Trotz alledem - Joke Frerichs - E-Book

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Joke Frerichs

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Beschreibung

Der Titel drückt einen Gegensatz aus. Gemeint ist, sich widrigen Umständen und Hindernissen gegenüber zu behauptet. Der Ausdruck steht mithin für Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen; eine Tugend, die in diesen unsicheren Zeiten mehr und mehr gefragt ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Wie in den letzten Jahren verbringen wir Silvester mit Lesen, Musik und Gesprächen. Und wir bereiten uns ein Tagesmenü, diesmal bestehend aus Garnelen, kalter Platte und einem Thunfischsalat.

Auf 3SAT schauen wir uns die Musiksendung an; beeindruckt sind wir von der australischen Rockband AC/DC mit ihrem phantastischen Gitarristen. Nach klassischer Musik ist uns diesmal nicht so sehr.

Nachmittags rufen Bianca und Klaus aus Zimmerschied an; wir hatten tags zuvor versucht, sie zu erreichen. Beide sind gut drauf, und wir freuen uns, dass sie jetzt auch schon ca. zwanzig Jahre zusammen sind. Wir waren dabei, als sie sich kennen lernten. Es waren die besten Nachbarn, die wir je hatten.

*

Petra weist mich auf die Aussage der jungen Dirigentin Joana Mallwitz über Schubert und Bach hin, die sie im Chrismon gelesen hat. Dort heißt es:

Man spürt es, wenn ein Stück größer ist als man selbst. Schubert hat es geschafft, das Jenseits oder das, was wir nicht begreifen können, in Musik zu übersetzen. Und natürlich Bach, da ist eine göttliche Harmonie, die anscheinend irgendwo existiert und die Bach in Form seiner Fugen uns klingend auf die Welt gebracht hat.

*

Schicke einen Beitrag von Otto über Erich Kästner an Klaus; er schreibt zurück, dass er ihn gut für die Vorbereitung auf die Kästner-Lesung nutzen kann.

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Lese das Buch Klassismus von Marlen Hobrack zu Ende; auf Anraten von Petra, die es vorher gelesen hatte. Die Autorin schreibt u.a. für den Freitag und auch Romane (z.B. den Roman Klassenbeste).

Ihr Verdienst ist es, dass sie den Klassenbegriff theoretisch klärt und viele empirische Beispiele nennt – z.T. aus dem eigenen Erleben aufgrund ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse. Und sie zeigt, wie klassistische, feministische und rassistische Ressentiments ineinandergreifen, sich wechselseitig bedingen und verstärken.

Ein wichtiges und zudem gut lesbares Buch!

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Meike hat unser Päckchen mit dem Duft der Demokratie und meinem Gedichtband erhalten. Sie hat sich sehr darüber gefreut. Die Gedichte habe sie bereits angelesen; einige würden sie an Brecht erinnern. Erfreulich, wenn ein Geschenk so ankommt.

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Lese erneut Bölls Irisches Tagebuch, das ich bereits vor Jahrzehnten, gleich nach dem Erscheinen, gelesen hatte. Es löste seinerzeit einen wahren Irland-Boom aus. Das Buch ist hervorragend geschrieben, mit teils surrealistischen Formulierungen und genauesten Beobachtungen der Menschen, Landschaft und sozialen Verhältnisse. Überall herrscht eine unvorstellbare Armut, auf deren Boden der Katholizismus blüht und gedeiht. Die allgegenwärtige Kirche ist die absolute Herrscherin über Denken und Handeln der Leute; gleichzeitig scheinen sie danach zu lechzen. So funktioniert wohl Herrschaft.

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Klaus und Gabi schicken ein Foto mit den Teilnehmern ihrer Leserunde; alle schauen interessiert in meinen neuen Gedichtband, den sie den Leuten überreicht haben. Eine schöne Überraschung, und ich staune, wie viel Aufmerksamkeit dieses kleine Bändchen geweckt hat.

