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Eine biologische Bedrohung könnte die Welt entvölkern. Ein gespaltenes Land und ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf haben die USA an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds gedrängt. Da entführen IS-Terroristen einen Mikrobiologen und zwingen ihn, Anthrax zu produzieren. Internet-Videos, die mit der Freisetzung des Kampfstoffs drohen, versetzen die Bevölkerung in Hysterie. Mithilfe eines mexikanischen Drogenkartells soll die biologische Waffe nach Amerika geschmuggelt werden. In Wahrheit jedoch handelt es sich um ein Ablenkungsmanöver. Der Terrorist Sayid Halabi ist im Jemen auf ein tödliches Virus gestoßen und will damit eine Pandemie entfesseln und die westliche Welt entvölkern. Einmal mehr kann nur CIA-Terrorabwehrspezialist Mitch Rapp den Wahnsinn stoppen. Der Hollywood-Held aus American Assassin am Puls der Zeit, denn die US-Originalausgabe erschien 2019, vor der Corona-Pandemie! Real Book Spy: »Mitch Rapp ist der Held, den wir brauchen. Heute vielleicht mehr als je zuvor.« Providence Journal: »LETHAL AGENT erwischt einen wie ein Schlag in den Magen. Die Geschichte setzt auf unsere größten Ängste, ist brillant konzipiert und wundervoll umgesetzt.« Booklist: »Herausragend geschrieben, wie immer mit Nonstop-Action. Eine würdige Fortsetzung des Erbes, das die Rapp-Serie zur Besten der Besten in der Welt der Special-Ops macht.« Dan Brown: »Der König der politischen Intrige.« Copley News Service: »Thriller können nicht besser sein.« Booklist: »Eine aufregende Serie in der Tradition von Robert Ludlum.«
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Seitenzahl: 502
Veröffentlichungsjahr: 2021
Aus dem Amerikanischen von Alexander Rösch
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Lethal Agent
erschien 2019 im Verlag Emily Bestler/Atria Books, Simon & Schuster.
Copyright © 2019 by Cloak & Dagger Press, Inc.
Copyright © dieser Ausgabe 2021 by Festa Verlag, Leipzig
Veröffentlicht mit Erlaubnis von Emily Bestler/Atria Books,
ein Unternehmen von Simon & Schuster, Inc., New York.
Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-947-3
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de
VORBEMERKUNG DES AUTORS
In Transfer of Power – Der Angriff schrieb Vince, dass er absichtlich gewisse Details in Bezug auf das Weiße Haus und den Secret Service verschwiegen hat. Ich finde mich bei Lethal Agent in einer ähnlichen Lage wieder.
Aufgrund der Sensibilität von Informationen zur Grenzsicherung zum Zeitpunkt der Niederschrift habe ich Einzelheiten zum illegalen Grenzübertritt bewusst vage geschildert. Darüber hinaus wurden Herstellungsschritte zur Produktion von Anthrax weggelassen oder verfälscht.
PROLOG
Nordirak
Die Höhle maß jeweils mehr als zehn Meter in Länge und Breite und wurde von einer Handvoll batteriebetriebener Arbeitslampen erhellt. Ihr Schein und die abgesonderte Wärme konzentrierten sich auf zwei Reihen von Männern, die auf farbenfrohen Kissen knieten. Bewaffnete Wachen hielten sich an den zerklüfteten Wänden bereit, kaum sichtbar in den Schatten verborgen.
Mullah Sayid Halabi saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem natürlichen Felsvorsprung und betrachtete sie aus leicht erhöhter Position. Die meisten der Männer vor ihm befanden sich im mittleren Alter – ehemalige Junioroffiziere aus Saddam Husseins aufgelöster Armee. Ihre Kommandanten waren entweder in Gefangenschaft geraten oder getötet worden. Diese einfachen Soldaten erwiesen sich in vielerlei Hinsicht als deutlich nützlicher. Ihre Vorgesetzten hatten ihnen die eigentliche Kriegsführung überlassen und sich selbst auf bedeutsamere Aktivitäten konzentriert, um bei Hussein Pluspunkte zu sammeln.
Der vorherige Anführer des IS hatte diese Männer in der Absicht rekrutiert, aus motivierten, aber undisziplinierten Kampftruppen eine Armee zu formen, die Gebiete behaupten und verwalten konnte. Nach seinem Tod während eines Drohnenangriffs hatte Halabi die Organisation mit einem deutlich ambitionierteren Ziel übernommen: eine Militärmacht zu erschaffen, die es selbst mit den Amerikanern aufnehmen konnte. Bedauerlicherweise stellte sich das als vertrackter, träger und kostspieliger Prozess heraus.
Seine Männer, die sich normalerweise ständig zankten oder lautstark Treueschwüre ausstießen, waren verstummt und lauschten dem Rhythmus der sich nähernden Schritte. Halabi tat dasselbe und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen tintenschwarzen Tunnel in der Wand vor ihm. Einige Augenblicke später erschien Aali Nassar.
Seine teure Kleidung war zerrissen und mit dem Staub bedeckt, der für diesen Teil des Iraks typisch war. Die körperlichen Qualen verdrängte er auf bewundernswerte Weise aus seinem Gesicht, doch sowohl Körperhaltung als auch das gebrochene Schlüsselbein, das gegen die luxuriöse Baumwolle des Hemds drängte, verrieten, wie es um ihn stand.
Noch vor Stunden war er der allseits respektierte und gefürchtete Chef des saudischen Geheimdienstes gewesen. Ein Mann, der sich ständig selbst übertraf – erst bei den saudischen Sondereinsatzkräften, später beim kometenhaften Aufstieg durch die Ränge des Spionageapparats seines Heimatlandes. Er fand Gehör beim König, scharte eine ihm ergebene Familie um sich und genoss einen von Privilegien und Macht geprägten Lebensstil.
Nun blieb ihm nichts mehr von alledem. Sein Komplott zum Sturz der saudischen Dynastie war vorzeitig aufgeflogen und hatte ihn zu einer überstürzten Flucht gezwungen. Der große Aali Nassar war nun ganz allein, angeschlagen und stand mit nichts als den Kleidern, die er am Leib trug, und dem Inhalt seiner Taschen in dieser Höhle. Letzteren wollte er gegen Schutz und einen Rang in der IS-Hierarchie eintauschen.
»Willkommen, Aali«, begrüßte ihn Halabi. »Ich hoffe, Ihre Reise war nicht zu strapaziös.«
»Überhaupt nicht.« Er kaschierte, dass ihm sogar das Sprechen wehtat.
»Wie ich hörte, haben Sie mir etwas mitgebracht.«
Seine Leute hatten das Speichermedium entdeckt, als sie ihn in Mekka nach Wanzen durchsuchten. Er durfte es behalten und zog es jetzt aus der Tasche. Als er vortrat, um dem IS-Anführer den Stick zu geben, erwachten die Bewaffneten an den Ausläufern der Höhle zum Leben.
»Geben Sie es nicht mir«, sagte Halabi und deutete auf einen Mann rechts von Nassar. »Sondern ihm.«
Er tat, was von ihm verlangt wurde. Der Angesprochene steckte den USB-Speicher an einen Laptop.
»Es gibt eine Passwortabfrage.«
»Natürlich gibt es die«, meinte Halabi. »Ich fürchte, der Direktor wird uns die Zugangsdaten nicht ohne Weiteres nennen.«
Vor seiner Flucht aus Saudi-Arabien hatte Nassar enorme Mengen an Informationen über den Sicherheitsapparat des Landes, Regierungsvertreter und geheime finanzielle Transaktionen auf das Medium überspielt.
»Die Geheimdienstinformationen und Bankdaten auf diesem Laufwerk gehören Ihnen«, versicherte Nassar.
Der Mullah lächelte. »Eine inhaltslose Aussage. Sie hätten besser in die Politik gehen sollen.«
»Vielleicht.«
»Können wir die Verschlüsselung knacken?«, wollte Halabi wissen.
Sein äußerst fähiger Technikberater schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich. Ihn zu foltern halte ich für aussichtsreicher.«
Halabi nickte gedankenverloren. »Das mag sein. Andererseits könnte er uns ein falsches Passwort nennen, das die Informationen für immer zerstört. Ist es nicht so, Aali?«
»Ganz genau.«
Halabi rieb vor seinem Gesicht die Handflächen gegeneinander. »Das Geld, auf das uns diese Dateien Zugriff geben können, wird rasch durch unsere Finger rinnen und die darauf gespeicherten Geheiminformationen dürften bald wertlos sein. Wer weiß, ob wir vielleicht weniger von den Daten selbst profitieren, sondern vielmehr von der Erfahrung und Cleverness des Mannes, der sie uns gebracht hat?«
Obwohl es sich um eine rein rhetorische Frage handelte, sprang einer von Halabis Männern darauf an. »Machen ihn diese Qualitäten denn wirklich wertvoll für uns oder nicht doch eher gefährlich? Er hat König und Vaterland verraten. Warum? Für unsere Sache? Für Allah? Oder aus persönlichen Motiven? Können wir ihm trauen, Mullah Halabi? Will er Ihnen helfen oder legt er es darauf an, Sie abzulösen?«
»Ich hatte Macht«, antwortete Nassar. »Und ich hatte Reichtum. Darüber hinaus genoss ich den Respekt des Königs und der Amerikaner. Ich habe alles aufgegeben, um …«
»Der König ist alt und schwach«, widersprach sein Gegenüber. »Sie haben auf den Zusammenbruch des Königreichs spekuliert und für beide Seiten gearbeitet. Die Amerikaner sind Ihrem Verrat auf die Schliche gekommen, darum mussten Sie fliehen.«
Nassar schwieg kurz, bevor er antwortete.
»Man hat entdeckt, dass ich Mullah Halabi unterstütze, das stimmt. Eine bedauerliche Entwicklung, weil ich Ihnen zwar auch von hier aus nützlich sein kann, aber an der Seite des Königs noch wesentlich mehr hätte ausrichten können. Mir ist klar, dass ein einfacher Soldat nicht nachvollziehen kann, wie schwierig es ist, das Vertrauen eines Herrschers zu gewinnen.«
Der andere zuckte in Anbetracht dieser Beleidigung zusammen.
