Fallen Dreams - Endlose Sehnsucht - Samantha Young - E-Book

Fallen Dreams - Endlose Sehnsucht E-Book

Samantha Young

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9,99 €

Beschreibung

Skylar hat es geschafft. Mit ihrer Band stürmt sie weltweit die Charts. Doch nach einer Tragödie kehrt sie ihrem bisherigen Leben den Rücken. Jetzt schlägt sie sich als Straßenmusikerin durch, schläft in einem Zelt und verbirgt ihre wahre Identität vor der Öffentlichkeit. Dennoch fällt sie dem Musikproduzenten Killian O’Dea auf, und er bietet ihr einen Plattenvertrag an. Um keinen Preis will Skylar zurück ins Rampenlicht. Erst als sie in eine bedrohliche Situation gerät, stimmt sie notgedrungen Killians Angebot zu. Schon bei der ersten Session spürt Skylar, dass der charismatische Schotte ihr unter die Haut geht. Aber darf sie ihm ihr Herz öffnen? Empfindet er wirklich etwas für sie – oder geht es ihm einzig und allein um seine Karriere? »[Youngs] Romane haben einfach alles – umwerfend geschrieben, sexy Charaktere, Herzschmerz – ich bin süchtig danach.« SPIEGEL-Bestsellerautorin Vi Keeland »Es wird dich umhauen … eine unvergessliche Liebesgeschichte.« Romantic Times Book Reviews über »Boston Nights – Wahres Verlangen«

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Seitenzahl: 648

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MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2020 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Copyright © 2018 by Samantha Young Originaltitel: »As Dust Dances«

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München Coverabbildung: Yulia Glam / Shutterstock Lektorat: Ira Panic E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783745751239

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Kapitel 1

Glasgow, Schottland

Meine Musik erfüllte die Luft. Sie war wie ein Kokon aus Melodie und Vertrautheit in dieser mir teilweise immer noch fremden Stadt.

Der Himmel über der Buchanan Street war bedeckt. Die grauen Wolken verliehen den hellen Gebäuden einen beinahe silbrigen Glanz und ließen das leuchtende Rot der Sandsteinfassaden, die zum typischen Stadtbild von Glasgow gehörten, weniger grell erscheinen. Ich machte Straßenmusik und hatte mir dafür wie immer einen Platz in der Haupteinkaufsmeile im Zentrum gesucht, in gebührendem Abstand zu dem hinter mir liegenden Laden, damit ich nicht den Unmut der Angestellten erregte, aber zugleich weit genug vom Strom der Passanten entfernt, sodass ich niemandem im Weg war. Ich spielte auf meiner über alles geliebten Taylor-Akustikgitarre und sang dazu. Im Gegensatz zu einigen meiner Konkurrenten besaß ich weder Verstärker noch Mikrofon und musste mich daher ganz auf meine Stimme und mein Gitarrenspiel verlassen, um Publikum anzulocken.

In Glasgow hatte ich nie das Gefühl, den Menschen mit meiner Performance auf die Nerven zu gehen. Nur wenn ich sang, kam ich mir nicht wie ein Fremdkörper vor, sondern wie ein Teil dieser Stadt, die weithin für ihre Liebe zur Musik bekannt war. Wenn der rote Sandstein Glasgows Haut bildete, dann war die Musik ihr Herzschlag. Ich hatte mich damit abgefunden, ganz unten angekommen zu sein, doch die Freude, etwas zu dem Rhythmus beitragen zu dürfen, der die Seele der Stadt zum Pulsieren brachte, ließ ich mir nicht nehmen. Ich spürte sie tief in meinem Innern.

Manchmal, wenn ich gute Laune hatte und bekannte Popsongs interpretierte, versammelte sich eine beachtliche Schar von Zuhörern um mich. Am besten war es immer an Samstagen wie heute, denn da waren viele Menschen unterwegs und bummelten gemütlich durch die Straßen, statt nach der Mittagspause zurück ins Büro zu hetzen.

Doch meistens gingen die Leute einfach weiter – selbst diejenigen, die mir Geld zusteckten. Ich hatte sogar einige Stammgäste, die mir regelmäßig ein paar Münzen in den Gitarrenkoffer warfen, ohne dabei jemals stehen zu bleiben. Nicht, dass ich etwas dagegen hatte: Anders als meine Kollegen mit ihrem teuren Equipment war ich auf Bares angewiesen. Ich stand nicht hier, weil ich darauf wartete, »entdeckt« zu werden, nachdem mein bester Freund mich mit dem Smartphone gefilmt und den Clip dann auf meinen YouTube-Kanal hochgeladen hatte. Ich machte Straßenmusik, damit ich abends etwas zu essen hatte. An guten Tagen blieb mir sogar noch Geld fürs öffentliche Schwimmbad übrig, wo ich duschen und mir die Haare föhnen konnte. An allen anderen Tagen musste ich mich mit einer Katzenwäsche zufriedengeben. Danach zog ich mich in meinem Zelt aus und reinigte mich notdürftig mit Feuchttüchern.

Ich schaute in meinen Gitarrenkoffer und atmete auf. Gott sei Dank. Heute würde es höchstwahrscheinlich für einen Schwimmbadbesuch reichen.

Ich nickte zwei jungen Mädchen zu, die mir gerade etwas Kleingeld in den Koffer gelegt hatten, und sang weiter. Passend zum Wetter hatte ich mich für ein eher melancholisches Lied entschieden: »Someone Like You« von Adele. Das war ein echter Publikumsmagnet, den ich immer dann anstimmte, wenn ich besonders knapp bei Kasse war. Mein Tonumfang war groß genug für Adele, aber auch ein noch so beeindruckender Tonumfang nützte nichts, wenn man es nicht schaffte, einen Song richtig zu verkaufen. Man musste sich den Text ganz zu eigen machen und ihn so singen, als hätte man ihn selbst geschrieben. Was natürlich um einiges leichter fiel, wenn man ihn tatsächlich selbst geschrieben hatte. Da ich lange Zeit ausschließlich meine eigenen Lieder gesungen hatte, war mangelnder Ausdruck für mich nie ein Problem gewesen.

Wenn man allerdings Straßenmusik machte, galten andere Gesetze. Die Leute wollten keine unbekannten Lieder hören. Einige Jahre zuvor hätte ich mich mit fremden Songs wahrscheinlich noch schwergetan. Einfühlungsvermögen zählte nicht gerade zu meinen Stärken.

Aber inzwischen … Inzwischen sang ich praktisch jedes traurige Lied so, als würde mir das Herz brechen. Hin und wieder sah ich sogar Tränen in den Augen meiner Zuhörer schimmern. Das war für mich immer das Schönste an der Musik gewesen: dass sie es mir ermöglichte, die Menschen emotional zu berühren.

Wenn nur der ganze andere Mist nicht gewesen wäre.

Während ich davon sang, wie schnell doch die Zeit verging und dass wir gestern noch jung und unbeschwert gewesen waren, spürte ich die Bedeutung dieser Zeilen tief in meiner Seele. Bei den Worten »time of our lives« geriet meine Stimme kurz ins Wanken, allerdings hatte ich sie schnell wieder unter Kontrolle.

Im nächsten Moment erspähte ich ein vertrautes Gesicht in der Menge.

Ich ignorierte den kleinen Schauer, der mir den Rücken hinablief, fixierte den Mann mit unerschrockenem Blick und sang weiter. Ich wollte ihm zeigen, dass mich seine Anwesenheit nicht juckte. Er jagte mir keine Angst ein. Er war mir kein bisschen unheimlich. War ihm nicht klar, dass mich längst nichts mehr erschüttern konnte?

Ich kannte seinen Namen nicht. Ich wusste nichts über ihn, außer dass er über eine ungewöhnlich starke Ausstrahlung verfügte, die jeden anderen in seiner Nähe automatisch verblassen ließ. Er hatte eine schlanke, athletische Statur, war mit schätzungsweise eins achtzig aber eher durchschnittlich groß. Es waren also nicht seine Körpermaße, die ihn aus der Menge herausragen ließen. Ich hätte nicht sagen können, welche Farbe seine Augen genau hatten, denn so nah waren wir uns bisher nicht gekommen, doch sie waren dunkel, und er hatte einen intensiven, beinahe stechenden Blick. Seine Gesichtszüge wirkten hart und abweisend, was irgendwie nicht zu seinem regen Interesse an mir und meinem Gesang passen wollte. An diesem Tag stand er einige Schritte von den übrigen Zuhörern entfernt und lauschte, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, den Kopf leicht zur Seite geneigt, mit unergründlicher Miene.

Bei »someone like you« im letzten Refrain schaute ich unter der Krempe meines Filzhuts hervor in den dunkler werdenden Himmel. Meine Stimme war genauso schwer und traurig wie die bleiernen Wolken über uns. Nachdem der fis-Moll-Schlussakkord verklungen war, senkte ich den Kopf, während mein Publikum freundlich Beifall klatschte.

Nach einer kurzen Pause machte ich direkt mit einem meiner eigenen Songs weiter. Wie gesagt, die meisten Leute wollten lieber bekannte Lieder hören. Allerdings war ich nun mal eine Songwriterin, von daher fiel es mir schwer, nicht wenigstens hin und wieder etwas zu singen, das meinem eigenen Herzen und meiner eigenen Feder entsprungen war. Außerdem war mir im Laufe der letzten Wochen aufgefallen, dass der Unbekannte immer erst weiterlief, nachdem ich eins meiner eigenen Stücke gespielt hatte.

