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Kurt Falkan, Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, findet keine Ruhe. Die Begegnung mit einem angehenden Ortspolitiker zwingt ihn, sich Gedanken über dessen Umfeld und Leben zu machen. Der Mann fühlt sich zu Anfang durch einen unbekannten Witzbold belästigt, dann bedroht, schließlich zu Tode erschreckt. Falkan folgt einer Spur von Brotkrumen aus verängstigenden Botschaften, die ihn am Ende zum Täter führt.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig oder gewollt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Der in Schwarz gekleidete Mann schlich mit gesenktem Kopf an den Neubauten vorbei und suchte mit verstohlenen Blicken nach den Hausnummern. Er musste die Augen anstrengen, denn es war spät in der Nacht, und er hatte extra gewartet, bis die Straßenbeleuchtung in Altenhaßlau ausgeschaltet wurde. Er wollte nicht das Risiko eingehen, zufällig von einem Nachtschwärmer im Schein einer Laterne gesehen zu werden.
Als er schließlich im schwachen Licht der Sterne die gesuchte Nummer an der Wand neben der Haustür entdeckt hatte, nahm er den Umschlag aus der Tasche. Es hatte vorhin zu regnen angefangen und er musste vermeiden, dass das Papier und der Inhalt aufweichten. Die Fenster in der Umgebung waren alle dunkel. Die Menschen schliefen. Der Mann trat näher an die Haustür. Es gab noch keinen Zaun oder einen Plattenweg, die Gebäude im Neubaugebiet am Ortsausgang waren teilweise noch nicht einmal verputzt. Mit spitzen Fingern öffnete er die Klappe des Briefkastens und ließ den Umschlag hineingleiten, wobei ihn ein Gefühl äußerster Befriedigung erfasste.
Endlich.
Langsam ging er zur Straße zurück und warf einen langen Blick zu den Fenstern des Schlafzimmers im ersten Stock hinauf. Sollten sie ruhig noch ihren sorglosen Schlaf genießen. Es fing ja alles erst an.
Kurt Falkan blieb stehen und wischte sich mit einem Schweißtuch, das er für Exkursionen bei solchem Wetter stets mitführte, den Schweiß von der Stirn. Leider hatte er es versäumt, Verpflegung in flüssiger und fester Form mitzunehmen, und so plagten Herrn und Hund Hunger und Durst. Es war Mitte August, die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel, und er hatte noch einige Kilometer vor sich. Man musste sich fit halten, wenn man ab einem gewissen Alter noch mithalten wollte. Und Falkan wollte noch mithalten, nur hatte ihn schon längere Zeit keiner mehr dazu aufgefordert. Seine wöchentliche Annonce in der Zeitung schien im Hochsommer niemanden zu interessieren, das Verbrechen machte Ferien.
Falkan ließ die letzten Häuser der Eidengesäßer `Schwarzmühle´ hinter sich und lief weiter in Richtung Waldrand. Der warme Westwind wehte leise samstäglichen Glockenschlag aus dem Kinzigtal herauf und wies ihm den Weg. Fritz zog an der Leine, als könne er schon das Schälchen Wasser wittern, das im `Buxbaum´ auf ihn wartete.
„Nicht so schnell, Fritzchen, das gibt nur noch mehr Durst“, forderte Falkan seinen Dackel auf, obwohl sein Mund selbst ausgedörrt wie die Sahara war und er sich nach einem kühlen Weizen sehnte. Oben, beim Garten des Obst – und Gartenbauvereins angekommen, musste er das Schweißtuch erneut herausholen, bevor er sich an den Abstieg nach Altenhaßlau hinunter machte. Der Gedanke an das zu erwartende Weizenbier ließ ihn allmählich die Geschwindigkeit der seines Hundes anpassen, und als sie eine gute Viertelstunde später auf die Hauptstraße einbogen und es nur noch wenige Meter bis zur Tränke waren, spürte Falkan, dass es nicht bei einem bleiben würde, wenn er den Flüssigkeitsverlust der letzten zwei Stunden wieder wettmachen wollte. Etwas weiter vorne, an der Straßenlampe, die immer so aussah, als würde sie die alte Mauer des evangelischen Pfarrhauses stützen, standen zwei Männer und machten sich am Laternenpfahl zu schaffen. Als Falkan an ihnen vorbeiging, sah er, dass die beiden mit Kabelbinder ein Plakat an dem Pfahl befestigten. Die Männer nickten Falkan freundlich zu, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Im Vorübergehen registrierte Falkan, dass das Gesicht des einen Mannes auf dem Plakat abgebildet war. Falkan erinnerte sich, es in der letzten Zeit schon in der Zeitung gesehen zu haben. Die Bürgermeisterwahl stand an, er wusste allerdings nicht, für welche Partei das Gesicht stand. Nun, man würde es in den nächsten Wochen noch herausfinden.