Nassar sprach ungerührt weiter. »Ich habe eng mit den Amerikanern zusammengearbeitet, um Sicherheitsprotokolle zu entwickeln, mit denen sie terroristische Angriffe im eigenen Land abwehren können. Deshalb verfüge ich über weitreichendes Wissen zu ihren Grenz- und Einreisebestimmungen, zur Energieversorgung und vor allem zu ihren Atomkraftwerken. Das Gleiche gilt für ihre Wasserversorgung. Wenn wir geschickt agieren, können wir das Blatt zu unseren Gunsten wenden und dafür sorgen, dass die Amerikaner alle Muslime offen zum Feind erklären. Dann stehen uns bald nicht mehr nur 30.000 Soldaten zur Verfügung, sondern eher eine Milliarde.«
Halabi blickte auf Nassar hinab, der die Augen in einer offensichtlich halbherzigen Geste der Schwäche abwandte.
Dann explodierte sein Kopf förmlich.
Im Sekundenbruchteil der Stille, die sich anschloss, sah Halabi ein bärtiges Gesicht am Tunneleingang aufblitzen. Es war das Gesicht des Teufels, das sich tief in seine Gedanken und seine Seele eingeätzt hatte. Das Gesicht von Mitch Rapp.
Auf einmal war der Teufel los. Mitglieder von Halabis Leibwache rannten zum Amerikaner, andere gaben Schüsse in den Tunnel ab. Drei seiner Wachposten warfen sich schützend auf ihn und schleiften ihn zu einer kleinen Öffnung im hinteren Teil der Höhle. Das Plärren der Waffen und der säuerliche Gestank des Schießpulvers überforderten Sinne und Verstand.
Ein grelles Aufflackern ging dem stechenden Gefühl von Granatsplittern voraus, die ihm den unteren Teil des Beins aufrissen. Der Mann hinter ihm bekam den größten Teil der Wucht ab, knallte in seinen Rücken und riss ihn zu Boden. Sofort ging das Licht aus und Gesteinsbrocken regneten von der Decke. Seine Begleiter waren entweder tot oder bewusstlos. Halabi mühte sich, das Gewicht des Leibwächters von sich abzuwälzen, der reglos auf ihm zusammengebrochen war.
Dabei wurde ihm das volle Ausmaß seiner Verletzungen bewusst. Den rechten Arm konnte er nicht mehr benutzen, er war komplett taub. Das linke Bein fühlte sich an, als stünde es in Flammen. Ein dolchartiger Schmerz im seitlichen Brustbereich erschwerte das Atmen. Die warme Nässe von fließendem Blut schien seinen gesamten Körper erfasst zu haben. Er wusste nicht, ob es sich um sein eigenes oder das seiner Leute handelte.
Ein paar erstickte Schreie wurden hörbar, rasch übertönt von einem nicht weit entfernten Einsturz. Ein Luftzug strich über ihn hinweg und trieb erstickende Wellen aus Staub und pulverisiertem Gestein in die Höhle. Er begrub das Gesicht im blutdurchtränkten Umhang und kämpfte darum, bei Bewusstsein zu bleiben.
So durfte es nicht enden. Der Allmächtige durfte nicht zulassen, dass sein treuer Jünger durch die Hand von Satans Vertreter auf Erden gerichtet wurde. Nicht ehe sein göttliches Werk vollendet war.
Ein Test. Das musste die Erklärung sein. Ein Test seiner Stärke. Seiner Würdigkeit. Seiner Hingabe.
Beflügelt durch diese Erkenntnis gelang es Halabi, sich unter dem Leibwächter hervorzukämpfen. Es herrschte vollkommene Finsternis, doch es gelang ihm, die Rückwand der Höhle zu finden und sich daran entlangzutasten, während die letzten schwächlichen Schreie in der Nähe verstummten. Endlich erreichte er die schmale Öffnung, nach der er gesucht hatte. Dank Gottes Gnade war sie nach wie vor passierbar.
Soweit er sich erinnerte, musste man fast 600 Meter laufen, um nach draußen zu gelangen. Stellenweise erreichte der Tunnel einen Durchmesser von drei Metern, in anderen Bereichen war er kaum breit genug, um einen ausgewachsenen Mann durchzulassen. Er tastete sich an den scharfkantigen Felsen entlang. Gelegentlich schien der Pfad blockiert zu sein, doch nach einigen Sekunden hastigen Suchens gelang es ihm jeweils, Boden gutzumachen.
Schließlich verengten sich die Wände so stark, dass an Weiterkommen nicht zu denken war. Er wollte den Rückweg antreten, merkte aber, dass er feststeckte.
Die Welt um ihn herum schien zu verschwinden. Hinzu kamen seine Verwirrtheit und der Schmerz, der in seinem Körper tobte. Eine Zeit lang registrierte er nichts anderes. Kein Geräusch, das nicht von ihm ausging. Kein Licht, das an seine Augen drang. Nur den Schmerz, den Geschmack von Erde und das Rasen der eigenen Gedanken.
Das erhabene Gefühl, als er zur Schlussfolgerung gelangte, dass es sich hierbei um einen Test handelte, wich der Erkenntnis, dass es sich eher wie eine Bestrafung anfühlte. Was hatte er getan, um Allahs Zorn auf sich zu lenken?
Er pendelte zwischen Wachzustand und Ohnmacht, obwohl sich beide Zustände in der Dunkelheit kaum voneinander unterscheiden ließen. Er sah Amerika. Die schimmernden Wolkenkratzer. Ein Volk, das Vergnügen und Bequemlichkeit als gleichwertigen Ersatz für eine höhere Macht betrachtete. Er sah den glorreichen Einsturz des World Trade Centers und das Entsetzen und die Verwundbarkeit, die dieser Angriff bei den Amerikanern hervorgerufen hatte. Ein glorreicher Sieg, verschwendet von Osama bin Laden, der im Anschluss nur endlos in verrauschten Videos über den Islam fachsimpelte.
Er sah den Aufstieg des IS, beflügelt durch die geschickte Handhabung der sozialen Medien und ein tiefgreifendes Verständnis, wie sich junge Männer auf der ganzen Welt motivieren ließen. Und schließlich sah er auch ihren Sieg auf dem Schlachtfeld und wie sie den Amerikanern auf eine Weise Furcht einflößten, wie es selbst der 11. September 2001 nicht vermocht hatte.
Er versuchte erneut, sich vorwärtszukämpfen, und stürzte auf ein Bett aus Geröll, das sich unter ihm erstreckte. Die Finsternis und Stille übertrafen alles, was er bisher erlebt hatte. Nicht nur die Grenzen zwischen Bewusstsein und Dämmerzustand verschwammen, sondern auch zwischen Leben und Tod. Nur der Schmerz und die eigenen Atemgeräusche verrieten ihm, dass er noch nicht auf die andere Seite gelangt war.
Ohne sagen zu können, wie lange er so dalag, verzog sich die Dunkelheit irgendwann. Er schlug die Augen auf, ohne durch die Erde hindurch etwas anderes als den Tunnel zu erkennen, der ihn umschloss. Dann traf ihn das blendend weiße Licht Gottes. In diesem Moment begriff er. Seine eigene Arroganz hatte ihn an diesen Punkt geführt. Hass und die Gier nach Erfolg lenkten ihn von dem Auftrag ab, den der Allmächtige ihm erteilt hatte. Er hatte sich von der Macht verführen lassen, die er auf sein Gefolge ausübte, von der Furcht, die er seinen Feinden einflößte. Von Visionen eines neuen Kalifats mit ihm selbst an der Spitze, verwickelt in eine rechtschaffene Schlacht mit den Mächten des Westens.
Er spürte, wie Panik in ihm aufstieg und ein Niveau erreichte, das sich kaum ertragen ließ. Das Leben, das er geführt hatte, war eine einzige Lüge. Gott machte ihn nun darauf aufmerksam. Er hatte ausschließlich seine persönlichen Ziele verfolgt. Sich von Eitelkeit und Hass pervertieren lassen.
Halabi krallte sich an den Wänden fest und weigerte sich schlicht, so würdelos zu sterben. Etwas in seiner Schulter schien zu reißen, doch er ignorierte den Schmerz und wurde mit einem Felseinsturz belohnt, der ihm das Weiterkommen ermöglichte.
Er war frei.
1
Südlich von Thamud, Jemen
Mitch Rapp setzte sich erneut in Bewegung. Er wankte durch ein ausgedehntes Geröllfeld, bevor er sich an dessen Rand auf den Bauch fallen ließ. Eine rasche Überprüfung des Geländes mit dem Fernglas erbrachte dasselbe Ergebnis wie bei früheren Checks: rötlicher Lehm, der eine endlose Aneinanderreihung ausgeprägter Felsgrate bedeckte. Kein Wasser. Keine Pflanzen. Ein ausgedörrter Himmel, der sich von Westen her langsam orange färbte. Wären es 70 Grad unter null statt 35 Grad über null gewesen, er hätte sich ebenso gut auf dem Mars befinden können.
Rapp verlagerte den Blick nach rechts, konzentrierte sich volle 15 Sekunden und registrierte etwas, das sich rührte. Entweder Scott Coleman oder einer von dessen Männern. Alle trugen Tarnmontur aus Stoff, den Charlie Wickers Freundin eigens für diesen Einsatz ausgewählt und eingefärbt hatte. Sie war ausgebildete Textilgestalterin und ein absolutes Genie, wenn es um das Abstimmen von Farben und Materialien ging. Man brauchte ihr nur ein paar anständige Fotos vom Einsatzgebiet in die Hand zu drücken und sie ließ einen verschwinden.