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Schreibe an Uwe und Alfons und lobe ihre Beiträge für den Blog. Alfons hatte einen würdigen Nachruf auf Rudolf Dreßler geschrieben, der 84jährig verstorben ist. Er war der letzte ernstzunehmende Sozialpolitiker der SPD. Uwe besprach das Buch von Bruno Frank, der sehr früh vor den Nazis gewarnt hatte.

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Lese Bölls ‚Irisches Tagebuch’ zu Ende. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen. Es ist voller Empathie für Menschen und ihre natürliche Umwelt. Einen schöneren Reisebericht kann man sich kaum vorstellen, zumal er auch formal sehr ansprechend ist.

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Rufe nach dem Spiel BVB – Bayer (2:3) Wolfgang an. Wir sprechen vor allem über die bevorstehende Bundestagswahl. Auch er und Renate haben sich noch nicht entschieden. Mützenich, der unser Direktkandidat ist, werden wir wie die Jahre zuvor natürlich wiederwählen; das BSW wahrscheinlich nicht; bleibt eigentlich nur die SPD oder Die Linke. Aber wenn letztere nicht ins Parlament kommt, wählen wir vielleicht doch die SPD, auch wenn sich vieles in mir dagegen sperrt.

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Petra beginnt heute (12.1.) mit der Gestaltung meines Journals 24; wegen ihrer Umsicht und inhaltlichen Kompetenz habe ich stets ein gutes Gefühl; es beruhigt mich, es in ihren Händen zu wissen. Und mit wie viel Herzblut und Interesse sie an die Sache geht, rührt mich jedes Mal. Einen Titel haben wir noch nicht; wahrscheinlich einigen wir uns auf Extreme. Damit werden die technisch-praktischen Veränderungen ebenso erfasst wie die kulturellen Ereignisse und literarisch-philosophischen Entdeckungen.

Und dann bat sie mich um eine persönliche Widmung für das Buch mit meinen frühen Texten; es bedeute ihr viel, sagt sie. Immerhin sind es die Anfänge eines langen, gemeinsamen Weges.

Auch wollen wir wieder öfter eigene Texte lesen; das Journal wäre vielleicht ein guter Anlass; vielleicht ergänzt durch Petras ‚Tagebuch’.

*

Gerhard B. ruft an; wir treffen uns diese Woche wieder im Morio.

*

Waren gestern bei klarem Winterwetter in der Flora. Die Pflanzen halten ihren Winterschlaf; dennoch ist es jedes Mal angenehm, durch die Anlagen zu flanieren.

Auf dem Rückweg steht wieder das Tischchen mit der Spendendose für die Obdachlosen am Wegesrand. Wir spenden wie beim letzten Mal, und einige von ihnen, die unter der Brücke sitzen, bedanken sich.

*

Gestern rief Detlef aus WHV an; er befand sich in höchsten Nöten: die GEW hatte ihm die Heizung abgestellt. Er benötige umgehend 600 €, um seine Rückstände bei Strom und Gas nachzuzahlen. Wie sich herausstellte, hatte er eine Aufforderung der GEW einfach ignoriert und einen Mahnbrief ungeöffnet liegen lassen. Was tun? Unübersehbar ist, dass Detlef immer weniger in der Lage ist, seine Angelegenheiten zu ordnen. Seine sich ständig verschlechternde Gesundheit ist dabei nur ein Faktor; hinzu kommt seine Isoliertheit, die zu Schlamperei und asozialen Verhaltensweisen führt. Andrerseits kommen wir zu dem Schluss, dass wir ihn nicht hängen lassen können. Also überweisen wir ihm das Geld und werden es künftig mit den Zuwendungen, die er unregelmäßig von uns erhält, verrechnen, da es illusorisch ist, dass er uns das Geld zurückzahlt, so wie er es ankündigt.

