Fairview - Schleichender Tod - Lars Hermanns - E-Book

Fairview - Schleichender Tod E-Book

Lars Hermanns

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Beschreibung

Officer Juan Lopez liegt schwer verwundet im Krankenhaus, eine junge Frau erleidet einen langsamen und qualvollen Tod, und in New York deutet alles darauf hin, dass die Ermordung von William Justice' Frau Angela geplant gewesen zu sein scheint. Commissioner Malone sucht einen Maulwurf innerhalb des NYPD, während William und sein Team einen neuen Mitarbeiter begrüßen dürfen. Wer steckt hinter den Morden in New York? Wer oder was ist für den qualvollen Tod der jungen Frau verantwortlich? Erleben Sie in Band 2 der FAIRVIEW-Reihe, wie William langsam mehr und mehr hinter die Kulissen blickt.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lars Hermanns

Fairview - Schleichender Tod

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel I

Samstag, 28. Februar 2015

Sonntag, 1. März 2015

Kapitel II

Kapitel III

Mittwoch, 4. März 2015

Donnerstag, 5. März 2015

Freitag, 6. März 2015

Kapitel IV

Montag, 9. März 2015

Samstag, 14. März 2015

Sonntag, 15. März 2015

Montag, 16. März 2016

Mittwoch, 18. März 2015

Kapitel V

Donnerstag, 26. März 2015

Samstag, 28. März 2015

Montag, 30. März 2015

Donnerstag, 2. April 2015

Montag, 6. April 2015

Freitag, 1. Mai 2015

Montag, 11. Mai 2015

Dienstag, 12. Mai 2015

Mittwoch, 13. Mai 2015

Sonntag, 17. Mai 2015

Freitag, 22. Mai 2015

Impressum neobooks

Kapitel I

Freitag, 27. Februar 2015

Municipal Hospital, Fairview, Georgia

Juan lag bereits seit kurz vor 19 Uhr im OP des städtischen Krankenhauses. Weder konnten die Ärzte sagen, wie lange die OP voraussichtlich andauern sollte, noch, ob Juan es überleben würde. Für alle Angehörigen galt es daher nun, geduldig zu warten und auf ein Wunder zu hoffen.

Gleich nachdem Sheriff O.C. Thomas vom Tatort aus in Richtung Flughafen aufgebrochen war, hatte William sich im Waschraum gesäubert und war anschließend mit seinem Truck zum Home Depot gefahren, um Juans Mutter Lois, die von dem dramatischen Zwischenfall noch nichts wissen konnte, zu informieren und ins Krankenhaus zu bringen. Die arme Frau war völlig aufgelöst gewesen, als William sie im Baumarkt aufgesucht und ihr die Nachricht von der Verwundung ihres einzigen Sohnes überbracht hatte.

Seit etwa 19:15 Uhr saßen William und Lois nun schon im Wartebereich des Klinikums und warteten auf nähere Informationen. Aktuell stand Lois jedoch vor dem Krankenhaus und versuchte verzweifelt, ihren Mann telefonisch zu erreichen. José Lopez war Puerto Ricaner und arbeitete für ein großes Bauunternehmen in Atlanta. Man wusste nie genau, auf welcher Baustelle er gerade als Vorarbeiter tätig war. Doch aktuell war es wohl ein Großprojekt, das gute zwei Stunden Autofahrt von Fairview entfernt lag. Gut möglich, dass er noch unterwegs war und das Handy ausgeschaltet hatte. William hatte seinerseits Brenda Lee informiert, die nun auf dem Weg zum Krankenhaus war. Collister hatte er nicht informiert, da er und Juan sich ohnehin nicht grün waren. Nun fragte er sich, ob der Sheriff wohl Gordon am Flughafen finden konnte. O.C. war so nett gewesen, für William zum Flughafen Atlanta Hartsfield-Jackson zu fahren und Commissioner Gordon Malone abzuholen, der von heute Abend bis Sonntagabend Williams Gast sein würde. Es war William einfach nicht möglich, seinen Freund selbst am Flughafen zu begrüßen, während sein junger Kollege mit einer Kugel in der Brust im OP lag und um sein Leben kämpfte.

Wieder und wieder überlegte William und rief sich dabei die Momente im Shop der Tankstelle in Erinnerung. Juan hatte auf den Täter geschossen und diesen in die Schulter getroffen. Doch wieso hatte er nicht weiter auf ihn gezielt und somit ihm, William, ermöglicht, sich ihm zu nähern und Handschellen anzulegen? Wieso ließ sich Juan ablenken und ermöglichte dem Täter somit, seinen Revolver zu heben und zu schießen? Zwar hatte William selbst noch reagiert und sofort das Feuer auf den bewaffneten Räuber eröffnet, doch leider konnte er den ersten Schuss nicht mehr verhindern. William nahm sich fest vor, diesen Zwischenfall mit Juan sofort am Montag auf die Tagesordnung des Briefings zu setzen. Er musste einfach sicher sein, wie sich seine Leute verhielten, wenn es zum Schusswaffeneinsatz kam. Juan hätte entweder den Täter ständig im Visier behalten oder so lange auf ihn schießen müssen, bis er eindeutig kampfunfähig war. William hatte dem Kerl ein halbes Dutzend Kugeln in den Leib gejagt, ehe er sicher war, dass der Angreifer nicht noch einmal schießen würde. Schließlich hatten sie ihre Schusswaffen, um im Zweifelsfall den Gegner zu töten und nicht, um durch diesen am Ende selbst getötet zu werden. Und das würde er seinem Team so bald wie möglich einbläuen. Sowas wie heute durfte auf keinen Fall nochmal passieren.

Interstate I-575, Atlanta, Georgia

Obwohl sie noch lange nicht im Cherokee County waren, fuhr Sheriff O.C. Thomas mit Sirene und Signalleuchten. Er kannte unzählige Mitarbeiter des Atlanta Police Departments und der State Police, und keiner von denen würde es wagen, seinen Sheriff Wagen zu stoppen und ranfahren zu lassen. Außerdem fuhr er einen Police Commissioner, der dringend nach Fairview gebracht werden sollte.

»Wie war Ihr Flug, Commissioner?«, fragte O.C. plötzlich, da sie seit dem Verlassen des Flughafens keine einzige Silbe mehr miteinander gewechselt hatten.

