EXECUTIVE POWER - Das Kommando - Vince Flynn - E-Book

EXECUTIVE POWER - Das Kommando E-Book

Vince Flynn

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Beschreibung

Im Fadenkreuz des weltweiten Terrors. Völlig unvorbereitet wird Geheimagent Mitch Rapp vom amerikanischen Präsidenten ins mediale Rampenlicht gezerrt. Nach jahrelanger Arbeit im Schatten kennt plötzlich jeder Terrorist auf der Erde sein Gesicht und seinen Namen. Rapp zieht sich hinter die Kulissen zurück. Doch es dauert nicht lang, bis ein Team der Navy SEALs auf den Philippinen in einen tödlichen Hinterhalt gerät und er zur Rückkehr an die Krisenherde der Welt gezwungen ist. Ein Verräter in der eigenen Regierung führt die Welt an den Rand der Vernichtung. Mitch Rapp im Kampf gegen einen übermächtigen Feind. Erstmals in ungekürzter Übersetzung. Dan Brown: »Knisternde Insider-Informationen, militärische Muskelspiele und CIA-Geheimnisse.« Booklist: »Entzückende politische Intrigen von einem meisterhaften Erzähler.« Publishers Weekly: »Besonders stark dank der tiefgründigen Auseinandersetzung mit der unübersichtlichen Nahost-Politik im 21. Jahrhundert.«

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Seitenzahl: 619

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Aus dem Amerikanischen von Alexander Rösch

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Executive Power

erschien 2004 im Verlag Atria Books.

Copyright © 2004 by Vince Flynn

Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig

Veröffentlicht mit Erlaubnis von Atria Books,

ein Unternehmen von Simon & Schuster, Inc., New York.

Titelbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-846-9

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Hinweis: Dieser Roman ist Band 6 der Mitch Rapp-Saga.

Für Sloan Harris

PROLOG

Das schnittige graue Wasserfahrzeug glitt mit 25 Knoten durch die warmen Wogen und die feuchte Nachtluft der Philippinensee. Der Zweizylindermotor tuckerte mit einem sonoren Brummen dem Ziel entgegen. Das Boot verstieß gegen internationales Recht und mindestens ein territoriales Abkommen, doch das war den Männern an Bord egal. Mit verwaltungstechnischen Winkelzügen, juristischen Details und Diplomatie sollten sich andere Leute herumschlagen. Leute, die in bequemen Ledersesseln thronten und ihre Ivy-League-Abschlüsse laminiert und gerahmt an den Wänden ihrer Büros zur Schau stellten. Für die Männer an Deck des Mark V Special Operations Craft ging es darum, einen Job zu erledigen. Soweit es sie betraf, hätte sich schon vor Monaten jemand darum kümmern sollen.

Das unauffällige Boot zur Gefahrenabwehr war optisch darauf ausgelegt, unter dem Radar zu segeln. Man hatte es speziell für die SEALs der United States Navy konzipiert und sie nutzten es als bevorzugte Lösung für Einschleusungen auf dem Seeweg. Bei 82 Fuß Länge, rund 25 Meter, betrug der Tiefgang nur knapp 1,50 Meter, wenn das Boot voll beladen mit abgeschalteten Triebwerken auf hoher See schwamm. Statt der üblichen Schraube wurde es von zwei Wasserturbinen angetrieben. Das erlaubte es, enorm präzise direkt an der Küstenlinie zu manövrieren.

Fünf Einsatzkräfte mit schwarzen Fliegerhelmen und Nachtsichtbrillen bemannten vier Kaliber-50-Maschinenpistolen und einen 40-mm-Granatwerfer. Acht weitere in Dschungel-Flecktarn mit Schlapphüten hockten auf den Dollborden des an Deck vertäuten Combat Rubber Raiding Crafts. Das Floß aus Polyurethan sollte bald zu Wasser gelassen werden. Zum bestimmt zehnten Mal überprüften sie ihre Ausrüstung. Ihre Gesichter waren mit grün-schwarzer Kriegsbemalung getüncht, sie wirkten vollkommen ruhig.

Lieutenant Jim Devolis beobachtete seine SEAL-Truppe beim letzten Check. Er hatte das Prozedere schon unzählige Male verfolgt und fühlte sich aus unerfindlichen Gründen stets an Paviane erinnert, die sich im Zoo gegenseitig Insekten aus dem Fell zupften. Akribisch inspizierten sie ihre Nylon-Schultertragegestelle, um sich zu vergewissern, dass jeder Schnellverschluss eingerastet und alle Granaten sauber festgeklettet waren. Die Kommunikationsgeräte kamen wieder und wieder auf den Prüfstand. Frische Batterien waren in alle Nachtsichtgeräte eingelegt worden. Ersatz für die sündhaft teuren optischen Geräte wartete in wasserdichten Beuteln, die an den Harnischen befestigt waren. Die Waffen wurden durch Kondome über der Mündung vor eindringendem Sand geschützt, ein Ring aus Silikon versiegelte Magazine und Bolzenabdeckungen. Die einzige Person, die beim heutigen Einsatz einen Rucksack trug, war der Sanitäter der Squad. Devolis hoffte inständig, dass sie seine Expertise nicht benötigten. Die Männer reisten mit minimalem Ballast. Keine Einmannpackungen, nur ein paar Energieriegel für jeden. Der Einsatzplan sah vor, ins Zielgebiet einzudringen und es noch vor Sonnenaufgang wieder zu verlassen. Genau so, wie es die SEALs mochten.

Die Anspannung wuchs, als sie sich dem Absetzungspunkt näherten. Devolis stellte erleichtert fest, dass das sinnfreie Gequassel verklang, mit dem die Männer ihre Nervosität kaschierten. Es wurde ernst. Er drehte den Kopf nach rechts und beugte leicht den Hals, bis seine Lippen das Saugrohr des Camel-Waterpacks aus Neopren berührten. Er ließ sich einen Mundvoll Frischwasser in die Kehle rinnen. Die Männer hatten seit zwei Tagen so viel Flüssigkeit wie möglich zu sich genommen. Ausreichende Hydratisierung galt vor einem Einsatz in diesem Teil der Welt als entscheidend. Selbst nachts sanken die Temperaturen selten unter die 30-Grad-Marke, von der drückenden Schwüle ganz zu schweigen. Das Einzige, was sie vom Durchschwitzen ihrer BDUs abhielt, war die Brise, die das Tempo von über 20 Knoten erzeugte. Sobald sie das Ufer erreichten, änderte sich das. Vor ihnen lag ein Zwei-Meilen-Marsch durch dichten tropischen Dschungel. Selbst das gesamte Wasser, das sie in den letzten zwei Tagen getrunken hatten, änderte nichts daran, dass sie allein auf dieser Strecke zwischen zwei und fünf Kilo an Gewicht verloren.

Eine feste Hand senkte sich auf Devolis’ Schulter. Der Captain des Boots stand hinter ihm.

»Noch zwei Minuten, Jim. Mach deine Jungs startklar.«

Devolis nickte kurz und blinzelte. Die weißen Augen blitzten aus der dunklen Kriegsbemalung hervor. »Danke, Pat.« Die beiden Männer hatten diese Routine im Hauptquartier der Naval Special Warfare Group One im kalifornischen Coronado hundertfach durchgespielt.

»Dass du mir ja keine größeren Spritztouren unternimmst«, drohte Devolis dem anderen mit breitem Grinsen.

Der Captain lächelte in der Manier eines Kämpfers, der von seinen professionellen Fähigkeiten restlos überzeugt ist. »Wenn du mich rufst, komm ich mit scharfen Geschützen angerauscht.«

»Genau das wollte ich hören.« Devolis nickte und wandte sich an seine Männer. Mit gestrecktem Zeigefinger vollzog er eine kreisförmige Bewegung und die SEALs erhoben sich augenblicklich. Einen Moment später wurde die Geschwindigkeit auf knapp unter fünf Knoten gedrosselt.

Das Mark V war nicht nur extrem schnell, sondern verfügte auch über ein abgeschrägtes Achterdeck, welches das Absetzen von kleinen Beibooten ermöglichte, ohne die Fahrt zu stoppen. Wortlos packten die Männer das schwarze CRRC mit dem 40-PS-Außenborder an den seitlichen Griffen und setzten sich über die abschüssige Rampe in Bewegung. Sie verharrten am hinteren Ende unmittelbar vor dem schaumig weißen Kielwasser und setzten das Gummifloß auf dem rutschsicheren Deck ab, wobei der hintere Teil des Motors bereits im Wasser hing. Ein Crewmitglied des Mark V hielt die Bugleine fest und wartete auf ein Daumen-hoch-Signal von jedem Einzelnen. Alle acht saßen geduckt im Floß, klammerten sich an die Handgriffe und signalisierten nacheinander ihr Okay.

Per Headset traf der Befehl zum Aufbruch ein und der Crewman warf die Leine ins Boot. Ein zweiter eilte heran. Gemeinsam stießen sie das schwarze Gummigefährt die Rampe hinunter in die relativ warmen Fluten. Es kam sofort zur Ruhe, weil die SEALs ihr Gewicht so weit wie möglich nach achtern verlagerten, um ein Kentern zu vermeiden. Sanft schaukelte das Floß in den Wogen hinter dem Mark V hin und her. Keiner bewegte einen Muskel mehr als unbedingt nötig. Komplett ruhig lagen sie da und lauschten dem ominösen Raunen der Turbinen, das sich langsam entfernte. Keiner von ihnen spürte ein Verlangen, an Bord zurückzukehren, bevor es unbedingt nötig war. Sie konzentrierten sich vollkommen auf die Erfüllung der bevorstehenden Mission. Sie ahnten nicht, dass Tausende von Meilen entfernt jemand aus ihrem eigenen Land entscheidende Schritte eingeleitet hatte, damit sie krachend scheiterte.