Eine Reihe von Kondensstreifen zeichnete sich am Himmel ab. Er fuhr sie mit den Augen nach. Saudische Jets auf dem Weg, urbane Ziele im Westen zu bombardieren. Diesen spärlich bevölkerten Teil Jemens beanspruchten IS und Al-Qaida für sich. Von den Saudis wurde er weitgehend ignoriert. Aus der Luft ließen sich geeignete Ziele schwer ausmachen und es fehlte dem Königreich an Mumm für blutige Bodenkämpfe. Dieser Job war ihm einmal mehr in den Schoß gefallen.
Da sie offenbar nicht beobachtet wurden, setzte Rapp den Weg in kauernder Haltung fort. Coleman und sein Team folgten im idealen Abstand, um ihm den Rücken zu decken. Wie bereits im Irak. In Afghanistan. In Syrien. Und in jedem anderen Scheißhaus, das dieser Planet zu bieten hatte.
Der Bürgerkrieg im Jemen war 2015 zwischen Huthi-Rebellen und Regierungstruppen ausgebrochen. Erwartungsgemäß wurden auch andere regionale Mächte in den Konflikt hineingezogen, vor allem der Iran, der sich auf die Seite der Rebellen stellte, und Saudi-Arabien, das die Regierung unterstützte. Die Einmischung dieser Länder verschärfte die Auseinandersetzungen und löste eine selbst nach Maßstäben des Nahen Ostens weitreichende humanitäre Katastrophe aus.
In gewisser Hinsicht handelte es sich um einen vergessenen Krieg. Das dreckige kleine Geheimnis der Welt. Selbst bei US-Regierungsvertretern und militärischen Befehlshabern tat man sich schwer, jemanden zu finden, der wusste, dass zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung allein durch ausländische Hilfsgelder überlebten und weitere acht Millionen langsam verhungerten. Sie hätten auch nicht gewusst, dass dieser Hunger und der Verlust grundlegender Strukturen dazu führten, dass Krankheiten sich ungehindert im Land ausbreiteten. Cholera, antibiotikaresistente Bakterien und selbst Diphtherie führten zu in der modernen Zeit nicht für möglich gehaltenen Infektionsquoten.
Natürlich entwickelte sich jeder Ort, der sich mit Attributen wie abgehängt, zügellos oder kriegsgeschüttelt beschreiben ließ, früher oder später zum Anziehungspunkt für Terroristen. Eine weitere Seuche, die Schwache und Verwundete heimsuchte.
Ein ungewöhnlich hoher Gebirgskamm geriet im Nordwesten in Sicht. Rapp ging erneut in Bauchlage und inspizierte ihn mit dem Glas. Er entdeckte einen schmalen Spalt, gerade breit genug für einen Menschen, in rund 300 Metern Entfernung.
»Was entdeckt?«, erkundigte sich Coleman per Headset.
»Den Höhleneingang. Genau dort, wo sie es gesagt haben.«
»Vorstoß?«
»Nein. Es fällt Licht drauf. Wir warten, bis die Sonne hinter dem Horizont versunken ist.«
»Roger. Haben das alle mitbekommen?«
Bruno McGraw, Joe Maslick und Charlie Wicker bestätigten. Die vier Männer machten ungefähr die Hälfte der Menschen aus, denen Rapp auf der Welt vertraute. Eigentlich ziemlich traurig, aber das hatte ihn deutlich länger am Leben gehalten als in den kühnsten Prognosen.
Er regelte die Schärfe des Feldstechers nach und konzentrierte sich erneut auf das dunkle Loch in der Felsformation. Die Vorstellung, dass Sayid Halabi noch lebte, fiel ihm schwer. Ein paar Schritte mehr, und Rapp hätte die Granate dem IS-Anführer direkt in die Kehle rammen können. So oder so musste die Detonation einen beträchtlichen Teil des Höhlenabschnitts zum Einsturz gebracht haben, in den sich der Terrorist mit seinen Bodyguards zurückgezogen hatte.
Der Einsturz war immerhin heftig genug gewesen, um Rapp selbst einzukesseln. Er wäre qualvoll in der Dunkelheit krepiert, doch davon hatte Joe Maslick nichts wissen wollen. Der hatte in seiner Jugend im Landschaftsbau Gräben geschaufelt und als menschliche Abrissbirne für Furore gesorgt. Als der Sauerstoff langsam knapp wurde, war Mas zu ihm vorgedrungen und hatte ihn aus dem selbst geschaufelten Grab befreit.
Das änderte nichts daran, dass die Informationen zu Halabis Überleben halbwegs solide zu sein schienen. Vor einer Weile hatte ein NSA-Mitarbeiter ein verschlüsseltes Internetvideo abgefangen, das den Mann bei einer Al-Qaida-Versammlung im Hintergrund zeigte. Anfangs gingen sie davon aus, dass es sich um älteres Material handelte, um die Truppen bei Laune zu halten. Eine genauere Analyse förderte jedoch zutage, dass die Bilder sechs Monate nach jener Nacht entstanden waren, in denen Rapp diese IS-Kakerlake vermeintlich mit dem Stiefel zertreten hatte.
Das Video führte zur Festnahme eines Teilnehmers an diesem Treffen. Seine Befragung hatte Rapp zu dieser ausgebrannten Ebene geführt. Der Aussage zufolge war Halabi durch die Granate schwer verwundet worden und erholte sich hier draußen von seinen Verletzungen. Die 64.000-Dollar-Frage war, ob das stimmte. Und falls es stimmte, ob er sich weiterhin hier aufhielt. Offenkundig war er gesund genug, um an Besprechungen teilzunehmen und den Neuaufbau der IS-Organisation voranzutreiben, die während seiner Abwesenheit schwere Rückschläge eingesteckt hatte.
Die Sonne versank hinter dem Horizont, was zum sofortigen Temperaturabfall und einer verbesserten Sicht führte. Bis zum vollständigen Einbruch der Dunkelheit zu warten war sicher eine Option, erschien ihm aber überflüssig. Er hatte nirgends Wachen in der Umgebung des Höhleneingangs gesichtet. In den dunklen Gängen machte es ohnehin keinen Unterschied, ob draußen Tag oder Nacht herrschte.
»Aufbruch«, raunte er ins Kehlkopfmikro.
»Verstanden«, kam Colemans Antwort.
Rapp brach nach links aus und arbeitete sich stumm über das felsige Terrain zu einer Steinwand vor, gut 20 Meter vom Zugang zur Höhle entfernt. Er blieb in der Hocke und schob sich an der Wand entlang, bis er den äußeren Rand erreichte. Weiterhin keine Spur von IS-Kämpfern. Hinter ihm lag das Gelände wie ausgestorben da. Nichts anderes hatte er erwartet. Coleman und sein Team blieben unsichtbar, bis sie gebraucht wurden. Die Bedingungen in der Höhle ließen sich schwer abschätzen. Rapp ging davon aus, dass der Tunnel stellenweise schmal genug verlief, um das Eindringen von mehr als einem Mann kontraproduktiv zu gestalten.
Als er schließlich hineinglitt, lieferte die aufgewühlte Erde zu seinen Füßen den einzigen Beleg dafür, dass sie bewohnt war. Er hielt die Waffe ausgestreckt und arbeitete sich durch die etwa einen Meter breite und drei Meter hohe Passage. Das vertraute Gewicht der Glock war durch das frühe Modell einer Mission-Armbrust ersetzt worden. Die Technik der Waffe hatte man modifiziert, damit sie so lautlos wie möglich auslöste. Sie erreichte einen Schalldruckpegel von unter 85 Dezibel, wobei das entstehende Geräusch dank der Anpassungen überhaupt nicht nach einer Waffe klang. Selbst Rapps geübtes Gehör fand, dass es eher an einen Sandsack erinnerte, der auf einen Gehsteig prallte.
Eine Armbrust nachzuladen dauerte dummerweise recht lange und ihm war nicht viel Zeit zum Trainieren geblieben. Trotzdem hielt er sie bei diesem Einsatz für das optimale Werkzeug. Die leiseste Waffe, die er besaß – eine VM-22-Selbstladebüchse von Volquartsen mit Gemtech-Schalldämpfer –, war für den Fall der Fälle an der Hüfte festgeschnallt. Sie mochte zwar beeindruckend unauffällig sein, doch der scharfe Knall, den sie hervorrief, war viel zu laut und charakteristisch; erst recht in dieser beengten Umgebung.
Die Dunkelheit nahm zu, je weiter er vordrang. Das zwang ihn langsamer zu gehen, damit seine Augen die Orientierung nicht verloren. In Anbetracht dessen, was beim letzten Mal passiert war, als er Sayid Halabi in einem Loch festsetzte, hielt er es für angebracht, Vorsicht über Geschwindigkeit zu stellen. Vor allem falls Mas diesmal seine Schaufel vergessen hatte.
Ein schwacher Lichtschein wurde am Ende des Gangs erkennbar. Rapp schlich langsam darauf zu, vermied es, auf das Geröll zu treten, und hielt sich an das weiche Erdreich. Im Näherkommen sah er, dass der Korridor in ein T mündete. Der Abzweig nach rechts endete nach wenigen Metern in einer Sackgasse, nach links ging es weiter. Eine Reihe winziger Lampen, angeschlossen an eine Autobatterie, entpuppte sich als Quelle der Helligkeit.
Zu den Schattenseiten der LED-Technologie gehörte, dass sie das Verschanzen in Höhlenkomplexen deutlich erleichterte. Eine einzige Batterie lieferte genug Energie für Tage. Umgekehrt machte es den Gegner verwundbar. Offen verlaufende Zuleitungen und fehlende Redundanzen erleichterten es, ihm das Licht auszuknipsen.
Rapp griff nach unten und zog das Kabel von der Batterie ab. Schlagartig wurde es finster.
Sofort erklangen laute Rufe, eher genervt als alarmiert. Rapp konnte die Stimmen zwei männlichen Arabern zuordnen. Was sie genau sagten, ließ sich aufgrund des Nachhalls schwer heraushören. Offenbar stritten sie sich, wer an der Reihe war, das Problem zu beheben. Wenn sämtliches Licht von einer einzigen Quelle stammte, ließen sich gelegentliche Ausfälle nicht vermeiden.