»Danke, gut.«

»William hat öfters von Ihnen gesprochen. Ein guter Mann.«

»Ja, Sheriff, das ist er wirklich.«

»Wussten Sie, dass sein Vorgänger, Chief Rooney, jahrelang keinen Kontakt zu meinem Department haben wollte? Können Sie sich sowas vorstellen?«

»Nein, Sheriff kann ich nicht.«

»Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als man mir plötzlich den Besuch des Chiefs von Fairview ankündigte!«

»Sheriff, bitte seien Sie mir nicht böse … aber mir ist derzeit wirklich nicht nach Smalltalk zumute. Ich weiß Ihre Bemühungen sehr zu schätzen, und unter anderen Umständen, zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort werde ich mich gern stundenlang mit Ihnen unterhalten. Doch im Moment möchte ich gern meine eigenen Gedanken sortieren und so schnell wie möglich zu Chief Justice gebracht werden.«

»Schon in Ordnung, Commissioner. Bitte lehnen Sie sich zurück, wir werden in Kürze in Fairview eintreffen.«

Municipal Hospital, Fairview, Georgia

Lois kam wieder zurück in den Wartebereich des Hospitals. Sie wirkte sehr niedergeschlagen, und William wusste, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Vor knapp mehr als zwei Monaten saß er selbst noch bangend vor den Türen zu den OPs des Presbyterian Hospitals / Weill Cornell Medical Centers in Manhattan, nachdem er erfahren hatte, dass seine geliebte Frau während der Weihnachtseinkäufe niedergeschossen worden war. Über zwei Stunden lang hatten er und Gordon Malone gemeinsam mit zwei Officers, die zuerst am Tatort waren, vor den metallenen Türen gewartet und schließlich erfahren, dass man Angela Justice nicht mehr retten konnte. Für William war damals eine Welt zusammengebrochen.

»Chief Justice«, ergriff plötzlich Lois das Wort, »glauben Sie, dass mein Junge es schaffen wird?«

William überlegte gründlich, was er ihr auf diese verständliche Frage antworten sollte. Er entschied sich, die Antwort offen zu lassen: »Juan ist ein Kämpfer, Mrs. Lopez.« Er wusste selbst, dass seine Antwort nicht zufriedenstellend für die bangende Mutter gewesen sein dürfte, doch zu mehr wollte er sich nicht hinreißen lassen.

Lois Lopez war gebürtige Amerikanerin und lebte mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem Latino-Viertel der Stadt, direkt neben der Interstate I-575. Sie war etwas kräftiger gebaut und Mitte vierzig, und sie liebte ihren Sohn Juan von ganzem Herzen. William musste daran denken, wie sie noch vor weniger als vier Stunden miteinander im Home Depot sprachen und nach einem Regal für Williams Büro gesucht hatten. Juan war die Offenherzigkeit seiner Mutter peinlich, doch William erkannte, dass sie einfach nur stolz auf ihren Sohn war und sich freute, dass er dank William nun wieder gern zur Arbeit ging.

Brenda Lee erschien, ging auf sie beide zu und schloss Lois in die Arme. Sie kannten sich schon, seit Juan im vergangenen Jahr beim Fairview Police Department angefangen hatte. Beide, Brenda Lee und Juan, litten unter dem despotischen Verhalten des vorherigen Chiefs und dessen Freundes Isaac Bedford Collister, und das schweißte die beiden Frauen offensichtlich zusammen.

Nachdem sich Brenda Lee aus den Armen von Lois befreit hatte, kam sie zu William: »Danke, Chief, dass Sie mich informiert haben.«

William nahm sie nun ebenfalls kurz tröstend in den Arm, ehe sich alle drei hinsetzten. Wie lange würden sie noch warten müssen?

Interstate I-575, Cherokee County, Georgia

»Commissioner, wir sind gleich da! Die nächste Ausfahrt führt uns direkt nach Fairview rein.«

»Danke, Sheriff. Und bitte verzeihen Sie, dass ich vorhin so barsch zu Ihnen war.«

O.C. lächelte, ehe er antwortete: »Schon in Ordnung, Commissioner. Ich verstehe Sie sehr gut. Wissen Sie, bei mir ist es einfach nur umgekehrt. Wenn ich Kummer habe, dann plappere ich wie ein Äffchen, um mich davon abzulenken.«

Gordon blickte von seinem Beifahrersitz aus zu Sheriff O.C. Thomas rüber, dem man wirklich nicht ansehen konnte, ob er gerade gut gelaunt oder nicht vielleicht doch innerlich aufgewühlt war. »Kannten Sie den angeschossenen Jungen gut?«

»Wir haben uns erst kürzlich durch William kennengelernt. Zuerst im Police Department und dann am Samstag drauf bei mir und meinen Leuten. War immer sehr höflich und aufgeschlossen. Wird bestimmt mal ein richtig guter Cop werden.«

Sie erreichten die Main Street von Fairview und nahmen direkten Kurs auf das Municipal Hospital. Vor Kreuzungsbereichen und Ampeln schaltete der Sheriff stets seine Sirene zu den Signalleuchten an, um nicht halten zu müssen. Und dann kam bereits das Hospital in Sicht.

Municipal Hospital, Fairview, Georgia

Es war beinah 22 Uhr, als William seinen Freund und Mentor zusammen mit Sheriff Thomas ins Hospital kommen sah. Er stand auf und ging den beiden Männern entgegen. Gordon schloss seinen einstigen Schützling väterlich in die Arme, und kurz darauf tat es O.C. Thomas ihm gleich.

»Gibt es schon Neuigkeiten von den Ärzten?«, fragte O.C. an William gewandt.

»Nein, noch nicht.«

Die drei Männer setzten sich zu den Frauen, und William stellte Gordon, Lois und Brenda Lee einander vor.

Sie saßen noch eine ganze Weile zusammen. Hin und wieder stand einer auf und ging ein paar Schritte. Lois erreichte ihren Mann zwischenzeitlich zu Hause und erzählte ihm, was passiert war. Er war nun unterwegs und sollte jeden Moment eintreffen.

Kurz vor 23 Uhr traf José Lopez im Hospital ein und nahm seine Frau in den Arm. Brenda Lee gesellte sich zu ihnen und stellte ihm später die anderen Anwesenden vor.

»Chief Justice? Was ist passiert?«, fragte er verzweifelt.

»Juan hat einen Tankstellenräuber auf frischer Tat erwischt und gestellt. Er schoss auf den Räuber, doch dieser konnte noch zurückschießen.«

José Lopez nickte nur und hielt noch immer seine Frau in den Armen. »Wird er durchkommen?«

»Ich hoffe, dass uns die Ärzte diese Frage bald beantworten können, Sir.«

* * *

Es war beinah Mitternacht, als endlich ein Arzt aus dem OP-Bereich zu ihnen kam.

»Chief Justice?«

William stand auf und wandte sich zu ihm: »Ich bin Chief Justice.«

Auch die anderen standen nun alle auf und kamen erwartungsvoll zu ihnen.

