Extrem! 1 - Christoph Brandhurst - E-Book

Extrem! 1 E-Book

Christoph Brandhurst

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Beschreibung

Manchen ist die 'normale Lust' nicht genug. Für das Buch Extrem! 1 erzählen über zwanzig Männer, Frauen und Paare von ihren besonderen Neigungen. Für das Buch lüften sie das Geheimnis ihrer Leidenschaft. Alles ist erlaubt. Alles - mit einer einzigen Einschränkung: Alles, was Spaß macht, was freiwillig und aus Lust geschieht. Denn darum geht es in diesem Buch: um Lust - wenn auch der besonderen Art. Aber schließlich gab es auch einmal eine Zeit, wo alles, was nicht in der Missionarsstellung geschah, verpönt war. Der erste Band der erfolgreichen Serie - jetzt in neuer Ausstattung!

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Christoph Brandhurst

Extrem! 1

Frauen, Männer und Paare erzählen von der Lust an ihrer Leidenschaft

EXPLIZIT

INHALT

Die in diesem Buch beschriebenen oder gezeigten Praktiken sind keine Empfehlungen. Jeder sollte selbst über die Leidenschaften entscheiden, die er hat. Eine Haftung des Autors, des Verlags oder seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Vorwort

Lust und Leidenschaft extrem

Die Menschen in dem Ihnen vorliegenden Buch stellen sich, ihre Neigungen und Leidenschaften vor. Sie fragen sich: Was soll daran schon Besonderes sein? Schließlich haben Sendungen wie Liebe Sünde, Peep und Wahre Liebe in der Vergangenheit bereits hinreichend geklärt, was Menschen hierzulande und auch anderswo unter der Bettdecke so alles treiben.

Biologie und Physik haben alles erklärt und erforscht, die Geographie jeden Fleck der Erde entmystifiziert, und das Fernsehen zeigt uns täglich, was beim Nachbarn unter der Bettdecke passiert. Wenn wir ehrlich sind: nichts wirklich Aufregendes. Also machen sich Frauen wie Männer auf die Suche nach neuen Geheimnissen. Diese entdecken sie bei sich selbst; es sind Formen und Möglichkeiten, mit denen sie – alleine oder zusammen mit anderen – dem Alltag entfliehen können. Dem einen reicht dabei die Flucht in die Literatur, nach deren Lektüre er die Buchdeckel schließt und zurück in die »normale Welt« kehrt. Doch: Davon soll an dieser Stelle nicht die Rede sein. Der andere wiederum gibt sich mit einem kleinen Piercing durch die Brustwarze zufrieden, mit dem er sich von Freunden und Fremden abhebt – oder das er vor ihnen verbirgt. Sein kleines Geheimnis.

Beiden dieser aufgeführten Varianten ist gemein, dass sie die Phantasie stimulieren. Doch dabei bleibt’s. Einigen Menschen reicht dies aber nicht. Sie gehen noch ein ganzes Stück weiter. Sie leben ihre Phantasie. Sie forschen nach dem ultimativen Kick – und zwar in der Realität. Sie brechen auf zu neuen Ufern, sie wollen ihr Leben anders leben. »Stufenweise entwickelt sich die Phantasie bis zu einer neuen, einer manchmal extremen Form fort«, erklärt der Psychologe Rudolf Egg.

Schon bald ist das Leben ganz der Faszination des scheinbar Unmöglichen erlegen. So dünn sei die Grenze unserer Kultur. Schnell überschritten, so Der Spiegel. Plötzlich findet das Leben am Limit statt. Und manchmal führt es noch ein ganzes Stück weiter. Manchmal ungewollt, noch häufiger aber ganz bewusst.

Die, die ihre Lust und Leidenschaft, das Ritual der Liebe und des Lebens, im Extremen ausleben, wissen, dass sie damit auf Unverständnis stoßen – bei Familie, Freunden, Kollegen und/oder beim Rest der Welt. »Verstehen im eigentlichen Sinne kann man das nicht«, findet der Psychologe Rudolf Egg. »Man muss einfach feststellen, dass es offenbar Menschen gibt, die Lustempfinden bei Dingen haben, für die andere Personen keinen Zugang haben.«

Viele sind deshalb gezwungen, ein Doppelleben zu führen, mal mehr, mal weniger. Sie alle verbindet das Leben bis zum Anschlag. Bis zum Limit. Und manchmal noch ein ganzes Stück weiter.

Die Menschen in dem Ihnen vorliegenden Buch stellen sich, ihre Neigungen und Leidenschaften vor. Sie fragen sich: Was soll daran schon Besonderes sein? Schließlich haben Sendungen wie Liebe Sünde, Peep und Wahre Liebe in der Vergangenheit bereits hinreichend geklärt, was Menschen hierzulande und auch anderswo unter der Bettdecke so alles treiben.

Das ist richtig. Doch um das, was die TV-Sendungen bis dato zu berichten wussten, soll es an dieser Stelle nicht gehen. Uns interessiert nicht der »Koitus normalus«, den ein Großteil der Bevölkerung gemäß aktueller Statistiken ohnehin nur ein oder zwei Mal die Woche erlebt.

Es gibt so viele Dinge, die rechts und links des Weges liegen, den wir beschreiten. Es geht um die nicht ganz alltäglichen Obsessionen. Besonders, würden die einen sagen. Außergewöhnlich, die anderen. Und die meisten von uns würden behaupten: Extrem. Zugegeben, ein Buch so zu nennen, entbehrt nicht einer gewissen Polemik. Für den einen ist es normal, alle zwei Jahre einen Orgasmus zu haben, ein anderer Mensch möchte gerne drei Mal täglich kommen und findet das normal. Für manche Menschen ist dies zwar extrem, gleichwohl Analsex für sie – im Gegensatz zu vielen anderen Leuten – völlig normal ist. Für noch andere Menschen ist es das Normalste der Welt, sich gepierct und tätowiert kopfüber ans Andreaskreuz schnallen und anschließend den Po versohlen zu lassen. Ohne ein solches Ritual würden sie gar nicht mehr leben wollen. »Jeder lebt also das, was er ist. Jeder ist das, was er lebt«, sagt Janine, ein Junge, der sich in der Transgender-Szene bewegt und ebenfalls in meinem Buch zu Wort kommt.

»Wir sind alle verschieden erregbar und haben andere sexuelle Bedürfnisse. Das müssen wir akzeptieren«, sagt Rolf Gindorf, Leiter der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung mit Sitz in Düsseldorf.

Die Menschen, die in meinem Buch zu Wort kommen, haben es akzeptiert. Lesen Sie selbst!