Wenige Sekunden später tauchte einer der beiden Männer auf. Er schwenkte eine Taschenlampe in der rechten Hand, hielt sie jedoch nicht hoch genug, um sein Gesicht hervorzuheben. Egal. Der jugendliche Schwung und die Körperhaltung machten klar, dass es nicht Halabi war, sondern einer seiner Handlanger.
Rapp zielte um die Ecke und löste die Armbrust aus. Klangprofil und Einschlagverhalten des Projektils ließen nichts zu wünschen übrig, die Zielgenauigkeit dafür umso mehr. Der Gegner stand noch, lediglich verwirrt wegen der gefiederten Spitze, die unter dem linken Schlüsselbein aus der Haut ragte.
Rapp ließ die Waffe fallen und sprintete auf den Araber zu, bekam einen Arm um seinen Hals und eine Hand über Mund und Nase. Der Mann wehrte sich, als er in einen dunklen Winkel geschleift wurde, doch der weiche Untergrund dämpfte die damit einhergehenden Geräusche. Mitch schlang die Beine um den anderen, um dessen Beweglichkeit einzuschränken. Der Winkel war ungünstig, aber die Hand über dem Gesicht erstickte den Gegner förmlich. Das Ganze dauerte länger, als ihm lieb war. Ein paarmal kam Mitch der aus dem Körper ragende Pfeil in die Quere, doch schließlich verlor der Araber das Bewusstsein. Ein Messer, in die Schädelbasis gerammt, erledigte den Job.
Rapp glitt unter der Leiche hervor und hatte sich gerade die Armbrust wieder geschnappt, da hallte ein weiterer Ruf durch das Höhlengewölbe.
»Farid! Was treibst du da, du Idiot? Schalt endlich das Licht wieder an!«
Rapp rief zurück, dass die Technik streike. Er baute darauf, dass die Akustik seine Stimme stark genug verzerrte, um nicht als Fremder enttarnt zu werden. Er schob einen neuen Pfeil in die Abschussvorrichtung und rannte zur Batterie. Bevor er sich davorkniete, rammte er die Taschenlampe mit der Spitze nach vorn ins Erdreich. Die austretende Helligkeit war so gering, dass man von Weitem nicht mehr als einen vagen menschlichen Umriss wahrnahm.
Eine Flut von technischem Halbwissen prasselte auf ihn ein, bevor Schritte ertönten und ein weiterer junger Mann erschien. Er wirkte völlig unbesorgt und bestätigte damit eine universelle menschliche Wahrheit: Die Leute sahen immer, was sie sehen wollten und womit sie rechneten.
Rapp ließ den Terroristen bis auf knapp fünf Meter herankommen, bevor er die Armbrust nach oben riss. Diesmal tarierte er beim Zielen leicht nach unten und links aus, um das Massezentrum des Projektils zu verlagern. Nachsetzen war nicht nötig. Der Mann kippte nach vorn und landete mit dem Gesicht im Dreck.
In der Gewissheit, dass er nicht wieder aufstand, schloss Rapp die Batterie wieder an. Er brauchte Licht. Bisher war es gut gelaufen, aber nach seiner Erfahrung hielt eine Glückssträhne nie lange an.
Die Bestätigung dieser Hypothese nahte in Gestalt eines Mannes, der dem Geräusch fallender Sandsäcke zu misstrauen schien und um die Ecke gerannt kam. Rapps 22er war in seiner momentanen Haltung schwer zu erreichen, also schnappte er sich stattdessen einen der Armbrustpfeile.
Der Terrorist hatte es bei seinem Vorstoß etwas zu eilig gehabt. Sein Schwung ließ ihn gegen eine der Höhlenwände krachen. Rapp nutzte den Gleichgewichtsverlust aus, sprang vor und trieb ihm die scharfe Pfeilspitze in die Kehle.
Keine hübsche Aktion, aber effektiv. Der Gegner ging zu Boden. Im Fallen entglitt seiner Hand eine kleine Drahtrolle.
Nicht schon wieder!
Rapp trat die IED mit dem Stiefel unter den Körper des Mannes und stürmte in die entgegengesetzte Richtung davon. Nach etwa acht Metern ging er in einer flachen Vertiefung in Deckung. Die Explosion schickte aufgeheizten Schotter in seine Richtung. Ein paar besorgniserregend laute Knackgeräusche von der Decke folgten, dabei blieb es. Der Fels hielt stand. Er wälzte sich auf den Rücken und zog das Shirt über Mund und Nase, damit ihm der Staub nicht in die Lunge drang. Am klügsten wäre es gewesen, die Flucht zu ergreifen und ein paar bunkerbrechende Waffen anzufordern. Dazu konnte Rapp sich jedoch nicht durchringen. Sollte Halabi hier sein, wollte er ihn tot sehen. Selbst um den Preis, dass sie gemeinsam ins Jenseits einzogen, die Hände um die Kehle des anderen.
Von draußen hörte man das Geräusch von Automatikfeuer. Er ignorierte den Lärm, zog die Volquartsen und drang mithilfe einer Stiftlampe tiefer in die Höhle vor. Coleman und seine Jungs konnten auf sich selbst aufpassen.
Der weitere Verlauf erwies sich als relativ simpel. Jede Menge Abzweigungen, die allesamt nach wenigen Metern endeten. Die erste Kammer von nennenswerter Größe enthielt ein Feldbett und elementare medizinische Ausrüstung – einen Infusionsständer, Kontrollmonitore und einen Mülleimer, halb gefüllt mit blutigen Bandagen. Er sah aus, als ob er schon eine ganze Weile hier stand.
In der zweiten Kammer stieß er auf einen simplen Operationstisch mit eingetrocknetem Blut, der wie ein Relikt aus Zeiten des Ersten Weltkriegs wirkte. Ein Gaszylinder, der von einem Schweißgerät zu stammen schien, und ein Tablett mit wahllos darauf verteilten Instrumenten vervollständigten die primitive Ausstattung.
Weiter ging es nicht. Das Einbahnstraßensystem der Höhle endete hier.
»Scheiße!«, fluchte Rapp. Seine Stimme hallte durch den Gang und kehrte als Echo zu ihm zurück.
Der Hurensohn war hier gewesen. Sie hatten in dieser Höhle die Verletzungen behandelt, die er sich im Irak zugezogen hatte, und ihm Zeit zur Erholung gegeben. Vor einem Monat hätte Rapp ihm in die Augen sehen, eine Pistole an die Stirn halten und abdrücken können. Jetzt war er längst verschwunden. Sayid Halabi war ihm ein weiteres Mal entwischt.
2
Al-Mukalla, Jemen
Sayid Halabi ließ sich langsam auf den Stuhl sinken. Sein Blick richtete sich auf ein riesiges Loch in der Wand des Gebäudes, in dem er sich aufhielt. Betonbrocken und verzerrter Betonstahl rahmten die Silhouette der Stadt ein, die sich auf der anderen Seite in der Dunkelheit erstreckte. Ein Halbmond ermöglichte es, die Umrisse zerstörter Fahrzeuge, eingestürzte Häuser und versprengten Bauschutt zu erkennen. Außer dem von Gott geschenkten Licht gab es nirgendwo ein anderes. Der Strom war erneut flächendeckend ausgefallen. Die rund 500.000 Einwohner der Stadt schreckten davor zurück, Feuer zu entzünden oder batteriebetriebene Energiequellen zu benutzen aus Angst, ins Visier der Saudis zu geraten.
So war es nicht immer gewesen. 2015 hatte Al-Qaida die durch den Luftkrieg der Saudis angerichteten Verwüstungen im Jemen ausgenutzt und einen Angriff auf Al-Mukalla gestartet. Regierungstruppen hatten sich kaum die Mühe gemacht, Gegenwehr zu leisten. Nach ein paar kurzen Scharmützeln suchten sie das Weite und ließen nicht nur eine verängstigte Bevölkerung zurück, sondern auch modernste Kriegswaffen – Panzer, amerikanische Humvees und schwere Artillerie.
Nach diesem überwältigenden Sieg lieferte Al-Qaida einen Vorgeschmack, wozu sie fähig war. Strikte islamische Gesetze wurden verhängt und das Netzwerk übernahm in der Stadt die Führung. Straßen wurden repariert, die öffentliche Ordnung wiederhergestellt, Krankenhäuser gebaut. An die Stelle von Sünde und Zerstörung traten Ordnung und Ehrerbietung an Allah.
Ein Jahr später vertrieben vom Emirat finanzierte Soldaten Al-Qaida und überließen die Stadt erneut der dysfunktionalen, korrupten Regierung der Jemeniten. Seitdem waren keinerlei Anstrengungen für einen Wiederaufbau unternommen worden. Stattdessen setzten die Saudis ihre willkürlichen Bombardements fort und erstickten schrittweise die Hoffnung der Bevölkerung. Hunger, Krankheiten und Gewalt waren alles, was den Menschen blieb.
Ein einzelnes Auto näherte sich von Osten her und schob sich mit abgeschalteten Scheinwerfern langsam durch die Trümmer. Halabi folgte ihm eine Weile mit seinem Blick, fragte sich, wo der Fahrer Sprit aufgetrieben hatte, und lauschte auf die Annäherung saudischer Kampfjets. Allerdings kamen keine. Der Wagen verschwand irgendwann außer Sichtweite.
Der IS-Anführer rappelte sich hoch. Die Schmerzen im Rücken machten das Sitzen auf Dauer unerträglich. Drei gebrochene Rückenwirbel zählten zu seinen unauffälligsten, aber bei Weitem schmerzhaftesten Verletzungen. Mitch Rapps Angriff im Irak hatte Spuren hinterlassen. Neben der Rückenverletzung konnte Halabi sein rechtes Bein nicht länger voll belasten und war nur knapp einer Amputation entgangen. Das linke Auge war irreparabel beschädigt und hinter einer Lederklappe verschwunden. Die zerschmetterten Finger an der rechten Hand waren gerichtet worden, verfügten aber über kein Tastempfinden.