»Gehören Sie alle zur Familie?«, fragte der Arzt, als er die Versammlung sah.

»Eltern und Kollegen«, antwortete William.

»Wie geht es unserem Jungen?«, wollte Lois verzweifelt wissen.

»Nun«, begann der Arzt, »ich bin Dr. Asclepius. Ich habe Ihren Sohn bis eben operiert. Die Kugel hat eine Rippe durchschlagen und ist in den linken Lungenflügel eingedrungen.«

Lois hielt den Atem an, schlug sich ihre rechte Hand vor den Mund und fing wieder an zu weinen. José nahm sie in den Arm und fragte: »Lebt er noch?«

»Ja, er lebt noch. Allerdings wird es sehr lange dauern, ehe er wieder Baseball spielen kann. Wir konnten die Kugel entfernen, doch hatten wir einigen Kampf mit Fetzen von seiner Kleidung sowie mit Knochensplittern. Es hat sehr lange gedauert, alles aus der Wunde zu entfernen, damit sich nichts entzünden kann. Durch den traumatischen Pneumothorax bedingt, mussten wir bei Ihrem Sohn eine Drainage legen. Ferner wird es eine ganze Weile dauern, bis sich sein Lungenflügel, der durch den Einschuss kollabiert ist, wieder regeneriert und entfaltet.«

»Doktor«, fragte William, »wird er es schaffen?«

»Ich denke schon, Chief. Wir haben ihn jetzt auf die Intensivstation gebracht, wo er auch eine ganze Weile bleiben wird. Glücklicherweise hat der Schuss nicht das Herz erwischt. Er hatte viel Glück! Und er wird noch mehr Glück nötig haben. Ich denke, innerhalb der nächsten 48 Stunden werden wir wissen, ob er über den Berg ist.«

»Dürfen wir ihn sehen?«, fragte Lois schluchzend.

»Gern, aber nur kurz und nur durch die Glasscheibe.«

Dr. Asclepius führte William, Brenda, Gordon, O.C. und Juans Eltern zu einer Glastür auf der Intensivstation, durch die sie Juan in seinem Bett sehen konnten. Er befand sich in einer beinah aufrechten Position, wurde intubiert, und zahlreiche Schläuche führten in seinen Körper hinein, andere hinaus. Lois weinte, und auch José konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Juan war ihr einziger Sohn … und sie hatten eine riesige Angst, dass sie ihn jetzt vielleicht verlieren könnten.

Sie durften keine fünf Minuten bleiben, da führte Dr. Asclepius sie wieder zurück in den Wartebereich.

»Sie können hier und jetzt nichts für Ihren Jungen tun. Bitte fahren Sie nach Hause. Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um Ihren Sohn zu retten. Das verspreche ich Ihnen!«

Er verabschiedete sich von Juans Eltern, die zusammen mit Brenda Lee das Hospital verließen. Nachdem sie draußen waren, richtete der Arzt das Wort nun an die drei Polizisten vor ihm: »Der Junge hatte wirklich riesiges Glück! Nur ein kleines Stückchen tiefer, und wir hätten nichts mehr für ihn tun können.«

»Doktor«, meldete sich nun William zu Wort. »Ganz ehrlich: Wie stehen seine Chancen?«

»Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Es hängt nun von allen möglichen Faktoren ab. Glücklicherweise konnten wir ihn sehr zeitnah operieren. Außerdem ist er noch sehr jung und verfügt über eine ausgezeichnete Konstitution. Solange keine Komplikationen auftreten, denke ich, dass er es schaffen wird. Wichtig ist, dass er absolute Ruhe hat. Die gebrochene Rippe wird ziemlich bald verheilt sein. Doch die Regeneration des Lungenflügels wird ihre Zeit brauchen.«

»Danke, Doktor. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden!«

»Das werde ich, Chief.«

Gegen 0:15 Uhr verließen O.C., Gordon und William das Hospital. William und Gordon verabschiedeten sich vom Sheriff und gingen zu Williams Truck.

»Unser erstes Wiedersehen hatte ich mir etwas anders vorgestellt«, sagte Gordon. »Bist du soweit okay?«

»Ja, Gordon. Danke. Doch ich ärgere mich, dass das passieren musste.«

Sie packten Gordons Reisetasche und Aktentasche auf die Rückbank des roten Dodge RAM, stiegen ein, und William lenkte den Truck vom Parkplatz.

»Nimm es dir bitte nicht zu sehr zu Herzen, Billy.«

»Er ist noch so verdammt jung, Gordon. Er kam erst letztes Jahr von der Police Academy.«

»Und trotzdem wusste er, dass sein Beruf auch Gefahren mit sich bringt. Du kannst nichts dafür, dass man auf ihn geschossen hat.«

William schwieg, denn er wusste, dass Gordon recht hatte – wie so oft. In den vergangenen Jahren, seit William 2012 von der Militärpolizei zum NYPD gewechselt war, hatte Gordon ihm immer wieder erklärt, dass manche Dinge einfach so sind, wie sie sind. William machte sich zu allem immer viel zu schnell viel zu viele Gedanken. Und sein väterlicher Freund musste ihn immer wieder daran erinnern, dass William nicht auf alles Einfluss nehmen konnte, um es zum Besseren zu wenden.

Sweetwater Creek Drive, Fairview, Georgia

Es war beinah 0:30 Uhr, als sie Billys Haus am Sweetwater Creek erreichten. Die Temperaturen waren deutlich zurück gegangen und durften jetzt um den Gefrierpunkt herum liegen. William schnappte sich Gordons Taschen und verschloss die Garage, ehe er mit ihm zusammen zur Haustür ging.

»Wenn es nachher hell ist, wirst du den Anblick erst richtig genießen können.«

Sie gingen ins Haus, und William stellte die Taschen zunächst neben die Treppe. »Möchtest du was trinken, Gordon?«

»Danke, Billy. Ich nehme mir nur wieder etwas Wasser aus deinem Kühlschrank. Es ist schon spät, und wir beide sollten so bald wie möglich ins Bett gehen.«

»Okay. Ich bringe deine beiden Taschen in mein vorläufiges Gästezimmer. Die Treppe hoch, zweite Tür rechts.«

»Danke, mein Junge.«

Glücklicherweise hatte William noch immer die Matratze, die Cynthia vor seiner ersten Nacht im eigenen Haus hergebracht hatte.