Noch am selben Tag ruft er an, dass die Überweisung angekommen ist und tags darauf, dass die Heizung wieder läuft. So hat das Ganze doch sein Gutes.

*

Reger Mailaustausch mit der Redaktion des Express wegen meines Artikels über die Halbierte Demokratie. Sehr höflich bittet mich Kirsten H., die wohl immer noch die verantwortliche Redakteurin ist, um einige Korrekturen und Angaben zur Person. Jetzt wird mein Beitrag in der neuen Ausgabe erscheinen.

*

16.1.: Treffen mit Gerhard Bosch im Morio. Wieder sehr gelungen. Das Themenspektrum reicht vom Nahewein – seine Eltern hatten an der Nahe ein Haus – über Politik bis zur Qualität des Handwerks und den Vorteilen der dualen Berufsausbildung. Gerhard hat zu vielen Feldern auf dem Gebiet gearbeitet und ist dementsprechend höchst kompetent. Und mir gefällt, dass er stets empirisch argumentiert und nicht ideologisch oder theoretisch.

Interessant, was er über einige ehemalige DKP-Funktionäre erzählt. Sie sind zu Russland-Hassern geworden, während sie früher alles gerechtfertigt und schöngeredet haben, was im sog. realen Sozialismus vor sich ging.

Die zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug; schön auch, dass Petra noch hinzukommt, die beim Thema Handwerk sofort einsteigt.

*

Telefoniere mit Klaus. Er ist ganz munter; Liverpool hat 2:0 gewonnen, und soeben hat er das Spiel von Arsenal gesehen. Ich frage nach den Braunschweigern, da scheint alles bestens zu sein. Nele war bei ihnen zu Besuch, und es ist schön zu hören, dass die Kinder zusammenhalten.

Klaus hat seinen nächsten Arzttermin am 12.2. Und die nächste Lesung in der a Lasko-Bibliothek ist am 20.3.; mit Michael Weichenhan.

*

Schreibe an Michael Weichenhan, dessen Essay Vom Zauber der Insekten ich gelesen habe:

Ich las soeben Deinen wunderbaren Text noch einmal; welch eine Welt tut sich da auf. Und ich erinnerte mich an eine kleine Passage aus meinem Roman ‚Das Haus des Dichters’; dort heißt es:

‚Meine poetischen Orte sind Stätten, an denen ich zu mir selbst finde. Es sind Orte des Nachdenkens und der Stille. Alles beginnt mit einem Staunen. Ich habe mir angewöhnt, auf die Pflanzen zu achten, die den Wegrand säumen. Völlig unscheinbare und häufig übersehene sind darunter. Immer wieder schaue ich sie mir an. Wahre Wunderwerke: so bunt, so zart, so vielfältig. Im Laufe der Zeit entwickelte sich so etwas wie ein Aufmerksamkeitssinn für die kleinen und kleinsten Dinge. Je länger ich sie anschaue, desto sicherer bin ich mir, dass sie mich ebenfalls anschauen und mir etwas sagen möchten.

Ich liebe es, im Freien zu sitzen und zu lesen. Dann geschieht es, dass ein winziges Käferchen sich auf eine Buchseite setzt. Es läuft kreuz und quer, ohne Anstalten zu machen, wieder davonzufliegen. Ich nutze die Gelegenheit, es mir genauer zu betrachten: wie es gezeichnet ist und die Farbe verändert, sobald es sich zum Licht dreht; ich sehe die kleinen Fühler, die sich ständig neu ausrichten. Manchmal hält es kurz inne: als wollte es mitlesen. Dann glaube ich ein Gesicht zu entdecken. Kaum sichtbar die Augen. Je länger ich das kleine Wesen betrachte, desto mehr Demut empfinde ich vor diesen Wunderwerken der Schöpfung.

