Fahlmann - Christopher Ecker - E-Book

Fahlmann E-Book

Christopher Ecker

4,5

Beschreibung

Georg Fahlmann steht unter Druck. Das Studium, die Ehe, der zermürbende Job im Bestattungsunternehmen seines Onkels und insbesondere die Frauen: Es wird ihm alles zu viel. Viel lieber schreibt er an seinem historischen Kriminalroman, der vom Käferforscher Carl Richard Bahlow auf einer paläontologischen Expedition in Deutsch-Ostafrika handelt. Aber je länger Fahlmann an seinem Roman arbeitet, desto brüchiger wird das, was er bis dahin für Realität hielt. Wer erfindet eigentlich Bahlow? Und wer erfindet Fahlmann? Und überhaupt: Wer erzählt das ganze Buch? Und wieso scheint sich in einem heruntergekommenen Pariser Hotel, dessen Räume ständig ihre Position verändern, das gesamte Romanpersonal versammelt zu haben? Unterhaltsam, komisch, anspielungsreich, vielschichtig und hintersinnig – Christopher Eckers ebenso spannender wie kunstvoller Roman über Toplyriker in Tierkostümen, skandalöse Zwischenfälle im Bestattungswesen, käferessende Entomologen, allmächtige Leierkastenmänner, durchsichtig werdende Schönheiten und einen Botaniker, der das Schicksal des Planeten in den Händen zu halten meint, lässt die Welt noch einmal eine große Erzählung sein.

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Seitenzahl: 1738

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CHRISTOPHER ECKER

FaHLMaNN

roman

mitteldeutscher verlag

Zu diesem Roman ist unter dem Titel Liebeserklärung an eine Zielscheibe ein Materialienband erschienen, der über den Verlag oder den Buchhandel bezogen werden kann.

2012

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Nachdruck, auch auszugsweise verboten. – Alle Rechte vorbehalten. Recht zur fotomechanischen und digitalen Wiedergabe nur mit Genehmigung des Verlages.

Lektorat: Dr. Kai U. Jürgens

Umschlagabbildung: © Cosmin Manci - Fotolia.com

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle

ISBN 9783954620906

INHaLT

Cover

Titel

Impressum

INHaLT

BaND EINS

VOM HERaUSGEHEN AM TaGE

1

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BaND ZWEI

DaS LEBEN IN SPITZBERGEN

1

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8

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BaND DREI

DER SCHRIFTSTELLER BEI DER aRBEIT

1

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7

8

9

BaND VIER

DIE FaLSCHE ETaGE. ROMaN

EINE SONNENBRILLE FÜR MNEMOSYNE

ZWEI FLIEGEN MIT EINER KLaPPE

SCHWULITZER BLUES

DER GROSSE URINELLO

DIE MENSCHWERDUNG THOMaS WINKLERS

DER aLLGEGENWäRTIGE NäGELE

OH, WIE FERN IST DaGOBAH (MEDLEY)

DIE STaDT DEHNT SICH aUS

GROSSE GLOCKEN

MNEMOSYNE NIMMT DIE SONNENBRILLE AB

WOHLaN, ER SEI DEINER HaND ÜBERLaSSEN

DaS MaIGLÖCKCHEN-DILEMMa

VIERMaL HEINZ

DER KaNZLEIBEaMTE DES HERRGOTTS

DER REST DES aBENDS OHNE TON

BaHLOW MaCHT SICH EINEN SCHÖNEN LENZ

MaNCHEN GENÜGT DER MEIERHOF

GEORG DUCK WIRD SUPERBOMBE

WIE ICH DEM NaCHTKOCH EIN SCHNIPPCHEN SCHLUG

aCHIMS FICKE

GRECH

FLÜSSIGES GOLD

DIE EXISTENZ VON SPITZBERGEN

HEITERES ZWIESCHENSPIEL

DER GEBORENE METHODICUS

DER WEISS-HaaR-MaNN ZIEHT DIE aRSCHKaRTE

SIEBZIG ZEILEN MEHR!