Am Platz vorm Heimat – und Geschichtsverein angekommen, waren schon laute Beifallsrufe zu vernehmen. Irgendwo hatte Falkan gelesen, dass die Bundesligasaison heute wieder angefangen hatte und Bayern München das Eröffnungsspiel bestritt. Mit einem Bier in aller Ruhe würde es also nichts werden, doch der Durst war stärker als sein Ruhebedürfnis, und so hockte er sich im Biergarten des `Buxbaum´ auf eine Bank, die etwas weiter von den Fenstern der Kneipe entfernt stand und zu der die Kommentare aus dem Inneren nicht in voller Lautstärke durchdrangen. Weronika, die Wirtin, hatte ihn schon gesehen, er musste nur nicken. Sie wusste, was er und sein Dackel an einem sonnigen Samstagnachmittag brauchten.
Die anderen Bänke waren spärlich besetzt, die meisten Leute waren um diese Zeit noch mit häuslichen Arbeiten oder mit Einkaufen beschäftigt. Falkan hatte mit derlei Tätigkeiten an diesem Samstag nichts am Hut. Der Kühlschrank war voll, seine Perle Birgit Krannich hatte das Haus gestern auf Vordermann gebracht, und den Garten konnte er in nächster Zeit beruhigt sich selbst überlassen. Lediglich seine Hasen musste er später noch versorgen.
Als die Wirtin die Getränke brachte, betraten zwei neue Gäste den Biergarten. Falkan erkannte die beiden Wahlkämpfer von vorhin. Sie setzten sich an den Nebentisch und grüßten erneut freundlich.
`Sind scheinbar immer im Wahlkampfmodus´, grinste Falkan innerlich und nahm einen großen Schluck, um sich den Staub der Landstraße aus der Kehle zu spülen. Unterm Tisch schlabberte Fritz eifrig in seinem Schälchen herum. Falkan lehnte sich zurück und genoss das warme Wetter und das kalte Bier. Wie immer, wenn er alleine hier saß und die Hauptstraße im Blick hatte, musste er an die Zeiten denken, in denen man als Urlauber aus Frankfurter im Linsengericht dort drüben im Hanauer Hof und etwas weiter vorne in der Reinhardtsschänke noch schlemmen konnte, was das Zeug hielt. Beim Gedanken an den `Altenhaßlau Teller´ oder den gemischten Gulasch mit Klößen bei Adrians wurde ihm ganz warm ums Herz. Falkan war so in seine kulinarischen Fantasien vertieft, dass er zusammenzuckte, als ihm jemand von der Seite ins Ohr redete.
„Hallo.“
Falkan wandte den Kopf und blickte in das Gesicht vom Plakat.
„Hallo.“
Der Mann streckte ihm die Hand hin.
„Jerome Grimmel.“
Falkan nahm sie und nickte.
„Kurt Falkan. Ich kenne Sie aus der Zeitung.“
Grimmel lachte.
„Ich Sie auch. Sie annoncieren jede Woche in der GNZ. Ich habe mich nach Ihnen erkundigt. Man hat Sie mir beschrieben und gesagt, Sie seien meist mit Dackel unterwegs.“
„Da kennt mich wohl jemand.“
„Jenni Fuchs von Alex backt’s. Sie sagte, sie sei eine gute Bekannte von Ihnen.“
„Der Laden ist so eine Art Drehpunkt im Dorf, da kennt man sich. Darf ich fragen, warum Sie sich nach mir erkundigt haben?“
Falkan witterte Arbeit. Er nahm nicht an, dass er als Wahlkampfhelfer fungieren sollte.
„Als ich in der Zeitung gelesen habe, dass wir in Altenhaßlau einen Privatdetektiv haben, dachte ich mir, ich könnte mal ganz unverbindlich über ein mögliches Problem mit Ihnen reden.“
Das klang zwar noch nicht nach einem zu erwartenden Honorar, versprach jedoch Abwechslung im Rentneralltag.
