Die Memoria von St. Marien - Uta Kropp - E-Book

Die Memoria von St. Marien E-Book

Uta Kropp

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Beschreibung

Ein Toter an einer Grabplatte der ehemaligen Kapelle im Marien-Forum. Gegenstände, die der Polizei Rätsel aufgeben und niemand der den Toten vermisst. Was für ein Geheimnis umgibt ihn. Die Stieftochter des Toten bittet Rita Sommer um Hilfe, aber was für ein tödliches Spiel verfolgt sie?

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Uta Kropp, geboren in Wismar, lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Ostsee und den Norden liebt sie sehr. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und den Hunden der Familie unternimmt sie gerne Spaziergänge am Strand. Für die staatlich geprüfte Betriebswirtin zählen neben dem Schreiben von Romanen auch Schiffsmodellbau und Wandern zu ihren Hobbys. Im Jahr 2019 ist sie mit ihrem Ehemann 240 km von Porto (Portugal) nach Santiago de Compostela (Spanien) gepilgert, was sehr nachhaltige Eindrücke hinterlassen hat.

„Ein Leben ohne Bücher ist wie eine Kindheit ohne Märchen, ist wie eine Jugend ohne Liebe, ist wie ein Alter ohne Frieden.“

– Carl Peter Fröhling -

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Kapitel 1

Rebecca hört das Klicken ihres Weckers und stellt ihn aus, noch bevor er klingeln kann. Es ist kurz vor halb fünf Uhr morgens und bevor sie halb sieben mit ihrer Arbeit beginnt, geht sie jeden Morgen eine Runde mit ihrer Hündin Emma durch die Straßen der Altstadt von Wismar.

Jetzt rekelt sie sich noch im wohlig warmen Bett und krault das Köpfchen von Emma, die neben ihrem Bett auf dem Fußboden liegt. Bei dem Geräusch des Windes, der vor dem Fenster pfeift, kuschelt Rebecca sich noch tiefer in ihre Bettdecke. Seit zwei Tagen bringt der heftige Ostwind eiskalte Luftmassen in die Stadt und lässt die Temperaturen sinken. Außer der Eiseskälte hat der Wind in diesen Novembertagen auch die Pegelstände der Ostsee ansteigen lassen. Im Hafen ist das Wasser über die Kaikanten getreten und die Anwohner der Altstadt im Bereich des Alten Hafens wurden von der Feuerwehr mit Sandsäcken versorgt. An das alljährliche Hochwasser haben sich alle schon gewöhnt und die Organisation klappt reibungslos. Die schaulustigen Touristen staunen immer wieder, während die Wismarer damit gelassen umgehen.

Rebecca knipst ihre Nachttischlampe an, setzt sich auf die Bettkante und krault jetzt das ganze Köpfchen ihrer Schäferhündin. „Guten Morgen, meine Süße. Das Wetter ist noch nicht besser geworden. Wir müssen uns wieder warm anziehen.“

Dann steht sie auf und geht ins Badezimmer. Während sie sich wäscht und anzieht, liegt Emma, wie immer, in der geöffneten Tür zum Bad und beobachtet jede Bewegung, die Rebecca macht. Ab und zu schaut Rebecca zu Emma und lächelt sie an.

Seit sie sich von ihrem Freund Chris getrennt hat, ist wieder Ruhe in ihr Leben eingekehrt. Zum Anfang der Beziehung war alles in Ordnung. Er hat sich um Rebecca und Emma gekümmert und es schien ein angenehmes Zusammenleben zu werden. Das hat aber leider nicht lange gehalten. Nach und nach traten seine Schattenseiten hervor. Er wirkte von Tag zu Tag unzufriedener, war launisch und fing ohne Grund mit Brüllen an. Rebecca hat darunter sehr gelitten und auch Emma hat sich während dieser Zeit verändert. Hunde sind sehr feinfühlig und Stimmungsschwankungen ihrer Zweibeiner gehen auch an ihnen nicht spurlos vorbei. Sie hörte nicht mehr so gut wie vorher, war verängstigt, nervös und wurde sehr schreckhaft. All das konnte Rebecca dann nicht mehr ertragen und hat Chris kurzerhand vor die Tür gesetzt. Sie hatte fast den Eindruck, dass ihn das nicht sonderlich überrascht hat. Er packte seine Sachen zusammen und war nach zwei Tagen verschwunden. Seitdem hat sie auch nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Und Emma wurde wieder so ausgeglichen und friedlich wie vor dieser Beziehung.

