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Niklas kann sein Glück kaum fassen: Da landet doch tatsächlich eine Tasche voller Geld direkt vor seinen Füßen! Wenn das mal nicht die Antwort auf alle seine Probleme ist. Aber noch während er überlegt, was er mit der Kohle machen soll, stellt sich heraus, dass Niklas die Beute aus einem Banküberfall in die Hände gefallen ist – und plötzlich sind ihm die Gangster, die Polizei und sein eigenes schlechtes Gewissen auf den Fersen … Eine wilde Verfolgungsjagd durch Berlin, ein Bankraub und eine Tasche voller Geld – das ist der Stoff, aus dem spannungsgeladene Kinderbuchkrimis ab 10 Jahren gemacht sind, die (nicht nur) Jungs begeistern.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für August, Hilda und Fritz –
die coolste Gang der Welt.
Dorit Linke
PROLOG
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EPILOG
Ich stehe gern hier im Dunkeln und schaue aus dem Fenster. Ich kann alle sehen, aber mich sieht niemand. Das ist cool, ich bin fast unsichtbar. Und vor ein paar Tagen, das muss ich Euch unbedingt erzählen, hat mich meine Unsichtbarkeit gerettet.
Normalerweise passieren hier bloß langweilige Sachen, das Übliche eben. Ein Besoffener kotzt ins Gebüsch, Penner räumen die Altkleidertonne aus. Penner darf ich nicht sagen, meint Mama immer. Das ist nicht korrekt und respektlos, weil es den Leuten nicht gut geht. Klar ist es schlimm, wenn man keine eigenen Sachen zum Anziehen hat.
Draußen auf der Straße ist mal wieder Geschrei, wahrscheinlich kloppt sich Murats Gang mit irgendwelchen Opfern. Mich respektiert Murat jetzt, was echt ein Wunder ist! Eigentlich bin ich nicht besonders cool, aber ich hab was Cooles gemacht. Ich hab zusammen mit Felix echte Gangster besiegt! Jeder im Kiez will plötzlich mit uns befreundet sein!
Ihr glaubt das nicht? Dann passt mal auf.
Draußen wurde es dunkel. Ein blauer BMW fuhr immer wieder um die Kirche am Herrfurthplatz und hupte, vielleicht wollte er jemanden abholen. Es kam aber niemand aus der Kirche. Das nasse Kopfsteinpflaster glänzte im Licht der Straßenlaterne.
Wütend presste ich meine Nase an die Fensterscheibe. Wegen Kaminski, diesem Idioten, hatten Mama und ich uns mal wieder gestritten. Nach dem Abendbrot hat er mir befohlen, ihm ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, darauf hatte ich echt keinen Bock. Mama war sauer und schrie, dass sie mich am liebsten zu meinem Papa schicken würde. Der lebt auf Mallorca und badet jeden Tag im Mittelmeer.
Ich finde es doof, dass mein Papa so weit weg ist, das könnt Ihr mir echt glauben. Ich würde so gern ins Flugzeug steigen, über den Wolken schweben, die Sonne sehen und das Kribbeln im Bauch fühlen, wenn das Flugzeug landet. Und bei meinem Papa sein und nicht bei Kaminski. Der ist nämlich nur der Vater der Zwillinge, meinen Geschwistern, die jetzt im Zimmer nebenan pennen.
Meine Nase tat vom Herumdrücken an der Scheibe ziemlich weh, also zog ich den Kopf zurück. Plötzlich heulte ein Motor auf. Ein weißer Lieferwagen raste die Schillerpromenade runter, schnell und ohne Licht. Er kam von rechts, obwohl das eine Einbahnstraße ist! Und direkt vor mir ging das Autofenster auf und eine Tasche flog raus. Sie landete im Müllcontainer, der am Straßenrand vor unserem Fenster stand.
Der Lieferwagen raste weiter und da kam ein Polizeiauto um den Herrfurthplatz gefahren. Es stellte die Sirenen an und raste vorbei. Die Tasche lag im Container, niemand hatte sie gesehen.
Wie versteinert schaute ich aus dem Fenster. In der Tasche konnte nur was ganz Wichtiges sein!
Durch den Vorhang beobachtete ich die Straße. Draußen war alles wieder ruhig, so als wäre nichts gewesen.