„Lassen Sie hören.“
Grimmel griff sich sein Bier vom Nachbartisch und nahm neben Falkan Platz.
„Ich bin letztes Jahr hierher gezogen. Wir wohnen im Neubaugebiet, oben am Stückweg, beim neuen Kindergarten. Meine Freundin, ihre Tochter und ich. Ich hab da auch meine Werkstatt. Bin selbstständiger Goldschmied.“
„Und wollen schon in der Politik mitmischen?“
Grimmel zeigte ein gewinnendes Lächeln.
„Ich bringe mich gerne ein. Das habe ich von meinem Vater, der war acht Jahre ehrenamtlicher Bürgermeister bei uns zuhause. Jetzt zu meinem Problem. Es hat vor ein paar Wochen angefangen, ich glaube, es war Ende Mai, da habe ich einen Umschlag in meinem Briefkasten gefunden. Außen hat jemand mit einem Stempel meinen Namen aufgedruckt, und innen war nur ein Zettel mit einer Zehn drauf, sonst nichts.“
„Haben Sie den Umschlag aufgehoben?“
Falkan hatte bereits nach den ersten Worten das Gefühl, dass es interessant werden könnte.
„Ja. Ich dachte, wenn jemand einen Stempel mit meinem Namen hat, muss er sich irgendwas gedacht haben, hab mir aber weiter keine Sorgen gemacht. Ein paar Wochen später fand ich wieder einen Umschlag. Wieder der Stempel, wieder ein Zettel drin, diesmal mit einer Neun drauf. Auch da hab ich mir noch nichts gedacht, obwohl es schon merkwürdig war. Dann kam vor zwei Wochen ein Zettel mit einer Acht und letzten Dienstag kam eine Sieben, immer noch ohne eine Mitteilung, nur der Stempel.“
„Klingt für mich irgendwie nach einem Countdown.“
Grimmel nickte mit ernster, beinahe ängstlicher Miene.
„Das habe ich mir dann auch überlegt. Wenn es so ist, wäre das äußerst beunruhigend.“
„Sie wollen sich doch in die Politik einbringen.
Vielleicht ein politischer Gegner, der Ihnen einen bösen Streich spielen, Sie nervös machen will.
Waren Sie schon bei der Polizei?“
„Als die Acht kam, fand ich Ihre Annonce in der Zeitung und wollte erstmal mit Ihnen reden, es kam aber immer wieder was dazwischen. Letzten Dienstag bei der Sieben ist mir dann aber doch ein wenig mulmig geworden, und ich bin zur Polizei gegangen. Die haben sich zwar meine Geschichte angehört und eine Anzeige gegen Unbekannt aufgenommen, aber mehr könnten sie vorerst nicht tun. Kann ich ja auch verstehen, gegen wen oder was sollen die ermitteln? Und ein Sonderkommando werden die mir auch nicht ums Haus stellen, ich will ja nicht Bundeskanzler werden. Einer der Kommissare hat mir sogar empfohlen, vielleicht einen Privatdetektiv zu beauftragen. Als ich ihm sagte, dass ich mich auch in der Richtung schon erkundigt habe, hat er mir Ihren Namen genannt. Und hier bin ich.“
Falkan zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Hieß der zufällig Friedrichsen?“
„Glaube ja. Er sagte, sie wären ein sehr findiger Mensch.“
Falkan nahm sich vor, seinem Nachbarn, Kriminalhauptkommissar Bengt Friedrichsen, beim nächsten Herrenabend einen auszugeben.
„Haben Sie schon mal an eine Überwachungskamera gedacht?“
Grimmel deutete auf den Mann am Nebentisch.
„Hat mein Freund Ben auch vorgeschlagen. Wir haben sie nach der Sieben installiert. Bisher hab ich aber nur den Briefträger, Leute, die Werbung bringen und ein paar Katzen in der Nacht auf Festplatte. Ben ist außer Ihnen und der Polizei auch der einzige, dem ich bisher von der Sache erzählt habe. Ich will meine Freundin nicht beunruhigen.“
„Dann schlage ich vor, Sie warten erstmal, ob die Kamera vor dem Erhalt der Sechs etwas Verdächtiges einfängt, das wäre das einfachste.
Sollte sich nichts ergeben, können wir uns immer noch etwas anderes überlegen.“
„Und was?“
„Ich denk drüber nach.“
Grimmel winkte der Wirtin.
