The Third Option - Die Entscheidung - Vince Flynn - E-Book

The Third Option - Die Entscheidung E-Book

Vince Flynn

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Beschreibung

Ein Anti-Terror-Kämpfer im Fadenkreuz skrupelloser Politiker Nach dem Terrorangriff auf das Weiße Haus bleibt Undercover-Agent Mitch Rapp wenig Zeit zum Durchatmen. Die nächste Bedrohung kündigt sich in Form eines deutschen Industriemagnaten an, der Komponenten für den Bau von Atomwaffen in den Nahen Osten schmuggelt. Rapp erhält den Auftrag, ihn zu eliminieren. Doch der vermeintliche Routinejob entpuppt sich als Komplott gegen die CIA. Die Hintermänner haben jedoch nicht mit der Zähigkeit von Rapp gerechnet, der einem Anschlag auf sein Leben entgeht und in die USA zurückkehrt, um ihnen das Handwerk zu legen. Pulstreibende Action in Perfektion! Bookreporter: 'Vince Flynn versteht es, sich in die Psyche des Feindes hineinzuversetzen.' Washington Times: 'Ein Kämpfer wie Rambo, perfekt gerüstet für den Krieg gegen den Terror.' Erstmals in ungekürzter Übersetzung.

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Seitenzahl: 591

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Aus dem Amerikanischen von Alexander Rösch

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe The Third Option

erschien 2000 im Verlag Pocket Books.

Copyright © 2000 by Vince Flynn

Copyright © dieser Ausgabe 2018 by Festa Verlag, Leipzig

Veröffentlicht mit Erlaubnis von Pocket Books,

ein Unternehmen von Simon & Schuster, Inc., New York.

Titelbild: Dean Samed

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-666-3

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Hinweis: Dieser Roman ist Band 4 der Mitch Rapp-Saga.

Für Lysa

VORBEMERKUNG

In Amerika agiert eine unsichtbare Macht aus dem Verborgenen, in der ehemalige Soldaten, Geheimdienstler und Diplomaten aktiv sind. Man begegnet ihr in Washington überall und nirgendwo zugleich. Der Durchschnittsbürger bekommt sie nie zu Gesicht und macht sich über ihre Existenz keine Gedanken. Er nimmt gar nicht wahr, welchen Einfluss sie auf augenscheinlich völlig normale Todesfälle nimmt. Die meisten Leute denken nicht darüber nach, wenn sie im Regionalteil der Washington Post über die Meldung stolpern, dass ein Lobbyist an einer Überdosis Drogen gestorben ist, sich ein Colonel der United States Army das Leben genommen hat oder ein Mitarbeiter des Weißen Hauses bei einem Raubüberfall getötet wurde.

Der typische Amerikaner ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich um sein eigenes Leben zu kümmern, um über den Tellerrand der Schlagzeilen hinauszuschielen und sich die Frage zu stellen, welche Geheimnisse diese Menschen mit ins Grab nehmen. Im Kreis der Eingeweihten zuckt in solchen Fällen die eine oder andere Augenbraue in die Höhe und es werden diskret ein paar Erkundigungen eingeholt, doch letzten Endes werden die Vorfälle ignoriert und das Leben geht weiter wie gewohnt.

Wer im Umfeld dieser verschworenen Gemeinschaft auf die Suche nach Antworten geht, spielt mit dem Feuer. Es ist die Welt der verdeckten Ermittler, ein äußerst realer, aber weitgehend unbekannter Aspekt der Außen- und zum Teil auch Innenpolitik der amerikanischen Regierung. Hier zählt das große Ganze mehr als Einzelschicksale. Man spricht von der sogenannten dritten Option – und die Männer, die von ihr Gebrauch machen, verhalten sich nicht immer besonders klug oder anständig.

1

Der Mann huschte von Baum zu Baum durch die Dunkelheit und arbeitete sich zu einem großen Haus vor. Das Anwesen aus dem 19. Jahrhundert, rund 20 Kilometer südlich von Hamburg gelegen, umfasste 45 Hektar hügeliger Wald- und Wiesenfläche und war dem Grand Trianon, dem Lustschloss in den Gärten von Versailles, nachempfunden. Heinrich Hagenmüller hatte die Außenanlagen 1872 in Auftrag gegeben, um die Gunst des preußischen Königs Wilhelm I. zu erlangen, der gerade frisch zum deutschen Kaiser gekrönt worden war. Teile des Grundstücks hatten die Eigentümer im Laufe der Jahre verkauft, weil ihnen die Instandhaltung zu teuer wurde.

Der Mann glitt lautlos an den Stämmen vorbei. Er hatte sowohl seine Umgebung als auch ihren Besitzer auf Hunderten von Fotografien studiert. Einige stammten von Satelliten, die Tausende von Kilometern über der Erde kreisten, andere von dem Überwachungsteam, das sich seit einer Woche vor Ort aufhielt.

Der Killer war erst am heutigen Nachmittag aus den Vereinigten Staaten eingeflogen und wollte sich selbst einen Eindruck verschaffen, womit er es zu tun bekam. Fotos waren ein guter Anfang, aber kein Ersatz dafür, etwas mit eigenen Augen zu sehen. Er hatte den Kragen der schwarzen Lederjacke als Schutz vor der Kälte des kühlen Herbstabends hochgeschlagen. Die Temperatur war seit Tagesanbruch um fast zehn Grad gefallen.

Zum zweiten Mal seit Verlassen der Hütte blieb er abrupt stehen und lauschte. Er bildete sich ein, hinter sich etwas gehört zu haben. Ein frisches Bett aus goldenen Tannennadeln bedeckte den schmalen Pfad, den er entlangtrottete. In der bewölkten Nacht drang nur wenig Licht durch das dichte Gehölz zu der Stelle vor, an der er gerade stand.

Er zog sich an den Wegrand zurück und blickte sich langsam um. Ohne technische Unterstützung reichte die Sicht kaum drei Meter weit.

Mitch Rapp hatte bisher der Versuchung widerstanden, das Nachtsichtgerät einzusetzen. Er wollte sich ohne ein solches Hilfsmittel auf dem Gelände orientieren können. Nun verriet ihm etwas, dass er nicht allein war. Rapp zog eine 9-Millimeter-Glock aus der Tasche und schraubte behutsam einen Schalldämpfer an den Lauf. Danach griff er zu einem 10-Zentimeter-Monokular, aktivierte die digitale Restlichtverstärkung und schob die Linse vors rechte Auge.

Sofort wurde der Pfad vor ihm in ein gespenstisch anmutendes grünes Licht getaucht. Rapp sondierte das Terrain, wobei er nicht nur den Weg, sondern auch dessen Ränder kontrollierte. Dem Fernglas gelang es im Gegensatz zu seinen Augen, die dunklen Schatten zu durchdringen. Er konzentrierte sich besonders auf den wurzelnahen Bereich der Bäume, um nach einem verräterischen Schuh Ausschau zu halten, der einem heimlichen Beobachter gehören mochte.

Nachdem er fünf Minuten geduldig gewartet hatte, fragte er sich, ob nicht möglicherweise doch ein Reh oder ein anderes Tier das Geräusch ausgelöst hatte. Noch einmal fünf Minuten später ließ er sich widerstrebend auf die Schlussfolgerung ein, dass sein Verfolger vier und nicht zwei Beine besaß. Rapp schob das Monokular zurück in die Tasche, behielt die Waffe jedoch in der Hand. Immerhin hatte er es nicht durch nachlässiges, unachtsames Vorgehen zum reifen Alter von 32 gebracht. Wie jeder Profi, der etwas auf sich hielt, besaß er ein Gespür dafür, wann es sich lohnte, etwas zu riskieren, und wann man sich besser an die Regeln hielt.

Der Amerikaner folgte dem Pfad einen weiteren halben Kilometer, bis die Lichter des Hauses vor ihm sichtbar wurden. Er beschloss, die restliche Strecke durchs Unterholz zurückzulegen. Lautlos arbeitete er sich durch das Dickicht vor, bog Sträucher zur Seite und duckte sich unter Ästen. Als er den Waldrand erreichte, hörte er, wie ein Zweig unter seinem Fuß knackte. Rasch wich er nach links aus, um einen Baum in die Sichtlinie zwischen sich und das Haus zu bringen. Ein Zwinger voller Jagdhunde brach höchstens 100 Meter entfernt in lautes Gebell aus. Rapp fluchte in sich hinein, blieb aber ganz ruhig. Wegen solcher Überraschungen durfte man sich nicht blind auf Vortrupps und Satellitenaufnahmen verlassen.

Unfassbarerweise hatte ihn niemand auf die Hunde hingewiesen. Sie bellten immer lauter, einige heulten laut und dann öffnete sich eine Tür. Eine tiefe Stimme forderte die Tiere auf Deutsch zum Schweigen auf. Sie musste das Kommando zweimal wiederholen, ehe sie reagierten.

Rapp lugte mit einem Auge hinter dem Stamm hervor und sah, dass die Jagdhunde an die Kette gelegt waren, jedoch mit genug Bewegungsspielraum, um von einer Seite des Zwingers zur anderen zu laufen. Er rechnete mit Problemen. Nicht so knifflig wie bei abgerichteten Wachhunden, trotzdem durfte er ihre natürlichen Jagdinstinkte nicht unterschätzen. Er blieb am Waldrand stehen, um sich in Ruhe ein umfassendes Bild zu verschaffen. Ihm gefiel nicht, was er da sah. Viel zu viel ungeschützte Freifläche zwischen Bäumen und Gebäude.

Es gab ein paar Beete und Anpflanzungen, die sich als Deckung nutzen ließen, aber auf den Kieswegen keine verräterischen Geräusche zu machen, dürfte schwierig werden. Eine Annäherung von Süden her wurde durch die Hunde nahezu unmöglich. Die Alternativen schieden aufgrund der Überwachungskameras aus. Außerdem wartete an diesen Stellen doppelt so viel offenes Gelände auf ihn. Zu den einzigen Pluspunkten gehörte, dass er keine Anzeichen von Druck- oder Mikrowellensensoren beziehungsweise Bewegungsmeldern entdeckte.