Christoph Brandhurst

Kapitel 1

Peitschen & Fesseln. Das Spiel mit der Macht

Patricia, 38 & Matthias, 40

Kaufmännische Angestellte und Versicherungsberater

Patricia: Ich bin Patricia, 38 Jahre alt und kaufmännische Angestellte bei »Edeka« in Dortmund.

Matthias: Ich bin Matthias, 40 Jahre und Berater in der Filiale einer großen deutschen Versicherungsanstalt in einem Vorort von Dortmund. Ich möchte ungern sagen, um welche Versicherung es sich dabei handelt, denn in der Niederlassung bin ich neben fünf Frauen der einzige Mann. Vielleicht liest eine von ihnen oder auch ein Kunde von uns dieses Buch und weiß jetzt über mich und mein Sexleben Bescheid.

Patricia: Meinst du, das wäre dann ein Problem? Leute, die sich dieses Buch kaufen, werden selbst ein Faible für das Thema haben und dich deswegen nicht schief angucken.

Matthias: Dieses Risiko möchte ich nur ungern eingehen. Du weißt doch, wie es ist! Einmal ertappt, spricht es sich schnell herum und zu meinen Kunden gehören Senioren. Nicht auszudenken, wenn sie sich plötzlich bei der Zentrale über mich echauffieren.

Patricia: Und das nur wegen ein bisschen SM?

Matthias: Ich finde, SM trifft es nicht wirklich. SM hat für die Leute sehr viel, oft ausschließlich mit dem Geben und Nehmen von Schmerz zu tun. Genau das ist vielleicht auch der Grund, warum es mir so schwer fällt, darüber öffentlich zu reden. Es ist doch so: Die Menschen verwechseln sexuelle Sadisten, die romantische Erfüllung mit gleichgesinnten Partnern suchen, mit kriminellen Sadisten, die Opfern schreckliche Schmerzen zufügen. Das klingt jetzt sehr wissenschaftlich, und ich muss gestehen, der Satz stammt auch nicht von mir. Ich habe mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt und in einem SM-Handbuch darüber gelesen. Darin stand auch, beim SM gebe es keine Opfer. Darum geht es! Menschen, die SM mögen, leben diese Neigung mit Gleichgesinnten aus; alles – Schmerz geben, Schmerz nehmen – geschieht mit beiderseitigem Einverständnis. Keiner ist Täter, keiner Opfer. Ich glaube daher, Dominanz und Unterwerfung kommt der Sache viel, viel näher. Oder mit anderen Worten: Es ist ein Spiel mit der Macht.

Patricia: Aber Macht ist nicht immer nur ein Spiel, Matthias. Macht ist Realität und Alltag. Das ist ja gerade das Beunruhigende daran. In vielen Beziehungen gibt es per se einen dominanten und einen devoten Partner. Welche Ursache dieses Verhältnis auch immer hat, es ist tief in den beiden Personen verankert und wird von ihnen praktiziert, ohne jemals in Frage gestellt zu werden. Konkret sind es die typischen Rollenklischees: Der Mann entscheidet, was im Fernsehen läuft – Sportschau, Tatort, Al Bundy –, die Frau setzt sich ergeben daneben und guckt mit. Oder der Mann bezahlt im Restaurant die Rechnung, die Frau erfüllt ihm im Anschluss den Wunsch nach Sex. Der Mann ist die starke Schulter, die Frau der Kopf, der sich daran anlehnt. Das hat was mit Erziehung zu tun, ist ein normales Verhalten unserer Generation, so etwas wird nicht in Frage gestellt. Was ich damit sagen möchte: In einer »normalen« Beziehung sind die Rollen wie auch bei einer SM-Session klar abgesteckt. Der eine Partner ist dominant, der andere devot. Daran ändert sich nichts, so wie sich im alltäglichen Leben mancher Paare nichts am Rollenverhalten ändert. Bei uns ist das nicht so.

Matthias: Wir wechseln uns ab. Wir switchen, würde man in Fachkreisen dazu sagen. Nur auf diese Weise können wir das Spiel überhaupt genießen.

Patricia: Allgemein sagt man, es gibt mehr Unterwürfige als Dominante, was bedeutet, dass viele Menschen geben müssen, um etwas zu bekommen. Vielleicht erklärt das auch die große Menge an Dominas, die ihre Dienste anbieten.

Matthias: Wir beide finden die unterwürfige Position aufregender als die dominante. Aber wir beide haben ebenso Angst davor, vielleicht zu häufig unterwürfig zu sein. Wir wollen beide nicht so werden wie die Menschen, die bei dem Spiel nur noch unterwürfig sind. Wir finden, das ist sehr gefährlich. Wir merken häufig, wenn man den Unterwürfigen gespielt hat, dauert es manchmal eine ganze Weile, wieder aus der Rolle herauszukommen und zu sich selbst zu finden. Das meine ich damit: Was ist, wenn man so sehr in der Rolle steckt, dass man gar nicht mehr herauskommen möchte, geschweige denn herauskommt?

Matthias: Mich erregt hauptsächlich Bondage, also wenn ich gefesselt werde. Ich weiß inzwischen aus Gesprächen mit anderen, dass das gar nicht so ungewöhnlich ist und dass andere eine ähnliche Vorgeschichte wie ich haben. Auch sie haben, als sie klein waren, ihr Taschengeld für Krimimagazine ausgegeben, sich aber nicht für die Verbrechen interessiert, sondern für die Bilder von gefesselten Menschen, Frauen wie Männer. In der Pubertät hat mich der Gedanke, gefesselt und ausgeliefert zu sein, unheimlich angemacht.

Patricia: Bei mir war es auch die Literatur, allerdings erst später, da waren Matthias und ich bereits verheiratet. Ich las eines Abends eine Szene in einem historischen Liebesroman. Es war nicht wirklich ein Liebesroman, eher ein erotischer Roman. Der Held riss der Heldin das Kleid herunter und verpasste ihr ein Dutzend Peitschenhiebe. Später verliebte sie sich in ihn und er sich in sie. Sie heirateten. Eine ziemlich banale Geschichte, ich glaube, es war sogar ein Groschenroman, bin mir da aber gar nicht mehr sicher. Aber eines weiß ich auf jeden Fall: Ich habe diese Szene immer und immer wieder gelesen und sie mir vorgestellt, wenn wir, Matthias und ich, uns liebten. Keine unangenehme Phantasie, gebe ich zu. Doch ich traute mich nicht, ihm davon zu erzählen, bis wir einmal per Zufall – ich glaube, es war auf der Suche nach einem Vibrator – in einen Sexshop gingen und Matthias die Peitsche in den Händen hielt.