„Ich gebe Ihnen schon mal einen aus, als Vorschuss sozusagen, falls die Kamera versagt.“
Das Wochenende ging ereignislos vorüber, wenn man davon absah, dass die Häsin im linken Stall Junge bekommen hatte. Fünf kleine Wollknäuel, die Falkans Züchterherz zwar höher schlagen ließen, ihn jedoch auch vor das übliche Problem stellten. Wohin mit den Burschen? Den letzten Wurf hatte er komplett an Schulkammeraden von Friedrichsens Sohn Paul verschenkt, da er immer noch niemanden gefunden hatte, der die ausgewachsenen Tiere vom Stall in die Kühltruhe befördern wollte. Die Vorliebe der Falkans für Hasenbraten war damals, nach dem Umzug ins Linsengericht, eigentlich der Grund dafür gewesen, einen Stall zu bauen und sich den Sonntagsbraten eigenhändig heranzuziehen.
Am Montagmorgen, gleich nach dem Frühstück, machte sich Falkan mit Fritz an der Leine und dem Rucksack auf dem Rücken auf den Weg in den Rewe-Markt, um diverse Leckereien, die sein eigener Garten nicht hergab, für die junge Mutter zu besorgen. Seit dem Umzug des Marktes in das Neubaugebiet `An der Wann´ führte die kürzeste Strecke mitten durchs Dorf. Vor zwei Wochen war der Platz vorm Gerätehaus noch mit dem Kerbbaum geschmückt, nun schmückten Wahlplakate die Bürgersteige entlang der Hauptstraße. Strahlende und zu allem entschlossen blickende Bürgermeisterkandidaten begleiteten Falkan auf seinem Einkaufsgang. Auch sein neuer Bekannter Jerome Grimmel war dabei. Im Vorübergehen streifte er mit einem flüchtigen Blick das Plakat an der Straßenlaterne Hauptstraße, Ecke Metzgerstraße.
Falkan hatte sich inzwischen schlaugemacht.
Grimmels Partei hieß `PfL´. Die Buchstaben standen allerdings nicht, wie man annehmen könnte, für `Partei für Linsengericht´, sondern für `parteilos für Linsengericht´, eine Wahlkampfstrategie, die spontanes Schmunzeln bei Falkan hervorgerufen hatte und dem Neuling in der heutigen Zeit sicherlich die eine oder andere Stimme bringen dürfte.
Auch an dem Plakat vorm evangelischen Pfarrhaus, das Grimmel und sein Freund am Samstag aufgehängt hatten, kam er vorbei. Wieder sah er nur kurz hin, wobei ihm etwas ins Auge stach, das er vorhin schon bei dem anderen Plakat unbewusst bemerkt hatte, ihm aber keine Bedeutung beigemessen hatte. Jetzt allerdings blieb Falkan stehen, trat näher und fuhr mit den Fingern über die Pappe. Es war eindeutig. Da hatte jemand nachträglich etwas draufgeklebt, und zwar eine weiße Sechs, genau wie bei dem Plakat vorne an der Kreuzung. Es brauchte keine vierzig Jahre Berufserfahrung als Kriminalpolizist, um hier einen Zusammenhang zu den Umschlägen in Grimmels Briefkasten zu vermuten. Falkan beschloss, einen kleinen Umweg einzulegen. Wenig später erreichte er den Wingertsweg und winkte im Vorübergehen Gisela und Günter Koch zu, die eifrig mit Gartenpflege beschäftigt waren. Das Haus der Kochs war früher das letzte auf dem Weg zum Wald gewesen, doch in den letzten Jahren hatte sich in der Gegend einiges verändert. Der Wingertsweg hieß nun bis zum Kreisel hinauf `Am Festplatz´, der Festplatz selbst war verschwunden und war nun eine Baustelle, genau wie die Gärten gegenüber, die Beton und Glas hatten weichen müssen. Irgendwo hier oben, beim neuen Kindergarten, musste Jerome Grimmel wohnen. Falkan ging langsam die Häuser ab, bis er in einem schmalen, noch unfertigen Vorgärtchen ein Schild mit der Aufschrift `Goldschmiedeatelier Jerome Grimmel´ entdeckte.
Sein geübtes Auge fand die Kamera in der Ecke eines der oberen Fenster. Klingeln konnte er sich sparen, der Namensgeber kam ihm bereits aus der Garage entgegen.