Offiziell hatte Mitch Rapp nichts mit der US-Regierung zu tun. Inoffiziell arbeitete er seit seinem Abschluss an der Syracuse University für die CIA. Man hatte ihn für eine streng geheime Terrorabwehr-Einheit rekrutiert, das sogenannte Orion-Team. Im Rahmen der Ausbildung war es der Agency gelungen, Rapps athletische Anlagen und seine Intelligenz in tödliche Effizienz zu verwandeln.

Die wenigen Leute, die ihn näher kannten, hielten ihn für einen erfolgreichen Unternehmer, der aufgrund seiner IT-Beratungstätigkeit häufig ins Ausland reiste. Um die Legende glaubwürdig zu gestalten, wickelte er im Rahmen seiner Missionen manchmal tatsächlich Geschäfte ab, diesmal allerdings nicht. Er war geschickt worden, um einen Mann zu töten. Einen bereits zweimal vorgewarnten Mann.

Rapp observierte die Umgebung fast eine halbe Stunde lang. Nachdem er genug gesehen hatte, setzte er sich in Bewegung, jedoch nicht über den Waldweg. Sollte ihm jemand zwischen den Bäumen auflauern, lief er sonst schnurstracks in eine Falle. Stattdessen kämpfte er sich mehrere Hundert Meter weit durch das Unterholz nach Süden. Er blieb dreimal stehen, um sich per Kompass zu vergewissern, dass er in die korrekte Richtung lief. Vom Vortrupp wusste er, dass es eine weitere Schneise weiter südlich gab. Beide führten über einen schmalen Trampelpfad aufs Grundstück und verliefen grob parallel zueinander.

Beinahe hätte Rapp den zweiten Weg verpasst. Er schien weniger häufig benutzt zu werden und war an mehreren Stellen überwuchert. Kurz darauf stieß der Agent auf den gesuchten Trampelpfad, ging in die Hocke und zog erneut das Spektiv hervor, um minutenlang den Zugang zum Gelände zu inspizieren. Überzeugt davon, dass niemand in der Nähe war, orientierte er sich weiter nach Süden.

Rapp machte diesen Job seit fast zehn Jahren und wollte aussteigen. Er ging davon aus, dass dies seine letzte Mission war. Immerhin hatte er im vergangenen Frühjahr die richtige Frau gefunden. Es wurde Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Die CIA wollte ihn zwar nicht gehen lassen, aber was kümmerte es ihn? Er hatte genug geopfert. In seinem Metier fühlten sich zehn Jahre wie eine Ewigkeit an. Er konnte froh sein, in einem Stück aus der Sache herauszukommen, mit einem halbwegs intakten Verstand.

Etwa anderthalb Kilometer weiter stieß Rapp auf eine kleine Hütte. Die Vorhänge waren vor die Fenster gezogen und Rauch stieg aus dem Schornstein. Er trat an die Tür, klopfte zweimal, wartete eine Sekunde und klopfte drei weitere Male. In einem schmalen Spalt wurde ein Auge sichtbar. Sobald der andere sich vergewissert hatte, dass Rapp vor ihm stand, öffnete er und ließ ihn in das spärlich möblierte Innere eintreten. Während Mitch die Lederjacke aufknöpfte, schloss der andere hinter ihm ab.

Die Wände aus knotigen Kiefernholzlatten waren weiß lackiert, die breiten Bodendielen mit glänzend grüner Lasur versehen. Läufer in grellen Farben dienten als Teppichersatz, die massiven Möbel wirkten ziemlich betagt. Regionale Volkskunst und gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos fungierten als Dekoration. Unter normalen Umständen hätte man es sich hier an einem gemütlichen Herbstwochenende mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich gemacht oder ausgedehnte Waldspaziergänge unternommen. Stattdessen saß eine Frau mit Kopfhörern am Küchentisch. Auf dem Tisch vor ihr stand Überwachungstechnik im Wert von einer Viertelmillion Dollar, untergebracht in zwei ramponierten Samsonite-Koffern, die sich bei ungebetenem Besuch innerhalb von Sekunden schließen und verstecken ließen.

Rapp war dem Mann und der Frau nie zuvor begegnet. Er wusste lediglich, dass sie Tom und Jane Hoffman hießen, Mitte 40 und verheiratet waren. Vor ihrer Landung in Frankfurt hatten sie in zwei anderen Ländern Zwischenstopps eingelegt.

Ihre Tickets waren unter Decknamen mit gefälschten Kreditkarten und Pässen gekauft worden, die ihnen ihr Kontaktmann übergeben hatte. Bei dieser Gelegenheit erhielten sie auch ihr Standardhonorar von 10.000 Dollar für eine Woche ausgehändigt und wurden auf die Ankunft einer weiteren Person vorbereitet. Zum Job gehörte es, keine weiteren Fragen zu stellen.

Bei der Ankunft in der Hütte hatte ihr Equipment bereitgestanden und sie begannen unverzüglich mit der Observierung des Anwesens und seines Besitzers.

Mehrere Tage später erhielten sie Besuch von einem Mann, den sie nur als ›den Professor‹ kannten. Er übergab ihnen weitere 25.000 Dollar und kündigte noch einmal denselben Betrag nach erfolgreichem Abschluss der Mission an. Er gab ihnen ein kurzes Briefing zu dem Mann, der in Kürze zu ihnen stoßen sollte, nannte jedoch nicht seinen wahren Namen, sondern beließ es bei der Andeutung, dass es sich um einen äußerst kompetenten Agenten handelte.

Tom Hoffman schenkte Rapp einen Kaffee ein und brachte ihm die Tasse zum flackernden Feuer am steinernen Kamin.

»Und, was meinen Sie?«

Rapp zuckte die Achseln und musterte Hoffmans Gesicht. Im Gegensatz zu seinem eigenen, das durch die kalte Nachtluft stark gerötet war, wirkte der Hautton völlig neutral. »Es wird nicht einfach«, beantwortete er die gestellte Frage. Gesicht und Schuhe der Frau hatte er bereits zuvor inspiziert. Keiner der beiden war kürzlich draußen gewesen. Vermutlich hatte er vorhin im Wald tatsächlich nur ein wildes Tier gehört.

»Einfach ist es nie«, stellte der untersetzte Hoffman fest und trank einen Schluck aus dem eigenen Becher, bevor er versuchte, sich ein Bild von dem Fremden vor ihm zu machen. Der groß gewachsene, muskulöse Agent, der angeblich Karl hieß, bewegte sich wie eine Raubkatze – geschmeidig und schleichend. Es gab nichts Ungeschicktes an ihm. Das sonnengebräunte, verhärmte Gesicht zeugte von häufigen Aufenthalten im Freien. Sein dichtes tiefschwarzes Haar wurde an den Schläfen langsam grau. Eine dünne Narbe verlief an der linken Gesichtshälfte vom Ohr zum Kiefer.

Rapps Augen lösten sich von Hoffman und blickten ins Feuer. Er merkte, dass er taxiert wurde. Umgekehrt ließ er auch das Pärchen kaum aus den Augen und hielt bis zu dem Moment, in dem sich ihre Wege trennten, daran fest. Er spähte in die Flammen und konzentrierte sich auf den Plan. In solchen Situationen neigte man zu übertriebenem Ehrgeiz – nahm sich vor, die kompletten Sicherheitsvorkehrungen auszuschalten und unbemerkt rein- und anschließend wieder rauszukommen. Nicht unbedingt verkehrt, wenn einem genug Zeit zur Vorbereitung zur Verfügung stand, aber ihnen blieben nur knapp 23 Stunden, um alles einzufädeln und durchzuziehen. Unter diesen Umständen schwebte Rapp eine etwas andere Strategie vor.

Er wandte sich vom Kamin ab und sprach die Frau an: »Jane, wie viele Gäste werden bei der Party morgen Abend erwartet?«

»Etwa 50.«

Rapp fuhr sich mit der Hand durch den schwarzen Haarschopf und massierte eine Stelle im Nacken. Erneut starrte er in das flackernde Feuer, ehe er verkündete: »Ich habe eine Idee.«

Die ersten Vorboten des neuen Tags kündigten sich im Osten an. Der nachtschwarze Himmel verfärbte sich grau und Nebelschwaden waberten aus den Tümpeln. Die kühle Herbstluft vermischte sich mit der verbliebenen Wärme des Sommers. Ein dumpfes Wummern durchbrach die Stille des unberührten Morgens in Maryland.

Zwei Marines, die auf der Jeep-Zufahrt am westlichen Zaun patrouillierten, hielten instinktiv nach der Quelle des Geräuschs Ausschau. Mit M16-Gewehren über den Schultern reckten sie den Hals gen Himmel. Beide wussten, was da kam, ohne es sehen zu müssen. Innerhalb weniger Sekunden registrierten sie, dass es sich nicht um militärisches Fluggerät handelte. Dafür war das typische Dröhnen nicht laut genug. Der weiße Helikopter schwebte über die Baumkuppen hinweg und näherte sich dem Zentrum des Camps. Die Marines verfolgten ihn noch kurz mit Blicken und setzten dann ihre Patrouille fort. Sie gingen davon aus, dass einer der Golfpartner des Präsidenten eingeflogen wurde.

Der Bell 206, ein Modell aus der Jet-Ranger-Reihe, blieb auf östlichem Kurs Richtung Wasserturm. Direkt davor befand sich eine Lichtung mit einer betonierten Landefläche. Der Vogel verlangsamte den Flug und senkte sich sanft dem Boden entgegen. Das Gestänge setzte exakt auf der Markierung auf. Der Pilot schaltete das Turbinentriebwerk ab und die Rotoren drehten langsam aus.

Ein schwarzer Suburban parkte auf der nahe gelegenen Straße. Mehrere Männer in schwarzen Anzügen mit Krawatte warteten daneben und beobachteten, wie der Besucher aus dem Hubschrauber kletterte.

