Falsches Begehren - Uta Kropp - E-Book

Falsches Begehren E-Book

Uta Kropp

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Beschreibung

Eine junge Frau verschwindet. Die Mutter der jungen Frau wendet sich hilfesuchend an die Rechtsanwältin Rita Sommer. Im Laufe der Ermittlungen stößt Rita Sommer auf die Pension am Lohberg und die Steuerberatungskanzlei Blumberg. Was haben die Pension und die Steuerberatungskanzlei mit dem Verschwinden der jungen Frau zu tun und wird es Rita Sommer gelingen, die Frau zu finden? Die Ermittlungen während der Suche offenbaren Rita Sommer einen Sumpf von Menschenhandel, Erpressung, Prostitution und Mord in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Die Enthüllungen werden immer grotesker.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Uta Kropp, geboren in Wismar, lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Ostsee und den Norden liebt sie sehr. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und dem Hund der Familie unternimmt sie gerne Spaziergänge am Strand. Für die staatlich geprüfte Betriebswirtin zählen neben dem Schreiben von Romanen auch Schwimmen, Fahrrad fahren und Wandern zu ihren Hobbys. Im Jahr 2019 ist sie mit ihrem Ehemann 240 km von Porto (Portugal) nach Santiago de Compostela (Spanien) gepilgert, was sehr nachhaltige Eindrücke hinterlassen hat.

„Das Leben ist voller Elend, Einsamkeit und Leid, und es ist viel zu schnell vorüber.“

Woody Allen

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 1

Um diese Zeit ist es ruhig in der Pension. Die Frauen erholen sich von der vergangenen Nacht. Nur vereinzelt verschwindet ein Kunde in einem der Zimmer.

Viola sitzt hinter dem Empfangstresen und aktualisiert die Termine im Kalender. Ihr Chef, Sebastian Meyer, legt großen Wert darauf, über alle Aktivitäten informiert zu sein. Beim Blick auf den Bildschirm runzelt sie die Stirn. Dann steht sie auf, zupft sich das T-Shirt über ihren üppigen Brüsten zurecht und streift den kurzen Rock glatt. Sie schaut auf ihre langen schmalen Beine, deren Füße in den schwarzen Pumps enden und ist mit ihrem Outfit zufrieden. Mit sicheren Schritten stolziert sie auf den hochhackigen Schuhen zum Büro von Sebastian.

Viola klopft leise an die Tür und wartet auf das grummelige „Ja“ von ihm, bevor sie eintritt.

Sie spricht ihn mit gedämpfter Stimme an. „Wir brauchen dringend Verstärkung. Unsere Mädels sind am Limit.“

Sebastian Meyer sitzt an seinem Schreibtisch und hebt den Kopf. Er schaut in Violas kastanienbraune Augen. Sie lehnt etwas vornübergebeugt am Tisch. Sein Blick bleibt auf ihrem tiefen Ausschnitt hängen. Nur langsam löst er sich von diesem Anblick. Er hebt den Kopf und lächelt sie an.

„Ich kenne das Problem. In ein paar Tagen kommt eine neue Lieferung in Rostock an. Dann werden alle entlastet.“

Viola richtet sich auf, macht ein paar Schritte um den Schreibtisch herum und setzt sich seitlich auf die Tischkante, so dass ihr linkes Bein fast seinen Oberschenkel berührt. Dabei lässt sie ihn nicht aus den Augen und beobachtet seine Reaktion.

„Und was ist mit mir. Wann hast du mal wieder für mich Zeit.“

Ihr fragender Blick durchbohrt Sebastian. Er lächelt, lässt seine Hand über ihr Knie in Richtung der Innenseite ihrer Schenkel gleiten. Dabei schauen sich beide in die Augen. Ohne Ankündigung packt er sie brutal am Oberschenkel. Viola wäre vor Schreck fast von der Tischkante gerutscht.