„Herr Falkan? Guten Morgen.“ Grimmel warf einen vorsichtigen Blick zu dem geöffneten Fenster neben der Eingangstür, um sich zu überzeugen, dass seine Freundin nichts von dem Gespräch mitbekam.
„Hatten Sie übers Wochenende Zeit, über unser kleines Problem nachzudenken?“
„Ehrlich gesagt, nein, aber ich glaube, jetzt ist es Zeit dafür.“
Grimmel legte die Stirn in Falten.
„Ich verstehe nicht.“
Falkan deutete zur Kamera hinauf.
„Ich glaube, unser Ziffernfreund hat mitbekommen, dass Sie ihn fotografieren wollen. Haben Sie es noch nicht gesehen?“
„Was?“, fragte Grimmel mit besorgtem Unterton.
„Ich bin auf dem Weg hierher an zwei von Ihren Plakaten vorbeigekommen. Auf jedem klebt eine Sechs. Der Kerl will seinen Countdown scheinbar außerhalb Ihres Briefkastens fortsetzen.“
Grimmel schielte wieder zum offenen Fenster und trat dann mit Falkan auf die Straße hinaus.
„Könnte das Ganze vielleicht nicht doch nur ein Witz sein?“, fragte er hoffnungsvoll. „Es sind noch gut zwei Monate bis zur Wahl. Vielleicht hat da nur jemand einen ziemlich schrägen Humor und zählt die Zeit bis dahin runter. Was meinen Sie?“
Falkan legte die Stirn in zweiflerische Falten.
„Warum sollte er ausgerechnet Sie für so eine Aktion ausgewählt haben? Aber genau werden wir es erst wissen, wenn wir bei der Null angelangt sind. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass Sie ruhiger schlafen, wenn wir inzwischen etwas unternehmen.“
„Aber was?“
„Ich hab’s Ihnen ja schon mal versprochen, ich überlege mir etwas.“ Er gab Grimmel eine seiner Karten. „Ich bin ab Mittag wieder zuhause.
Kommen Sie doch einfach mal vorbei, und wir reden.“
Ein paar Stunden später saßen sie zusammen auf Falkans Veranda und tranken Kaffee. Grimmels Fahrrad lehnte an der Gartenhütte.
„Wir haben insgesamt fünfzig Plakate im ganzen Linsengericht aufgehängt. Ich war vorhin mal in Geislitz und Eidengesäß. Der Kerl hat nur die Plakate in Altenhaßlau beklebt, aber hier scheinbar auch nicht jedes.“
„Er will, dass die Botschaft ankommt, dazu muss er seine Sechsen nur da anbringen, wo Sie sie auch sehen.“ Falkan nahm einen Zettel zur Hand. „Ich habe hier mal ein paar Stichpunkte notiert. Erstens.
Er weiß scheinbar, dass Sie eine Kamera angebracht haben und traut sich nicht mehr vor Ihre Haustür.“
„Oder er will kreativ sein und mal was anderes machen.“
„Auch möglich. Zweitens. Kennen Sie die Leute, die Ihnen Zeitung und Werbung bringen?“
„Keine Ahnung, wer uns die Werbung einwirft, und die Zeitung hole ich mir im Dorfladen.“
„Na schön, das kann man herausbekommen.
Drittens. Gibt es Leute, die Sie nicht leiden können?“
„Bestimmt, aber die wohnen alle nicht hier. Wir haben vorher im Saarland gewohnt, und in den knapp zwei Jahren, seit wir hier wohnen, habe ich noch nicht so enge Bekanntschaften geschlossen, dass es für Antipathien reichen würde.“ Grimmel zuckte mit den Schultern. „Glaube ich zumindest.“
„Denken Sie nochmal drüber nach. Sie wollen in die Politik, da gibt es immer Neider. Und viertens.
Wäre es möglich, dass Ihnen jemand aus Ihrem beruflichen Umfeld Schwierigkeiten machen will?
Ich kenne mich ja nicht so aus, aber wenn es um Gold und Schmuck geht, sind bestimmt manchmal erhebliche Summen im Spiel.“
Grimmel blähte seine Backen auf.