Seltsam, aber wahr.

Fast alle, die während des Adele-Songs stehen geblieben waren, harrten aus, um auch noch mein nächstes Lied zu hören. Es hatte einen schnellen, heiteren Rhythmus, aber einen traurigen Text. Hinterher kamen einige Leute zu mir und warfen Kleingeld in meinen Koffer. Manche machten mir auch Komplimente für meinen Gesang oder bedankten sich bei mir. Dass viele ohne ein Wort oder eine kleine Spende weiterliefen, war natürlich weniger schön. Ich versuchte sie zu ignorieren und schenkte allen, die nett genug waren, mir ein paar Münzen zukommen zu lassen, ein Lächeln.

Heute würde es für eine Mahlzeit, eine heiße Dusche und sogar noch für den Waschsalon reichen.

Falls mich jemand fragte, was besonders wichtig ist, wenn man auf der Straße lebt, würde meine Antwort lauten: saubere und trockene Füße. Wenn möglich, sollte man täglich die Socken wechseln. Zum Glück gab es zwanzig Minuten von meinem Zeltplatz und zehn Minuten vom Schwimmbad entfernt einen Münz-Waschsalon. Dort konnte ich meine wenigen Kleidungsstücke reinigen und trocknen.

Die Aussicht, mir diesen Luxus wieder einmal leisten zu können, machte mich so froh, dass ich ein breites Lächeln im Gesicht hatte, als ich mich in meinem unechten englischen Akzent bei den Zuhörern bedankte. Natürlich hätte ich es auch mit einem schottischen Akzent versuchen können, aber der wollte mir nie so richtig gelingen; ich hörte mich dann immer an wie eine Mischung aus Irin und Australierin. Mein britischer Akzent dagegen klang halbwegs überzeugend, also blieb ich dabei. Warum ich mir überhaupt einen falschen Akzent zugelegt hatte? Ganz einfach: um nicht erkannt zu werden. Sobald jemand mein Gesicht und meinen Gesang mit meinem amerikanischen Englisch zusammenbrachte, konnte es nämlich ganz schnell brenzlig werden.

Mein Publikum zerstreute sich, und ich beschloss, für heute Schluss zu machen. Es war zwar erst drei Uhr nachmittags, doch ich sehnte mich nach einer Dusche. Außerdem sah es nach Regen aus. Von der Buchanan Street bis zum Schwimmbad war es ein knapp einstündiger Fußmarsch, und während ich mein Geld einsteckte, fragte ich mich, ob es sehr leichtsinnig wäre, einen Teil davon für eine Busfahrkarte zu verwenden. Sollte der Regen mich erwischen, bestand die Gefahr, dass ich krank wurde, und was wäre dann?

Noch einmal warf ich einen prüfenden Blick in den Himmel. Eine der Wolken sah so aus, als würde sie jeden Moment bersten.

Definitiv war der Bus die klügere Wahl.

Gleich darauf spürte ich wieder das mittlerweile vertraute Kribbeln. Als ich mich umschaute, stellte ich fest, dass der Unbekannte immer noch da war und mich, die Arme vor der Brust verschränkt, forschend betrachtete. Ich begegnete seinem Blick mit drohend gerunzelter Stirn.

Vor einigen Wochen war er zum ersten Mal aufgetaucht, seitdem kam er jeden Samstag. Dass er mich attraktiv fand, hielt ich für ausgeschlossen, denn ich hatte wahrlich schon bessere Tage gesehen. Es musste ihm also um meine Musik gehen – und das ängstigte mich. Auf der Straße zu singen, barg ein gewisses Risiko. Es reichte schon, wenn eine einzige Person meine Stimme wiedererkannte, dann wäre alles vorbei.

Daher auch der falsche Akzent.

War der Mann hinter mein Geheimnis gekommen?

Verpiss dich, versuchte ich ihm per Gedankenübertragung zu vermitteln.

Stattdessen lief er auf mich zu. Tief beunruhigt verstaute ich meine Gitarre. Das war neu.

Etwa einen Meter von meinem Gitarrenkoffer entfernt blieb er stehen. Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. Ich maß knapp einen Meter siebzig, war also nicht gerade winzig für eine Frau, allerdings auch nicht riesengroß. Trotzdem: Alles war besser, als am Boden zu knien, während ein wildfremder Mann auf mich herabstarrte.

Herausfordernd schaute ich ihn an.

Seine Miene blieb ausdruckslos.

Weshalb ich einigermaßen erstaunt war, als er ohne jede Vorrede sagte: »Sie können singen. Und Sie können komponieren.«

Ich zog die Augenbrauen zusammen und neigte den Kopf zur Seite. »Ja, das ist mir bewusst«, antwortete ich nach längerem Schweigen.

Er presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, und ich fragte mich, ob das womöglich seine Version eines Lächelns war. »Ich würde Sie gerne auf einen Kaffee einladen.«

Prompt war mein Misstrauen geweckt.

Ich gab mir viel Mühe mit meiner Körperhygiene. Ich duschte einmal pro Woche, und an Tagen, an denen ich mir keine Dusche leisten konnte, »wusch« ich mir die Haare mit einem billigen Trockenshampoo, das ich allerdings nur sparsam einsetzte. Ich gab sorgfältig auf meine Handvoll Pullover und meine zwei Jeans acht und versuchte, sie so gut wie möglich sauber zu halten. Nichtsdestotrotz sah man mir an, dass ich obdachlos war. Ich trug immer einen großen Rucksack mit mir herum, in dem sich mein Einmannzelt befand, und hatte Dreck unter den Fingernägeln, der aus unerfindlichen Gründen nie wegging. Aber vor allem hatte das harte Leben Spuren in meinen Augen hinterlassen. So etwas ließ sich nicht abwaschen.

Die meisten Menschen schienen instinktiv zu wissen, dass ich auf der Straße lebte. Daher war ich es auch gewohnt, von wildfremden Männern angesprochen zu werden, als wäre ich eine Prostituierte.

»Wieso?«, blaffte ich ihn an. Ich hasste ihn, so wie ich alle Männer hasste, die dachten, sie könnten mich wie Abschaum behandeln, nur weil ich keinen festen Wohnsitz hatte.

Er sah mich spöttisch an. »Ich bin nicht auf Sex aus. Ich möchte mich einfach nur mit Ihnen unterhalten. Über Ihre Musik.«

»Wieso?«

»Ich lade Sie auf einen Kaffee ein, dann erkläre ich es Ihnen.«

»Ich trinke keinen Kaffee.«

Er taxierte mich kritisch von oben bis unten. Sein Blick hatte absolut nichts Sexuelles an sich, das war beruhigend, doch die Verachtung darin tat weh.

»Dann eben eine warme Mahlzeit. Sie können Ihr Geld doch sicher anderweitig gebrauchen«, sagte er.

»Jetzt?«

»Ja, jetzt.«

Ich ließ mir sein Angebot durch den Kopf gehen. Die Versuchung war groß. Es war helllichter Tag, und wir befanden uns mitten auf der belebten Buchanan Street. Selbst wenn er finstere Hintergedanken hegen sollte, konnte er mir hier wohl kaum etwas antun. Ich schaute nach links die Straße hinunter. Das rot-weiß gestreifte Logo von TGI Fridays zog mich so magisch an wie der Lockruf einer Sirene.

Dennoch zögerte ich. Ich konnte nicht einschätzen, weshalb er so großes Interesse an mir hatte und ob er womöglich hinter mein Geheimnis gekommen war. Vorsichtshalber neigte ich den Kopf etwas nach unten, um mein Gesicht wieder unter der Krempe meines Huts zu verbergen.

»Suchen Sie sich einen anderen Zeitvertreib. Ich verzichte.« Ich marschierte an ihm vorbei, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Er rief mir nicht nach, und je größer die Entfernung zwischen uns wurde, desto mehr löste sich die Anspannung in meinen Nackenmuskeln, und meine hochgezogenen Schultern sackten Stück für Stück herab, bis sie wieder ihre normale Position erreicht hatten.

Die Buchanan Street begann im Norden an der Glasgow Royal Concert Hall und führte einen Hügel hinab, bis sie etwa auf halber Strecke eben wurde. Ich stand immer im unteren Teil, deshalb brauchte ich nur knapp fünf Minuten, um zur Bushaltestelle an der vielbefahrenen Argyle Street zu gelangen. Fünf Minuten, in denen ich alles tat, damit der Unbekannte aus meinen Gedanken verschwand. Ich hatte weder Zeit noch Kraft, mich mit irgendwelchen Banalitäten zu befassen. Genau deshalb hatte ich dieses Leben gewählt: damit ich mir nur noch wegen der absolut notwendigen Dinge den Kopf zerbrechen musste. In gewisser Weise hatte ich mich noch nie so frei gefühlt wie jetzt.

Als ich mich der Haltestelle näherte, hörte ich hinter mir jemanden rufen. »Gitarrenmädchen!«

Ich drehte mich um. Mein Blick fiel auf zwei Obdachlose, die, in ihre Schlafsäcke gehüllt, vor dem Eingang zur Argyle Street Arcade saßen, einer alten Einkaufspassage.

Es waren Ham und Mandy. Da mein Bus noch nicht in Sicht war, lief ich zu ihnen. Ich hatte sie kurz nach meiner Ankunft in Glasgow kennengelernt – etwa eine Woche, nachdem mir das letzte Geld fürs Hostel ausgegangen war und ich mir zum Schlafen ein billiges Zelt zugelegt hatte. Die beiden hatten mich eines Tages angesprochen, während ich auf der Straße Musik machte.

