Exerzitien - das Leben beleben - Willi Lambert - E-Book

Exerzitien - das Leben beleben E-Book

Willi Lambert

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Beschreibung

Ignatius von Loyola schreibt einmal, Exerzitien seien "das Allerbeste in diesem Leben, … damit der Mensch sich selber nützen kann … und Frucht für viele andere bringt". Nicht wenige Menschen erfahren diese als echte Lebenshilfe. Es sind Tage der besonderen Aufmerksamkeit auf Altes und Neues. In Zeiten der Besinnung, Meditation und des Gebetes wird Leben neu belebt. Willi Lambert bringt aus der geistlichen Begleitung durch Besinnungsfragen, spirituelle Texte, persönliche Zeugnisse und Arbeitshilfen Anregungen für "die Mystik des Alltags".

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Willi Lambert

Exerzitien – das Leben beleben

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ und Stefan Hofmann SJ

Band 90

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Willi Lambert

Exerzitien – das Leben beleben

echter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

© 2021 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN

978-3-429-05605-6

978-3-429-05146-4 (PDF)

978-3-429-06528-7 (ePub)

Inhalt

Vorwort

I. Ignatianische Vorbemerkungen

Das Exerzitienbuch – ein spiritueller Bestseller

Begeistert leben: Früchte des Geistes

Exerzitien – Leben einüben

Auf dem Weg des Lebens

Voreinstellungen in einer "Dreiecksgeschichte"

Jesus – das Wort aus dem Schweigen

Kommunizieren – Kommunion – Kommunikation

II. Prinzip und Fundament: Woher – Wohin – Wozu – Wie

Das Lebenshaus: Grundstein – Eckstein – Schlussstein

Der Originaltext und Variationen

Wer ist dein Gott?

So viel Schöpfung war noch nie

Zur Freiheit befreit

Atmen – Durchatmen – Aufatmen

III. Der Weltschmerz Gottes und der Menschen

Alles gut – auf den ersten und den zweiten Blick?

Von der Weltwerdung Gottes

Versöhnung – von der Freude Jesu

IV. Der neue und lebendige Weg

Erkennen – Lieben – Nachfolgen

Maria und das Evangelium Jesu Christi

Maria Magdalena und das Suchbild Jesu Christi

Kampffeld Herz

Jesus Christus – stark und sanft

Jesus der Fragensteller

Die diskrete Liebe des Ignatius

Die Magie des "Magis"

Christus in der Kirchenbank

V. Keine größere Liebe

Im Kreuz ist Heil – kann man das singen?

Wofür das »christliche Kreuz« steht

VI. Auf! – Österliche Lebendigkeit

Karriere nach unten – Erhöhung am Kreuz

Jesus lebt – gegenwärtig im Geist

Betrachtung, um Liebe zu erlangen

VII. Gottes Liebe – Vor Ort und in allem

Alltagsspiritualität und der Sohn des Zimmermanns

Gott und die Reich-Gottes-Bürger

Wie man Leben üben kann

VIII. Zusätze und Nachbemerkungen

Das Buch der Bücher

Gotteswort in Menschenwort

Lesen mit den »Augen des Herzens«

Nimm und lies – oder doch nicht?!

Es singe, wem Gesang gegeben

Heilige Zeichen und Zeiten

IX. Leben im Gotteskontakt

Beten ohne Unterlass – aber wie?

Mit 17 träumt man – oder auch noch mit

Dasein in der Anbetung

Vater unser – im Plural vor Gott

Stammesgeschichte und Gottesursprünglichkeit

Die Zeit ist die Schule der Liebe

Die Liebe lebt vom Kommunizieren

Vom ganzen Leben

Anmerkungen

Vorwort

Das Kurzgespräch in einer Münchner S-Bahn verlief einige Stationen lang angenehm. Sie kam aus Dresden und ich erzählte, dass ich seit kurzem in Dresden-Hohen-Eichen in einem Exerzitienhaus der Jesuiten Exerzitien begleiten würde. Da bemerkte nach kurzem Zögern mein Gegenüber in etwas fragend-besorgtem Ton: »Ja, das kann aber doch auch tödlich sein!?« Darauf ein Stutzen meinerseits, bis mir kam, sie habe wohl einen Film gesehen oder eine Zeitungsmeldung gelesen, wo von einem Exorzismus, einer Teufelsaustreibung, mit tödlichem Ausgang, berichtet wurde. Natürlich versuchte ich zu erklären, dass Exerzitien eigentlich Hilfe zur Belebung des Lebens eines Menschen sein wollen und dieses Aufleben auch immer wieder geschieht. Exerzitien seien nicht in dem von ihr befürchteten Sinn lebensgefährlich, sondern lebensförderlich: Exerzitien – das Leben beleben.