„Na ja, es ist jetzt nicht so, dass ich hier mit Goldbarren hantiere. Das meiste sind kleine Arbeiten, Sonderanfertigungen für bestimmte Anlässe oder Reparaturen. Sowas eben.“
„Wieviel sind denn die Sachen Wert, die Sie normalerweise im Haus haben?“
Grimmel überschlug in Gedanken, was er in der Werkstatt liegen hatte.
„Vielleicht dreißigtausend, manchmal auch ein bisschen mehr. Aber was soll das mit diesem Countdown zu tun haben? Wenn jemand meine Wertsachen stehlen will, würde er doch einbrechen und nicht versuchen, mich in Panik zu versetzen.“
„Ich mag Nebensächlichkeiten“, erklärte Falkans seine Vorliebe für Dinge, die nicht wichtig schienen. „Sie können im Großen und Ganzen das Zünglein an der Waage werden. Und fünftens, und bitte verstehen Sie das nicht falsch, welche politischen Standpunkte vertreten Sie? In der heutigen Zeit genügt ein falsches Wort, und irgendein Idiot fühlt sich dazu auserkoren, den Rächer zu spielen.“
Grimmel lächelte sein Politikerlächeln, das Falkan schon mehrmals an ihm gesehen hatte.
„Ich weiß, was Sie meinen, aber ich bin weder links noch rechts. Wie der Name meines Programms schon sagt, ich bin parteilos für Linsengericht. Ich will mich um all die Kleinigkeiten kümmern, die den Leuten auf der Seele brennen. Ich weiß, das sagen sie alle, aber versuchen kann man es ja mal.
Wie gesagt, ich bringe mich gerne ein.“
Falkan nickte wie ein Journalist, dem der Kandidat soeben eine hochwichtige Frage beantwortet hatte.
„Ich verstehe. Dagegen kann niemand etwas haben.
Aber, wie gesagt, es gibt viele Idioten da draußen.
Denken Sie trotzdem auch darüber mal nach.“
„Mach ich.“ Grimmel hüstelte verlegen. „Wir haben noch gar nicht über Geld gesprochen. Ich habe mal im Internet recherchiert, was ein Privatdetektiv so verlangt, da kommen ja ganz schöne Stundenlöhne zusammen.“
„Vergessen Sie die“, beruhigte Falkan seinen neuen Klienten. „Bei normalen Aufträgen halte ich es wie James Rockford in den Siebzigern. Zweihundert Dollar pro Tag plus Spesen.“
„Ja, ich habe das Auto in Ihrer Garage gesehen. Sie halten es nicht nur mit der Bezahlung wie Rockford, was?“
„Ich mag’s halt mit Stil“, grinste Falkan. Den 76er Firebird hatte er sich zugelegt, als er vor Jahren die Detektei eröffnet hatte. Es war, bis auf die Farbe, der gleiche, den James Garner in der Serie gefahren hatte. „Und was die Spritkosten für mein Schmuckstück betrifft, wären zweihundert Dollar am Tag durchaus zu vertreten, aber ein Fall wie Ihrer dürfte sich über einen längeren Zeitraum hinziehen, da werden wir uns schon einigen.
Außerdem betreibe ich das Geschäft ja nur hobbymäßig, da kommt es nicht so sehr auf den Gewinn an.“
„Gut.“ Grimmel lehrte seine Tasse und erhob sich.
„Also machen wir uns Gedanken und bleiben in Verbindung. Ich werde jetzt erstmal die restlichen Plakate abfahren und die Sechsen abkratzen. Bin gespannt, was er sich als nächstes einfallen lässt.“
„Könnten Sie eine der Ziffern für mich aufheben?
Und wenn ich auch die anderen Umschläge haben könnte. Ich habe gerne sämtliche Indizien beisammen.“ „Bring ich Ihnen.“
Als Grimmel gegangen war, blieb Falkan noch eine Weile auf der Veranda sitzen und fing an, sich Gedanken zu machen. Der Mann nahm die Sache relativ gefasst, und Falkan hatte ihn nicht noch unnötig beunruhigen wollen, aber er hatte während seiner Zeit bei der Kripo so manchen Psychopaten kennengelernt, der mit der Angst seiner Opfer gespielt hatte. Am Ende hatten die Dinge dann manchmal äußerst unschön geendet. Während aus dem Hasenstall gegenüber leises Getrappel an seine Ohren drang, kam ihm unwillkürlich die Geschichte mit Daddy Wellington in den Sinn. Wellington, mit bürgerlichem Namen Dr. Hans-Jörg Friedrich Hammerschmidt, war Künstler gewesen, oder zumindest hatte er sich dafür gehalten. Er bastelte Skulpturen in einem Hinterhof in Sachsenhausen, deren verstörendes Aussehen die Psychiater schon auf den Plan hätte rufen müssen, bevor sich Falkan und seine Kollegen mit ihm hatten befassen müssen.