Gordon stieg die Treppe hinauf und kam zu William ins Gästezimmer. »Schön hast du's hier. Viel Platz.«

»Danke, Gordon. Doch ich bin immer noch dabei, mich hier richtig einzurichten.«

Williams Möbel und restliches Hab und Gut waren erst am Montag geliefert worden. Seither verbrachte er viel Zeit damit, sich einzurichten. Erst kurzfristig war ihm dann aufgefallen, dass er für Gordon ein Zimmer und ein Bett bräuchte. Somit hatte er das Zimmer neben dem Bad auch endlich einer Bestimmung zugeführt. Direkt daneben befand sich seine Bibliothek, die er sich noch einrichten wollte. Doch dafür bräuchte er entsprechende Schränke, die er bisher noch nicht kaufen konnte. Hinter der Bibliothek war schließlich sein eigenes Schlafzimmer. Den Abschluss bildete ein Zimmer, das später ein weiteres Badezimmer werden würde. Doch war dies der einzige Raum des Hauses, der nicht renoviert worden war. Daher nutzte ihn William vorerst als Abstellkammer für seine Werkzeuge. Bald schon würde er dort sein eigenes Badezimmer einrichten, die Tür direkt zum angrenzenden Schlafzimmer versetzen und den Zugang vom Flur aus schließen.

Gordon sah sich die große Matratze an, die auf dem Boden lag. »Kein Bettgestellt?«

»Sorry …«

Gordon musste lachen. »Sollte ich nicht mehr hoch kommen, werde ich dich rufen!«

Samstag, 28. Februar 2015

Cherokee County Sheriff Department, Canton, Georgia

O.C. Thomas war wieder beizeiten in seinem Büro und saß über verschiedenen Aktenordnern. Samstags nahm er sich zumeist vor, zumindest bis mittags die Stellung zu halten. Doch heute war ihm nicht wirklich nach Arbeit zumute. Der gestrige Abend war anstrengend gewesen. Einem Polizisten fiel es nun einmal nicht leicht, einen Kollegen im Krankenhaus zu wissen; selbst dann nicht, wenn er ihn nicht besonders gut kannte. Oft genug war er in einer ähnlichen Situation gewesen, wie sie William gerade durchstehen musste. Nur hatte O.C. wenigstens seine ihn liebende Frau Mabel, die ihm in solchen Momenten unter die Arme griff. Waren Cynthia und William schon so weit, dass sie ihm eine Stütze sein würde? Vermutlich nicht…

Er legte den aktuellen Ordner beiseite, griff nach seiner kleinen Maiskolbenpfeife und stopfte sie mit einer Virginia-Perique-Mischung. Nachdem er sie angesteckt hatte, lehnte sich O.C. in seinem Bürosessel zurück und dachte nach. Ihm war klar, dass er William helfen wollte. Beistand würde er ihm derzeit nicht bieten, das konnte dessen alter Freund aus New York vermutlich deutlich besser. Doch er würde ihn später auf jeden Fall wieder besuchen. Mabel hatte samstags ihren großen Putztag – und O.C. tat daher an diesem Tag immer alles nur erdenkliche, um ihr ja nicht im Weg zu stehen. Wie oft hatte sie ihn schon aus dem Haus geworfen, weil er ihr angeblich im Weg war? O.C. schmunzelte bei dem Gedanken an seine Frau – und morgen würde er mit ihr vermutlich wieder zum Essen ausgehen.

Nachdem er so in Gedanken ein Weilchen vor sich her geraucht hatte, fasste O.C. einen Entschluss. William war vermutlich zu sehr in Gedanken – und mit den Eltern des armen Officers beschäftigt –, als dass er dazu kommen würde, sich um einen schnellen Ersatz zu kümmern. Und da fiel O.C. ein, worüber sie sich vergangene Woche erst unterhalten hatten.

Er setzte sich an seinen Computer und suchte nach der Email, die er William nach ihrem Gespräch hatte zukommen lassen … und da war sie!

Michael Luther White

O.C. konnte sich wirklich noch sehr gut an diesen jungen Mann erinnern. Und er war sich sicher, dass er auch William als neuer Officer zusagen würde. Also wollte er mal zusehen, dass er den Dingen ein wenig nachhalf. Er klemmte sich die Pfeife zwischen die Zähne und wählte die Nummer des Sheriff Departments in Cobb County.

Als sich am anderen Ende jemand meldete, sagte er bloß: »Hallo Deputy, hier ist Sheriff O.C. Thomas aus Cherokee County! Verbinden Sie mich bitte mit Deputy Michael L. White … danke, ich warte … er hat heute seinen freien Tag? … danke, die Nummer habe ich … ja, wünsche ich Ihnen auch.«

O.C. grinste zufrieden, als er auflegte und direkt danach die Privatnummer des Jungen in Kennesaw anwählte. Er vergaß manchmal, dass nicht jeder Polizist auch samstags im Dienst war. Es klingelte … und nach einem kurzen Moment meldete sich eine verschlafene Stimme am Telefon.

»Deputy White? Hier ist Sheriff O.C. Thomas aus Canton. Sind Sie noch immer an einer Anstellung im Cherokee County interessiert? … Ja? … Na, wunderbar! Wann und wo können wir uns treffen und miteinander reden?«

Sweetwater Creek Drive, Fairview, Georgia

Gordon und William wachten beide kurz nach 7 Uhr auf. Für William war 7 Uhr beinah schon die reguläre Zeit, um das Bett zu verlassen. Zumeist stellte er sich den Wecker auf 6:30 Uhr; war Cynthia die Nacht bei ihm, wollte sie vor dem Aufstehen oftmals noch ein wenig schmusen. Heute hingegen verbrachte sie die Nacht bei sich zu Hause und ließ William vorerst mit seinem Besuch allein. Er hatte darauf bestanden, Gordon erst einmal so zu sprechen, ehe er direkt auf Cynthia zu sprechen kam. Schließlich war Gordon auch mit Williams Frau Angela befreundet gewesen; und William wusste noch nicht, wie sein alter irisch-katholischer Freund auf diese neue, plötzliche Liaison reagieren würde. Zumal William sich immer noch nicht sicher war, als was er Cynthia vorstellen sollte. Nur als eine Freundin? Sie war definitiv mehr als das! Als seine neue Freundin? Nein, denn das war sie wirklich nicht. Zumindest noch nicht! Und solange William sich seiner Gefühle nicht sicher war, würde er an dieser Situation auch vorerst nichts ändern wollen.