„Vorerst nicht, das weißt du.“ Viola erhebt sich und verharrt für ein paar Sekunden neben seinem Schreibtisch. Sebastian schaut sie nur an und lächelt. Dann dreht sie sich um und geht in Richtung Tür. Er sieht ihrem wippenden Rock und den langen Beinen hinterher. Viola ist eine Klasse Frau, seine Kunden stehen auf sie. Sie ist sein bestes Pferd im Stall. Dessen ist sie sich bewusst. Er hätte nie etwas mit ihr anfangen dürfen. Das widerspricht allen seinen Prinzipien. Auf Dauer bringt das nur Ärger und weckt bei den Mädchen falsche Hoffnungen.

Sein Magen knurrt und er schaut auf die Uhr. Kurz nach halb eins. Dann steht er auf, nimmt seinen Mantel vom Garderobenständer und verlässt das Büro. Hinter dem Tresen sitzt Viola mit traurigem Blick.

„Ich gehe was Essen“, ruft er ihr im Vorbeigehen zu. Sie nickt nur stumm.

Sebastian Meyer tritt hinaus vor das Haus. Sein Blick schweift über den Lohberg, das Wassertor bis hin zum Hafenbecken. Er atmet die frische Ostseeluft tief ein. Der Herbstwind pfeift um die Ecken und wirbelt das Laub der wenigen Bäume von den Ästen. Im Hafen von Wismar sind kaum Fischerboote zu sehen. Die Fangsaison ist zu Ende und die Fischer längst zu Hause. Ein paar Touristen bewundern den Alten Hafen und das historische Ambiente des Lohberg. Vor den kleinen Kneipen sind die Tische und Stühle verschwunden, die in der Sommersaison zum Bleiben eingeladen haben.

In der Pension arbeitet er seit fast zehn Jahren. Tatsächlich gehört die Pension Marco Blumberg, der Inhaber der Kanzlei Blumberg ist. Die Kanzlei vereint Steuerberater, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer. Sebastian führt die Pension unter den wachsamen Augen von Marco Blumberg. Diskretion hat für ihn oberste Priorität. Schließlich handelt es sich bei der Pension um einen Edelpuff, in dem sich namhafte Vertreter aus Politik und Wirtschaft die Klinke in die Hand geben. Viele Mandanten aus der Kanzlei sind auch Besucher der Pension.

Sebastian biegt rechts in den Spiegelberg ein und geht zur Scheuerstraße. Jeden Gang durch die Altstadt genießt er. Wismar ist nicht nur seit Jahrzehnten seine Heimatstadt, er wurde hier auch geboren. Einen anderen Ort zum Leben kann er sich nicht vorstellen.

In Höhe der Feuerwehrausfahrt zieht er den Kragen seines Mantels fester. Die Sonne scheint zwar am herbstlichen Himmel, dennoch pfeift der Wind kühl um die Häuserecken. An der Frischen Grube bleibt er kurz stehen und schaut sich die vom Wind kräuselnde Oberfläche des Wassers an. Er lächelt und muss an seine Kindheit denken. Beim Spielen mit Freunden ist er damals mal ins Wasser gefallen und klatschnass zu Hause angekommen. Da war gleich der Teufel los. Aber das ist jetzt schon lange her.

Er wendet seinen Blick von der Wasseroberfläche ab und geht weiter. Am Ende der Bohrstraße bleibt Sebastian vor dem Schaufenster des Fruchtkontor Ballentin stehen. Dieser kleine Laden inmitten der Altstadt ist eines seiner Lieblingsgeschäfte. Die Ware ist immer frisch, das Personal freundlich und es hat eine lange Tradition in Wismar. Schon als kleiner Junge ist er gerne mit ein paar Pfennigen in der Hand hierher gekommen, um sich leckere Bonbons zu kaufen.

Er hat es in seiner Kindheit nicht immer leicht gehabt. Sein Vater verließ die Familie, als Sebastian ein kleines Kind war. Was aus ihm geworden ist, oder ob er überhaupt noch lebt, das weiß er nicht. Seine Mutter hat nicht viel Geld verdient und oftmals reichte der Lohn nicht bis zum Monatsende. Für ihren Sohn hat sie alles getan. Egal, was war, aber ein kleines Taschengeld war für ihn immer da. Dafür ist er seiner Mutter noch heute dankbar. Als sie vor fünfzehn Jahren wegen einer Krebserkrankung starb, war es sehr schwer für ihn. Er suchte Trost bei Frauen und kam auf diesem Weg immer tiefer in das Milieu der Zuhälter hinein.