Matthias: Ja, wir waren auf der Suche nach einem Vibrator. Der sollte unser etwas eintönig gewordenes Sexualleben wieder ankurbeln. In diesem Sexshop entdeckte ich eine Peitsche, eine weiche Lederpeitsche.

Patricia: Matthias war es, der die Peitsche plötzlich in den Händen hielt und mich fragend ansah. Ich kann gar nicht sagen, wie meine Reaktion ausfiel. Klar, natürlich löste der Anblick der Peitsche in mir ein Gefühlsbad aus, irgendwas zwischen Heiß und Kalt, aber ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Aber etwas muss wohl doch nach außen gedrungen sein, das Matthias überzeugte, diese Peitsche zu kaufen, ohne mit mir Rücksprache zu halten. Zuhause nahm ich mir ein Herz und erzählte ihm, dass ich mir wünschte, von ihm ausgepeitscht zu werden.

Matthias: Dabei erzählte ich ihr dann auch von meinen Phantasien, den Fesselungen. Schon komisch, dass wir beide unseren erotischen Träumen nachhingen, die so verschieden und sich am Ende doch so ähnlich waren, und keiner von den Gedanken des anderen wusste. Zuerst stimmte mich das ein wenig traurig. Ich meine, wir waren verheiratet und eigentlich hätten wir offen darüber reden sollen. Warum hatten wir geschwiegen?

Patricia: Ich glaube, das hängt mit unserer Erziehung zusammen. Ich rede jetzt einfach mal für Matthias und mich; zumindest von mir weiß ich, dass es so ist. Über Sex wurde in meiner Familie nicht gesprochen. Meine Aufklärung bestand aus Erzählungen meiner Schulfreundinnen. Ich habe das nie verstanden, warum meine Freundinnen so viel wussten, während ich mit großen Augen ihren Geschichten lauschen musste. Sie mutmaßten über die Schwänze anderer Jungs, was diese wohl alles damit anstellen, was wir als Mädels damit treiben konnten, berieten über Praktiken und Verhütung und ich stand inmitten der Gruppe mit glühenden Wangen. Ab und zu nickte ich, wenn sie mich um meine Meinung baten. Was hätte ich auch sagen sollen? Als ich meine Mutter einmal darauf ansprach und fragte, was denn eigentlich ein »Coitus Interruptus« sei, sah sie mich mit hochrotem Gesicht an und schüttelte den Kopf. Sie sagte: »Dafür bist du zu jung!« Und kümmerte sich weiter um den Abwasch. Erst mein erster Freund zeigte mir, worum es sich dabei handelte. Er ging glücklicherweise sehr behutsam mit mir um und so entdeckte ich langsam das, wovon meine Freundinnen sprachen. Mir allerdings fiel es schwer, über Sex zu reden. Ich hatte es einfach nicht gelernt. Meine Eltern hatten versäumt, mir eine Sprache dafür zu geben. Und da sollte ich frei heraus über SM sprechen?

Matthias: Man könnte mir den Vorwurf machen, warum denn ich nicht einfach die Initiative ergriffen und über meine, ihre Phantasien gesprochen habe. Vielleicht hätte ich es machen sollen. Möglicherweise hätte ich es sogar gemacht, wenn meine eigenen erotischen Phantasien mir noch bewusst gewesen wären. Aber sie fanden in meiner Kindheit statt, gingen verloren auf dem Weg durch die Pubertät, während ich die ersten aufregenden sexuellen Erlebnisse hatte, und lagen irgendwann irgendwo verborgen, unter den Alltäglichkeiten des Lebens und des Sex, den ich hatte. Er war nicht schlecht, auch nicht mit Patricia, so dass der Bedarf, sich an längst vergangene Kinderträume zu erinnern, nicht gegeben war. Und hätte ich mich daran erinnert, wahrscheinlich hätte ich sie als pubertären Quatsch abgetan. Ich will nicht viele Worte über meine Erziehung verlieren, Sex spielte in meiner Familie durchaus eine Rolle, da wurde nicht hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Aber Sex war Sex, Fortpflanzung, Missionarsstellung und manchmal eben ein Vergnügen. Die Offenheit in meiner Familie ging immerhin so weit, dass mir Sexspielzeug und erotische Wäsche nicht fremd waren und ich es gelegentlich in das Liebesspiel mit Patricia einbinden konnte, ohne aufdringlich zu sein. Patricia gefiel es, auch wenn die Initiative dazu und auch in den Sexshop zu gehen nie von ihr kam, sondern von mir. Deswegen dachte ich nicht an mehr.

Patricia: Oder trautest du dich nicht?

Matthias: Das ist schon möglich. Ich spürte ja, dass es bei Patricia eine gewisse Hemmschwelle gab. Diese wollte ich auf keinen Fall durchbrechen, sondern respektieren. Ich dachte mir, wenn sie reden will, wird sie reden. Und wenn sie nicht reden will, dann wird sie es nicht tun und auch dafür ihre Gründe haben.

Patricia: Die ich hatte, wie du weißt.

Matthias: Und dann kam die Peitsche und plötzlich redeten wir über Sex. Ein kleines Utensil nur, aber eine große Wirkung. Sie hat Patricia die Hemmungen genommen. Plötzlich erzählte sie mir von ihren Phantasien, woraufhin ich mich an meine Kindheit erinnerte. Da war doch mal was gewesen?! Es war ein sehr interessantes, ein sehr ehrliches Gespräch, in dessen Verlauf wir beide uns neu kennenlernten. Das klingt so banal, aber wir entdeckten neue Seiten aneinander und das machte unsere Beziehung auf einmal interessanter und offener. Wäre das nicht gewesen, säßen wir wahrscheinlich jetzt auch nicht hier und könnten einfach so darüber reden. Am Ende überlegten wir, ob wir mit unseren Phantasien nicht unser Sexspiel bereichern, daraus so etwas wie ein Spiel machen könnten. Was wir dann auch taten.

Patricia: Inzwischen spielen wir zwei oder drei Mal pro Monat. Wir haben es uns zur Regel gemacht, nicht häufiger zu spielen. Wir möchten beide nicht, dass sich dieses Spiel irgendwann abnutzt. Die Gefahr ist vorhanden. Es ist uns doch schon einmal passiert, dass unser Sexleben ein wenig eingeschlafen war. Wir spielen auch nur, wenn unsere Tochter Verena die Nacht bei einer Freundin verbringt. Unsere »Spielsachen« heben wir in einem Safe mit Kombinationsschloss auf, der in unserem Schrank hinter einer langen Reihe von Kleidern verborgen ist.