Mir wird die Einmaligkeit der Dinge bewusst. Es offenbaren sich neue Tiefenschichten des Realen. Sie erinnern daran, dass alles in der Welt ein eigenes Zentrum darstellt, das sich mit den Sphären der Phantasie und der Träume berührt. An meinen poetischen Orten spüre ich die Kraft des Konkreten, Sichtbaren, Fühlbaren. Alles, was ich sehe, mache ich mir zu eigen: den Wald und das Feld, die Bäume und die Wege und alles, was sich darin bewegt und aufhält.‘

Michael schreibt zurück:

Vielen Dank für diese schöne Passage. Sie bringt tatsächlich genau das zur Sprache, was den Insektenforschern durch den Kopf ging, als sie diese kleinen Krabbel- und auch Quälgeister betrachteten. Kennst Du eigentlich den französischen Entomologen Jean-Henri Fabre? Der hat ganz hinreißende Insektenporträts geschrieben.

*

20.1.: Was für ein Tag. Mein Journal 24 mit dem Titel Extreme geht an BoD. Dann wird Trump ins Amt eingeführt und verspricht den Amerikanern goldene Zeiten; das kann für die übrige Welt nur furchtbar werden.

Und heute wäre Frauke zweiundachtzig geworden.

*

Petra war bei der Augenärztin, da sie auf dem operierten Auge nicht mehr gut sieht. Alles ist in Ordnung; es handelt sich um eine leichte Verschmutzung der Linse, die nächste Woche per Laserbehandlung beseitigt wird. Wir sind sehr erleichtert.

*

Klaus ruft an und fragt, ob wir unsere Lesung auf den 20. März vorziehen können, da Michael wegen der Probleme mit seiner kranken Mutter verhindert ist. Wir sagen zu, da wir es ganz gut finden, nicht bis zum September warten zu müssen.

*

Fahren zum Weindepot und sind froh, den KUGA einmal wieder bewegt zu haben. Wir haben immer noch ein mulmiges Gefühl, den Wagen aus der Garage zu fahren. Aber da alles klappt, sind wir zunächst einmal beruhigt.

*

Klaus schickt ein Bild von Frauke aus deren Kindergartenzeit. Es stammt von Waltraud Weers, ihrer früheren Freundin, die von Gabi für das Herrentor-Projekt interviewt wird.

Ich schicke das Bild weiter an Frank, der heute Geburtstag hat.

*

Klaus bittet uns, einige Stichworte zu unserer Lesung an Harald zu schicken; auch er benötigt sie für sein Gespräch mit dem Zeitungs-Journalisten im Vorfeld der Lesung. Hier unser Vorschlag:

Notiz zu unserer Lesung über ‚Vergessene Literatur. Überraschende Lese-Erfahrungen‘.

Als Lesebegeisterte schreiben wir seit Jahren Texte über unsere Leseerfahrungen. Wir wählen überwiegend Bücher aus, von denen gegenwärtig kaum noch Notiz genommen wird. Bewußt schreiben wir also gegen das Vergessen an, weil es sich oft um große Literatur handelt, an die wir erinnern möchten.

Dabei stellen wir auch den Wert des Wiederlesens fest: denn wie man ein Buch nach längerer Zeit erneut auf- und wahrnimmt, ist eine durchaus interessante, überraschende Erfahrung. Oft liest man das Buch ganz anders, als man es in Erinnerung hatte. Kurz gesagt: man eignet es sich auf neue Weise an. Überhaupt sollte man große Literatur, wie den „Zauberberg“ von Thomas Mann, noch einmal lesen. Dadurch versteht man die Zusammenhänge besser und nimmt die Schönheit der Sprache viel intensiver wahr als beim ersten Lesen.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Bücher, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht ausreichend wahrgenommen wurden, obwohl es sich um gute Literatur handelt. Auch auf diese Bücher möchten wir hinweisen.

Die Wahl unserer Lektüre ist auch eine Entscheidung gegen die zahllosen Neuerscheinungen, die jährlich auf den Markt kommen und häufig vorschnell vom Feuilleton zu Bestsellern hoch geschrieben werden.

