Fanzi - Elisabeth Schmidauer - E-Book

Fanzi E-Book

Elisabeth Schmidauer

0,0

Beschreibung

Wie Schuldgefühle über Generationen wirken: Ein Mann lernt spät, aber doch, mit seinem Schicksal Frieden zu schließen. Seine kleine Schwester Elfi ist sein Ein und Alles, nachdem Franz' große Brüder in den Krieg mussten. Für sie erträgt er die Härte der Eltern – des Vaters, der ihn nicht als Nachfolger auf dem Bauernhof eingeplant hatte, und der Mutter, die vor lauter Mühsal keine Liebe für ihn übrig hat. Doch nach einer Erkrankung wird Elfi ins Heim gebracht, aus dem sie nicht mehr zurückkehren wird. Nach dem Krieg übernimmt der verstörte junge Mann den Bauernhof. Durch die Hochzeit mit Bärbi, seiner großen Liebe, stolpert er ins vordergründige Glück. Doch er bleibt ein Leben lang zurückgezogen und wortkarg. Erst als sein Sohn und seine Enkelin Fragen stellen, gelingt es ihm, sich den Erinnerungen zu stellen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 333

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Gefördert von der Stadt Wien Kultur.

Copyright © 2021 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Magdalena Russocka/Arcangel Images

ISBN 978-3-7117-2114-3

eISBN 978-3-7117-5454-7

Informationen über das aktuelle Programm

des Picus Verlags und Veranstaltungen unter

www.picus.at

Elisabeth Schmidauer, geboren 1961 in Linz, Studium der Germanistik und Geschichte, lebt und arbeitet in Wien. Mitglied des ur.theaters, Improvisationsschauspielerin im Theater Drachengasse in Wien. Im Picus Verlag erschienen ihre Romane »Das Grün in Doras Augen« (2015), »Am dunklen Fluss« (2016) sowie »Mord für Anfänger und Fortgeschrittene« (2019).

ELISABETH SCHMIDAUER

FANZI

ROMAN

PICUS VERLAG WIEN

Meinen Eltern

Inhalt

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

FRANZ

ASTRID

ANHANG

ASTRID

Sie beugte sich über die farbigen Tafeln. Immer noch half das, wenn etwas sie in eine Unruhe brachte, buntes buntes Leben, fantastische Gebilde, als kehrte sie zurück an einen Ursprung. Trompeten, die aus Röhren wuchsen, Flimmerhärchenkelche, Zungenmäuler und kreiselnde Räder, wie Sonnen, und als ob an Ästen weiße Knospen blühten; seltsam Geschlechtliches auch, als spräche alles von Vermehrung, vom Wachsen, von unendlicher Entwicklung, grenzenlos in großer Fülle.

Behutsam strich sie über die aufgeschlagene Seite. Sie hatte das Buch vor Jahren, noch während des Studiums, in einem Antiquariat gefunden und zu einem exorbitanten Preis erstanden – so erzählte sie das jedem, dem sie den Band zeigte, das waren nicht viele: zu einem exorbitanten Preis erstanden –, den nannte sie aber nie, weil er keine Rolle spielte.

Immer noch wusste sie, wann sie das erste Mal diese Tafeln gesehen hatte: Biologie, fünfte Klasse, die Biologielehrerin hatte eine Karte entrollt, »damit ihr eine Ahnung habt von der Vielfalt des Lebens«.

Hätte sie sich damals ausdrücken können: Das Unfassbare hatte sie getroffen. Dass es diese fürs Auge oft unsichtbare Welt gab: vielgestaltige Bryozoen, Moostierchen, Radiolarien, einzellige Lebewesen mit kunstvollen Endoskeletten, wie Weihnachtsschmuck; indianisch anmutende buntfedrige Ruderkrebse und Quallen mit Tentakeln, die sie wie Frauenhaar umflossen, und Kieselalgen, Moose und Flechten, Spinnentiere und Borstenwürmer. Dass hier eine Schönheit war – das bestätigte doch auch ihr eigenes Leben, oder nicht?

Sie sah auf die Uhr, sie war spät dran, für neun Uhr war eine Gruppe angemeldet. Was hatte die Unruhe erzeugt, Traumreste. Sie schloss das Buch, sie schlüpfte in ihre Turnschuhe, ihre Jacke, hinter ihr fiel die Tür ins Schloss.

Das Klebrig-Schaumige der Fortpflanzung. Astrid führte die Gruppe, Studentinnen und Studenten, die am Beginn ihres Studiums standen, durch den Naturpark vor dem Biologiezentrum zum Teich, der, von hell austreibenden Weiden umstanden, in der Sonne glänzte, frühe Märzsonne. Weidenblätter des Vorjahres lagen auf dem Grund des Teiches, am Ufer war das Wasser über Kieseln klar. Im Wasser schwebten zwischen Tausendblatt und Wasserlinsen, zwischen Schilfrohr und Schlangenwurz Laichballen; Springfrösche, sagte sie, seien Frühlaicher und hefteten ihre Laichklumpen bevorzugt an Äste oder Pflanzenstängel; Unken hingegen legten Einzeleier oder kleine Laichgruppen an Pflanzen oder auf dem Gewässergrund ab. Bei Geburtshelferkröten seien es die Männchen, die die Laichschnüre an ihren Hinterbeinen befestigten und diese bis zum Schlüpfen der Kaulquappen mit sich herumtrügen.

»Brutpflege«, sagte sie, »eine K-Strategie«, warf ein Student ein, und interessant, dass die Natur da und dort die Männchen als Pfleger berufe.

Wie die Natur das Geschäft des Brütens unternahm, sagte sie, Licht, Wärme, die von oben kam, verrottende Blätter und Schlamm, Schutzzonen im Teich, und wie der Laich trieb, aufstieg, sank, wie wimmelndes Leben entstand, sich um sich selbst kümmernd, scheinbar niemandem verpflichtet als sich selbst und doch eingebunden in ein großes Ganzes. Dass das Leben, wenn man so wolle, sich aus sich selbst ernähre, aus einer Überfülle heraus, die das Überleben der Arten gewährleiste. Bis zu siebzig Prozent des Laichs würden sich nicht zu Kaulquappen entwickeln – das Austrocknen von Teichen und Tümpeln, die Bedrohung ihres Lebensraums vor allem durch den Menschen und natürlich die Fressfeinde – Vögel, Fische, Libellenlarven, Molche etwa – würden dazu führen, dass durchschnittlich von tausend Eiern nur ein Frosch überlebe.

