ich das Glück hatte, auf Jazz zu stoßen, aber irgendwie hatte dieses blonde Energiebündel mit dem sonnigen runden Gesicht eines Tages in der fünften Klasse auf dem Flur ihr Licht auf mich gerichtet, und seither sonnte ich mich in dem warmen Schein. Und zwar selbst in den härtesten Augenblicken meines Lebens.

Ich stellte die Musik leiser und ging ebenfalls zur Tür, um abzuschließen.

Es war eine herrliche Nacht. Die Luft war zwar immer noch sehr feucht, aber die Hitze hatte endlich nachgelassen und die Sterne strahlten hell. Ich blieb im Türrahmen stehen, schaute nach oben und atmete die frische Luft. Die Zikaden waren fleißig, und ihr endloser, gleichmäßiger Rhythmus hatte etwas Beruhigendes. Ich wusste, dass etwas von diesem Ort für immer in meiner Seele sein würde. Es war fest eingebaut. So sehr mich all das hier manchmal ärgerte, dieses Fleckchen Erde war wirklich mit nichts zu vergleichen. Irgendwann in der Zukunft wollte ich weggehen, so viel wusste ich. Ich wartete nur darauf, dass Joey mit seinem Studium fertig war und mit mir tauschte. So war es abgemacht. Das war auch einer der Gründe, warum ich niemanden datete. Ich wollte einfach nicht, dass mir das Fortgehen noch schwerer fallen würde als sowieso schon. Ein weiterer Grund war, dass ich fast jeden aus dem Kreis der infrage kommenden Männer kannte. Und ich war ein wählerischer Habenichts.

Meine Füße schmerzten. Heute würde ich wahrscheinlich den tiefen Schlaf eines arbeitsreichen Tages schlafen, und weil ich morgen nur die Abendschicht hatte, nahm ich mir vor, mit dem Anstreichen der Veranda weiterzumachen. Da meine Mittel so knapp waren, musste ich Prioritäten setzen. Und wenn ich mir Pastor McDaniels alles andere als dezenten Bemerkungen über den Zustand des Hauses in Erinnerung rief, war klar, dass ich vorläufig wohl besser außen weiterarbeitete.

Als ich auf den schwach beleuchteten Vorplatz des Restaurants trat, um das Mobiliar zurechtzurücken, sorgte eine Bewegung in meinem Augenwinkel dafür, dass ich fast einen Herzinfarkt bekam.

Shit!

Von einem der Tische, die im Schatten lagen, erhob sich der Kapuzentyp, als hätte er auf mich gewartet. Ich schlug mir mit der Hand vor die Brust und atmete hörbar aus.

Dann schätzte ich die Entfernung von der Stelle, wo ich mich befand, bis zur Tür ab. Konnte ich es bis nach drinnen schaffen, bevor er mich erwischte? Wie hatte ich nur so unvorsichtig sein können? Joey ermahnte mich immer, ich solle Hector das Schließen des Lokals überlassen. Und jetzt stand ich da und wusste nicht mal, ob Hector überhaupt noch im Restaurant war.

Ich rührte mich nicht und versuchte nur, das Gesicht des Kerls unter seiner Cap zu erkennen. Er war groß und sah kräftig aus. In seiner dunklen Jeans steckten lange, gerade, wohlgeformte Beine. Falls er auf mich losgehen würde, sollte ich wenigstens versuchen, mir sein Aussehen einzuprägen. Oder Moment mal – vielleicht war das sogar schlecht. Wenn ich ihn sah, bedeutete das, er würde mich umbringen müssen?

Mir war bewusst, dass ich wie ein Kaninchen vor der Schlange dastand, aber langsam dämmerte mir, dass auch er sich nicht rührte. Außerdem spürte ich nicht, dass irgendeine Bedrohung von ihm ausging. Nicht dass ich irgendwelche übersinnlichen Fähigkeiten besessen hätte. Abgesehen von den Malen, als ich überzeugt war, dass Nana im Haus erschienen war, um nach mir und allem anderen zu sehen. Die Art, wie er dastand und zögernd die Hände hob, ließ mich abwarten. Furcht verwandelte sich in Neugier. Sein Gesicht konnte ich immer noch nicht erkennen. Warum musste dieser Vorplatz aber auch so verdammt düster sein?

Ich wollte gerade den Mund aufmachen, als er seine langen Finger zum Kopf hob, nur einen Moment lang innehielt, als wolle er es sich noch mal überlegen, und dann rasch die Cap abnahm und gleichzeitig die Kapuze zurückstreifte.

Zum zweiten Mal innerhalb von Minuten verschlug es mir den Atem. Vor mir stand der attraktivste Mann, den ich in all meinen zweiundzwanzig Jahren auf diesem Planeten bisher gesehen hatte. Sein dichtes dunkles Haar war von der Baseballkappe leicht zerdrückt und stand an manchen Stellen ein bisschen ab. Es umgab ein ebenmäßiges Gesicht und Augen in der Farbe von …

Okay, in dem Dämmerlicht konnte ich die Farbe seiner Augen nicht wirklich erkennen, aber ich wusste genau, dass es ein sattes Graugrün war. Schließlich hatte ich die letzten fünf Jahre nicht in einer Höhle versteckt zugebracht. Und ich brauchte ihn definitiv nicht mit dem Klatschmagazin abzugleichen, das Jazz gelesen hatte und in dem er nicht besonders gut getroffen war, um eines zu wissen: Hier vor mir, vor Keri Ann Butler, stand auf dem Vorplatz des Snapper Grill in Butler Cove mit seinen neuntausend Einwohnern und Hunderte Meilen von seinem vermuteten Aufenthaltsort in Hollywood entfernt kein Geringerer als Jack Eversea.