»Hi«, sagte ich zur Begrüßung. Sowie ich auf sie herunterblickte, zog sich mir vor Mitgefühl das Herz zusammen. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber obwohl ich obdachlos war, genau wie sie, hatte ich in meinen Augen nicht das Geringste mit ihnen gemein. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals so zerlumpt und fertig auszusehen.

»Na? Was geht bei dir, Gitarrenmädchen?« Mandy grinste. Ihre Zähne waren braun und von Karies zerfressen, doch der Anblick schockierte mich längst nicht mehr. Ich selbst kaufte mir alle sechs Wochen eine neue Zahnbürste. Natürlich hatte ich keine elektrische, sondern nur eine billige Handzahnbürste, aber auch die war besser als nichts. Außerdem benutzte ich kleine Wegwerf-Zahnseidesticks. Meine Mundhygiene war mir extrem wichtig.

»Sie hat auch ’nen Namen, weißt du?« Ham verdrehte die Augen.

Ich hatte mich ihnen als Sarah vorgestellt.

»Gitarrenmädchen passt besser.« Mandy lächelte vielsagend.

Sie hatte mich ziemlich schnell durchschaut. Vielleicht wusste sie nicht, wer ich war, doch sie wusste auf alle Fälle, dass ich nicht Sarah hieß, und sie hatte diesen wissenden Blick, bei dem mir manchmal ganz mulmig wurde. Ich mochte sie trotzdem, zumal sie noch nie nachgebohrt hatte.

»Ach, lass sie doch in Ruhe«, sagte Ham, der eigentlich Hamilton hieß. Er war nicht der erste Heroinsüchtige, dem ich in meinem Leben begegnet war, allerdings war sein Fall mit Abstand der tragischste. Er war groß, sehnig, hatte unzählige Tattoos am ganzen Körper und wunderschöne grüne Augen. Er wäre ein attraktiver Mann gewesen – hätte der jahrelange Drogenkonsum nicht Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Seine Wangen waren abgehärmt und eingefallen, seine Haut wirkte grau, und seine gelben, fleckigen Zähne sahen noch schlimmer aus als die von Mandy. Sein linker Eckzahn war abgebrochen, und ein rechter Schneidezahn fehlte ganz.

Schon bei unserer ersten Begegnung hatten die beiden mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Mandy war als Jugendliche von zu Hause ausgerissen. Der Freund ihrer Mutter hatte sie regelmäßig sexuell missbraucht, und ihre Mutter hatte sie dafür auch noch mit Schlägen bestraft, als trüge Mandy die Schuld daran. Das alles hatte sie mit einer solchen Beiläufigkeit geschildert, dass mir richtig übel davon geworden war. Es war, als wäre sie innerlich abgestorben. Obwohl – das immerhin konnte ich nachvollziehen.

Nachdem sie weggelaufen war, lebte sie auf der Straße. Um irgendwie über die Runden zu kommen, prostituierte sie sich, aber nach einer Weile entwickelte sie eine schwere Angststörung, außerdem Depressionen, die irgendwann so schlimm wurden, dass sie drauf und dran war, sich das Leben zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt traf sie Ham. Im Gegensatz zu Mandy kam er aus Glasgow. Er war in einem Bezirk namens Ibrox aufgewachsen, eine knappe Viertelstunde vom Stadtzentrum entfernt, und bereits mit fünfzehn heroinabhängig. Die Sucht hatte ihn seine Familie, fast alle Freunde und seine Arbeitsstelle gekostet.

Mandy störte sein Drogenkonsum nicht – das behauptete sie zumindest. Mir taten die beiden unendlich leid, und das nicht nur, weil sie Schreckliches durchgemacht hatten und auf der Straße lebten. Ich war traurig, weil ich wusste, dass Ham Mandy aufrichtig liebte, sie diese Liebe jedoch nicht erwiderte. Als Ham an jenem ersten Tag kurz weggegangen war, um sich mit einem Bekannten zu unterhalten, hatte sie mir gestanden, dass sie nur bei ihm blieb, weil er sie vor anderen Männern beschützte und keine Probleme mit ihren Angstzuständen hatte. »Liebst du ihn denn gar nicht?«, hatte ich sie gefragt. »Er ist ein guter Freund«, hatte sie geantwortet. Aber mir war klar, dass sie ihm als Gegenleistung für seinen Schutz mehr bot als nur Freundschaft, und mir war nach Heulen zumute, weil sie im Grunde genommen noch immer ihren Körper verkaufte … bloß auf eine andere Art.

»Wie geht’s?«, erkundigte ich mich, obwohl ich nicht vorhatte, länger bei ihnen zu bleiben. Ich konnte die harte Realität immer nur in kleinen Dosen ertragen.

Bevor einer der beiden antworten konnte, fielen die ersten dicken Tropfen vom Himmel.

»Verdammt.« Ham schaute nach oben. »Ich hab’s doch gewusst.«

»Sucht ihr euch einen Unterschlupf?«

»Ist doch nur ’n bisschen Regen. Da werd’ ich wenigstens mal wieder sauber«, entgegnete Mandy lachend.

»Und wohin bist du so unterwegs?«, erkundigte sich Ham.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich verriet niemandem, wo ich meinen Schlafplatz hatte. »Erst mal duschen und dann was essen.«

Mandy schaute mich missbilligend an. »Bist du immer noch allein? Was hab ich dir gesagt, Gitarrenmädchen? Du brauchst ’nen Kerl. Oder du musst dich ’ner Frauengruppe anschließen.«

Auch Ham wirkte besorgt. »Kannst auch bei uns bleiben. Wir kümmern uns schon um dich.«

Mir war bewusst, dass er dabei keine sexuellen Gefälligkeiten im Sinn hatte, dennoch schauderte es mich bei der Vorstellung. Die beiden betonten immer wieder, wie gefährlich das Leben auf der Straße für Einzelgänger sei. Und es stimmte: Die meisten Obdachlosen, denen ich bisher begegnet war, hatten sich zu Pärchen oder, wie Mandy es mir vorgeschlagen hatte, zu kleinen Frauengruppen zusammengetan.

Doch ich war klüger als die anderen. Ich schlief an einem Ort weit weg vom Stadtzentrum, den niemand freiwillig betreten hätte. Ich brauchte keinen Beschützer.

»Ich mag aussehen wie ein Strich in der Landschaft, aber das täuscht. Ich weiß mich schon zu wehren.« Ich lächelte beschwichtigend, während ich mich langsam wieder in Bewegung setzte. »Ich kann auf mich selbst aufpassen. Ehrenwort.«

»Irgendwann gerätst du noch mal in ernste Schwierigkeiten, Gitarrenmädchen!«, rief Mandy mir nach, und ihre Worte klangen dermaßen prophetisch, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Das ist doch albern, schalt ich mich und schüttelte das Gefühl ab. Es ging mir gut. Ich hatte alles im Griff.

Meine Situation war mit Mandys doch gar nicht zu vergleichen. Ich verhielt mich umsichtig, weil ich trotz meiner jungen Jahre schon eine Menge Erfahrungen gesammelt hatte.

Ich mochte mein derzeitiges Leben. Ich musste mich ausschließlich um meine Grundbedürfnisse kümmern, der ganze andere Mist war unwichtig. Ich würde so weitermachen wie bisher und mich klug verhalten. Hauptsache, ich musste nicht mehr daran denken, wer ich früher gewesen war.

Kapitel 2

Mit dem Bus fuhr ich eine Viertelstunde in Richtung Norden. Von der Haltestelle aus waren es dann noch einmal fünf Minuten zu Fuß. Ich besuchte immer dasselbe Schwimmbad, weil sowohl der Waschsalon als auch mein angestammter Schlafplatz ganz in der Nähe lagen.

Jeden Samstag saß dieselbe Frau an der Kasse. Sie war sehr nett und passte immer auf meine Gitarre auf. Ihr Lächeln, wenn sie mir meine Eintrittskarte reichte, hatte etwas Bedauerndes, daran erkannte ich, dass ihr klar war, weshalb ich hier war. Sie wusste, dass ich nicht zum Schwimmen herkam, ließ mich aber dennoch rein.

Ihre Güte nagte ein wenig an meinem Stolz, doch auf dem Weg zur Damenumkleide rief ich mir einmal mehr ins Gedächtnis, dass Stolz ein Luxus war, den ich mir nicht leisten konnte. Auf dem gekachelten Boden der Umkleide hatten sich ein paar Pfützen gesammelt, und an den Wänden glänzte das Kondenswasser. Sofort beim Eintreten stieg mir der angenehm vertraute Chlorgeruch in die Nase. Ich suchte mir ein großes Schließfach und kramte mein billiges Shampoo, Conditioner, Rasierzeug, Duschgel und ein Handtuch aus meinem Rucksack. Dann schob ich ihn behutsam ins Fach, um das Zelt nicht zu beschädigen, und zog mich bis auf die Unterwäsche aus.

Früher hatte ich mir nie Gedanken über meinen Körper gemacht. Als Jugendliche war ich eher schmal. Ich trug Kleidergröße 36, und Gewicht war für mich kein Thema, auch deshalb, weil mich nie jemand darauf ansprach. Ich gehörte nicht unbedingt zu den beliebtesten Mädchen an meiner Schule, hatte allerdings eine eigene Band und einen bunt gemischten Freundeskreis, und wir waren viel zu sehr auf unsere Musikkarriere fixiert, um uns für Dinge zu interessieren, die Gleichaltrigen normalerweise wichtig waren. Meine Zweifel in Bezug auf mein Äußeres und meine Figur fingen erst an, als die Band bekannter wurde.