Dr. Irene Kennedy lief mit Aktenkoffer zum Truck. Sie hatte das schulterlange braune Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden und trug eine sorgfältig gebügelte blaue Hemdbluse. Sie zog das Revers ihrer hellbraunen Jacke zusammen, um sich vor dem Windstoß zu schützen. Als sie den Suburban erreichte, streckte ihr ein Officer der Army die Hand entgegen: »Willkommen in Camp David, Dr. Kennedy.«

Die 40-jährige Angestellte der Central Intelligence Agency erwiderte die Geste. »Vielen Dank, Colonel.«

Kennedy fungierte offiziell als Leiterin des National Counterterrorism Centers, der CIA-Abteilung zur Terrorabwehr. Inoffiziell betreute sie das Orion-Team, das ohne Kenntnis der Öffentlichkeit den weltweiten Terrorismus mit weitaus drastischeren Methoden bekämpfte. In den frühen 80ern hatte eine Serie von Attentaten die Vereinigten Staaten hart getroffen, insbesondere die verheerenden Anschläge auf den US-Stützpunkt in Beirut 1983, bei dem zwei mit Sprengstoff beladene Lkws 241 Soldaten des Marine Corps getötet hatten. Trotz millionenschwerer Investitionen und der Bereitstellung zahlreicher Ressourcen war die Lage danach noch ernster geworden. Das Jahrzehnt endete mit dem gezielt herbeigeführten Absturz von Pan-Am-Flug 103 und dem Tod Hunderter unschuldiger Zivilisten.

Die Lockerbie-Katastrophe veranlasste einige der einflussreichsten Politiker in Washington zur Einleitung drastischer Maßnahmen. Sie hielten es für angebracht, den Terroristen den Krieg zu erklären. Über diplomatische Kanäle ließ sich nichts erreichen und Militärschläge schienen kein probates Mittel zu sein, um einen Feind zu bekämpfen, der gezielt im Umfeld unbescholtener Bürger lebte und arbeitete.

Damit blieb Amerikas Anführern nur eine Wahl: die dritte Option. Verdeckte Operationen. Sie zweigten Geld in schwarze Kassen ab, von deren Existenz niemand etwas ahnte, weder der Kongress noch die neugierigen Vertreter der Medien. Ein heimlicher Krieg wurde initiiert und machte Jäger zu Gejagten.

Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Niemand sagte etwas. Als sie Aspen Lodge, das Wohnhaus im Ferienrefugium des Präsidenten, erreichten, stieg Kennedy aus, lief die Treppe zur Veranda hoch und an zwei Secret-Service-Agenten vorbei in den Flur. Der Colonel eskortierte sie zum Arbeitszimmer und klopfte an den Rahmen der geöffneten Tür.

»Mr. President, Dr. Kennedy ist eingetroffen.«

Präsident Robert Xavier Hayes saß hinter dem Schreibtisch, nippte an seinem Kaffee und war in die freitägliche Morgenausgabe der Washington Post vertieft. Bei ihrem Eintreten lugte er über den Rand der schwarzen Lesebrille hinweg, schlug die Zeitung zu und sagte: »Vielen Dank, Colonel.« Er stand auf, trat an einen kleinen runden Tisch und forderte Kennedy mit einem Winken auf, sich zu ihm zu setzen.

Hayes trug eine Freizeithose, ein blaues Polohemd und eine Strickweste in Vorbereitung auf sein morgendliches Golfmatch. Er stellte den Kaffeebecher ab und schenkte Kennedy einen zweiten ein. »Wie geht es Direktor Stansfield?«

»Er …« Kennedy suchte nach dem geeigneten Wort, um den zunehmend schlechteren Gesundheitszustand ihres Vorgesetzten zu beschreiben. »… ist den Umständen entsprechend in guter Verfassung.«

Hayes nickte. Thomas Stansfield legte großen Wert auf Diskretion und gehörte der CIA seit ihrer Gründung an. Wie es aussah, blieb er bis zu seinem Lebensende in Diensten der Agency.

Bei dem 79 Jahre alten Spionage-Urgestein war vor Kurzem Krebs diagnostiziert wurden. Die Ärzte gaben ihm höchstens noch ein halbes Jahr.

Der Präsident wandte sich dem akuten Problem zu. »Wie entwickelt sich die Situation in Deutschland?«

»Alles im grünen Bereich. Mitch ist letzte Nacht eingetroffen und hat mir vor meiner Abreise heute Morgen einen ausführlichen Bericht geliefert.«

Kennedy hatte den Präsidenten zu Wochenbeginn über die geplante Operation in Kenntnis gesetzt. Hayes stellte lediglich eine Bedingung: Rapp musste dabei sein, sonst gab es kein grünes Licht von ihm. Er und Kennedy hatten in den letzten fünf Monaten viele solcher Vieraugengespräche geführt. Alle verfolgten denselben Zweck: das Schikanieren, Behindern und Destabilisieren einer ganz bestimmten Person, im Idealfall ihre Ermordung. Das Individuum, dem sie diese unvorteilhafte Spezialbehandlung angedeihen ließen, war Saddam Hussein.

Schon lange vor Hayes’ Amtsantritt hatte die westliche Welt Husseins Aktivitäten als zunehmende Bedrohung empfunden. Allerdings nahm der 58 Jahre alte Präsident der Vereinigten Staaten die Angelegenheit seit dem vergangenen Frühjahr persönlich. Damals hatte eine Gruppe von Terroristen das Weiße Haus angegriffen und Dutzende Secret-Service-Agenten sowie zahlreiche unbescholtene US-Bürger ermordet. Hayes selbst hatte sich mit einer Gruppe von Leibwächtern in einen unterirdischen Bunker flüchten können und dort drei Tage lang ohne Kontakt zur restlichen Regierung festgesessen. Seine Befreiung verdankte er am Ende dem tapferen Eingreifen von Mitch Rapp und einigen ausgewählten Geheimdienstlern, Polizeibeamten und Mitgliedern der Special Forces.

Zwei Indizien deuteten auf eine Beteiligung des irakischen Diktators hin. Allerdings wäre es ziemlich problematisch gewesen, sie den Vereinten Nationen oder internationalen Gerichtshöfen vorzulegen. Das erste Beweisstück verdankten sie nämlich einem ausländischen Geheimdienst, der wenig Interesse daran hatte, dass seine Methoden der Welt bekannt wurden, das zweite hatten sie mithilfe der verpönten dritten Option in ihren Besitz gebracht – streng unter der Hand. Ein Vorgehen, das mit wenigen Ausnahmen in internationalen Kreisen auf Empörung gestoßen wäre.

Unter dem Strich hielten sie zwar belastbare Beweise dafür in der Hand, dass Saddam die Aktivitäten der Terroristen finanziert hatte, konnten diese allerdings nicht offenlegen, ohne ihre eigenen umstrittenen Methoden preiszugeben. Präsident Hayes hatte gegenüber engen Vertrauten bereits geäußert, dass die UNO möglicherweise gar nichts unternahm, wenn man sie mit den Fakten konfrontierte. Nach einer intensiven Debatte entschied er gemeinsam mit CIA-Direktor Stansfield und General Flood, dem Vorsitzenden der Vereinigten Staatschefs, Saddam mithilfe ihres verdeckten Agentennetzwerks zu verfolgen. Beim heutigen Treffen ging es um die Besprechung weiterer Einzelheiten.

Hayes beugte sich vor und stellte den Kaffeebecher auf den Tisch. Er war gespannt auf Rapps Einschätzung der Lage in Deutschland. Wie er wusste, lieferte der Agent selbst dann Ergebnisse, wenn andere längst das Handtuch geworfen hatten.

»Was hält Mitch von der Sache?«

»In Anbetracht der kurzen Vorlaufzeit und der enormen Sicherheitsvorkehrungen im Umfeld der Zielperson hält er eine direkte Konfrontation für ratsam.« Kennedy lieferte ihm einen kurzen Überblick zu den aktuellen Planungen.

Als sie damit fertig war, lehnte sich Hayes zurück und kreuzte die Arme mit nachdenklichem Gesichtsausdruck vor der Brust. Kennedy beobachtete ihn und ließ keine Regung erkennen. Das hatte sie von ihrem Boss gelernt.

Hayes grübelte noch einige Sekunden länger, bevor er meinte: »Wir sollten Mitch sagen …« Er hielt inne, weil Irene den Kopf schüttelte.

»Mitch hört nicht auf Ratschläge, die man ihm aus 3000 Meilen Entfernung gibt …«

Der Präsident nickte. Nach dem Vorfall im Weißen Haus hatte er sich über Rapp schlaugemacht. Der junge Agent setzte am Ende stets seinen eigenen Kopf durch. Einerseits bedenklich, andererseits fiel es schwer, jemandem zu widersprechen, der eine fast makellose Erfolgsbilanz vorzuweisen hatte. Er erledigte jeden Job, selbst solche, die andere als aussichtslos ablehnten.

Hayes unterdrückte den Drang, eine wohlmeinende Bemerkung abzugeben, und zog es vor, Kennedy daran zu erinnern, was auf dem Spiel stand. »Wissen Mitch und seine Leute, dass sie auf sich allein gestellt sind?«

Kennedy nickte.