An einigen Textbeispielen wollen wir demonstrieren, dass es sich lohnt, hin und wieder in die alten oder übersehenen Bücher zu schauen.

Klaus äußert sich zustimmend und selbst Joke (BS) schaltet sich ein, was wir rührend finden. Es tut gut, soviel Anteilnahme zu spüren.

Ich werde wohl über Karl Mickel und H.H. Jahnn referieren; Jahnn ist zwar kompliziert, aber seine Themen sind zu aktuell und wichtig, um sie zu ignorieren. Petra habe ich vorgeschlagen, Peter Kurzeck zu wählen, was sie begeistert aufnimmt. Hinzu kommt Jakob Wassermann, den sich einige so sehr gewünscht haben.

Harald Groenewold verfasst auf der Grundlage unseres Textvorschlags eine Ankündigung für das Ostfriesland-Magazin, alles sehr professionell.

Einladung zum Leseabend:"Vergessene Literatur. Überraschende Lese-Erfahrungen"

Warum geraten manche Bücher, die einst gefeiert wurden, in Vergessenheit, während andere über Jahrzehnte hinweg Bestand haben? An unserem kommenden Leseabend laden wir Sie ein, diese Fragen gemeinsam mit uns zu ergründen.

Frau Dr. Petra Frerichs und Herr Dr. Joke Frerichs präsentieren eine Auswahl literarischer Perlen – Werke, die einst das Publikum bewegten und heute zu Unrecht aus dem Fokus geraten sind. Dabei stehen nicht nur die großen Klassiker im Mittelpunkt, sondern auch weniger bekannte Bücher, die ebenfalls einen tiefen Eindruck hinterlassen können.

Erfahren Sie, warum das Wiederlesen von Literatur eine bereichernde Erfahrung sein kann. Oft entdecken wir in der erneuten Lektüre neue Facetten, Zusammenhänge und die Schönheit der Sprache, die uns beim ersten Lesen entgangen sind. Wir setzen ein Zeichen gegen den Strom der immer neuen Bestseller und für die zeitlose Bedeutung großer Literatur.

Anhand einiger Textbeispiele wird demonstriert, dass es sich lohnt, hin und wieder in die alten oder übersehenen Bücher zu schauen. Tauchen Sie mit uns ein in die Welt der vergessenen Meisterwerke, die uns nicht nur Einblicke in vergangene Epochen schenken, sondern auch heute noch aktuelle Fragen und Gedanken anstoßen können.

Datum:20.03.2025 a Lasko-Bibliothek Emden

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Mein Beitrag Die halbierte Demokratie ist im Express erschienen; gleich auf Seite 2. Wir lesen ihn noch einmal und finden ihn ganz gelungen. Als nächstes will ich einen Text zum 50. Todestag von Heinz Langerhans schreiben.

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29.1.: Petra muss heute zu einer Laserstrahl-Behandlung zur Augenärztin. Das vor einem Jahr operierte Augen muss gelasert werden, da sich Partikelchen auf die Linse gesetzt haben, die die Sicht beeinträchtigen. Sie ist guter Dinge, das alles gut geht. Die Kontrolle am nächsten Tag (Augendruck etc.) ist positiv, so dass sie jetzt wieder klarsieht.

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Der KStA meldet, dass der Antiquar Klaus Willbrand im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Er war das lebende Vorbild für meine Romanfigur Rufus Lieberknecht aus meinem Dichterroman. In dem Zeitungsartikel wird berichtet, dass er mit über 80 Jahren noch im Internet aktiv war und ca. 150 000 Follower hatte, denen er Literatur-Tipps gab. In meinem Roman habe ich ihn auf S. 37 ff. geschildert – überaus prägnant, wie ich finde und wie es auch wohl Insa Wilke empfand.

Ich schreibe an Daria Razumovych, die Mit-Influencerin von Willbrand, und schicke ihr einen Roman-Auszug. Vielleicht erfreut es sie.