Ich schlich zur Wohnungstür und zog meine ausgelatschten Joggingschuhe an. Meine Beine zitterten vor Aufregung. Ich machte kein Licht im Hausflur, lief raus auf die Straße, durch den Nieselregen zum Container und kletterte rein. Die Tasche lag zwischen einem verrosteten Kühlschrank und einem braunen Sessel mit Blumenmuster. Ich krabbelte über einen kaputten Fernseher und griff nach der Tasche. Direkt hinter mir raschelte es. Erschrocken schaute ich mich um. Zwei gelbe Augen funkelten mich an. »Miau!«
Erleichtert atmete ich aus. Es war nur eine schwarze Katze, die hinter einem Abfallberg hervorsprang und über das Kopfsteinpflaster davonrannte.
Plötzlich hörte ich Sirenen, ein Polizeiwagen kam näher. Ich zog den Kopf ein, presste mich an den Fernseher und bewegte mich nicht. Ich hielt die Luft an. Gleich würde die Polizei mich erwischen!
Aber dann entfernten sich die Sirenen wieder. Ich musste echt sehen, dass ich wegkam, und zwar so schnell wie möglich. Ich schnappte mir die Tasche und hüpfte aus dem Müll.
Als ich am Hauseingang war, knatterte hinter mir ein Motorroller. Jemand fuhr auf mich zu! Ich bekam eine richtige Gänsehaut. Vor Angst drehte ich mich nicht um, sondern riss hastig die Tür auf und verschwand im dunklen Hausflur. Einen Moment blieb ich stehen und horchte. Mein Herz schlug wie verrückt. Das Knattern wurde immer lauter und hörte direkt vor unserem Haus auf. Ich musste sofort zurück in die Wohnung. Dort knallte ich direkt gegen den Schuhschrank.
»Was ist los?«, rief Mama aus dem Wohnzimmer.
»Bin aus Versehen gegen den Schrank gestoßen«, rief ich.
»Pass doch auf, Niklas!«
»Ist gut!« Ich lief in mein Zimmer, machte die Tür zu und knipste das Licht an.
Vorsichtig stellte ich die Tasche aufs Bett. Braun und aus Leder, zwei Klickverschlüsse, die man abschließen konnte, und ein großer Henkel zum Umhängen.
Euch kann ich es ja sagen: Ich gruselte mich davor, die Tasche zu öffnen. Es hätte schließlich eine Bombe drin sein können! Oder Vogelspinnen!
Und gleichzeitig war ich total neugierig. Ich musste es genau wissen und nachschauen. Da merkte ich, dass der Vorhang nicht zugezogen war. Jeder, der draußen vorbeilief, konnte mich sehen. So ist das, wenn man im Erdgeschoss wohnt, die Leute glotzen immer rein und wollen wissen, was man so macht, das nervt total.
Bei der Sache mit der Tasche wollte ich echt keine Zuschauer haben, ich sprang schnell zum Schalter und knipste das Licht wieder aus. Dann lief ich zum Fenster und riss an den schweren Vorhängen.
Ich hatte es schon fast geschafft, als ich einen Mann sah, der mitten im Container und zwischen dem Müll stand. Ich kannte ihn sogar, es war der Cowboy. Der wohnt im Nachbarhaus und wird so genannt, weil er immer in Lederstiefeln und mit breitem Hut rumrennt.
Der Cowboy schmiss Stühle, Bretter und Eimer im Container durcheinander und blickte sich hektisch um. Mir war natürlich klar, was er suchte. Die Tasche! Dann sprang er mit leeren Händen zurück auf die Straße, schaute zum Mittelstreifen der Schillerpromenade, zur Kirche und zu den Häusern am Herrfurthplatz. Sein Blick wanderte zu meinem Fenster und ich versteckte mich schnell hinter dem Vorhang. Als ich mich wieder traute hervorzulugen, war der Cowboy zum Glück nicht mehr da.
Er hatte also was mit der Tasche zu tun! Jetzt musste ich erst recht wissen, was da drin war.
Ich zog die Vorhänge richtig zu und schaltete nur die kleine Lampe an meinem Schreibtisch an, damit so wenig Licht wie möglich von draußen zu sehen war. Ich ging zum Bett und drückte vorsichtig die Klickverschlüsse der Tasche runter. Sie waren nicht abgeschlossen. Ich hielt den Atem an und öffnete langsam die Tasche. Das Knirschen des Leders klang unheimlich in der Stille, wie in einem gruseligen Horrorfilm. Mir war richtig schlecht.