Daddy war im früheren Leben Arzt an der Frankfurter Unfallklinik gewesen, bevor ihn die Muse geküsst, oder, wie in seinem Fall, vergewaltigt hatte. Spätere Recherchen Falkans hatten ergeben, dass der Auslöser für seinen Lebenswechsel ein tragischer Vorfall war, der den Chirurgen drastisch aus der Bahn geworfen hatte.
Walter Pleitgen, der Ehemann einer Patientin, die bei einem Verkehrsunfall lebensbedrohliche Verletzungen erlitten hatte, wollte sich nicht damit abfinden, dass seine Frau wahrscheinlich nicht überleben würde und hatte Hammerschmidt Millionen geboten, wenn er sie retten würde. Dieser hatte zu dieser Zeit den Großteil seines Geldes auf die Telekom-Aktie gesetzt und war damit krachend baden gegangen. Die Millionen kamen ihm gerade recht, und er sagte zu, obwohl er sich über die Hoffnungslosigkeit des Zustands seiner Patientin im Klaren war. Er hatte wohl gehofft, dass Pleitgen im Falle ihres Todes so gebrochen sein würde, dass er das Geld nicht zurückfordern würde, womit er am Ende sogar recht gehabt hatte. Pleitgen dachte nach dem Tod seiner Frau nicht mehr an Geld.
Allerdings machte er eine innere Kernschmelze durch und besuchte Hammerschmidt eines Nachts in der Klinik. Hammerschmidt hatte Nachtdienst und hielt sich im Bereitschaftsraum auf, als er Besuch bekam. Pleitgen hat ihn dann in den Operationsraum geschleppt. Was danach geschehen ist, konnte der Arzt nur noch bruchstückhaft widergeben, als ihn ein Kollege Stunden später fand, aber die Wunden an seinem Körper sprachen Bände. Diese Nacht im OP und der erneute Verlust der Millionen hatten dann dafür gesorgt, dass aus Dr. Hammerschmidt im Laufe der Zeit Daddy Wellington wurde. Pleite und gebrochen kündigte er seine Stellung, mietete sich eine Werkstatt an und begann, Sachen zu bauen, die sein geistiges Inneres widerspiegelten. Irgendwann begann die Frankfurter Kunstszene dann sogar, Interesse an seinen Scheußlichkeiten zu entwickeln, und er fand Galerien, die seine Albträume ausstellten. Zu seinem Künstlernamen, niemand wusste, wie er dazu gekommen war, bekam er nun in der Szene noch den Beinamen Frankenstein vom Schrottplatz.
Falkan und Kollegen kamen das erste Mal mit ihm in Kontakt, als man die entstellte Leiche von Sabrina Millovski gefunden hatte. Jemand hatte ihr Arme und Beine gebrochen und ihr dann noch mit einem Messer das Herz entfernt, laut Gerichtsmedizin alles noch zu Lebzeiten. Es war in sieben Monaten der dritte Mord dieser Art, und alles sah nach einem psychopathischen Serienkiller aus. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, leider aber auch ins Leere, bis zu dem Tag, an dem eine junge Kollegin von Falkan – sie war frisch von der Polizeischule gekommen – sich die Buchhaltung von Sabrina Millovski etwas genauer ansah und dabei den Kaufbeleg einer Frankfurter Kunstgalerie über eine Skulptur mit dem Namen ` Gebrochene Frau ohne Herz´ fand. Die Wortwahl des Namens kam ihr irgendwie verdächtig vor, und hätte sie Falkans Vorliebe für Nebensächlichkeiten gekannt, hätte sie ihrem Vorgesetzten sicherlich gleich von ihrem Fund erzählt. Da sie jedoch fürchtete, sich lächerlich zu machen, ermittelte sie auf eigene Faust und fand heraus, dass auch die beiden anderen grausam ermordeten Opfer auf der Kundenliste besagter Galerie standen. Mit Namen und Bildern der Kunstwerke stand sie zwei Tage später bei Falkan auf der Matte, und der erfahrene Leiter der Mordkommission erkannte sofort die Bedeutung ihres Funds. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, und bei Daddy Wellington klickten die Handschellen. In seiner Werkstatt fand man die `Gebrochene Frau ohne Herz´ und die anderen beiden Kunstwerke, nach deren Vorbild er seine Opfer vom Leben zum Tode befördert hatte. Nach der Tat hatte er die Skulpturen vom Tatort entfernt, nicht etwa, um Spuren zu verwischen, sondern um sie eines Tages erneut als Vorlage für neue Taten zu nutzen. Das und andere unappetitliche Details brachten die Befragungen zutage, bevor Hammerschmidt nach kurzem Prozess für immer und ewig in der Psychiatrie verschwand. Eines Morgens – Kurt Falkan war schon in Pension gegangen – fand man ihn in einer Blutlache in seinem Zimmer. Er hatte sich mit einem Messer selbst die Kehle durchgeschnitten. Auf dem Boden neben der Leiche lag ein Blatt Papier, auf dem der Künstler seinen Selbstmord fachmännisch skizziert hatte. Betitelt war das Werk mit `Arzt im eigenen Blut´.