Matthias: Das klingt, als würden wir es vor Verena verheimlichen wollen. In gewisser Weise tun wir es auch. Sie ist gerade erst fünf Jahre alt. Kinder sind manchmal sehr neugierig und wir möchten nicht, dass sie auf einer möglichen Erkundungstour durchs Haus auf die Peitschen und Seile trifft. Wir glauben nicht, dass sie es verstehen würde. In unseren Augen ist Verena zu jung dafür.

Patricia: Was wiederum so klingt wie die Worte meiner Mutter, als ich ein Kind war. Die Gefahr, dass Eltern mit ihren Kindern die gleichen Fehler machen, die sie selbst erleben mussten, ist groß. Das passiert in sehr vielen Familien. Trotzdem gibt es einen Unterschied. Matthias und ich sprechen inzwischen über Sex und werden auch mit Verena darüber reden, wenn es an der Zeit ist. Auf keinen Fall wollen wir etwas verschweigen, damit es ihr irgendwann so ergeht, wie es mir erging – dass ich mich nämlich nicht traute, über Wünsche und Phantasien zu reden, was eigentlich normal sein sollte.

Matthias: SM, Wünsche, Phantasien, man darf sich unser Spiel aber nicht so bizarr vorstellen, wie man es vielleicht aus dem Fernsehen oder Zeitschriften kennt, mit dunklen Kellerverliesen oder Andreaskreuz, in denen mit Ketten und Riemen behangene Ledermenschen auf gummibezogene Sklaven eindreschen.

Patricia: Unser »Spiel« besteht aus ein paar leichten Fesselspielchen. Ich binde Matthias die Hände auf den Rücken, er kniet vor mir, den Kopf gesenkt, die Schultern nach vorne, so dass sich sein Po schön wölbt. Dann versohle ich ihm den Hintern mit einem weichen, ledernen Handschuh. Matthias benutzt die Peitsche, manchmal aber lieber seine Hand. Manchmal tut seine Hand auf meinem Po mehr weh als die Peitsche. Es geht aber auch nicht um den Schmerz. Allein die Vorstellung, ausgepeitscht zu werden, erregt mich. Unterwerfung ist eine sexy Vorstellung. Darum geht es.

Matthias: Manchmal, wenn ich der dominante Partner bin, stecke ich ihr meinen Schwanz in den Mund. Sonst mag Patricia es nicht.

Patricia: Ja, das ist komisch, oder? Eigentlich stehe ich nicht auf Oralsex. Keine Ahnung, woher diese Abneigung kommt; ich kann mich nicht entsinnen, als junges Mädchen mal eine schlechte Erfahrung damit gemacht zu haben. Es gibt ja Frauen, die nicht blasen, weil ihnen ihr Freund beim ersten Mal rücksichtslos den Schwanz in den Mund gesteckt und dann ohne Rücksprache oder Warnung in den Rachen gespritzt hat. Igitt, das stelle ich mir wirklich ekelhaft vor, so unvorbereitet damit konfrontiert zu werden. So war es bei mir nicht. Ich mag Oralverkehr einfach nicht. Allerdings, wenn wir spielen und ich gefesselt vor ihm knie, er mir den Po auspeitscht und ich dabei vor Lust ganz feucht werde, dann gehört es zur Unterwerfung irgendwie dazu, dass er seinen Schwanz in meinen Mund steckt. Das gibt mir erst richtig das Gefühl, ihm willenlos ausgeliefert zu sein. Würde ich mich weigern, das weiß ich, würde ich wahrscheinlich noch mehr Peitschenhiebe auf den Arsch bekommen. Was ich ja nicht will, denn die Auspeitschung ist so etwas wie eine Strafe, mit der er mich gefügig hält. So ist das Szenario des Spiels.

Matthias: Am Ende unseres Spiels steht der Geschlechtsverkehr und immer für uns beide der Orgasmus.

Patricia: Das ist noch etwas, was uns von der eigentlichen SM-Szene unterscheidet. Der Orgasmus steht bei eingefleischten SMlern nicht im Mittelpunkt. Ihnen geht es mehr um die Rituale. Das Kopfkino gilt es in die Tat umzusetzen. Viele SM-Anhänger können gar nicht ohne diese Rituale. Diese Rituale werden zentrales Glied ihrer Sexualität und Befriedigung zugleich, und damit ist nicht der Orgasmus gemeint.

Matthias: Die Vorstellung, ausgeliefert zu sein, ausgepeitscht zu werden, erregt natürlich auch Patricia und mich, doch diese Phantasie ist für uns ein Weg von vielen, um zum Orgasmus zu gelangen. Darum geht es. Um Lust und Orgasmus. Wir benutzen noch nicht einmal heißes Wachs, das wir uns auf die Brustwarzen oder Genitalien träufeln. Wir haben auch keine Handschellen aus Stahl.

Patricia: Gelegentlich tragen wir während des Geschlechtsverkehrs Brustwarzenklemmen, und der dominante Partner dreht an der Schraube der Klemme, wenn der jeweils unterwürfige Partner kurz vor dem Orgasmus steht.

Matthias: Das war’s im Prinzip schon, für viele wahrscheinlich nicht einmal etwas Weltbewegendes, für uns aber ein ungeheures Wagnis und eine wahnsinnige Bereicherung.

Kapitel 2

Gegen alle Flaggen der Freiheit entgegen

Ernst-Michael, 60, Hospitalportier

Die Faszination für Piercings wurde in meiner Kindheit geweckt und ausgerechnet durchs Fernsehen, was man nicht meinen sollte, wenn man sich an das hausbackene TV der Nachkriegsjahre erinnert. Doch die ersten Filme, die ich Ende der 40er Jahre sah, waren Piraten- und Seeräuber-Geschichten mit Errol Flynn, diese uralten Schinken, die heute nur noch gelegentlich im Nachtprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender laufen. Ich habe die Filme noch genau vor Augen: Gegen alle Flaggen, Unter Piratenflagge oder, mein persönlicher Favorit, Herr der sieben Meere, wo Flynn den Piraten im Auftrag seiner Königin Elizabeth I. mimte. Was diese Filme mit Piercings zu tun haben? Vordergründig wenig, zugegeben. Allerdings trugen die Freibeuter Ohrringe. Das, was man ihnen im Film zugestand, war im Biedermeier-Deutschland undenkbar: Männer mit Ohrringen, wo kam man denn da hin?