2

Zu meiner Verteidigung sei gesagt: Ich glotzte nur für wenige Momente wie ein Goldfisch, dann war meine kratzbürstige Art – die immer anspringt, sobald ich nervös oder unsicher bin – zuverlässig wieder da. Manchmal habe ich mich einfach echt nicht im Griff.

»Ich nehme an, jetzt möchtest du deinen Burger?« Mit der Frage hatte er ganz sicher nicht als Erstes gerechnet. Offen gestanden war ich selbst überrascht. Was mich aber nicht davon abhielt, so weiterzumachen. »Zuallererst einmal: Lunger hier nicht im Dunkeln herum, das ist gruselig. Und zweitens: Du warst dermaßen unhöflich, also nenn mir mal einen guten Grund, warum ich dich wieder reinlassen sollte, obwohl wir inzwischen geschlossen haben!« Ernsthaft. Ich sagte genau das. Zu Jack Eversea.

»Unhöflich?« Er wirkte vollkommen verblüfft. »Was soll der Mist?«

Ich hob nur eine meiner erst vor Kurzem gezupften Augenbrauen und drehte mich auf meinen Sneakers in Richtung Restaurant. Ich konnte mein Verhalten nicht wirklich erklären, außer dass ich mit außergewöhnlichen Situationen nicht gut umgehen kann, und das hier war weit außerhalb meiner Wohlfühlzone. Ich musste definitiv die Flucht ergreifen.

»Shit«, murmelte er. »Okay, warte!« Er stiefelte hinter mir her, doch bis er die Tür erreichte, war ich schon mit drei langen Schritten drinnen, sodass er sich den Fuß in der sich schließenden Tür klemmte. Heftig.

Oops.

»Autsch!«, rief er. »Verdammte Sch–« Er hielt sich am Türrahmen fest. »Warte!« Eine Sekunde lang wirkte er echt durcheinander. »Warte, okay? Entschuldige meine Ausdrucksweise, aber ich habe für meinen Burger bezahlt.« Er machte eine Pause, atmete tief durch und sagte mit sanfter Mädchenkillerstimme: »Darf ich ihn bitte haben?«

Ich starrte ihn einfach nur an. Nennt es meinetwegen eine verspätete Schockreaktion. Dann riss ich mich zusammen und trat zur Seite, um ihn reinzulassen.

Er schaute mich wachsam an, als er an mir vorbeiging.

Ich schloss die Tür hinter ihm ab. Zugegeben, eine nicht ganz nachvollziehbare Aktion.

»Nimmst du mich als Geisel?«, fragte er belustigt.

»Man kann gar nicht vorsichtig genug sein mit Leuten, die im Dunkeln herumlungern«, murmelte ich. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass er wusste, ob ich einen Spaß machte. Zur Hölle, ich war mir selbst nicht sicher. Ich meine, natürlich war es ein Scherz, aber ich war mir nicht sicher, wie das, was ich von mir gab, ankam. Er sah jedenfalls aus, als würde er denken: je schneller er sich sein Essen schnappte und hier wieder raus war, desto besser. Großartig. Ich lerne Jack Eversea kennen, den Jack Eversea, und benehme mich wie eine komplette Idiotin. Gut, dass Jazz nicht mehr da war. Sie hätte mich mittlerweile bewusstlos geschlagen. Obwohl, wenn ich recht darüber nachdenke, hätte sie bestimmt eher ihn bewusstlos geschlagen, um ihn dann in ihre Höhle zu zerren.

»Also, warum hast du gesagt, dass ich unhöflich war?«, fragte er und schüttelte dabei langsam seinen Kopf. Höchstwahrscheinlich über seine eigene Idiotie, diese verrückte Begegnung auch noch zu verlängern.

Ich schlich seufzend hinter den Bartresen, griff nach Besteck und einer Serviette. Schlimmer konnte es nicht mehr werden, deshalb dachte ich, kann ich auch genauso gut ganz ehrlich antworten. Oder zumindest mein eigenartiges Verhalten rechtfertigen.

»Also, wie wäre es denn mit einer ganzen Aufzählung? Zunächst mal warst du so damit beschäftigt, Nachrichten zu schreiben, dass du nicht mal aufgeschaut hast, als ich deine Bestellung aufnahm. Du hast sie nur genuschelt, hast nicht ›Bitte‹ gesagt, und, als ich dir deinen Drink brachte, nicht ›Danke‹. Hat dir in deiner Kindheit keiner die Grundlagen guten Benehmens beigebracht?« Ich stellte einen Teller auf den Tresen, schnappte mir die Styroporschachtel mit den Pommes und ließ sie ordentlich auf den Teller gleiten, ohne dass auch nur eine danebenging. Sehr beeindruckend. Vor allem, da ich doch wusste, dass er sein Essen zum Mitnehmen wollte. Was tat ich da?

Ich fuhr fort: »Oder bist du es so gewohnt, alles zu kriegen, was du willst, weil du aussiehst wie Gottes Geschenk an die Menschheit? Ist dir dein Ruhm vielleicht ein bisschen zu Kopf gestiegen?« Der Ton meiner Stimme verriet, dass ein bisschen nicht das war, was ich wirklich meinte.

»Ich schätze, damit hat sich die Frage, ob du weißt, wer ich bin, schon beantwortet.« Er lehnte sich ein Stückchen über die Bar und warf mir mit hochgezogener Augenbraue den bekannten Bad-Boy-Blick zu. Genau den gleichen wie in der Vanity Fair. Ganz schlechte Idee.

Das ärgerte mich, und ich rollte mit den Augen.

Jack Eversea war endgültig total verblüfft. So, als hätte er keine Ahnung, was er noch sagen sollte, um endlich seinen Burger zu bekommen und den Laden verlassen zu können.