Tja, denkt Sebastian etwas wehmütig. Damals hat man für ein paar Pfennige noch tolle Bonbons bekommen und ist damit stolz nach Hause gegangen. Bei dem Gedanken daran zuckt er leicht zusammen. Vermisst er vielleicht doch eine feste Beziehung mit einer Frau an seiner Seite, mit der er Kinder bekommt und diese behütet aufwachsen können? Er schüttelt diesen Gedanken schnell wieder ab und denkt an das, was im Moment seinen Alltag bestimmt und womit er sein Geld verdient. Prostitution, Erniedrigung, Erpressung und immer wieder Gewalt. Ist das mein Leben für die Zukunft? Er weiß es nicht.

Während er seinen Gedanken nachhing, ist er gemütlich weiter über den Boulevard gegangen und steht jetzt vor dem Edeka-Markt in der Altwismarstraße. Die warme Luft im Center strömt ihm entgegen und er lockert den Kragen des Mantels leicht. Er schlendert durch die Regalreihen und entscheidet sich für einen Salat und etwas Räucherfisch. Um diese Uhrzeit ist viel los im Edeka. Die Frischetheke ist so einladend, dass sich einige ihr Essen hier kaufen. Geduldig stellt er sich an die Kasse und wartet.

Sein Blick ist auf die Kassiererin gerichtet. Jung, blond, blaue Augen, tolle Figur. Ihre Aura ist umwerfend.

Kapitel 2

Die Mittagssonne scheint auf den Lohberg in Wismar und das Wasser im Hafenbecken glänzt. Die Menschen dort genießen die Sonnenstrahlen und bummeln über die kleine Hafenmeile in Richtung Altstadt, Hafen oder Wassertor. Dieser Herbsttag macht seinem Namen alle Ehren. Die Luft ist angenehm, die Sonne scheint und es weht nur ein laues Lüftchen.

Zufrieden mit sich und seiner Umwelt sitzt Marco Blumberg in seinem Büro und schaut durch das Fenster dem gemütlichen Treiben draußen zu.

Der 54-jährige ist Chef der gleichnamigen Kanzlei, die Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte beschäftigt. Er ist seit knapp zwanzig Jahren erfolgreich am Markt und hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Sein Bürogebäude steht direkt am Lohberg und grenzt an die Pension. Zu seinen Kunden zählen hauptsächlich einflussreiche Wirtschaftsbosse aus der Region. Demzufolge laufen die Geschäfte auf entsprechend hohem Niveau.

Die kinderlose Ehe mit Luise ist harmonisch und sie sind glücklich miteinander. Seit ihrer Hochzeit hat Luise nie gearbeitet. Sie kümmert sich um das Haus und liebevoll um ihren Ehemann. Marco wollte sie entlasten und eine Putzfrau einstellen, aber das hat Luise kategorisch abgelehnt. Da sie leidenschaftlich gerne kocht, wird Marco immer mit einem wundervollen Abendessen zu Hause erwartet. Getreu dem Motto das Auge isst mit, dekoriert sie den Esstisch entsprechend und es sieht immer himmlisch aus.

Die Ehe mit Luise ist ihm wichtig. Es muss nach außen alles völlig normal aussehen. Er liebt seine Frau, auch wenn er ab und an mal fremdgeht. Sie weiß nichts davon und auch nichts von seinen Geschäften. Geschäftliches wird zu Hause grundsätzlich nicht besprochen. Das ist gut so. Sie darf von alldem nichts erfahren.

Durch das Klopfen an die Bürotür wird er aus den Gedanken gerissen. Seine Sekretärin steckt den Kopf durch die Tür.