Er hatte sich über Monate im Untergrund versteckt und medizinischen Eingriffen unter primitivsten Bedingungen unterzogen, zahllose Infektionen und ausgedehnte innere Blutungen überlebt. Dabei quälte ihn die ganze Zeit über die Frage, ob die Amerikaner wussten, dass er noch lebte, und Rapp möglicherweise jede Sekunde auftauchte, um ihm den Rest zu geben.
Nach einer Weile verblassten diese Ängste und er gesundete körperlich und psychologisch gleichermaßen. Sobald er dazu in der Lage war, widmete er sich Gebeten und religiösen Studien. Er hatte endlose Stunden damit verbracht, Nachrichten aus aller Welt zu verfolgen, sich in historische und politische Abhandlungen vertieft und mit Militärstrategie auseinandergesetzt. In dieser Phase keimte in ihm die Frage, warum Gott es zugelassen hatte, seinen ergebensten Diener derartigen Widrigkeiten auszusetzen. Halabi hatte zugelassen, dass sein Leben vom Kampf dominiert wurde. Er hatte sich dem flüchtigen Vergnügen hingegeben, andere zu verletzen, statt sich der wesentlich beschwerlicheren und unbefriedigenderen Aufgabe zu widmen, einen letzten Sieg zu erlangen.
Schritte ertönten hinter ihm. Er drehte sich um. Sein loyalster Schützling näherte sich.
Muhammad Attia war gebürtiger Amerikaner, der Sohn algerischer Einwanderer. Er hatte seine Jugend damit verschwendet, im kleinen Supermarkt seiner Eltern in New York zu arbeiten und um die Zuneigung und Akzeptanz der Westler in der Nachbarschaft zu buhlen. Nach der High School hatte er ein Jahr am Community College studiert und dann eine Stellung als ziviler Dolmetscher bei der U. S. Army angetreten.
Als muslimischer Amerikaner wusste er natürlich um den Verrat und die moralische Verderbtheit der Wahlheimat seiner Eltern, doch erst nach der Ankunft im Irak war ihm beides in vollem Ausmaß bewusst geworden.
Seine Rekrutierung durch Al-Qaida war weniger als sechs Monate nach Beginn des hiesigen Einsatzes erfolgt. Er diente der Organisation fast fünf Jahre lang, ehe er aufflog. Er erwies sich allerdings als zu clever für die Amerikaner und war der drohenden Festnahme entgangen, indem er sich in die Wüste absetzte.
»Können wir anfangen?«, fragte Halabi den Jüngeren. »Sind meine Anhänger dazu in der Lage?«
»Alles ist möglich mit Allahs Hilfe.«
»Es ist deutlich schwieriger, als ich dachte, diese Hilfe zu erlangen.«
»Kein Mensch weiß, was im Verstand des Allmächtigen vorgeht. Wir können lediglich hoffen, eine kleine Rolle bei der Erfüllung seines Plans übernehmen zu dürfen.«
Halabi nickte. »Sind wir bereit?«
»Das sind wir.«
Die Treppe war von Trümmern befreit worden. Dennoch benötigte der IS-Anführer Hilfe, um nach unten zu gelangen. Während sie die Stufen zu den Überresten des Kellers hinabstiegen, wurde es zunehmend dunkler. Halabi verspürte einen Anflug von Panik, als sich die Tür hinter ihnen schloss. Die durchdringende Schwärze weckte Erinnerungen an die qualvollen Stunden, in denen er sich aus der Höhle im Irak gekämpft hatte.
Diesmal wich die Dunkelheit jedoch rasch. Mit einem sanften Glimmen erwachten Computerbildschirme zum Leben und vertrieben das Gefühl von Leere. Er fand sich vor einer Batterie von Monitoren wieder, die jeweils ein einzelnes männliches Gesicht zeigten.
Der Unterschied zwischen dieser Unterredung der IS-Führungsspitze und der letzten hätte kaum drastischer ausfallen können. Die ehemaligen irakischen Soldaten, die auf dem Boden der Höhle vor ihm gekniet hatten, und der verräterische Aali Nassar waren allesamt tot. Gott hatte sie beseitigt, nicht als Strafe, sondern weil sie nutzlos für ihn waren. Das begriff er inzwischen – und noch so viel mehr.
Mit der neu erlangten Einsicht stufte Halabi seine bisherigen Anstrengungen als fast schon grotesk fehlgeleitet ein. Er hatte seinen Glauben in Männer gesetzt, die schon einmal von den Amerikanern besiegt worden waren. Ihnen fehlte es an neuen Ideen. An neuen Fertigkeiten. Sie klammerten sich an Wissen und Einsichten, die seit Jahrzehnten kursierten. Mehr als den nächsten Fehlschlag des IS durch Ordnung und Disziplin halbwegs zu kontrollieren hätten sie nicht zustande gebracht.
Ein rotes Licht blinkte an der Kamera vor ihm und die Gesichter auf den Bildschirmen gewannen schlagartig an Entschlossenheit. Trotz ihrer harten Mienen erkannte man sofort, dass es sich nicht um ausgebildete Soldaten handelte. Einige von ihnen hatten adrette Frisuren und waren sauber rasiert, bei anderen dominierten dicke Bärte und ungekämmte Haare. Der Jüngste war kaum 20, der Älteste nicht einmal 40. Zwei von ihnen, darunter ein blässlicher Engländer, beherrschten kaum die Grundlagen der arabischen Sprache.
Ihre Spezialisierung unterschied sich noch stärker als ihr äußeres Erscheinungsbild. Programmierer. Marketingexperten. Finanzspezialisten. Wissenschaftler. Fast am wichtigsten war der junge Dokumentarfilmer, der bis letztes Jahr für Al Jazeera gearbeitet hatte. Die einzige Gemeinsamkeit, die sie verband, war die Ausbildung im Westen. Eine Voraussetzung, die er für seinen inneren Zirkel als notwendig empfand.
Mit den brutalen, fanatischen Kämpfern, die Halabi früher kommandiert hatte, verband diese Männer so gut wie gar nichts. Dafür besaßen sie das Potenzial, deutlich gefährlicher zu sein.
»Es gab eine Phase, da befürchtete ich, unsere Bewegung sei vom Kurs abgekommen«, sagte Halabi auf Englisch. Der schwere Akzent wurde über eine gesicherte Satellitenverbindung weitergeleitet. »Inzwischen ist mir klar geworden, dass es nie einen klaren Weg zum Sieg gegeben hat. Osama bin Laden rechnete damit, dass seine Aktionen in New York den Zusammenbruch einer Gesellschaft einleiten, die bereits unter der Bürde ihres moralischen Zerfalls litt. Doch was folgte? Strapaziöse, letztlich unentschlossene Kriege in Afghanistan und im Irak. Eine Handvoll kleinerer Folgeangriffe, die in der amerikanischen Kultur der Gewalt und des Massenmordens weitgehend unbemerkt blieben. Bin Laden blökte in seinen letzten Lebensjahren wie ein Schaf und bettelte förmlich darum, von den Amerikanern entdeckt zu werden.«
Halabi hielt inne und musterte die Gesichter auf den Bildschirmen. Obwohl sie sich in der Tat von früheren Untergebenen unterschieden, loderte das Feuer in ihrem Blick ebenso hell. Die Bewegung bedeutete ihnen alles. Sie gab ihrem Leben ein Ziel. Ein Ventil für ihren Zorn, ihren Hass und ihre Enttäuschung. Und sie schenkte ihnen Seelenfrieden.
»Al-Qaida hat versagt, weil die Führung alterte und darüber vergaß, was junge Männer motiviert«, setzte er nach.
Osama bin Laden hatte den Aufschwung brutaler Gewalt in der Region kritisch verfolgt und als kontraproduktiv für die Gewinnung neuer Rekruten eingestuft. Bedauerlicherweise hatte er die Wahrheit nicht mehr miterlebt. Die elegant produzierten Videos chaotischer, gnadenloser Triumphe. Die pumpenden Beats, die die Bilder untermalten, und die computergenerierten Grafiken, die ihre Botschaft verdeutlichten. Tausende junger Männer, motiviert von dieser Propaganda, strömten in den Nahen Osten. Bereit zu kämpfen. Bereit zu sterben.
»Und der IS hat sich kaum besser geschlagen«, fuhr Halabi fort. »Ich und meine Vorgänger ließen sich von der Vision eines neuen Kalifats einlullen. Spaltungen erfassten den Nahen Osten. Der Westen wurde es leid, Kriege zu führen, die keine entscheidenden Siege einfuhren. Wir machten uns selbst etwas vor, redeten uns ein bereit zu sein, aus den Schatten hervorzutreten und gegen das US-Militär bestehen zu können.«
Er hielt kurz inne und überlegte, wie viel er ihnen anvertrauen sollte. Sie lebten in einem Informationszeitalter, entschied er. Dem inneren Kreis Wissen vorzuenthalten führte am Ende nur zu einer weiteren Niederlage.
»Es war alles eine Verschwendung von Zeit und Märtyrern. Der Moment für ein solches Vorgehen war noch nicht gekommen.«
»Ist er jetzt gekommen?«, wollte einer der Männer wissen. Seine jugendliche Ungeduld war selbst über die billigen Computerboxen zu hören. »Amerika ist schwächer denn je. Die Bevölkerung zerfleischt sich in gegenseitigem Hass. Sie bilden sich ein, vom Rest der Welt betrogen worden zu sein. Beraubt. Ausgenutzt. Die ständige Berieselung mit Nachrichten bestärkt sie in dieser Haltung, genau wie die Propaganda der Russen im Internet. Und die bevorstehende Präsidentschaftswahl spitzt die gesellschaftliche Spaltung weiter zu. Das Land steht kurz davor, sich selbst zu zerlegen.«
»Das genügt nicht«, erwiderte Halabi. »Die Amerikaner sind ein Volk der Extreme. Sie neigen zu Anflügen von Aggressivität und Selbstzerstörung, verfügen aber auch über eine innere Stärke, die in der jüngeren Geschichte niemand bezwingen konnte.«
Die Gesichter auf den Monitoren nahmen das, was sie als Lobhudelei an den Feind empfanden, mit sichtbarem Erstaunen zur Kenntnis. Eine der vielen Lektionen, die Halabi gefesselt an ein Krankenhausbett tief unter der Erde gelernt hatte: Hass durfte einen nicht blind für die Stärken und Tugenden des Feindes machen.