»Nur ein Frosch?«, fragte eine. In ökonomischen Zusammenhängen würde man von unerträglicher Verschwendung reden.

Als Überlebensstrategie einer Art sei dies aber offensichtlich – bis jetzt jedenfalls – eine Erfolgsgeschichte, meinte ihre Nachbarin. Und eben, der Nutzen, den andere Tierarten von diesen Energielieferanten hätten, sei mitzudenken. Die Natur verschwende, so meine sie es verstanden zu haben, doch nie sinnlos. Die einzelne Kaulquappe dürfe man natürlich nicht nach ihrer Meinung fragen, ob sie nicht doch lieber ein Frosch geworden wäre!

Dass die Welt an Fröschen ersticken würde, grinste ein anderer, wenn sich auch nur die Hälfte des Laichs zu sich weiter fortpflanzenden Fröschen entwickeln würde. Hochgerechnet ergäbe das … wenn man annähme, dass von dieser Hälfte jeweils eine Hälfte Weibchen wären, die Erreichung der Geschlechtsreife drei Jahre dauerte und jedes Weibchen nur einmal im Leben laichte – dafür verzichte er auf die Einberechnung des natürlichen Abgangs … er tippte Zahlen in sein Smartphone.

Die unglaubliche Großzügigkeit der Natur in jeder ihrer Erscheinungen, sagte eine andere Studentin, die bis dahin etwas abseits gestanden war, das sei es, das sie immer schon fasziniert habe. Ginge es nicht auch mit weniger Formen, weniger Arten, weniger Reichtum bis ins kleinste Detail? Natürlich, sagte sie, sie wisse schon, die Anpassung jeglicher Lebensform an ihre Umgebung, an veränderte Umgebungen, Darwins Finken, Losos Echsen, und dennoch staune sie immer wieder über die, ja, verschwenderische Fülle, die sich in all dem zeige. Sie frage sich, ob nun Grausamkeit oder Weisheit in dieser Bilanz des Todes liege, oder eine gleichgültige, erbarmungslose Kälte?

Die begleitende Professorin runzelte die Stirn. Es gehe nicht an, sagte sie, evolutionäre Entwicklungen mit Emotionen zu beladen. »Die Natur« denke nicht, sie urteile nicht, also könne man ihr weder Weisheit noch Grausamkeit und auch nicht Gleichgültigkeit unterstellen, auch Gleichgültigkeit fordere eine Bewusstheit, die Natur sei aber keine sich ihrer selbst bewusst seiende Wesenheit, oder sehe sie das anders?

Die Studentin errötete. Sie fingerte an ihren Haaren, die Professorin wandte sich ab.

»Nicht wie Menschen denken, nein«, sagte die Studentin. Aber müsse man die Natur, oder eben das Verständnis der Natur, die schöne Ausgewogenheit funktionierender Ökosysteme, die unglaubliche Vielfalt der Formen auf rein technisches Funktionieren beschränken? Sei nicht auch eine Weisheit in jeglicher Entwicklung? Vielleicht sogar etwas, das man Liebe nennen könne, so aufeinander bezogen sei alles eingerichtet? Und könne nicht auch das Staunen der untersuchenden Subjekte, also: unser Staunen, ein möglicher erkenntnistheoretischer Zugang sein?

Die Professorin schnaubte. Ob der Studentin klar sei, dass sie sich hier nahe am Kreationismus bewege, »wabernd«, sagte sie, »ganz und gar unwissenschaftlich«, und das, religiöse Aufladung biologischer Prozesse, könne sie ganz und gar nicht akzeptieren.

»Aber …«

»Das Ökosystem Teich«, sagte die Professorin zu Astrid. Und der ganze Rest – deswegen seien sie doch eigentlich hier.

Soundsoviele Milliarden Nachkommen von nur einer Fröschin, schaltete sich der Student ein, innerhalb von zwölf Jahren. Im Moment laichten hier wie viele Frösche? Dann wären das also …

Später sah sie die Studentin noch einmal im Kräutergarten, wie sie sich über die Beete beugte, die noch recht zerrupft vom langen Winter waren, wie sie die Luft einsog, noch nicht ganz Frühling.

Das geht vorbei, hätte sie sagen wollen, besser, man gewöhnt sich gleich daran, dass man für sich steht in der Welt. Und wenn etwas trösten konnte, dann das, was da war, diese Buche, diese Weide, dass Bienen vom Stock ausflogen; es war aber, und es war besser, das von Anfang an zu wissen, nichts dahinter, keine Wesenheit, die alles geplant hatte und einen selbst hielt, in einer großen Hand, schützend, das nicht.

Von ihrem Büro, das sie mit einer Kollegin teilte, sah sie auf den Spitzahorn, der seine Blütendolden, gelbgrün, noch nicht angesetzt hatte. Spitzahorn, der im Sommer ihr Büro beschatten würde, weitverzweigt, und natürlich war es weise eingerichtet, dass Bäume Schatten gaben, und das genau vor ihrem Büro!

Warum warum warum, Kinderfragen. Seit sie vor drei Jahren am Biologiezentrum angefangen hatte, hatte sie auch Kinderführungen übernommen, eigene Themenbereiche für Kinder erarbeitet. Manche Kollegen belächelten diese Arbeit als unter ihrer Würde, Kinderkram, es war aber eine Herausforderung, alle die Erscheinungen des Lebens wissenschaftlich korrekt zu erklären, und so, dass Vierjährige es verstanden, Zehnjährige, Zwölfjährige, und dass noch ein Staunen blieb. Warum gab es die Sonne, den Mond, den Tag und die Nacht, warum fiel Wasser von oben auf die Erde hinunter, aber nicht Sonne, Mond und Sterne, und war denn der Himmel ein Zelt? Warum verfaulten Äpfel, warum wurde Brot hart oder schimmelte, woher wussten Bienen, wohin sie fliegen mussten und wie sie wieder zurückkamen, warum gab es das alles überhaupt, die Bienen, die Ameisen, die Kühe und die Schweine, die Elefanten, aber keine Dinosaurier mehr, warum konnten Vögel fliegen, aber Menschen nicht, und ein Flugzeug doch, obwohl es viel größer war und viel schwerer als jeder Vogel und jeder Mensch?

»Warum«, das hatte Lorli bei ihrem letzten Besuch gefragt, »warum muss ich schlafen gehen, ich bin noch gar nicht müde, und warum, Astrid, warum müssen wir sterben?«

Sie setzte sich an ihren Computer, öffnete Dateien, scrollte sich durch Fotomaterial, die bunte Welt der Insekten, die Ausstellung war für nächstes Jahr geplant.