Endlich war sie im Bad fertig, knipste das Licht aus und Emma sprang vor Freude vor ihr her in den Flur.

Rebecca muss lachen. „Du kleiner Wildfang. Wenn wir dann draußen sind, kneifst du den Schwanz wieder ein, weil es stürmt.“

Lachend und nebenbei Emma kraulend, schlüpft sie in ihre warme Wetterjacke und zieht sich ihre Trekkingschuhe an. Emma sitzt schon vor der Wohnungstür und wartet darauf, dass Rebecca ihr das Geschirr anlegt. Kaum ist die letzte Schnalle geräuschvoll eingeklickt, wedelt Emma vor Freude mit dem Schwanz. Jetzt geht es endlich los und sie kann sich draußen austoben.

Rebecca schließt die Wohnungstür hinter sich und geht die Treppe im Hausflur hinunter zur Tür. Emma hüpft leichtfüßig neben ihr die Treppe hinunter und wartet geduldig an der Haustür auf ihr Frauchen. Rebecca streicht ihr liebevoll lächelnd über den wuscheligen Kopf. Schon als Kind ist sie mit Tieren aufgewachsen und kann sich ein Leben ohne Vierbeiner nicht vorstellen.

Sie öffnet die Haustür und der kalte Ostwind schlägt ihr entgegen. Auf dem Gehweg spürt sie den fiesen Nieselregen in ihrem Gesicht und zieht den Schal fester um ihren Hals. Emma winselt leise. Sie mag das schmuddelige Wetter nicht, aber liebt dennoch die Gänge mit Rebecca an der frischen Luft. Um diese Uhrzeit, kurz nach fünf Uhr morgens, sind die kleinen Straßen in der Innenstadt von Wismar noch leer und verwaist. Deshalb lässt Rebecca ihre Hündin noch eine kurze Strecke ohne Leine laufen. Sie sind jetzt in die Papenstraße eingebogen und der Wind peitscht ihnen unbarmherzig entgegen. Bis zum Forum der Marienkirche lässt Rebecca ihren Hund immer laufen. Dann muss Emma wieder an die Leine, weil sie von dort durch die Johannisstraße wieder auf den Boulevard der Lübschen Straße zurückkehren um dann rechts entlang der Hegende und der Sargmacherstraße wieder nach Hause gehen. Es ist immer eine gemütliche Morgenrunde für beide.

Während Rebecca ihren Schal fester um den Hals bindet, wird Emma sehr unruhig. Sie läuft, zick zack auf der Straße, jault in den höchsten Tönen und wetzt im Schweinsgalopp auf das Marien Forum, um dann an einer der ehemaligen Kapellen stehen zu bleiben. Ihr Gejaule ist mittlerweile in permanentes Kläffen übergegangen, was Rebecca von ihrer Hündin nicht kennt. Auch auf ihren Rückruf hat sie in keiner Weise reagiert. Darüber ist Rebecca natürlich sauer. Mit schnellen energischen Schritten geht sie zu ihrer Hündin, um sie zur Ordnung zu rufen. Als sie das Fragment der ehemaligen Kapelle erreicht und sich neben ihre Hündin stellt, verschlägt es ihr die Sprache und sie nimmt ihr Tier sofort an die Leine.

Es ist ein Gefühl von Ekel und Angst, das in ihr aufsteigt. Sie muss sich übergeben und ihr wird schwindelig. Als sie endlich wieder bei sich ist, hockt sie sich hin und nimmt ihren Hund seitlich in den Arm. Emma ist jetzt ruhig.

Rebecca hält sich wieder die Hand vor den Mund, aus Angst, sich nochmals übergeben zu müssen. Was sie da sieht, lässt ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Kein Wunder, dass Emma sich nicht beruhigen ließ.

Immer wieder steigen Würgereize in ihr auf, während sie versucht, dass zu erfassen, was sie da sieht.

An einer der ehemaligen Grabplatten, die für Schauzwecke an dem alten Mauerwerk angebracht wurden, lehnt ein Mann in Sitzhaltung. Das er nicht mehr am Leben ist, ist unschwer zu erkennen. Rebecca hält sich ihren Schal vor den Mund und Tränen laufen ihr über das Gesicht. Sie kennt den Mann nicht, trotzdem berührt sie sein Schicksal.