1

Anna Rielly dämmerte zwischen Schlaf- und Wachzustand hin und her. Die warme Sonne umfing sie wie ein Schleier aus Träumen. Ihre gebräunte Haut glänzte in einer Mischung aus Schweiß und Sonnencreme. Eine sanfte Nachmittagsbrise wehte vom Meer heran. Hinter ihr lag eine perfekte Woche. Nichts als Essen, Sonne, Sex und Schlafen. Die idealen Flitterwochen. Eine abgelegene Hütte innerhalb des kleinen Resorts einer touristisch kaum erschlossenen Insel mitten in der Karibik mit Pool und Privatstrand. Komplette Privatsphäre, kein Fernseher, kein Telefon, keine Pager – nur sie beide.

Sie öffnete die Augen einen Spaltbreit und betrachtete ihren Ehering. Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht wie bei einem verliebten Schulmädchen. Ein perfekter Diamant, eingefasst in ein elegantes Platinband von Tiffany. Nicht zu groß, nicht zu klein, genau richtig. Vor allem hatte ihn der perfekte Mann für sie ausgesucht. Der Mann ihrer Träume.

Sie war jetzt offiziell Mrs. Anna Rapp. Er war ein bisschen erstaunt gewesen, dass sie sich ohne die geringsten Diskussionen darauf einließ, seinen Namen anzunehmen. Als Feministin mit entschieden liberalen Tendenzen entpuppte sie sich trotzdem als unverbesserliche, altmodische Romantikerin. Und da sie keinen anderen Mann mehr respektierte als Mitch, empfand sie es als Ehre, seinen Namen zu tragen, und wollte die ganze Welt an ihrer Verbindung teilhaben lassen. Zudem war sie eine ausgemachte Pragmatikerin und fand nichts schlimmer als die Vorstellung, dass ihre Enkelkinder eines Tages mit vier Nachnamen durch die Gegend liefen. Im beruflichen Bereich wollte sie jedoch an ihrem Mädchennamen festhalten. Als NBC-Korrespondentin für das Weiße Haus hatte sie sich ein gewisses Standing erarbeitet. Sie hielt ihre Entscheidung für einen guten Kompromiss und Mitch meldete keinerlei Bedenken an.

Erstaunlicherweise war die gesamte Hochzeit völlig reibungslos über die Bühne gegangen. Eigentlich hatte jede ihrer Freundinnen bei den Planungen im Vorfeld mindestens einen Riesenkrach mit ihrem Verlobten, ihrer Mutter oder der Schwiegermutter erlebt. Anna hatte sich, solange sie denken konnte, an die romantische Vorstellung geklammert, eines Tages Hals über Kopf verliebt zu sein und eine große Hochzeit in der St. Ann’s in Chicago zu feiern. Dort waren bereits ihre Eltern getraut worden, sie hatte dort ihre Taufe und Konfirmation erlebt und genau wie ihre Brüder die angeschlossene Grundschule besucht. In den Monaten nach der Verlobung erkannte sie schnell, dass sich Mitch für diese Idee nicht begeistern ließ. Er lehnte sie zwar nicht rundheraus ab und meinte, wenn sie eine prunkvolle Hochzeit in Chicago wolle, werde sie eine bekommen, doch sie spürte seine Nervosität. Er wollte nur nichts sagen.

Mitch Rapp schätzte es nicht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Er war daran gewöhnt, hinter den Kulissen zu agieren. Der ungewöhnliche Grund dafür lautete, dass ihr Mann seit seinem 22. Lebensjahr als Undercover-Agent für die CIA im Einsatz war. Sie musste sich mit der harten Realität abfinden, dass er in gewissen Kreisen als Auftragskiller galt.

In den Monaten vor der Trauung, im Zuge der Bestätigungsanhörungen von Mitchs Chefin bei der Central Intelligence Agency, hatte ein Mitglied des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus seine Geschichte an die Presse durchgestochen, um Irene Kennedy bei der Ernennung zur nächsten CIA-Direktorin Steine in den Weg zu legen. Der Präsident war sowohl ihr als auch Rapp zu Hilfe geeilt und hatte die Wahrheit gegenüber den Medien in leicht beschönigender Form verpackt. Er schilderte in einem Interview, dass Rapp ein Team von Sondereinsatzkräften im Irak angeführt habe, um Saddam Husseins Einstieg in den nuklearen Rüstungszirkus zu vereiteln. Kurzerhand bezeichnete er Rapp als bedeutendste Einzelperson im amerikanischen Kampf gegen den Terror. Die Stimmung drehte sich und plötzlich standen die Politiker Schlange, um dem Undercover-Mann zu gratulieren.

Rapp war ins Rampenlicht gezerrt worden und kam nicht besonders gut damit klar. Jahrelang hatte er wegen seiner Fähigkeit überlebt, sich unbemerkt von Stadt zu Stadt und Land zu Land durchzuschlagen. Nun erkannte man ihn plötzlich überall, wo er hinkam, und er wurde von Fotografen und Reportern umlagert. Anfangs appellierte er an ihre Vernunft. Einige wenige hörten ihm zu, die meisten nicht. Um potenzielle Komplikationen direkt zu unterbinden, sorgte er dafür, dass sich einige der besonders dreisten Medienvertreter blutige Nasen holten. Daraufhin erkannte der Rest, dass es besser war, Abstand zu halten.

Es gab noch einen anderen Umstand, der Rapp große Sorgen bereitete. Er lief mit einem Fadenkreuz auf der Stirn herum. Fast jeder Terrorist von Jakarta bis London wusste jetzt, wer er war. Man hatte in Asien und im Pazifikraum Kopfgelder auf ihn ausgesetzt und Dutzende fanatische Kleriker in der arabischen Welt sprachen Fatwas gegen ihn aus, islamische Rechtsgutachten mit Todesfolge. Tausende, wenn nicht gar Millionen verblendeter Islamisten hätten bereitwillig ihr eigenes Leben geopfert, um ihn zu ermorden.

Rapp sorgte sich unentwegt um Annas Sicherheit und fragte sie in einem schwachen Moment sogar, ob sie wirklich den Rest ihres Lebens damit verbringen wollte, ständig nach Feinden im Rücken Ausschau halten zu müssen. Sie war ihm daraufhin ins Wort gefallen und verbot ihm, das Thema je wieder anzusprechen. Er hielt sich stoisch an diesen Wunsch, was nichts daran änderte, dass er sich Gedanken machte. Zudem traf er gewisse Vorkehrungen, bestellte ihr ein BMW-Sondermodell mit kugelsicheren Scheiben, mit Kevlar verstärkter Karosserie und platzsicheren Reifen. Sie standen außerdem im Begriff, ein Haus auf einem Acht-Hektar-Grundstück vor den Toren Washingtons im ländlichen Virginia zu beziehen. Anna hatte ihn mehr als einmal gefragt, woher das ganze Geld kam, mit dem er diesen Luxus bezahlte. Rapp blockte ihre Neugier jedes Mal mit scherzhaften Bemerkungen ab oder wechselte das Thema. Sie wusste, dass er viele Geheimnisse mit sich herumtrug, und entschied irgendwann, es sei vermutlich besser, nicht alles zu wissen.

Als sie sich zusammensetzten, um die Hochzeitsfeierlichkeiten zu planen, hielt ihr Rapp einen ganzen Waschzettel voll Sicherheitsbedenken unter die Nase, mit denen sie sich auseinandersetzen mussten. Je mehr Zeit verstrich, desto klarer wurde Anna, dass sie den Tag unmöglich genießen konnten, wenn sie das Ganze im geplanten großen Rahmen durchzogen. Also fällte sie den Entschluss, es bei einer privaten Zeremonie im engsten Familienkreis mit ein paar besten Freunden zu belassen. Mitch reagierte sichtlich erfreut.

Die Feier fand schließlich dort statt, wo sie sich kennengelernt hatten. Im Weißen Haus. Annas Eltern, ihre Brüder und Schwägerinnen und sieben Nichten und Neffen kamen. Mitchs einziger überlebender Verwandter, sein Bruder Steven, war Trauzeuge, Annas langjährige Freundin Liz O’Rourke die Brautführerin. Dr. Irene Kennedy und einige von Rapps CIA-Kollegen wohnten der Zeremonie bei, außerdem eine ausgewählte Gruppe von Annas Medienkollegen. Pater Malone von der St. Ann’s wurde eingeflogen, um die Trauung vorzunehmen, und der Präsident und die First Lady erwiesen sich als perfekte Gastgeber. Präsident Hayes forderte zudem etliche Gefallen ein, um zu verhindern, dass die Hochzeit in der Presse oder im Fernsehen erwähnt wurde. Alle stimmten darin überein, dass es klüger wäre, die Identität von Mrs. Mitch Rapp von den Titelseiten fernzuhalten.

Die Gäste übernachteten alle im Hay Adams Hotel, einen kurzen Spaziergang durch den Lafayette Park vom Weißen Haus entfernt. Sie feierten bis in die Nacht hinein, dann wurden Braut und Bräutigam vom Secret Service zum Reagan National Airport gebracht und bestiegen einen Privatjet, der sie zu ihrer Insel flog. Mit freundlicher Unterstützung der CIA reisten sie unter falscher Identität als Troy und Betsy Harris.

Anna setzte sich auf und lugte über die Brüstung der Veranda zum Strand. Ihr Ehemann kam nach dem Schwimmen gerade aus dem Wasser. Seine Naturbräune ließ ihn nach einer Woche in der Sonne wie einen Einheimischen wirken. Ein Bild von einem Mann, und das dachte sie nicht nur, weil sie mit ihm verheiratet war. Seit seinem 20. Lebensjahr war er als Weltklasse-Triathlet bei Wettkämpfen rund um den Globus angetreten und hatte zweimal den berühmten Iron Man auf Hawaii gewonnen. Mit Mitte 30 befand er sich unverändert in körperlich bestechender Form.

