Familienbande - Joke Frerichs - E-Book

Familienbande E-Book

Joke Frerichs

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Beschreibung

Über die eigene Familie zu schreiben, ist ein riskantes Unterfangen. Zum einen ist meine Sichtweise auf unsere Familie subjektiv und es ist unvermeidlich, dass sich emotionale und sachliche Aspekte der Darstellung nicht immer trennen lassen. Dann ist da die zeitliche Distanz zu den Ereignissen: Ist das, was ich erinnere, wirklich so gewesen, wie ich es schildere? Oder lege ich mir die Dinge so zurecht, dass sie mir in den Kram passen und ich mich damit möglichst weitgehend identifizieren kann? Und wo soll man mit dem Erzählen beginnen? Die Familie ist ja immer schon da, über mehrere Generationen. Wie man es auch dreht und wendet: Fängt man erst einmal an zu erzählen, spinnt sich der Faden immer weiter fort. Mögen andere ihre Geschichten erzählen; sie alle gehören dazu; außerhalb unserer Geschichten gibt es da nichts.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2026

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„In der Welt ist's dunkel.

leuchten müssen wir"

(Lebensmaxime meines Opas)

Inhalt

Prolog

Umgebungen

Herkunftsmilieu

Der tägliche Schulweg

Die Wolthuser Verwandtschaft

Sonntagmorgen

Elternbesuche

Oma Wolthusen und ihre Kinder

Opa und Oma

Opa als Erzähler

Vatersprüche

Klaus

Getrennte Wege

1954: Verschickung und WM

Fußballfieber

Harte Zeiten

Gerhard

Vater im Krieg

Vater und Mutter

Gerhard und Herbert

1992: Mutters Tod

Gerhards letzte Jahre

Noch einmal Opa

Einzelne Episoden

Herbert

Maifeiern

Frauke

Bessere Zeiten

1962: Fußballzeit

Haupt- und Nebenkosten

Familienfeiern

Opa und Kollegen

Vater und die Nazis

Erntezeit

Der Stammbaum

Über die Eltern

Nichten und Neffen

Gabi - das Multitalent

Klaus als Künstler

Mutter und Petra

Epilog

Angaben zum Autor

Prolog

Über die eigene Familie zu schreiben, ist ein heikles Unterfangen. Das hat mehrere Gründe: zum einen ist die eigene Sichtweise immer subjektiv; das ist unvermeidlich. Zum anderen neigt man dazu, die unangenehmen Dinge zu verschweigen oder zumindest zu schönen. Dazu gehören familiäre Konflikte, mögliche Schwächen einzelner Familienmitglieder, eigene Versäumnisse und anderes mehr. Man hat sich seine Familie nicht ausgesucht, sondern wird in sie hineingeboren. Ich habe mich lange dagegen gesträubt, über meine Familie zu schreiben, aber eines Tages habe ich versuchsweise einige Episoden, die mir gerade einfielen, notiert. Und einmal damit begonnen, spann sich der Erzählfaden wie von selbst immer weiter fort. Es war wie immer: der Anfang war gemacht; er ist stets das Schwierigste.

Aber wo und wie fängt man an? Eine chronologische Darstellung ist wenig reizvoll, obwohl sie ihre Vorteile hat. Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie wir uns erinnern und beginnen, davon zu erzählen. Meist sind es aktuelle Anlässe, die das Erinnerte wieder hervorrufen. Aber war es tatsächlich so, wie wir uns zu erinnern glauben? Oder versuchen wir nicht vielmehr, unsere Erinnerungen mit unseren jetzigen Sichtweisen in Einklang zu bringen, um unsere moralische Integrität zu wahren? Erinnerungen sind stets ambivalent, bruchstückhaft und damit unvollständig. Anfangen heißt auch, von etwas erzählen, was längst angefangen hat und fortdauert.

Wie soll man die Personen charakterisieren, die auftreten? Was soll oder darf man von ihnen berichten? Wie viel längst Vergessenes, Verschwiegenes oder gar Verdrängtes fördert man wieder zutage, ohne sich dessen vielleicht bewusst zu sein?

Das alles treibt einen um, sobald man mit dem Schreiben beginnt. Wo wir anfangen, waren schon Andere vor uns da, in deren Lebensumstände wir hineingeboren wurden. Sie stellen das dar, was man Herkunft nennt. An diese müssen wir anknüpfen. Man könnte auch sagen: wir können unserer Herkunftshautnicht entkommen und sind das, was wir immer schon waren.

Wir müssen erzählen, weil wir unsere Geschichten sind. Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf sich selbst. Außer unseren Erzählungen gibt es da nichts.