„Sebastian hat mich angerufen. Er möchte mit Ihnen sprechen.“

Marco runzelt die Stirn. Hoffentlich hat er keine ernsten Probleme.

„Okay, er soll in einer halben Stunde hier sein und sagen Sie bitte auch Oliver Bescheid. Ich möchte, dass er dabei ist.“

„Geht in Ordnung, Chef“, und schon ist sie wieder verschwunden.

Nachdenklich schaut Marco aus dem Fenster. Sebastian Meyer ist 39 Jahre alt und leitet seit über zehn Jahren nebenan die Pension. Niemand weiß, dass er, Marco, selbst der Eigentümer dieses Etablissement ist. Es mehren sich Gerüchte in der Stadt, dass die Pension ein Puff ist. Ist er auch, aber niemand weiß Genaueres. Und das ist gut so. Sebastian sorgt dafür, dass alles unter dem Mantel der Verschwiegenheit liegt. Er kümmert sich um die Mädchen und hält Kontakt zu den Kunden. Die Kunden sind hauptsächlich die, die auch die Dienste der Kanzlei in Anspruch nehmen. Fast alles wichtige Personen aus Wirtschaft und Politik, da muss es sehr diskret zugehen. Das hat Sebastian alles gut im Griff.

Oliver Nemes ist seit vielen Jahren schon der persönliche Berater von Marco. Er hat gute Erfahrungen auf dem Rechtsgebiet. Außerdem kann er sich hundertprozentig auf seine Fähigkeiten zur Beschaffung von Informationen verlassen. Da ist das Hacken von Computern schon ein Kinderspiel für ihn geworden. Dadurch war es ihnen in den letzten Jahren oftmals möglich, Informationen über Personen zu erhalten, die ihnen sehr gute Dienste geleistet haben. Gerade vor kurzem benötigten sie einen neuen Arzt, der sich um die Mädchen kümmert. Die meisten von ihnen sind nicht krankenversichert und fast alle illegal im Land. Da kann man sie nicht einfach mal zum Arzt schicken. Außerdem müssen alle Neuankömmlinge ärztlich untersucht werden. Krankheiten, insbesondere Geschlechtskrankheiten, können sie sich nicht leisten. Dank Oliver wurde Dr. Haase genauer unter die Lupe genommen. Der 52 Jahre alte Doktor ist leitender Stationsarzt im Klinikum Wismar. Er führt eine glückliche Ehe, vögelt aber regelmäßig eine deutlich jüngere Krankenschwester. Wie Oliver das angestellt hat weiß selbst Marco nicht, aber er hat es tatsächlich geschafft, sogar Bilder von dem gemeinsamen Treffen zu machen. Da hat der Herr Doktor nicht schlecht gestaunt, als er den Liebesakt auf dem Foto sah. Da seine Frau nichts davon erfahren darf, hatte Oliver alle Trümpfe in der Hand. So einfach kann das gehen, wenn man nur die nötigen Informationen hat.

Marco wird abermals durch das Klopfen an der Tür aus seinen Gedanken gerissen. Diesmal sind es Sebastian und Oliver.

„Hallo, kommt rein und setzt Euch.“ Sie begrüßen sich und setzen sich an den Beratungstisch.

„Was ist los, Sebastian“, fragt Marco sofort. „Die Mädels sind am Limit, wir brauchen dringend Nachschub. Was ist mit der Lieferung, von der du mir erzählt hast, die in Rostock ankommen soll.“

Marco lächelt, aber antwortet eiskalt. „Die Weiber sollen sich nicht so anstellen. Tritt ihnen gehörig in den Arsch und mach ihnen klar, was mit ihnen passiert, wenn es nicht läuft. Für die Lieferung nach Rostock ist alles in Arbeit. Die letzten Vorbereitungen laufen. In den nächsten Tagen kriegen wir Bescheid, wann wir sie in Empfang nehmen können.“

Sebastian ist nicht glücklich mit der Antwort seines Chefs. Er weiß genau, dass alle hart arbeiten und er alles im Griff hat. In letzter Zeit äußert sich Marco auffallend oft sehr negativ über die Frauen. Das gefällt Sebastian überhaupt nicht, aber er erwidert nichts.