So ging er in Gedanken versunken nach unten in die Küche, um für Gordon und sich Tee zu kochen. »Gordon, möchtest du gebratene Eier und Speck? Ich hätte sonst auch Kellogg's Fruit Loops mit Milch! Oder soll ich uns schnell ein paar Pfannkuchen machen? Maissirup habe ich unten im Keller!«

Gordon war zurzeit noch im Badezimmer. Als er William rufen hörte, öffnete er die Tür und antwortete: »Was hältst du davon, wenn wir stattdessen zum Cracker Barrel fahren? Anschließend müsste ich bitte zum Walmart – ich brauche unbedingt meine Zahncreme und mein Rasierwasser!«

»Können wir auch machen!« William stieg wieder nach oben, damit sie nicht brüllen mussten. »Ich wusste nicht, dass du keine Zahncreme mitgebracht hast.«

»Hatte ich schon«, entgegnete Gordon. »Doch am Flughafen in Newark hat man mir Zahncreme und Rasierwasser weggenommen, weil beide Behälter jeweils mehr als 100 ml fassten. Ist das zu glauben?«

»Du kannst Zahncreme und Rasierwasser von mir haben.«

»Danke, mein Junge. Doch ich brauche sowieso beides neu, da ich zu Hause in North Arlington auch nichts mehr habe. Und morgen werde ich meine Tasche als Gepäck aufgeben; dann bin ich diese Sorge los.« Er grinste und schlich an William vorbei ins Gästezimmer. »In fünf Minuten wäre ich soweit!«

William ging daher in sein Schlafzimmer und zog sich zu Jeans und T-Shirt noch ein Hemd über. Da es morgens noch knapp über dem Gefrierpunkt war, entschied er sich für ein kariertes Flanellhemd. Sein Holster mit der Pistole steckte er wieder in den Gürtel. Vor dem Schlafengehen hatte er die Waffe gründlich gereinigt und geölt, nun war sie wieder einsatzbereit.

Er war gerade unten und zog seine Cowboystiefel an, als Gordon die Treppe herunter kam. »Seit wann trägst du Cowboystiefel?«, fragte Gordon verwundert.

»Früher gelegentlich. Und hier? Mal sehen … vermutlich werde ich mir bald ein paar andere Stiefel zulegen. Biker Boots vielleicht.«

Beide Männer lachten und gingen zur Garage. William öffnete sie, und Gordon bewunderte den Truck, den er am Abend gar nicht so bewusst wahrgenommen hatte.

»Schicker Wagen!«

»Passt zur Gegend.« William grinste und öffnete für beide die Türen. »Hier weiß man nie, was auf einen zukommt. Und da ich nun ein Haus mit Bäumen und direkt am Creek gelegen habe, werde ich vermutlich immer wieder mal was Größeres besorgen müssen. Und da kommt mir die große Ladefläche gerade recht.«

Sie verließen das Grundstück, und William lenkte den Truck entspannt nach Fairview hinein. »Wir haben einen Cracker Barrel am anderen Ende der Stadt, direkt bei der Auffahrt zur Interstate.« Da William sich immer noch nicht so gut auskannte, programmierte er das Restaurant schnell in sein Navigationsgerät ein.

»Du hast ein Navi?«

»Glaube mir, Gordon, ohne ist man hier aufgeschmissen.«

So fuhren sie zum Frühstücken und kamen gegen 7:45 Uhr an. William parkte seinen Truck in der Sonne und nicht allzu weit vom Eingang entfernt. Als sie sich nun auf den Weg dorthin begaben, bemerkte Gordon die Schaukelstühle, die vor dem Restaurant zum Verkauf angeboten wurden. »Sowas wäre gut für deine Veranda, mein Junge.«

Sie schauten sich die Schaukelstühle an, die von robuster Qualität zu sein schienen. William stimmte Gordon zu – das wäre das Richtige für die Veranda. Doch zunächst wollten sie frühstücken.

Short Street, Fairview, Georgia

Brenda Lee klingelte um 8 Uhr an der Tür der Familie Lopez. Lois öffnete ihr und ließ sie hinein. José war bereits sehr früh wieder zur Arbeit gefahren, und auch Lois würde spätestens in einer Stunde wieder los müssen.

»Ich wollte nur kurz nach dir schauen, Lois«, sagte Brenda Lee und nahm ihre Freundin in den Arm. »Wie lange musst du heute arbeiten?«

»Von 9:30 Uhr bis 14 Uhr.«

Sie setzten sich hin und tranken Kaffee. Lois hatte sich einigermaßen beruhigt, doch Brenda Lee war sich sicher, dass es bloß Fassade war. »Kann ich irgendwas für euch tun?«

Lois schüttelte nur den Kopf und trank einen Schluck Kaffee. »Danke, das ist lieb von dir. Bete für meinen Jungen … mehr kannst du nicht tun.«

»Wer kümmert sich in der Zeit um King?«, wollte Brenda Lee wissen.

»Das tue ich. Er ist ein lieber Hund, doch er vermisst sein Herrchen. Vorhin war er das erste Mal mit mir Gassi, und José hatte ihn gestern ausgeführt, kurz bevor ich ihn zu Hause erreichen konnte.«

Wieder schwiegen beide und tranken ihren Kaffee. Brenda Lee hatte selbst einen Hund, der an ihr hing; einen weißen Beagle namens Snoopy. James, ihr Mann, hatte ihn ihr kurz nach der Hochzeit geschenkt. Da sie beide den ganzen Tag arbeiteten, hatte sich seither Brenda Lees Mutter Alice um den Hund gekümmert und diesen zu sich genommen. Doch da sie ebenfalls in Fairview wohnte, konnte Brenda Lee ihren Hund jederzeit sehen.

»Möchtest du, dass ich später bei dir vorbei schaue?«

»Danke, Brenda. Doch das ist nicht nötig. Ich habe viel zu tun … Haushalt und King. Und nachher kommt José von der Arbeit. Dann werden wir bestimmt im Hospital vorbeischauen.«

Sie tranken wieder schweigend ihren Kaffee, ehe Brenda Lee nach etwa einer halben Stunde das Haus der Familie Lopez verließ. Lois war eine starke Frau, das wusste Brenda. Doch die Angst um ihren Sohn setzte ihr mehr zu als sie selbst vielleicht zuzugeben bereit war. Brenda Lee stieg wieder in ihren blauen Toyota Tacoma und fuhr zu ihrer Mutter.

Fairview, Georgia

William und Gordon hatten gut gefrühstückt und fuhren nun bereits zum Walmart, damit Gordon sich mit Zahncreme und Rasierwasser eindecken konnte. Kurz nach 9 Uhr verließen sie den Supermarkt wieder und fuhren zurück zum Cracker Barrel. Während des Frühstücks, der Fahrt zum Walmart und sogar noch, während sie nach Gordons Rasierwasser suchten, hatte dieser William mit den Schaukelstühlen in den Ohren gelegen.