»Noch mehr als sonst, meine ich. Sollte etwas schiefgehen, werden wir leugnen müssen, von der Aktion zu wissen oder sie überhaupt zu kennen. Das müssen wir. Unsere Beziehungen zu Deutschland würden das nicht überstehen, und ich wäre wahrscheinlich auch die längste Zeit Präsident gewesen.«

Kennedy signalisierte, dass sie verstand. »Sir, Mitch ist gut. Bis heute Abend wird er für alle Eventualitäten gerüstet sein und den Einsatz notfalls abblasen, wenn es zu eng wird.«

Der Präsident starrte sie an und rang sich zu einer Entscheidung durch. »Also gut. Ich erteile Ihnen die Freigabe, aber Sie wissen, wo wir stehen, Irene. Wenn uns die Geschichte um die Ohren fliegt, hat dieses Treffen ebenso wie die fünf oder sechs davor nie stattgefunden. Sie werden behaupten, nichts von Mitchs Alleingang gewusst zu haben, und dasselbe gilt für jeden anderen bei der Agency.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hasse es, Mitch so etwas zuzumuten, aber uns bleibt keine Wahl. Er arbeitet ohne Netz und doppelten Boden. Falls er abstürzt, können wir nichts für ihn tun.«

2

Rapp hatte gegen Mittag einen Fünf-Meilen-Lauf unternommen, war ansonsten aber den ganzen Tag in der Hütte geblieben. Joggen half ihm, runterzukommen und das Koffein abzubauen, das er in sich hineingeschüttet hatte. Inzwischen war er mehrfach über ein Stu III, MX3030 Comsat mit Irene Kennedy in Kontakt getreten. Die gesicherte Satellitenverbindung stellte seinen einzigen direkten Draht nach Washington dar. Niemand sonst ahnte, dass er und die Hoffmans sich in Deutschland befanden, und dabei musste es auch bleiben. Lief die Mission reibungslos, mussten seine Vorgesetzten abstreiten können, darüber informiert gewesen zu sein. Das galt erst recht, falls ihnen alles um die Ohren flog.

Rapps Pläne für den Abend setzten gewisse Anschaffungen voraus. Er hatte Tom Hoffman am Vormittag mit einer Einkaufsliste nach Hamburg losgeschickt. Dieser ging äußerst vorsichtig vor, tätigte in jedem Stadtviertel nur einen der Käufe und mied Geschäfte mit lückenloser Kameraüberwachung.

Inzwischen war es Nacht geworden. Rapp saß mit dem Ehepaar am Küchentisch und ging jedes einzelne Detail zum gefühlt hundertsten Mal durch. Die Hoffmans waren diesbezüglich äußerst penibel und hatten einen umfassenden taktischen Schlachtplan erarbeitet, der den Ablauf sekundengenau festlegte. Rapp hatte schon mit genügend Leuten bei den Special Forces zusammengearbeitet, um zu erkennen, dass mindestens einer von ihnen über einen entsprechenden Background verfügte.

Vor dem Verlassen der Hütte würden sie sämtliche schriftlichen Aufzeichnungen vernichten. Die erste, zweite und dritte Funkfrequenz mussten sie im Kopf haben. Dasselbe galt für Flucht- und Ausweichrouten, Passwörter und Codes. Karten konnten sie mitnehmen, durften sie aber auf keinen Fall beschriften. Ihre falschen Ausweise hatten sie in präparierten Beuteln verstaut. Wenn ein Fehlschlag drohte, mussten sie lediglich an einer Kordel ziehen, um den kompletten Inhalt in Flammen aufgehen zu lassen.

Sie überprüften sämtliche Waffen, wieder und wieder. Rapp konnte keinen konkreten Grund nennen, aber er hatte kein gutes Gefühl. Er rief sich eine Mission aus den Anfangstagen seiner CIA-Zeit ins Gedächtnis, bei der offenkundig alles in Ordnung zu sein schien, am Ende aber ein Dutzend Kommandosoldaten als Leichen zurückblieben. Seitdem begegnete er jedem Einsatz mit einer gesunden Portion Skepsis, doch diesmal nagten die Zweifel stärker als sonst an ihm.

Rapp beschlich das Gefühl, dass er an Entschlossenheit eingebüßt hatte. All die Jahre seine Wut mit sich herumzuschleppen und daraus seine Motivation abzuleiten, ging auf Dauer nicht gut.

Die Wut ging auf die Nachwehen der Pan-Am-Katastrophe zurück. Damals war er noch Student an der Syracuse University gewesen. 36 seiner Kommilitonen kamen bei dem Absturz ums Leben, darunter auch seine damalige Freundin. Während seiner ausgedehnten Trauerphase war die CIA auf ihn zugekommen und hatte ihm die Möglichkeit in Aussicht gestellt, sich an den Terroristen zu rächen. Rapp biss sofort an.

In den Fokus dieser Rache rückte Rafique Aziz, der Drahtzieher hinter dem Anschlag auf Pan-Am-Flug 103. Rapp hatte das letzte Jahrzehnt damit zugebracht, den Terroristen zu jagen, und ihn im vergangenen Frühjahr bei ihrer ersten persönlichen Konfrontation getötet. Damit war seine Wut fürs Erste besänftigt und von einer gänzlich anderen Emotion abgelöst worden – einer Emotion, von der er gar nicht wusste, dass sie in seinem Herzen noch Platz hatte. Für Anna Rielly empfand er das exakte Gegenteil von Hass. Sie war wie ein Lottogewinn. Die Art Frau, für die man sich wünschte, ein besserer Mensch zu werden. Rapp sehnte sich fast schon verzweifelt danach, der CIA den Rücken zu kehren und mit ihr einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Jane Hoffman setzte ihren Kopfhörer ab und verkündete: »Die ersten Gäste sind eingetroffen.«

Rapp sah auf die Uhr. Fünf Minuten vor acht, etwa zweieinhalb Stunden vor dem geplanten Showdown. Er beschloss, Kennedy ein letztes Mal zu kontaktieren, griff sich das schwere Comsat-Telefon und trug es rüber ins Schlafzimmer.

Hätte Dr. Irene Kennedy sich mit der Aussicht aus ihrem Fenster im sechsten Stock abgegeben, wäre ihr das prächtige Farbenspiel nicht entgangen, das zu dieser Jahreszeit seine Magie auf das Tal des Potomac Rivers wirkte. Bedauernswerterweise fand sie in letzter Zeit nur selten Gelegenheit, innezuhalten und die kleinen Freuden des Lebens zu genießen. Langley befand sich in einer kritischen Phase und wurde sowohl von innen als auch von außen unter Druck gesetzt. Die schwere Erkrankung von Thomas Stansfield hatte sich herumgesprochen und die Kritiker auf dem Capitol Hill scharrten mit den Hufen, während sich innerhalb der Agency Karrieristen mit überbordenden Egos in Position für eine potenzielle Nachfolge brachten. Kennedy hasste solche politischen Manöver und tat ihr Bestes, um sich aus der Schusslinie zu halten, was sich leider als nahezu unmöglich erwies. Immerhin wussten die meisten, dass sie zu den engsten Vertrauten des CIA-Direktors gehörte.

Washington war eine Stadt, in der Drama und Intrigen regierten. Niemand kostete das mehr aus als die Politiker. Wie eifersüchtige Protagonisten aus einem Stück von Shakespeare setzten sie Stansfields Todesuhr in Gang. Einige schreckten nicht einmal davor zurück, ihn anzurufen und Besorgnis für ihn und seine Kinder zu heucheln.

Kennedy war nicht naiv, dafür hatte Stansfield sie zu gut ausgebildet. Niemand auf dem Capitol Hill mochte ihren Boss. Viele Senatoren und Kongressmitglieder respektierten ihn zwar, aber beliebt war er definitiv nicht. Dafür hatte der 79-Jährige andere nie nah genug an sich herangelassen. Als ehemaliger Deputy Director of Operations und heutiger CIA-Chef hütete Stansfield die Geheimnisse Washingtons bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten. Niemand wusste genau, wie weit sein Wissen reichte, und niemand legte Wert darauf, es herauszufinden. Manche Leute befürchteten, er habe dicke Dossiers über die gesamte Elite der Regierungsmetropole angelegt, um selbst nach seinem Tod aus dem Grab Unfrieden stiften zu können.

Doch das war nicht zu erwarten. Stansfields berufliches Selbstverständnis konzentrierte sich darauf, Geheimnisse zu bewahren. Er gedachte nicht, daran etwas zu ändern. Für jene in Washington, die sich etwas zuschulden kommen ließen, bot das jedoch wenig Trost. Es fehlte ihnen schlicht an der Fantasie, um zu glauben, dass jemand über so wertvolle Informationen verfügte und sie nicht gezielt einsetzte.

Kennedy schmerzte es sehr, den schleichenden Tod ihres Mentors mitzuverfolgen. Trotzdem musste sie sich auf ihre aktuelle Aufgabe konzentrieren. Das Orion-Team hatte vom Präsidenten der Vereinigten Staaten die Freigabe erhalten, einen Privatbürger zu töten – allerdings keinen x-beliebigen. Sie starrte auf die Schwarz-Weiß-Fotografie, die mit einer Büroklammer am Deckblatt der Akte auf ihrem Tisch befestigt war. Die Zielperson hieß Graf Heinrich Hagenmüller. Ein schwerreicher deutscher Industrieller und enger Verwandter der Krupp-Familie.

Der Umstand, dass Präsident Hayes bereit war, die Ermordung des Staatsbürgers eines Landes anzuordnen, das zu Amerikas engsten Verbündeten gehörte, sprach Bände über die Entschlossenheit, mit der er terroristische Aktivitäten auf sämtlichen Ebenen zu bekämpfen beabsichtigte.

Hagenmüller und seine Firmen tauchten zuerst Anfang der 90er auf dem Radar der CIA auf. Damals war Kennedy an einem weltweiten Einsatz der Agency beteiligt gewesen, um Muammar Al-Gaddafi am Bau einer Produktionsstätte für biologische, chemische und atomare Waffen zu hindern. Rabta II, benannt nach einer Waffenfabrik des libyschen Staatsoberhaupts aus den späten 80ern.

Die Anlage befand sich in der gleichnamigen Stadt Rabta in Nordlibyen. Präsident Bush hatte kurz vor Aufnahme des Regelbetriebs 1990 mit Luftangriffen auf das Gelände gedroht und die Namen der an den Arbeiten beteiligten europäischen Firmen öffentlich gemacht. Auf der Liste fand sich auch die Maschinenbaufirma von Hagenmüller.