Umgebungen

Unsere Familie wohnte in einer Arbeitersiedlung vor der Staatswerft; im Volksmund auch Hanebörg genannt. Woher diese Bezeichnung stammt, ist unklar. Im Laufe der Jahre hatte sich ein Stadtteil gebildet, dessen Bewohner im Gegensatz zu denen anderer Emder Wohngebiete in vollkommener Abgeschiedenheit lebten. Die Durchgangsstraße mit Brücke wurde schließlich erst in den siebziger Jahren gebaut.

Wer damals von Hanebörg sprach, meinte den Bereich Am Tonnenhof/Werftstraße. Nordseewerke und Staatswerft mit dem Tonnenhof bildeten die westliche Grenze. Auf der Ostseite endete Hanebörg beim Rangierbahnhof EmdenSüd und der Heringsfischerei. Nördlich war die Gebietsgrenze der Binnenhafen, und im südlichen Teil verlief die Grenze bei der Brikettfabrik.

Wir wohnten Am Tonnenhof 23 c; später Werftstraße 23 c; direkt an der Kreuzung, die zur Staatswerft und zu den Nordseewerken führte. In einer der Werkswohnungen, die in den 1920er Jahren für die Werftarbeiter errichtet worden waren. Die Großeltern hatten meine Mutter und ihre vier Kinder (ein fünftes Kind wurde später hier geboren) 1947 aufgenommen, nachdem sie aus Sachsen zurück war, wohin sie 1943 wegen der Bombenangriffe auf Emden evakuiert worden war. Gerhard, der Älteste von uns Geschwistern, war acht; Herbert war sechs, Frauke, das einzige Mädchen, war vier und ich war zwei Jahre alt.

Im Haus der Großeltern bewohnten wir den unteren Teil; die Großeltern zogen nach oben. Die Wohnverhältnisse waren beengt: das Leben der Familie spielte sich überwiegend in der kleinen Küche ab.

Mutter stand in der Regel um 6.00 Uhr auf, heizte den Ofen an und schmierte die Brote für Vater und die Kinder. Vater verließ um 7.00 Uhr das Haus und ging zur Arbeit. Danach wurden die Kinder geweckt. Im Hinterhaus befand sich ein Waschraum mit einem Wasserhahn, an dem sich gewaschen wurde. Hinter einem Bretterverhau das Klo. Die Kinder schliefen zu viert in einem Zimmer: die beiden älteren Brüder in einem alten Ehebett; die Schwester gegenüber und ich in einem drahtbestückten Gitterbett; die Eltern schliefen nebenan.

Im Flur, unterhalb der Treppe, die zu den Großeltern führte, befand sich ein Keller, in dem Kartoffeln und die Einmachgläser mit Gemüsen und Früchten gelagert wurden. Oberhalb der Kellertreppe standen Flaschen mit sogenannten Aufgesetzten; d.h. Liköre aus verschiedenen Beerensorten. Als wir Kinder groß genug waren, um daran zu reichen, haben wir uns gelegentlich daran bedient, wenn die Mutter nicht zu Hause war. Wir füllten dann einfach Wasser nach, und Mutter wunderte sich, wenn sie davon einschenkte, über den faden Geschmack.

Vor der Kellertür stand ein großes Steinfass mit Schnippelbohnen. Sie wurden mit einer Art Fleischwolf in längliche Streifen geschnippelt. Für diesen Vorgang waren nur feste grüne Bohnen geeignet, die gesalzen, ins Fass gefüllt und mit einem schweren Stein belastet wurden; mit der Zeit fingen sie an zu gären. Das Fass wurde mit einer dicken Holzabdeckung verschlossen. Öffnete man es später, wenn der Gärungsprozess weit genug gediehen war, entströmte dem Fass ein penetranter, säuerlichstinkiger Geruch, der das ganze Haus erfüllte. Die Schnippelbohnen wurden mit kleingeschnittenen Kartoffeln und einem großen Stück durchwachsenem Speck zu einem Eintopf verarbeitet, wobei sich der säuerliche Geschmack der Bohnen ein wenig verlor.

Erst ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre entspannte sich die Wohnsituation allmählich. Nach dem Tod der Oma Tonnenhof wurde das ehemalige Schlafzimmer der Großeltern als Kinderschlafzimmer genutzt; die Jungen schliefen hier in wechselnden Konstellationen. Opa zog in das vordere Zimmer mit Blick auf die Straße, die zu den Werften führte.