»Titelvorschlag für unseren Raum«, sagte sie zu Karin. »Was summt denn in der Wiese? Was hältst du davon?«

Abends flimmerten Bilder über den Fernsehschirm, bröselnde Betonbauten, verbogene Stahlstreben, Rauch aus Trümmerhaufen, ein eingestürzter Reaktor. Block vier, Block drei, ein Riesenrad mit gelben Waggons, Ästhetik der siebziger, der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Männer in Stiefeln und schwarzen Gummimänteln, oder Ledermänteln, mit Masken vor dem Gesicht, als fiele eine fremde Macht über die Stadt herein, Evakuation einer Stadt, für immer. Bergleute in weißer Kleidung, und ohne jeglichen Schutz, gruben Gänge, in den Kern der Katastrophe hinein, andere Männer, Liquidatoren, mit Eisenstücken vor die Brust geschnallt, apokalyptische Ritter, jagten, im Laufschritt, über Schutthaufen. Bis heute wusste niemand, wie viele von ihnen sich eine tödliche Strahlendosis geholt hatten.

Wie schwarz verbrannte Haut, aufgeschwollene Körperteile, blutig aufgebrannte Geschwüre, und Birken im Frühling, gelb überhaucht, und Sumpf und Wasser und Inseln im Wasser, die Prypjatsümpfe, weißrindige Birken, in einem Frühling, der in den Startlöchern stand.

Die Natur, sagte die Kommentatorstimme, die Natur hole sich die Siedlungen der Menschen zurück. Umgeworfene Kühlschränke in Gärten, zerbrochene Fensterscheiben, von Büschen und Bäumen überwucherte Häuser und Hütten; zerrissene Vorhänge flatterten im Wind.

Und Herden von Wildpferden, von Rehen, von Elchen, Wildschweinrotten zogen durch das kontaminierte Gebiet, den BIOSPHÄRENNATURPARK, aber welche Lüge!, und Rudel von Wölfen, große, schöne Tiere, ihr graues Fell, Wolfsblick.

Bei den Tieren beobachtbar seien, sagte einer, deutliche Auswirkungen der Strahlung: Krebsgeschwüre, Asymmetrie der Körper, merkwürdige Körperformen, grauer Star.

Und dann die Kinder. Armlose, beinlose Körper, gesichtslose Gesichter, Wasserköpfe; nachts träumte sie von Wölfen, die Kinder rissen.

FRANZ

Ihm schien, der Briefträger sei aus einer weiten Ferne auf ihn zugekommen. Er selbst stand auf einer Anhöhe, am Feldrain, vor ihm lag die staubige Straße, die sich weiß den Hügel hinunter und wieder hinauf schlängelte, am Himmel stockten Wolken auf. Über den Feldern flirrte Gewitterluft und der Briefträger bewegte sich aus weiter Ferne auf ihn zu. Zuerst war er nur ein Punkt, der am Horizont über die Hügelkuppe kam, dann kam er rasch näher, zu Fuß oder auf dem Rad, das mochte er im Traum nicht entscheiden, die Schuhe des Briefträgers würden, wenn er bei ihm angekommen war, mit dem weißen Staub der Straße bedeckt sein.

Er selbst stand auf der Anhöhe, hinter der die Felder des Vaters lagen. Auf den Feldern waren doch sicher die Brüder gewesen, wer sonst hätte die Feldarbeit gemacht, der Vater, der Knecht, auch die Mutter und die Dirn, und doch jedenfalls die Brüder; dann stand der Briefträger vor ihm, ein wenig schwankend, weil der Weg steil war und die Ledertasche, die an seine rechte Seite schlug, war schwer; der Briefträger nahm die Kappe vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Oder kam der Briefträger aus der Ferne auf ihn zu, aber so, als käme er nicht vorwärts? In einer seltsamen Verdichtung der Luft, so schien ihm, habe sich der Briefträger bewegt, er sei aber keinen Schritt weitergekommen und vielleicht bewegte er sich immer noch auf ihn zu, um die Nachricht, die zu überbringen er unterwegs war, um den Brief zu übergeben; und ein Wind, der nicht wehte, wirbelte immer noch Staubwolken hoch, Staubfahnen, die standen unbeweglich in bewegter Luft, und vielleicht stand auch der Roggen noch, golden, und Wiesen wogten, blumenbunt, im Wind, der nicht wehte, und der Briefträger war ein schwarzer Punkt am Horizont und kam keinen Schritt vorwärts und bewegte sich immer noch auf ihn zu.

Das Helle, Schimmernde, das in seinem Leben gewesen war, vor langer Zeit. Da war eine Wiese gewesen. Da war ein Mädchen gewesen. Tanzte das Mädchen in der Wiese, setzte es sich ins Gras, pflückte es Klee, Margeriten, Glockenblumen, und hob es jetzt den Kopf und das helle Licht strahlte um sein Haar, etwas fuhr in seine Brust, eine Freude, so groß, dass sie wehtat.

Als er großjährig wurde, hatte er den Hof übernommen, am nächsten Tag hatte er den Wald verkauft. Der Brunner, das wusste er, würde ihn ausgelacht haben; dass er den Kaltnerbub übers Ohr gehaut hatte, würde er im Wirtshaus gesagt haben, der Kaltnerbub habe ihm den Wald geradezu aufgedrängt, zu einem Spottpreis, würde der Brunner gesagt haben, und dass er sich, wenn er so weitermache, ruinieren werde.

Er wollte aber keinen Profit aus diesem Wald ziehen und er wollte ihn auch nie wieder betreten müssen. Die Mutter hatte schon lange aufgehört, Fragen zu stellen, du bist der Bauer, hatte sie gesagt, du tust, was du willst.

Am Tag vor dem Verkauf war er ein letztes Mal in den Wald gegangen. Die Sonne schien, ein harziger Geruch stieg vom Waldboden auf, er stand zwischen Stämmen, die ragten in eine Unendlichkeit, er lauschte in die Stille zwischen den Bäumen, da war nichts.