Ansonsten gab es einige Besonderheiten, an die sich Anna erst hatte gewöhnen müssen. Drei sichtbare Narben von Schussverletzungen, eine am Bein, zwei am Bauch. Eine vierte im Schulterbereich wurde von dickem Narbengewebe verdeckt. Die Ärzte hatten ihn regelrecht aufschlitzen müssen, um die Kugel herauszuoperieren, und Teile der Schulterpfanne künstlich ersetzt. Eine längliche Stichverletzung hinterließ an der rechten Körperseite deutliche Spuren, auf eine weitere Narbe war er besonders stolz. Sie erinnerte ihn dauerhaft an den Mann, dessen Tod er geschworen hatte, seit er zu dieser verrückten Reise in den Kosmos der Terrorabwehr aufgebrochen war. Sie zog sich über die linke Gesichtshälfte vom Ohr bis zur Kieferpartie. Dank der plastischen Chirurgen blieb nur eine dünne Linie davon übrig. Viel wichtiger fand Rapp, dass der Mann, der ihm diese Verletzung beigebracht hatte, mittlerweile tot war.

Er trat auf die Veranda. Wasser lief aus seinen Shorts an den Beinen entlang. Lächelnd betrachtete er seine Angetraute. »Wie geht’s dir, mein Schatz?«

»Prima.« Sie streckte eine Hand nach ihm aus. »War kurz ein bisschen weggedöst.«

Rapp beugte sich hinunter und küsste sie. Ohne ein weiteres Wort sprang er in den kleinen Pool, tauchte wieder auf und stützte sich mit Armen und Kinn am Rand ab. »Bereit, morgen nach Hause zu fliegen?«

Sie schüttelte den Kopf und zog einen hinreißenden Schmollmund.

Rapp strahlte. Sie machte ihn ungeheuer glücklich. Eine clevere, witzige und attraktive Frau. Dann und wann ging sie ihm gehörig auf die Eier, aber jede Frau, die sich mit ihm einließ, brauchte ein gesundes Selbstbewusstsein. Ansonsten wäre es nur eine Frage von Jahren gewesen, bis er alles versaute.

»Nun, dann müssen wir wohl noch ein bisschen länger bleiben.«

Sie schüttelte erneut den Kopf und gab eine Schmollmund-Zugabe.

Er tastete auf den Dielen nach dem Eimer mit eisgekühltem Red-Stripe-Bier und grinste in sich hinein. Da hatte er sie an einem wunden Punkt erwischt. Wenn sie nicht morgen zurückflogen, würden ihre Chefs bei NBC Zustände kriegen.

Rapp wäre es ohnehin am liebsten gewesen, sie hätte den Job gekündigt. Die Präsenz auf dem Bildschirm gefährdete ihre Sicherheit massiv. Doch zu dieser Schlussfolgerung musste Anna selber gelangen. Er wollte nicht in zehn Jahren morgens aufwachen und sich von ihr bittere Vorwürfe anhören, dass sie ihm zuliebe die Karriere geopfert hatte. Sein einziger Trost bestand darin, seine Frau im Weißen Haus ständig in direkter Nähe von mehr als einem Dutzend stark bewaffneten und hervorragend ausgebildeten Secret-Service-Mitarbeitern zu wissen.

»Möchtest du ein Bier, Süße?«

»Klar.«

Rapp öffnete eins und reichte ihr die eiskalte Flasche, bevor er eine weitere öffnete und in ihre Richtung schwenkte. Er wartete, bis sie es ihm gleichtat und das Glas gegen seines schlug. »Auf uns«, sagte er.

»Auf uns«, erwiderte sie mit seligem Lächeln.

Sie tranken einen Schluck und er konnte sich einen Zusatz nicht verkneifen: »Und auf viele süße, gesunde Babys.«

Anna lachte und streckte zwei Finger hoch.

Rapp schüttelte den Kopf. »Mindestens fünf.«

Sie lachte laut. »Du spinnst.«

»Hab nie was anderes behauptet.«

Sie saßen da, ließen sich von der Sonne bräunen und plauderten fast eine Stunde über die Zukunft. Dabei zogen sie sich gegenseitig damit auf, wie viele Kinder sie bekommen wollten, welche Erziehung ihnen vorschwebte und was sie dagegen zu unternehmen gedachten, wenn sich eins davon als genauso stur wie seine Eltern entpuppte. Rapp behielt seine Meinung für sich, als sie über ihre berufliche Zukunft in der Schwangerschaft philosophierte. So viel hatte er inzwischen über Beziehungen gelernt: Frauen brauchten manchmal einfach jemanden, der ihnen zuhörte, ohne ständig seinen Senf dazuzugeben.

Umgekehrt hielt sie sich an ihr Versprechen, ihn nicht ständig über Details seiner Arbeit für Langley auszuhorchen. Rapp wusste, wenn er das dauerhafte Überleben ihrer Beziehung gewährleisten wollte, musste er sie in gewisse Aspekte des Jobs einweihen, selbst wenn es gegen die Dienstvorschriften der Agency verstieß. Anna war viel zu neugierig, um für den Rest ihres Lebens zu ignorieren, was er die ganze Woche über so trieb. Über Terrorismus und nationale Sicherheit unterhielten sie sich regelmäßig, klammerten dabei aber spezifische Geheimdienstthemen und Einzelheiten seiner Missionen aus. Nachdem er so viele Jahre alles in sich hineingefressen hatte, empfand es Rapp sogar als angenehm, sich mit jemandem auszutauschen, der halbwegs vertraut mit der Materie war.

Sie öffneten zwei weitere Bierflaschen und Anna stieg zu ihm in den Pool. Sie stützten sich mit Ellbogen und Kinn auf den Rand und blickten aufs Meer, ließen die Beine hinter sich im Wasser treiben, scherzten über einige Begebenheiten während der Hochzeit und ihrer Woche im Paradies und mieden das Thema der anstehenden Rückreise. Rapp merkte, dass Anna leicht beschwipst war. Sie wog nur 52 Kilo und die Kombination aus Bier, Hitze und lauem Lüftchen legte eine baldige Siesta nahe.

Nach einigen Minuten küsste sie ihn auf den Mund und schwamm zum anderen Ende des Pools. Sie stieg aus dem Wasser, blieb auf der oberen Stufe stehen und bändigte ihre Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz. Während sie ihn mit beiden Händen verknotete, schwappte Wasser über den zarten Rücken und das eng sitzende weiße Bikinihöschen. Mit einem flirtenden Schulterblick löste sie den Verschluss des Tops. »Ich mach ein kleines Nickerchen. Hast du Lust, mir Gesellschaft zu leisten?« Sie kehrte ihm weiterhin den Rücken zu, legte das Oberteil ab und drapierte es auf der Halterung der Hängematte zu ihrer Rechten.

Rapp brauchte keine Extraeinladung. Er stellte das Bier weg und hievte sich über den Beckenrand, folgte seiner Frau ins Schlafzimmer und streifte auf dem Weg dorthin die Badehose ab. Seine Augen ließen ihren Körper nicht eine Sekunde aus dem Blick und für einen kurzen Moment ertappte er sich bei dem Wunsch, diese winzige Insel niemals verlassen zu müssen.

Sobald sie wieder in Washington waren, änderte sich alles. Dann mussten sie ständig Feuer löschen und Pläne umsetzen. Er verfolgte, wie Anna ebenfalls den Slip loswurde, und die Probleme, die zu Hause auf ihn warteten, lösten sich in Luft auf. Das konnte warten, zumindest noch für einen Tag. Jetzt ging es um eindeutig wichtigere Dinge.

2

Das schwarze Floß lag ruhig auf dem Wasser. Devolis nahm kurz eine Peilung mit seinem tragbaren GPS-Empfänger vor. Sie befanden sich exakt an der richtigen Stelle, zwei Meilen von der Küste der philippinischen Insel Dinagat entfernt. Die Männer befreiten gerade ihre Nachtsichtgeräte aus den wasserdichten Beuteln und befestigten sie straff am Kopf. Dichte Wolken überlagerten Mond und Sterne. Ohne die elektronische Verstärkung der Spezialbrillen wären sie blind gewesen. Auf Devolis’ Zeichen setzte sich das Floß in Bewegung. Der umgebaute Mercury-Außenbordmotor tuckerte kaum hörbar.

Die Machthaber in Washington hatten sich endlich zu einem Vorstoß durchgerungen. Abu Sajaf, eine militante islamistische Untergrundorganisation, hatte sich im Süden der Philippinen ausgebreitet und dort eine amerikanische Familie im Urlaub gekidnappt. Die Andersons aus Portland, Oregon. Mike und Judy mit ihren drei Kindern – Ava, neun, Charlie, sieben, und Lola, sechs Jahre alt – waren vor fünf Monaten aus ihrem Ferienresort an der Küste der Insel Samar entführt worden.

Devolis und seine Männer hatten die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Sie wussten, sobald die Politiker den Hintern hochbekamen, fiel ihnen die Aufgabe zu, die Andersons aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Devolis hatte viele Nächte wach gelegen und sich Gedanken über die Familie gemacht, vor allem über die Kinder. Der 28-jährige Officer wünschte sich mehr als alles andere in den sechs Jahren als U. S. Navy SEAL, die Kleinen zu retten. Er hatte ihre Bilder so oft angestarrt, bis die Abzüge ganz zerknittert waren, und das Dossier wieder und wieder gelesen, bis ihn die unschuldigen Gesichter im Schlaf heimsuchten. Für ihn war die Mission zu einer Art Herzensangelegenheit geworden. Er wollte sie unbedingt retten. Dabei ging es nicht um falsches Heldentum, sondern um die ehrliche, mit Nachdruck vertretene Überzeugung, dass jemand diesen Fanatikern zeigen musste, was passierte, wenn man den Vereinigten Staaten von Amerika auf den Schlips trat.