Jedes Mal, wenn wir ein Foto auf Instagram posteten, hagelte es Kommentare zu meinem Aussehen. War das Foto ein wenig unvorteilhaft, wurde sofort spekuliert, ob ich zugenommen hätte. Oder war ich etwa schwanger? Wenn ja, von wem? Sollte ich mir die Brüste machen lassen? Und wie hübsch ich aussehen würde, wenn ich mir die Nase operieren ließe!

Bei Weitem nicht alle Fans äußerten sich so kritisch. Die meisten Kommentare waren positiv, auch wenn hin und wieder sexuelle Anspielungen darunter waren, die ich geschmacklos und übergriffig fand. Doch erstaunlicherweise nahm ich mir die negativen Kommentare immer viel mehr zu Herzen und ließ mich von ihnen verunsichern, obwohl ich mir nie zuvor Gedanken über mein Aussehen gemacht hatte. Besonders entmutigend war, dass die Zahl der gehässigen Bemerkungen immer dann in die Höhe schoss, wenn wieder in irgendeiner Klatschzeitschrift behauptet wurde, ich sei mit diesem oder jenem Promi zusammen, nur weil wir ein paarmal gemeinsam fotografiert worden waren. Frauen konnten sehr grausam sein, wenn es um einen Mann ging, den sie vergötterten und für den man ihrer Meinung nach nicht gut genug war. Traurig, aber wahr.

Na ja. Mit solchem Kram musste ich mich jetzt nicht mehr herumschlagen.

Ich wusste, dass ich zu mager war, aber falls mich jemand anstarrte, während ich in meiner alten Unterwäsche und mit meinen billigen Pflegeprodukten in der Hand durch die Umkleide ging, bemerkte ich es gar nicht. Es war mir auch egal.

Zum Glück war noch eine Duschkabine frei. Ich ließ mich von den Haaren im Abfluss nicht abschrecken und zog den Vorhang zu, um ungestört zu sein. Vorsichtig streifte ich mir die Unterwäsche ab, wickelte sie in mein Handtuch und legte das Bündel draußen vor die Dusche. Wie jedes Mal hoffte ich, dass es nicht geklaut wurde.

Dann schloss ich die Augen und genoss das heiße Wasser, das auf mich niederprasselte. Es gab nichts Herrlicheres als eine Dusche, nachdem man tagelang ohne fließendes Wasser hatte auskommen müssen. Früher war Duschen für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen, aber jetzt, wo ich von Glück sagen konnte, wenn ich einmal pro Woche genug Geld dafür zusammenbekam, war es die reinste Wohltat. Schade nur, dass ich mir nicht viel Zeit lassen konnte, denn es wartete praktisch immer jemand darauf, dass eine Kabine frei wurde.

Also machte ich mich zügig ans Werk. Ich schrubbte meinen Körper und wusch mir die Haare. Danach rasierte ich mir auch noch die Beine – entgegen Mandys Rat. Sie meinte, ich sollte die Haare lieber wachsen lassen, zumal sie im Winter für zusätzliche Wärme sorgten. Ich schlief seit Ende April auf der Straße, und nachts wurde es oft verdammt kalt. Die schottischen Sommer waren nicht gerade tropisch. Bislang hatte ich noch keine nennenswerten Probleme gehabt, aber inzwischen war es September, und in wenigen Wochen würden die Temperaturen in der Nacht so weit sinken, dass es sich draußen vielleicht nicht mehr aushalten ließ.

Noch gelang es mir, den Gedanken daran zu verdrängen.

Genau wie die Tatsache, dass mein Touristenvisum bald ablief.

Mein Magen zog sich vor Anspannung zusammen, doch ich schaffte es, meine Sorgen beiseitezuschieben. Darum würde ich mich später kümmern. Irgendwann. Im Moment plante ich immer nur bis zum nächsten Tag. So war es am einfachsten.

Nach der Dusche fühlte ich mich wieder halbwegs wie ein Mensch. Ich streckte die Hand durch den Spalt im Duschvorhang und war erleichtert, als ich mein Handtuch ertastete. Nachdem ich mich darin eingewickelt hatte, lief ich zurück in die Umkleide, wobei ich die verärgerten Blicke einer Frau ignorierte, die offenbar zu lange auf das Freiwerden der Dusche gewartet hatte. Ich suchte mir eine Kabine und verriegelte sie, damit ich mich in Ruhe abtrocknen konnte.

In Unterwäsche ging ich zum Schließfach, um meine Sachen zu holen. Nachdem ich wieder vollständig angezogen war und alles verstaut hatte, kramte ich meine Bürste hervor.

Ich föhnte mir gerade die Haare und versuchte, dabei nicht allzu oft in den Spiegel zu schauen, da überkam mich ein merkwürdiges Gefühl.

Irgendjemand beobachtete mich. Das Gefühl wurde immer unangenehmer, und als ich es irgendwann nicht mehr aushielt, hob ich den Kopf. Neben mir stand ein junges Mädchen, das mich mit offenem Mund ansah. Ich wusste genau, was das erregte Funkeln in ihren Augen zu bedeuten hatte. Angst packte mich. Hastig wandte ich den Blick ab und begann wild mit dem Föhn herumzufuchteln, als würden meine Haare dadurch schneller trocken werden.

Endlich schaltete ich das Gerät aus. Mir war klar, dass sie mich immer noch anstarrte.

Mist.

Ich raffte meine Sachen zusammen. Ich musste so schnell wie möglich hier raus.

»Hey!«

Oh nein.

Ich warf ihr einen abweisenden Blick zu.

Ihr Lächeln erstarb. »Du siehst aus wie Skylar Finch. Hat dir das schon mal jemand gesagt?«

»Keine Ahnung, wer das ist«, log ich in meinem englischen Akzent.

Das Mädchen machte ein langes Gesicht – keine Ahnung, ob es an meiner barschen Reaktion oder an meiner Aussprache lag.

»War ja auch irgendwie klar …«, murmelte sie leise. »Als würde Skylar Finch hier schwimmen gehen.«

Wortlos ging ich davon und zwang alle Gefühle, die die Begegnung in mir wachgerufen hatte, eiskalt nieder. Na ja … jedenfalls versuchte ich es.

Zu diesem Zweck konzentrierte ich mich ganz auf mein nächstes Ziel: den Münzwaschsalon. Dort angekommen, stopfte ich meine Handvoll Klamotten in die Trommel, und statt zu warten, bis das Programm durchgelaufen war, unternahm ich einen Spaziergang zu einem nahe gelegenen Imbiss, wo ich mir eine Portion Fish and Chips sowie zwei Flaschen Wasser kaufte. Es regnete immer noch, deshalb setzte ich mich zum Essen unter das Vordach des Waschsalons. Ich schaffte nur die Hälfte, den Rest musste ich wegwerfen. Fish and Chips waren zwar billig und sättigten, aber nachdem ich wochenlang praktisch nichts anderes als Fastfood gegessen hatte, bekam ich das Zeug mittlerweile kaum noch herunter. Es war, als würde mein Körper dagegen rebellieren.

Es dauerte lange, bis meine Anziehsachen fertig waren, aber das störte mich nicht. Im Waschsalon hatte ich es wenigstens warm und trocken. Doch es schien, als hätte der Himmel ein Einsehen mit mir, denn der Regen ließ nach, kaum dass ich mich auf den Weg zu meinem Schlafplatz machte. Ich hatte eine Weile gebraucht, um mich an die hellen Nächte zu gewöhnen. Im Sommer wurde es in diesem Teil des Landes erst gegen dreiundzwanzig Uhr dunkel. In den letzten Wochen allerdings waren die Tage merklich kürzer geworden. Inzwischen setzte bereits gegen halb acht die Abenddämmerung ein, daher war es vollkommen dunkel, als ich das große verschlossene Friedhofstor erreichte.

Es lag an einer belebten Durchgangsstraße, die von zahlreichen Laternen und den Scheinwerfern der vorbeifahrenden Autos erhellt wurde.

Ich wartete ab, bis eine Lücke im Verkehr entstand, dann stieg ich auf den Vorsprung eines der Backsteinpfeiler, die das Tor flankierten, zog mich am Gitter hoch und kletterte hinüber, wobei ich achtgab, nicht an den Spitzen der gusseisernen Stäbe hängen zu bleiben. Schließlich sprang ich auf der anderen Seite herunter.

Die Landung war ziemlich unsanft, doch meine Beine waren kräftiger geworden, seit ich so viel zu Fuß ging, und fingen den Aufprall ab. Ich zückte meine kleine Taschenlampe, richtete den Strahl auf den Weg vor mir und marschierte los.

Seltsamerweise empfand ich den nächtlichen Friedhof nicht als unheimlich. Er war zu meiner Zufluchtsstätte geworden, an der ich mich vor der Außenwelt sicher fühlte. Es war ein stiller Ort, ideal zum Schlafen, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine toten Nachbarn auf mich aufpassten.