Wenn man so will: Die Piraten nahmen sich die Freiheit. So habe ich den Ohrring, den diese Fernsehseeräuber trugen, immer mit dem Begriff »Freiheit« verbunden. Er war ein Zeichen für Unabhängigkeit und Rebellion, gegen alles Herkömmliche, gegen das Normale. Ich lebte von Geburt an in einem kleinen Dorf in der Eiffel; dort drehten sich die Uhren ein wenig anders, langsamer und behäbiger. Manchmal kam es mir so vor, als gleiche ein Tag dem anderen. Nicht unbedingt langweilig, aber unspektakulär, bestimmt von Tradition und Moral. Manchmal war das alles sehr enervierend. Und da in mir wohl schon immer ein kleiner Revoluzzer steckte, einer, der gerne ein bisschen anders ist als der Rest der Welt – wie die Piraten eben –, gehörte es fortan zu meinem ausdrücklichen Wunsch, einen Ohrring zu tragen. Was ich natürlich nicht machte, nicht nur, weil ich nicht wusste, wie ich ihn mir überhaupt stechen sollte. Klar, ich dachte kurzzeitig daran, mir mit einer Nähnadel meiner Mutter selbst ein Loch durchs Ohrläppchen zu stechen. Da mein medizinisches Know-how aber gleich Null war, verwarf ich den Gedanken daran recht schnell. Die Angst, mir weh zu tun oder gar Empfindliches zu zerstören, war viel zu groß.

Und dann war da ja auch noch die Gesellschaft. Damals waren Ohrringe bei Männern generell nicht akzeptiert. Das gehörte sich einfach nicht. Vielleicht wäre es in der Großstadt anders gewesen, mag sein. Dort herrschen Tag und Nacht Trubel und Hektik und es fällt ein bunter Vogel mehr oder weniger kaum auf. Aber man kann sich in etwa ausmalen, welche Reaktionen ich bei den Honoratioren auf dem Land hervorgerufen hätte. Mir wäre es im Prinzip egal gewesen, aber meine Eltern ließen immer wieder durchblicken, was sie von »ausgeflippten Leuten« hielten, und das, obwohl ich bemüht war, ihnen nie anmerken zu lassen, welche Wünsche ich insgeheim hegte. Möglicherweise haben sie es geahnt, vielleicht sogar gewusst. Die Erziehung meiner Eltern jedenfalls wirkte Wunder und erstickte – vorerst zumindest – alle Ansätze meiner Rebellion im Keim. Die Sehnsucht jedoch blieb. Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine Leidenschaft später umso mehr ausleben sollte.

Anfang der 80er Jahre setzte ein gesellschaftlicher Wandel ein. In den 70ern bestimmten bereits die Punks mit Ringen in Ohren, Wangen oder Nasen das Straßenbild, nicht unbedingt bei uns auf dem Dorf, aber Fernsehen und Illustrierte ließen keinen Zweifel daran, was in der weiten Welt vor sich ging. Dann tauchten in einschlägigen Shops die ersten Magazine aus Amerika auf, die Bilder zeigten, auf denen der Mann einen Ring trug, anfangs Ohrringe. Natürlich waren sie kein Zeichen der Piratenfreiheit mehr oder Hinweis auf eine sexuelle Ausrichtung – rechtes Ohrläppchen gleich schwul –, sondern waren Schmuck. Im Grunde also nichts Besonderes, und ganz gewiss kein Symbol der Rebellion.

Später entdeckte ich Brustringe. Das hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn, dass ich je daran gedacht hatte, mir meine Brustwarzen zu durchstechen.

Inzwischen arbeitete ich als Pförtner bei einem Krankenhaus einer benachbarten Kleinstadt und auch dort herrschten bestimmte Regeln, was das Erscheinungsbild betraf. Dabei war mit der eingeschränkten Optik nicht nur dem Empfinden der Patienten Rechnung zu tragen, sondern auch der eigenen Sicherheit: Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn sich bei der Aufnahme eines von Anfällen geschüttelten Patienten seine Finger in einem Schmuckring verhakt hätten ... Aber Brustringe, das war es! Brustringe waren gewagt, nicht sichtbar und für mich endlich ein Zeichen meiner Freiheit, das ich also ohne Bedenken auf dem Dorf und im Krankenhaus tragen konnte.

Doch wie an die Ringe gelangen? Piercingstudios gab es Anfang der 80er Jahre noch nicht, wie es sie heute gibt – an jeder Straßenecke eines. Es gab zwar schon Tätowierer, aber die hatten mit Piercings nichts am Hut. Selbst wenn sie es gehabt hätten, ich weiß nicht, ob ich mir meine Brustwarzen von ihnen hätte durchstechen lassen wollen. Damals waren die Tätowierer in Sachen Hygiene und Desinfektion noch weit vom heutigen Standard entfernt. Und wenn man wie ich die Sterilität der Klinik gewöhnt war, dann war einem die Gesundheit lieb, mehr als alle Freiheit und Rebellion der Welt – auch wenn das paradox klingen mag.

Den ersten Brustwarzenring habe ich mir 1983 in Hamburg machen lassen. Ich hatte ein Inserat in einem der Magazine gelesen, wo ein »Doktor med.« für das Anbringen von Körperschmuck warb. Das klang vertrauenswürdig. Also rief ich an und vereinbarte einen Termin. Das war eine ganz schöne Prozedur, von meinem Dorf überhaupt erst nach Hamburg zu gelangen und am gleichen Tag wieder zurückzufahren. Denn mehr als einen Tag frei wollte ich mir für die Aktion nicht nehmen. Da ich kein Autofahrer war – ich habe bis heute keinen Führerschein –, blieb eigentlich nur eine Zugfahrt, doch damit hätten Hin- und Rückreise mehr als einen Tag in Anspruch genommen. Glücklicherweise erklärte sich ein Freund bereit, mich nach Hamburg zu bringen, was mir sehr gelegen kam, denn ganz allein nach Hamburg zu reisen, war mir ohnehin nicht ganz geheuer.

So dauerte es noch einige Tage, bis ich alles – Termin, Zug, Urlaub, Freund – unter einen Hut bekommen hatte.

In Hamburg angekommen, fuhren wir zu der angegebenen Adresse. Es war ein gewöhnliches Einfamilienhaus, ein bisschen nobler vielleicht, aber bestimmt kein professionelles Piercingstudio. Das darf nicht verwundern, schließlich gab es die damals ja noch nicht. Der Piercer war ein Arzt, ein Doktor med., zumindest stand das auf der Klingel, auch wenn er, wie er sagte, nicht mehr praktizierte. Freiheit hin, Körperschmuck her, ich überlegte: Worauf ließ ich mich hier ein? Ich gebe zu, je näher der Augenblick rückte, umso mehr Zweifel wurden geweckt. Da ich aber nun schon die weite Strecke gereist war, konnte ich mir es immerhin einmal ansehen. Abhauen konnte ich ja immer noch.