Marco sieht Oliver an und in seiner Frage schwingt ein bedrohlicher Unterton mit.

„Wie weit bist du mit dem Richter.“ „Ich habe alle Informationen zusammen. Bei der nächsten Gelegenheit passe ich ihn ab und dann regelt sich alles“, antwortet er Marco lachend. Marco Blumberg kann darüber nicht lachen.

„Du weißt, die Verhandlung steht bald an. Wir müssen unseren Mann entlasten. So eine schlechte Presse können wir uns nicht leisten.“

Vor ein paar Monaten wurde ein Mitarbeiter der Pension mit Kokain erwischt. Die Beweisaufnahme durch die Polizei ist schlampig geführt worden, sodass sie durchaus eine Möglichkeit sehen, dass ein Richter zu ihren Gunsten entscheidet. Sie wissen die Zeit wird knapp. Um auf Nummer sicherzugehen, hat Oliver den Richter am Amtsgericht näher unter die Lupe genommen und tatsächlich belastende Informationen über ihn herausgefunden. Damit haben sie ihn in der Hand.

Marco steht auf und geht zum Fenster. Er dreht Sebastian und Oliver den Rücken zu, während er spricht.

„Seht zu, dass alles läuft. Wenn etwas schief geht, sind wir alle dran. Auch ihr wandert dann in den Knast.“

Sebastian und Oliver sehen sich an, schütteln nur wortlos mit dem Kopf und verlassen das Büro von Marco Blumberg. Der Sekretärin im Vorzimmer winken sie zum Abschied. Sebastian gibt Oliver ein Zeichen, ihm zu folgen. Durch eine kleine Verbindungstür verlassen sie den Bürotrakt und sind gleich im Flur der Pension, da beide Gebäude aneinandergrenzen. Oliver folgt Sebastian in sein Büro.

„Sag mal, weißt du, was mit Marco in letzter Zeit los ist“, fragt Sebastian.

Oliver hebt nur nichtsahnend die Hände. „Ich habe keine Ahnung, was da gerade bei ihm schief läuft. Vielleicht solltest du ihm mal eine von deinen Mädels auf den Schoss setzen.“

Sie grinsen sich an.

Kapitel 3

Oliver und Sebastian haben noch ein bisschen Smalltalk gemacht, dann hat sich Oliver verabschiedet und das Büro verlassen. Sebastian ist frustriert über den Gesprächsverlauf mit seinem Chef, aber er muss es so hinnehmen.

Er geht auf den Flur hinaus und schaut nach, wo Viola ist. Der Tresen ist leer, also wird sie in ihrem Zimmer sein. Auf dem Weg dahin trifft er auf eines der Mädchen. Sie grüßt ihn ängstlich und ist schon fast an ihm vorbei, als er sie plötzlich am Arm packt und festhält.

„Was ist los. Kannst du beim Grüßen nicht lächeln, wie sich das gehört?“

Dann wandert sein Blick an ihrem zarten Körper entlang und er muss wieder an das Gespräch mit Marco Blumberg denken. Dann faucht er sie an.

„Wie siehst du überhaupt aus. Mach die Bluse gefälligst weiter auf und streck deine Brüste vor. Stell dich gerade hin und nimm den Kopf hoch. Wenn du so vor unsere Kunden trittst, dann laufen die noch alle weg.“