Voll krass! Der Hammer!
Das könnt Ihr Euch nicht vorstellen.
So was hatte ich noch nie gesehen.
Es war Geld. Ein riesiger Haufen Geld!
Ganz viele Scheine durcheinander: Hunderter, Fünfziger, Zwanziger, Zehner und Fünfer.
Ich starrte sie an und war wie gelähmt. So viel Geld!
Ich griff nach ein paar Scheinen und ließ sie aufs Bett fallen. Was sollte ich jetzt machen? Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Geld gesehen. Wieder nahm ich ein paar Scheine raus und tastete darüber.
Es war pures Glück, dass ich in dem Moment, als der Wagen kam, auf die Straße geguckt hatte. Aber wo kam das Geld überhaupt her? Und warum hatten es irgendwelche Leute in den Container geworfen?
Vielleicht war es gar nicht echt? Es sah aber verdammt echt aus. Das musste ich unbedingt rausfinden. Ich ging zum Regal, nahm mein Sparschwein und öffnete vorsichtig die kleine Tür an seinem Bauch. Mit zittrigen Händen fischte ich meinen Fünfeuroschein raus.
Ich setzte mich aufs Bett und hielt den Schein ins Licht. Ich sah einen silbernen Streifen und einen durchs Papier schimmernden Kopf, Wasserzeichen heißt das, glaube ich. Auf der rechten Seite gab es mehrere silberne Aufdrucke wie bei einem Rubbellos. Ich hielt einen Fünfeuroschein aus der Tasche daneben. Er sah genauso aus wie meiner.
Also zumindest der Fünfeuroschein war kein Falschgeld. Und wenn der echt war, waren es die anderen Scheine bestimmt auch.
Ganz ehrlich? Mir war total komisch im Magen. Das wäre Euch bestimmt auch so gegangen. Das war die Chance, auf die ich gewartet hatte. Unsere Familie konnte das Geld echt gut gebrauchen. Seit über einem Jahr war unsere Spülmaschine kaputt, Laura und Leon brauchten neue Schuhe, Mama duschte immer kalt, um Strom zu sparen. Und ich musste dringend einen neuen Computer haben. Meiner ist nämlich schon zehn Jahre alt und macht komische Geräusche, als würde er dauernd pupsen.
Ich starrte auf den Haufen Scheine. Wenn ich Mama mit dem Geld helfen würde, wäre sie endlich wieder stolz auf mich, dachte ich. Und sie würde mich wieder so lieb haben wie früher. In der letzten Zeit war sie nur noch genervt und meckerte ständig rum. Das war aber auch kein Wunder. Ich hatte mich in der Schule ziemlich verschlechtert und außerdem ganz schön viel Mist gebaut.
Das konnte ich jetzt wiedergutmachen.
Ich musste unbedingt wissen, wie viele Euros es überhaupt waren, und sortierte blitzschnell die Scheine. Leise begann ich, das Geld zu zählen.
»Hast du schon Zähne geputzt?«, schrie Mama im Flur, als ich ungefähr mit der Hälfte durch war.
Ich hielt den Schein fest, den ich gerade in der Hand hatte. »Mach ich gleich!«
»Und was ist mit den Hausaufgaben?«
Ich schloss die Augen, um mich zu konzentrieren. »Mach ich auch gleich!«
»Ja, dann mach aber mal hinne, damit es nicht wieder Ärger gibt! Heute Morgen hat mich schon wieder Frau Meyer-Kowalke angerufen!«
Meine Klassenlehrerin. Ich stöhnte auf. Jetzt war ich beim Zählen auch noch durcheinandergekommen und musste von vorn beginnen. Bei zweiundfünfzigtausendfünfhundert Euro hörte ich auf, weil Mama auf dem Flur herumpolterte und mich echt nervös machte.
Ich nahm mein Handy und tippte eine Nachricht an Felix. Komm rüber!
Er antwortete sofort. So spät?
Ja, Mann, ist wichtig!
Ich schaute durch die Vorhänge auf die Straße. Draußen war wieder alles normal und der Cowboy auch nicht zu sehen. Außerdem hatte es aufgehört zu regnen. Nach wenigen Minuten hörte ich das vertraute Rollen von Felix’ Skateboard.