Statt seine Träume durch Bomben zerstören zu lassen, entschied Gaddafi, die Fabrik zu schließen, und suchte heimlich nach einem neuen Standort. Anfang 1992 wurde die CIA fündig. Der Diktator unternahm Anstrengungen, eine weitere Anlage tief im Inneren eines Gebirges zu errichten. Hätte er das Projekt erfolgreich abgeschlossen, wäre ein nuklearer Sprengkopf die einzige Option gewesen, es zu vernichten.

Im Bemühen, die Fertigstellung zu verhindern, hatte die CIA damals die Mission Rabta II ins Leben gerufen. Sie identifizierten sämtliche Ausrüstungen, Technologien und personellen Ressourcen, die für die Inbetriebnahme von entscheidender Bedeutung waren. Mithilfe verbündeter Staaten verhängten die Vereinigten Staaten ein Embargo gegen sämtliche Positionen auf dieser Liste. Doch wie meistens in solchen Fällen gelang es Gaddafi und seinen Unterstützern, das Embargo zu umgehen. Dabei gerieten immer wieder Tochterunternehmen von Hagenmüller in den Fokus ihrer Ermittlungen. Jedes Mal, wenn sie den Firmenchef damit konfrontierten, behauptete er, nicht zu wissen, an wen die Güter verkauft würden. Die deutsche Regierung verhängte nicht mal eine symbolische Geldstrafe gegen ihn. Das verhinderten Heinrich Hagenmüllers ausgezeichnete politische Connections. Nachdem Gaddafi international zunehmend an Einfluss einbüßte und mit zunehmendem Alter zu verweichlichen schien, verzichteten die USA darauf, weiteren Druck auf die Deutschen auszuüben.

Kennedy blätterte durch die Akte und beschäftigte sich mit einer Reihe von Fotos und übersetzten Protokollen von Gesprächen, die Hagenmüller mit Vertretern eines neu geknüpften Geschäftskontakts geführt hatte. Diese Kontakte bereiteten der CIA enorme Bauchschmerzen. Hagenmüllers Firmen fertigten nämlich unter anderem spezielle Drehbänke und andere Komponenten, die für die Konstruktion von Atombomben von entscheidender Bedeutung waren.

Auf der nächsten Seite stieß sie auf Aufnahmen zahlreicher privater Immobilien des Grafen. Eine Stadtvilla in einem der ältesten Wohnviertel der Hansestadt, der Familiensitz eine Autostunde in südlicher Richtung entfernt und ein Chalet in den Schweizer Bergen. Hagenmüllers Familie gehörte zwar dem Adel an, galt allerdings als hoch verschuldet.

Vor fünf Monaten hatte sich Kennedy bei einem Kollegen vom deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz gemeldet und von ihm erfahren, dass sich nicht nur die Vereinigten Staaten für die Geschäfte des Grafen interessierten. Auch Israelis und Briten hatten diesbezüglich bei ihm angeklopft. Allerdings hatte Hagenmüller bei einer Befragung durch das BfV vor drei Monaten unter Eid ausgesagt, er persönlich überwache den Verkauf sensibler Produkte ins Ausland.

Kennedy glaubte dem findigen Unternehmer kein Wort und ließ ihn genauer unter die Lupe nehmen. Hacker drangen im Auftrag der CIA in die Computersysteme seiner Firmen ein und überprüften seine privaten Vermögensverhältnisse. Dabei kristallisierte sich das Bild eines Mannes heraus, der das Geld mit vollen Händen verprasste. Zumal er mittlerweile viermal geheiratet hatte und die ersten drei Ex-Frauen ihn bei der Scheidung alles andere als billig davonkommen ließen. Auch die teure Instandhaltung der vielen Immobilien und sein Jetset-Lebensstil trugen dazu bei, dass sich seine Konten rapide leerten.

Vor zwei Wochen hatte Kennedy ein taktisches Aufklärungsteam nach Deutschland geschickt, um Hagenmüller rund um die Uhr überwachen zu lassen. Das Team folgte dem Grafen in die Schweiz. Von diesem Moment an wurde die Sache interessant. Kennedy nahm sich eine Fotoserie vor, die in den Wäldern in der Nähe von Hagenmüllers Chalet entstanden war. Einige Aufnahmen fielen recht grobkörnig aus, andere jedoch deutlich genug, um erkennen zu lassen, mit wem Hagenmüller sich in seinem Refugium getroffen hatte. Es handelte sich um Abdullah Chatami. Chatami war General der irakischen Armee und für den Wiederaufbau des Atomwaffenprogramms seines Landes verantwortlich. Außerdem war er der Cousin von Saddam Hussein und hatte sich wie die meisten im engsten Gefolge des Diktators einen dichten schwarzen Schnurrbart wachsen lassen.

Es gab einige höchst belastende Fotos, die festhielten, wie Hagenmüller ein Aktenkoffer von Chatami überreicht wurde und sich beide Männer anschließend die Hände schüttelten. Nach Abschluss der Begegnung war der Deutsche mit seinen Leibwächtern nach Genf aufgebrochen, um das Geld bei der Bank zu deponieren. Am Tag danach drangen die Hacker der CIA in das Netzwerk des Kreditinstituts ein und stellten fest, dass sich der Saldo auf Hagenmüllers Konto auf einen Schlag um fünf Millionen Dollar erhöht hatte.

Kennedy ordnete sofort eine erweiterte Überwachung an und machte den Präsidenten auf die erdrückende Beweislast aufmerksam. Hayes suchte nach Möglichkeiten, Saddam zu bekämpfen, wollte jedoch ausschließen, dass der Graf möglicherweise ohne sein Wissen in diese Sache hineingeschlittert war.

Laut ihren Quellen sollte heute Nacht um 23 Uhr Hamburger Zeit ein Einbruch in einer von Hagenmüllers Lagerhallen stattfinden. Dabei ging es um den Diebstahl von vier computergesteuerten Drehbänken und weiteren Geräten zur Produktion fortschrittlicher nuklearer Komponenten, die auf einen Frachter, der in Cuxhaven vor Anker lag, verladen werden sollten.

Kennedy legte dem Präsidenten das belastende Material vor. Hagenmüller hatte bereits zwei Verwarnungen erhalten und zugesichert, persönlich dafür Sorge zu tragen, dass sich entsprechende Verstöße gegen die verhängten Embargos nicht wiederholten. Trotzdem schlug er alle Warnungen und Versprechungen in den Wind und verkaufte weiterhin gefährliches Material an eine Person, die als weltweit größter Terrorist galt und geschworen hatte, die Vereinigten Staaten von der Landkarte zu tilgen. Hagenmüller spielte mit hohem Einsatz und steuerte auf einen Totalverlust zu.

Präsident Hayes hatte Kennedy schließlich die Freigabe für den Einsatz unter einer Bedingung erteilt: dass Mitch Rapp vor Ort den Ton angab.

Kennedys Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab.

»Alles ist bereit.«

Sie erkannte Rapps Stimme sofort.

»Geben Sie mir ein kurzes Update.«

Rapp ratterte die jüngsten Entwicklungen herunter und skizzierte die letzten Änderungen am vereinbarten Plan. Kennedy hörte zu und stellte nur wenige Zwischenfragen.

Nachdem er seine Ausführungen beendet hatte, fragte er: »Falls ich ihn heute Nacht nicht erwische, bekomme ich noch eine weitere Chance?«

»Das bezweifle ich. Das zweite taktische Team ist an der Lagerhalle auf Position. Sobald die Tangos auftauchen, wird es den deutschen Behörden einen anonymen Hinweis geben und die Ermittlungen begleiten, bis eine Festnahme erfolgt ist. Sobald das passiert, ist die Katze aus dem Sack, was Hagenmüller betrifft. Dann gibt es zu viele Augen, die ihn beobachten.«

»Verstanden.« Das erwähnte Team war dem für 23 Uhr geplanten fingierten Diebstahl auf die Spur gekommen. Rapp wusste, dass sie vor Ort waren. Umgekehrt ahnten sie nichts von seiner Anwesenheit in Deutschland.

»Ihr müsst uns warnen, falls die Tangos vor 23 Uhr am Lager eintreffen. Das Timing ist kritisch. Es darf nicht passieren, dass wir bei Hagenmüller auftauchen, wenn er gerade von der Polizei telefonisch informiert wird, dass man ihn ausraubt. Er rechnet damit, heute Abend von den Behörden zu hören. Um das Überraschungsmoment nicht zu verlieren, sollten wir unbedingt die Ersten sein, die mit ihm in Kontakt treten.«

»Verstanden.« Kennedy schwieg für einige Sekunden, bevor sie nachschob: »Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl?«

Rapp umklammerte den Hörer und blickte sich in dem kleinen Schlafzimmer um. Er war nicht sicher, ob Kennedy bloß fragte, um ihn zu beruhigen, oder ob es sie wirklich interessierte. Zögernd begann er: »Ich bin mir nicht ganz sicher. Etwas mehr Vorbereitungszeit wär mir lieb gewesen, aber den Luxus hat man ja selten.«

Ihr entging nicht, dass Rapp weniger selbstsicher als üblich wirkte.

»Wenn es nicht gut aussieht, sollten wir nichts erzwingen.«

»Natürlich nicht.«

»Niemand wird Ihnen deswegen hinterher Vorwürfe machen.«

Rapp lachte verhalten. »Das hat mich noch nie gestört. Wieso sollte es diesmal anders sein?«

»Sie wissen, wie ich’s meine. Passen Sie auf sich auf, Mitch.«

»Das tu ich immer.« Eine Antwort, die zu selbstverständlich kam.

»Sonst noch was?«

»Ja.« Er machte eine kurze Pause. »Das war’s.«

»Wie meinen Sie das?«

»Danach bin ich fertig. Das wird mein letzter Einsatz sein.«

Kennedy hatte mit einer solchen Ankündigung gerechnet, hielt es aber nicht für die passende Gelegenheit, um darüber zu diskutieren. Mitch Rapp war ein wertvoller Agent, vermutlich der wertvollste des ganzen Teams. Ihn zu verlieren, wäre ein herber Verlust.