Die Eltern schliefen danach im ehemaligen Kinderzimmer. Das bisherige Schlafzimmer der Eltern wurde zur guten Stube umfunktioniert. Der darunter liegende Keller diente fortan als Aufbewahrungsort für die zahlreichen Weckgläser, in denen Gemüse, Obst und Wurst gelagert wurde. Durch eine inmitten des Wohnzimmers angebrachte Luke konnte man in den Keller gelangen. Der Dielenboden des Wohnzimmers gab leicht nach, wenn man über die Luke ging. Bewegte man sich allzu heftig, klirrten die Gläser im Wohnzimmerschrank. Das war vor allem der Fall, wenn gefeiert und getanzt wurde; dann bebte der ganze Boden.

Ende der 50er Jahre wurde das Hinterhaus zum Badezimmer mit Toilette umgestaltet. Ein schmaler, hoher Badeofen, der beheizt werden musste, gehörte zur Ausstattung des Bades. Es dauerte, bis er die nötige Hitze erreicht hatte. Meist wurde nur eine Badewanne mit Heißwasser gefüllt; darin badeten wir dann nacheinander.

Wir kamen uns durchaus privilegiert vor: Nur drei kinderreiche Familien der Siedlung erhielten ein solches Bad, was zu Konflikten und Neiddebatten unter den Nachbarn führte. Ansonsten ging man freitags nach Werkschluss auf die Werft, um dort zu duschen. Meine Schwester und ich gingen eine Zeit lang zu Bekannten nach Friesland zum Baden.

Damals musste man durch Duckeldamm gehen, einer Baracken-Siedlung, die während des Zweiten Weltkriegs als Arbeits- und Gefangenenlager für Hunderte Kriegsgefangener diente; darunter Russen, Ukrainer, Niederländer, Franzosen und Italiener. Später wurden dort Arbeiter der Nordseewerke und Flüchtlinge untergebracht.

Auf Duckeldamm wohnte die Schwester meines Vaters mit ihrer Familie, die wir einige Male besuchten. Onkel Gerd spielte einige Male den Weihnachtsmann für uns Kinder; sehr zu unserem Schrecken, denn er hatte eine furchtbar dunkle, laute Stimme. Auch ein Bruder meines Opas wohnte dort. Wir passierten die Siedlung, die später abgerissen wurde, stets mit einer gewissen Beklemmung; es wurden schauerliche Geschichten über die Siedlung erzählt, die uns Angst machten.

Schräg hinter Duckeldamm lag das Ledigenheim, das bereits zur Kolonie Friesland gehörte; auch ein Arbeitslager in der Nazizeit. Ich habe während meiner Lehrzeit im Rahmen einer Volkszählung die Einwohner dort befragen müssen. Kein schöner Ort. Zu meinen Erhebungsorten gehörte auch das Fehntjer Tief, wo ich einige Häuser gar nicht aufsuchen konnte, da sie nur mit einem Boot zu erreichen waren. Ich habe die Anzahl der Bewohner einfach geschätzt.

Was ich lange Zeit nicht wusste: wie viele dieser Arbeitslager für Kriegsgefangene es in Emden gab; nahezu in jedem Stadtteil. Viele dieser Gefangenen haben den Krieg nicht überlebt. Vielleicht erklären sich so die vielen Gräber auf dem Friedhof Tholenswehr mit namenlosen Toten aus dieser Zeit.

Wenn es eben ging, spielten wir draußen vor der Werft. Von dieser sahen wir die Docks und die Kräne. Die Werft war verbotenes Gebiet für Kinder. Es war die Welt der Männer. Der Opa hatte schon hier gearbeitet. Als Schmied. Dann der Vater und die beiden älteren Brüder. Als Schlosser. Auf der Werft wurden Reparaturarbeiten verrichtet. Es gab eine Tischlerei, eine Kupferschmiede, eine Schlosserei, eine Werkstatt für Elektrik und eine Schmiede. Auch Maler und Anstreicher gab es. Ganze Schiffe, aber auch Bojen, die der Markierung der Seewege dienten, wurden hier entrostet, schwarz-rot oder schwarz-grün angestrichen, in den Farben für Backbord und Steuerbord. Auf dem Tonnenhof wurden sie gelagert.

Vor einigen Jahren fand auf der Werft die Maifeier des DGB statt. Ich habe daran teilgenommen und mir die alten Werkstätten angesehen. Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Nichts hatte sich verändert. Die alte Esse, an der mein Opa gearbeitet hatte, war erhalten geblieben. Kittel und Helme hingen an der Garderobe, und die Werksuhr stand auf halb eins – Mittagspausenzeit.