Devolis war in keiner Weise sadistisch veranlagt, aber er empfand ungewöhnlich starken Hass auf die Männer, die die Andersons in ihrer Gewalt hatten. Er konnte nicht begreifen, was das für Menschen waren, die Kinder entführten. So oder so ging er fest davon aus, nicht eine Sekunde Schlaf zu verlieren, wenn er sie über den Jordan schickte. Heute Nacht würden die Terroristen von Abu Sajaf die volle Härte der U. S. Navy zu spüren bekommen und es zutiefst bedauern, sich mit der einzigen echten Supermacht auf der Erde angelegt zu haben.

Die USS Belleau Wood ankerte 15 Meter vor der Küste der Insel Dinagat. Das amphibische Angriffsschiff der Tarawa-Klasse ließ sich mit gewaltiger Feuerkraft bestücken. Als eins von fünf Exemplaren im Bestand der U. S. Navy vereinte die Belleau Wood die Stärken von Air Force, Army und Navy. Sie war als hybrider Flugzeugträger und amphibischer Kampfkreuzer konzipiert und verfügte über ein knapp 250 Meter langes Flugdeck. Mit sechs AV-8B-Harrier-Kampfjets, vier Angriffshelikoptern vom Typ AH-1W Super Cobra sowie zwölf CH-46 Sea Knights und neun CH-53 Sea Stallions, Helikoptern für den Truppentransport, war sie üppig bestückt. Das 75 Meter lange Welldeck am Heck bot Platz für mehrere Hochgeschwindigkeits-LCACs, Luftkissen-Landeboote, die schwere Ausrüstung wie Panzer und Artillerie mit über 40 Knoten an Land schaffen konnten.

Bemannt war die Belleau Wood mit mehr als 85 Offizieren, 890 Soldaten und einem Bataillon von über 2000 Marines. Sie bot einen entscheidenden taktischen Vorteil: Statt auf überall verstreute Einheiten von Luftwaffe und Army warten zu müssen, um eine integrierte Kampftruppe zu bilden, handelte es sich bei dem Angriffsschiff um eine autarke Kommandoeinheit, die an Brennpunkten alle Anforderungen für den Luftkampf, Bodentruppen und logistische Unterstützung erfüllte. In die Planungen waren sämtliche Erfahrungen und Bedürfnisse von Marines und Navy aus den aufreibenden Schlachten im Pazifik während des Zweiten Weltkriegs eingeflossen.

Devolis’ Squad diente als eine Art Vortrupp der Operation. Ihre Aufgabe bestand darin, das Camp auszukundschaften. Sobald sie sich vergewissert hatten, dass die Informationen der Intel-Teams den Tatsachen entsprachen, sollten sie einen Block zwischen Gegnern und Geiseln errichten und die doorkickers anfordern, wie man die Männer fürs Grobe nannte. Deshalb ließen sie ihre MP5s auf der Belleau Wood zurück und tauschten Feuerkraft gegen optimierte Tarnung ein. Sechs der acht Männer waren mit M4-Karabinern bewaffnet, einer verkleinerten Variante der altehrwürdigen M15. Mit kürzerem Lauf und ausziehbarem Kolben eignete sich das leichte Sturmgewehr deutlich besser für Einsätze im dichten Dschungel. Der Maschinengewehrschütze der Squad nutzte eine M249W, der Scharfschütze ein Special Purpose Rifle mit individuellen Modifikationen und Schalldämpfung. Wenn das Geballere losging, würde Riesenkrach entstehen, aber das war bei einer solchen Mission eher von Vorteil. Der Lärm von Devolis’ Squad dürfte die gegnerischen Streitkräfte gleichermaßen schockieren und desorientieren. Erst recht wenn noch die Helikopter über dem Gelände auftauchten und die Sturmtruppen ausspuckten.

Drei weitere SEAL-Squads mit insgesamt 24 Männern sollten sich aus der Luft abseilen, die Geiseln befreien und das Camp säubern. Die doorkickers kümmerten sich im Anschluss darum, die Andersons zur einen Klick vom Lager entfernten Lichtung zu bringen, von wo aus sie per Hubschrauber evakuiert wurden. Für die zusätzliche Sicherung des Abholpunkts sorgte ein Platoon von Force-Recon-Marines. Sollte die Sache aus dem Ruder laufen und sie auf mehr Widerstand als erwartet treffen, standen die Harrier-Kampfjets und Super Cobras zur kurzfristigen Unterstützung bereit.

Die Squad von Devolis sollte vor Ort bleiben, bis die Rettung sicher abgeschlossen war, und sich auf demselben Weg wieder zum Strand durchschlagen. Ein ziemlich geradliniger Plan, mit einer Ausnahme: Sie operierten im Hinterhof eines Verbündeten, ohne die Filipinos in die Operation einzubeziehen. Nicht nur das, man verschwieg ihnen kurzerhand, was überhaupt vor sich ging. Die Gründe für diese Geheimniskrämerei waren den SEALs nicht bekannt, aber sie hegten einen Verdacht. Die philippinische Armee versprach seit Monaten, die Andersons zu befreien, und hatte bisher keinen Finger gekrümmt. In den Teams machten Gerüchte die Runde, wonach man den langjährigen Partnern im Pazifik nicht länger trauen konnte, weshalb die Vereinigten Staaten die Sache nun selbst in die Hand nahmen.

Devolis hatte frühzeitig in seiner Karriere gelernt, sich aus diplomatischen und politischen Fragen rauszuhalten. Sonst verlor man bei einer Mission das Wesentliche aus dem Blick, was für einen SEAL enorm ungünstig war. Als Officer bei den Special Forces musste man den vollen Fokus auf die bevorstehenden Aufgaben richten. Außerdem ging es dabei um Fragen deutlich außerhalb seiner Gehaltsklasse. Sollten sich doch die eingebildeten Fatzkes mit ihren schicken Titeln und Rängen damit herumschlagen.

Obwohl er es besser wusste, fragte er sich, welche Auswirkungen diese Begleitumstände auf ihren Einsatz hatten. Laut Klatsch waren in Washington verdammt hitzige Debatten geführt worden, bevor grünes Licht für diese Rettungsmission gegeben wurde. Ein Rinnsal aus Schweiß tropfte ihm von der linken Augenbraue und landete auf der Wange. Er schob den Ärmel der Flecktarnmontur gegen die Stirn und wischte sich das Gesicht ab. Im Stillen verfluchte er die Hitze. Wenn es am Wasser schon so warm war, würden sie im Dschungel komplett durchgesuppt.

Sie näherten sich dem Strand. Das Floß verlangsamte die Fahrt und schaukelte auf dem ruhigen Wasser. Ein höchstens 15 Meter breiter Sandstreifen trennte das Meer vom Dschungel. Sämtliche Augenpaare im Gummiboot suchten Ufer und dichtes Unterholz nach Indizien dafür ab, dass sie nicht allein waren. Selbst den Nachtsichtgeräten gelang es nicht, Details jenseits des verlassenen Strands herauszuarbeiten. Der Dschungel wucherte zu dicht. Einschleusungen gehörten zu den kniffligsten Aspekten einer Op. Wenigstens hatten die Intel-Jungs für die heutige Nacht Widerstand beim Erreichen von festem Boden kategorisch ausgeschlossen.

Ein großes, zersplittertes Stück Treibholz war am Ufer angeschwemmt worden. Auf Devolis’ Befehl steuerten sie das Floß in diese Richtung. Sofern es sich seit den Satellitenaufnahmen vom heutigen Morgen nicht bewegt hatte, entsprach es ihrer Zielposition. Unmittelbar rechts davon, rund 100 Meter von der Küstenlinie entfernt, verlief ein flaches Rinnsal, an dem entlang sie sich zum Lager vorarbeiten sollten.

Sie erreichten das Festland direkt rechts vom Treibholz. Die Männer agierten präzise und schnell. In dieser Phase, ungedeckt, waren sie am verwundbarsten. Sie nahmen eine festgelegte Formation ein, die sie mit abstumpfender Häufigkeit trainiert hatten. Die Männer vorn im Boot nahmen Feuerposition ein, die anderen schwärmten aus, wodurch sie einen menschlichen Brückenkopf bildeten, der einen Schusswinkel von 180 Grad abdeckte.

Devolis, in Bauchlage, leicht vorgezogen vom Rest seiner Männer, strich mit der Mündung des Gewehrs den ihm zugeteilten Sektor des Dschungels ab. Sein Herz schlug leicht beschleunigt, aber kontrolliert. Die Nachtsichtbrille färbte die Dunkelheit in eine Melange aus Grün, Weiß und Schwarz. Der Lieutenant lag komplett ruhig da und kniff die Augen zusammen, um Einblick in die dichte Vegetation direkt vor ihm zu erhalten. Nachdem er alles ausgiebig gemustert hatte, löste er den rechten Finger vom Abzug und deutete zweimal auf den Dschungel. Drei Meter zu seiner Rechten erhob sich Scooter Mason, sein Späher, und huschte im Krebsgang Richtung Geäst, die Waffe feuerbereit in Schulterhöhe. Devolis beschloss, noch kurz ihre Flanken zu überprüfen, und sondierte den Strand in beiden Richtungen.

In dieser Sekunde geschah es. Eine Salve aus drei Schüssen durchbrach die nächtliche Ruhe. Drei laute, verräterische Geräusche, bei denen Devolis sofort erkannte, dass sie nicht aus Gewehren seiner Männer stammten. Er wirbelte herum und sah, wie Scooter zu Boden ging und der Dschungel direkt vor ihm durch aufflackernde Mündungsblitze erhellt wurde. Von allen Seiten wurden sie ins Visier genommen. Ein Projektil pfiff dicht am Kopf des jungen Lieutenants vorbei und der Sand vor ihm begann zu tanzen, als weitere am Ufer einschlugen. Die Squad antwortete mit allem, was sie zu bieten hatte. Jeder Mann beackerte seinen Sektor und konzentrierte sich auf Punkte, an denen gegnerische Waffen verräterisch aufblitzten.