Waldzeiten, Wiesenzeiten, Feldzeiten. Und Hügelzeiten, blaue Schattenzeiten, leuchtende Nebeldunstzeiten. Barfuß war er über Stoppelfelder gelaufen, über spitzsteinige Wege, über den mit Nadeln bedeckten, von Wurzeln durchzogenen Waldboden – wie die Fußsohlen brannten!; durch Laubhaufen und über Frühlingswiesen war er gelaufen, barfuß im Regen, im Schlamm, zwischen den Zehen quatschte die nasse Erde, nie war er glücklicher gewesen, als wenn er barfuß lief.

Die Schuhe, die er zum Kirchgang trug und, wenn es richtig kalt wurde, auch in die Schule, übernahm er von den Brüdern und sie waren entweder zu groß oder zu klein, nie passten sie wirklich, sie waren klobig und schwer – wir wären froh gewesen, sagte die Mutter, also klagte er nicht, aber sobald er konnte, zog er sie aus und lief barfuß in den Hof, durch das Dorf, über Wiesen und in den Wald. Barfuß stand er im Forellenwasser, die Kälte biss sich zu seinen Knochen durch, und Sonnenflecken flirrten auf Fischleibern, die standen fast bewegungslos im Wasser, oder er sprang auf Steine, über die das Wasser rieselte, samtenes Moos. Elfi saß am Ufer, ihre Füße hingen ins Wasser. Fang mir einen Fisch, rief sie, oh bitte, Fanzi, fang mir einen Fisch.

Im Spätsommer, im Herbst suchten sie Brätlinge, Steinpilze, Eierschwammerl, die bereitete die Mutter für den Vater zu, und wenn der Vater einen guten Tag hatte, bekamen die Kinder was davon ab; sie brockten Beeren im Wald, die Dirn wusste, wo sie zu finden waren: Himbeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren, und Brombeeren, wie die Säure den Mund zusammenzog und Süße ihn überschwemmte; wenn er zurückkam, waren seine Beine zerkratzt und seine Hände waren fleckig. Oh, die Abenteuer, die in seinem Kopf waren!

Im Herbst klaubte er Mostbirnen, er brockte Äpfel und Zwetschken, und wieder strich ein kalter Wind über die Felder. Er holte die Schuhe aus dem Kasten, und Nebel stieg aus dem Boden auf und fiel stockig und schwer über das Dorf herein und hing feucht in den Kleidern und Haaren, und Regen ertränkte die Erde und Schnee fiel und fiel und fiel und begrub, dass man sie wieder ausgraben musste, Straßen und Häuser unter sich und der Vater erzählte vom Schnee, Kriegsschnee, Frontschnee, Bergschnee, endlos fallend, als hätte es für ihn damals keinen Sommer gegeben.

Jahre in Eis und Schnee, sagte der Vater, und eine Kälte, die er noch heute in den Knochen spürte. Die Kälte war das Schlimmste, sagte er, und wie den Kameraden die Ohren abgefroren waren, die Nasenspitzen und Finger und Zehen, vom Gestank der faulenden Glieder erzählte er, Wundbrand, Gasbrand, Gletscherbrand, und in der Wirtsstube, im trüben Licht, im Pfeifendunst, im Zigarettenqualm rückten die Bauern näher zusammen und wackelten mit den Köpfen. Die verfluchten Italiener, sagte einer, der war am Ende des Krieges, am letzten Tag, in Gefangenschaft geraten, und der Vater war wieder im Innern der Berge, Jahre in Eis und Schnee, und immer der Berg über dir; manchmal meine er, er sei nie aus dem Berg herausgekommen.

Die Bauern starrten in ihre Gläser, verfluchte Italiener. Verfluchte Schlächterei, sagte ein anderer, nicht gewankt und nicht gewichen, sagte der Vater. Die Heimat verteidigt, in Eis und Schnee, in der Höllenkälte. Kaiser und Vaterland ihr Leben, ihr Blut gegeben. In Treue fest.

Mit gütigem Auge sah der Kaiser auf Franz herab, der alte Kaiser, sagte der Vater und nahm den Bierkrug vom Regal. Ob denn das keinen Wert mehr habe? Die Bauern klopften ihre Pfeifen aus, murmelten in ihre Gläser hinein, und zuletzt hätte der Italiener ihnen auch noch Südtirol gestohlen.

Nie vorher und nie nachher, sagte der Vater, habe er eine Kameradschaft erlebt wie dort auf dem Berg, nie wieder diese Kameradschaft. Die Bauern nickten, einer wollte von der Wintersaat anfangen, der Sommersaat, aber der Vater sagte: Und wenn es wieder sein muss, dann muss es wieder sein, und Franz, der unbemerkt im Winkel saß, sah, wie ein Fieber im Vater war; die Bauern starrten in ihre Gläser.

Aug in Auge mit dem Feind, sagte der Vater, im Artilleriefeuer, im mörderischen Krachen der Mörser. Der Feind lag gleich gegenüber, oder er bohrte sich in den Berg hinein, grub sich unter die gegnerischen Stellungen, nachts hörte man ein fernes Grummeln, ein Schaben, der wühlende, unsichtbare Feind, und wie man sich selbst in die Berge bohrte und sprengte, sich die Eingeweide des Berges eroberte; die Härte des Steins, und die Härte der Männer, die den Berg bezwangen.

Die Unerbittlichkeit von Fels und Stein. Der Berg war der Feind, der jeden abwarf, der einen falschen Schritt tat, der Berg bot seine Stürme auf, seine Unwetter, seine Felsstürze, seine Lawinen und seine Gletscher, um abzuschütteln oder zu verschlingen, was nicht hierher gehörte. Der Berg war aber auch, was einen am Leben hielt, wenn man am Felsen klebte, wenn man Deckung suchte unter feindlichem Beschuss, tschinbumm, sagte der Vater, wenn man Schutz fand in den Höhlen, die man ihm abzwang. Der Berg war Mutter und Vater, Herr über Leben und Tod, dass er den Berg in sich trug, sagte der Vater, und Franz suchte in Träumen, die er wieder vergaß, wie hätte er sich erinnern wollen, suchte den im Berg eingeschlossenen Vater, der selbst zum Berg geworden war.

Winter 1915/16, sagte der Vater. Der gewaltige Schneefall, der kein Ende nahm. Die Wut der Stürme. Lawinen und Lawinen und Lawinen, die in die Tiefe rauschten, die alles mitrissen, das sich ihnen in den Weg stellte, wie das brüllte und toste, als wären, sagte er, alle bösen Geister aufgestanden.