Falkan beendete seinen gedanklichen Ausflug in die Vergangenheit und erhob sich. Diese Geschichte würde er Jerome Grimmel sicherlich nicht erzählen, und falls doch, dann erst, nachdem sich die Sache mit den Ziffern als dummer Jungenstreich herausgestellt hatte.
Die folgenden Tage verbrachte Falkan damit, Haus und Garten auf Vordermann zu bringen und dabei seinen eigenen Briefkasten im Auge zu behalten. In regelmäßigen Abständen bekam er nur die Kauflandwerbung und den Gelnhäuser Boten. Es war nicht viel, aber irgendwo musste man ja anfangen.
Den Boten gab es erst am Wochenende wieder, aber den Mann mit dem Packen Kauflandprospekte bekam er am Dienstagmorgen zu fassen. Da der jedoch nur gebrochen Deutsch redete und irgendwie nicht verstand, was Falkan eigentlich von ihm wollte, gestaltete sich das `Verhör´ als etwas schwierig. Am Ende, als der arme Kerl kopfschüttelnd das Weite suchte, war sich Falkan jedoch ziemlich sicher, dass er mit dem Countdown nichts zu tun hatte. Auch die junge Frau, die am nächsten Tag mit einem Zettel die Altkleidersammlung für kommende Woche ankündigte, strich er nach einem kurzen Gespräch von der Liste der Verdächtigen.
Während Falkan mit sinkender Hoffnung auf weitere Werber wartete, bearbeitete Jerome Grimmel in seiner Werkstatt den goldenen Armreif einer Kundin, die vor einiger Zeit festgestellt hatte, dass ihr Schmuckstück, seit sie es das letzte Mal getragen hatte, geschrumpft sein musste. Grimmel hatte den Auftrag schmunzelnd entgegengenommen und dabei unauffällig auf ihre fülligen Hüften geschielt. Nun war er dabei, dem Reif einen etwas erweiterten Umfang zu verpassen. Er wollte gerade die Säge ansetzen, als er oben die Haustür ins Schloss fallen hörte.
„Jerome!“
„Bin in der Werkstatt!“
Bea, seine Freundin, kam die Treppe in den Keller herunter. In den Händen hielt sie einen Pappkarton.
„Sag mal, sind wir schon fünf Jahre zusammen? Ich hab mal überlegt und komme nur auf dreieinhalb.“
Grimmel sah von seiner Werkbank auf.
„Fünf sind es auf keinen Fall. Wir haben uns beim vierzigsten Geburtstag von Ben kennengelernt, der war am sechsten April vor drei Jahren. Also liegst du mit dreieinhalb einigermaßen richtig. Wieso fragst du?“
Bea Kranzler stellte den Karton auf die Werkbank und hob den Deckel.
„Was hat denn die Torte dann zu bedeuten?“
Zuerst bestaunte Grimmel nur ungläubig die reichlich verzierte Sahnetorte, dann fiel sein Blick auf die mit Schlagsahne kreierte Fünf in der Mitte.
Es lief ihm eiskalt über den Rücken, und für einen Moment verschlug es ihm die Sprache. Als er seine Mimik wieder im Griff hatte, sah er seine Freundin so unschuldig wie möglich an.
„Wo hast du die denn her?“