Devolis hatte inzwischen sein erstes 30-Schuss-Magazin geleert, warf es aus, tastete nach einem frischen und brüllte ins Lippenmikro: »Victor Five, hier Romeo! Sofortige Evakuierung!« Devolis rammte das zweite Magazin in den Schacht und lud durch. Ein weiterer Blitz flackerte auf der Ein-Uhr-Position und er deckte den feindlichen Schützen mit einer kurzen Garbe ein.

»Wiederholen, Romeo«, kam die Antwort über Devolis’ Knopf im Ohr.

Devolis setzte den Angriff fort und brüllte: »Wir stehen unter schwerem Beschuss! Mindestens ein Verletzter! Sofortige Evakuierung erforderlich! Direkt am Strand!«

Eine ernste Stimme antwortete, von Knacken begleitet: »Sind unterwegs.«

Devolis wusste, dass der Rest des Teams die Anforderung über Headset mitbekommen hatte. Sie waren solche Komplikationen im abschließenden Briefing explizit durchgegangen. Die Mark V sollte sich nach ihrem Absetzen etwa anderthalb Meilen vor die Küste zurückziehen, um ihnen im Bedarfsfall zu Hilfe zu eilen. Eine Standardvorkehrung bei jeder Mission. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie heute darauf zurückgreifen müssten. Devolis erwiderte das Feuer und fluchte auf die Pfeifen daheim in Washington. Sie waren direkt in einen Hinterhalt gelaufen. Wie um alles in der Welt konnte so etwas passieren?

»Leute, ich brauche einen Lagebericht. Einer nach dem anderen.« Devolis attackierte die Gegner, während seine Männer ihre Berichte ablieferten. Devolis wusste, dass sie Scooter erwischt hatten, damit fehlte nur noch eine Rückmeldung. »Irv, bitte melden.« Devolis wiederholte den Befehl und äugte hastig nach rechts. Er sah den vornübergebeugten Körper des Kameraden. Er rührte sich nicht. »Sag was, Mann!«

Der Ruf wurde von mehreren lauten Explosionen unterbrochen. Einer seiner Leute feuerte mit einem M203-Granatwerfer aus der Notausrüstung in den Dschungel. »Gooch, räucher sie kräftig ein. Das Boot wird jeden Moment hier sein. Wenn die großen Fünfziger den Dschungel zerfetzen, hauen wir ab. Ich schnapp mir Irv. Gooch, kommst du an Scooter ran?«

»Bestätigt.«

Devolis riss die Nachtsichtgläser weg, griff nach einer M18-Nebelhandgranate und zog den Sicherungsstift. Er rollte sich auf den Boden ab und schleuderte das dosenähnliche Etwas in Richtung Gegner. Die Granate kullerte über den sandigen Untergrund und verteilte zischend dichten weißen Qualm. Langsam breitete sich der Dunst aus, bis er den kompletten Strandabschnitt eindeckte. Devolis wusste, dass das Schiff gleich eintraf, und kroch in Richtung Irv. Er musste ihn mitnehmen. Niemand durfte zurückbleiben. Als er nur noch wenige Meter vom Freund entfernt war, traf ihn eine Kugel. Mit einem dumpfen Klatschen schlug sie ins rechte Bein ein. Mit zusammengekniffenen Zähnen stieß Devolis einen erstickten Schrei und eine Flut von Schimpfwörtern aus. Der Schmerz wurde so stark, dass er sich kurz fragte, ob das Bein weggefetzt worden war. Ein kurzer Kontrollblick verriet ihm erleichtert, dass es noch dranhing.

Er erreichte Irv, als das Gefecht auf einen neuen Höhepunkt zusteuerte. Die mächtigen Kaliber-50-Maschinengewehre der Mark V fraßen sich mit brutaler Gewalt in den Dschungel hinein. Abgerissene Zweige regneten zu Boden, Äste und Zweige lösten sich, Baumstämme fingen die großen Geschosse mit knackendem Stöhnen und lauten Schlägen ab. Dann entfesselte der 40-Millimeter-Granatwerfer eine Welle von Explosionen. Die Gegenwehr verstummte fast komplett, während die Feinde in Deckung eilten.

Devolis rief den Namen seines Freundes und griff nach dessen Schulter. Als er ihn zu sich herumdrehte, blickte er in ein lebloses Gesicht, die leeren Augen zum Nachthimmel gerichtet. Der Mund klaffte weit auf. Eine Kugel hatte ihn in die Stirn getroffen. Eine Mischung aus Sand und Blut bedeckte eine Gesichtshälfte. Devolis erstarrte für einen Moment, als ihm die Endgültigkeit des Ganzen bewusst wurde, dann pflügte eine Reihe von Geschossen den Sand direkt vor ihm auf. Eine innere Stimme forderte ihn auf, zum Wasser zu laufen. Den Tod seines Freundes musste er später betrauern. Devolis packte Irv am Schultertragegestell und schleifte ihn der Sicherheit des Meeres entgegen. Mit nur einem einsatzfähigen Bein erwies sich der leblose Körper als enormes Handicap. Er forderte sein Team zur erneuten Rückmeldung auf.

Während die ersten Stimmen im Ohr ertönten, erreichte er das Ufer und hielt nach dem Gummifloß Ausschau. Es war komplett zerschossen und nicht mehr zu gebrauchen, also kämpfte er sich tiefer in die Fluten vor, zog den Kameraden hinter sich her und zuckte zusammen, als das Salzwasser in die Schusswunde am Bein einsickerte. Er erteilte dem Team Befehle, das Floß dazulassen und zu schwimmen, bis jemand sie einsammelte. Er wartete, bis alle anderen an ihm vorbei waren. Die Mark V deckte den Strand weiterhin mit Kaliber-50-MP-Kanonaden ein, bis sich das feindliche Feuer auf einige wenige sporadische Schüsse beschränkte. Devolis kämpfte gegen die Wellen und umklammerte den toten Freund, während er sich mehr und mehr von der Küste entfernte. Er näherte sich der rettenden Sicherheit des Schiffs und blendete den quälenden Schmerz aus. Sein Verstand beschäftigte sich unablässig mit der Frage, wieso sie ohne Vorwarnung in einen solchen Hinterhalt geraten waren.

3

Der Mann saß auf der Rückbank eines Boots mit Elektroantrieb. Sein tiefschwarzes Haar wehte im Wind wie eine Löwenmähne, während er sich mit hohem Tempo vom Dock in Monte Carlo entfernte. Die Sonne stieg in den hellblauen Himmel des Mittelmeers. Es sah nach einem weiteren perfekten Tag im Vergnügungspark der Ultrareichen aus. Die dunkle Haut des Passagiers bildete einen deutlichen Kontrast zum lose geschnittenen weißen Hemd und der schwarzen Ray-Ban-Sonnenbrille. Er sah aus wie ein Model aus einem Reisemagazin, wie er so die Arme über die Rückenlehne des weißen Ledersitzes ausbreitete und die Sonne auf das gebräunte Gesicht schien. Ein Klischee, wenn man so wollte, eine Anleitung zur Flucht aus den Strapazen des Alltags. Für den Mann, der da saß, war der kurze Ausflug in die Fluten des Meeres jedoch alles andere als entspannend. Er entkam dem Alltag keineswegs, sondern steuerte direkt darauf zu. Das Boot brachte ihn zu einem Mann, den er außerordentlich verachtete. Und um es noch schlimmer zu machen, ging der Besuch nicht auf seine Initiative zurück, sondern es handelte sich um einen lästigen Pflichtauftritt.

Der gut aussehende Mann stellte sich überall als David vor. Kein Nachname, nur David. In Wirklichkeit hieß er anders, aber er nannte sich seit Jahren so, seit seinem Studium an einer Universität in den USA. Der Name kam ihm im geschäftlichen Umfeld sehr gelegen, in dem es darum ging, die richtige Balance zwischen Anonymität und Stil zu treffen. David war ein Überlebender. Aufgewachsen in einer Umgebung, die Gewalt und Hass schürte. Schon in jungen Jahren hatte er sich mit beidem irgendwie arrangiert. Seine Emotionen zu kontrollieren, statt sich von ihnen lenken zu lassen, führte ihn heil durch das Minenfeld der Jugend auf einen Pfad zu künftiger Größe. Nun, im relativ zarten Alter von 34, hielt er sich für berufen, die Geschicke der Welt zu verändern. Würde ihn der Mann, zu dem er unterwegs war, doch nur in Ruhe lassen, er hätte die letzten Etappen seines Plans längst in die Tat umgesetzt.

David lugte über die Windschutzscheibe des E-Boots zur massiven Jacht, die in den entfernten Ausläufern des Hafens vertäut lag, und seufzte unwillkürlich. Was ihn betraf, wiesen das Schiff und sein Besitzer kaum Unterschiede auf. Beide waren riesig, beide forderten Aufmerksamkeit von allen ein, die in ihre Sphären vordrangen, und beide benötigten ein Team unermüdlicher Arbeiter, um sich über Wasser zu halten. Es gab Tage, an denen David sich fragte, ob er nicht die Uhr zurückdrehen und noch mal von vorn anfangen konnte. Hätte er sich dann möglicherweise einen anderen Gönner ausgesucht? Er kam viel herum und in seinem Job, falls das überhaupt eine passende Bezeichnung war, sollte man besser darauf verzichten, zu viel zu notieren. Deshalb machte er sich ständig einen Kopf über frühere Entscheidungen und darüber, wie sie die nächsten Schritte beeinflussten. Jeder Flug und jede Zugfahrt artete zu einem endlosen Abarbeiten von Was-wäre-wenn und Hätte-ich-nicht aus.