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Gestern kam mein Journal 2024 an. Wir werden es erst in einigen Tagen an Klaus und Gabi schicken, wenn Klaus seinen nächsten Arzttermin hinter sich hat.

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1.2.: Petra hat mir zu meinem 80. Geburtstag ein wunderschönes Gedicht von Charles Baudelaire ausgesucht:

Der Mensch und das Meer.

Du freier Mensch, du liebst das Meer voll Kraft, Dein Spiegel ist's. In seiner Wellen Mauer, Die hoch sich türmt, wogt deiner Seele Schauer, In dir und ihm der gleiche Abgrund klafft.

Du liebst es, zu versinken in dein Bild, Mit Aug' und Armen willst du es umfassen, Der eignen Seele Sturm verrinnen lassen In seinem Klageschrei, unzähmbar wild.

Wir verbringen den Tag mit einem italienischen Menü. Klaus und Gabi hatten ein Buch von Uwe Timmgeschickt und eine wunderschön gestaltete Glückwunschkarte – vorn und hinten mit den letzten Porträtbildern von Klaus.

Nach den Anrufen trinken wir auf das nächste Jahr und genießen unsere schönen Sachen, die Petra uns tags zuvor besorgt hatte.

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Gerhard Bosch schreibt:

Habe im Urlaub (Skilanglauf in Österreich) dein „Fallobst“ aufgelesen. Sehr theoretisch und auch sehr persönlich. So - wie Du es beschreibst - hatte ich Dich auch aus Bielefeld in Erinnerung: Voller Gedanken, die Du aber noch nicht richtig zu Papier bringen konntest. Die Entwirrung und Klärung ist heute gelungen. Du schreibst einfach und klar, über sehr komplizierte Sachverhalte, wie die Rolle der Sprache und der Abstraktion beim Erfassen der Welt, schöpferische Prozesse usw. Auf die Kunst setzt Du sehr große Hoffnung. Ich denke, dass Soziologen, die nicht auch Literatur lesen, zu wenig soziale Phantasie entwickeln, um die methodisch eingeengte Wirklichkeit, die sie über ihre Methoden erfassen, angemessen interpretieren zu können. das gilt auch für die qualitativen Methoden, die nur den Zugang zu wenigen „Fällen“ ermöglichen, die man dann als allgemeine präsentieren muss. Die „Fakten“ sind soziale Konstrukte, die in den seltensten Fällen für sich sprechen. Man muss sie interpretieren und durch eine Erzählung verknüpfen. So, wie Du es über die Philosophen sagst, müssen Soziologen auch gut schreiben können. Ob sie gleich Schriftsteller sein müssen, sei dahingestellt und ist nur selten der Fall.

An einem Punkt sehe ich die persönlichen Unterschiede zwischen uns sehr deutlich. Du beschreibst Dich als Fremder in der Welt und viele gesellschaftliche Kommunikationsformen, in denen ich mich durchaus wohl fühle und die ich gerne suche, kommen bei Dir ziemlich schlecht weg. Ich freue mich auf weitere Gespräche.

Später ergänzt er noch:

Mir ist noch eingefallen, dass mein Vater sich als „bekümmerter Atheist“ (Rahner) bezeichnet hat, was sehr schön zu dem Begriff von Lukács „transzendentale Obdachlosigkeit“ passt. Mein Vater hat mir ähnlich schöne Kurzporträts von Nietzsche, Schopenhauer, Heidegger und Kierkegaard gegeben. Ich habe da nie einen Zugang gefunden und fand die Texte (von Heidegger und Kierkegaard) vielfach völlig unverständlich.

Ich schreibe zurück:

Danke für Deine interessante Rückmeldung.

Meine Fallobst-Texte entstanden während einer intensiven Adorno-Lektüre, den ich nach 50 Jahren wieder las; das färbt ab.