Ich warf die rote Ferrari-Decke über die Geldscheine und lief zur Wohnungstür, um ihn reinzulassen. Er hatte seinen schwarzen Kapuzenpulli an, auf dem vorne ein Wolf mit orange leuchtenden Augen zu sehen war.
»Hallo«, sagte er leise.
Sein linker Arm steckte in Gips. Er war auf dem Flugfeld mit seinem Drachen abgestürzt und auf den Asphalt geknallt. Dabei hatte er sich den Arm gebrochen und seine Mutter hatte gar nicht mehr aufgehört zu schimpfen.
Ich wollte mit Felix im Zimmer verschwinden, aber Mama erwischte uns im Flur.
Sie sah komisch aus mit ihrer gelben Jogginghose und dem roten Schlabberpulli, voll peinlich. Und sie färbte sich gerade die Haare und hatte ein Handtuch um den Kopf gewickelt.
»Ihr müsst morgen in die Schule! Es ist schon nach neun!«
»Entschuldigung.« Felix schob sich die Kapuze vom Kopf, sodass seine roten Haare zum Vorschein kamen.
»Ich hab noch ’ne Frage zu Mathe«, sagte ich schnell.
»Um die Uhrzeit? Könnt ihr das nicht morgen in der Schule besprechen?«
»Dann ist es zu spät«, meinte ich.
Mama winkte genervt ab und lief ins Bad. »Zehn Minuten, mehr nicht!«
Wir gingen in mein Zimmer, Felix legte sein Skateboard auf die Dielen. Es hat ein cooles Motiv, einen grünen Außerirdischen mit roten Zähnen.
»Was gibt’s denn so Wichtiges?«, fragte er.
»Das ist jetzt echt krass«, flüsterte ich. »Krieg keinen Schreck!«
»Was denn?«
Ich schlug die Ferrari-Decke zurück. Felix starrte auf das Geld und klappte den Mund auf. Nach einer Weile schaute er zu mir hoch. »Was … äh …«, begann er zu stottern.
»Hammer«, rief ich.
»Aber …«, er blickte mich fragend an. »Aber woher hast du das denn?«
»Gefunden. Vor meiner Haustür.«
»Gefunden?«
»Irgendwelche Leute haben es aus einem Lieferwagen geworfen. In den Müllcontainer!«
Felix verzog sein Gesicht. »Aber warum denn?«
»Keine Ahnung. Sie wurden von der Polizei verfolgt! Ich hab die Tasche aus dem Auto fliegen sehen. Und sie mir dann geholt. Super, oder?«
»Ist es echt?« Felix legte den Kopf schief und betrachtete die Scheine. Schon wieder stand sein Mund offen.
»Glaube ja, den Fünfeuroschein habe ich schon überprüft. Und auf der Straße ist wegen der Tasche ziemliches Theater gewesen. Der Cowboy von nebenan war auch da und hat im Container gewühlt. Für einen Haufen Falschgeld hätte der das bestimmt nicht gemacht. Ob der wohl etwas mit der Sache zu tun hat?«
»Die haben das Geld sicher irgendwo geklaut«, sagte Felix.
Ich nickte. »Ich wette, das waren richtige Gangster!«
»Und du hast dir die Tasche einfach so geholt? Hattest du denn keine Angst?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nö.«
»Wie in einem Film«, murmelte Felix und schaute über die Scheine. »Und was machen wir jetzt damit?«
»Weiß noch nicht.«
Er kratzte sich am Hals. »Die Gangster suchen doch bestimmt nach dem Geld. Die wissen ja schließlich, wo sie es hingeworfen haben!«
Genau in diesem Moment hörten wir ein Auto langsam über das Kopfsteinpflaster der Schillerpromenade fahren. Felix sprang zum Fenster und ich knipste schnell das Licht aus. Jetzt war es richtig finster im Zimmer.
Felix war auf der rechten Seite des Fensters und ich auf der linken. Ich schob den Vorhang ein kleines Stück beiseite.
Es war der weiße Lieferwagen!
Und er hielt direkt vor meiner Haustür!
Die Beifahrertür öffnete sich und ein Mann stieg aus. Ich konnte ihn im Licht der Straßenlaterne gut erkennen. Er hatte eine schwarze Lederjacke und weiße Joggingschuhe an und lief den Bürgersteig entlang. Obwohl es dunkel war, trug er eine Sonnenbrille. Und ein Basecap.