IM KOHLENKEHLER

STRIGaLJOW MACHT SICH NOTITZEN

MEGaBUICK NON CRaWEL

SILVERBERGS MULTISPaNNEN-LOGIK

BUT aS I WaLKED DOWN VERE STREET

DaS ENDE DER SCHWaRZEN LISTE

MIT KaRaCHO IN DEN NäCHSTEN BaND

KaTZENSCHaTTEN IN PaRIS

POTPOURRI aUS DEM NOTITZBUCH

WaLG NaSTRaNZ QWaMBaT OG

DER UNENDLICHE ZaUBERTEPPICH

TOPLYRIKER IN TIERKOSTÜMEN

KIMMUNGEN

DIE NaCHRICHTEN- aUS-DER-WELT-DES-GEISTES-SHOW

DENN ER VERLOR SIE GERN

VON UNGLÜCKSKREISEN UND HÖLLENKATZEN

HERR PRESSER WIRFT DEN SPATEN

EWIGER SOMMER

WITZE, WITZE, WITZE

NaCHTSTÜCK MIT WaCHTMEISTER

IM ZEICHEN DER URNEN

aLTES HaUS, EIN SPIEL

WER HaT aN DER UHR GEDREHT?

NEMESIS FaHLMaNNIENSIS

LIEBESERKLäRUNG AN EINE ZIELSCHEIBE

DaS GLÜCK IN DER FREMDE

KINDERGEBURTSTaG IN HELL

EN OGFRG KRIIN

DaS aUSRICHTEN DER KaRTEN

LEIDEN EINES SEEHaSEN

LETZTE INSTRUKTIONEN

aBSCHIED

BaND FÜNF

DER WIND IN FaHLMaNNS UHR

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BaND EINS

VOM HERaUSGEHENaM TaGE

1Mein Vater starb, als er sich nach einer Schachtel Zigaretten bückte. Genauer gesagt, bückte er sich nach einer zerknautschten Schachtel Gauloises ohne Filter, und da Heinz der einzige von uns war, der filterlose Gauloises rauchte, kam ich nicht umhin, mir vorzustellen, wie er am Abend des Vortags den Helm aufgesetzt hatte, sich nach getaner Arbeit eine Zigarette anzündete, die Schachtel achtlos fallen ließ und auf seiner Vespa davon knatterte. Ich gebe ihm jedoch keine Schuld am Tod meines Vaters. Heinz hat eine leere Zigarettenschachtel weggeworfen–nichts weiter!

Mein Vater war ein Pedant: Scharfe Bügelfalten, korrekte Manieren, glatter, pomadisierter Scheitel, Rabattmarken, der Schnurrbart dicht über der nervös zuckenden Oberlippe gestutzt. Er war jemand, der aus heiterem Himmel beschließen konnte, die Gewürze alphabetisch zu ordnen. Ich erinnere mich gut an die erbitterten Diskussionen, die der Umsetzung dieses Plans vorausgingen. Vater plädierte nämlich dafür, Jodsalz unter J einzusortieren und Chilischoten unter C, was ich (ich war damals neun oder zehn Jahre alt) für ausgemachten Blödsinn hielt. Jodsalz müsse man unter S wie Salz einordnen, argumentierte ich schlüssig, und Chilischoten gehörten zu P wie Pfeffer.

«Nein, nein, nein!», sagte Vater leise und zupfte sich einen unsichtbaren Fussel vom Jackett.

«Oberbegriffe, Armin!», sagte Mutter und ließ das Buch sinken. «Es geht um Oberbegriffe. Der Junge hat vollkommen recht!»

Nach ihrer überraschenden Einmischung stand es 2 : 1 gegen Vater, doch er gab nicht auf. Er gab nie auf, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. «Nehmen wir mal an, ihr sucht das Jodsalz. Sucht ihr es dann unter S? Hieße das Jodsalz Sodsalz, müsste ich euch recht geben. Kein Problem. Aber Jodsalz heißt nun mal Jodsalz. Dafür kann ich nichts!» Sein Seufzer zollte den ungeheuren Leiden all derer Tribut, die sich in großherziger Selbstaufopferung bemühen, unsere unvollkommene Welt ein wenig vollkommener und übersichtlicher zu machen. «Wieso wollt ihr mich nicht verstehen? Wenn man Chilischoten sucht, sieht man dann bei den P-Gewürzen nach oder», seine Stimme wechselte die Tonlage und drang in listige Gefilde vor, «nicht etwa bei den C-Gewürzen?»

«Aber wir wissen doch, wo alles steht», warf ich ein.

«Nein, mein Junge», sagte Vater im Tonfall resignierten Tadels, den Blick auf die Spitzen seiner Lackschuhe gesenkt, «so leicht dürfen wir es uns nie machen.»