Dann lässt er sie los, würdigt sie keines Blickes mehr und geht geradewegs zu dem Zimmer von Viola. Er öffnet die Tür so geräuschvoll, dass Viola vor Schreck zusammenzuckt und von ihrem Stuhl aufspringt. Die Tür fällt laut krachend ins Schloss und wütend geht er auf Viola zu. Sie weicht vor ihm zurück und wird durch die Bettkante gebremst. Ohne ein Wort zu sagen, schmeißt er sie auf das Bett und reißt ihr das T-Shirt vom Oberkörper. Der Stoff des Oberteils geht kaputt und er wirft die Fetzen auf den Fußboden. Viola unternimmt keinen Versuch, ihn abzuwehren. Sie weiß, dass ihn das nur noch wütender und brutaler machen würde. Als er dann sein steifes Glied in sie stößt, empfindet sie nur noch Ekel vor ihm. Er war eine Zeitlang sehr nett zu ihr und sie haben sich gut verstanden. Das ist vorbei. Er behandelt sie im Moment noch schlechter als die anderen Frauen. All das und sein brutales Vorgehen erschüttern Viola, so dass ihr Tränen über das Gesicht laufen. Als er von ihr lässt und sich seine Hose wieder anzieht, lächelt er sie fies an.

„Hat es dir etwa nicht gefallen. Du wolltest doch das ich Zeit für dich habe. Die habe ich mir eben genommen.“

Dann beugt er sich über sie und blickt ihr in die Augen. „Na los, sag es, es hat dir doch gefallen.“

Am liebsten hätte sie ihn angespuckt und ihm ins Gesicht gesagt, was er für ein Schwein ist. Aber das kann sie nicht machen, er würde sie grün und blau schlagen.

Er legt seine Hand auf ihren Hals und übt leichten Druck aus. „Na los, sprich mit mir. Hast du keinen Spaß gehabt.“

Sie bekommt keinen Ton heraus. Seine Hand nimmt ihr die Luft zum Atmen und es kommen noch mehr Tränen.

„Blöde Weiber“, quetscht er zwischen den Zähnen heraus, dreht sich abrupt um und geht zur Tür. Kurz bevor er den Raum verlässt, sagt er nur noch, dass sie Nachschub in den nächsten Tagen bekommen werden. Dann lässt er die gequälte und gekränkte Viola zurück.

Ohne auch nur auf irgendetwas zu achten, holt er seinen Mantel aus dem Büro und verschwindet durch eine Seitentür aus der Pension. Es wird Zeit, dass er Feierabend macht.

Jetzt ist Sebastian nicht nur sauer auf seinen Chef, sondern auch auf sich selbst. Das Theater eben in der Pension mit Viola und dem Mädchen war völlig unnötig. Er hat sich zurzeit einfach nicht im Griff. Das muss aufhören.

Mit zügigen Schritten geht er den Spiegelberg entlang, um zu seiner Wohnung Hinter dem Chor zu gelangen. Das Haus, in dem sich seine Wohnung befindet, ist schräg gegenüber der Kirche St. Nikolai. Sebastian hat seine Haustür schon fast erreicht, als er plötzlich seine Schritte verlangsamt und in Richtung Kirche blickt. Gläubig ist er nie gewesen und hat mit Gott nichts am Hut. Trotzdem faszinieren ihn diese Gemäuer.

Kurz entschlossen geht er zum Eingang der Kirche. Sie hat geöffnet und er betritt das Gebäude. Beim Betreten des Gotteshauses verspürt er trotz der Kälte ein wärmendes Gefühl. Mit langsamen und vorsichtigen Schritten geht er auf die Sitzbänke zu, die sich in Mitte der Kirche befinden. Er setzt sich in die zweite Reihe und betrachtet den Altar. Sebastian schämt sich. Er weiß, dass es ein Fehler war, Viola so zu behandeln. In letzter Zeit haben seine Wutanfälle zugenommen. Das ist nicht gut. Jahrelang lief alles friedlich. Was ist in letzter Zeit nur los.

Wie lange Sebastian so gesessen und gegrübelt hat, weiß er nicht. Die Kälte kriecht an seinen Beinen hoch und er steht auf, verlässt das altehrwürdige Gemäuer und geht nach Hause.

Seine Wohnung ist in der zweiten Etage. Dort empfängt ihn wohlige Wärme. Durch den Aufenthalt in der Kirche ist er durchgefroren. Auf einem kleinen Tisch im Wohnzimmer stehen verschiedene angefangene Flaschen mit Alkohol. Sebastian nimmt den Rum mit in die Küche und macht sich einen kräftigen Grog. Er setzt sich an den Küchentisch. Seine Hände umschließen die heiße Tasse, er nippt an dem steifen Grog und die Wärme tut ihm gut.