Gleich nachdem sie wieder auf dem Parkplatz standen, gingen sie zur Veranda des Restaurants und schauten sich die Schaukelstühle genauer an. Gordon fand zwei, die ihm auf Anhieb gefielen. Und auch William sagten diese beiden sehr zu. Dennoch war Gordon nicht schlecht erstaunt, als sein Freund noch zwei weitere Schaukelstühle auswählte. Die wetterfesten Schaukelstühle hatten ihren Preis, und für rund $1,200 wanderten sie auf Williams Ladefläche, auf der sich noch immer der Regalschrank befand, den er mit Juan am Abend zuvor im Home Depot gekauft hatte.

Sweetwater Creek Drive, Fairview, Georgia

Es war bereits kurz vor 10 Uhr, als William und Gordon mit den Einkäufen zurück zu Williams Haus kamen. Sie schafften zuerst die Schaukelstühle auf die Veranda, danach brachte Gordon seine Zahncreme und sein Rasierwasser nach oben und begab sich erneut ins Badezimmer. William wischte die Schaukelstühle ab, als ihm auffiel, dass er noch gar keinen passenden Tisch hatte. Doch diesen würde er sich irgendwann demnächst kaufen. Jetzt musste er erst mal die eben gezahlten $1,200 verdauen.

State Route GA-92, Woodstock, Georgia

Um 10 Uhr trafen sich O.C. Thomas und Michael Luther White in einem IHOP in Woodstock, einem Ort im Cherokee County. Sie aßen beide Pancakes, tranken Kaffee und unterhielten sich zunächst über die Arbeit im Cobb County. Das IHOP war ein klassisches Diner, das sich vor allem zur Frühstückszeit eignete. Hier gab es Pfannkuchen in allen möglichen Variationen, doch O.C. war nicht wegen des Frühstücks hier. Er wollte mit Deputy White sprechen.

»Sagen Sie mal«, wechselte O.C. nun das Thema, um auf den Punkt zu kommen, »wieso wollten Sie damals unbedingt zum Sheriff Department von Cherokee County?« Er nahm einen Schluck Kaffee und ließ sein Gegenüber dabei nicht eine Sekunde aus den Augen.

Deputy White kaute zu Ende, ehe er antwortete: »Es ist wegen meiner Freundin. Sie wohnt in Canton und arbeitet in Fairview. Ich dachte, wenn ich als Deputy in Canton arbeite, könnte ich mit ihr zusammenziehen und hätte dann einen kurzen Weg zur Arbeit.«

»Aha, verstehe …« Sheriff Thomas trank weiter Kaffee und blickte unentwegt Deputy White an.

»Der Posten in Cobb County ist gut, und es sind nur sieben Meilen bis zu mir nach Hause. Doch trennen mich stolze 21 Meilen von meiner Freundin; und das ist wirklich anstrengend.«

»Deputy White, vielleicht habe ich einen passenden Job für Sie.«

Michael White blickte erwartungsvoll auf: »Ist bei Ihnen wieder eine Planstelle frei geworden, Sir?«

»Nein, das nicht.« O.C. bemerkte, wie das Gesicht des Deputy schlagartig enttäuscht wirkte. »Doch ich habe eine – denke ich – sehr gute Alternative für Sie.«

Myers' Real Estate, Fairview, Georgia

Obwohl es Samstagmorgen war, saß Cynthia Myers in ihrem Büro in der Main Street und brütete über Immobiliengesuchen und möglichen, lukrativen Neuakquisen. William hatte heute keine Zeit für sie, zumindest nicht jetzt. Daher wollte sie die Zeit effektiv nutzen und schauen, ob sich nicht etwas Geld verdienen ließe.

Cynthia Myers war eine sehr attraktive Brünette, die sehr großen Wert auf ihr Äußeres legte. Mit immerhin 1,75 m Körpergröße, die sie zumeist mit hochhackigen Schuhen noch unterstrich, brachte sie nur knapp über 60 kg auf die Waage. Sie war sehr sportlich und ernährte sich zumeist gesund, was insbesondere hier, im Süden der USA, nicht alltäglich zu sein schien. Noch bis vor knapp zwei Wochen war sie morgens täglich joggen, und auch abends lief sie immer wieder ein Stückchen, um frische Luft zu tanken. Doch dann traf sie Chief William Justice … und dieser brachte ihr Leben durcheinander, was sie ihm jedoch nicht vorwarf. Schließlich war sie die treibende Kraft gewesen, und er hielt sich zumeist zurück. Und eben das war es, was sie so sehr an ihm reizte. Seit ihrer Scheidung 2013 liefen ihr die Männer hechelnd in Scharen hinterher. Doch keiner konnte ihr Herz gewinnen, und für einen One-Night-Stand war sie sich zu schade.

Dann traf sie den neuen Chief, und alles wurde anders. Seine ruhige, zurückhaltende Art machte sie neugierig. Und sie spürte, dass sie ihm gefallen wollte. Er war stets höflich, baggerte sie nicht an und lief ihr nicht nach. Das war neu! Und sie spürte tief in sich ein Gefühl, dass sie in dieser Form noch nie hatte. Zunächst hatte sie nicht weiter darauf geachtet, doch bereits während der ersten Hausbesichtigung mit ihm hatte sie Gewissheit: Sie wollte diesen Mann! Und dieser Gedanke erschreckte sie ebenso sehr, wie er sie erregte. Seit 2013 hatte sie an keinen Mann auch nur einen Gedanken verschwendet. Ihr Ehemann war in jeder Hinsicht ein Versager, doch sie hatte ihn geliebt. Glücklich hatte er sie nie machen können, doch er war ihr erster und bisher einziger Mann gewesen.

Bereits bei ihrem zweiten Treffen mit Chief Justice war sie in die Offensive gegangen. Sie hatte ihre Bluse dermaßen weit geöffnet, dass sie sich später selbst schon beinah schäbig gefühlt hat. Doch die zurückhaltende Art des Chief hatte sie nur mehr und mehr in Erregung versetzt. Als sie erfahren hatte, dass er allein war, wollte sie es genauer wissen. Er hatte ihr gesagt, dass seine Möbel erst nachgeschickt würden, und die erste Nacht wollte er bereits von Dienstag auf Mittwoch in seinem neuen Haus verbringen. So hatte sie sich dazu entschieden, alles auf eine Karte zu setzen. Sie hatte eine große Matratze per Same-Day-Delivery bestellt und als Lieferadresse Williams Haus angegeben. Da sie aus verschiedenen Gründen stets einen Nachschlüssel zu allen von ihr vermittelten Häusern besaß, konnte sie ohne Probleme die Tür öffnen, als der Lieferdienst die Matratze gebracht und nach oben in den ersten Stock getragen hatte.