Meine Nerven beruhigten sich langsam. Nicht vollständig, denn schließlich stand der, laut Boulevardzeitschriften, Sexiest Man Alive gerade vor mir an der Bar. Aber immerhin so weit, dass ich mich in der Lage fühlte, endlich ein normales Gespräch anzufangen.

»Setz dich und iss. Du kannst mir Gesellschaft leisten, während ich hier aufräume und alles zusperre. Ich fürchte mich nämlich immer ein wenig, wenn Hector schon die Küche geschlossen hat und nach Hause gegangen ist.« Die Tatsache, dass ich gar nicht wusste, ob Hector wirklich schon gegangen war, störte mich nicht.

Ich hielt ihm meine Hand hin, und Jack ergriff sie misstrauisch. Seine Hand fühlte sich warm und stark an, und wenn ich von seiner Berührung keine weichen Knie und ein Schwirren im Kopf bekommen hätte, wäre ich wohl nicht ganz dicht. »Ich bin Keri Ann Butler.«

»Ja–«

»Jack Eversea, ich weiß. Setz dich. Noch einen Drink?«

Er nickte und ließ meine Hand immer noch nicht los. »Bitte.«

Da lächelte ich ihn an. Auf die natürlichste Art, die mir möglich war in Anbetracht der Tatsache, dass er immer noch meine Hand hielt und dies einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in meinem Körper frei ließ. Nach ein paar Sekunden Verlegenheit löste ich meine Finger sachte aus seinen, und Jack Eversea setzte sich brav auf einen der Barstühle und vor sein Essen.

Er ließ den Deckel der Ketchupflasche aufschnappen. »Darf ich dich um einen Gefallen bitten?«

»Noch einen?« Ich zwinkerte ihm zu, damit er verstand, dass ich nur Spaß machte.

»Kannst du bitte niemandem sagen … ich meine, absolut niemandem, auch nicht deiner blonden Freundin von vorhin … dass du mich gesehen hast?«

Ich blieb für einen Moment ganz still stehen und wägte die Vor- und Nachteile des Ganzen ab. Wenn jemand herausfinden würde, dass er hier war, würde er keine Möglichkeit haben, seinen Schlamassel zu regeln. Und aus dem bisschen zu schließen, das ich aus diesem Zeitschriftenartikel aufgeschnappt hatte, war das sehr wichtig für ihn. Andererseits war das Jack Eversea und Jazz war ein riesiger Fan von ihm.

»Bitte?«, fragte er noch einmal leise. Eindringlich.

»Na klar.« Ich legte meinen Kopf schräg. »Dein Geheimnis ist sicher. Mir würde wahrscheinlich sowieso niemand glauben.« Ich lachte kurz auf.

Er schien sich ein winzig kleines bisschen zu entspannen.

Ich brachte ihm einen neuen Bushmills und machte mich daran, die Bar abzuwischen und den Kassencomputer runterzufahren. Dabei versuchte ich, so locker auszusehen wie nur möglich und nicht über meine eigenen Füße zu fallen.

Als der Computer aus war, trug ich ein Tablett mit Tellern durch die Schwingtür in die Küche. Sobald sie sich hinter mir geschlossen hatte, stellte ich das Tablett ab und sank gegen die Tür des Kühlraums.

Eine ganze Flut aufgestauter Gefühle stieg in mir auf. Heilige Scheiße! Jack Eversea war auf der anderen Seite der Tür. Der Jack Eversea. Oh mein Gott, Jazz wird ausrasten. Nur dass ich es ihr ja gar nicht erzählen konnte. Wie konnte man von mir erwarten, so etwas für mich zu behalten? Okay, okay, atmen! Ich war nur ein bisschen umgehauen von diesem Typen, in einer Minute würde ich wieder in Ordnung sein. Ich meine, er sah klasse aus und alles, aber er war auch ganz schön von sich selbst eingenommen und – erinnerte ich mich – zuerst ziemlich unhöflich gewesen. Ein verwöhnter Promi. Kein umwerfender Typ, nicht im Geringsten. Na gut, vielleicht ein klein wenig umwerfend. Aber auch nur, weil er den Max gespielt hat in der Kinoversion meiner Lieblingsbücherserie, Warriors of Erath.

Ich dachte an den Film und an seinen nackten Oberkörper mit dem Medaillontattoo auf dem Bizeps. Das war sein Körper.

Jazz, die wirklich sein allergrößter Fan ist, hat jeden seiner Filme gesehen, seit sie fünfzehn war, und sie verkündete irgendwann einmal sehr stolz, dass er jede Filmszene selbst spielt, also ohne Stuntman oder Bodydouble. Da ist es doch nur natürlich, dass ein Stück ihrer Begeisterung auf mich abgefärbt hat, richtig?!

Mein Gesicht wurde rot, als ich mich erinnerte, Jack Eversea für sein Benehmen getadelt zu haben. Er musste mich für eine totale Nervensäge halten.

Hector stellte gerade die letzten Teller in die Spülmaschine. Er drehte sich um, weil er auch noch mein Tablett abräumen wollte. Als er mich dastehen sah, tief atmend, die Hände auf meinen Bauch gepresst, fragte er besorgt: »Was hast du denn, Chiquita?«

Ich schüttelte heftig mit dem Kopf und hielt mir den Zeigefinger vor die Lippen. Oh Mann, ich hoffte, Jack Eversea hatte Hector nicht gehört. Ich blickte hektisch zur Durchreiche hinüber, und schon duckte Hector sich, um durchzuschauen, bevor ich ihn davon abhalten konnte.

Mit aufgerissenen Augen drehte er sich wieder zu mir um. »Ist das …?«

Shit. Ich konnte nicht mal für zehn Minuten ein Geheimnis bewahren.

Ich nickte.

»Dios mio!«, flüsterte Hector und bekreuzigte sich.