»Wenn sie niemand bezwingen kann«, fragte der Brite, »wie soll es uns dann gelingen?«
Eine Frage, die Halabi zeitlebens beschäftigt hatte. Nun endlich hatte Gott sie ihm beantwortet.
»Wir werden sie weiterhin ablenken, indem wir die Feuer ihrer Angst und Spaltung schüren«, erklärte er.
»Und dann?«, hakte der andere nach.
»Dann werden wir sie in einer Weise treffen, wie es sich bisher niemand vorstellen konnte.«
3
Al-Hudaida, Jemen
Die Hafenstadt hatte weiterhin mehr als zwei Millionen Einwohner. Das lag aktuell vor allem daran, dass die Menschen nirgendwo anders hinkonnten. Manche Gebäude waren unversehrt geblieben, andere hatten schwere Treffer der saudischen Luftwaffe eingesteckt und befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Zerstörung. Fast jede Nacht veränderten Bombenangriffe die Landkarte von Al-Hudaida, verteilten tonnenweise Schutt auf manchen Straßen und fegten andere sauber.
Rapp umrundete ein ausgebranntes Autowrack und erreichte eine mit Löchern gespickte Straße, auf der etwas mehr Betrieb herrschte. Trauben von Männern versammelten sich um Holzkarren und feilschten um das, was zu haben war. Frauen, von Kopf bis Fuß in traditioneller Kleidung verschleiert, mischten sich nur vereinzelt unter die Menge. In diesem Teil der Welt neigte man dazu, sie zu Hause einzusperren, was den dysfunktionalen Gesamteindruck verstärkte.
Eine dieser Frauen kam Rapp gerade entgegen. Sie klammerte sich an den Arm eines männlichen Verwandten, der normalerweise dafür zuständig war, auf sie aufzupassen. In diesem Fall hatten sich die Rollen umgekehrt. Er trug ein AK-47 und den zeremoniellen Dolch, der im Jemen zur obligatorischen Alltagsmode gehörte, litt aber auch unter einer der schweren Krankheiten, die dieser Krieg entfesselt hatte. Seine Begleiterin war alles, was ihn auf den Beinen hielt.
Er stolperte. Rapp fing ihn auf und stützte ihn, bis er wieder Halt gefunden hatte. Die Frau flüsterte ein Dankeschön. Der Amerikaner beschloss spontan, die Situation auszunutzen. Die Karte, die ihm die CIA mitgegeben hatte, war kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt war.
»Können Sie mir sagen, wo das Café Pachachi ist?«
Ihre Augen – der einzige unverhüllte Teil ihres Körpers – weiteten sich und sie trat zögernd einen Schritt zurück.
Kaum überraschend. Je mehr der IS an Boden einbüßte, desto mehr wandten sich seine unbezahlten, führungslosen Kämpfer Erpressung, Drogenschmuggel und sexueller Versklavung zu, um sich über Wasser zu halten. Rapps Erscheinung und der irakische Akzent ließen sie offenbar vermuten, einen dieser Kämpfer vor sich zu haben.
»Café Pachachi?«, wiederholte er.
Ihr Kopf zuckte unbestimmt in eine Richtung. Nach ein paar kurzen, gemurmelten Anweisungen schob sie sich an ihm vorbei und verschwand im grellen Sonnenlicht.
Er brauchte weitere 30 Minuten, dann hatte er das Restaurant gefunden. Es hatte sich in einem weitgehend intakten Steinbau einquartiert. Draußen standen niedrige Plastiktische und Stühle. Einige improvisierte Sonnensegel spendeten Schatten, behelfsmäßige Absperrungen schützten die Gäste davor, in den Bombenkrater am östlichen Rand der Fläche zu stürzen.
Trotz des Krieges schienen die Geschäfte gut zu laufen. Der Außenbereich war gefüllt mit Männern, die dicht aneinandergebeugt über Politik, Gott und den Tod philosophierten. Kellner eilten aus dem verglasten Inneren herbei und verschwanden wieder, brachten Essen und Getränke, räumten Geschirr ab und ließen sich gelegentlich in eine der leidenschaftlich geführten Diskussionen verwickeln.
Schwer zu glauben, dass es sich hierbei um die Gesamtsumme der CIA-Präsenz im Jemen handelte. Das Land gehörte zu den ruchlosesten, am stärksten vom Terrorismus geprägten Staaten weltweit. Die Vereinigten Staaten hatten es quasi kampflos der Kontrolle der Saudis überlassen.
Amerikanische Politiker kümmerten sich aktuell um nichts anderes als die Bestätigung ihrer Macht bei den nächsten Wahlen. Der amtierende Präsident hatte auf Verteidigungsmodus geschaltet und verkniff sich alles, was seiner Partei bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen womöglich schadete. Die Vorwahlen waren in vollem Gang. Die schmierigsten, destruktivsten Kandidaten auf beiden Seiten lagen klar in Führung. Und das amerikanische Volk hockte wie das Kaninchen vor der Schlange und feuerte die Widersacher an, als säße man im Publikum eines Cage-Fights beim Pro-Wrestling.
Da sich niemand so recht um den Jemen kümmerte, weitete der IS schrittweise seinen Einfluss aus. Die Organisation nutzte das Chaos, um sich neu zu formieren und die eigenen Strukturen auszubauen. Ein Fehler, den die Politik häufig machte. Oder war es gar kein Fehler? Immerhin lieferte der Terrorismus großes Theater. Opfer als Sympathieträger, mit denen man mitfühlte, tapfere Soldaten und böse Schurken. Die perfekte Show. Vielleicht hatten es Amerikas gewählte Volksvertreter gar nicht so eilig, die Verhältnisse zu regeln, wie das Volk glaubte. Krisen lockten die Menschen eher an die Wahlurnen als gelöste Probleme.
»Allah hat dich sicher bei uns abgeliefert«, rief Shamir Karman aus und schob sich zwischen den vollen Tischen durch, um ihn zu umarmen. »Willkommen, mein Freund!«
Rapp erkannte ihn nicht auf Anhieb. Karman schleppte in der Regel 15 Kilo oder mehr, die der Schwerkraft trotzten, als Ring um den Bauch mit sich herum. Der zusätzliche Ballast war komplett verschwunden und sein bärtiges Gesicht wirkte gezeichnet.
»Schön, dich wiederzusehen«, sagte Rapp in dem freundschaftlichen Tonfall, den die anderen Gäste erwarteten.
»Komm! Es gibt keinen Grund, dass wir uns bei diesem Gesindel rumtreiben. Das gute Essen und den Kaffee hab ich hinten versteckt.«
Die Umsitzenden lachten, während er Rapp in das marode Gebäude führte. Menschen richtig anzupacken gehörte seit jeher zu Karmans besonderen Talenten. Der gebürtige Jemenit war vor Jahren von der CIA rekrutiert worden. Von Anfang an zeichnete sich ab, dass er nicht zum Schützen taugte. Nein, seine Waffe war die tödliche Liebenswürdigkeit. Einem Typen wie ihm vertraute man die größten Geheimnisse an. Man lud ihn zur Hochzeit ein oder bot ihm Unterschlupf im eigenen Haus, solange er bleiben wollte. Und zwar innerhalb von zehn Minuten nach der ersten Begegnung.
»Letzte Nacht gab es einen weiteren Bombenangriff«, berichtete er, während sie an den Tischen im Innenraum vorbeigingen, reserviert für Frauen, die mit ihren Familien speisen wollten.
»War es knapp?«
Die Agency arbeitete daran, die Saudis von diesem Viertel wegzuhalten, doch niemand traute sich, ihnen zu viel zu sagen – aus Angst, dass einer von ihnen plauderte. Der typische Drahtseilakt, auf den sich Irene Kennedy so gut verstand. Es gab keine Garantien. Ein arroganter Kommandant oder verwirrter Pilot genügte, um Karman und seine Operation in ein brennendes Pulverfass zu verwandeln.
»Nein. Die Bastarde haben bloß wahllos Bomben abgeworfen, um von ihrem wahren Ziel abzulenken.«
»Und zwar?«
»Die sanitäre Einrichtung, die wir mit Dreck und Spucke immer wieder zusammenflicken. Wir kämpfen gegen einen der schlimmsten Choleraausbrüche der Geschichte an. Sie wollen, dass sich die Lage verschlimmert. Wenn sie uns nicht mit Waffen zum Gehorsam zwingen können, lassen sie uns eben verhungern oder an Seuchen krepieren.«
Die Wut in seiner Stimme diente nicht allein der Tarnung. In Wahrheit ließen sich Karmans Loyalitäten nicht so genau festmachen, aber genau deshalb war er so gut in seinem Job. Er sorgte sich wirklich um sein Heimatland und jeder, der mit ihm sprach, merkte das sofort.
»Hast du deine Familie mitgebracht?«, fragte der Jemenit.
Der Grund für diese Frage war nicht schwer zu erraten. Er sorgte sich, dass Coleman und seine Männer hier auffielen wie bunte Hunde. Rapp teilte diese Sorge und hatte sie nach Riad geschickt. Sie ließen es sich derzeit im Pool eines Fünf-Sterne-Resorts auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler gut gehen.
»Nein. Ich bin allein.«
»Dann wohnst du natürlich bei mir. Ich kann dir keinen großen Luxus anbieten, aber den wirst du im Jemen sowieso nirgends finden.«
»Danke. Sehr großzügig von dir, mein Freund.«
Sie betraten die Küche. Statt des angenehmen Geruchs von köchelndem Saltah stieg ihm ein beißender Gestank nach Bleiche in die Nase.