Da es ein großer Friedhof war, musste ich eine ganze Zeit laufen, bis ich meinen Schlafplatz erreichte. Tagsüber war jemand vom Grünflächenamt hier gewesen und hatte gemäht. Neben dem vertrauten Duft von feuchter Erde und den Blumen, die die Friedhofsbesucher auf den Gräbern niedergelegt hatten, roch ich frisch geschnittenes Gras. Die Gerüche wurden schwächer, je näher ich einem kleinen Baumbestand im hinteren Bereich des Friedhofs kam. Hier schlug ich für gewöhnlich mein Lager auf. Die Grabsteine in diesem Teil waren so alt, dass man die Inschriften teilweise nicht mehr entziffern konnte.

Sobald ich das Zelt aufgestellt, den Schlafsack ausgerollt, das Kopfkissen zurechtgelegt und eine Decke, die ich als zusätzlichen Wärmespender im Ausverkauf erstanden hatte, darübergebreitet hatte, kroch ich ins Innere, machte es mir gemütlich und holte eins meiner zwei Bücher hervor.

Yelena und die Magierin des Südens von Maria V. Snyder. Ich hatte es bereits eine Million Mal gelesen, aber es war immer wieder schön. Außerdem besaß ich noch Die Beschenkte von Kristin Cashore. Ich liebte Fantasy, und besonders gern las ich Geschichten über starke Heldinnen, die sich nichts bieten ließen und trotz aller Widrigkeiten entschlossen ihren Weg gingen.

Beim Lesen vergaß ich, wo ich war. Ich vergaß die Kälte. Ich vergaß alles um mich herum. Ham, Mandy und viele andere Obdachlose in der Stadt hatten Smartphones, um den Anschluss an die Welt nicht zu verlieren. Keine Ahnung, wie sie sich die Geräte leisten konnten. Vielleicht waren sie gestohlen, oder sie kratzten alles Geld, das sie hin und wieder von Passanten bekamen, für ein billiges Prepaid-Handy zusammen. Sie luden die Telefone in Coffeeshops auf und nutzten kostenlose Hotspots, damit sie im Internet surfen konnten. Einige von ihnen waren sogar bei Facebook aktiv. Kein Dach über dem Kopf, aber eine eigene Facebook-Seite.

Ich hingegen wollte mit der Welt nichts mehr zu tun haben. Die Welt war allenfalls noch eine vage Erinnerung.

Stattdessen las ich die Geschichte von Yelena, die Vorkosterin eines Kommandanten wird und dabei alles über verschiedene Gifte lernt. Ich las von ihren Schicksalsschlägen und ihrer Stärke. Und als ich an diesem Abend auf dem Friedhof, der mein Zuhause geworden war, die Augen schloss, wusste ich, dass auch ich stark genug sein würde, um das Leben, für das ich mich entschieden hatte, zu meistern.

Kapitel 3

Der Kupfergeruch von Regen lag in der Luft. Dieselabgase, Kaffee und Regen. Doch das war es nicht, was mir Sorgen machte, als ich am darauffolgenden Samstag wieder in der Buchanan Street stand. Ich war vielmehr damit beschäftigt, mich nicht von dem Vollidioten in den Wahnsinn treiben zu lassen, der sich mit seinem beschissenen Verstärker genau neben mich gesetzt hatte.

Und er wollte mich in den Wahnsinn treiben, daran hatte er keinen Zweifel gelassen, sowie er süffisant grinsend in meiner unmittelbaren Nähe stehen geblieben war, um seine Sachen aufzubauen. Das war mehr als nur unhöflich. Es gab unter Straßenmusikern ein ungeschriebenes Gesetz, das besagte, dass man einander genügend Raum zu lassen hatte. Er brach dieses Gesetz nicht nur, er versuchte auch noch absichtlich, mich zu übertönen. Und ich musste zugeben, dass er seine Sache bislang ziemlich gut machte. Seine Shawn-Mendes-Nummer war wirklich nicht zu überhören.

Ich sang dennoch weiter. Ich war eine Meisterin darin, mich nicht von jungen männlichen Musikern aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich hatte mit drei Männern in einer Band gespielt, wir waren zusammen im Tourbus quer durchs Land gereist. Der Kerl neben mir hatte keine Ahnung, mit wem er sich da anlegte. Idioten wie ihm die kalte Schulter zu zeigen, war eine meiner leichtesten Übungen.

Und nebenbei wartete ich geduldig auf meine Gelegenheit zur Rache.

Die kam, sobald er seinen nächsten Song anstimmte, eine ruhige Coldplay-Ballade.

Prompt stimmte ich »Chandelier« von Sia an, ein bekanntermaßen schwieriges Stück, mit dem man, sofern man es beherrschte, seine Zuhörer garantiert beeindrucken konnte. Und tatsächlich: Immer mehr Leute blieben stehen und lauschten meinem Gesang, der den Typen neben mir trotz Verstärker alt aussehen ließ.

Es dauerte nicht lange, bis die Ersten ihre Smartphones zückten, um Fotos oder Videos von mir zu machen. Ich versuchte, mein Gesicht so gut wie nur irgend möglich unter der Hutkrempe zu verstecken. Eines Tages würden mir diese verdammten Dinger noch zum Verhängnis werden. Wie lange würde es dauern, bis jemand im Internet schrieb: »Hey, die klingt ja genauso wie Skylar Finch. Moment mal … Das ist Skylar Finch!«

Mir graute vor diesem Moment – zumal ich nicht mal was davon mitkriegen würde, weil ich mich vom Internet fernhielt. Meine allergrößte Angst war, dass eines Tages plötzlich einer der Jungs aus meiner Band vor mir stehen und mich vorwurfsvoll anstarren könnte.

Ich schüttelte den Gedanken ab und beendete den Song.

Als der Applaus verebbt war, rief jemand aus der Menge: »Sing ›Titanium‹!«

Es hatte die ganze Woche über geregnet, und es war kalt im Zelt. Ich hatte fast mein ganzes Geld in eine Regenjacke und zwei Fleecepullover investiert, die ich nachts zum Schlafen überzog. Das Wenige, was danach noch übrig gewesen war, hatte ich für meine wöchentliche Dusche und den Waschsalon ausgegeben. Ich war nahezu pleite, also tat ich meinem Publikum den Gefallen. Besonders befriedigend war der Moment, als der Vollidiot mit dem Verstärker zu einem Rocksong ansetzte und einer meiner Zuhörer ihm sagte, er solle gefälligst leise sein.

Doch schon wenig später war es mit meiner guten Laune vorbei, denn der Himmel öffnete seine Schleusen, und ein heftiger Platzregen setzte ein. Innerhalb von Sekunden war ich bis auf die Haut durchnässt. Die Leute suchten kreischend das Weite, um sich unterzustellen, während ich bibbernd und triefend zurückblieb. Die paar Münzen in meinem Gitarrenkoffer reichten nicht mal für einen Kaffee, höchstens für eine kleine Portion Pommes bei McDonald’s.

Ich seufzte und versuchte, mich damit abzufinden, dass ich heute Abend wohl hungrig ins Bett gehen würde. Das Wetter machte mir das Leben zunehmend schwerer, und so langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Im Grunde wusste ich: Es würde nicht leichter werden, sondern immer nur noch schwieriger. Dennoch musste ich einen Weg finden, um zu überleben.

Wie gern hätte ich mir den Typen vorgeknöpft, der jetzt mithilfe seiner Freunde hastig sein Equipment zusammenräumte, und ihm einen Tritt in die Eier verpasst. Der Mistkerl hatte mich um einen Großteil meiner Tageseinnahmen gebracht. Er trug neue Klamotten und teure Sneaker, sah wohlgenährt und gepflegt aus. Er brauchte das Geld nicht. Er war bloß scharf auf die Aufmerksamkeit.

»Es gibt schon einen Shawn Mendes!«, hätte ich am liebsten gebrüllt. »Die Welt braucht keinen zweiten, du Würstchen!« Aber das wäre kindisch gewesen, und offen gestanden hatte ich auch nicht die Kraft dazu.

Einsam und mit zitternden Fingern packte ich meine Gitarre ein. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Schottland war ich ernsthaft besorgt. Heute Abend würde ich nicht nur ohne Essen schlafen gehen, sondern auch noch mit nassen Sachen. Der Regen hatte zwar fast genauso schnell wieder aufgehört, wie er begonnen hatte, doch der Schaden war angerichtet – aus meinen Klamotten tropfte das Wasser, und ich hatte kein Geld, um sie zu trocknen.

Zur Beruhigung versuchte ich einmal tief durchzuatmen. Mein Magen krampfte sich nervös zusammen.

Ich wollte mich gerade nach meinem Rucksack umdrehen, als ich beinahe mit einem Mann zusammengestoßen wäre, der dicht neben mir stehen geblieben war und einen Schirm über unsere Köpfe hielt. Ich erschauderte vor Abscheu, denn er taxierte mich auf eine Art und Weise, die man unmöglich missverstehen konnte. Ich hatte ihn schon einmal gesehen. Er war schätzungsweise Mitte fünfzig und nur wenige Zentimeter größer als ich, trug ein teuer aussehendes Hemd, das ihm wegen seines riesigen Hängebauchs vorne aus der Jeans gerutscht war, und eine Lederjacke, die an den Schultern so eng saß, dass sie bei jeder Bewegung knarrte. Doch es war sein pockennarbiges Gesicht mit der auffälligen Knollennase, das man nicht so schnell vergaß.

Ich erinnerte mich auch deshalb an ihn, weil er Mandy einmal so lange belästigt hatte, bis Ham dazwischengegangen war und ihn verjagt hatte.