Vater hat es sich im Leben nie leicht gemacht. Bei Spaziergängen las er Bonbonpapierchen und Zigarettenkippen auf, und sah er irgendwo die Ankündigung einer Veranstaltung, die bereits stattgefunden hatte, riss er den Anschlag mit einem Ausdruck ungläubigen Zorns von der Plakatwand. Als er starb, war ich erwachsen und stand am Fenster meiner eigenen Küche, wo die Gewürze weder sortiert waren noch sich überhaupt auf einem Gewürzbord befanden. Ich hielt eine große Tasse Kaffee in der Hand, pustete hin und wieder auf die schwarz spiegelnde Oberfläche und war zu faul, mich mit Susanne zu unterhalten, die hinter mir mit der Zeitung raschelte. Ich sah hinab in den Hof. Genauer. Ich muss mich genauer erinnern, auch wenn es schwer fällt. Meine Konzentration ist heute nicht die beste. Unsere Küche befand sich im ersten Stock, eine Etage und mehrere Jahre über den Jodsalz- und Chilischotendiskussionen meiner Kindheit. Meine Eltern bewohnten zwar noch immer das Erdgeschoss, aber ich war inzwischen mit meiner eigenen dreiköpfigen Familie, deren jüngstes Mitglied sich um diese Uhrzeit im Kindergarten aufhielt, in den ersten Stock gezogen, den Vater, bis ich–übrigens keine Spur reumütig–in mein Elternhaus zurückgekehrt war, an die Familie Bahlow vermietet hatte. Das klingt verwirrend. Mehr dazu später, wenn ich es nicht vergesse.

Am Küchenfenster bot sich mir die Aussicht auf die schmutzig-graue Ostwand des Gebäudes, das in einer Entfernung von gut zehn Metern den Hof begrenzte und die Einnahmequelle unserer Familie beherbergte. Das schwarze Schild mit den Goldlettern war allerdings nur von der Straße aus zu sehen: Es überspannte zwei Schaufensterscheiben, hinter denen schwere, bodenlange Vorhänge den Passanten die Sicht ins Gebäudeinnere verwehrten. Die halbherzige Dekoration (einige staubige Urnen, einige staubige Grablaternen) verwies auf die Art des Gewerbes, das hier ausgeübt wurde. Beerdigungsinstitut Gebr. Fahlmann, stand auf dem Schild, und darunter: Erd-, Feuer- und Seebestattungen. Vater hatte das Unternehmen in den späten fünfziger Jahren gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder aufgebaut. Vater kümmerte sich um die Verwaltung, und Onkel Jörg, ein überzeugter Junggeselle, der nicht so zart besaitet war wie sein Bruder, fuhr den Leichenwagen, sargte ein und widmete sich dem kniffligen Handwerk des Präparierens. Bei all diesen Tätigkeiten ging ihm Heinz zur Hand, der ein noch weitaus vierschrötigeres Naturell als mein Onkel besaß.

Heute erscheint es mir mehr als nur merkwürdig, dass mein empfindlicher Vater auf die Idee gekommen war, Bestattungsunternehmer zu werden. Bei einem Sonntagsspaziergang hatte er sich einmal heftig (fast hätte ich geschrieben: orgiastisch) übergeben, weil er beinahe in einen feucht schillernden Haufen Hundescheiße getreten wäre. «Du bist nicht mal reingetreten!» Mutter konnte es kaum fassen. «Stell dich nicht so an! Wärst du reingetreten…»–«Bitte, Marianne, sei still! Hack nicht länger drauf rum!» Vater lockerte den Kragen, löste den Knoten der Krawatte und wischte sich Schweißperlen von der Oberlippe. «Du machst es nur noch schlimmer! Oh, ich darf gar nicht dran denken, sonst wird mir wieder schlecht.» Diese Begebenheit hat mich vermutlich so stark beeindruckt, weil sich hier das Vaterding in den tadellosen Anzügen, das als ständigen Vorwurf gute Manieren zur Schau stellte, kurzfristig in einen richtigen Menschen verwandelt hatte. Allein die Tatsache, dass sich mein Vater wie ein normaler Mensch übergab und wie alle übrigen Menschen einen–wenn auch übertriebenen–Ekel vor gewissen Dingen empfand, ließ damals in mir eine zarte Hoffnung keimen. Aber in aller Öffentlichkeit auf den Gehweg zu kotzen und seinen Sohn vor dem Zubettgehen in den Arm zu nehmen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Doch ich schweife ab. Vom Fenster aus sah ich also nicht das der Straße zugewandte Ladenschild, sondern nur die auf den Hof hinausgehende Eingangstür des Beerdigungsinstituts, auf deren getöntem Riffelglas ein ehemals weißes Papprechteck die Geschäftszeiten verriet. Rechts neben der Tür starrte ein schwarz verhängtes Fenster ins Leere. An das Institut schloss sich das lang gestreckte Lager an, flaches Dach, getönte Scheiben, und daran fügte sich wiederum die den Hof im Norden begrenzende Garage wie der obere Balken eines F’s.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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