Inzwischen ließ es sich ohnehin nicht mehr ändern. Er steckte zu tief drin, um noch auf ein anderes Pferd zu setzen. Prinz Omar war sein Partner und am Ende des Tages musste David zähneknirschend zugeben, dass der andere seinen Teil der Abmachung einhielt, zumindest in finanzieller Hinsicht. Die protzige Jacht schob sich mit jeder Sekunde näher in sein Blickfeld und ihn beschlich einmal mehr das unangenehme Gefühl, gegen seinen Willen in den Einflussbereich des Prinzen hineingezogen zu werden. Der Mann war wie eine Droge, von der man die Finger einfach nicht lassen konnte. In kleinen Dosen verlockend und betörend, unkontrolliert konsumiert zerstörte sie Körper und Seele jedoch mit Haut und Haar.

Das Boot zog neben die massive 100-Meter-Jacht und die Sonne wurde jäh ausgesperrt. Ihre wärmenden Strahlen wichen kühler Morgenluft. David betrachtete die Gänsehaut an seinem Arm. Er hoffte, dass sie lediglich auf den abrupten Temperatursturz zurückzuführen war und kein böses Omen darstellte. Der Prinz hatte darum gebeten, ihm bei Lunch und Drinks um 14 Uhr Gesellschaft zu leisten, doch David dachte nicht daran, einen kompletten Tag in Monaco zu verschwenden. Es gab zu viel zu erledigen. Der Prinz würde seinen vorzeitigen Aufbruch missbilligen, doch in dieser fortgeschrittenen Phase konnte er kaum mehr tun, als bockig mit den Füßen zu stampfen und sich darüber zu echauffieren.

Kurz bevor das Boot zum Stillstand kam, schob David dem Fahrer einen 100-Euro-Schein in die Hemdtasche und sprang mit einem Satz auf das Achterdeck. Er landete geschickt und bemerkte sofort die fünf weißen Müllsäcke mit Abfällen von der Party der letzten Nacht. Trotz der frischen Vormittagsbrise stiegen ihm Wein, Bier und andere undefinierbare Gerüche in die Nase. Er rechnete damit, den Prinzen in ziemlich ramponierter Verfassung anzutreffen.

Eine Stimme von irgendwo weiter oben ertönte: »Sie kommen zu früh.«

David erkannte den französischen Akzent des bevorzugten Lakaien seines Gastgebers. »Tut mir leid, Devon«, rief er entschuldigend. Er schielte aufs Deck. Da stand der Adjutant des Prinzen, Devon LeClair, und direkt neben ihm der omnipräsente chinesische Leibwächter Chung.

Devon bedachte ihn mit einem verärgerten Stirnrunzeln. »Sie werden sich eine Weile gedulden müssen, das ist Ihnen schon klar?«

David erklomm die Leiter und ließ Devon währenddessen nicht aus den Augen. Im Anzug und mit dem Palm Pilot in Lederhülle wirkte er eher wie der Direktor eines Kreuzfahrtschiffs als wie der vermutlich am besten bezahlte persönliche Assistent der Welt.

David lächelte breit. »Sie sehen gut aus heute Morgen, Devon.« Er klopfte ihm auf die Schulter und schob hinterher: »Ich gehe davon aus, Sie haben sich an den Festivitäten letzte Nacht nicht beteiligt.«

Mit übertriebenem Augenrollen erwiderte der andere: »Natürlich nicht. Schließlich muss jemand nüchtern bleiben und die Geschäfte am Laufen halten.«

»Stimmt natürlich.« David hätte sich um ein Haar erkundigt, wie die Party gelaufen war, doch er verkniff sich die Frage. Wenn er zu lange blieb, zwang ihn der Prinz vermutlich sowieso, sich eine Aufzeichnung des Gelages anzusehen, die unter Garantie angefertigt worden war, um gegenüber Abwesenden damit zu protzen.

»Werden Sie uns den ganzen Tag Gesellschaft leisten?« Der Assistent des Prinzen ließ den Stift über dem inzwischen freigelegten Display des Palm Pilot schweben und hatte längst auf Arbeitsmodus umgeschaltet.

»Nein, bedaure.« David behandelte Devon grundsätzlich mit Respekt und Freundlichkeit.

Die direkte Schnittstelle zum Prinzen musste man sich warmhalten.

»Nun, Sie werden sich eine Weile gedulden müssen, bis Seine Hoheit aufgewacht ist. Die Sonne ging bereits auf, als er die Feierlichkeiten für beendet erklärte.«

David schob die Sonnenbrille in die Stirn und schielte auf die Rolex. Es war Viertel nach neun. »Devon, es tut mir leid, aber ich kann nicht warten. Er hat mich heute zu sich zitiert, und um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich gar keine Zeit.« Er beugte sich näher an den anderen heran und senkte die Stimme. »Ich kann es mir schlicht nicht leisten, den ganzen Tag herumzusitzen und zu warten, bis er den jüngsten Rausch ausgeschlafen hat.«

Der hagere Franzose klappte die Hülle des Organizers zu und musterte David nachdenklich durch das ovale Brillengestell mit dem Silberrand. »Er wird nicht sonderlich erfreut sein.«

»Das ist mir bewusst. Sie können die Schuld ruhig auf mich schieben.«

David merkte, wie Devon mit sich rang. »Wenn Sie wollen, wecke ich ihn selbst«, schlug er vor. »Ich werde auf keinen Fall den ganzen Vormittag mit Warten verplempern.«

Devons Augen inspizierten ihn von Kopf bis Fuß und richteten sich dann fragend an Chung, der den Kopf schüttelte. Auf keinen Fall ließ dieser Mann, der das Leben des Prinzen beschützte, einen Besucher wie diesen unangekündigt in das innere Heiligtum seines Schutzbefohlenen eindringen. David galt als Mensch mit vielen Talenten.

Er deutete einen vorzeitigen Aufbruch an, da gab der eilfertige Assistent nach: »Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas zu essen anbieten?«

»Gern.«

»Ich lasse ein Frühstück für Sie auf dem hinteren Sonnendeck anrichten.« Mit einem knappen Nicken drehte sich Devon um und verschwand im Inneren des Schiffs. David und Chung teilten einen unangenehmen Moment des Schweigens miteinander. Der Auftragskiller und der Bodyguard.

4

Eine Tischlampe war die einzige Lichtquelle im großen Eckbüro des Gebäudes. Es war bereits nach 22 Uhr. Mit wenigen Ausnahmen hatten sämtliche der Tausenden von Angestellten, die dort arbeiteten, den Heimweg angetreten. Die Sicherheitsbeamten in ihren schwarzen Uniformen patrouillierten durch die Gänge und das umliegende Waldstück, so wie an jedem Tag rund um die Uhr. In dieser Branche, die sich dem Schutz von Geheimnissen verschrieben hatte, kannte man keine Pausen.

Die Frau, die damit betraut war, diese Geheimnisse zu hüten und Gegnern ihre zu entreißen, sah sich in einem endlosen Strudel von Verdachtsmomenten gefangen. An diesem konkreten Abend beschlich sie eine böse Vorahnung. Sie ließ den Blick über die düstere Landschaft gleiten, die den massiven Bürokomplex umgab. Die Nacht kam angekrochen, trug das Ende eines Tages und weitere Sorgen mit sich. Sie saß in ihrem Arbeitsbereich im oberen Stock einer der berüchtigtsten Organisationen weltweit. Ihre Gedanken kreisten um eine Vielzahl potenzieller Bedrohungen.

Es handelte sich dabei nicht um imaginäre, übersteigerte oder vernachlässigbare Gefahren. Dr. Irene Kennedy wusste besser als jeder andere um die tödliche Natur ihrer Feinde. Sie hatte das Anschwellen der Welle von Fanatismus in den letzten 30 Jahren mit eigenen Augen verfolgt, die als zunehmend diffuserer Sturm Amerikas Küsten entgegenschwappte. In bester Churchill-Manier warnte sie vor den steigenden Risiken, doch ihre düsteren Prognosen stießen auf taube Ohren.

Die Leute, für die sie arbeitete, machten sich wesentlich mehr Sorgen über Themen, die den politischen Diskurs einer Demokratie in Friedenszeiten beherrschten. Niemand wollte sich mit einer Gefährdung von apokalyptischen Ausmaßen auseinandersetzen oder auch nur davon hören. Sie beschäftigten sich lieber mit der Triangulation von Forschungsergebnissen und dem Schwächen ihrer Gegner durch reale oder vorgegaukelte Skandale. Manche bezeichneten sie sogar als Schwarzseherin, doch das brachte sie nicht vom Kurs ab.

Sie empfand es als schwer hinnehmbare Ironie, dass exakt jene Senatoren und Kongressabgeordneten, die ihr übertriebene Panikmache vorwarfen, nun lauthals ihren Rücktritt forderten. Manche schlugen ernsthaft vor, die CIA wie einen alten Ackergaul, der seine Schuldigkeit getan hatte, auszumustern, weil man ihm nicht länger zutraute, dass er seinen Pflichten angemessen nachkam.

Doch der Sturm, den sie prognostiziert hatte, blies ihnen bereits heftig um die Ohren. Nicht dass diese Profipolitiker, nachdem sie all ihre Warnungen in den Wind geschlagen und sie auf Schritt und Tritt kritisiert hatten, nunmehr die Schuld für ihre Versäumnisse auf sich nahmen. Nein, diese besondere Spezies Mensch war gänzlich unfähig, eigene Fehler einzugestehen. Es sei denn, sie schafften es, das Ganze als hinterhältiges Komplott gegen ihre Person zu verpacken und damit eine Prise Mitleid zu erhaschen.