»Mein Erfolg beschränkt sich nicht auf mein Talent als Koch und die dauerhafte Versorgung mit Essen.« Karman schien seinen Blick richtig zu deuten. »Seit dem Ausbruch der Cholera ist Hygiene unglaublich wichtig. Niemand ist je krank geworden, nachdem er in meinem Restaurant gegessen hat.« Er erhöhte die Lautstärke seiner Stimme. »Und das wird auch nie passieren, richtig?«
Die Mitarbeiter in der Küche versicherten ihm nachdrücklich, dass sie das genauso sahen.
»Aber im Ernst«, meinte er und schob eine Tür auf, die nach hinten führte. »Steck nichts in deinen Mund, das nicht von hier stammt, sonst scheißt und kotzt du dir die Seele aus dem Leib. Zumal du das allein durchstehen musst. Das Krankenhaus wurde schon dreimal von Bomben getroffen und muss trotzdem Hunderte neuer Patienten am Tag versorgen. Die Kranken und Sterbenden bedecken dort jeden Zentimeter freie Fläche und stapeln sich inzwischen auf dem Parkplatz. Es ist schlimm. Keine Medizin. Kaum Personal. Nichts.«
Der Raum, in dem sie sich wiederfanden, war kaum sechs Quadratmeter groß. Eine Glühbirne an der Decke spendete etwas Helligkeit. Ein Klapptisch musste als Arbeitsfläche herhalten, davor stand ein Plastikstuhl, abgezwackt aus dem Restaurant. Vor den Wänden stapelten sich Kartons mit dem arabischen Wort für Bleiche. Ein paar Notizbücher, offenbar für die Buchhaltung genutzt, und eine mickrige Topfpflanze komplettierten die Einrichtung.
Laut Rapps Briefing existierte in diesem Haus auch eine Geheimkammer mit Kommunikationsvorrichtungen und ein paar Waffen, die nur im absoluten Notfall genutzt werden sollten. Falls jemand von ihrer Existenz erfuhr, baumelte Karmans Leiche binnen kürzester Zeit an einem der Dachbalken im Gastraum.
»Noch besser als Bleiche …«, murmelte der Jemenit und wühlte in einem Karton, der hinter ihm stand, »… ist Alkohol.«
Er zog eine halb volle Flasche Jack Daniel’s hervor und goss sorgfältig bemessene Schlucke in zwei Kaffeebecher. Einen davon reichte er Rapp.
»Ist deine Arbeit gut gelaufen?«, erkundigte er sich bewusst vage und auf Arabisch. Man mochte ihn in der Gegend und vertraute ihm. Dennoch war es ein Kriegsgebiet. Man musste überall mit Lauschern rechnen und auf der Hut sein.
»Nein. Ich habe leider keinen Kontakt zu deinem Freund herstellen können.«
Karmans Gesicht verriet Bedauern. »Das tut mir leid. Ich habe mein Bestes getan, um das Treffen in die Wege zu leiten. Du weißt ja, wie unberechenbar er manchmal ist.«
Rapp nickte und nippte am Drink.
»Ich komme mir vor wie eine Klatschtante in einem Café«, raunte Karman leise. »Mehr als ein paar Bröckchen, die vom Tisch fallen, wenn die Leute im Restaurant sitzen und über Politik reden, fallen für mich nicht ab.«
Die Botschaft war eindeutig. Er verlangte nach zusätzlicher Unterstützung. Dummerweise waren die Scheißkerle in Washington derzeit nicht in Stimmung, sie zur Verfügung zu stellen.
»Ach wirklich? Für mich sieht’s aus, als laufen die Geschäfte gut.«
»Das täuscht. Die Kunden brechen weg und das Gerede wird immer abstruser. Spione. Intrigen. Verschwörungen. Wenn man sich so was den ganzen Tag anhört, ertappt man sich irgendwann dabei, in den Himmel zu gucken und sich nach einer saudischen Rakete zu sehnen, die einem den Rest gibt. Oder hinter der Schulter einen Mann auftauchen zu sehen, der einen ersticht, um sich das mickrige Kleingeld aus der Tasche zu schnappen.«
»Ehemalige IS-Kämpfer?«, fragte Rapp.
Karman nickte. »Sie sind schwer bewaffnet und agieren ziellos. Junge Männer voller Hass, Gewalt und Gier, die jede Winzigkeit für eine göttliche Botschaft halten. Falls Sayid Halabi noch lebt, hätte ich erwartet, dass er sie ins Zentrum des Landes beordert. Dort herrscht völlige Anarchie. Das scheint ihn nicht zu interessieren. Man hört Gerüchte, dass er eine deutlich kleinere Gruppe studierter, gut ausgebildeter Anhänger um sich sammelt.«
Karman führte den Becher an die Lippen und schloss die Augen, ließ den Whiskey genüsslich in der Mundhöhle kreisen und schluckte ihn erst dann hinunter. »Die Leute reden über ihn, als wäre er ein Geist. Als wäre er gestorben und von den Toten zurückgekehrt. Sie glauben, dass Gott zu ihm gesprochen und ihm das Geheimnis verraten hat, wie sich die Ungläubigen besiegen lassen.«
»Glaubst du, dass es stimmt?«
»Nein. Aber ich glaube, dass Halabi davon überzeugt ist. Und ich glaube, dass er mindestens so clever wie durchgeknallt ist. Was ich dir mit Sicherheit sagen kann: Der IS entwickelt sich weiter. Und falls er dahintersteckt, garantiere ich dir, dass er es nicht zu seinem Privatvergnügen tut. Er arbeitet auf etwas hin. Auf ein großes Ziel.«
Erneut wies ihn Karman unter dem Deckmantel, wilde Gerüchte nachzuplappern, auf einen wichtigen Punkt hin: Es musste etwas unternommen werden, bevor es Halabi gelang, seinen Einfluss auf eine neu erstarkte Dschihadistenbewegung zu erweitern. Ihm erzählte er damit nichts Neues. Rapp und Kennedy predigten dasselbe den amerikanischen Politikern. Nur dass die sich von Tag zu Tag weniger dafür zu interessieren schienen.
Karman griff nach einer Packung Zigaretten und zündete sich eine an, bevor er weitersprach: »Für uns ist hier nichts mehr zu holen, mein Freund. Ich kann einen Tag nicht mehr vom nächsten unterscheiden. Ich serviere Essen. Ich putze. Ich höre mir das Gerede der Leute an. Und ich warte auf den Tod.«
4
Zentraljemen
Der Junge rollte sich auf der schmutzigen Pritsche zusammen, hielt die Hand vor den Mund und wappnete sich für den anstehenden Hustenanfall. Dr. Victoria Schaefer verfolgte hilflos, wie er verkrampfte. Die abgehackten Geräusche wurden vom Schutzanzug gedämpft, den sie trug. Als es vorbei war, streckte er eine Hand aus, an der Blut aus seiner Lunge klebte.
Sie griff danach, drückte sie sanft durch die Gummihandschuhe und kämpfte dagegen an, in Tränen auszubrechen. Ihre Kopfbedeckung hätte es sowieso nicht zugelassen, sie wegzuwischen. Eine Lektion, die sie in den vergangenen Jahren wieder und wieder gelernt hatte.
»Alles wird gut«, log sie durch die Plexiglasmaske.
Die Atemwegskrankheit, auf die sie in diesem abgelegenen Jemenitendorf gestoßen waren, hatte mehr als ein Drittel der Menschen mit Symptomen dahingerafft. Bald würde auch der Junge in dieser Statistik auftauchen. Es gab nichts, was sie dagegen unternehmen konnte.
Er mühte sich etwas zu sagen und deutete dabei auf eine der anderen Pritschen, die sich in dem winzigen Steingebäude aneinanderreihten. Sie verstand die Wörter nicht – ihren Dolmetscher in diese primitive Klinik mitzunehmen wäre zu riskant gewesen –, aber sie verstand ihre Bedeutung. Die Frau, die neben dem Eingang lag, war seine Mutter. Nach tagelangem Kampf um jeden Atemzug hatte sie vor zwei Stunden aufgegeben.
»Sie schläft nur.« Schaefer bemühte sich, so sanft wie möglich zu sprechen.
In seinem Alter waren Vertrauen und Hoffnung noch nicht aus den Augen des Jungen verschwunden. Im Gegensatz dazu schienen ihr die Erwachsenen im Dorf nicht länger zu trauen. Kein Wunder. Schon bevor ihre Medikamentenvorräte zur Neige gingen, hatte sie auf verlorenem Posten gekämpft. Mehr als es den Kranken so behaglich wie möglich zu machen und ihre sekundären Infektionen mit Antibiotika zu bekämpfen blieb nicht. Das Virus ließ sich nicht aufhalten.
Der Junge verlor das Bewusstsein. Schaefer lief durchs Dämmerlicht zu einem Hocker in der Ecke. Das Fenster war abgeklebt, die Tür so dicht wie möglich gegen die mit Gummileisten verstärkte Zarge geschoben. Licht drang durch ein Loch im Dach, das mit einem Stück weißen Stoffes abgedeckt wurde. Etwas anderes stand ihnen nicht zur Verfügung.
Die anderen drei lebenden Menschen im Gebäude befanden sich in verschiedenen Stadien der Erkrankung. Einer – ironischerweise ein Mann, der sein Alter auf Ende 60 schätzte – schien auf dem Weg der Besserung zu sein. Ob man tatsächlich von Besserung sprechen konnte, da war sie nicht so sicher. Immerhin ließ das Akute Jemenitische Atemwegssyndrom, wie sie es getauft hatten, fast 30 Prozent der Überlebenden mit permanenten Behinderungen zurück. Dass er nie wieder normal arbeiten konnte, stand so gut wie fest. Die Frage war eher, ob er es schaffte, ohne fremde Hilfe den Alltag zu bewältigen.
Das endgültige Schicksal der beiden anderen Patienten hing in der Schwebe. In der Frühphase des Ausbruchs waren keine verlässlichen Prognosen möglich. Beide waren kräftig und um die 20, doch das schien für das AJAS keinen Unterschied zu machen. Es befiel in gleichem Maße die gesamte Bevölkerung, ob nun kerngesunde Erwachsene, Kinder oder Ältere.