Lebensweg – Exerzitienzeit

Im vorliegenden Beitrag soll auf vielfältige Weise von Exerzitien als Lebens-Hilfe gesprochen werden und auch umgekehrt vom Leben als ständigem Exerzitienprozess. Leben aus einer geistvollen Inspiration und Exerzitien als Lebensförderung im besonderen Rahmen bzw. Setting von »geistlichen Übungen« (exercitia spiritualia).

Die Hinweise dazu liegen auf vielerlei Ebenen. Sie bieten Anknüpfungen an das Exerzitienbuch und Lebensereignisse von Ignatius, Erfahrungen und Geschehnisse auf dem Lebens- und Glaubensweg, persönliche Zeugnisse, spirituelle Texte, Anleitungen zu biblischen Betrachtungen und Lebensbesinnungen, Alltägliches und Gipfelerlebnisse. Es ist eine Mischung, wie auch das Leben eine reiche Mischung ist. Die einzelnen Kapitel orientieren sich in etwa am Ablauf des Exerzitienbuches: Zuerst folgen Ausführungen zu den umfangreichen Vorbemerkungen, dann das Prinzip und Fundament als Leitlinie und Grundausrichtung für den ganzen Weg. Die sog. erste Exerzitienwoche lenkt den Blick auf die lebensfeindlichen und grausamen Finsternisse unserer Weltzeit und auf Erlösung, Befreiung, Auflichtung und Versöhnung. Die sog. zweite und dritte und vierte Woche sind ein geistlicher Weg mit Jesus, in dem »die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien« (Titus 3,4).

Die innerliche Wahrnehmung des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu will und kann sich prägend auf das eigene Leben auswirken. Der Wanderprophet Gottes verwandelt im Mitgehen unseren eigenen »Lebenswandel« und erschließt nach dem Zeugnis vieler »Anhänger des Weges Jesu« (Apg 1–2) einen »neuen und lebendigen Weg« (Hebr 10,19), zusammengefasst in der Selbstbezeichnung: »Ich bin Weg, Wahrheit und Leben« (Joh 14,6).

Fürs Nachschauen

BU

Briefe und Unterweisungen (hg. von P. Knauer)

EB

Nummer aus dem Exezitienbuch (übersetzt von P. Knauer)

GT

Gründungstexte der Gesellschaft Jesu (hg. von P. Knauer)

Zitate aus BU und GT werden jeweils mit Seitenzahlen angegeben.

Ignatius schreibt einmal an seinen ehemaligen Beichtvater in Paris, die Exerzitien seien »das Allerbeste, was ich in diesem Leben denken, verspüren und verstehen kann, sowohl dafür, dass sich der Mensch selber nützen kann, wie dafür, Frucht zu bringen und vielen anderen helfen und nützen zu können« (EB 655).

Möge sich diese Aussage beim Lesen und Eingehen auf die Anregungen ein wenig erfahrbar machen.

Willi Lambert SJ

I. Ignatianische Vorbemerkungen

Das Exerzitienbuch – ein spiritueller Bestseller

Wie ein Buch betitelt ist und beginnt, ist oft schon kennzeichnend für den Autor, für den Inhalt und Stil. Der Titel des spirituellen Bestsellers von Ignatius lautet einfach »Geistliche Übungen« (exercitia spiritualia) und die erste Überschrift des Exerzitienbuches ist gleich ein ganzer Satz: »Anmerkungen, um einige Einsicht in die folgenden Geistlichen Übungen zu erlangen und damit sowohl der, der sie geben, wie der, der sie empfangen soll, Hilfe erlangen (EB 1). In diesem Sinn soll zu Beginn geklärt werden, was »geistlich« meint, was die Rolle des »Übens« und was Ziel und Methode von Exerzitien sind. Dies soll dann weiter entfaltet werden im Blick auf einige der 20 Vorbemerkungen, mit denen das Exerzitienbuch beginnt. Sie erweisen Ignatius als einen Menschen, dem es um Sinnziel und Weghilfe geht. Das Exerzitienbuch habe – so eine fromme Bemerkung – mehr Menschen auf dem Weg zur Heiligkeit geholfen, als es Buchstaben zähle. Ziel und Weg benennt Ignatius in der ersten Vorbemerkung des Exerzitienbuches: Geistliche Übungen, um im Blick auf Gottes Liebeswillen in wachsender Freiheit ein Leben im Lieben zu gestalten (vgl. EB 1). Dabei ist besonders wichtig zu sagen: »Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Innerlich-die-Dinge-Verspüren und Schmecken« (EB 2).