Auf den einen Grog folgen noch zwei, bis er dann müde und abgeschlagen ins Bett geht.

Noch bevor er einschläft, sind seine Gedanken bei der blonden Kassiererin aus dem Edeka-Markt. Jung, blond, blaue Augen. Ihre Aura vergisst er nicht.

Kapitel 4

An diesem Herbstnachmittag strahlt die Sonne vom blauen Himmel und es weht nur ein laues Lüftchen. Die Altstadt von Wismar erscheint dem Betrachter in glanzvollem Gold des Herbstlaubes.

Oliver hat in der Bliedenstraße gerade noch eine Parklücke ergattert. Er stellt den Motor des Wagens aus und bleibt sitzen. In Gedanken ist er bei dem Gespräch mit Sebastian und Marco. Trotz der gut laufenden Geschäfte hat sich die Stimmung in letzter Zeit verändert. Marco ist fast nur noch schlecht gelaunt, was sich in der Zusammenarbeit mit ihm und Sebastian negativ auswirkt.

Oliver runzelt die Stirn und muss an den Richter denken, den er gleich abpassen will. Die Gerichtsverhandlung muss um jeden Preis für den Mitarbeiter der Pension mit Freispruch von allen Anklagepunkten ausgehen. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt für die Geschäfte und die Laune seines Chefs mehr als negativ.

Ein Blick auf die Uhr, und Oliver weiß, dass es Zeit wird.

Er verlässt den Wagen und nähert sich mit schnellen Schritten dem Gerichtsgebäude, was einst Sitz der mecklenburgischen Herzöge gewesen ist. Es strahlt prachtvoll im herbstlichen Sonnenlicht. Durch das Hauptportal der Hofseite sieht er den Richter mit seiner Aktentasche in der Hand kommen. Nur ein paar Sekunden später ist er schon an seiner Seite und spricht ihn an.

„Guten Tag Herr Richter.“

Peter Behrend sieht den Mann fragend an.

„Guten Tag. Muss ich sie kennen?“ Oliver grinst und entgegnet ihm: „Noch nicht, aber bald. Bitte begleiten sie mich zu meinem Wagen.Ich parke in der Bliedenstraße, es ist nicht weit.“

Richter Behrend macht keine Anstalten dem Mann zur Bliedenstraße zu folgen. Damit hat Oliver gerechnet und ist vorbereitet. Schnell holt er das Foto aus seiner Jackentasche und hält es dem sauberen Richter unter die Nase. Dieser bleibt abrupt stehen und starrt auf das Bild.

„Es ist besser, wenn sie mit mir kommen“, sagt Oliver freundlich zu ihm. Peter Behrend schluckt. Auf dem Foto ist er in sehr eindeutiger Position mit einer Prostituierten zu sehen.

Dieser Ausrutscher von ihm liegt schon viele Jahre zurück und er hat es bereits mehrfach bereut.

Schweigend und mit gesenktem Kopf folgt er Oliver zu seinem Wagen. Dass ihm diese kurze Affäre irgendwann mal auf die Füße fallen musste, war ja klar. In diesem Moment denkt er an seine Frau und die Kinder. Wie soll er ihnen diese Situation nur klar machen? Und seine Karriere am Amtsgericht als Richter? Wenn die Sache raus kommt, ist er familiär und beruflich am Ende. Er schüttelt nur mit dem Kopf. Wortlos steigt er in den Wagen und lässt sich deprimiert auf den Beifahrersitz fallen.

Ohne lange Vorrede kommt Oliver gleich zur Sache.