»Hector!«, zischte ich. »Kein Wort darüber, okay? Nicht. Ein. Wort.« Ich bohrte meine Augen in seine, die von unzähligen Fältchen umgeben waren, damit er verstand, wie ernst ich es meinte.

»Okay, okay.« Hector nahm die Arme hoch, wie um sich zu ergeben.

»Ernsthaft, Hector«, flüsterte ich nun etwas weicher. »Er macht gerade eine schwere Zeit durch, und ich habe das Gefühl, er ist hier, um seine Ruhe zu haben. Und wir wollen doch seine Privatsphäre nicht stören?«

Er nickte verständnisvoll.

Ich dankte meinem Schicksal dafür, dass Jazz vorhin hier gewesen war. Sonst hätte ich niemals von seinen persönlichen Problemen erfahren. Ich konnte Hector ansehen, dass das für ihn Grund genug war, seiner Enkelin nicht zu erzählen, wen er heute bei der Arbeit gesehen hatte. Trotzdem blickte er enttäuscht drein.

»Sorry, Hector. Vielleicht kannst du Maria in ein paar Monaten davon berichten. Ich weiß nicht, wie lange er in der Stadt bleiben wird, wenn er überhaupt bleibt«, flüsterte ich.

»Darf ich ihn um ein Autogramm bitten, nur als Beweis?« Hector schaute mich so hoffnungsvoll an.

Ich seufzte. »Ich denke, wir können ihn fragen und ihm versprechen, sein Geheimnis für uns zu behalten, bis er wieder aus der Stadt weg ist.«

Ich atmete tief ein und ging durch die Tür. Hector folgte mir.

»Ich kann dir dein Wechselgeld leider nicht geben. Ich habe es Hector als Trinkgeld geschenkt. Ich dachte nicht, dass du noch mal zurückkommen würdest.« Ich war nervös, als ich das sagte – nur ein paar Minuten, nachdem Hector wieder durch die Küchentür verschwunden war. Glücklich das Autogramm an seine Brust gedrückt, von dem er versprochen hatte, es wenigstens in den nächsten drei Wochen niemandem zu zeigen.

Jack beobachtete mich mit schweren Lidern, während er die letzten Pommes frites von seinem Teller fischte. Bis jetzt hatte er noch kein Wort über meine lausigen Fähigkeiten als Geheimnisträgerin verloren.

Ich versuchte, die Situation positiv zu betrachten. »Danke, dass du das für Hector gemacht hast. Seine Enkelin Maria ist so ein großer Fan von dir. Aber du kannst ihm vertrauen.«

»Er hatte einen prima Abend, oder? Ein gigantisches Trinkgeld und ein Autogramm.« Jack klang belustigt. Zum Glück. »Was ist mit dir?« Seine Augen suchten meine.

»Was soll mit mir sein? Warum ich das Trinkgeld nicht behalten habe?«

»Nein, das meine ich nicht. Aber wenn du es schon erwähnst, warum hast du es nicht behalten?«

»Wir arbeiten hier beide.«

Jack nickte und tippte mit seinen Fingern auf den Rand seines Tellers. »Brauchst du auch ein Autogramm?«

»Nein!«, platzte ich heraus und mein Gesicht wurde knallrot. »Ich meine, nein, ist schon okay. Aber danke, dass du gefragt hast.« Ich schluckte. Konnte ich noch zickiger klingen?

Jack lachte.

Sein Lachen klang faszinierend. Zusammen mit der Art, wie seine graugrünen Augen zwinkerten, wenn sie zwinkerten, und dem Grübchen in seiner linken Wange … absolut keine Überraschung, dass die halbe Welt in ihn verknallt ist. Aber das war schlecht. Ich wollte definitiv kein Groupie von Jack Eversea sein. Doch fing ich an zu begreifen, was Charisma tatsächlich ist. Und er wusste ganz genau, wie man es einsetzte.

»Warum?«, fragte er.

»Warum? Ich weiß nicht, warum! Vielleicht, weil es schon so selbstgefällig klingt, wenn du danach fragst«, gab ich verärgert zurück. »Himmel, tut mir leid. Ich werde unerträglich, wenn ich nervös bin.«

Er verzog seinen Mund und nickte wissend. »Ich würde es nicht unerträglich nennen. Und bei Gott, ich kenne den Unterschied.« Einen Moment lang dachte er nach. »Lass es uns … zickig nennen.«

»Hey!« Na toll.

»Jep, zickig … und genervt … also unbeeindruckt.«

»Ich bin unbeeindruckt«, schnauzte ich zurück.

»Das kann man wohl sagen.«

Mein Gesicht lief schon wieder rot an. »Sorry, ich meine … ganz offensichtlich bin ich beeindruckt.«

Das klang total falsch. Wie ein Fan, nicht wie eine Zicke. Oh Mann, was ist besser? »Also, von deiner Arbeit, meine ich.« Und total verlegen führte ich das auch noch weiter aus: »Du bist sehr … talentiert.«

Er verdrehte die Augen. »Stopp. Stopp. Töte mich auf der Stelle!« Er presste eine Hand theatralisch auf sein Herz.

Ich starrte ihn an.

»Ich will dich nur aufziehen, Keri Ann.«

»Oh.« Ich holte tief Luft.

Er schaute mich an, ohne Zwinkern, für ein paar Sekunden.