»Das muss einer von ihnen sein!«
»Glaub ich auch«, flüsterte Felix. »Der sieht aus wie ein richtiger Gangster. Oh Mann! Er ist nur ein paar Meter entfernt.«
Mir blieb echt fast das Herz stehen. »Beweg dich nicht!«
Der Gangster kletterte in den Container, kramte darin rum. Er bückte sich und stand wieder auf.
»Er checkt die Lage«, flüsterte Felix, als hätte ich keine Augen im Kopf.
Dem Gangster fiel das Basecap runter. Er hatte eine Glatze. Schnell setzte er es sich wieder auf, sprang zurück auf den Bürgersteig und wich einem Hundehaufen aus. Ich sah noch einen Mann zum Container laufen.
»Das ist er«, flüsterte ich aufgeregt. »Der Cowboy!«
Der mit der Glatze ging sofort auf den Cowboy los, packte ihn am Kragen und hob ihn in die Luft. Er schüttelte ihn so doll durch, dass dem Cowboy der Hut vom Kopf flog und seine blonden Haare im Wind flatterten.
»Warum macht der das denn?«, fragte Felix ängstlich. »Ich dachte, die gehören zusammen?«
»Der mit der Glatze denkt vielleicht, dass der Cowboy das Geld genommen hat«, flüsterte ich. »Vielleicht sollte er die Tasche verstecken oder so.«
Wütend setzte der Mann den Cowboy zurück auf den Boden. Der rief laut: »Nein, nein, nein«. Dann zeigte er plötzlich mit dem Finger auf unser Haus.
Wir zogen schnell die Köpfe ein.
»Was soll das denn?«, flüsterte Felix.
Meine Kehle schnürte sich vor Angst ganz eng zu. Vorsichtig lugte ich durch den Vorhang. Die beiden starrten zu meinem Fenster.
»Scheiße«, flüsterte ich.
»Wenn die wissen, dass wir das Geld hier haben, können wir gleich einpacken«, jammerte Felix. »Die machen uns voll fertig!« Seine Zähne klapperten beim Reden aufeinander, so aufgeregt war er.
Der Gangster gab dem Fahrer ein Zeichen. Er schaute wieder zu meinem Fenster und zu unserer Haustür.
»Mist, die ahnen echt was.« Mir war richtig übel.
»Wir müssen deiner Mutter sagen, dass sie niemanden reinlassen soll. Die killen uns doch gleich. Mit solchen Leuten darf man sich niemals anlegen!« Er hockte sich auf die Dielen und umklammerte seine Beine.
Plötzlich öffnete sich die Fahrertür und ich hörte eine laute Stimme. Der Gangster auf dem Bürgersteig hob den Kopf, sah die Straße runter und lief dann schnell auf den Lieferwagen zu. An der Autotür schaute er sich noch mal um. Seine Sonnenbrille starrte mich an. Hatte er mich etwa gesehen?
»Was ist los?«, murmelte Felix ängstlich.
»Der mit der Glatze steigt in den Lieferwagen. Und der Cowboy auch.«
Der Motor startete und der Fahrer trat so stark aufs Gaspedal, dass der Wagen einen Satz nach vorn machte. Er raste davon.
»Puh!« Erleichtert atmete ich aus.
»Warum hauen die denn ab?«, fragte Felix.
In diesem Moment hörte ich die Sirenen, die lauter wurden und näher kamen. »Polizei«, flüsterte ich.
Felix zog sich am Fensterbrett hoch.
Ein Polizeiwagen kam an der Kirche vorbei, aber der weiße Lieferwagen war längst wieder verschwunden.
»Schwein gehabt«, sagte ich.
»Ja, jetzt«, flüsterte Felix. »Aber die kommen wieder und machen uns alle. Das sind echte Gangster! Wir müssen das Geld unbedingt zur Polizei bringen.«
»Nein«, rief ich, »auf gar keinen Fall!«
»Du willst es behalten?«, fragte Felix total erstaunt.
»Ja klar, was denkst du denn! So eine Chance gibt es im Leben nicht noch mal, die lasse ich mir doch nicht einfach so entgehen! Das ist wie ein Sieg bei DSDS!«
»Aber das geht doch nicht«, murmelte Felix.