Besinnung auf das Leben

Ein altes Werbeplakat für Zigaretten zeigt junge Menschen, Strand, Sonne, Meer mit der Aufschrift »That’s life« – »Das ist Leben!« Darunter steht: »Der Gesundheitsminister warnt: Rauchen kann tödlich sein!« Diese Doppelbotschaft legt die Frage nahe: Was ist Leben wirklich und was ist lebensgefährlich? Dies sind wohl Fragen jedes Menschen, dem es ums Leben und ums ganze Leben geht. Es lohnt sich, im Buch des eigenen Lebens zu blättern und sich zu fragen:

– Was kommt mir spontan zur Frage, was Leben für mich bedeutet? Welche Menschen, Worte, Fotos mit Unterschriften, helle und dunkle Stunden lassen mich dies sehen?

– Was wären Kapitelüberschriften für meine Autobiographie?

– Ein Gang auf einem Friedhof kann fragen lassen: Welchen Grabspruch, welche Todesanzeige würde ich wählen und wie sähe mein geistliches Testament aus?

– Was gehört zu Gipfelerlebnissen, was zu den Abgründen meines Lebens?

– Wann war dies und jenes zum ersten oder zum letzten Mal?

– Was waren Anfänge und wann gab’s ein Aufhören?

– Welche inneren Regungen und Haltungen wie etwa Freude, Angst, Ohnmacht, Wut, Hass, Liebe, Freisein kenne ich?

– Wofür möchte ich leben und wofür sterben?

– Was bedeutet für mich »Leben in Fülle«? (Joh 10,10; vgl. 17,3). Für Jesus war es die Liebe und er fragt: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?« (Mt 16,25f.).

Begeistert leben: Früchte des Geistes

Die Formulierung »Geistliche Übungen« legt zunächst die Frage nahe, was mit »geistlich« und »Geist« gemeint sein soll. Der Sprachgebrauch gibt Auskünfte: Teamgeist, Klassengeist, Geisterbahn, Begeisterung, Heiliger Geist, böser Ungeist, geistvoll und geistesgestört. Früher nannte man Priester nicht selten »Geistliche« und es wird um »geistliche Berufe« gebetet.

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter gelegentlich mit einem etwas leisen, andachtsvollen Ton in der Stimme sagte: »Die Tante Maria hält sehr viel vom Heiligen Geist.« Es muss mehr gewesen sein als der Rat, man solle bei einer Prüfung zum Heiligen Geist beten. Was hat es mit dem Heiligen Geist auf sich? Gibt es ihn nur auf der Geisterbahn oder mitten in unserem Leben? Die vielleicht einfachste Annäherung an seine Wirklichkeit ist der Verweis auf die bildhafte Sprache der ersten Christen von den »Früchten des Geistes«. Von Früchten lebt man. Eine Reihe davon zählt Paulus auf: »Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Gal 5,22). Sind diese geistlichen Haltungen nicht lebensspendend und nah am alltäglichen Leben? Ob Menschen einander liebevoll oder missachtend begegnen, macht einen Unterschied und ebenso, ob jemand Mitempfinden hat oder alles an ihm wie an einer Plastikhaut abläuft. So ließe es sich vielfach weiterformulieren. Innere Haltungen äußern sich im konkreten Leben als freundlicher Gruß, als Krankenbesuch, als angemessene Rücksichtnahme auf Nähe und Abstand nicht nur in der Zeit der Pandemie, als Hausaufgabenhilfe, Verlässlichkeit und Treue, verständnisvolles Zuhören, finanzielle Unterstützung und all die vielfältigen Weisen des Begegnens.