Sie hatte für sich und den Chief ein romantisches Liebesnest vorbereitet und gehofft, dass er sie nicht abweisen würde. Dieser Mann verschlug ihr schier den Atem, und dieses Gefühl tief in ihr war brachial angewachsen. Und während sie noch das Bett vorbereitet und zahlreiche Kerzen im Zimmer verteilt hatte, spürte sie, was es war. Es war Lust! Nie zuvor hatte sie solch ein intensives Verlangen danach gehabt, einen Mann in sich zu spüren. Doch allein die Vorstellung daran, wie es vielleicht sein könnte, hatte sie beinah wahnsinnig werden lassen. Sie hatte alles auf eine Karte gesetzt, und jetzt wollte sie nicht mehr zurück. Vielleicht mochte er denken, sie sei eine sexgierige Schlampe, und vielleicht schmiss er sie auch hochkant hinaus. Doch in diesem Moment, als sie das Bett herrichtete, war es ihr egal.

Umso mehr hatte sie sich gefreut, als er ihren beinah schon aggressiven Annäherungsversuchen nicht widerstehen konnte. Sie hatte sich selbst gewundert, wozu sie alles bereit war und sich ihm gänzlich hingegeben. Cynthia hatte es genossen, wie er sie liebte und dass er wusste, wie man eine Frau glücklich macht. Er hatte Sachen mit ihr angestellt, die sie nur aus Büchern und einigen wenigen Filmen her kannte. Und er hatte ihr etwas verschafft, was ihrem Ehemann in all den Jahren nie gelungen war … Orgasmen!

Zwischen den einzelnen Runden hatten sie immer viel miteinander geredet. Sie hatte ihm von ihrem Leben erzählt, von ihrem Beruf, von ihren Träumen und Vorstellungen. Doch auch in diesen Momenten war der Chief stets ruhig und zurückhaltend. Er sprach immer nur sehr wenig über sein Privatleben. William hatte ganz klar seine Geheimnisse, und das wiederum steigerte in ihr wieder das Verlangen nach mehr.

Erst am Samstag darauf hatte er ihr schließlich von seiner Frau erzählt, die in Manhattan erschossen worden war. Cynthia hatte erkannt, dass er seine verstorbene Frau sehr geliebt haben musste. Und sie hatte auch erkannt, dass er jetzt noch nicht bereit für eine neue Beziehung war. Doch seit sie sich ihm das erste Mal hingegeben hatte, stellte sie sich ebenfalls diese Frage. War sie bereit für eine neue Beziehung? War sie wirklich dazu bereit, ihr ansonsten durchorganisiertes Leben wieder dem eines Mannes anzupassen?

Da Cynthia William am liebsten jede Nacht neben sich liegen hätte, wäre ihr Antwort im Grund genommen sofort: Ja.

Doch auf der anderen Seite genoss sie seither stets ihre Unabhängigkeit und lebte für ihre Arbeit. Ihr Ehemann hatte die USA wegen eines betrügerischen Bankrotts verlassen müssen und sich in die Karibik zurückgezogen. Sie hatte sich scheiden lassen, und sein in Atlanta praktizierender Anwalt hatte dafür gesorgt, dass die Scheidungspapiere unterschrieben zu ihr gelangten. Ihr Mann hatte ihr Schulden, ein gebrochenes Herz und den Willen, etwas auf die Beine zu stellen, hinterlassen. Also hatte sie angefangen, als Immobilienvermittlerin für einen Makler zu arbeiten, und schon ein Vierteljahr später hatte sie sich selbständig gemacht. Ihr Aussehen und ihre Empathie hatten sie schnell recht erfolgreich werden lassen. Doch es war harte Arbeit und verlangte sehr viel Zeit und Einsatz.

Nachher würde sie zu William fahren. Er wollte ihr seinen Freund und Mentor aus New York vorstellen. Außerdem war anzunehmen, dass auch O.C. aus Canton wieder zu ihnen stoßen würde. Sie hatten letztes Wochenende einfach eine Menge Spaß zusammen, hatten viel geredet und viel gelacht. Daher nahm sie sich vor, nur bis etwa 12 Uhr mittags zu arbeiten. Danach würde sie nach Hause fahren, sich frisch machen, Wäsche für den nächsten Morgen einpacken und anschließend Budweiser für den Sheriff und Root Beer für ihren Chief besorgen. Gegen 14 Uhr würde sie dann bei ihm zu Hause klingeln, und darauf freute sie sich schon.

Sweetwater Creek Drive, Fairview, Georgia

Um 12 Uhr aßen Gordon und William Chicken Wings, die sie aus dem Walmart mitgebracht hatten, dazu gab es Potatoe Wedges und Sour Cream. Ein Snack, wie sie ihn beide mochten, da er nicht viel Arbeit machte. Nach dem Essen packten sie das Geschirr in die nun wieder existierende Spülmaschine und setzten sich in ihre Sessel vor dem Kamin, in dem William ein Feuer schürte. Er nahm sich seine neue Pfeife, die er von seiner Frau zu Weihnachten hätte bekommen sollen, stopfte sie mit Boswell's Peach 'n Cream und zündete sie an. Gordon und er hatten sich zuvor je eine Tasse Kräutertee gekocht und blickten nun in die Flammen.

»Kaum zu glauben, Billy, dass es gerade einmal etwas mehr als zwei Wochen her ist, seit wir beide zum letzten Mal gemeinsam vor deinem Kamin in North Arlington gesessen haben.«

William zog einige Mal an seiner Pfeife, ehe er antwortete: »Hmm … ja. Und dennoch kommt es mir wie eine Ewigkeit vor.«

»Ja, es ist seither sehr viel passiert.«

»Wisst ihr mehr über Angelas Ermordung?«

»Ja, ein bisschen.« Gordon nahm einen Schluck Tee, ehe er fortfuhr: »Das Morddezernat geht davon aus, dass man deine Frau vorsätzlich erschossen hat.«

William zog an seiner Pfeife, deren Rauch einen angenehmen Duft verströmte, und dachte über Gordons Worte nach. »Seid ihr sicher?«

»Ziemlich. Erinnerst du dich noch an die Worte des Pathologen?«

William konzentrierte sich und antwortete: »Ja. Zwei Schüsse … Kleinkaliber … .22 Magnum … einer traf das Herz, der andere drang in den rechten Lungenflügel ein.«