Kennedy durfte sich glücklich schätzen, dass zumindest einige ehrenhafte Senatoren und Kongressmitglieder auf dem Capitol Hill ihre Entschlossenheit und Besorgnis teilten. Diese Männer und Frauen hatten sie treu auf dem Weg begleitet, Verordnungen und Vorschriften zu ändern, um sich für die bevorstehenden Gefahren zu wappnen. Genau wie der Präsident deckten sie ihr den Rücken und vereitelten eine feige Verschwörung, die sie fast den Posten der CIA-Direktorin gekostet hätte.

Nun wurde es höchste Zeit, den Rückstand zum Gegner aufzuholen. Im Schein der Schreibtischlampe sah Dr. Irene Kennedy auf die vor ihr ausgebreiteten Protokolle. Was sie las, machte sie ganz krank. Es entsprach nicht ihrem Naturell, sich aufzuregen. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, Vernunft und Emotionen voneinander zu trennen. Trotzdem bereitete ihr die Lektüre Schmerzen. Männer waren gestorben. Gute Männer mit Familien und Kindern, mit Müttern und Vätern. Sie hatten ihr Leben verloren, weil andere, die es besser wissen sollten, ihre Geheimhaltungspflichten sträflich vernachlässigt hatten. Es gelang ihnen nicht einmal, Topsecret-Informationen mehr als 24 Stunden unter Verschluss zu halten.

Selbst nach 9/11 fehlte es ihnen an Entschlossenheit, ihre Heimat zu schützen. Sie begriffen schlicht nicht, wie ernst die vor ihnen liegende Aufgabe war. Intelligente, gebildete Menschen stellten politische Interessen ihrer zahlreichen Institutionen vor den Schutz von Mitarbeitern im Einsatz. Aus diesem Grund lagen jetzt zwei Menschen im Sarg und eine komplette Operation mit Hunderten Soldaten, Marines, Fliegern, Piloten und Seeleuten musste abgeblasen werden. Zu allem Überfluss saß eine Familie unschuldiger Amerikaner in einer Hölle fest, die man keinem Erwachsenen, geschweige denn Kindern zumuten durfte.

Der Vorfall stand für ein kapitales Sicherheitsversagen. Kennedy beschloss, dass es ihr reichte. Auf keinen Fall wollte sie allerdings die Fassung verlieren und fordern, dass die Köpfe der Verantwortlichen rollten. Das entsprach nicht der Art und Weise, wie sie ihre Aufgaben erledigte. Sie hatte ihr Handwerk von einem der Besten gelernt. Thomas Stansfield, der mittlerweile verstorbene Direktor der Central Intelligence Agency, pflegte zu sagen, einen Meisterspion verglich man am besten mit einem verschlossenen Buch, das nur aufgeschlagen wurde, wenn er selbst es wünschte. Kein Tag verging, an dem sie sich nicht an dieser Maxime orientierte.

Vor ihr lagen zwei rote Ordner. Der linke enthielt abgefangene E-Mails zwischen einem hochrangigen Mitarbeiter des US-Außenministeriums und einem Botschafter im Ausland. Außerdem fanden sich darin Protokolle von Telefongesprächen und weiterführende geheimdienstliche Erkenntnisse. Der rechte Ordner war deutlich dicker und umfasste Kontoauszüge der letzten Jahre für eine Vielzahl von Konten, verteilt auf Banken in der gesamten Pazifikregion, ein umfassendes Profil des dazugehörigen Inhabers sowie Satellitenaufnahmen und Material aus Abhöraktionen. Beide Ordner lieferten klare, überzeugende Beweise, dass gewisse Individuen, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen Ländern, die fehlgeschlagene Geiselrettung auf den Philippinen zu verantworten hatten.

In früheren Jahren hätte die CIA solche Erkenntnisse diskret an einige wenige Quellen in Washington weitergereicht. Da keine Regierung Skandale mochte, wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen. Man hätte einigen Leuten auf die Finger geklopft, andere auf weniger erstrebenswerte Posten versetzt, ihnen den vorzeitigen Wechsel in den Ruhestand nahegelegt oder einen Job in der privaten Wirtschaft. Höchst selten statuierte man ein Exempel an den Verantwortlichen.

Diesmal würde es anders laufen. Kennedy war fest entschlossen zu tun, was getan werden musste. Die Unterlagen zu ihrer Linken sollten an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn die Presse erfuhr, was passiert war, drohte den zwei Verantwortlichen eine weniger tödliche Variante dessen, was den SEALs an diesem Strand auf den Philippinen aufgelauert hatte. Man würde sie mit einer Batterie von Scheinwerfern und Kameras belagern. Und wo in Washington Kameras eingeschaltet wurden, waren Politiker nicht weit.

Kennedy sah aus dem Fenster und überlegte, welche Senatoren und Kongressabgeordnete sich um Sendezeit prügeln würden. Es gab eine Handvoll in jeder Partei, die sich diese Chance garantiert nicht entgehen ließen. Ihre Eitelkeit machte es unmöglich, eine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, die ihnen Sendezeit bei Millionen potenzieller Wähler verschaffte. Einige andere wussten, dass solche Medienpräsenz höhere Wahlkampfspenden nach sich zog, und damit die Chancen auf eine weitere Amtszeit. Innerhalb dieser beiden Gruppen gab es solche, die dem Präsidenten die Schuld an dem Debakel in die Schuhe schieben würden, und andere, die seinen Vorgänger dafür an den Pranger stellten – und natürlich eine dritte Gruppe, die das Außenministerium als Bastion von Liberalen skizzierte, die sich mehr für die Interessen der UN als für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten einsetzten. Manche verstiegen sich vermutlich auch dazu, Gerechtigkeit zu fordern, obwohl Gerechtigkeit in Wahrheit das war, was ihnen am wenigsten bedeutete. Und natürlich gab es auch jene, die Gerechtigkeit verlangten und es wirklich so meinten.

All das lieferte letztlich nur Begleitmusik für das Hauptereignis. Kennedy ging es vor allem darum, jedem mit einer Sicherheitsfreigabe in Washington vor Augen zu führen, dass er seiner Verantwortung gerecht werden musste. Die Entscheidung, welche Geheimnisse man hüten oder offenlegen durfte, oblag nicht dem Einzelnen. Es ging hier nicht um die Einhaltung bürokratischer Vorschriften, sondern um Gesetze. Und wer dagegen verstieß, sah sich mit öffentlicher Bloßstellung, Strafverfolgung und, sofern Richter und Geschworene mitspielten, einer Haftstrafe konfrontiert.

Was den Inhalt des zweiten Ordners betraf, da schwebte ihr eine deutlich subtilere und endgültigere Lösung vor. Kennedy kannte genau den richtigen Mann, um die daraus resultierenden Probleme zu klären. Am liebsten hätte sie ihn aus den Flitterwochen zurückbeordert, doch dann beschloss sie, dass die Sache ruhig 24 Stunden länger warten konnte. In Washington standen einige Veränderungen an. Mitch Rapp kam dabei eine entscheidende Rolle zu.

Kennedy kannte ihn besser als jeder andere. Sie hatte ihn rekrutiert, seine Ausbildung begleitet und ihm in den herausforderndsten Phasen und delikatesten Situationen als Kontaktperson zur Seite gestanden. Im Laufe der Jahre wuchs er ihr ans Herz wie ein Bruder. Sein Pflicht- und Ehrgefühl ließen nichts zu wünschen übrig. Wenn er von seiner Hochzeitsreise zurückkehrte und erfuhr, was vorgefallen war, musste sie ihm keine Anweisungen erteilen, ihn nicht drängen oder ihm Zusammenhänge erläutern. Es ging höchstens darum, ihn zur Zurückhaltung zu ermahnen, und Kennedy war gar nicht so sicher, ob sie das wollte, wenn er hörte, worum es ging. Viele im Weißen Haus würden sich bemühen, diesen Skandal aus den Zeitungen herauszuhalten, um alles unter den Teppich zu kehren und die Schuldigen unauffällig aus dem Weg zu schaffen. Das wollte sie diesmal auf keinen Fall akzeptieren. Kennedy wusste, dass Rapp der Richtige war, um dem Präsidenten glasklar und ohne falsche Höflichkeit zu verdeutlichen, dass im konkreten Fall Köpfe rollen mussten.

5

David nippte am Orangensaft und bewunderte die Promenade von Monte Carlo. Eine Szenerie von gelassener Schönheit. Die warme Sonne, die vom Himmel brannte, und die friedliche Geschäftigkeit am Hafen reizten fast zu einem Nickerchen, doch er hatte zu viel zu erledigen. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Auf den Tellern und in den Schüsseln vor ihm waren nur wenige Reste des exquisiten Frühstücks übrig. Der Prinz verfügte über ein Team von Gourmetköchen, die ihn auf allen Reisen begleiteten. Vor 30 Minuten war Devon losgezogen, um den schlafenden Riesen zu wecken. Obwohl David nicht ernsthaft damit rechnete, dass der Prinz sich aus dem Bett bequemte, um ihn zu empfangen, wollte er definitiv nicht stundenlang auf ihn warten.

Der Prinz hatte ihn inmitten der finalen Vorbereitungsphase für ihren groß angelegten Plan zu sich zitiert. David beabsichtigte, ihm dafür eine gehörige Sonderzahlung in Rechnung zu stellen. Sosehr ihn die Unterbrechung nervte, so wichtig war es ihm doch, solche geschäftlichen Angelegenheiten persönlich zu regeln. Telefonische Absprachen hielt er für zu riskant. Man wusste nie, was die Amerikaner mit ihren elenden Satelliten alles aus dem Äther fischten.

David besaß viele Talente, doch in einem Bereich erwies er sich als ganz besonders begnadet. Nämlich wenn es darum ging, reichen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der Schlüssel zum Erfolg, wusste er, bestand darin, ihnen einen satten Profit für ihr anfängliches Investment in Aussicht zu stellen. Er hatte diese Begabung nach Abschluss des Studiums an der University of California bei einer mittelständischen Venture-Capital-Firma im Silicon Valley perfektioniert. Zu Davids Spezialitäten gehörte es, Vermögen aus den Ölimperien der Saudis abzuzapfen, und so war er seinerzeit auch mit dem Mann zusammengetroffen, auf dessen Jacht er sich nun befand.