Offenbar hatte es sich herumgesprochen, dass ich obdachlos war.

Ich straffte die Schultern und trat einen Schritt zurück. Meine Nerven waren ohnehin schon bis zum Zerreißen gespannt, und die Empörung, die mich urplötzlich überfiel, verschlimmerte es noch.

Sein lüsterner Blick war derweil bei meinem Gesicht angekommen. Als er meine zornige Miene sah, lächelte er beschwichtigend. »Ich spendier’ dir eine warme Mahlzeit, Süße.«

»Nein, danke.«

»Wir wissen doch beide, dass du es nötig hast.« Er deutete auf den Gitarrenkoffer in meiner Hand.

»So verzweifelt bin ich nun auch wieder nicht. Und jetzt verpiss dich.«

Ein hartes Funkeln trat in seine Augen, und er machte einen Schritt auf mich zu. »Das ist aber nicht sehr höflich. Ich will doch nur nett sein. Du brauchst einen Freund, wenn du auf den Straßen von Glasgow überleben willst, Süße.«

»Süßer, selbst wenn du kein widerlicher, fetter Drecksack wärst, würde ich mich nicht von dir anfassen lassen. Also tu, was ich dir gesagt habe, und verpiss dich. Ach so.« Ich grinste höhnisch. »Wenn du mir oder einer der anderen Frauen noch einmal zu nahe kommst, hetze ich dir ein paar Typen auf den Hals, die nichts lieber tun, als dir Manieren beizubringen. Hast du mich verstanden?« Es war eine Lüge, aber recht überzeugend rübergebracht.

Wut verzerrte sein vernarbtes Gesicht, und er machte Anstalten, mir noch mehr auf die Pelle zu rücken, als ihn eine große Männerhand von hinten am Oberarm packte und unsanft zur Seite schob.

Verwirrt und argwöhnisch starrte ich den Mann an, dem die Hand gehörte. Es war mein samstäglicher Stalker. Nur, dass er sich diesmal nicht unauffällig im Hintergrund hielt. Im Gegenteil, er war mir so nah, dass ich den Zorn deutlich erkennen konnte, der aus seinen dunklen Augen sprühte, während er den anderen Mann – der kleiner und älter war als er – niederstarrte.

»Ich meine gehört zu haben, dass die junge Frau zu Ihnen gesagt hat, Sie sollen sich verpissen.«

Zu meinem Ärger wurde der Pockennarbige, der sich von mir nicht im Geringsten hatte einschüchtern lassen, auf einmal ganz kleinlaut. »Mein Fehler«, brummte er und sah zu, dass er verschwand, wobei er seinen Regenschirm wie ein Schutzschild vor der Brust hielt.

Feiger Wurm.

»Was wollen Sie?«, fuhr ich meinen ungebetenen Retter an.

Er blickte dem Widerling noch eine Weile nach, ehe er sich langsam zu mir umdrehte. Obwohl seine Züge nach wie vor hart waren, wurde sein Blick sanfter, und einen Moment lang war ich ganz verzaubert von seinen dunklen Augen. Alles an ihm wirkte wie aus Stein gemeißelt. Undurchdringlich. Kalt. Nur seine Augen nicht. Sie waren warm und dunkelbraun und wurden von langen schwarzen Wimpern eingerahmt. Es waren glühende Schlafzimmeraugen, die überhaupt nicht zu ihm passten. Sie wirkten wie Fremdkörper in seinem abweisenden Gesicht.

Doch sobald er das Wort ergriff, brach der Bann, den seine Augen einen Moment lang über mich gelegt hatten. »Sie sind wirklich dumm.«

Seine Stimme klang harsch vor Wut.

»Wow, danke«, sagte ich, versehentlich in meine amerikanische Aussprache zurückfallend. Dann wandte ich mich ab, um endlich meinen Rucksack aufzusetzen.

»Wenn Sie so weitermachen, bringen Sie sich in Gefahr.«

»Ist das etwa eine Drohung?«

»Nein!«

»Ich muss jetzt gehen.« Ich versuchte an ihm vorbeizukommen.

Diesmal hielt er mich am Oberarm fest.

Abermals stiegen Zorn und Angst in mir hoch. Ich schaute ihn finster an und ignorierte seine Körperwärme, den Duft von Aftershave und Duschgel. Er roch sauber. Und er war so warm. Er war alles, was ich nicht war. Ich beneidete ihn und hasste ihn gleichermaßen. Einen Moment lang vergaß ich, dass niemand an meiner elenden Lage schuld war außer mir selbst.

Ohne dass ich etwas sagen musste, ließ er mich los und hob entschuldigend die Hände. »Ich habe Ihnen doch schon erklärt, ich will keinen Sex. Ich möchte nur mit Ihnen reden. Ich lade Sie zum Essen ein.«

Wie aufs Stichwort knurrte mein Magen, und ich war kurz davor, einzuknicken. Ich konnte entweder klatschnass und hungrig schlafen gehen oder nur klatschnass. Verlockend …

»Auf Restauranttoiletten gibt es Handtrockner. Sie könnten Ihre Sachen trocknen, wenigstens notdürftig.« Er deutete auf meine triefende Kleidung. Ich sah aus wie eine ertrunkene Ratte.

Verdammt.

Ich wusste genau, dass er etwas von mir wollte. Ich hatte nur keine Ahnung, was.

Doch eine warme Mahlzeit und trockene Sachen hatten im Moment Priorität.

Es war siebzehn Uhr an einem Samstag. Die belebten Straßen des Stadtzentrums würden sich nicht nur bald mit Clubgängern füllen, sondern auch mit Polizisten auf Streife. Mir konnte also nichts passieren.

»Von mir aus. TGI Fridays.« Dort gab es Salat und richtiges Fleisch, nicht das industriell verarbeitete Zeug, das ich in den letzten Monaten gegessen hatte.

Zum Glück verkniff er sich ein selbstgefälliges Siegeslächeln. Er deutete lediglich auf das Restaurant am Ende der Straße, wie um zu sagen: »Nach Ihnen.«

Ich spürte seine Nähe, während er neben mir die Straße entlangging, und warf ihm einen unauffälligen Seitenblick zu. Seine Sachen waren trocken, er schien also vom Regenguss verschont geblieben zu sein. Wo war er gewesen? Unter meinen Zuhörern hatte ich ihn nicht gesehen.

Komisch.

»Kann ich Ihnen etwas abnehmen?«, fragte er.

»Nein, danke.« Niemand rührte meine Sachen an.

Er entgegnete nichts, sondern ging voraus, um mir die Tür des Restaurants aufzuhalten. Ich wäre fast gestolpert vor Schreck, so lange war es her, seit mir jemand die Tür aufgehalten hatte.

Ich ignorierte das kleine warme Kribbeln in meinem Bauch, genau wie ich die Tatsache ignorierte, dass ich augenscheinlich doch etwas aus meinem alten Leben vermisste – aus der Zeit, als ich noch kein Niemand gewesen war.

Die Kellnerin am Eingang rümpfte bei meinem Anblick die Nase, doch was auch immer sie zu mir sagen wollte, war vergessen, kaum dass der Unbekannte neben mir auftauchte.

Mir wurde klar, dass ich nicht einmal seinen Namen kannte.

»Einen Tisch für zwei«, sagte er.

Sie lächelte. »Haben Sie reserviert?«

»Nein.«

Leise lachte ich über seine brüske Art. Ein echter Charmeur.

Das Lächeln der Frau verlor ein wenig an Strahlkraft. »Da haben Sie aber großes Glück. Wir haben gerade noch einen Tisch frei. Kommen Sie.« Sie griff sich zwei Speisekarten und führte uns durch das vollbesetzte Restaurant. Verschiedene Gerüche stiegen mir in die Nase: Burger, Barbecue-Sauce, Ketchup, Bier … Mein Magen schmerzte vor lauter Hunger. Und erst der Lärm: überall laute Stimmen, das Klirren von Besteck und Geschirr. Ich zuckte zusammen, fühlte mich eingesperrt und überfordert. Sicher, ich war an Menschenmengen gewöhnt – aber nur draußen im Freien. Es war gefühlt eine Ewigkeit her, dass ich mich zusammen mit so vielen Leuten in einem geschlossenen Raum aufgehalten hatte.

Die Kellnerin brachte uns an einen winzigen Tisch, der keinen Platz bot, um meine Sachen abzustellen. Mein unbekannter Begleiter berührte sie leicht an der Schulter, um sie am Weggehen zu hindern.

»Wir nehmen die Nische da.« Er deutete auf eine leere, geräumige Sitznische hinter uns.

»Die ist leider reserviert.«

Daraufhin hob er die Hand, und ich erhaschte einen Blick auf den Geldschein, den er der Kellnerin diskret zwischen die Finger schob, mit denen sie die Speisekarten hielt. Sie starrte die Banknote erst ein wenig verdattert an, dann lächelte sie breit. »Sehr gern.«

Ich rutschte auf die halbrunde Bank, stellte den Gitarrenkoffer vor meine Füße auf den Boden und nahm den Rucksack ab. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, mich an den äußeren Rand zu setzen, dann hätte der Rucksack als Barriere zwischen mir und dem Fremden dienen können. Leider kam mir diese Idee erst, nachdem er bereits neben mir saß.

Genau wie in der Buchanan Street war ich mir auch hier seiner Präsenz überdeutlich bewusst. Ich ärgerte mich, weil er so dicht neben mir war, dass ich die Hitze seines Körpers spüren konnte.