Was Bielefeld angeht, nur so viel: ich konnte mit dieser „Antragsprosa“ nicht das Geringste anfangen. Was aber schlimmer war: ich konnte nicht an das anknüpfen, womit ich bis dahin beschäftigt war (marxistische Staats- und Gesellschaftstheorie; Politische Ökonomie; Philosophie). In dieser Hinsicht war die Zeit in Bielefeld für mich verlorene Zeit; ebenso wie die ersten Jahre am ISO.

Erst mit meiner Dissertation kam ich wieder in die Spur und konnte mit meiner Kritik an verschiedenen „Betriebstheorien“ - vor allem dem Münchener Ansatz „Betrieb als Strategie“, der die Perspektive des Managements einnimmt - wieder anknüpfen. Für mich ist der Betrieb die Vermittlungsinstanz des kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozesses; insofern interessierten mich vor allem die darin involvierten Macht- und Herrschaftsbeziehungen, die Kooperations- und Kommunikationsprozesse usw. - die realen Abläufe halt.

Zu Deinen Texten hat sich Petra ja geäußert; wir haben einige Male darüber diskutiert. Ich habe einmal mehr Dein Gespür für relevante gesellschaftliche Themen bewundert; dieses hattest Du schon immer und ist Ausdruck Deiner politischen Intelligenz und Empathie. Von solchen Soziologen gibt es kaum noch welche.

Wir sind noch einige Zeit in Köln. Erst im März haben Petra und ich eine Lesung aus gemeinsamen Büchern in Emden. Bis dahin sollten wir uns noch einmal treffen; vielleicht noch vor der Wahl, da wir noch ziemlich ratlos sind.

*

4.2.: Besuche Zezo in seinem Atelier. Wir brauchen nicht lange, um sofort wieder im Gespräch zu sein. Gesundheitlich geht es ihm gut, bis auf eine Fußverletzung, die in Kürze operiert werden muss.

Er arbeitet u.a. an alten Motiven, die er seinerzeit nicht zu Ende gebracht hat. Eines der Bilder spricht mich besonders an: es handelt sich um geradezu kubistische Gestalten und Formationen. Zezo besteht darauf, mir dieses Bild zu schenken – trotz seiner prekären finanziellen Situation, von der ich später erfahre. Er bekommt nur eine Minirente, weil ihm drei Jahre fehlen; kein Wohngeld, weil er Eigentümer seiner Wohnung ist, aber neuerdings einen Lastenzuschuss von 152 €, wovon das meiste für die gestiegenen Heizkosten draufgeht. Hinzu kommt, dass sein Agent schwer erkrankt ist und er noch keinen neuen gefunden hat. Immerhin hat er neuerdings eine „Schülerin“; eine siebzigjährige Frau, die das Malen bei ihm lernen will. Positiv auch, dass er wahrscheinlich an einer Theaterinszenierung teilnimmt: Büchners Woyzeck, eines seiner Lieblingsstücke.

Er äußert sich sehr positiv über meine Gedichte. Sie seien ihm sofort zugänglich gewesen, obwohl er sich normalerweise der Lyrik kritisch nähert. Er führt dies auf gemeinsame Naturerlebnisse zurück: auch er habe eine Affinität zum Wasser, ist am Meer aufgewachsen und sitzt bis heute, beispielsweise im Urlaub, oft am Wasser und sinniert.

Dann stellt sich heraus, dass er Klaus Willbrand kennt; er war des Öfteren in seinem Antiquariat. (Ich schicke ihm später die Auszüge aus meinem Dichterroman über Lieberknecht/Willbrand. Zezo schreibt zurück: Danke für die Passagen... du weißt, ich bin kein Fachmann, aber es riecht nach einem Werk über die „eigene Kirche / Altar“, wo man „Selbstgepräche“ führt, wo man verwandte Seelen sucht und...?)