Der Junge fing wieder an zu husten. Diesmal ging sie nicht zu ihm, sondern starrte auf das Blut an ihren Handschuhen. Sie hatte seine Mutter extra so platziert, dass er sie sehen und Trost aus ihrer Anwesenheit ziehen konnte. Im Gebäude herrschte eine stickige Hitze. Am Ende war es egal. Er lebte sowieso nicht mehr lange genug, um mitzubekommen, wie ihre Leiche sich zersetzte.
»Vick–«
Die Stimme aus dem Satellitenhandy brach ab. Schaefer schüttelte genervt das Gehäuse. Keine besonders technische Herangehensweise, aber es schien zu funktionieren. Auf diese Weise bekam sie die abschließenden Worte des Satzes von ihrem Boss mit, beschloss jedoch, sie zu ignorieren. Ken Dinh war der Leiter von Ärzte ohne Grenzen, ein guter Mann und ein persönlicher Freund. Allerdings saß er hinter einem Schreibtisch in Toronto, während sie sich im Niemandsland des Jemen durchschlagen musste.
»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Vicky?«
Da sie niemand sah, gönnte sie sich ein Stirnrunzeln mit finsterer Miene. Mit 42 hatte sie bereits eine Reihe von Ehemännern verschlissen, die letztlich alle dieselben Beschwerden vorbrachten. Ganz oben auf der Liste stand, dass sie besessen von ihrem Job war. Dann kam hinzu, dass sie – um die Formulierung ihres letzten Gatten zu benutzen – ständig irgendwo in einem vom Krieg erschütterten, mit Krankheiten verseuchten Loch in der Dritten Welt feststeckte. Und schließlich warfen ihr alle vor, dass sie nie zuhörte und ständig nur selbst redete. Zumindest vermutete sie das, denn sie hatte nie richtig zugehört.
»Ja, hab ich. Ich weiß nicht, was du von mir erwartest. Willst du hören, dass du dir keine Sorgen machen sollst? Dass es nicht so schlimm ist, wie es klingt? Und was soll ich den Leuten hier im Dorf erzählen? Schluckt zwei Aspirin und kommt morgen wieder?«
»Sarkasmus steht dir nicht, Vicky.«
»Ernsthaft?«
»Nein. Das sollte ein Witz sein.«
»Also sind wir jetzt an dem Punkt angelangt, wo wir uns mit Witzen aufheitern?«
Selbst eine halbe Welt entfernt konnte sie sein tiefes Seufzen hören. »Aber die Krankheit tritt isoliert auf, oder? Du hast nichts mitbekommen, das auf einen Ausbruch außerhalb des Dorfs hindeutet?«
Sie war ungefähr einen halben Kilometer weit gelaufen, um den Anruf zu erledigen, und hatte auf halber Strecke einer Anhöhe haltgemacht, wo große Felsbrocken ein wenig Schatten spendeten. Hierhin kam sie immer, wenn sie allein sein wollte und Orientierung in einer Welt suchte, die kaum welche bot.
Das Dorf im Tal machte nicht viel her. Ein paar primitive Bauten, allesamt aus Lehm und rötlichen Steinquadern errichtet, die die Landschaft ringsum dominierten. Sie betrachtete sie einige Momente lang, statt zu antworten. Streng genommen hatte Dinh recht. Die Krankheit, die sie entdeckt hatten, schien sich auf diesen gottverlassenen Ort und die 43 verbliebenen Bewohner zu beschränken.
Genau deswegen interessierte sich niemand dafür. Für die Huthi-Rebellen und die Regierungstruppen, die um die Kontrolle über das Land stritten, hatten diese Menschen keine strategische Bedeutung. IS- und Al-Qaida-Soldaten in diesem Gebiet scheuten ebenfalls den Aufwand, zwei oder drei Bewaffnete hinzuschicken, um das Dorf einzunehmen. Und die Saudis sahen keinen Grund, Treibstoff und Geschütze zu verschwenden, um es einzuebnen.
Die Krankheit, die hier wütete, ließ sich vermutlich auf eine der Fledermauspopulationen in den Höhlen jener Anhöhe zurückführen, auf der sie gerade stand. Die Spezialisten, mit denen sie sich abgestimmt hatte, versicherten ihr, dass der Flugradius der Tiere nicht ausreichte, um die nächste Siedlung zu erreichen – ähnlich klein und mehr als 60 Kilometer weiter östlich.
»Ja, sie tritt isoliert auf«, erklärte sie schließlich. »Ich weiß nur nicht, wie lange das so bleibt. Es klappt nur, weil ich diese Menschen mit Essen und medizinischer Hilfe versorge, damit keiner von ihnen auf die Idee kommt, das Dorf zu verlassen. Und ich setze darauf, dass niemand von außerhalb einen Anlass findet herzukommen. Blind darauf verlassen können wir uns nicht.«
»Du hast erwähnt, dass du das Ganze für einen unglücklichen Zufall hältst, richtig? Der Krieg hat das Dorf von der Versorgung abgeschnitten. Daraufhin sahen sie sich zum ersten Mal gezwungen, ihren Hunger mit Fledermäusen zu stillen.«
»Das war nur eine Vermutung«, antwortete sie angespannt. »Wir schaffen es nicht, jemanden mit der entsprechenden Expertise herzuholen, um die nötigen Tests durchzuführen. Hör zu, Ken, ich bin mit einem Pfleger und einem Mikrobiologen hier, der sich bloß dafür interessiert, ein paar wissenschaftliche Aufsätze in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. 25 Menschen in diesem Dorf sind bereits tot. Das entspricht gut einem Drittel der Bevölkerung.«
»Aber es ist dir gelungen, die Ausbreitung zu stoppen, oder? Die Lage ist unter Kontrolle.«
»Wir haben die letzten eindeutig identifizierbaren Erkrankten unter Quarantäne gestellt und fürs Erste die Bewohner davon überzeugt, sich von den Fledermäusen fernzuhalten«, bestätigte sie. »Aber es ist extrem ansteckend, Ken. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Selbst kurzer Kontakt mit einem Infizierten führt mit mehr als 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu einer Ansteckung. Das Schlimmste ist, wie lange das Virus auf Oberflächen zu überleben scheint. Es gibt stichhaltige Hinweise, wonach Menschen erkranken, nachdem sie Gegenstände berührten, die 72 Stunden vorher von einem der Opfer angefasst wurden. Was, wenn jemand, der darunter leidet, an einem Flughafen auftaucht? Es würde genügen, dass er einen Knopf im Aufzug drückt oder sich am Check-in-Schalter aufstützt, und das Virus würde sich weltweit ausbreiten. Wie sollen wir so etwas verhindern?«
»Das letzte Mal haben wir es auch verhindert.« Er bezog sich auf die SARS-Pandemie zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
»Das kann man nicht vergleichen, und das weißt du auch! SARS ist deutlich weniger infektiös und brach zuerst in Asien aus. Uns blieb damals genug Zeit, global Gegenmaßnahmen auf Basis moderner medizinischer Gerätschaften einzuleiten. Wir reden hier vom Jemen. Dort fehlt es an jeglichen Ressourcen. Man kann sich nur hinsetzen und beten. Wir sprechen von einer potenziellen Pandemie, die am Ende Hunderte Millionen Opfer fordert. Bist du Arzt oder Politiker, Ken? Wir …«
»Halt den Mund, Vicky! Halt einfach mal für eine Minute den Mund und hör zu, wenn du das hinbekommst.«
Der für ihn untypische emotionale Ausbruch brachte sie zum Schweigen.
»Hast du eine Vorstellung, was im Rest des Jemen gerade geschieht? Außerhalb deiner kleinen Welt? Wir haben es mit einem Cholera-Ausbruch zu tun, der nun offiziell als schlimmster der Nachkriegszeit gilt. NGOs treten wegen der ständigen Bombardements und der zunehmenden Gewalt den Rückzug an. Die Mitarbeiter des örtlichen Gesundheitswesens sind entweder selbst erkrankt oder haben seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen und legen die Arbeit nieder, weil sie ums nackte Überleben kämpfen.«
»Ken …«
»Ich bin noch nicht fertig! Rund ein Drittel des Landes steuert auf den Hungertod zu. Wir haben es mit Infektionen zu tun, bei denen unsere Antibiotika keine Wirkung zeigen. Und es gibt Gerüchte, wonach ein massiver Angriff auf Al-Hudaida bevorsteht. Sollte der dortige Hafen schließen, würden alle Nachschublieferungen versickern. Dann käme die humanitäre Hilfe zum Stillstand. Es kämen weder neue Nahrung noch Medikamente ins Land. Kein Treibstoff. Das Land würde im wahrsten Sinne des Wortes ausgehungert.«
»Aber …«, versuchte sie einen Einwand vorzubringen.
»Klappe!«, rief er und fuhr fort: »Als ob das noch nicht reicht, halten es die meisten Regierungsvertreter oder Großspender nicht mal für nötig, mich zurückzurufen. Und warum? Weil sich niemand einen feuchten Dreck um den Jemen schert. Sie finden das Land nicht mal auf der Karte und haben die Nase voll davon, Hilfsgelder in Projekte im Nahen Osten zu pumpen, die ihnen vorzeitig um die Ohren fliegen. Ganz zu schweigen von der US-Präsidentschaftswahl, die weltweit die Berichterstattung dominiert. Selbst wenn morgen ein Raumschiff mit Außerirdischen im Jemen landet, schafft es die Meldung mit Glück auf Seite neun der Times.«
»Ken …«
»Sei still, sei still, sei still!«, herrschte er sie an. »Wo war ich? Ach, genau. Nachdem das also geklärt ist, erwartest du, dass ich meine ohnehin mickrigen Ressourcen von den Tausenden, die in den Städten sterben, auf ein winziges Dorf mit 50 Leuten umlenke, das isoliert in der Wüste dahinsiecht?«
»Leck mich, Ken.«