Ich weiß nicht, wie legal der Arzt seine Arbeit dort betrieb, aber er arbeitete auf jeden Fall sehr professionell: Er hatte ein richtiges kleines Behandlungszimmer eingerichtet, gefliest und sehr sauber, in der Mitte eine Liege. Er erklärte mir, wie er zu stechen gedachte, zeigte mir antiseptische Mittel, Desinfektionen und Kanülen. Ich schöpfte Vertrauen. Als er allerdings erklärte, er wolle mir eine Betäubungsspritze geben, kamen die Zweifel zurück. Tat das Stechen etwa dermaßen weh, dass eine Betäubung notwendig war? Ich sagte entsetzt: »Um Gottes willen, zwei Mal stechen?«

Auf diese Erfahrung wollte ich verzichten. Der Arzt nahm meinen Einwand schulterzuckend zur Kenntnis und meinte nur: »Es geht auch ohne Betäubung!« Ich erklärte: »Dann machen wir es ohne Betäubung.«

Mein Freund hielt mir das Händchen. Ich gebe zu, in diesem Augenblick verhielt ich mich nicht unbedingt wie ein tapferer Pirat – aber was soll’s?

Die Aufregung war größer. Das Stechen war aber nicht weiter schlimm. Ruckzuck war die Nadel durch und alle Anspannung wich von mir. Das Piercing heilte in den Tagen danach gut und sah noch viel besser aus. Meine Empfindungen an der Brustwarze, die ohnehin schon sehr feinfühlig war, wurde durch das Metall in der Haut sogar noch einmal verstärkt. Mann, was war ich stolz! Mir war relativ schnell klar, dass es nicht nur bei dem einen Brustwarzenring bleiben würde. Zwei Monate später reiste ich erneut nach Hamburg, diesmal alleine und mit dem Zug.

Das war der Anfang einer Sucht. Obschon diese Sucht noch eine Weile brauchte, um sich zu entwickeln. Vorerst trug ich die beiden Ringe durch die Brustwarzen und war stolz auf mich selbst, darauf, dass ich es gewagt hatte und darauf, dass niemand ahnte, was sich unter meinem Hemd verbarg.

Schon bald entwickelte ich aber den Wunsch nach mehr. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es nur der Wunsch nach mehr Körperschmuck war oder aber der Wunsch nach mehr Kick. Denn der Adrenalinstoß, der dem Stechen vorausging, und die Erleichterung, wenn die Nadel den Körper durchbohrt hatte, war ... unvergleichlich.

Nicht unbedingt mit einem Orgasmus zu vergleichen, das nicht, aber wenn ich mich heute an die Augenblicke bei dem Arzt in Hamburg erinnere, kommt es einem Orgasmus seltsamerweise sehr nahe – sagt mir zumindest meine Erinnerung, auch wenn sie durchaus einiges verklären wird. Es wundert mich zumindest nicht, dass aus der Liebe für Freiheit so etwas wie Leidenschaft wurde.

Diese Momente beim Piercen wollte ich wieder erleben. Und wieder. Und wieder. Bloß wie? Wo? An welchen Körperstellen? Ja, fast aus Verzweiflung ließ ich mir als Nächstes von einem Pfleger bei uns im Krankenhaus, der angab, sich seine selbst gestochen zu haben, die Ohrläppchen piercen. Inzwischen war ich informiert und wusste, dass am Ohrläppchen nicht viel passieren kann.

Also lieferte ich mich der Nadel aus – fertig! Jetzt trug auch ich endlich Ohrringe. Ab und zu schenkten mir ältere Patienten und Besucher, wenn sie das Krankenhaus an meiner Pförtnerloge vorbei betraten, einen neugierigen Blick. Vielleicht war ich für sie tatsächlich so etwas wie ein Rebell. Aber mal ehrlich: Spektakulär waren die Ohrringe zu dem Zeitpunkt natürlich nicht mehr. Wahrscheinlicher war daher, dass die Patienten und Besucher nur deshalb in das kleine Glashäuschen am Eingang der Klinik schauten, weil es Menschen grundsätzlich tun, wenn sie ein Gebäude betreten, in dem ein Pförtner hinter einem Empfang sitzt. Wer weiß. Ich jedenfalls redete mir ein, sie würden mich und meinen Ohrschmuck beäugen, und dabei kam ich mir vor wie einer der Freibeuter aus meiner Kindheit, die Gegen alle Flaggen kämpften.

Diese kleine Phantasie, die ich mir erlaubte, beflügelte natürlich meinen Wunsch nach mehr Piercings. Doch Ringe oder Stecker an Augenbrauen, Nase oder Lippen waren in den 80er Jahren noch undenkbar, zumindest für Leute, die keine zerrissenen Jeans, eine verwaschene Lederjacke und einen Irokesenhaarschnitt trugen. Ich meine, ich lebe am Niederrhein, auf dem Dorf, bin, wie es sich gehört, in den Vereinen aktiv, singe im Kirchenchor, sonntags in der Messe. Von daher musste ich aufpassen, waren Ohrringe das höchste der Gefühle, zumindest was sichtbaren Körperschmuck betraf. Also blieb mir nur der Intimbereich.

1986 ließ ich mir ein Guiche stechen, das ist ein waagerechtes, stimulierendes Piercing im Dammbereich zwischen Anus und Hodensack. Davon hatte ich in einem der Magazine aus den USA gelesen. Man schrieb, dass ein Guiche nicht sehr schmerzvoll sei, wenig Komplikationen beinhalte, beim Sex kaum störe, folglich aber auch kaum Nutzen bringe. Für den Fall, dass man es nicht mehr wolle, sei es einfach und ohne große Spuren herauszunehmen.

Inzwischen hatte ich über Zeitungsinserate auch Gleichgesinnte kennengelernt. Einer davon kam aus Düsseldorf. Er hatte sich in seinem Haus ein Zimmer speziell für außergewöhnliche Sexpraktiken mit Andreaskreuz, Gyn-Stuhl, Sling und Ähnlichem eingerichtet. Diesen Raum nutzte er auch als Piercingzimmer. Er selbst hatte sich seine Eichel in Eigenregie gespalten und beide Eichelhälften noch einmal mit einem Piercingstab versehen – das sprach für ihn und seine Kunstfertigkeit als Piercer. Insofern vertraute ich ihm blindlings und ließ ihn den Guiche anbringen.

Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, umso mehr lernte ich übers Piercen. Ich begriff, welche Chancen sich mir boten dadurch, dass ich in einer Klinik arbeitete. Bei Fragen, die die menschliche Anatomie betrafen, hatte ich Experten sofort zur Hand, was ich fortan zu nutzen wusste. Schon bald begann ich an mir selbst herumzuexperimentieren. Die meisten der Intimpiercings, die ich heute trage, habe ich mir selbst gestochen. Nicht dass ich mich nicht weiter meinem Freund hätte anvertrauen können oder einem der professionellen Piercer, die Anfang der 90er Jahre vermehrt Studios eröffneten. Es war mir stattdessen wichtig, die Piercings an mir selbst auszuführen. Das war eine wertvolle Erfahrung für mich, ähnlich meinem ersten Brustwarzenpiercing, nur dass ich diesmal selbst für Zweifel, Angst, Aufregung, Spannung und grenzenlose Erleichterung verantwortlich war. Das ist auch eine Form von Sex. Autoerotik. Wie überhaupt Piercings für mich eine Form von Erotik geworden sind, aber eben nicht nur in optischer Form als erotische Zierde.

Und wie es so ist mit dem Sex – man kann nicht genug davon bekommen –, so war es auch mit meinen Piercings. Noch mehr. Noch extremer. Die Rebellion war längst der Leidenschaft gewichen. Ich nahm mir die Freiheit. Das Schöne daran war: Niemand wusste davon, nur besondere Freunde, die ich einweihte. Viele davon trugen selbst Intimschmuck, so dass ich bei ihnen nicht Unverständnis und kopfschüttelnde Sorge um meinen Geisteszustand zu befürchten hatte. So war es mir zumindest bei meinen Eltern ergangen, als ich sie einige Jahre vor ihrem Tod auf das Thema Körperschmuck zu sprechen brachte in der Hoffnung, ihnen meinen ganzen Stolz – die Brustwarzen – zeigen zu können. Es war nicht so, dass sie Hautzierden rigoros ablehnten, ließen aber durchblicken, dass Tätowierungen und Ringe durch Nase, Zunge oder Ohren etwas für die Wilden aus Afrika seien. Ich traute mich gar nicht zu erwähnen, dass ich eigentlich Schmuck durch Brustwarzen und Genitalien meinte. Ich bemerkte lediglich, dass ihre Bemerkung rassistisch sei – etwas, was vielleicht symptomatisch für meine Elterngeneration war –, was wiederum meine Eltern sehr anmaßend fanden. Die Diskussion war damit gestorben und ich verschwieg fortan, was ich außer Krawatte, Hemd, Hose, Socken und Schuhen am Leibe trug.

Da ich mich selbst stach, gab es niemanden, der es ablehnte, Piercings an besonders kritischen Körperstellen zu machen. Es war also auch niemand da, der mich bremste in meinem Eifer. Mag sein, dass meine Freunde mir gelegentlich zuredeten, wenn ich mal wieder ein Piercing plante, das eher Ärger denn Freude versprach. Es ist allerdings schwer, sich etwas sagen zu lassen von jemandem, der sich seinen Schwanz gespalten hat oder einen Stab mitten durch den Hodensack trägt – eines der wohl gefährlichsten Intimpiercings überhaupt.

Deshalb probierte ich alles aus, was mir in den Sinn kam, mein Körper möglich machte und die Nadel durchbohrte; erotische Phantasien steigerten meinen Ideenreichtum zusätzlich. Einige der Piercings haben mich wirklich sehr überrascht. Ein einfaches Piercingloch an der Sacknaht dehnte ich mir beispielsweise zu einem 20-Millimeter-Fleshtunnel auf, der bei Bondage-Sessions richtig geil eingebunden werden konnte, was wiederum die Empfindungen im Hodensack verstärkte.

Andere Piercings dagegen würde ich heute auf keinen Fall mehr machen. Ich habe mir beispielsweise drei Löcher am Penis-Schaft gestochen und darin Barbells getragen. Das sah zwar witzig aus, war aber sehr unpraktisch, denn die drei Stäbe störten beim Onanieren. Auch die ungewöhnlichen Piercings, an denen ich mich versuchte, erwiesen sich als sehr unpraktisch: Das Piercing in der Achselhöhle konnte wegen der ständigen Hautbewegung und der Schweißbildung nicht abheilen. Piercings rechts und links der Leiste störten mich, wenn ich Badekleidung trug. Und das Piercing im Bauchnabel zu stechen, war eine wahre Tortur. Am oberen Rand ist es kein Problem, dort ist die Haut relativ dünn. Dort trägt es aber jeder. Ich wollte daher ein Piercing am unteren Rand tragen – o je! Dort ist die Haut das genaue Gegenteil, fest und massiv. Nicht nur, dass es sehr schmerzhaft war, es dauerte dreieinhalb Stunden, bis ich die Nadel endlich durch die Haut gezogen hatte. Nie wieder!

Also habe ich mich auf Intimpiercings konzentriert. Heute sind es annähernd 50: Ampallang, Apadravya, Haffadas, Frenum, Prinz Albert, die ein Gesamtgewicht von knapp zweieinhalb Kilogramm auf die Waage bringen. Ich führe Tagebuch darüber, denn sonst verliere ich den Überblick. Außerdem hilft mir das Tagebuch dabei, neue Piercings zu planen. Wenn ich von oben auf meinen Genitalbereich hinabschaue, sehe ich außer glänzendem Metall kaum noch etwas. Es herrscht ein ganz schönes Durcheinander. Wenn ich aber einen Blick in mein Tagebuch werfe, in dem ich eine Zeichnung habe, kann ich ausmachen, wo noch Platz vorhanden ist. Viel ist es allerdings nicht mehr. Trotzdem mache ich weiter. Dazu lasse ich mir in Mexiko – in Amerika und Europa ist es verboten – das Gewebe an Schwanz und Sack mit Silikonspritzen vergrößern. Natürlich ist das auch ein sexueller Aspekt – es schaut schöner aus, wenn Sack und Schwanz richtig groß sind –, aber vorrangig brauche ich mehr Platz, um noch weitere Piercings tragen zu können.