Berggeister, dachte Franz. Schneegeister, Luftgeister. Er dachte sich schwirrende, zischende, brausende, grölend donnernde Wesen, die hämmerten, unerbittlich, mit gewaltigen Schlägeln auf die Männer ein. Ob der Vater unter eine Lawine gekommen sei, fragte er, und der Vater sah ihn an, als kennte er ihn nicht, geh ins Bett, Bub, sagte er, und etwas machte, dass Franz ihn kein zweites Mal fragte.

Dass der Bauer wieder einen Wert haben müsse, hatte der Vater gesagt, wenn er mit den anderen Bauern, wenn er mit dem Lehrer, dem Schuster, dem Mesner in der Wirtsstube gesessen war. Dass es so nicht weitergehen könne, wo man hinschaue, würden Höfe verpfändet, die Verelendung des Mühlviertels, die Verelendung des Bauernstands, das sei doch so nicht hinzunehmen.

Sie seien doch einmal stolze Bauern gewesen, hatte der Vater, hatte einer der anderen gesagt, das wollten sie wieder sein können, stolze Bauern, das Rückgrat des Volkes, ohne einen gesunden Bauernstand sei doch alles nichts. In Deutschland, sagte einer, in Deutschland kümmere sich einer, auch um die Bauern.

Wieder einer, dem sie den Hof verpfändeten, sagte der Vater, wenn er übers Land fuhr, und Franz saß neben ihm und die grünen Hügel rollten an ihnen vorbei, wieder einer, der ins Elend geraten sei, und manchmal hielt der Vater und sie stiegen vom Kutschbock und gingen über die Felder, gute Erde, sagte der Vater, und was aus dem Land würde, wenn es keinen Bauern mehr dazu gäbe. Er rieb die Erde zwischen seinen Fingern, er zerrieb das Korn, das hoch stand, und wenn sie nach Hause kamen, sagte er zur Mutter, es sei wieder Land zu kaufen, da und da, und die Mutter sagte: Können wir das noch bewirtschaften?, und wieder später fuhr Franz mit dem Vater übers Land und der Vater sagte: Das gehört jetzt uns, Ackerboden, Wiesen, über die der Wind ging, ein Waldstück. Mit dem Vater war er übers Land gefahren, nach Lungitz, nach Engerwitzdorf, nach Grünau und nach Blindendorf, zu den verstreut liegenden Höfen und nach St. Georgen hinunter oder hinauf nach Gallneukirchen; sie fuhren mit dem Pferdefuhrwerk und der Vater transportierte dies und das, Getreidesäcke, Mehlsäcke, schwere metallene Milchkannen, Erdäpfel und Holz und Karden; Bierfässer und eingelegten Fisch in Fässern, der Geruch, den die Fässer verströmten.

Wenn eine wohin heiratete, verzurrte der Vater ärmlichen Hausrat, einen Kasten vielleicht, eine Kiste, sie stiegen auf den Kutschbock, der Vater schnalzte und die Rösser setzten sich in Bewegung, der Maxi und die Freila, ihre guten schweren Leiber, ihre starken Hinterteile, und wie ihre Ohren zuckten.

Ist schon gut, sagte der Vater, wenn einer ohnehin nichts hatte, oder er sagte: Ich meld mich, wenn ich dich brauch, zum Heueinbringen, zum Dachreparieren, schick mir deine Buben, wenn es so weit ist, und er schnalzte mit der Zunge und fuhr, mit einem Ruck, los.

Trittsiegel, hatte der Vater gesagt, wenn er mit ihm im Wald unterwegs war, mach die Augen auf, schau, was da ist, und für Franz enträtselte sich die Welt.

Der Vater sagte ihm, welche Bäume geschlagen werden mussten und Franz malte ein rotes Kreuz auf die Stämme, er sagte ihm, wo aufgeforstet werden würde, sie fütterten das Wild, dass es über den Winter kam, Heu in die Raufen und Kastanien und Eicheln; wie die Rehe den Kopf hoben und lauschten, wenn sie bei den Raufen standen, und wie sie manchmal, weil ein Ast brach und Schnee zu Boden rauschte, oder weil ein Zweig knackte, wie sie davonstoben, in heller Flucht.

Der Vater zeigte ihm die Spuren, hier war ein Marder gelaufen, ein Luchs oder ein Dachs, der hatte seine Grabekrallen in die Erde gedrückt; was erzählten die Fährten dem Vater, wie alt ein Tier war, ob es männlich war oder weiblich, ob es auf der Flucht gewesen war, auf der Jagd, auf Nahrungssuche, oder ob es ruhig gewandert war.

Spuren in feuchter Erde, im Schnee. Das feine Geläuf der Vögel auf weißer Fläche, Schwingenabdrücke im Schnee, eine Krähe, hatte der Vater gesagt, Amseltritte, und Raben; wie eine Maus von rechts nach links gelaufen war, viele Spuren übereinander, und wie der Fuchs schnürte, wie Perlen aufgefädelt seine Fährte. Der Vater las die Schrift in der Erde, im Schnee, nachts träumte Franz von Vögeln, die aufflogen, und von einem Geheimnis, das lockte.

Einmal fand er ein einzelnes Ei auf dem Waldboden, das schimmerte perlmuttweiß auf mürben, brüchigen Blättern; oder der Vater zeigte ihm ein Fasanengehege, er schob das Gras zur Seite, vier, fünf, sieben Eier im Nest, und im Sommer flogen die Hennen auf und die Fasane im bunten Federkleid. Er fand eine Feder, die war blau-weiß gestreift, Eichelhäher, sagte der Vater, oder er sagte Elster, Buchfink, Stieglitz, Kernbeißer, und hieß ihn die Rupfung deuten und auf die Vogelrufe hören. Pelzstreifen wehten von Zweigen, an einem Stamm hatte sich ein Wildschwein gerieben, er fand ein Knochenstück, an dem hing rot glänzendes Fleisch und kleine weiße Zähne leuchteten; fressen und gefressen werden, sagte der Vater und ragte groß über ihm auf.

Nimm mich mit, sagte Franz, wenn der Vater auf die Jagd ging. Später, sagte der Vater, später.

Die kühle Bläue eines frühen Morgens. Das dunkle Grün und wie die Hügel sich hinstreckten unter vielen Himmeln. Grauer Granit und weiß gekalkte Mauern.