»Völlig korrekt, mein Junge. Und genau das ist der Punkt!«

William dachte über die Worte nach, dann fiel es ihm auch auf: »Er sagte, sie sei aus nächster Nähe erschossen worden. Hätte der mutmaßliche Räuber im Affekt geschossen, wären die Kugeln wohl eher dicht beinander in den Körper eingedrungen … und nicht eine in den rechten und eine in den linken Lungenflügel.«

»Ja«, bestätigte Gordon, »das sagt das Morddezernat auch.«

William dachte weiter nach und zog derweil bedächtig an seiner Pfeife. »Gordon, wer auch immer auf meine Frau geschossen hat … er wollte sicher gehen, dass sie stirbt!«

»Wie meinst du das, Billy?«

»Gezielte Schüsse in beide Lungenflügel … die Lunge kollabiert, das Opfer ist nicht mehr in der Lage zu schreien, erstickt und ertrinkt im eigenen Blut. Gordon, selbst wenn der eine Schuss nicht ins Herz getroffen hätte, wäre jede Hilfe zu spät gekommen!« William wurde wütend, Tränen stiegen ihm in die Augen, und er legte seine Pfeife behutsam auf den kleinen Tisch zwischen den Sesseln. »Es war ein eiskalt geplanter Mord.«

Gordon atmete langsam und ruhig ein. Williams Worte bestätigten ihm, was er und das Morddezernat vermutet hatten. Doch es gab noch einen weiteren Punkt, den er William nicht verheimlichen wollte: »Einige glaubten anfänglich, du stündest hinter dem Mord an deiner Frau.«

»Na klar, wegen der $250,000 von der Lebensversicherung. Ach, ehe ich es vergesse … das Geld ist seit gestern auf meinem Konto. Erinnere mich bitte nachher dran, sollte ich es vergessen.« William nahm sich wieder seine Pfeife, glättete die Oberfläche der Asche und zündete sie neu an. »Als ob ich meine Frau hätte töten lassen können. Das ist absurd!«

»Billy, der Verdacht ist aus der Welt geschafft. Das Morddezernat hatte mehrheitlich bereits gegen diese Theorie gestimmt, und eine Überprüfung der Policen ergab eindeutig, dass deine Frau ihre Police abgeschlossen hatte, nachdem du deine zugunsten Angelas veranlasst hattest. Und nichts deutet darauf hin, dass dies auf dein Geheiß erfolgt wäre. Ganz im Gegenteil! Die Versicherung hat mittlerweile bestätigt, dass deine Frau erwähnte, dich damit überraschen zu wollen. Und da beide Policen über jeweils $250,000 liefen und kein deutlich höherer Betrag eingesetzt wurde, hat man den Verdacht gegen dich fallen gelassen.«

»Fragt sich nur«, fuhr William nach zwei leichten Zügen an seiner Pfeife fort, »wer alles für den Mord infrage kommt.«

»Das fragen wir uns auch, mein Junge.«

Die beiden Freunde saßen schweigend vor dem Kamin, genossen das beruhigende Spiel der Flammen und tranken ihren Tee.

William rauchte weiterhin seine Pfeife, dann ergriff er wieder das Wort: »Gordon, ich glaube, mich hat ein dunkler BMW von New York aus bis nach Fairview verfolgt.«

Gordon zuckte sichtlich zusammen, als er Williams Worte vernahm: »Ein dunkler BMW? Mit dunkel getönten Scheiben?«

Jetzt wurde auch William hellhörig: »Ja. Woher weißt du …?«

Gordon erzählte ihm nun ausführlich von dem dunklen BMW, der ihn bereits seit Tagen in New York verfolgte, und er erzählte ihm von dem Zwischenfall vor der Citibank im chinesischen Viertel, ganz in der Nähe der Police Plaza. William hörte aufmerksam zu, dann erzählte er wiederum, was sich hier in Fairview mit dem BMW zugetragen hatte.

»Deine Maklerin wurde hier in deinem Haus auf den BMW aufmerksam?« Entgegen Williams Befürchtungen, lächelte Gordon ihn freudig an und fragte: »Möchtest du mir vielleicht verraten, was deine Immobilienmaklerin hier zu schaffen hatte? Nachdem sie dir dein Haus doch bereits verkauft hatte?«

Der schelmische Blick Gordons entging William nicht, der innerlich unmerklich aufatmete. »Sie wollte im Erdgeschoss ein wenig putzen.«

»So, so … erzähl mir von ihr!«

Und William begann zu erzählen … wie sie sich kennengelernt hatten, wie sie sich ihm gegenüber verhalten hatte. Wie sie aussah, was sie so alles tat, ihre offene Art und Weise …

»Liebst du sie, mein Junge?«

»Ich weiß es nicht, Gordon. Ich mag sie … sehr sogar. Doch ich weiß nicht, ob ich schon bereit zu mehr bin.«

»Weiß sie von deiner Frau?«

»Ja. Und sie akzeptiert es.«

»Nun, wenn ihr beiden euch arrangiert habt und wisst, woran ihr jeweils seid, ist es doch toll. Billy, ich freue mich für dich!«

William fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Dennoch hatte er seine Bedenken: »Ich weiß nur nicht, ob es richtig ist … Angela ist gerade mal seit zwei Monaten beerdigt.«

»… und sie hätte sicherlich nicht gewollt, dass du in Melancholie versinkst und dein Leben wegwirfst. Hör mir zu, mein Junge: Du warst deiner Frau stets ein liebevoller und treuer Ehemann … und das wusste sie auch. Sie würde mit Sicherheit wollen, dass du glücklich bist.«

An seiner Pfeife ziehend, blickte William während dieser Worte ins Feuer. Auch Cynthia hatte ihm bereits gesagt, dass es nicht schlimm sei, und sie musste immerhin akzeptieren, dass er seine Frau noch immer liebte und wohl auch immer lieben würde.

»Wirst du sie mir vorstellen?«

»Sie kommt nachher vorbei. Ich wollte erst mit dir allein sein …«

»… um es mir schonend beizubringen?« Gordon lachte. »Billy, du bist ein verdammt guter Cop … knallhart und nicht umsonst so erfolgreich. Doch in manchen Dingen bist und bleibst du einfach ein Kindskopf.«

William sah mit seinem Dackelblick zu Gordon, der sich sichtlich amüsierte, und zog wieder an seiner Pfeife.

»Hättest du etwas mit einer anderen Frau angefangen, während du mit Angela verheiratet warst, hätte ich dir wahrlich die Leviten gelesen. Du weißt, dass ich dich immer als Sohn und sie als Schwiegertochter betrachtet habe. Auch ich habe deine Frau geliebt … ihr wart so ein schönes Paar. Doch denke bitte daran, dass ich dich in den Süden geschickt habe, eben damit