»Was?«

»Was für ein Auto fährst du?«

»Einen roten Pick-up, warum?«

»Passt.« Er schmunzelte, erklärte es aber nicht weiter. »Und nach deiner … Zickigkeit zu schließen, mache ich dich offenbar nervös, also ist es wohl mein Fehler. Tut mir leid.«

Jack lachte wieder, und dieser ruhige und lässige Klang seines Lachens lief mir über die Haut wie viel zu viele sanfte Liebkosungen. Das musste die Luftfeuchtigkeit sein! Das, oder ich hatte es tatsächlich geschafft, einer komplett unrealistischen Verliebtheit in diesen Frauenschwarm zu entgehen, dessen Filme alle dazu da sind, Mädchen ohnmächtig werden zu lassen, inklusive seiner Rolle als mein Lieblingsheld, und das nur, weil er unvermittelt an meinen Arbeitsplatz kommt, in Fleisch und Blut, und dort die Ohnmachtsbombe zündet, die rasend schnell in allen meinen Sinnen explodiert. Bin ich auserwählt? Hat der Teufel nach oben geschaut und nur noch ein einziges vernünftiges Mädchen gesehen und aus kriegstaktischen Gründen entschieden, mich ins Spiel zu bringen?

Jack stellte mir eine Frage.

»Wie bitte? Sorry.«

»Ich fragte, ob ich noch ein Weilchen hier bleiben kann. Ich bin immer noch auf kalifornische Zeit eingestellt, und, tja, wie du ja eben gehört hast«, er wand sich unbehaglich, »ist zur Zeit eine Menge los in meinem Privatleben, und ich möchte darüber heute Abend nicht mehr nachdenken.«

Nein, nein, nein. Das war eine ganz schlechte Idee. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Diese bizarre Geschichte musste aufhören. Auf der anderen Seite fing ich gerade an, für jemanden zu schwärmen, den ich nicht kannte, jedenfalls nicht richtig. Alles, was ich brauchte, war Zeit. Etwas mehr Zeit, um aus seiner selbstgefälligen Welt in meine eigene zurückzufinden. Wenn er denn tatsächlich selbstgefällig war. Vielleicht war er es auch einfach nur gewohnt, dass alles immer nach seiner Nase ging. Warum suchte ich eigentlich Entschuldigungen für ihn? Ich trat mir im Geiste selbst vors Schienbein.

»Ich bleibe nur, bis du hier fertig bist, und bringe dich zu deinem Pick-up oder wohin auch immer. Es ist spät … und dunkel.«

Er bemerkte mein fast unmerkliches Kopfschütteln. »Bitte?«

Verdammt. Das gleiche ›Bitte‹ wie das, bei dem ich vorhin schon mal schwach geworden war. Als er mich bat, sein Geheimnis zu bewahren.

Ich seufzte und nickte. »Okay.«

Er wirkte erleichtert. »Gut, und kann ich noch einen Drink bekommen?«

»Die Bar ist schon geschlossen«, versuchte ich es, obwohl ich sein freches Grinsen schon ahnte.

»Ich weiß.«

Ich rollte mit den Augen, lächelte und griff nach seinem Glas, um es mit Eis zu füllen. So lange hatte ich noch nie gebraucht, den Laden zu schließen.

3

»Wie alt bist du?« Jack fegte den Boden. Erfegte! Irgendwann in den vergangenen zehn Minuten, als er mich über Butler Cove ausfragte, musste er wohl ein schlechtes Gewissen bekommen haben, weil ich um ihn herum fegte. Morgen würde ich aufwachen, und dies hier würde nichts als ein bizarrer Traum gewesen sein. Ich war mir sicher, er dachte genauso. Hoffentlich.

»Nächsten Monat werde ich zweiundzwanzig.«

Er blickte überrascht auf. »Du wirkst älter.«

Ich starrte ihn finster an. »Danke! Ich meine … Warum?«

Er zuckte mit den Schultern. »Du siehst nicht alt aus.« Er unterbrach sich selbst und musterte mich von Kopf bis Fuß. Er betrachtete mein braunes Haar, mein schwarzes Arbeits-T-Shirt, das in meine Jeans-Shorts gestopft war, und meine nackten Beine, die glücklicherweise hübsch und gebräunt waren und in weißen Keds steckten. Modenschau: Nein. Geschaffte, müde Kellnerin: Ja.

Meine Wangen erröteten unter seinem prüfenden Blick. »Bist du fertig?«

Jack räusperte sich, wandte den Blick ab und fegte weiter.

»Du benimmst dich einfach … Wie soll ich sagen, einfach älter als du bist.«

»Wie alt bist denn du?«, fragte ich, um abzulenken und weil er mich verlegen gemacht hatte.

»Weißt du das nicht schon?«

Mitten im Herunterlassen der Jalousien stoppte ich und verschränkte verärgert meine Arme. Er war wirklich nervtötend von sich selbst eingenommen. »Du hast vielleicht eben gesehen, dass ich mit meiner Freundin Jazz die Boulevardzeitschriften durchgeblättert habe. Aber ob du’s glaubst oder nicht, ich interessiere mich nicht allzu sehr für Promiklatsch. Ich habe zu viel zu tun und lese lieber Bücher. Allerdings gönne ich Jazz ihren Lieblingszeitvertreib.«

Jack war so schlau, versöhnlich einzulenken: »Entschuldige. Ich bin sechsundzwanzig.«

»Was? Machst du Witze? Du siehst viel … jünger aus.« Ich ging zurück zur Bar und schnappte mir das Bier, zu dem er mich überredet hatte. Ich nahm einen Schluck. »Und du benimmst dich auch jünger.« Ich konnte mir nicht verkneifen, das noch zu ergänzen.

Ich sah sein Grinsen, als er sich nach unten beugte, um mit der Kehrschaufel das Zusammengefegte aufzunehmen. Mein Gott, dieses Grübchen würde noch mein Ende sein.

»Touché!«

Nun war alles fertig. Das Restaurant war sauber und mehr aufzuräumen gab es nicht. Ich hatte keinen Grund mehr, noch mehr Zeit mit Jack Eversea zu verbringen. Ich musste mich auf den Heimweg machen. Und genauso musste ich endlich herausfinden, wie ich aufhören konnte, ihn im Stillen immer mit seinem ganzen Namen anzusprechen.