Mit zittrigen Fingern wählt sie den Notruf auf ihrem Handy. Sie schildert dem Beamten, was sie gesehen hat. Er bittet sie, in der Leitung zu bleiben, bis Einsatzbeamte vor Ort sind. Da willigt Rebecca gerne ein, dann fühlt sie sich nicht so allein mit dem Toten hier an der Kapellenwand.

Kapitel 2

Als die Beamten eintreffen, kauert Rebecca mit Emma im Arm an einer der Mauern im Marien Forum in Nähe des Toten. Ein Mann kommt auf sie zu und stellt sich als Kommissar Hilmers vor. Rebecca erhebt sich und nickt nur kurz zum Gruß. Nach Reden ist ihr nicht zumute. Dennoch beantwortet sie sachlich die Fragen, die der Kommissar an sie hat. Er bittet Rebecca, nachmittags ins Präsidium zu kommen, um das Protokoll ihrer Aussage zu unterschreiben. Dann verabschiedet er sich und Rebecca kann mit Emma endlich nach Hause gehen.

Er schaut Rebecca noch eine Weile nach und grübelt, was für ein Mensch sie wohl ist.

Stefan Hilmers ist erst vor ein paar Monaten nach Wismar zur Kriminalpolizei versetzt worden. Er wohnt zwar hier in der Hansestadt, hat aber die letzten Jahre bei der Kripo in Rostock gearbeitet. Seine Dienststelle wollte ihm einen Gefallen tun mit der Versetzung nach Wismar. Die Lösung findet Stefan auch ganz gut. Das lästige Fahren jeden Tag hat für ihn dadurch ein Ende. Da bot sich die freigewordene Stelle als Chef des Kriminalkommissariats an. Sein Vorgänger, Kommissar Brennschneider, wurde weggelobt. Was genau vorgefallen ist, weiß Stefan nicht. Er kennt nur die Gerüchte, dass es Verfehlungen gegeben haben soll und versucht wurde, die Dinge so gut es ging, unter der Hand zu klären. Letzten Endes ist es ihm auch egal. Er muss sich jetzt um sein erstes Tötungsdelikt hier in seiner Heimatstadt Wismar kümmern.

Rebecca ist längst hinter den Häuserreihen verschwunden, Stefan dreht sich um und begrüßt die Pathologin, die mittlerweile am Fundort eingetroffen ist.

„Guten Morgen, ich bin Kommissar Hilmers. Wir kennen uns noch nicht. Ich war bisher in Rostock tätig.“

„Moin, Moin“, antwortet sie flott. „Ich bin Jutta Wiesner, die zuständige Pathologin hier. Für alle nur Jutta, wenn es Recht ist.“ Sie grinst ihn an und hält ihm ihre Hand entgegen. Lächelnd nimmt er ihre Hand: „Na dann auf gute Zusammenarbeit, ich bin Stefan.“

Dann widmen sie sich dem Toten. Die Mitarbeiter der Technik sind schon eifrig dabei Spuren zu sichern und haben die Gegenstände, die reichlich verteilt um den Toten liegen, einzeln mit Nummern versehen.

Erst jetzt hat Stefan Hilmers Zeit, sich den Toten und das Umfeld genauer anzusehen. Er hat in seiner Laufbahn schon viele Leichen gesehen, aber so etwas, wie das hier, ist ungewöhnlich. Das Alter des Mannes würde er vorsichtig auf Mitte fünfzig schätzen. Er wurde kerzengerade mit dem Rücken an die Grabplatte gesetzt. Sein Outfit verwirrt Stefan. Bekleidet ist der Mann mit einer Anzughose, weißem Hemd mit modischem Schlips und passend dazu ein Sakko. Seine Füße stecken in schwarzen Slippern.

Juttas Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. „Auf den ersten Blick kann ich keine äußeren Verletzungen erkennen. Mit der Todesursache müssen wir also noch warten, bis ich ihn auf meinem Tisch liegen habe. Den Todeszeitpunkt kann ich vorerst nur grob auf gestern zwischen zwanzig und dreiundzwanzig Uhr schätzen. Sobald ich Genaueres habe, melde ich mich.“

Stefan nickt nur kurz und beobachtet, wie routiniert sie ihre Utensilien einräumt. Dabei schaut er auf ihre Hände, die noch sehr knitterfrei wirken. Es fällt ihm auf, dass sie keinen Ehering trägt. Dann ist Jutta Wiesner verschwunden und Stefan widmet sich wieder dem Toten.