Unauffällig versuchte ich, von ihm abzurücken, während er sich die Speisekarte anschaute, doch er bemerkte es und warf mir einen fragenden Blick zu.

Da er auf keinen Fall denken sollte, dass er mich verunsicherte, schlug ich wortlos meine eigene Speisekarte auf. Sofort meldete sich mein Hunger zurück – und zwar mit solch einer Heftigkeit, dass mir schwindlig davon wurde. Am liebsten hätte ich alles bestellt. Alles.

Schweigen senkte sich über unseren Tisch, solange ich überlegte, wofür ich mich entscheiden sollte. Ich fühlte mich wie im Himmel.

»Nehmen Sie lieber nicht zu viel«, sagte der Fremde unvermittelt. »Sie sind sehr dünn und wahrscheinlich nicht an große Portionen gewöhnt. Ihnen soll ja nicht schlecht werden.«

Enttäuscht gelangte ich zu dem Schluss, dass er recht hatte – was mich nur noch mehr ärgerte. Als schließlich ein Kellner auftauchte, um unsere Bestellung aufzunehmen, bat ich lediglich um den in der Pfanne gebratenen Seebarsch und verzichtete auf die Chickenwings, die überbackenen Kartoffelspalten, Nachos und Rippchen, die ich gerne auch noch bestellt hätte. Schon jetzt lief mir das Wasser im Mund zusammen.

»Warum gehen Sie nicht und trocknen Ihre Sachen, während wir aufs Essen warten?«, schlug der Unbekannte vor, nachdem der Kellner sich wieder entfernt hatte.

Sofort wanderte mein Blick zu meiner teuren Gitarre.

Er schnaubte. »Ich bin kein Dieb.«

»Was sind Sie denn dann? Was wollen Sie von mir?«

»Sehen Sie erst mal zu, dass Sie wieder trocken werden.«

Ich nickte, doch als ich aufstand, schwang ich mir trotzdem meinen Rucksack über die Schulter und hob meinen Gitarrenkoffer vom Boden auf. Ich vertraute niemandem. Der Mann schien mein Verhalten sehr lustig zu finden. Hungriger und wütender denn je, hätte ich ihn um ein Haar angefahren. Stattdessen machte ich wortlos kehrt und stapfte in Richtung Toilette davon.

Nun, da ich nicht mehr befürchten musste, ohne Essen ins Bett zu gehen, erinnerte ich mich daran, dass ich noch trockene Wechselsachen im Rucksack hatte. Das hatte ich vollkommen vergessen. Erstaunlich, was Angst bewirken konnte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich griff mir eine Handvoll Papierhandtücher, ehe ich in einer Kabine verschwand, um mich umzuziehen. Sobald ich mich ausgezogen hatte, trocknete ich mich notdürftig mit den Papiertüchern ab. Es war ein herrliches Gefühl, als ich erst trockene Unterwäsche, dann eine frische Hose, Socken, T-Shirt und einen Kapuzenpullover anzog. Die nassen Sachen und die Regenjacke faltete ich zusammen. In den Rucksack wollte ich sie lieber nicht stecken, damit meine restlichen Socken, Slips und Bücher nicht nass wurden. Obwohl ich mich ohne meinen Hut nackt fühlte, setzte ich ihn nicht wieder auf, sondern hängte ihn außen an den Rucksack.

Als ich zum Tisch zurückkam, legte ich das Bündel mit den nassen Klamotten neben mich auf die Sitzbank – natürlich so, dass die Unterwäsche nicht zu sehen war.

Ich wagte nicht, den Fremden anzuschauen, während ich nach meiner Diet Coke griff. Ich liebte Cola. Früher, wenn wir auf Tour gewesen waren, hatte ich immer darauf geachtet, mich ausgewogen zu ernähren und viel Wasser zu trinken. Cola gönnte ich mir nur selten. Aber jetzt hatte ich seit Monaten keine mehr getrunken, und sie schmeckte absolut köstlich.

»Entschuldigung«, rief mein unbekannter Begleiter. Als ich den Kopf hob, sah ich, dass er einer vorbeigehenden Kellnerin ein Handzeichen gegeben hatte. »Hätten Sie vielleicht eine Tüte?«

»Eine Tüte?«

»Eine Plastiktüte. Oder aus Papier. Eine Tüte eben.«

»Ach so … Ich schaue mal nach.«

Ich beäugte ihn neugierig, doch statt darauf einzugehen, nippte er lediglich an seinem Wasser und ließ den Blick durchs Restaurant schweifen, als wäre die Situation kein bisschen seltsam oder unangenehm. Seine Nase hatte einen kleinen Höcker, seine Wangenknochen waren ausgeprägt, sein Kinn kantig. Insgesamt erinnerte mich sein Profil an einen Habicht – maskulin, schroff und ein wenig Ehrfurcht gebietend. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ich die Beute war, die sich aus Dummheit in eine Falle hatte locken lassen.

Trotzdem glaubte ich nach wie vor nicht, dass es ihm um Sex ging.

Unverhohlen starrte ich ihn an. Ich wollte Antworten.

Er ignorierte mich weiterhin, bis die Kellnerin mit einem Plastikbeutel zurückkehrte. »Geht der hier?«

»Ja. Vielen Dank.« Er nahm ihr den Beutel aus der Hand, hielt ihn mir hin und sah mich mit diesen dunklen Augen an, die viel besser zu einem Playboy gepasst hätten. Zu jemandem, der seinen Charme bewusst einsetzte. »Für Ihre nassen Sachen.«

Oh.

Es war eine fürsorgliche Geste, die ich nicht mit seinem sonstigen Verhalten in Einklang bringen konnte. Mein Argwohn wuchs, aber ich griff dennoch nach der Tüte. Ich steckte meine nassen Sachen hinein und ließ sie dann unter dem Tisch verschwinden.

»Was zum Teufel wollen Sie denn jetzt eigentlich von mir?«, fragte ich genervt.

»Essen wir erst mal.«

»Damit ich satt und gefügig bin?«

Jetzt schaute er mich an. Er sah mir direkt ins Gesicht, und einer seiner Mundwinkel bewegte sich ein paar Millimeter nach oben. »Genau.«

»Ein guter Bösewicht lässt sich nicht in die Karten schauen.«

»Ich bin kein Bösewicht.«

»Was sind Sie dann?«

»Erst …«

»Essen. Schon klar.«

Also saßen wir da und schwiegen, bis das Essen kam. Als mir der Geruch des Seebarschs in die Nase stieg, gab mein Magen erneut ein Knurren von sich. Früher wäre mir das peinlich gewesen, doch nun war es mir egal. Mich interessierte allein der Fisch.

Ich nahm den ersten Bissen und schloss genüsslich die Augen.

Als ich sie wieder öffnete, um eine Gabel von dem buttrigen Kartoffelpüree zu kosten, spürte ich seine Blicke auf mir.

Seine gerunzelte Stirn und der besorgte Ausdruck in seinen Augen führten dazu, dass ich mich abwehrend versteifte. Doch schon im nächsten Moment wandte er sich mit ausdrucksloser Miene seinem Burger zu, als würde ich gar nicht existieren.

Ich genoss jeden einzelnen Happen meiner Mahlzeit, einschließlich des aus Schokoladenkuchen, Schokosauce, Karamell und Vanilleeis bestehenden Nachtischs, der völlig zu Recht den Namen »Chocolate Fudge Fixation« trug.

Nach dem üppigen Essen machte sich bei mir allmählich Erschöpfung breit, und meine Lider wurden immer schwerer.

Ich wusste, dass es an der Zeit war, den Preis zu bezahlen. »Also …« Ich schob meinen leeren Dessertteller beiseite und ließ mich unheilvoll dreinblickend gegen die Rückenlehne der Bank sinken. »Was wollen Sie von mir?«

Statt einer Antwort griff er in seine Brieftasche und zog eine Visitenkarte heraus, die er mir reichte.

Fassungslos starrte ich darauf.

Kapitel 4

Killian O’Dea

A&R Manager

Skyscraper Records

100 Stobcross Road

Glasgow

07878568562

Meine Finger krallten sich in das edel geprägte Papier. Stirnrunzelnd schaute ich Mr. Killian O’Dea an. Er arbeitete für eine Plattenfirma in der Abteilung Artists & Repertoire, war also jemand, der neue Künstler suchte und aufbaute. »Ein Plattenlabel?«

Seine Miene blieb ausdruckslos. »Wenn Sie mir nicht glauben, gebe ich Ihnen gerne mein Handy, dann können Sie nach uns im Internet suchen.« Ehe mir eine Erwiderung dazu einfiel, ratterte er einige Namen von Musikern herunter, die bei ihm unterzeichnet hatten. Ein paar von ihnen kannte ich sogar, es handelte sich um erfolgreiche britische Popkünstler. »Wir sind das einzige schottische Label, das in der Branche ganz oben mitspielt, und auf dem besten Weg, die Toplabels aus England zu überflügeln. Wir haben ein gutes Auge für Talente und ein Marketing-Team, das es wie kein zweites versteht, die digitale Generation anzusprechen. In den letzten fünf Jahren hatten wir mehrere Nummer-eins-Alben, und einige unserer Künstler sind auch international erfolgreich.«

Ich bemerkte ein Leuchten in seinen Augen, das zuvor nicht da gewesen war. Ob es Leidenschaft oder nackter Ehrgeiz war, konnte ich nicht erkennen. Außerdem hatte ich keine Ahnung, weshalb er mir diesen Vortrag hielt.