Nachdem dann auch die Putzmittel weggeräumt waren, griff ich hinter der Bar nach meiner Tasche und dem Schlüsselbund, um hinter uns zuschließen zu können. »Bist du bereit?«

»Yeah.« Er setzte sich seine Cap auf, umfasste mit einer Hand den Mützenschirm und zog mit der anderen Hand ein paarmal an der Hinterseite, bis sie richtig saß – so wie es Typen eben tun. Ich habe das noch nie kapiert – ein bisschen so, als würden die Mützen auf diese Art perfekt mit ihren Köpfen verschmelzen oder so. Joey machte es genauso. Jack zog noch seinen Hoodie an und die Kapuze über sein Cap.

»Draußen sind immer noch gut fünfundzwanzig Grad. Mit dieser Maskierung hätte ich dich eigentlich viel früher erkennen müssen. Du solltest über eine bessere Tarnung nachdenken oder du bekommst einen Hitzschlag.« Ich schüttelte amüsiert den Kopf. Dann kam mir plötzlich ein Gedanke.

»Bleibst du hier? Also, ich meine in Butler Cove?« Ich hatte diese Begegnung als einmalige Gelegenheit betrachtet. Was sie natürlich auch war. Selbst wenn er irgendwo in der Nähe bleiben sollte, war es total unwahrscheinlich, ihn noch einmal zu treffen. Ich hatte mich aber heute sowieso schon dermaßen peinlich aufgeführt, dass es mich lebenslang verfolgen würde.

Ich schloss das Restaurant hinter uns zu.

»Ja, ich wohne für eine Weile hier im Strandhaus eines Freundes«, antwortete er. »Wie lange ich bleibe, hängt davon ab, ob man mich hier findet. Du kannst dir nicht vorstellen, zu was Paparazzi fähig sind. Ich habe darüber überhaupt nicht nachgedacht, bevor ich hierher kam. Ich bin einfach nur gefahren. Ich war ziemlich neben mir.« Er blickte finster in die Ferne.

Es war das zweite Mal, dass er seine derzeitigen Schwierigkeiten erwähnte. Es musste eigenartig sein, jemanden zum ersten Mal zu treffen und davon auszugehen, dass derjenige schon so gut wie alles über dich weiß. Ich wollte ihn fast schon darauf ansprechen. Aber bei meiner Erfolgsbilanz bisher war es wahrscheinlich, dass er sich dann nur noch mieser fühlte. Wie auch immer, was gab es da schon groß zu sagen? Er hatte Liebeskummer, weil ihn seine Freundin betrogen hatte. Und er würde wohl kaum mir, einer komplett Fremden, die schrecklichen Details verraten.

Es war Zeit für mich, hier endlich wegzukommen. Theoretisch hätte ich diesen allerersten Moment des Umgehauenseins von einem Star überwinden können, aber er sah immer noch absolut und sündhaft umwerfend aus. Noch mehr Zeit mit ihm zu verbringen würde es nicht leichter machen. Und das Letzte, das ich gebrauchen konnte, war, ihm nachzuheulen, wenn er gleich so schnell verschwand, wie er aufgetaucht war.

»Okay, also … Danke schön für deine Hilfe beim Aufräumen und … viel Glück!«

»Warte! Keri Ann?« Für einen Augenblick wirkte er sehr unsicher, wie er so dastand, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und mit der Fußspitze einen Kieselstein wegkickend. »Es widerstrebt mir wirklich, dich darum zu bitten. Es ist bloß, ich kenne hier niemand anderen, und ich vertraue dir. Warum auch immer.«

»Danke«, sagte ich überrascht. »Das kannst du auch.« Obwohl es mich wahrscheinlich umbringen würde, Jazz nicht zu erzählen, was heute Abend passiert war. »Hmm, begleite mich doch zu meinem Haus, das sind nur hundert Meter. Und unterwegs darfst du mich fragen, was immer du willst.« Ich konnte nicht glauben, dass diese Wörter aus meinem Mund kamen. Aber auch wenn wir uns in meiner Heimatstadt befanden und der Weg wirklich nicht weit war – es war immerhin schon halb zwölf und so finster wie in der Hölle, trotz Mondschein. Ich wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern ging los. Sofort bereute ich mein Angebot, denn was würde dieser heiße Hollywoodvillen-Typ wohl von meinem heruntergekommenen und auseinanderfallenden Südstaatenhaus halten? Es war im 19. Jahrhundert aus Holz gebaut worden. Im heißen und feuchten Süden. Muss ich noch mehr sagen?

Jacks hochgewachsene Gestalt holte mich ein. »Oh, Mann, ist das dunkel hier«, sagte er und sprach damit aus, was ich vorhin gedacht hatte.

»Das ist wegen der Meeresschildkröten.«

Weil ich das nicht näher erklärte, kratzte sich Jack fragend am Kopf. »Meeresschildkröten?«

»Hmm? Oh, sie nisten am Strand, und wenn die Babys geschlüpft sind, folgen sie dem Mond ins Wasser. Zu viel Licht von Häusern oder Straßen bringt sie durcheinander, darum ist es hier nicht allzu hell. Stell dich darauf ein, dass du dich verirren wirst, wenn du hier nachts unterwegs bist.«

»Huh! Wer hätte das gedacht!«

»Ich bin sicher, es gibt auch an der Westküste Meeresschildkröten.« Ich blickte ihn an.