Als ob er im Körper ganz voll gewesen wäre, schien ihm, von der Landschaft, ihren Steinen, dem Licht, das auf die dunklen Hügel fiel, und eine Freude war in ihm gewesen, die herausspringen wollte; er hielt sie aber zurück und trug sie, sachte, in der Brust; oder er lief über eine Wiese und schrie seine Freude hinaus, freudeschreiender Lauf, und die Hügel hallten von seinem Schrei und er ließ sich fallen und rollte über grüne Hänge und sprang wieder auf und lief und schrie mit ausgebreiteten Armen das Nichtbenennbare, das in ihm war, hinaus, und die Hügel und Wiesen und Wälder antworteten ihm, die ihm vertraute, anvertraute Landschaft. Wie sein Körper voll gewesen war von diesem Nichtbenennbaren.

ASTRID

Am Sonntag fuhr sie, weil sie schon lange nicht mehr oben gewesen war, nach K., Mittagessen mit den Eltern; der Vater gab ihr die Hand, die Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange, der in die Luft ging.

»Ein Kracherl?«, fragte der Vater.

Gerne ein Bier, hätte sie sagen können; kein Alkohol, wenn du Auto fährst, würde die Mutter sagen; ein Bier, Mama, würde sie erwidern, das ist kein Alkohol, und ich fahr ja auch nicht gleich wieder, und die Mutter würde die Lippen dünn machen, dass du auch immer alles besser wissen musst.

»Nur Wasser«, sagte sie.

Die Mutter wischte mit einem Küchentuch über glänzende Oberflächen.

»Dass man dich auch wieder einmal sieht.«

»Lass sie doch«, sagte der Vater. »Sie hat viel zu tun.«

»Man hört ja auch gar nichts mehr von dir«, sagte die Mutter und stellte die Suppe auf den Tisch, Rindssuppe, eine Kampfansage.

Jetzt bin ich ja da, hätte sie sagen können, oder: Aber du weißt, dass ich kein Fleisch esse, es war aber kein Platz für sie zwischen den Worten der Mutter. Erst als sie wieder zu Hause war, fiel ihr ein, dass sie nicht beim Franzopa vorbeigeschaut hatte.

Als Kind hatte sie Listen geführt: tote Katzen, tote Hunde, auf Landstraßen zu Matsch zerquatschte tote Igel. Gedärme, die aus Körpern quollen, gesplitterte Knochen, der Aufprall und das nasse Zerplatzen, und wie dann noch ein Auto über die toten Körper gefahren war und noch eins und noch eins, dass von den Körpern nur noch ein schmieriger roter Fleck geblieben war, mit Pelzstücken vielleicht im Rot; überfahrene Hasen, Igel, seltsam plattgemachte Vögel, Tauben meistens, manchmal eine Krähe.

Aber auch das: Maulwürfe auf Feldwegen, die sahen ganz unbeschädigt aus, ihr seidig schwarzes Fell, und waren doch tot. Schillernde Käfer, die rührten sich nicht mehr, wenn man sie antippte, an heißen Sommertagen schwarz vertrocknete Würmer und Schnecken, Mäuse, von Katzen an der Tür abgelegt, aus dem Nest gefallene Vogeljungen, feuchter Federflaum. Ein Rehkadaver im Wald, von Raubtieren, Füchsen wahrscheinlich, aufgebrochen, und der Prozess der Verwesung. Maden und Larven und Käfer und Würmer besiedelten das mürbe Fleisch, Fliegen surrten auf und Wespen knabberten sich ins Fleisch hinein, sie hatte eine Aufregung verspürt, tief innen, als wäre sie kurz davor, etwas zu begreifen.

Die Liste der toten Tiere hatte sie um die Anzahl der Schnecken erweitert, die die Mutter im Garten sammelte und die der Vater in einem Kübel mit Salz auflöste, um die geschätzte Anzahl der Ameisen, die alljährlich in ihrer Küche zu Tode kamen, durch mechanische Gewaltanwendung, durch Giftfallen, um die Zahl der Fliegen, die erschlagen wurden oder gemeinsam mit Wespen in Schalen mit Zuckerwasser ertranken.

Manchmal wurde ein Fisch lebend geliefert, Forellen, ein Karpfen, die Mutter nahm ihn aus dem Kübel, legte ein Tuch über seinen Kopf und schlug mit dem Schnitzelklopfer zu. Oder sie steckte ihren Finger in das schnappende Maul einer Forelle und bog den Kopf der Forelle zurück, bis es knackte, und später das weiche weiße Fleisch.

Und die Liste der Herbsttoten, Hasen, Rehe, Fasane, auf grünes Tannenreisig gebettet, mit Haken durch Kehlen, durch Unterkiefer gestoßen, von Hinterläufen baumelnd, gebrochene Augen.

Mit dem alten Fotoapparat ihres Vaters oder in bunten Skizzen hatte sie alle die Tode dokumentiert und die Stadien des Zerfalls, der Verwesung festgehalten. Wie lange dauerte es, bis die Schnecken in der Lauge aufgeschäumt waren, wie lange krümmte sich eine zerquetschte Ameise noch, mit zarten Beinchen, wie lange lag ein zerfetzter Hasenkörper in der Mitte der Straße, bis er bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, bis ein Tier sich des Kadavers bemächtigte? Das Federhäufchen, das ein Fink war, das Häufchen, das eine Maus war und auf dem Weg zur Schule, zur Kirche, am Rand der Felder lag und zerfiel, jeden Tag ein bisschen mehr, bis auch die letzten Federn, die letzten Knochen, Knöchelchen vom Regen weggespült, vom Wind verblasen, in den Boden getreten, von einem Aasfresser vielleicht weggetragen waren, bis auch das letzte Fetzelchen zerfallen, verschleppt, verweht, verschwunden war, das letzte Fetzelchen.

»Unsere Präpotenz«, sagte sie, »oder? Schädling zu nennen, was unseren wirtschaftlichen Erfolg stört. Zum Beispiel Blattläuse.« Sie projizierte eine hübsche hellgrüne Blattlaus an die Wand.

»Keine Frage, dass der Schaden, den Blattläuse anrichten können, groß ist. Aber ein Teil des Problems, und das müssen wir klarmachen, oder?, ein Teil des Problems ist der Mensch selbst. Stichwort: Gifteinsatz. Stichwort: Monokulturen. Stichwort: Hochzüchtung und Verlust von Resistenzen.«

Sie klickte sich durch ihre Datei, bunte Bilder erschienen auf der Wand. Die Grüne Pfirsichblattlaus, die Schwarze Bohnenlaus, Erbsenlaus, Große Rosenblattlaus, Spiralgallenlaus.

»Worauf willst du hinaus?«, fragte Karin.