Die Wirklichkeit des Geistes zeigt sich auch durch die Nennung der Früchte des Ungeistes, in der Bibel oft mit dem Wort vom verderblichen und verwesenden »Fleisch« bezeichnet. Dazu zählt Paulus: »Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr« (vgl. Gal 5,13–26). Der doppelte spirituelle Speisezettel stellt die Frage: Wovon nähren wir uns? Sind es Giftstoffe oder lebensfördernde Seelenspeisen? Paulus schreibt in seiner kräftigen Sprache: »Das ganze Gesetz ist in einem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt« (Gal 5,14f.).

Die geistlichen Übungen von Ignatius sind ein Beitrag zur Nahrung des inneren, des seelischen Menschen. Da geht es in erster Linie nicht um Kilokalorien, vegetarisches, veganes Essen, sondern um die spirituelle Gewichtung: »Das Gewicht der Seele ist die Liebe«, so Ignatius. Exerzitien sind eine Art Diät und Reha-Zeit der Seele und beleben mit der Frage: »Wes Geistes Kind bin ich?« Die vielgenannte »Kirchenkrise« ist wesentlich eine Heilig-Geist-Vergessenheit.

Exerzitien – Leben einüben

Exerzitien, exerzieren stammt vom Lateinischen exercere, was »üben« bedeutet, und dies wiederum kommt aus der Formulierung »ex arce«, d.h. aus der Burg herausgehen. Das Heer übt sich, um im Notfall für den Kampf, den Schutz bereit zu sein. Für Ignatius gehörte das Üben von höfischen Sitten, diplomatischer Sprache und Verhandlungsführung, Verwaltungsaufgaben bis hin zum Training mit Waffen zum täglichen Geschehen; Letzteres liebte er besonders.

Leben lebt vom Üben, vom Einüben und Ausüben. Was gibt es, was ohne Üben geht? Sprechen, Singen, Musizieren, Arbeiten, berufliches Tun, Gesprächsführung, Entscheiden, Training beim Sport, Beziehungskultur, Tugenden, innere Haltungen, Wissenschaft mit ihren Experimenten. Gewohnheiten und alles Lernen sind ganz wesentlich verbunden mit Üben. Übung ist ein wiederholtes Tun auf ein bestimmtes Ziel hin und mit bestimmten Methoden. Das mag streckenweise anstrengend, ermüdend, langweilig und langwierig sein und nur mit Geduld und Lernbereitschaft und mit demütigem Repetieren zum Ziel führen. Es ist, wie Otto Friedrich Bollnow in seinem Buch »Vom Geist des Übens« schreibt: »Vom Kennen zum Können führt nur das Üben.« Und eine wesentliche Botschaft ist der vielsagende Titel des Bestsellers von Erich Fromm: »Die Kunst des Liebens«. Viele Liebesbeziehungen scheitern seiner Erfahrung nach daran, dass Liebe mit Verliebtheit verwechselt wird. Liebe wächst nur im gegenseitigen Lernen und Üben; man könnte auch sagen durch Inspiration und Transpiration.

Üben ist ein Akt der Hoffnung

In diesem Wort kommt zum Ausdruck, dass Üben nicht ein stures, sozusagen absichts- und hirnloses Wiederholen ist, sondern einem Sinn und Zweck dient. Dies wird auch deutlich, wenn man der Wortwurzel von Üben, nämlich »uoben«, nachgeht. Es bedeutet laut Lexikon: pflegen, bebauen, verehren. Die vermutlich aus dem bäuerlichen Bereich stammenden Menschen sahen im Prozess des Wachsens sozusagen drei Dimensionen: Man muss ein Feld bebauen, dann das Ausgesäte pflegen und schließlich müssen sie offensichtlich das ganze Geschehen mit einer Art Ehrfurcht wahrgenommen haben. Dieser Dreiklang bestätigt sich durch das lateinische Wort colere. Beim Lernen musste man sich die Sache einprägen: colere heißt pflegen, bebauen, verehren. Das Geschehen von Kultur und Kult kommt von dorther.

Wie differenziert und vielgestaltig das Üben ist, zeigt sich in einem etwas unbekannten Text aus dem zweiten Brief von Petrus. Er liest sich wie eine Treppe, auf der man bei jedem Wort innehalten kann: »Alles, was für unser Leben und unsere Frömmigkeit gut ist, hat seine göttliche Macht uns geschenkt, darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe. Wenn dies nämlich bei euch vorhanden ist und wächst, dann nimmt es euch die Trägheit und Unfruchtbarkeit für die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus« (2 Petr 1,3–8).