Er schüttelt nur mit dem Kopf und kann nicht glauben, was er da sieht. Der Tote ist eingerahmt von Gegenständen, die um ihn herum auf dem Boden verteilt wurden. Kinderbesteck, ein Frühstücksbrettchen aus Holz mit einem vergilbten Motiv, das aussieht wie ein Hund. Ein kleiner Bilderrahmen, aus dem das Foto entfernt wurde. Kinderstiefel, ein ehemals gelber Plüschteddy, der Stefan sofort an seine Kindheit erinnert. Neben weiterem Essgeschirr für Kinder liegen sogar Hosenträger.

Einer der Technikmenschen stellt sich neben Stefan und schaut auf den Toten hinunter. „Merkwürdig, ne?“

Stefan nickt. „Ja, da gebe ich dir Recht. Scheint ein interessanter Fall zu werden.“

„Wir sind mit unserer Arbeit fertig, kann er dann weg?“

Stefan schüttelt mit dem Kopf. „Nein, kleinen Moment bitte noch.“

Er macht von allen Gegenständen, die um den Mann herum verteilt wurden, ein paar Fotos und zum Abschluss noch ein Gesamtbild. Dann hockt er sich vor den Toten und kann ihm direkt in die Augen sehen. Der starre tote Blick ist ins Nichts gerichtet.

Dann erhebt sich Stefan und signalisiert den Jungs, dass er jetzt fertig ist.

Kapitel 3

Mit der Versetzung seines Vorgängers, Kommissar Brennschneider, wurde gleich die gesamte Abteilung umstrukturiert. Von den ehemals fünf Mitarbeitern sind nur noch zwei geblieben, so dass auf Stefan Hilmers und seinen Mitarbeitern jetzt ein immenser Arbeitsaufwand lastet.

Als Stefan die Bürotür öffnet, duftet es bereits nach frisch aufgebrühtem Kaffee.

Sie sind so ziemlich die Einzigen hier auf der Etage, die sich ihren Kaffee noch nach altbewährter Methode aufbrühen und die Automaten im Flur meiden. Da sind sich ausnahmsweise alle einig, dass die Brühe aus den mit Steuergeldern verschwendeten Automaten nicht trinkbar ist. Während der kurzen Zeit die Stefan Hilmers die Abteilung jetzt leitet, haben sie sich gut zusammengefügt. Jeder weiß, was er zu machen hat und darüber hinaus, sind sich alle sympathisch. Stefan ist mit seinen Anfang vierzig der älteste dieses Dreiergespanns. Klaus ist Mitte dreißig und glücklich verheiratet, während Thomas mit seinen achtundzwanzig Jahren noch auf Brautschau ist.

Beide sind eifrig dabei die große Tafel an der Wand mit den bisherigen Informationen, die ihnen vorliegen, zu bestücken. Den meisten Platz nehmen die Gegenstände ein, die im Umfeld des Toten auf dem Boden lagen.

Stefan setzt sich an seinen Schreibtisch und kann von dort aus genau auf die Tafel blicken. Da wo eigentlich der Name der Person steht, um die es geht, hat Thomas ein großes Fragezeichen gemacht. Links an der Tafel hängen alle Fotos der Gegenstände, die am Fundort um die Leiche verteilt waren. Jetzt sind beide fertig und setzen sich ebenfalls.

„Viel haben wir nicht“, murmelt Stefan vor sich hin.

„Sag das nicht.“ Thomas zeigt auf die linke Seite der Tafel zu den Bildern. „Das ist doch jede Menge, wir wissen nur noch nichts damit anzufangen.“

„Mir wäre lieber wir wüssten, wer unser Toter ist“, entgegnet ihm Klaus.

„Okay“, sagt Stefan. „Haben wir schon etwas zur Person?“

Thomas schüttelt mit dem Kopf. „Bei den vermissten Personen passt keine Beschreibung auf unseren Toten. Seit gestern sind auch keine weiteren Vermisstenanzeigen dazu gekommen. Von Zeugen auch weit und breit keine Spur, außer die junge Frau, die ihn gefunden hat. Papiere hatte er keine bei sich. Auch alle anderen Taschen, sprich Hosentaschen und Jackettaschen waren leer. Kein Taschentuch, kein Schnipsel Papier, nichts.“

„Noch nicht einmal Bonbonpapier oder ein alter Kauer“, ergänzt Klaus.

„Also porentief rein“, fasst Stefan das Gesagte der beiden zusammen.

„Hat Jutta sich schon gemeldet, was die Todesursache ist?“

Klaus und Thomas schütteln nur mit dem Kopf. Stefan grübelt. Plötzlich stellt er eine Frage in den Raum.