»Darüber reden wir nach Ihrer Rückkehr.«

»Da gibt es nichts mehr zu reden«, antwortete Rapp entschlossen.

»Trotzdem werden wir uns unterhalten.«

»Ich mein’s ernst.«

Kennedy seufzte leise in den Hörer. Verschwor sich denn alles gegen sie? Noch eine neue Sorge. »Trotzdem muss ich Ihnen noch einiges sagen, bevor Sie eine endgültige Entscheidung treffen.«

Rapp schien etwas zu viel in die Bemerkung hineinzuinterpretieren. »Was zum Teufel soll das heißen?«, hakte er nach.

»Nichts.« Kennedy stellte fest, dass sie dringend Schlaf brauchte, etwas Zeit mit ihrem Sohn und vor allem eine Gelegenheit, gewisse Dinge mit Stansfield zu regeln, bevor er starb. In ihrer makellosen Fassade bildeten sich erste Risse. »Ich muss Sie lediglich hinsichtlich einiger Entwicklungen hier in Washington auf den neuesten Stand bringen.«

Rapp hörte, wie erschöpft sie klang. So kannte er seine Vorgesetzte gar nicht. »Also schön. Wir reden, wenn ich zurück bin.«

»Danke.«

»Kein Problem.«

»War’s das?«

Rapp überlegte, ob ihm noch etwas einfiel. »Ja.«

»Alles klar … viel Glück. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.«

»Versprochen.« Rapp legte auf, beugte sich in Richtung Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Die Dunkelheit draußen konnte das ungute Gefühl in der Magengrube nicht vertreiben. Etwas stimmte nicht.

3

Senator Clark hob den Hammer mit einer fast beiläufigen Geste und ließ ihn auf den Holzblock sausen. Die Mitglieder seines Komitees hatten sich bereits erhoben und wandten sich zum Gehen. Es war äußerst ungewöhnlich, dass Senatoren den kompletten Freitag arbeiteten, erst recht, wenn sie es bis in den späten Nachmittag hinein taten. Doch in Washington tobten gerade die üblichen herbstlichen Streitigkeiten ums Budget und sie mussten Überstunden schieben, um die drohende Haushaltssperre zu verhindern.

Wie meistens in diesen Fällen verlangten die Republikaner Steuersenkungen, während die Demokraten für erhöhte Staatsausgaben plädierten. Der Präsident arbeitete zur Abwechslung auf einen Kompromiss hin, statt die Situation für seine politischen Zwecke auszuschlachten, doch beide Seiten zeigten sich unbeweglich. Die Fronten waren mittlerweile völlig verhärtet und die gegenläufigen Interessen ließen wenig Bewegungsspielraum. Man trug entweder zur Lösung bei oder war selbst Teil des Problems. Sich an Prinzipien zu klammern galt nicht länger als akzeptabel, selbst wenn sie noch so begründet sein mochten. Wer nicht mitzog, wurde als Feind betrachtet. Senator Clark gefiel diese Entwicklung hin zum Unversöhnlichen überhaupt nicht. Er war in die Politik gegangen, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Stattdessen musste er sich mit parteipolitischem Hickhack herumärgern. Er empfand es als unter seiner Würde und komplette Zeitverschwendung.

Hank Clark gehörte dem US-Senat seit mittlerweile 22 Jahren an und hatte nach Nixons Rücktritt seinen Hut in den Ring geworfen. Damals waren die Akzeptanzwerte für Politiker auf ein historisches Allzeittief gesackt und die Bürger Arizonas wünschten sich einen unvorbelasteten Vertreter ihrer Interessen. Jemanden, dem man vertrauen konnte. Hank Clark kam ihnen da gerade recht. Ein aufstrebender Geschäftsmann, der sich aus dem Nichts zum Millionär hochgearbeitet hatte.

Henry Thomas Clark stammte gebürtig aus Albuquerque in New Mexico. Sein Vater war mit fast allen Unternehmungen gescheitert, an denen er sich versuchte. Mit jedem neuerlichen Fehlschlag verfiel seine Mutter ein Stück mehr dem Alkohol. Anfangs bevorzugte sie Wodka, am liebsten in großzügig gemixten Drinks wie Screwdrivers und Bloody Marys. Als die Lage zunehmend ernster wurde, verlegte sie sich auf billigen Whiskey und anderen üblen Fusel.

Und während Mom sich einen hinter die Binde goss, nahm Dad jeden schlecht bezahlten Job an, den er kriegen konnte. Er verkaufte landwirtschaftliche Geräte, Staubsauger, Gebrauchtwagen, Aluminiumverkleidungen und schließlich sogar Windmühlen. Bei sämtlichen Karriereversuchen erlitt er spektakulären Schiffbruch, genauso wie als Ehemann und Vater. Kurz nach Hanks elftem Geburtstag hatte sich sein Vater aus dem Staub gemacht. Genauer gesagt verschwand er durch die Hintertür ihres gemieteten Wohnwagens und pustete sich das Hirn aus dem Schädel.

Grundsätzlich reagierte der junge Hank mit gewisser Erleichterung. Nach dem Tod seines Vaters stürzte er sich voller Selbstbewusstsein auf die Herausforderungen des Lebens, nahm jede Arbeit an, die ihm angeboten wurde, und brachte die nächsten sieben Jahre damit zu, seine Mutter von der Flasche und der Armut wegzubringen. Zu seinem Glück war er mit vielen Talenten gesegnet, die seinem Vater gefehlt hatten. Er konnte gut mit Menschen umgehen, war ein unermüdlicher Arbeiter und konnte einen verflucht guten Curveball werfen. Damit schaffte er es, sich aus dem tiefen Loch zu befreien.

Nach der High School ließ er sich auf eine Baseball-Karriere bei den Arizona State Sun Devils ein, landete dreimal in der All-Pac-10-Auswahl als bester Pitcher und hätte sogar als Profi durchstarten können, wäre da nicht dieser Autounfall im letzten College-Jahr gewesen. Danach heuerte er bei einer Ferienanlage in Scottsdale an. Dort, in der boomenden Umgebung von Phoenix, lernte Hank Clark schließlich die richtigen Leute kennen. Leute mit Visionen. Leute, die wussten, wie man durch Immobilienspekulationen hohe Profite abschöpfte.

Mit 24 kündigte Hank und heuerte bei einem Bauunternehmer an. Er liebte es, beim Einfädeln von Deals zu helfen. Er liebte es, wie Menschen mit klaren Vorstellungen ihr Geld nutzbringend einsetzten. Und vor allem liebte er seine Provisionen. Mit 30 hatte er bereits die erste Million verdient, mit 35 bereits den 20-fachen Betrag auf dem Konto angehäuft. Der hoch aufgeschossene Clark galt als große Nummer in Phoenix. Als Baulöwe mit dem magischen Händchen. Der erste Gipfel war erklommen, nun wurde es Zeit, den nächsten in Angriff zu nehmen.

Er entschied sich für die Politik. Nach fast einem Vierteljahrhundert gelangte er zu der Auffassung, dass man in diesem Metier nur vorwärtskam, wenn man ethische Erwägungen aus dem Spiel ließ. Um in der Politik Erfolg zu haben, musste man dem Gegner immer einen Schritt voraus sein. Dafür kamen grundsätzlich alle Mittel infrage. Hank Clark wollte Präsident werden und arbeitete seit seiner Ankunft in Washington 1976 auf dieses Ziel hin.

Als der Senator nun aufstand, eilte sein persönlicher Referent zu ihm und flüsterte: »Chairman Rudin wartet im üblichen Besprechungsraum auf Sie.«

Clark nickte und reichte dem Mann seine Mappe mit den Unterlagen. »Bitte bringen Sie die in mein Büro.« Im Hinausgehen wünschte er den anderen Senatoren und ihren Assistenten ein schönes Wochenende.

Hank Clark war der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat. Die meisten Senatoren interessierten sich mehr für Ressorts wie Streitkräfte, Budget oder Recht, weil diese Themen in den Medien breiten Niederschlag fanden. Seine Sitzungen fanden dagegen meist hinter verschlossenen Türen statt.

Allerdings beschäftigte sich der Ausschuss ebenso wie bei den Kollegen aus dem Repräsentenhaus mit der Kontrolle des gesamten US-Geheimdienstapparats. Neben CIA und NSA wurden auch die Belange des National Reconnaissance Office geregelt. Damit gehörte Clark zum kleinen Kreis der Eingeweihten, die so gut wie jedes Staatsgeheimnis kannten. In den letzten Jahren hatte er sie systematisch zusammengetragen und hütete sie wie seinen Augapfel.

Clark verließ den Sitzungsraum und lief durch den Korridor zum Hart Office Building. Dabei lächelte er und nickte allen zu, denen er unterwegs begegnete. Clark war ein guter Politiker, der jedem das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein, sogar seinen politischen Feinden. Er bog um eine Ecke, öffnete eine Tür und betrat den kleinen Empfangsbereich. Ein Beamter der Capitol Hill Police saß auf einem Hocker neben der zweiten Tür auf der gegenüberliegenden Seite. Er sah kurz auf. »Guten Tag, Mr. Chairman.«

Clark schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

»Wie läuft’s bei Ihnen, Roy?«

»Der olle Rücken macht immer noch Zicken, Sir, aber bis zum Feierabend halt ich schon noch durch.«

»Gut.« Clark klopfte ihm auf die Schulter und tippte seinen persönlichen Code in das Zahlenschloss neben der Tür ein. Mit einem Zischen wurde das Schloss entriegelt und er betrat Raum 219. Dieser gehörte zu den am besten gesicherten im gesamten Regierungsbezirk. Vollständig mit Stahl ausgekleidet, sodass elektromagnetische Wellen weder eindringen noch hinausgelangen konnten. Innen gab es eine Unterteilung in mehrere kleinere Bereiche, die auf Podesten ruhten, damit die Techniker problemlos Checks nach Überwachungsgeräten durchführen konnten.