Er spürte die Präsenz des Prinzen, bevor er ihn tatsächlich hörte. Ein kleines Beben breitete sich an Deck aus, leichte Schwingungen brachten das Wasser im Glas zum Tanzen. David blickte über die Schulter und sah, wie der schlafende Riese durch die gläserne Schiebetür auf den überdachten Teil des Sonnendecks trat. Die mit Ringen verzierte Hand schirmte die Augen vor dem lästigen Tageslicht ab. Er brüllte einen Befehl auf Arabisch. Augenblicklich eilte ein Mann mit goldenem Tablett herbei. Darauf lag exakt mittig ausgerichtet eine Sonnenbrille. Der Prinz griff danach und schaffte es irgendwie, sie ins fette Gesicht zu pressen.

Während er den in der Sonne sitzenden David musterte, fuchtelte Prinz Omar seinem Besucher mit einem wulstigen Finger vor dem Gesicht herum und stieß einen unterdrückten Fluch in seiner Muttersprache aus.

David rang sich ein steifes Lächeln ab und entschuldigte sich überschwänglich, Seiner Hoheit den kostbaren Schlaf geraubt zu haben. »Wissen Sie, Majestät, ich hätte Sie nicht gestört, wenn es nicht so wichtig wäre.«

Statt zu ihm in die Sonne zu kommen, ließ Prinz Omar den beträchtlichen Körper auf eine geräumige Couch mit unzähligen Kissen plumpsen. Chung, der Berg von Bodyguard, bezog Posten auf der anderen Seite des Sonnendecks, um einerseits alles im Auge behalten zu können und andererseits nicht den Bediensteten in die Quere zu kommen, die um den Prinzen herumschwirrten. Nachdem er den Sitz des weißen Seidenmorgenmantels korrigiert hatte, drapierte Omar so lange Kissen um den massigen Körper, bis dieser bequem gestützt wurde.

David verfolgte das Spektakel belustigt. Er kannte Fotos des Prinzen aus jungen Jahren. Damals war Omar gut aussehend und schlank gewesen. Ein internationaler Playboy, der zu den reichsten Männern der Welt gehörte und von einem Kontinent zum nächsten jettete, um sich auf den besten Partys zu zeigen. Jetzt, mit Anfang 50, glich er einem aufgeschwemmten Wrack. Die wilden Jahre gingen nicht gnädig mit ihm um. Er befand sich mitten in einer depressiven Abwärtsspirale, weil das Leben ihm verdeutlichte, dass jede Feier irgendwann endete. Seine Stimmungsschwankungen brachten auch ein schier unstillbares Verlangen nach größeren und kleineren Sünden mit sich.

Drei Leibdiener in knackig gebügelten weißen Tuniken und schwarzen Hosen traten in einer Art Polonaise neben dem Prinzen auf das Sonnendeck. Sie alle hielten goldene Tabletts in Händen, auf denen alles lag, wonach es ihren Herrn möglicherweise gelüstete. Ihm lediglich zu dienen, genügte nicht. Ihre Aufgabe bestand darin, seine Bedürfnisse vorauszuahnen, sodass alles zur Stelle war, wenn ihm eine fixe Idee in den Kopf kam. Der erste Diener stellte verschiedene Zigaretten zur Auswahl. Omar griff nach einer davon und ließ sie von dem Büttel mit einem diamantenbesetzten Stabfeuerzeug anzünden. Sobald die Glut an der Spitze aufglimmte, verbeugte sich der Mann und zog sich eilig zurück, nur um durch einen anderen ersetzt zu werden, der dem Prinzen mehrere Drinks in Orange, Rot, Pink und sogar Blau zur Wahl stellte. Alle waren mit perfekt geschnitzten Früchten oder Gemüsescheiben garniert. Omars mit Juwelen geschmückte Finger tanzten zwischen den Gläsern hin und her, während seine Zunge eine Entscheidung traf. Er entschied sich für Pink, nippte kurz daran und stellte den Cocktail mit säuerlicher Miene zurück. Stattdessen griff er nach dem roten Glas, von dem David annahm, dass es eine Bloody Mary enthielt.

Nach einem ausgiebigen Schluck durch den Strohhalm scheuchte er den Bediensteten mit einer schroffen Handbewegung weg und starrte David anklagend an. Prinz Omar bewunderte den Palästinenser. Er hielt ihn für zupackend, clever und ungemein attraktiv. Hätte ihn irgendjemand sonst wecken lassen, hätte er Devon befohlen, ihn von Chung ins Meer werfen zu lassen. Wenn er es sich recht überlegte, traf das auch auf mehrere Mitglieder seiner Familie zu, obwohl sie nicht einmal die Unverschämtheit besessen hatten, seinen Schlaf zu unterbrechen.

Schließlich sagte Omar: »David, komm, erzähl mir, warum du es so eilig hast.« Ein weiterer Diener huschte an die Seite des Prinzen, bewaffnet mit einem Tablett, auf dem sich Gebäck und Kuchen türmten. Omar forderte den Mann auf, es auf dem Tisch vor ihm abzustellen.

David kam über das Sonnendeck unter das tief herabhängende Segeltuch und setzte sich auf den Stuhl gegenüber vom Prinzen. Dieser machte sich gerade über ein Törtchen mit einer Art Cremefüllung her.

»Wieso reizt du mich dermaßen, mein Freund?«, fragte der Prinz.

Wie eine Grinsekatze strahlte David ihn an. Er wusste, dass der Saudi ihn gerade wegen seiner Frechheit so schätzte. Wenn man jeden wachen Moment in Gesellschaft von Kriechern verbrachte, empfand man es zur Abwechslung als erfrischend, wenn einem Menschen mit einer gewissen Unverfrorenheit begegneten.

»Eure Hoheit, ich bin fast bereit, Euren Plan in die Tat umzusetzen.« David bezeichnete ihn als Plan des Prinzen, obwohl er komplett auf seine Kappe ging. »Es gibt noch so viel zu erledigen und wir haben darüber gesprochen, dass wir uns nicht den geringsten Fehler erlauben dürfen.«

Der Prinz stellte den Drink ab und beugte sich erwartungsvoll vor. »Wie kurz davor sind wir?«

»Ganz kurz.«

»Ganz kurz«, wiederholte der Prinz verächtlich. »Was soll ich mit so einer Aussage anfangen? Ich will Details hören.«

»Ihr kennt alle Details, auf die es ankommt, mein Prinz«, entgegnete David gelassen.

Der Prinz mühte sich in seinem Berg aus Kissen ab, eine aufrechte Position einzunehmen, und bellte wütend: »Muss ich dich daran erinnern, wen du vor dir hast?«

Gelassen setzte David die Sonnenbrille ab und verstaute sie in der Brusttasche. »Ich werde nie vergessen, was Ihr für mich und mein Volk getan habt, mein Prinz. Ihr gehört zu den wenigen, die sich wirklich um uns kümmern, und unter diesen wenigen seid Ihr unser größter Held. Aber wir waren uns doch einig, dass es zu Eurem eigenen Schutz besser ist, wenn Ihr über gewisse Einzelheiten nicht unterrichtet seid.«

Das offenbar von Herzen kommende Loblied schien Omar für den Augenblick zu besänftigen. »Komm, setz dich zu mir und flüstere mir diese Einzelheiten ins Ohr. Ich erlöse dich von deinen Sorgen und werde selbst entscheiden, ob ich darüber unterrichtet sein sollte.«

David rührte sich nicht vom Fleck. »Mein Prinz, wenn ich Euch einweihe, gibt es kein Zurück mehr. Wenn die Sache schiefläuft, könnte man Euch dafür zur Verantwortung ziehen.«

»Ich dachte, dass du das verhindern wirst.«

»Das werde ich auch. Genau deshalb kann ich heute nicht länger bleiben und Eure großzügige Gastfreundschaft genießen. Ich muss zu einem Treffen nach Amman reisen. Einem Treffen, das die Spürhunde von Euch ablenkt, falls es nicht so läuft, wie wir es geplant haben.«

Omar pflückte ein weiteres Gebäckstück von dem Berg und biss herzhaft hinein. Eine rote Füllung rann ihm aus dem Mundwinkel, während er leise drängend fragte: »Wann geht es los?«

David überlegte, wie viel er ihm verraten durfte. Ein Diener trat vor und reichte dem Prinzen ein dampfendes weißes Handtuch. Er wischte sich die Lippen und den schwarzen Schnäuzer ab und warf es auf den Boden.

David beobachtete, wie der Angestellte es aufhob. »Es wird sehr bald losgehen, mein Prinz.«

»Wie bald?«, fragte Omar neugierig.

»Sehr bald.«

»Noch in diesem Monat?«

»Früher.«

»Innerhalb der nächsten Wochen?«

Mit einem leichten Lächeln entgegnete er: »Noch in dieser Woche, mein Prinz.«

Dieser klatschte begeistert in die Hände. »Das sind gute Nachrichten. Ganz wunderbar.«

Der Prinz berauschte sich an der Neuigkeit, da tauchte eine junge blonde Frau in knapp heiratsfähigem Alter auf, die nichts als einen fast durchsichtigen Mantel trug. Sie näherte sich ihrem Geliebten und fuhr ihm mit dem Finger durch die Haare. Auf Französisch erkundigte sie sich, warum er sie allein gelassen hatte. Omar drängte sie zur Seite und forderte sie auf, sich zu sonnen, bis sein Termin beendet war. Sie schmollte, schob sich an David vorbei und zwinkerte ihm dabei verrucht zu.

Der Prinz verfolgte ihren Abgang mit sichtbarem Vergnügen. »David, sieh sie dir nur an. Sie ist einfach perfekt.«