Freunde, die von den Piercings wissen, fragen mich, ob die vielen Piercings beim Sex stören. Sagen wir so: Wenn man sich das Geschlechtsteil piercen lässt, noch dazu in diesem Umfang, dann verkehrt man früher oder später auch in Kreisen, die diese enorme Piercing-Leidenschaft teilen. Denn nicht jeder hat ein Faible für Intimpiercings und auch der Umgang mit einem gepiercten Geschlechtsteil ist nicht ohne Weiteres machbar. Das bedarf schon einer gewissen Sorgfalt, und die sollte man gelernt haben. Im Übrigen bin ich kein sexversessener Typ, der unbedingt seine Befriedigung braucht. Ich komme auch wochen- oder monatelang ohne aus, so dass ich nicht das Bedürfnis habe. Kann sein, dass das inzwischen auch mit meinem Alter zusammenhängt, wahrscheinlich aber eher mit der Fülle meiner Piercings. Normaler Sex ist damit ohnehin nicht mehr möglich. Was nicht weiter tragisch ist, denn wie ich schon sagte, Piercings sind meine Form der Erotik geworden. Sie erlauben mir, mit meinem Körper zu spielen und ihm Freude zu bereiten, und das ist doch auch Leidenschaft, eine befriedigende noch dazu. Jedes neue Piercing, das ich mir mache, ist wie ein Abenteuer und gleichzeitig ein Wettbewerb – wie viele gehen noch? Es ist ein Versuch, meine Grenzen und die meines Körpers noch ein Stück weit mehr auszuloten. Sicher ist: Meine Grenzen habe ich noch nicht erreicht. Okay, ich bin inzwischen in die Jahre gekommen, aber ich fühle mich noch nicht zu alt für Piercings. Mein Ziel sind irgendwann so viele Intimpiercings, wie ich Lebensjahre habe, mindestens! Weit entfernt bin ich davon ja nicht mehr. Mal sehen, vielleicht bewerbe ich mich irgendwann auch beim Guiness Buch der Rekorde. Aber ich befürchte, sie werden mich nicht nehmen. Zu extrem!

Womit sie natürlich nicht ganz Unrecht haben. Denn derart viele Intimpiercings schaffen auch Probleme. Fahrradfahren beispielsweise geht gar nicht mehr. Früher, also vor meiner Piercinglust, bin ich leidenschaftlich gerne Fahrrad gefahren. Jetzt, mit knapp 50 Intimringen und -steckern, haut das nicht mehr hin. Ich wüsste gar nicht, wo ich damit auf dem schmalen Sattel Platz nehmen sollte, ohne dass das Metall links und rechts herunterhängt und ich mit meinen Oberschenkeln darüberscheuere. Das schmerzt nur und dadurch, dass ich nicht mehr Fahrrad fahre, habe ich einige Pfunde zugelegt. Schade, aber das lässt sich wohl nicht vermeiden, denn auch Joggen ist mit den zweieinhalb Kilo am Sack eine Qual.

Es fällt mir auch schwer, Unterhosen zu tragen. Ich habe einige Spezialanfertigungen, aber in der Regel trage ich die nur, damit ich am Ende des Tages noch meine Ringe und Kugeln finde. Immer wieder lösen sich Kugeln oder Ringe und es wäre mir peinlich, wenn ich meinen Arbeitskollegen erklären müsste, warum eine Kugel aus meinem Hosenbein gekullert kommt.

Kapitel 3

Eine unserer Regeln ist: Wir trennen Liebe und Sex

Steffi, 25 & Pascal, 25

Examiniertes Pflegepersonal

Seit sechs Jahren, seit wir uns in der Krankenpflegeschule kennenlernten, sind wir beide ein Paar. Um genau zu sein, zum ersten Mal trafen wir uns auf der privaten Party einer Kurskameradin von Steffi im Personalwohnheim. Auf dieser Party wollte Pascal ursprünglich ein ganz anderes Mädchen anbaggern. Dann allerdings betrat Steffi den Raum und es war um uns beide geschehen. Steffi faszinierte Pascals selbstbewusstes Auftreten und seine hinreißende Erscheinung, Pascal wurde magisch von Steffis Ausstrahlung und ihrem Aussehen angezogen. Gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Falls es sie gibt, dann haben wir sie an jenem Abend erlebt. Noch am gleichen Abend wurden wir ein Paar. Sex spielte dabei – in gewisser Weise – eine Rolle, wenngleich er für uns beide einen unterschiedlichen Stellenwert besaß. Für Steffi nämlich keinen, für Pascal einen sehr großen. Da Steffi als erste Frau nicht am ersten, sondern erst am dritten Abend mit Pascal schlief, gelang es ihr als erste Frau, ihm Geduld abzuringen und ihn für eine Beziehung zu gewinnen. Am Anfang war unser Sex sehr romantisch, wurde dann jedoch mit der Zeit etwas monotoner. Wir glauben, das ist normal in einer Beziehung, die bereits einige Jahre anhält. Eine Freundin und Arbeitskollegin von Steffi brachte uns vor zwei Jahren auf das Thema Swingen. Das klang interessant und wirkte sich auf uns beide durchaus erregend aus. Weiter dachten wir nicht darüber nach. Erst ein paar Monate später machte Pascal den Vorschlag, es doch mal tatsächlich in einem Pärchenclub zu versuchen. Steffi zeigte sich einverstanden. Beide waren wir neugierig und wollten wissen, wie es ist, mit einem anderen Paar den Partner zu tauschen. Zudem hatte Steffi vor der Beziehung mit Pascal nur mit einem Mann sexuelle Erfahrungen sammeln können, Pascal dagegen mit über 50 Frauen. Wenn man so will, Steffi hatte Nachholbedarf und war neugierig darauf, was es sonst noch an Möglichkeiten und Praktiken gibt. Naja, und Pascal hatte eh eine Veranlagung zu mehreren Frauen ... Da er allerdings nicht fremdgehen wollte und auch Steffi das für sich ausschloss, war ein Swinger- oder Pärchenclub die ideale Lösung für uns. Wir beide wollten es, daher gab es auch keine langen Diskussionen im Vorfeld. Wir wussten quasi auf Anhieb, was wir wollten. Weitere vier Monate vergingen, bis wir entschieden, endlich in einen Club zu fahren. War nur noch die Frage, in welchen?

Wir informierten uns bei einer Freundin und über das Internet. Wir wählten den Swingerclub »Beverly 2000« in Solingen aus, weil er einen separaten Paarbereich besitzt. Das ist nicht unwichtig, wie wir uns im Vorfeld hatten erklären lassen. In einem Swingerclub können die belästigenden Soloherren, die in der Mehrzahl sind, durchaus störend wirken. In einen Pärchenclub kommen meist nur Paare. Und sind trotzdem einmal Soloherren anwesend, dann sind sie zumindest nicht in der Überzahl. Außerdem gibt es einen abgetrennten Pärchenbereich.