Er hob eine Augenbraue. »Ja, klar. Aber ich glaube, ich habe bisher nicht darauf geachtet. Das klingt bestimmt ganz schön ignorant für dich, oder?«

Ich schüttelte den Kopf und bog nach links in einen schmalen Weg. Unter unseren Füßen knirschten die zermahlenen Austernschalen und über uns schaukelte eine riesige Magnolie, die mit Louisianamoos bewachsen war. »Nein, nein. Meeresschildkröten sind nur einfach wichtig in einer Kleinstadt, die vom Ökotourismus lebt. Wenn du hier lebst, nimmst du das mit der Muttermilch auf. Du hattest ganz sicher mit deinem eigenen Leben viel mehr zu tun, als ich mir überhaupt vorstellen kann. Also ist es nicht ignorant.«

»Bloß oberflächlich. Ganz richtig«, fügte er hinzu, so als würde er etwas aussprechen, das ich mir nur gedacht hatte.

»Nein! Überhaupt nicht!«

»Ist schon in Ordnung, ich bin nicht beleidigt. Ich habe in letzter Zeit ein ziemlich oberflächliches Leben gelebt, was wirklich nicht …« Er unterbrach sich selbst.

Wir standen vor meiner hinteren Terrasse. Er schaute sich um und versuchte, den Ort genauer zu erkennen. Ihn zuerst auf die Rückseite des Hauses zu bringen, war nicht die allerbeste Idee. Schnell ging ich weiter, und er folgte mir zur Vorderseite. Ich lief die Stufen zur Veranda hinauf und fischte in meiner Tasche nach den Schlüsseln.

Jack seufzte. »Verdammt. Ich weiß auch nicht, aber ich bin im Moment irgendwie nicht in der besten Stimmung.« Während er sich mit einer Hand über seine Kapuze strich, blitzte ein silberner Ring an seinem Mittelfinger auf. Er blickte sich um. »Hey, das hier ist großartig!« Er streckte seinen Arm aus und fuhr mit einer Hand über das Geländer der Veranda. Dann trat er einen Schritt zurück, um das ganze Haus betrachten zu können.

»Das ist das Zuhause der Familie Butler. Seit Generationen gehört es unserer Familie.« Ich konnte einen Anflug von Stolz in meiner Stimme nicht unterdrücken. »Es hat aber schon bessere Tage gesehen.« Eine Untertreibung, doch das Haus war immer noch wunderschön. Für mich jedenfalls und für verrückte Fans historischer Architektur. »Es gab ein paar … Engpässe … was die familiären Finanzen betraf.« Wenn man das denn so nennen wollte. »Wie auch immer, Joey und ich versuchen, alles zu reparieren.«

Er legte seinen Kopf schief. »Joey?«

»Mein Bruder. Er studiert zur Zeit an der Med School … also ist es an mir, die Dinge hier in Ordnung zu bringen.« Mir wurde plötzlich klar, dass es besser wäre, Jack davon abzuhalten, sich weiter umzusehen, wenn ich ihm nicht meine ganze Lebensgeschichte erzählen wollte. Denn die eignete sich nicht für jemanden, den man nur einmal und dann nie wieder sehen würde. »Danke für’s Nachhausebringen. Um was wolltest du mich eigentlich vorhin bitten? Ich werde niemandem von dir erzählen, also darüber brauchst du dir keine Sorgen machen.«

Endlich fand ich meinen Schlüssel. Ich ging zur Haustüre und steckte ihn ins Schloss, während ich auf seine Antwort wartete. Wow, ich ließ nichts unversucht, um ja nicht noch mehr Zeit mit Jack Eversea zu verbringen.

»Es ist mir ein bisschen peinlich zu fragen, aber es kommt mir so vor, als hätte ich keine Wahl. Wenn du nicht kannst … oder willst, kann ich das absolut verstehen.« Oh Gott, wollte er etwa mit reinkommen? War es das, worum es hier ging? Als er sagte, er wollte seine Probleme für eine Nacht vergessen, meinte er da etwa … mit mir?

Am meisten beunruhigte mich die Reaktion meines Körpers auf diesen Gedanken: Mein Herz raste und meine Beine begannen zu zittern. Ich hielt mich am Türrahmen fest und war urplötzlich etwas kurzatmig. Das war … kein angenehmes Gefühl. Er schien immer noch nachzudenken. Was? War ich nicht sexy genug? Zu zickig? Zu durchschnittlich? Wem wollte ich etwas vormachen? Mein Haar war nicht braun, es war … mausgrau. Sogar die hellen Strähnchen, zu denen mich Jazz überredet hatte, waren ohne Glanz.

Ich knirschte mit den Zähnen. Stopp, ich wollte doch sowieso nichts von ihm. Ich war bloß in Sekundenbruchteilen von halbwegs ruhigen zu völlig überreizten Nerven gelangt, die gerade über eine Rasierklinge gezogen werden. Grrr. Das war genau der Grund, weshalb ich so etwas einfach gar nicht erst anfing. Verknallen, Jungs, was auch immer.

»Raus damit!«, stieß ich hervor.

Er grinste über meinen Tonfall, weil er offenbar meine innere Kernschmelze mitbekommen hatte. »Du bist so …« Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. »Egal. Okay, also. Die Sache ist die: Ich fürchte, dass mich jemand erkennt. Aber ich habe nichts zu essen in meinem Haus, deshalb wollte ich ja heute Abend bei euch einen Hamburger essen. Aber ich glaube, es wäre besser, ich würde mich nicht in einem Supermarkt blicken lassen. Ich frage mich … also, ich hoffe … könnte ich dich dafür bezahlen, dass du das für mich erledigst?«

So schnell konnte ich leider nicht herausfinden, ob das in meinen Ohren eigentlich ein Brummen war oder ob es mir auf einmal so leise vorkam, weil ich taub geworden war. Er wollte nicht mit reinkommen. Er wollte mich dafür bezahlen, dass ich für ihn einkaufen ging?