„Ist Jutta eigentlich verheiratet?“

Thomas und Klaus sehen sich an, dann grinst Thomas. „Na aber hoppla, ist da jemand auf Suche und hat sich verknallt? Scharfes Mädel finde ich auch. Passt aber vom Alter nicht in mein Beuteschema, also nur zu, ich mache dir keine Konkurrenz, sie ist noch zu haben.“

„Seit wann spielt das Alter für dich eine Rolle“, blödelt Klaus.

Stefan lacht. „Die Frage war rein rhetorisch, also keine Sorge. Ich bin glücklicher Single.“

Kapitel 4

Die Dunkelheit hat sich schon lange über den Marienkirchturm gelegt und ehrfurchtsvoll steht er inmitten des Marien Forums. Sein Blick wandert langsam, ganz langsam, fast in Zeitlupe an dem Turm empor. Als seine Augen die Turmspitze erreicht haben, schließt er sie und es tauchen Bilder in seinem Kopf auf, an die er nie wieder erinnert werden wollte. Er ballt die Hände zu Fäusten und spannt seinen Körper. Langsam wippt er auf den Füßen hin und her. Erst jetzt öffnet er die Augen wieder und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht. Er atmet tief durch und saugt die saubere Ostseeluft ein. Dann wirft er einen letzten Blick auf den Kirchturm. Diesen Ort wird er nie wieder betreten.

Er kehrt der Kirche den Rücken und verlässt den Platz. Seinen Wagen hat er in der Baustraße geparkt. Da fällt er am wenigsten auf unter all den anderen Fahrzeugen. Auch Überwachungskameras gibt es in diesem Bereich nicht, die Straße ist sauber.

Im Schutz der Dunkelheit erreicht er das Auto. Er setzt sich auf den Fahrersitz und legt seine Hände auf das Lenkrad. Erst jetzt bemerkt er, wie sehr seine Hände zittern.

Noch kann er Deutschland nicht verlassen. Das Kapitel Wismar ist für ihn ab heute Geschichte. Eine Sache muss er noch klären, dann ist er mit sich und seinem Leben im Reinen und wird Deutschland für immer verlassen.

Kapitel 5

Die Identität des Toten ist noch nicht geklärt und auch der Bericht von Jutta Wiesner lässt auf sich warten. Dementsprechend ist auch die Stimmung im Büro von Stefan Hilmers. Sie haben eine groß angelegte Zeugenbefragung gestartet, aber zur fraglichen Zeit kann niemand etwas sagen. Das frustriert natürlich. Sie treten auf der Stelle und kommen nicht weiter.

Das Telefon klingelt und Thomas nimmt das Gespräch entgegen. Er hört dem Anrufer nur zu und beendet das Telefonat mit den Worten: „Okay, dann bis gleich. Ja, wir sind alle hier.“

Stefan sieht ihn fragend an. Thomas grinst. „Das war Jutta. Sie hat endlich etwas für uns. Sie klang allerdings etwas bedrückt. So kenne ich sie nicht.“

Nach knapp fünfzehn Minuten klopft es an der Tür und Jutta betritt das Büro.

„Hallochen allerseits“, flötet sie ihnen entgegen. „Ich hoffe ihr seit aufnahmebereit für schlechte Nachrichten.“

Dann setzt sie sich unaufgefordert an den Beratungstisch und legt ihre Mappe auf den Tisch. Stefan, Klaus und Thomas setzen sich zu ihr und warten gespannt auf ihren Bericht. Sie trommelt mit den Fingern auf die Mappe mit den Unterlagen und sieht alle drei sorgenvoll an, bevor sie mit ihren Ergebnissen loslegt.

„Entschuldigt bitte das es diesmal etwas länger gedauert hat, aber ich musste mehrere Proben machen, um auch wirklich auf nummer sicherzugehen.“

„Nun mach es nicht so spannend“, wirft Klaus ein. Jutta lächelt ihn an.

„Also, unser Toter weist äußerlich keinerlei Wunden oder Verletzungen auf. Auch keine Schleifspuren oder Ähnliches. Und nun haltet euch fest. In seinem Blut konnte ich große Mengen eines seltenen Nervengiftes feststellen. Die Untersuchung des Mageninhaltes ergab eine hohe Konzentration verschiedener toxischer Stoffe, die allein schon gereicht hätten, ihn ins Jenseits zu befördern.“

Sie macht eine kurze Pause und schaut die Männer erwartungsvoll an. Keiner sagt etwas. Dann fährt sie in ihren Ausführungen fort.