Senator Clark lief durch den Gang, vorbei an mehreren Glastüren, hinter denen sich Besprechungsräume befanden, in denen Senatoren und ausgewählte Stabsmitglieder von Vertretern unterschiedlicher Geheimdienste gebrieft wurden. Am Ende des Flurs erreichte er eine weitere Tür mit Codeabfrage, entriegelte sie mit seiner persönlichen fünfstelligen Kombination und betrat den hermetisch abgeriegelten Sektor, den er sofort wieder verriegelte.

Schwarze Blenden bedeckten die vier Glaswände. Ein ovaler, schwarz glänzender Besprechungstisch nahm die Mitte der fünf mal sieben Meter großen Fläche ein. Es gab ausreichend Platz für alle 15 Komiteemitglieder. Der Tisch mit der Glasplatte verfügte über Leselampen für jeden einzelnen Sitz. Ein Monitor war schräg unter der Platte montiert. Abgesehen von einer einsamen Lampe am hinteren Ende herrschte völlige Dunkelheit.

Von seiner Position aus konnte er bereits die dünnen, knochigen Finger von Albert Rudin erkennen, seinem Konterpart im House of Representatives. Er hatte sie auf den Schoß gelegt und die Leselampe an seinem Platz eingeschaltet. Sein Profil ließ sich in der Dunkelheit nur schwer erkennen, aber es war so markant, dass es niemand anders als Rudin sein konnte. Er sah Ichabod Crane aus Sleepy Hollow verblüffend ähnlich.

Er lief zu ihm nach hinten. »Guten Tag, Al.«

Rudin gab keine Antwort, aber damit war auch nicht zu rechnen gewesen. Al Rudin gehörte zu den sozialen Legasthenikern in Washington. Clark nahm sich ein Glas vom Buffet hinter dem Abgeordneten und füllte es großzügig mit Johnnie Walker. Der Senator schwenkte es vor dem anderen hin und her und erkundigte sich, ob er auch etwas trinken wollte. Rudin schüttelte schroff den Kopf.

Albert Rudin absolvierte bereits seine 17. Amtszeit als Abgeordneter. Er war durch und durch Demokrat und hasste jeden einzelnen Republikaner in der Stadt, von Senator Hank Clark vielleicht abgesehen. Ein unermüdlicher Parteisoldat, der tat, was immer nötig war, um die Interessen der Demokraten voranzubringen. Steckten diese knöcheltief in einem Skandal, der eindeutig auf eigenes Verschulden zurückzuführen war, stellte sich Rudin bereitwillig vor die Kameras, um stets gleiche Worthülsen abzusondern: Die Republikaner sorgen dafür, dass eure Kinder verhungern. Sie helfen ihren reichen Kumpeln, sich vor den Steuern zu drücken. Sie wollen eure Eltern aus den Altersheimen jagen.

Dass sich die Reporter in Wirklichkeit für die Vergehen seiner demokratischen Kollegen interessierten, machte für ihn keinen Unterschied. Rudin reduzierte alle Konflikte auf den politischen Kampf zwischen Gut und Böse. Er repräsentierte das Gute, die Republikaner die Seite des Bösen. Wer interessierte sich schon für die Wahrheit oder politische Momentaufnahmen? Er drehte keine kurze Runde um den Block, sondern lief einen Marathon, um seine Kontrahenten abzuhängen.

Hank Clark ließ sich in den Ledersessel zwei Plätze neben Rudin sinken und knipste ebenfalls das Leselicht an. Nachdem er einen ausgiebigen Schluck getrunken hatte, schob er die Füße auf den Sitz zwischen ihnen und stieß einen lauten Seufzer aus. Clark wog rund 120 Kilo, weshalb die müden Knochen seines 1,90-Meter-Körpers nach Entlastung verlangten.

Rudin lehnte sich zu ihm. »Ich mache mir Sorgen um Langley.«

Clark ließ sich nichts anmerken. Ach, sag nur! Wann machst du dir mal keine Sorgen um Langley? Rudin war förmlich besessen von der CIA. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Agency wie ein altes Schlachtschiff ausgemustert und im Smithsonian Institute ausgestellt.

Am liebsten hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen, nur dieses eine Mal, aber Clark war zu klug, um sich durch einen sarkastischen Ausbruch alles zu verbauen. Es hatte Jahre gedauert, Rudins Vertrauen zu gewinnen. Wieso sollte er im Tausch gegen einen kurzen Augenblick persönlicher Genugtuung alles ruinieren?

Also nickte er stattdessen mit ernster Miene. »Erzählen Sie, was Sie belastet.«

Rudin rutschte unbehaglich auf dem Sitz hin und her. »Ich will nicht, dass nach Stansfields Tod wieder ein Interner die Führung der Agency übernimmt. Ihr Ausschuss hätte nie zulassen dürfen, dass er Direktor wird.« Aus seiner Miene ließ sich die Verachtung für den aktuellen CIA-Chef ablesen. »Wir brauchen jemanden von außen, der den Laden mal kräftig aufräumt.«

Clark nickte. »Das sehe ich genauso.« In Wahrheit tat er das nicht. Kurz überlegte er, ob er Rudin darauf hinweisen sollte, dass ein von Demokraten kontrolliertes Komitee Stansfield im Amt bestätigt hatte, hielt es aber für besser, keinen unnötigen Konflikt zu schüren.

»Der Präsident ist ganz vernarrt in diese elende Irene Kennedy. Ich gehe davon aus, dass Stansfield, dieser Bastard, sie als seine Nachfolgerin vorschlagen wird.« Rudins ledrige Gesichtshaut verfärbte sich rot. »Und sobald sie offiziell nominiert ist, lässt sich nichts mehr daran ändern. Die Presse und jeder in meiner Partei« – er fuchtelte mit dem knochigen Finger vor Clark herum – »und Ihrer wird ganz begeistert von der Idee einer Frau als Geheimdienstchef sein.« Rudin wollte nicht als politisch inkorrekt dastehen, also schob er hinterher: »Nicht dass ich etwas gegen eine Frau einzuwenden hätte. Aber auf keinen Fall Stansfields Protegé. Wir müssen das unbedingt verhindern, und zwar bevor der Präsident die Sache ins Rollen bringt. Sonst sind wir geliefert.«

Clark musterte Rudin für einen Moment und nickte langsam, als hätte der frustrierte alte Mann gerade eine seltene Perle der Weisheit offenbart. Es war so einfach, ihn zu manipulieren. »Ich habe Kennedy seit Längerem im Auge. Ich gehe davon aus, dass sie sich selbst ausmanövrieren wird, bevor es dazu kommt.«

Rudin beäugte den groß gewachsenen Mann neben sich. »Welche Informationen haben Sie, die ich nicht habe?«

Clark ließ zu, dass ein breites Grinsen auf sein Gesicht trat, und prostete dem anderen zu. »Wenn Sie nett zu mir sind, Albert, werde ich Sie eines Tages einweihen.«

Rudin war wütend auf sich selbst, die Frage gestellt zu haben. Er wusste nur zu gut, dass Hank Clark jedem nachspionierte, Freund und Feind gleichermaßen. Der alte Kongressabgeordnete aus Connecticut rieb sich die Nase. »Verraten Sie mir wenigstens, was Sie gegen Kennedy in der Hand haben? Ist es etwas Persönliches oder etwas Berufliches?«

Clark lächelte. »Ich denke, man könnte es als beruflich einstufen.«

Rudin schmollte. Er hasste es, um Details betteln zu müssen. Außerdem wusste er längst, dass jemand wie Clark erst mit Einzelheiten rausrückte, wenn er es selbst wollte, und keine Sekunde früher. Nachhaken brachte nichts. »Ich nehme an, Sie werden es mir zu gegebener Zeit verraten.«

Clark nickte und trank von seinem Whiskey. »Ich halte Sie auf dem Laufenden, Albert.«

4

Mitch Rapp verpasste seiner Verwandlung den letzten Schliff. Mit einer Koloration hatte er seine schwarzen Augenbrauen und Haare hellbraun gefärbt. Farbige Kontaktlinsen verwandelten seine dunkelbraunen Augen in blaue. Make-up verhalf seiner olivbraunen Haut zu einem blasseren Teint.

Rapp betrachtete das schwarze Sakko und den langen schwarzen Ledermantel, die auf dem Bett bereitlagen, und überprüfte ein letztes Mal seine Ausrüstung. In versteckten Taschen des Mantels war alles untergebracht, was er bei Tom für die Mission angefordert hatte. Drei Pässe und 10.000 Dollar, bereits umgetauscht in verschiedene europäische Währungen. Ein Dokument wies ihn unter einem Decknamen als Amerikaner aus, zeigte Rapp selbst und verfügte über die nötigen Zollstempel, die eine Einreise über Dresden dokumentierten. Das zweite ordnete ihm die französische Staatsbürgerschaft zu. Auf dem Bild trug er ein Ziegenbärtchen und kurze Haare. Der fotolose Pass Nummer drei gehörte einem Ägypter. Zu jedem gab es die passende Kreditkarte. Seine Rückzugsmöglichkeit aus Deutschland, falls etwas schiefging. Niemand in Langley wusste darüber Bescheid. Sollte ihm alles um die Ohren fliegen, wollte er unbemerkt abtauchen.

Rapp hatte sich den Verlauf der meisten Hauptstraßen und Zuglinien eingeprägt, die ihn aus dem Einsatzgebiet wegbrachten. Außerdem trug er ein Ortungsgerät mit sich herum, kaum größer als ein Stapel Spielkarten, um jederzeit seine exakte Position ermitteln zu können. Ein mattschwarzes Kampfmesser war in den rechten Ärmel des Mantels eingenäht, vier Ersatzclips mit 9-Millimeter-Munition verteilten sich über das gesamte Kleidungsstück. Im Rückenteil steckte ein kompaktes Funkgerät aus der neuesten Motorola-Generation mit integrierter Verschlüsselung.