Er wartete geduldig und mit einem hoffnungsvollen, allenfalls ganz leicht beunruhigten Ausdruck in seinem hinreißenden Gesicht. Zum Glück war ich schon immer eine gute Pokerspielerin. Natürlich wollte er nicht reinkommen. Was um Himmels willen hatte mich das glauben lassen? Seit ich ihm erlaubt hatte, zurück ins Restaurant zu kommen, damit er seinen Hamburger essen konnte, war er nichts als freundlich zu mir gewesen.

Ich blickte auf mein schäbiges Haus, das ich versuchte, in Ordnung zu bringen. Ich sollte Ja sagen, aber ganz bestimmt würde ich von ihm kein Geld nehmen, um in den Supermarkt zu gehen. Denn da musste ich doch sowieso hin.

Ich schüttelte den Kopf. »Du brauchst mich nicht zu bezahlen. Ich muss sowieso einkaufen. Es macht mir nichts aus, ein paar Dinge für dich zu besorgen.«

»Danke, dass du einverstanden bist«, antwortete er und atmete tief aus. »Ich werde dir trotzdem etwas Geld für den Aufwand geben. Genauso viel wie ich meiner Assistentin in Kalifornien zahlen würde. Er schaute vorsichtig zu mir. »Bloß damit es kein … Missverständnis gibt.«

»Missverständnis? Oh!« Demütigung suchte mich zum x-ten Mal an diesem Abend heim. Dieses Mal nur so zum Spaß, begleitet von einer extra Portion Beschämung. Aaargh! Ich hasste diesen Typen! Was Jazz bloß in ihm sah? Ich reckte meine ganzen hundertfünfundsechzig Zentimeter und funkelte ihn böse an. »Lass mich wiederholen, was ich heute Abend schon einmal gesagt habe.« Möglicherweise stampfte ich dabei sogar mit dem Fuß auf. Manchmal habe ich mich einfach nicht im Griff. »Ich glaube, dir ist wohl dein Ruhm ein kleines bisschen zu Kopf gestiegen.«

Er zuckte mit den Schultern und spitzte seine Lippen. »Na ja, im gleichen Satz hast du doch auch gemeint, ich sähe aus wie Gottes Geschenk an die Menschheit.«

»Aargh, aber das heißt doch nicht, dass ich mich nach dir verzehre.« Meine Wangen wurden heiß.

»Ja, das hast du sehr deutlich gemacht«, erwiderte Jack mit etwas lauterer Stimme, und sein Körper kam mir gefährlich nah, so als wollte er mich plötzlich überwältigen. Seine grünen Augen waren mir hypnotisierend nah.

»Sprich etwas leiser«, zischte ich und blickte verstohlen zu Mrs Weatons Haus. Sie war die Mieterin des kleinen Häuschens, das noch zum Butler-Anwesen gehörte. Und noch ein Mensch, der sich viel zu viel in meine Angelegenheiten einmischte, aber ich mochte sie trotzdem sehr. Jack wippte auf seinen Absätzen nach hinten. Die Hände hatte er immer noch in den Taschen vergraben, und er holte tief Luft.

»Ich will dich auf keinen Fall ausnutzen. Deshalb habe ich gefragt. Ich habe mir die Finger schon mal verbrannt, okay? Betrachte es nicht als eine Beleidigung, sondern als Respekt gegenüber dir und deiner Zeit.« Er spitzte wieder seine Lippen und atmete dann geräuschvoll aus, als wollte er noch mehr sagen. »Pass auf, vergiss es. Vergiss, dass ich überhaupt gefragt habe.« Er drehte sich um, wollte gehen.

Ich lief hinter ihm her, griff nach seinem Arm und zog ihn zurück, sodass er mich ansehen musste. »Okay, ich mache es.«

»Mach dir keine Gedanken darüber.« Ich konnte nicht sagen, ob er enttäuscht war oder es einfach nur bereute, mich überhaupt gefragt zu haben.

»Nein, ernsthaft. Ich mach es. Ich möchte es machen. Ich denke, du hast ein Recht darauf, auch mal deine Ruhe zu haben. Wie jeder andere normale Mensch. Um deine … Angelegenheiten zu klären.« Oder was auch immer er zu tun hatte.

Da schaute er weg von mir.

»Ich weiß, wie es ist, Zeit für sich zu brauchen«, fügte ich hinzu. »Du kannst mir Geld geben, wenn du dich dann besser fühlst.« Ich ließ seinen starken Arm los. Dabei merkte ich, wie fest ich zugegriffen hatte. »Entschuldige.«

»Verdammt, bist du stark! Wahrscheinlich habe ich morgen einen blauen Fleck.« Er rieb sich so übertrieben an seinem Arm, als hätte ich ihm wirklich wehgetan, und fügte dann ernst hinzu: »Ich glaube, das wird tatsächlich ein blauer Fleck.«

Ich rollte mit den Augen. »Nein, wird es nicht. Ich schätze mal, ich habe so kräftige Hände von all der Arbeit am Haus. Man braucht ein paar Muskeln, um mit einer Schleifmaschine umgehen zu können, weißt du.« Und sein Arm hatte sich ziemlich muskulös angefühlt. Dieser Gedanke ließ mich heftig schlucken. Was zur Hölle tat ich da schon wieder?

Jack hob eine Augenbraue. »Du und eine Schleifmaschine? Das will ich sehen.« Er trat einen Schritt zurück und begutachtete das Haus noch einmal. Er betrachtete die weiße Fassade und die große Veranda mit Schaukelstuhl im Lowcountry-Stil. Ich wusste, dass er über die abblätternde Farbe und die zerbrochenen Fensterläden hinwegsah. Dafür bemerkte er, wie liebevoll ich die Pflanzentöpfe neben der Haustür arrangiert hatte und wie aufgeräumt und ordentlich es war. Dieses Haus hatte durchaus noch seinen Stolz.

»Weißt du zufällig, als was ich gearbeitet habe, bevor ich berühmt wurde?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe dir doch gesagt, ich bin nicht dein Groupie.«