Blattläuse, sagte Astrid, gebe es seit wie vielen Jahren, zweihundert Millionen? Und in all der Zeit sei es ihnen nicht gelungen, die gesamte Flora zu vernichten, wie man es von so schrecklichen Schädlingen erwarten würde – warum nicht? Weil es genügend Fressfeinde gab, die sie in Schach hielten! Weil sie einen Platz im Großen und Ganzen hatten, sonst gäbe es sie schon lange nicht mehr! Zudem seien, aus der Sicht einer Menge Lebewesen, Blattläuse alles andere als Schädlinge!

»Ganz abgesehen davon«, sie holte tief Luft, »dass der Mensch selbst der größte Schädling ist! Für den großen Rest der uns umgebenden Natur, aus wessen Sicht ist denn der Mensch ein Nützling?«

»Schon klar«, sagte Karin. »Aber was heißt das für uns in Bezug auf die Ausstellung? In Bezug auf unseren Raum. Sollen wir Schilder schreiben: ›Vorsicht Mensch!‹?«

»Ja, das sollten wir.«

»Was noch?«

»Beispielhaft aufzeigen, wo überall der Mensch das Problem ist. Das Verschwinden von Lebensräumen, das Artensterben insgesamt, Umweltschäden, der Irrweg, den die Landwirtschaft mit ihren Monokulturen geht, Konzerne, die sich dumm und blöd damit verdienen, unsere Umwelt zu vergiften – alles eben.«

»Alles ist vielleicht ein bisschen viel.«

»Aber wir wollen doch mehr als nur Insekten und ihre Fähigkeiten beschreiben, oder? Wenn wir keinen Zusammenhang herstellen zwischen den Insekten und uns, zwischen der Vielfalt der Welt der Insekten und der Gesamtheit der Welt – wozu dann überhaupt etwas machen?«

Karin malte Kringel auf ihren Notizblock.

»Alles können wir zwei mit unserem Thema sowieso nicht abdecken«, sagte sie. »Das müssen wir jedenfalls in der Steuerungsgruppe besprechen. Aber es bringt auch nichts, wenn wir ignorieren oder schönreden, was von vielen unserer Besucher tatsächlich als Bedrohung gesehen wird. Blattläuse zum Beispiel. Ich weiß schon, dass es eigentlich keine Schädlinge gibt. Aber wenn du dem nächsten Rosenzüchter erklärst, dass ER das Problem ist und nicht die Blattlaus, der wird sich schön bedanken!«

»Wird er tatsächlich, wenn wir ihm vorführen, wie er sich praktisch helfen kann. Kleine Kreisläufe, das können wir doch jedenfalls aufzeigen. Kleine praktische Beispiele. Wie man seinen Garten ohne Gift über die Runden bringt, wenn man natürlichen Feinden der sogenannten Schädlinge Unterschlupf bietet. Florfliegenquartiere. Ohrwurmquartiere. Insektenhotels. Nisthilfen. Welche Pflanzen helfen einander, Fressfeinde abzuwehren. Dass das Unaufgeräumte lebensfreundlicher ist als das tödlich Geordnete. Das können wir im Garten zeigen. Das gehört in die Workshops. Und wenn schon nicht alles in unseren Wiesenraum passt, dann muss es in den anderen Räumen gezeigt werden, beispielhaft, die großen Kreisläufe. Und dass alles zusammengehört.«

»Ja«, sagte Karin. »Natürlich. Dass alles zusammengehört.«

Nach der Arbeit lief sie. Dunkle Wolken jagten über den Himmel, feuchte Erde, der Geruch der Blätter vom Vorjahr, die den Weg rutschig machten. Die silbergrauen Stämme von Rotbuchen. In den noch kahlen Kronen wühlte der Wind.

FRANZ

Geräusche waren gewesen, im Wald, im Haus, im Hof, im Stall, in den Gassen und auf den Feldern und Wiesen. Das Mahlen der Kuhmäuler, und wie die Mistgabel über den Boden schabte, wie Heu in die Raufen fiel, und Schwalben schwirrten im Stall ein und aus und stießen, in blauer Luft, gläserne Schreie aus; Eimer schepperten und Milch schoss aus Eutern, das wischende Geräusch, wenn die Dirn die Euter wusch und über die Flanken der Kühe strich, warmes Muhen. Milchkannen knallten aneinander, schwere Holzschuhe klapperten über das Hofpflaster, wie eine Sau schrie, wenn sie abgestochen wurde. Blut wurde gerührt und schmatzte, und Rösser schnaubten und schlugen auf mit nervösen Hufen und wieherten hell; in Ställen mit knisterndem Stroh hockten Kaninchen, die mümmelten mit zitternden Schnauzen und schlugen mit ihren Hinterläufen auf den Boden; und Sterne zogen silbern klirrend auf, und die Sonne sang, als triumphierte sie, und später flüsterte die Nacht, dass er in einen Schlaf fiel, angstlos.

Im Haus knackte es, es knarrte und krachte, immer prasselte und summte in der Küche das Feuer. Die Dirn lief über die Holzstiegen, die ächzten, schwallendes Schwemmwasser plätscherte über den Steinboden und Fetzen wischten schlappend; aus der Wirtsstube drangen die Stimmen der Bauern, Gelächter fuhr auf und einer schrie, gegen die Ungerechtigkeit der Zeit, oder er schrie eine andere Zukunft herbei. Bierkrüge wurden hart auf Holzplatten gestellt und Besteck klirrte und draußen schmetterten Trompeten, und Tschinellen schlugen und Trommeln dröhnten, wenn die Musikkapelle durch den Ort zog und vor offenen Gräbern spielte, oder unter knatternd wehenden Fahnen.

Eine Axt fiel, ein Huhn flatterte, kopflos, das Schnurren der Katze, die leckte das Blut auf und ihre Kleinen maunzten.

Ein Falke zog, sein schriller Ruf. Der Schrei eines Hasen, in Todesangst. Und Frühlingsbäche glucksten und brausten und Regen trommelte hart gegen Fenster und Schmelzwasser rieselte; sanfte Schneestille.

Ein Käuzchen schrie und Bienen, Hummeln, Hornissen summten und brummten, und Mäuse raschelten im Heu, Hühner gluckten, ein Hahn krähte. Im Herbst sammelten sich Raben und Nebelkrähen auf den Feldern, krah!, machten sie, krah krah krah!, der Nebel dämpfte alle Geräusche; oder Wolken von Sperlingen schwirrten wieder aus Büschen und Stare fielen zeternd über Kirschbäume her, rote Süße im Junigrün.