Mit einem Headset durch die Gegend zu laufen hielt er für zu auffällig, deshalb hatte er Drähte in den Stoff einweben lassen, die zu einem Miniaturlautsprecher am linken Kragen führten, ein Mikrofon im Aufschlag und Lautstärke- und Frequenzregler an den Ärmeln. Es gab noch ein paar weitere von ihm angeforderte Spezialitäten, die das Gesamtgewicht des Mantels auf stolze elf Kilo erhöhten.

Seine aktuellen Papiere steckten in der linken Manteltasche. Am heutigen Abend trat er als Karl Schnell vom Bundeskriminalamt in Erscheinung. Das BKA war quasi das deutsche Pendant zum FBI. Mithilfe dieser Identität kam er an der Sicherheitskontrolle vorbei ins Haus.

Rapp griff sich das lederne Schulterholster und legte es über dem weißen Anzughemd an. Unter dem rechten Arm trug er eine versteckte 9-Millimeter-Glock, von der die Seriennummer abgefeilt worden war. Zwei zusätzliche Ersatzmagazine steckten in Hüllen unter dem linken Arm, jeweils mit 15 Schuss. Rapp hatte genug Munition für eine ganze Schlacht dabei. Nur zur Sicherheit. Er ging davon aus, den Job mit einem einzigen Schuss zu erledigen.

Rapp streifte ein Paar abgewetzte schwarze Lederhandschuhe über und holte die seidig glänzende, schallgedämpfte Ruger MK II vom Bett. Sie feuerte fast geräuschlos Kaliber-22-Projektile aus dem geriffelten Ladeknauf ab. Ihr einziger Nachteil war die ausladende Länge von 33 Zentimetern. Er schob sie in die maßgeschneiderte Aussparung an der vorderen rechten Seite des Mantels, schlüpfte erst in das Jackett, dann in den Mantel und setzte einen schwarzen Filzhut auf.

Im anderen Raum waren die Hoffmans gerade damit beschäftigt, die Hütte zu säubern, indem sie sämtliche Stellen abwischten, an denen sich Fingerabdrücke finden ließen. Rapp hatte dasselbe bereits im Schlafzimmer erledigt. Nachdem sie fertig waren, streiften sie kugelsichere Westen über und zogen ebenfalls Mäntel darüber.

Tom Hoffman sah Rapp an. »Tragen Sie keinen Körperpanzer?«

Rapp verzog das Gesicht, als empfände er allein die Frage als Beleidigung. »Los, wir müssen aufbrechen.« Er rückte den Hut zurecht und trat mit dem Seesack hinaus in die Nacht. Er starrte in den dunklen Himmel und hoffte, dass es das letzte Mal war. Sosehr er es sich wünschte, ahnte er doch, dass es anders kommen würde.

Einige Sekunden später verließen auch die Hoffmans die Hütte. Zu dritt stiegen sie in den weinroten Audi. Sämtliche Überwachungs- und Funkgeräte waren im Kofferraum verstaut. Tom Hoffman übernahm das Steuer, Jane setzte sich auf die Beifahrerseite. Mitch Rapp machte es sich hinten bequem. Die Limousine rollte sanft über die Schotterstraße. Im Wald war es stockdunkel. Die Bäume schirmten das Mondlicht nahezu vollständig ab. Rapp spähte durchs Seitenfenster. Selbst mit eingeschalteten Scheinwerfern reichte der Blick nur wenige Meter weit.

Als sie den asphaltierten Teil der Straße erreichten, schluckte Rapp. Die Show fing an. In wenigen Minuten erreichten sie das Eingangstor. Sein ungutes Gefühl, was die bevorstehende Mission betraf, war nicht vollkommen verflogen. Tom Hoffman hob die rechte Hand und aktivierte das Headset. Es war mit der Ausrüstung im Kofferraum verbunden und überwachte den örtlichen Polizeifunk. Hoffman blieb im Auto, während Rapp mit dessen Frau ins Haus ging. Rapp brauchte einen der Hoffmans als Begleitung, da sie im Gegensatz zu ihm fließend Deutsch sprachen. Außerdem dürften Hagenmüller und seine Security ihn in Begleitung einer Frau als weniger bedrohlich einstufen. Tom Hoffman hatte zunächst dagegen protestiert und ihn selbst begleiten wollen.

Die Vehemenz seines Protests hatte Rapp irritiert. Er wiederholte stur, dass er sich wohler fühlte, wenn er den Begleiter mimte. Auf die Frage nach einer logischen Begründung kam keine Antwort. Mitch wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Immerhin leitete er den Einsatz und legte damit die Regeln fest. Also machte er den Hoffmans klar, dass er die Mission im Zweifelsfall abzubrechen gedachte, wenn sie sich weiterhin gegen seine Anweisungen sperrten. Er wusste, dass die Hoffmans die zweite Hälfte ihres Honorars erst nach erfolgreichem Abschluss ausgezahlt bekamen, und wollte sehen, wie verzweifelt sie auf das Geld angewiesen waren. Er bekam seine Antwort, als sie das Thema daraufhin fallen ließen, als wäre es nie ein Problem gewesen.

Vor ihnen geriet ein aus Stein gemauertes, hell erleuchtetes Pförtnerhaus in Sicht. Die Limousine bremste. Rapp sah auf die Uhr. Neun Minuten nach elf. Der Graf würde überrascht reagieren. Unter Garantie hatte er den Ablauf des Abends genau durchgeplant und rechnete nicht damit, dass ihm die Polizei zu so früher Stunde einen persönlichen Besuch abstattete. Er ging eher davon aus, ein, zwei Stunden nach dem Einbruch telefonisch darüber in Kenntnis gesetzt zu werden.

Sie bogen von der Straße ab und rollten vor das hohe, verzierte schmiedeeiserne Tor. Ein großer Mann in dunklem Anzug kam mit einem Klemmbrett aus dem Pförtnerhaus auf der rechten Seite. Rapp war auf dem Sitz bereits ganz nach links gerutscht, um zu verhindern, dass die Überwachungskamera über der Tür eine brauchbare Aufnahme von ihm einfing. Außerdem hatte er die Krempe des Huts nach unten gezogen, was es dem Angestellten erschwerte, sein Gesicht zu erkennen. Er musterte den Aufpasser und bemerkte sofort die Ausbeulung an der rechten Hüfte. Entweder ein Funkgerät oder eine Waffe. Er tippte auf Letzteres.

Jane Hoffman hatte ihr Fenster geöffnet und zog ihren gefälschten Dienstausweis aus der Tasche. Als der Wächter das BKA-Logo sah, blieb er wie angewurzelt stehen. Aufgrund der Nazi-Vergangenheit nahm man in Deutschland einen Besuch des Bundeskriminalamts nicht auf die leichte Schulter. Rapp hatte das einkalkuliert und ging davon aus, dass man sie ohne allzu viele Fragen auf das Grundstück ließ. Jane Hoffman redete nachdrücklich auf den Mann ein. Er nickte und kündigte an, kurz in der Villa anzurufen, um seinen Arbeitgeber über ihr Eintreffen zu informieren. Sie schüttelte entschieden den Kopf und erklärte, sie wünsche keine Vorankündigung.

Nachdem der Pförtner ihr freundlich mitgeteilt hatte, dass Herr Hagenmüller Gäste im Haus habe und der Anruf deshalb zwingend notwendig sei, willigte sie schließlich ein, wie sie es im Vorfeld besprochen hatten. Allerdings machte sie es zur Bedingung, dass er sie zuerst weiterfahren ließ, bevor er das Telefonat erledigte.

Glücklicherweise ließ er sich auf diesen Kompromiss ein und zog sich an seinen Schreibtisch zurück. Das riesige Eisentor glitt zur Seite und die Limousine beschleunigte. Rapp behielt den Wachmann im Vorbeifahren im Auge. Er hing bereits am Hörer.

»Schneller. Je früher wir dort sind, desto besser.«

Hoffman gab Gas und jagte den Audi über die gewundene Asphaltpiste. Hinter der zweiten Biegung geriet das Hauptgebäude in Sicht. Die weiße Steinfassade wurde von grellen Scheinwerfern in Licht gebadet. Rapp hielt sich mit beiden Händen an der Rückenlehne des vorderen Sitzes fest und lugte durch die Scheibe. Er fühlte sich an Anwesen erinnert, wie man sie in Newport, Rhode Island, zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet hatte.

Tom Hoffman bremste ab, umrundete die kreisförmige Einfahrt und kam direkt vor zwei Löwenstatuen aus Granit und einem Butler zum Stehen. Rapp stieg auf der Fahrerseite aus und bestaunte den gewaltigen Marmorbrunnen. Eine Fontäne schoss aus dem Dreizack Poseidons. Wie passend, dachte er. Der Vater von Orion.

Seine Augen scannten einen Bereich zur Linken, in dem etliche Luxusschlitten parkten. Die Chauffeure standen davor und unterhielten sich. Dahinter entdeckte er ein gutes Dutzend Sportwagen und nicht ganz so luxuriöse Karossen. Rapp ging davon aus, dass sie den weniger betuchten Gästen gehörten, die sich nicht zu schade waren, selbst zu fahren. Er prägte sich die Positionen der einzelnen Fahrzeuge ein und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Haus. Er verfolgte das Gespräch zwischen Jane Hoffman und dem Butler. Sie zeigte dem Bediensteten ihren Ausweis, während Rapp sich am Heck des Audis postierte und die Fenster der Villa inspizierte. Direkt rechts neben dem Eingang befand sich der Ballsaal.

Durch die drei raumhohen Scheiben zeichneten sich Gruppen von Männern im Frack und Frauen in langen Roben ab, die tranken, parlierten und rauchten. Er bildete sich ein, Musik von einem Streichquartett zu hören, und ertappte sich bei dem Gedanken, dass die Künstler diesen Abend bestimmt nicht so bald vergaßen.