Sich disponieren – Gnade und Mitwirken

Die Übungen, so Ignatius, sollen helfen, »sich vorzubereiten« (se disponer), so wie man den Empfang eines Gastes vorbereitet. Wer sich darauf freut, die Begegnung ersehnt, wird tun, was er dafür tun kann. Die Zusage, das Kommen des Gastes sind dessen Entscheidung und Wirken, dessen Geschenk, dessen Gnade. Bedeutsam ist, dass Gott selber den Menschen zu dessen Tun disponiert (EB 20). Diese doppelte Disposition ist kurzgefasst die ignatianische Theologie, in der sich Gottes Gnade und menschliches Mitwirken vereinen. Dies ist eine Sichtweise, die immer wieder auch im ökumenischen Dialog erstaunt und dankbar verstanden und angenommen wird. Dies wird auch noch dadurch verstärkt, dass es in einer Vorbemerkung heißt, die begleitende Person solle »unmittelbar den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn« (EB 15).

Das Leben – ein Frommwerden

Das Leben ist nicht ein Frommsein,

sondern ein Frommwerden;

nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden;

nicht ein Sein, sondern ein Werden;

nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.

Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.

Es ist noch nicht getan oder geschehen,

es ist aber im Gang und im Schwang.

Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.

Es glüht und glänzt noch nicht alles,

es reinigt sich aber alles.

(Martin Luther)

Auf dem Weg des Lebens

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung« – dieses oft zitierte Wort des Religionsphilosophen Martin Buber weist darauf hin, dass wir, dass alles nur lebt in und durch Beziehung; durch Beziehung mit andern, mit der Natur, mit uns selber – und mit Gott, dem Ursprung allen Seins. Ein wenig buchstabenspielerisch kann man neun menschlich-existentielle Stationen des Lebensweges mit Zwischenüberschriften überschreiben, die allesamt mit »G« beginnen. Es sind dies auch die geistlichen Landschaften des Exerzitienweges. Wo jemand gerade steht, welche geistlichen Schritte »dran« sind und welche Wandlungen, das zeigt sich auf dem Weg.

Geschaffen

»Der Mensch ist geschaffen.« Mit dieser Aussage beginnen die Exerzitien. Geschaffen sein heißt, alles, was wir sind, wahrzunehmen: unsere Wirklichkeit, unsere Freuden und Schmerzen, unsere Erfüllungen und unsere Begrenztheiten, unsere Hoffnungen und Befürchtungen, unsere Lebensgeschichten, unser Suchen und Finden, unser Leben und Sterben. Was hier in allgemeinen Begriffen benannt wird, lässt sich in tausend Geschichten erzählen. – Was löst dieser Blick in uns alles aus? Staunen, Erschütterung, Dankbarkeit, Lobpreis, Aufstöhnen, Fluchen, Ehrfurcht, Anbetung, Lieben? Und was »gibt« mir die Botschaft Jesu, wir seien Geschöpfe, Kinder, Söhne und Töchter Gottes und untereinander Geschwister; und Gott habe »Wohlgefallen an uns«? (vgl. Ps 18,20).

Gefallen

Die Welt wird nicht als permanenter Idealzustand erfahren, sondern als »gefallene Welt«. Als Welt, die in ihrem Wahnsinn dem Ursinn und ihren Möglichkeiten nicht entspricht. Kennzeichen dieser Welt sind vielfach: Machtgier, Lügen, Gewalttätigkeit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit, Beziehungslosigkeit, Sucht, Verzweiflung, »die Hölle auf Erden«, wie manche sagen. Dies ins Bewusstsein kommen zu lassen mit dem Verwoben-Sein in ein Netz der Lebensfeindlichkeit und Liebesarmut (»Erbsünde«), mit Verletzungen, die man erlitten oder zugefügt hat, abgeleugnete Eigenschuld, Unversöhntsein, das ist eine harte Schule der Wahrheitsfindung; sie kann im biblischen Sinn aber auch erfahren werden als »Wahrheit, die freimacht« (Joh 8,32). Lebbar ist dies nur im Vertrauen auf Gottes Geist.

Gerettet