»Warum erzählen Sie mir das alles?«

O’Dea drehte sich zu mir herum. Sein intensiver Blick wirkte geradezu verstörend. »Wir arbeiten nicht nur mit kommerziell ausgerichteten Sängern zusammen, sondern betreuen auch echte Künstler. Sie besitzen eine ganz besondere Gabe. Glauben Sie, ich bleibe bei jeder Straßenmusikerin stehen, um mir ihr Adele-Cover anzuhören? Nein. Auf Sie bin ich aufmerksam geworden, als Sie eine Eigenkomposition gesungen haben. Das hat mein Interesse geweckt. Ich würde gerne mehr von Ihnen hören, und wenn Sie so gut sind, wie ich glaube, möchte ich, dass Sie bei uns ein Album veröffentlichen.«

»Ich habe kein Management.« Das war gelogen.

»Ich kann Ihnen eins empfehlen.«

Einerseits freute ich mich, weil jemand mein Talent erkannt hatte. Daran würde sich vermutlich nie etwas ändern. Aber meine Angst war ungleich größer. Mein Herz klopfte wie verrückt. Dieser Mann bot mir genau das Leben an, das ich schon einmal geführt und hinter mir gelassen hatte. Ein Leben im Rampenlicht. Es würde nur wenige Sekunden dauern, und alle meine Geheimnisse wären enthüllt. Meine Handflächen waren auf einmal schweißfeucht, und mir wurde kalt. Blindlings griff ich nach meinen Sachen. »Das ist sehr nett von Ihnen, aber nein, danke.«

»Das war’s?«, stieß er fassungslos hervor. Sowie ich mich umdrehte, sah ich, dass er mich aufgebracht anfunkelte.

»Ich habe keine weiteren Songs. Nur den einen, den Sie gehört haben.«

»Das glaube ich Ihnen nicht.«

Wut mischte sich unter meine Angst. Ich spürte meine Wangen brennen. »Ist mir doch egal, was Sie glauben.« Ich wollte aufstehen, allerdings hielt O’Dea mich fest.

Ich blickte ihn warnend an, aber er ließ mich nicht los. »Warum sollte jemand sich freiwillig für ein Leben auf der Straße entscheiden, wenn er die Chance bekommt, neu anzufangen? Das kapiere ich nicht.«

Über so viel Naivität konnte ich nur lachen. »Glauben Sie, Ruhm und Geld sind wirklich so großartig, wie alle immer behaupten? Diese Leute sind noch ärmer dran als ich.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Lassen Sie meinen Arm los.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Schauen Sie sich die Promis doch nur mal an. Wie viele von denen machen einen glücklichen Eindruck auf Sie?«

»Wie es der Zufall will, kenne ich eine ganze Menge Promis, die glücklich sind.«

»Dann werfen die sich wahrscheinlich irgendwelche Pillen ein.«

»Sie sind sehr zynisch für Ihr Alter.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Für wie alt halten Sie mich denn? Wenn Sie nach dem nächsten Teenie-Idol suchen, das im kurzen Röckchen und mit angeklebten Fingernägeln über die Bühne hüpft, sind Sie bei mir an der falschen Adresse.«

»Wenn Sie das glauben, haben Sie mir offenbar nicht richtig zugehört. Wie alt sind Sie?«

»Weshalb stellen Sie mir so viele Fragen?«

»Das war nur eine einzige Frage. Ich wollte nicht mal wissen, wie Sie heißen. Warum weichen Sie immer aus?«

»Ich kenne Sie nicht, und Sie haben mich zum Abendessen eingeladen, weil Sie sich irgendwas von mir versprechen. Vielleich ist es nicht das, was die meisten Männer von mir wollen würden, aber uns beiden ist klar, dass Sie das hier nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit getan haben. Sie wollen Geld verdienen, und ich habe kein Interesse daran, diejenige zu sein, die Ihnen dabei hilft. Zahlen Sie jetzt trotzdem noch für mein Essen?«

Widerstrebend ließ O’Dea meinen Arm los. »Natürlich.«

Erleichterung durchflutete mich, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich unterdrückte ein Zittern, stand auf und hievte mir meinen Rucksack auf die Schultern.

»Sie haben recht«, räumte er ein.

Ich hatte mich gerade nach meinem Gitarrenkoffer gebückt, nun allerdings hielt ich inne und wartete, ob er noch mehr sagen würde.

»Es ist mir scheißegal, wie alt Sie sind und wie Sie heißen. Es ist mir auch scheißegal, dass Sie auf der Straße leben. Alles, was mich interessiert, sind Ihre Stimme, die Songs, die Sie schreiben, und dass ich mit Ihnen Platten verkaufen kann.« Er erhob sich ebenfalls, zog einige Geldscheine aus seiner Brieftasche und legte sie auf den Tisch. Es war viel, viel mehr, als unser Essen gekostet hatte. Aus seinen dunklen Augen sprachen Enttäuschung und Wut. »Melden Sie sich bei mir, wenn Sie bereit sind, Ihren ungewaschenen Kopf aus Ihrem Hintern zu ziehen.«

Ich war empört. »Sie arroganter Sack … Ich habe mir erst heute Morgen die Haare gewaschen!«

Er kam um den Tisch herum, blieb vor mir stehen und musterte prüfend meinen Kopf. Ich wand mich unter seinen Blicken. Dann funkelten wir uns gegenseitig an. Meine Miene war genauso unnachgiebig wie seine.

»Lassen Sie mich raten … in einem öffentlichen Schwimmbad?«

Die Schamesröte stieg mir ins Gesicht, und ich hasste ihn dafür, dass er mich so verhöhnte. »Was für ein Mensch beschämt eine Obdachlose?«

»Oh nein. Ich beschäme jemanden, der nicht obdachlos sein müsste – ganz im Gegensatz zu den Tausenden armen Seelen in diesem Land, denen nichts anderes übrig bleibt, als auf der Straße zu leben. Sie glauben, ich verhöhne Sie? Sie verhöhnen diese Menschen, und zwar jeden Tag.«

Ich zuckte zusammen. »Schwachsinn.«

»Ach ja? Diese Leute haben keine Alternative. Sie schon.«

»Habe ich nicht.«

»Ich habe Ihnen gerade eine angeboten.« Er nahm meine Hand und legte seine Visitenkarte hinein. »Machen Sie damit, was Sie wollen.«

Er ging. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Meine Beine fühlten sich auf einmal an wie Pudding, und mir war so schwindelig, dass ich mich wieder auf die Bank sinken ließ. Das lag nicht an seinen harten Worten, sondern lediglich an dem ungewohnt üppigen Essen und der Aufregung. Ja, genau so war es. Dennoch zitterten meine Finger, als ich nach den Geldscheinen griff, die er auf den Tisch gepackt hatte.

»Hätten Sie gern die Rechnung?«

In einem plötzlichen Anfall von Panik, der mich selbst überraschte, schloss ich instinktiv die Faust um das Geld. Dann nickte ich dem Kellner zu und ließ meine Hände unter den Tisch wandern, damit er die vielen Scheine nicht sah. Als die Rechnung kam, zählte ich den passenden Betrag ab, gab noch ein großzügiges Trinkgeld dazu und spürte Tränen in meinen Augen brennen, da mir klar wurde, wie viel noch übrig war.

Der Bastard hatte mir zweihundert Pfund dagelassen. Für manche mochten das Peanuts sein, für mich jedoch bedeutete es, dass ich mir mehrere Wochen lang keine Sorgen zu machen brauchte, ob ich mit meiner Musik genug Geld verdiente oder nicht.

Für diese großzügige Geste hasste ich ihn nur noch mehr. Warum gab er mir so viel Geld, wenn er doch augenscheinlich so wenig von mir hielt?

Ich nahm den Bus zum Friedhof. Sosehr ich es auch versuchte, ich bekam seine Stimme nicht aus dem Kopf. Nachdem ich am Abend mein Nachtlager aufgeschlagen hatte, versteckte ich das Geld in dem Geheimfach im Gitarrenkoffer und holte mein Notizbuch hervor, das ich seit meiner Ankunft in Schottland nicht mehr angerührt hatte.

Als zu Hause alles den Bach runtergegangen war und ich es irgendwann nicht mehr ausgehalten hatte, war ich abgehauen. Ich hatte alles hinter mir gelassen und war über ein Jahr lang mit dem Rucksack quer durch Europa gereist. Währenddessen hatte ich die ganze Zeit an neuen Songs gearbeitet – Songs, die vollkommen anders waren als alles, was ich bisher mit der Band gespielt hatte. Dabei ging es mir nicht um einen neuen Sound oder den nächsten Hit. Dieses Leben wollte ich nicht mehr. Aber Musik war nun einmal die Sprache, durch die ich mich am besten ausdrücken konnte, deshalb hatte ich gehofft, sie würde mir vielleicht Frieden bringen.

Weit gefehlt.

Wenn nicht einmal mehr die Musik mir helfen konnte, musste es wirklich übel um mich stehen.

Also hatte ich mit dem Schreiben aufgehört. Das war etwa zu der Zeit gewesen, als es mich nach Schottland verschlug. Ich hatte mein allerletztes Bargeld für einen Billigflug von Paris nach Glasgow zusammengekratzt. Fünf Monate lang hatte ich auf der Straße gesungen, ohne ein einziges Wort oder eine einzige Note zu Papier zu bringen.