Auf den Nordseewerken, der größten der umliegenden Werften – fanden gelegentlich Stapelläufe statt. Als Junge habe ich einen davon miterlebt. Es war ein Festtag auf der Werft. Die Arbeiter strömten herbei, ebenso interessierte Zuschauer. Es spielte eine Blaskapelle. Ein großer Tanker wurde getauft und glitt unter dem Bersten der Befestigung ins Wasser. Ein gewaltiger und stets etwas mysteriöser Vorgang. Vom Gelingen des Stapellaufs schien das künftige Schicksal des Schiffes abzuhängen. Daran glaubte man fest. Vor allem nach dem missglückten Stapellauf der Melanie Schulte. Das Schiff versank während der Jungfernfahrt spurlos im Ozean.

Nach dem Stapellauf gab es in einer der riesigen Werkshallen ein Unterhaltungsprogramm. Die Arbeiter saßen teilweise auf Gerüsten und Geländern und trommelten mit ihren Stahlschuhen zum Takt der Musik auf die Balustraden. Das erzeugte einen Höllenlärm.

Auf der kleineren Staatswerft ging es behutsamer zu. Aber auch sie weckte die Phantasie der Kinder. Auf dem Werftgelände hatten einige der Arbeiter ihre Äcker. Nach Feierabend durfte man als Kind in Begleitung der Erwachsenen dorthin. Dann kam man nahe heran an die Docks, die Kräne, die Schiffe. Im Sommer sprangen wir von den Schiffen oder vom Dock ins Wasser. Gelegentlich konnte man in die Werkshallen schauen. Alles roch nach Öl oder Teer; auch nach kaltem Rauch. Der Geruch betörte uns; er steckte auch in den Blaumännern der Arbeiter, gepaart mit Tabak- und Schnapsgerüchen. Es roch nach Erwachsenenwelt, und aus der Kinderperspektive konnte ich mir nichts anderes vorstellen, als eines Tages ebenfalls auf der Werft zu arbeiten.

Ich holte meinen Vater oft von der Arbeit ab. Ich sehe ihn noch in seiner Arbeitskleidung und der Schirmmütze, unter dem Arm ein Paket mit Spänen und Abfallholz, das wir als Brennholz nutzten. Ich war froh, wenn ich ihn erblickte.

Vor allem in der Vorweihnachtszeit geschahen zahlreiche Unfälle. Viele Arbeiter machten Überstunden, um mehr Geld nach Hause zu bringen. Die Arbeit auf den Docks war gefährlich. Es gab Glatteis, aber auch Brände beim Schweißen. Bei Arbeiten an der Stanze verlor ein Spielkamerad seinen Vater durch einen tödlichen Unfall. Mein Vater verlor ein Auge durch herumfliegende Stahlsplitter. Nach solchen Ereignissen wurde tagelang von nichts anderem gesprochen in der Siedlung.

Herkunfsmilieu

In der Siedlung lebten alle so wie wir. Man war unter sich. Bis auf zwei größere Wohnblöcke, die am Rande standen. Hier wohnten einige Angestellte, Ingenieure und der Werksdirektor. Sie wurden Beamtenblöcke genannt.

Hinter den Siedlungshäusern lagen die Äcker der Bewohner. Viele hatten Ställe mit Kaninchen oder Tauben. Neben den Umzäunungen gab es Wiesen, Schilf und eine Sandfläche. Man lief durch die Ackerfurchen zum Sandplatz. Hier bauten wir Höhlen, im Schilf Verstecke. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Es war eine geheimnisvolle Welt.

Im Sommer konnte man sich ins Gras legen und sich der geheimnisvollen Geographie der Wolken überlassen. Wie viele Träume habe ich hier geträumt. In den Wolken spiegelten sich schwimmende Kontinente. Wilde Tiere wandelten darin. Die ziellosen Grübeleien wurden von leichten Luftwellen empor getragen. Der scheue Anflug eines Lufthauchs verschwägerte das Land mit allen Fasern der Atmosphäre. Ein blasses Schilfrohr raschelte zwischen den Sonnenblitzen. Darüber himmelblaue Stille. Traumbilder stiegen auf. Ausschweifend. Ein wenig schamlos. Welch ein Gefühl von Weite. Nie wieder habe ich einen größeren Himmel gesehen.