Ich sage ihm, dass wir ihm helfen werden, wenn seine Lage zu schlimm wird. Er dürfe niemals sein Atelier verkaufen, dass müsse er mir versprechen. Allein diese Versicherung unsrerseits scheint ihm gut zu tun. Nach etwa zwei Stunden trennen wir uns, natürlich mit dem Versprechen, uns bald wieder zu treffen.

*

Positive Rückmeldungen auf meine Gedichte gibt es auch aus dem Literaturkreis von Klaus. Er teilt sie mir auf mein Bitten hin mit:

Michael Weichenhans: Gestern nach der schönen Lesung habe ich ein wenig in dem Gedichtband geblättert, für den ich mich erst einmal ganz herzlich bedanken möchte. Es ist bei Lyrik ja immer so, dass sie einen gleichsam anspringen muss, manchmal ist man in der Stimmung, auf ge- und verdichtete Sprache zu hören, manchmal nicht; nach gestriger fulminanter Lesung war die Seelentür offenbar geöffnet, wenigstens ein wenig. Viel Bedenkenswertes habe ich gefunden, z.B. die in meinen Augen völlig zutreffende Beobachtung über den unsäglichen Klappentext-Kitsch, dieser und jener sei ein Jahrhundertdichter: das liest man ja mittlerweile auf jedem noch so erbärmlichen Machwerk, es sagt nichts mehr, und auf den wirklich großen Büchern stand es nie. Vielleicht ist gerade das ja das Siegel des Bedeutsamen, dass es nicht feilgeboten wird wie überreifes Obst auf dem Markt.

Bei einem Gedicht bin ich noch hängengeblieben: Was geschieht mit den Tieren im Krieg? Ich finde das eine enorm wichtige Frage. Dass Menschen dabei totgeschossen oder verkrüppelt werden, ist ja vorgesehen, es gibt Politiker, die das nach wie vor ganz großartig und erhebend finden und ihre stolz geblähte Brust im Fernsehen auch noch feiern lassen. Aber tatsächlich: was geschieht im Krieg eigentlich mit denen, die gar nicht wissen, worum es geht? Kleine Kinder vor allem, an die ab und an gedacht wird, aber eben auch die Tiere. Es stimmt zwar, dass man Schweine, Rinder, Geflügel nach wie vor schlachtet, was mit Krieg nichts zu tun hat, aber ist es nicht auch ein Verbrechen, wenn man einer Unzahl von Wesen, angefangen von den Menschenkindern, bis hin zu den Pflanzen und Tieren die Zukunft zerstört durch Uranmunition, durch Minenfelder, Brandschneisen usw. usf? Man sollte mal einen Roman schreiben über Krieg, in dem man einmal die Perspektive ganz anders legt, eben in die ‚Natur’.

Ich könnte jetzt noch viel schreiben – Du siehst, dass diese Texte auf die beste Art gewirkt haben, in dem sie, gleichsam mit Widerhaken versehen, mich festgehalten haben. Ganz herzlichen Dank dafür. Michael.

Ralf Dietz: „Die Gedichte haben mir gut gefallen, sie sind prägnant und aussagekräftig.“

Erwin Wenzel : „Ich finde die Gedichte zum Thema „Natur“ sehr poetisch. Sie haben einen guten Klang! Mein Lieblingsgedicht: „Die Stille“

Norbert Tilmann: „Ich wurde einmal von einem altsprachlich-orientierten Blog gefragt, ob ich das Lektorat für die eingesandten Gedichte übernehmen wollte. Ich habe diese einfach nicht verstanden. Die Gedichte Deines Bruders waren mir sofort zugänglich!“

Hans-Albin Jacob: Joke Frerichs, Die erinnerte Zeit

„Der abschließende Vers in seinem Gedicht „Beim Schreiben“: Eine rhetorische Frage: „Habe ich überhaupt etwas zu sagen?“

Joke Frerichs, sein lyrisches Ich, hat etwas zu sagen.