»Und warum nicht? Überleg doch mal, was wir alles damit machen könnten. Wir könnten den Leuten hier im Kiez helfen, die haben doch alle keine Kohle. Meine Familie zum Beispiel ist auch arm und deine Mutter muss dauernd arbeiten und ist nie zu Hause.«
Im Flur war leises Schlurfen zu hören. Plötzlich ging die Tür auf, Mama stand im Rahmen. Mit dem um den Kopf gebundenen Handtuch sah sie aus wie ein Pirat aus der Karibik.
Oh nein, dachte ich. Mach bloß nicht das Licht an! Das ganze Bett ist voller Geld.
»Aha, Mathe im Dunkeln! Was bitte wird das hier?«
»Äh, wir sollen uns für Mathe die Geometrie des Raumes vorstellen«, sagte Felix ernst. »Hat Herr Altmeier gesagt.«
»Und das geht nur im Dunkeln«, rief ich.
»So, so! Fünf Minuten!« Mama knallte die Tür wieder zu. Schnell warf ich die Ferrari-Decke über die Scheine. »Hör zu. Wir müssen das Geld erst mal verstecken. Und dann denken wir in Ruhe darüber nach, was wir damit machen.«
»Und wo verstecken wir es?«
»Irgendwo draußen«, flüsterte ich. »Du haust jetzt erst mal ab und wartest vor meiner Haustür. Ich komme mit dem Geld gleich hinterher.«
»Ich weiß nicht«, meinte Felix. »Das ist doch total gefährlich. Die Gangster werden uns bestimmt sofort hinterherjagen.«
»Die kennen uns doch gar nicht. Und außerdem brauche ich jetzt deine Hilfe. Du bist doch mein bester Freund, oder nicht?«
»Hm.« Felix nickte, nahm sein Skateboard und schlurfte zur Wohnungstür.
»Bis morgen«, rief ich laut, damit Mama es hören konnte.
Felix verschwand im dunklen Hausflur.
Ich öffnete die Wohnzimmertür, um Mama Gute Nacht zu sagen.
Sie saß neben Kaminski, der eine Flasche Bier in der Hand hielt und sich am Bauch kratzte. Er trug ein weißes Unterhemd und bunte Boxershorts. Mama und er starrten in die Glotze und beachteten mich gar nicht.
Ich musste mich unauffällig benehmen, so wie sonst auch immer. Und weil ich jeden Abend eine Weile an der Tür stehe und in den Fernseher schaue, machte ich das jetzt auch. Es lief gerade Kaminskis Lieblingsserie über Auswanderer. Das sind Leute, die nicht mehr in Deutschland leben wollen und denken, dass es in einem anderen Land viel besser ist, weil dort die Sonne öfter scheint und so. Aber sie stellen sich beim Auswandern meistens ziemlich blöd an, können die Sprache nicht und sind dann voll eingeschnappt, wenn niemand mit ihnen redet. Kein Wunder!
Leider will Kaminski nicht auswandern. Ich hab ihm das neulich vorgeschlagen und mir damit Stubenarrest eingefangen, angeblich weil der Spruch respektlos gewesen war.
Die Auswandererfrau im Fernsehen heulte gerade, weil die ganze Familie nur noch zwölf Euro und fünfzig Cent hatte.
»Was denn noch«, murmelte Mama, ohne mich anzuschauen.
»Ich wollte Gute Nacht sagen. Felix ist weg.«
»Wurde auch Zeit«, nuschelte Kaminski und machte eine Handbewegung in meine Richtung. »Tür zu, es zieht!«
»Nacht!« Ich schloss die Wohnzimmertür und ging in mein Zimmer. Das hatte schon mal gut geklappt. Im Schrank kramte ich nach der kleinen Schaufel, die Felix und ich immer benutzen, wenn wir auf dem Flugfeld nach alter Munition graben, die es dort geben soll, Reste vom Krieg und so. Bisher haben wir aber außer Steinen, Grillkohle und toten Mäusen nichts gefunden. Papas Messer lag auch im Schrank, aber das konnte ich jetzt nicht gebrauchen.
Ich stopfte die Geldscheine zurück in die Tasche und legte die Schaufel dazu. Dann zog ich mir meine blaue Lieblingsjacke an, öffnete das Fenster und lauschte in die Dunkelheit.
Eine Sekunde, zwei Sekunden.
Es war nichts zu hören, jedenfalls nichts Verdächtiges. Auf der Schillerpromenade sang George ein Lied, wahrscheinlich war ihm langweilig. George ist auch mal ausgewandert, er kommt aus England.