Und Lutz! Lutz bellte, kläffte, jaulte, winselte und knurrte, er schlabberte Wasser auf; Elfis Lachen. Das Knirschen von Schritten im Schnee.

Immer schien die Mutter in einem Dunst zu stehen, in der Waschküche, in der Küche, aus den Waschzubern erhoben sich wogende Schwaden und in den Töpfen schwammen vielerlei Knödel. Oder sie kochte Rindfleisch für eine Zehrung, Gulasch für den kleinen und den großen Bürgertag, Würstel für die Männer nach der Messe, ein Beuschel, und Blunzen und Kraut und Erdäpfelschmarrn. Im Krieg musste es schwierig gewesen sein, den Gastbetrieb aufrechtzuerhalten, aber ihm schien, da seien immer Bauern an den Tischen gesessen, die Kaufleute, der Wagner, der Schuster, der Lehrer auch, und die Männer in Uniform.

Am Abend, zum Beten, mussten alle zu Hause sein. Nach dem Nachtmahl beugten sich die Brüder über ihre Heftln, oder Leonhard schnitzte ihm ein Pferd, eine Kuh; der Knecht rauchte seine Pfeife, und die Mutter stopfte und nähte, bügelte mit dem schweren Bügeleisen, das mit glühenden Kohlen gefüllt war. Sie besprenkelte die Wäsche mit Wasser – wieder stand sie im Dunst, wieder lösten sich Haarsträhnen, während der Vater, wenn er nicht mit der Dirn in der Wirtsstube stand, die Zeitung las, der Mutter vielleicht vorlas, was ihm bemerkenswert erschien: Da hatte ein Hof gebrannt, ein anderer Hof würde versteigert werden, Interessantes aus der Gegend, einer war in eine Jauchegrube gefallen, und später stellte sich heraus, die Schwägerin hatte ihn hineingestoßen; ein Kleinhäusler hatte sich erhängt, sie pressen ihnen das Blut aus, hatte der Vater geknurrt, und Franz hatte sich das vorgestellt, das Blut auspressen, und wie sich einer aufhängte; verstreute Mitteilungen, manchmal ein Witz, Übungsschießen der Wehrmacht, das war dann schon später, Lebensmittelrationierungen, Verlautbarungen, die die Bauern betrafen, Gemüsebau-Werbeversammlungen, als ob wir uns versammeln müssten, um Gemüse anzubauen!, knurrte der Vater; und wo die Truppen standen.

Und hin und wieder spielten die Eltern Karten. Meistens gewann die Mutter und strich die paar Groschen ein – Pfennige!, sagte sie später verächtlich – und gab sie zu ihrem Eiergeld, und vielleicht, an Kirtagen, vor dem Krieg, bekam Franz ein paar Groschen, davon kaufte er einen Lebkuchen, ein Glückspackerl, oder hutschte hoch hoch hinauf in wirbelnde Luft.

Wie alles auf dem Hof waren auch die Brüder dem Willen des Vaters unterworfen. Der Wille des Vaters machte, dass das Korn wuchs und der Klee, die Karden und die Erdäpfel und die Rüben, dass die Kühe Milch gaben und die Schweine fett wurden, und weil der Vater es wollte, liefen ihm Rehe und Hasen vor das Gewehr, und Rebhühner flogen auf, um vom Vater geschossen zu werden. Wenn der Vater übers Feld ging, wusste das Getreide, dass es wachsen musste; die Äpfel färbten sich rot und die Mostbirnen füllten sich mit hantiger Süße und später schäumte der Most im Fass und der Vater war zufrieden, alles fügte sich seinem Willen.

Dass Toni ins Holz fuhr und mit Leonhard in den Stall ging, dass die Brüder mähten und das Heu einbrachten, dass Franz die Kühe auf die Weide trieb und wieder heimholte, dass auf dem einen Feld Roggen und auf dem anderen Hafer angebaut wurde, das war der Wille des Vaters und wenn Toni später, da war er schon fast erwachsen, meinte, von diesem sollte mehr, von jenem weniger angebaut werden, man könne es mit einer anderen Sorte probieren, überhaupt könne man sich die Arbeit erleichtern, einen Traktor kaufen – du mit deinen neumodischen Ideen, sagte der Vater dann, was du dir in deinen Heftln zusammenliest, und wenn Toni darauf beharrte, etwas anders als der Vater machen zu wollen, dann sagte der Vater scharf: »Du tust, was dir angeschafft wird. Ende. Aus.«

»Aber …«

»Noch hast du nicht übernommen.«

»Ich geh in die Stadt arbeiten«, sagte Toni zornig und der Vater lachte, als ob das einer täte, freiwillig auf den Hof verzichten.

»Und wenn«, sagte er. »Ich hab noch zwei Buben. Geh in die Stadt, dann brauchst aber nicht mehr zurückkommen.«

Dös brauch i ned, sagte der Vater, wenn ihm was nicht passte. Wenn einer ein Raufbold war und meinte, er müsse sich in der Wirtsstube prügeln, jagte ihn der Vater aus dem Haus. Brauchst goa ned zruckkumma, rief ihm der Vater nach. Dös brauch i ned, dass mia a so a Trottl wia du die Gäst vertreibt!

Die Dirn hatte sich schwängern lassen; dös brauch i ned, sagte der Vater. A Bankert duachfuadan, jo, wos denn nu! Konnst glei deine Sochn packn.

Wenn Franz mit zerrissenen Hosen heimkam, machte er sich auf eine Ohrfeige gefasst. Pass auf dei Zeig auf, sagte der Vater, glaubst, dös Göd wochst auf die Bam, oder da Stoff, dös brauch i ned, dös Urassn, nur dass das woaßt!

Wos flennst, wos rearst, sagte der Vater, wenn Franz ein Kinderschmerz überkam, jetzt reißt di oba zsamm, hättst hoit aufpasst, hättst hoit geschaut, wos tuast denn so bled.

Du saudeppata Bua, sagte er, wenn Franz etwas ganz Dummes gemacht hatte, eine Kuh nicht ordentlich angepflockt, gestolpert und Milch verschüttet, wos stöllst di so bled an, wüllst a Tetschn, wüllst a Fotzn, ofotzna muaß ma eich, so bled sads ös.

Dös brauch i ned, hatte der Vater zu Toni gesagt, dass oaner gscheider sei wü ois i, konnst glei dei Binkerl pockn, wonns da ned passt do.