„Fest steht, er wurde vergiftet. In seinem rechten Arm befindet sich eine Einstichstelle. Was den Mageninhalt betrifft, wird er die Substanzen wahrscheinlich in flüssiger Form zu sich genommen haben, da kaum Essensreste vorhanden waren. Bei den Präparaten, von denen wir hier reden, handelt es sich gewiss nicht um irgendetwas, was man sich in der Apotheke oder auf dem Schwarzmarkt beschaffen kann. Das sind schon andere Kaliber.“

Wieder folgt eine Pause von ihr, in der sie alle drei weiter nur sprachlos anschauen.

„Der Zeitpunkt des Todes liegt tatsächlich zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr. Da war meine Schätzung schon nicht so schlecht. An seinem Körper und den Sachen sind keine Schleifspuren oder Ähnliches zu erkennen, daher liegt es nahe, dass der Fundort der Leiche auch der Tatort ist. Alles andere ist jetzt euer Part. Ich habe meine Arbeit getan.“

Zufrieden lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück und grinst.

Sie schiebt die Mappe in Richtung von Stefan und ergänzt noch. „Übrigens, die Proben und meine Ergebnisse musste ich aufgrund der Brisanz der Stoffe weitermelden. Ist Vorschrift. Kann also durchaus sein, dass sich noch andere Abteilungen dafür interessieren. Nur das ihr schonmal vorgewarnt seid.“

Thomas wagt noch einen Versuch. „Kann es auch Selbstmord gewesen sein?“

Jutta schüttelt mit dem Kopf. „Das ist völlig ausgeschlossen. Die Dosis war so hochprozentig, da wäre er nach der Einnahme nicht mehr weit gekommen. Derjenige, der das gemacht hat, wollte auf Nummer sichergehen, was ihm auch gelungen ist.“

„Verdammte Scheiße“, entfährt es Klaus, als sie wieder allein im Büro sind. „Wenn das stimmt, was Jutta sagt, dann haben wir ein dickes Problem.“

Stefan nickt. „Nicht nur das. Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir mit unseren Ermittlungen bald nicht mehr allein sind. Es wird dann mit Sicherheit einige Abteilungen geben, die sich sehr für unsere Arbeit interessieren.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Kapitel 6

Er sitzt in einem Hotelzimmer am Alten Hafen und klappt seinen Laptop auf.

Beim Betreten des Hotels hat er den Hut tief in sein Gesicht gezogen, damit er über die Kameras in der Lobby später nicht identifiziert werden kann. Um diese Uhrzeit betreten nicht mehr so viele Gäste das Hotel. Die meisten liegen schon in ihren Betten und schlafen.

Die Minibar im Zimmer rührt er nicht an und achtet peinlich genau darauf, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Das Bier, was er sich heute Nachmittag im Supermarkt gekauft hat, trinkt er aus der Flasche. Die leere Flasche legt er in einen Müllbeutel, den er morgen irgendwo in einem Container entsorgen wird. Seine Vorsicht hat ihm bis jetzt das Leben gerettet.

In seinem Laptop befindet sich eine Datei mit dem Namen Bettina. Diese öffnet er und schaut sich die Bilder genau an, um sich ihr Gesicht einzuprägen. Während er jedes Detail ihres Gesichtes studiert, massiert er sich die rechte Hand. Nach ungefähr einer Stunde schaltet er das Gerät aus und legt seine geleerte Bierflasche sorgfältig in die Mülltüte.

Er hat die Nacht kaum geschlafen. Die Bilder des Toten gehen ihm nicht aus dem Kopf. Er hat den Tod verdient. So oder so.

Seine Anwesenheit in Wismar ist gefährlich. Eigentlich dürfte er nicht hier sein. Er setzt sich auf die Bettkante und blättert die Pässe durch, die er bei sich hat. Vielleicht sollte er auschecken und in einem anderen Hotel unter einem anderen falschen Namen wieder einchecken. Das könnte seine Sicherheit erhöhen.

Kapitel 7

Kurz nachdem Jutta das Büro verlassen hat, flattert der Bericht der Technik rein.

„Hoffentlich haben sie etwas gefunden“, sagt Stefan und greift nach den Papieren.

„Ich koche uns einen Kaffee.“ Klaus macht sich mit dem Wasserkocher auf den Weg.

Während Stefan den Bericht liest, verdüstert sich sein Gesicht immer mehr. Als der Kaffee auf dem