Ich horchte weiter am Fenster, als ich plötzlich Felix’ helle Stimme hörte: »Nun komm schon, die Luft ist rein.«
Ich schaute raus. Felix stand ein paar Meter entfernt auf dem Bürgersteig und warf seinen Kopf hin und her, sein Skateboard lag vor ihm. »Die Polizei ist ein paarmal durchgefahren, aber jetzt scheint es ruhig zu sein.«
Ich gab ihm die Tasche und stieg aufs Fensterbrett.
Zum Glück kommt Mama abends nicht mehr in mein Zimmer, deshalb merkt sie es nicht, wenn ich nachts noch mal abhaue.
Ich sprang auf den Bürgersteig und zog hinter mir das Fenster zu. Man sah fast nicht, dass es offen war. Felix hüpfte schnell auf sein Skateboard und fuhr neben mir her.
Der Back-Shop an der Ecke hatte zu, aber im Café Istanbul in der Fontanestraße brannte noch Licht. Ein paar türkische Männer saßen um einen Tisch herum und spielten Karten.
»Wir müssen in die Hasenheide, da sind genug Bäume«, sagte ich. »Auf dem Flugfeld könnte man uns sehen.«
»Hasenheide ist gut«, flüsterte Felix. »Hauptsache, es geht schnell, und niemand sieht uns.«
Als wir über den Columbiadamm rüber waren, hörten wir schon den Lärm, der aus dem Park kam. Halb Neukölln war zu den Maientagen unterwegs. Jedes Jahr fahre ich mit Felix auf dem Rummel Karussell und wir essen Eis oder gebrannte Mandeln. Aber dafür war in diesem Moment keine Zeit, wir hatten was viel Spannenderes vor!
Aber wo sollten wir die Tasche vergraben?
»Wir müssen einen Ort suchen, wo nicht so viele Leute sind«, sagte ich.
»Vor allem hab ich gar keinen Bock auf die Dealer, die in den Gebüschen auf der Lauer liegen«, meinte Felix. »Vorgestern hab ich meinen Fußball gesucht und bin voll über einen gestolpert.«
Es war keine gute Idee, die Tasche im Dealer-Revier zu vergraben. Die verstecken ihre Drogen in der Erde und buddeln da andauernd rum. Unsere Lehrer warnen uns oft und sagen, dass Drogen der Anfang vom Ende sind. Die Leute, die Drogen nehmen, sehen echt krass aus und benehmen sich meistens ziemlich komisch.
Wir liefen an der Hasenschänke vorbei. Der Laden war schon zu, trotzdem saßen ein paar Typen im Dunkeln an den Tischen, tranken Bier und rauchten. Hier war es richtig laut, weil der Rummel ganz nah war.
Felix sprang vom Skateboard und drehte sich um sich selbst. »Irgendwo hier!«
Aber wo? Hasenschänke, Gebüsch, Wiese, Freiluftkino, Rosengarten.
»Ich hab eine Idee«, flüsterte ich. »Wir verstecken die Tasche im Rosengarten. Da sind keine Dealer. Und die Leute von der Hasenschänke können uns zwischen den Büschen nicht sehen.«
Also liefen wir zum Rosengarten und öffneten die kleine weiße Tür. Niemand war mehr da. Wir gingen zu einer Bank, die vor einem großen Busch stand.
Ich hockte mich hin.
»Wir müssen tief graben, am besten einen halben Meter«, flüsterte Felix. »Die Hunde buddeln die Tasche sonst wieder aus.«
Ich holte die Schaufel aus der Tasche und fing an zu graben. Felix leuchtete mit seinem Handy, während ich die Erde wegschippte. Im Augenwinkel sah ich immer wieder die Geldscheine in der Tasche. Das war alles total irre!
Ich schippte und schippte – und stieß plötzlich auf was Hartes. »Mist.«
»Was ist?«, fragte Felix.
»Da ist was!«
»Was denn?«
»Keine Ahnung. Vielleicht eine Leiche.«
»Du spinnst!« Felix leuchtete ins Loch. Ich grinste ihn an. Es war nur eine Wurzel.
»Mann, jag mir doch nicht so einen Schreck ein«, flüsterte Felix.
Ich grub weiter, es war anstrengend. Felix konnte nicht mithelfen, weil sein Arm eingegipst war. Er konnte nur leuchten. Und ich musste das Loch um die Wurzel herum graben, am Ende sah es komisch aus, wie eine Kartoffel.