Ich sehe noch die steppenförmige Wiesenlandschaft vor mir, angrenzend die Äcker der Siedlung. Gegenüber der Bunker, in dessen Eingang wir die ausgedienten Weihnachtsbäume für das Osterfeuer aufbewahrten. Gehe ich den Bildern der Kindheit nach, erinnere ich mich an einen Bombentrichter. In diesen stürzte ich mitsamt einer Eisenlore, von der ich nicht rechtzeitig absprang. Mein älterer Bruder zog mich heraus. Später entstand an dieser Stelle ein Neubau. Als Fünfjähriger machte ich für die Bauarbeiter kleine Besorgungen. Rollmöpse kaufen; Tabak; Schnaps. Danach roch auch der Bauwagen; zum Frühstück und Mittag durfte ich mit hinein.

Auf alten Fotos kann man sie wieder zurückholen, die große Welt der Kindertage, die Phantasie belebt sie. Gesichter gewinnen an Kontur, Erinnerungsfetzen fügen sich zu neuen Bildern, und für kurze Zeit scheint es, als würde alles wieder so sein wie damals.

Die Haustür wurde erneuert, die Fenster doppelt verglast, das obere gleicht einem schwarzen Loch, wo der alte Mann einst saß, der meine Kinderjahre verzauberte mit Geschichten aus noch älteren Zeiten.

Vor dem Haus stand ein Fliederbaum; er ist verschwunden. Dahinter war das Kinderzimmer. Nach hinten raus ein kleiner Hof; hier standen die Kaninchenställe und die kleine Bank, auf der gesungen wurde in der Erntezeit. Im Sommer lagen die neuen Kartoffeln zum Trocknen auf dem Pflaster.

Ein kleiner Gang verband uns Kinder mit der Welt, er wurde auch als Hühnerpfad genutzt. Eine Straße führte zur nahegelegenen Werft; morgens und abends wälzte sich der Strom der Arbeiter vorbei, wie magisch angezogen und abgestoßen vom Heulen der Werftsirenen.

Die Häuser der Siedlung allesamt grau von Ruß und Staub; hinter jedem der Häuser lagen Äcker, vereinzelt auch Obstbäume und kleine Lauben. Dahinter das Reich der Kinder, der Sandplatz inmitten von Wiesen, er bot Raum für Spiele und Phantasie.

Im Hintergrund die Geräusche der Werft, dumpfes Hämmern klang von den Docks herüber, das Quietschen der Kräne, die als riesige Ungeheuer vor dem Horizont aufragten. Klanghörner meldeten die ein- und auslaufenden Schiffe.

Auf den Fotos zu sehen das alte Trockendock, daneben die Hallen der verschiedenen Gewerke. An den Holztüren die Warnschilder. Stummes Mahnmal der schauerlichen Kriegszeiten.

Den Weg zur Stadt nannten wir den Schwarzen Weg; er führte zur Parallelwelt der Schulen, Ämter und Geschäfte, zum sogenannten Ernst des Lebens. Dieser mir fremden Welt bin ich stets mit gemischten Gefühlen begegnet. Einerseits hatte man uns vor den „Autoritäten“ – den Lehrern oder Ärzten beispielsweise – Respekt eingeflößt; andrerseits sollte man sich ihnen nicht über Gebühr unterwürfig zeigen. Mit dieser Ambivalenz kam ich nur schwer klar, und auch später noch brach mir der Schweiß aus, wenn ich ein Amtszimmer oder ein Restaurant betrat. Man wusste sich nicht zu verhalten. Aber glücklicherweise ging es immer wieder auch zurück in unsere Welt, in der wir uns heimisch fühlten.

Ging man den Schwarzen Weg bis zur Eisenbahnbrücke, konnte man von der Brücke aus bis zur Seeschleuse schauen, durch deren Öffnung einst der Tümmler geschlüpft sein musste, dessen Fontäne uns Kinder schaudern ließ. Auf dem Foto ruht das Hafenbecken friedlich im Glanz der untergehenden Sonne.

Unsere Siedlung war eine Welt für sich. Soziale Unterschiede gab es kaum. Sie fielen uns erst auf, wenn wir diese geschlossene Gesellschaft verließen; z.B. in der Schule, wo man die Klasse mit den Kindern der Bessergestellten teilte. Die Bedeutung dessen, was man soziale Herkunft nennt, wurde mir erst sehr viel später klar.

Zu den frühesten Erinnerungen gehört, dass wir abends, während wir im Bett lagen, von draußen seltsame Geräusche hörten; ein helles Klacken, wie wenn ein Stein zersprang. Auch hörte man von Zeit zu Zeit ein Tuscheln und hin und wieder einen Pfiff. Danach war es ruhig. Damit hatte es folgendes auf sich: Vor unserem Haus befand sich das Bahngelände; immer wenn Kohlewaggons ankamen, ging es mit den Geräuschen los. Die Kohlenklauer sind wieder da,