„Sie haben sicher kein großes Interesse daran, dass diese Angelegenheit in der Öffentlichkeit breit getreten wird. Über die Konsequenzen, die das hätte, sind sie sich ja im Klaren. Ich habe nur eine kleine Bitte an sie. Nächste Woche Dienstag ist die Verhandlung gegen einen Mitarbeiter der Pension am Lohberg. Er wurde mit einer gewissen Menge Rauschgift erwischt. Durch die schlampige Ermittlungsarbeit der Polizei sehen wir Chancen, dass unser Mann glimpflich davonkommt und nicht in den Knast marschiert.“

Er macht absichtlich eine kurze Pause, bevor er weiterspricht. So gibt er dem Richter etwas Zeit, sich das von ihm Gesagte zu verinnerlichen.

„Wir gehen davon aus, das sie alles in ihrer Kraft Stehende tun werden, um unserem Mann zu entlasten.“

Jetzt sieht er Richter Behrend von der Seite an, lächelt und dreht das Foto in der Hand.

Peter Behrend atmet tief, sodass sich sein Brustkorb sichtbar unter der Jacke hebt und senkt. Oliver ist überzeugt davon, dass er genau das tun wird, was sie von ihm erwarten.

Wortlos öffnet Peter Behrend die Wagentür, steigt aus und bleibt vor der geöffneten Tür stehen. Sein Blick ist zu Oliver gerichtet.

„Wer gibt mir die Garantie, das sie Wort halten?“ Oliver grinst breit und antwortet ihm.

„Ich gebe ihnen die Garantie. Solange sie immer das tun, was wir von ihnen verlangen, können sie sich auf mein Wort verlassen.“

Ohne zu antworten, wirft er die Wagentür zu und geht. Oliver triumphiert.

Kapitel 5

Als Katrin zu sich kommt, ist ihr übel. Der Kopf tut weh und sie hat das Gefühl brechen zu müssen. Vorsichtig öffnet sie die Augen und weiß nicht, wo sie sich befindet und wie sie dort hingekommen ist.

Das Letzte, woran sie sich erinnert ist, wie gewöhnlich zum Feierabend, das Verlassen des Edeka-Marktes durch den Personaleingang auf der Rückseite des Gebäudes. Vorher hat sie sich, wie immer, von ihren Kollegen verabschiedet und ihnen einen schönen Feierabend gewünscht. Und jetzt, was ist nur passiert.

Behutsam bewegt sie ihre Arme und Beine. Alles schmerzt. Sie liegt auf einem Bett. Langsam und unter Schmerzen keuchend versucht Katrin, sich aufzurichten. Ihre Hände tasten vorsichtig über die Matratze bis zur Kante. Dort hält sie sich fest und schiebt ihre Beine darüber, um sich zu setzen. Die Waden fühlen sich an, als wenn Gewichte daran hängen. Der zaghafte Versuch, die Füße zu bewegen, endet in höllischen Schmerzen. Sie weint. Nach einer für sie endlos scheinenden Zeit, wischt Katrin sich die Tränen vom Gesicht und sieht sich um.

In der Nähe des Bettes steht ein Tisch mit vier Stühlen. Das spärliche Licht im Raum kommt von einer Deckenlampe. Beim Bewegen des Kopfes wird ihr wieder schwindelig. Bloß nicht wieder hinlegen, ermahnt sie sich selber. Unter Schmerzen und mit zusammengekniffenen Lippen rutscht Katrin vorsichtig von der Bettkante. Als sie mit den Füßen den Boden berührt, atmet sie erleichtert auf, lässt aber die Matratze noch nicht los. Erst als sie das Gleichgewicht wieder erlangt hat, löst sie sich vorsichtig vom Bett. Mit kleinen, zögerlichen Schritten tastet sich Katrin an der Wand entlang in Richtung der Tür, die sie vom Bett aus gesehen hat. Als sie diese öffnet, schwindet jede Hoffnung in ihr, dass hinter dieser Tür irgendein Weg hinaus aus diesem Raum führt.

Mit entsetztem Blick steht sie in der Tür und heult. Ich muss hier raus, denkt Katrin. Ich will nach Hause, zu meiner Mutter. Der Gedanke an ihre Mutter treibt sie fast zum Wahnsinn. Sie weiß nicht, wo ich bin, sie wird sich schreckliche Sorgen machen.