Fette Beute - Eckhard Hagedorn - E-Book

Fette Beute E-Book

Eckhard Hagedorn

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Beschreibung

"Nicht kleinzukriegen!": Das ist ein Kompliment für Menschen mit Durchhaltevermögen. Es wäre aber auch ein passendes Kompliment an die Bibel. Sie hat es sich im Lauf der Jahrhunderte redlich verdient. Denn in ihr, diesem außerordentlich dicken Buch, spricht Gott zu den Menschen. Es ist das Lese- und Lebensbuch schlechthin. Es ist das Buch, von dem Generationen von Christen nicht genug kriegen konnten. Doch heutzutage scheint das völlig anders zu sein. Denn den meisten Christenmenschen fällt das Lesen inzwischen genauso schwer wie anderen Leuten. "Nicht kleinzukriegen!" kann zweitens bedeuten: Nur groß zu kriegen! Nur in voller Größe, als Ganzes, zu bekommen. In der Tat: Die Bibel ist kein dünnes Buch. Sie ist auch nicht vollschlank. Sie ist dick, richtig dick, für sehr viele unpraktisch dick, für einige sogar unzumutbar dick. Doch man kann mit der Bibel durchaus "fette Beute" machen, die das eigene Leben bereichert, stärkt und ausrüstet auf dem Weg zum ewigen Ziel. Wie kann man die Bibel in ihrer ganzen Größe lesen und lieben lernen? Wie kann aus Last Lust werden? Auf solche Fragen hat der Autor exakt die passenden Antworten! "Die Bibel ist mehr als 1400 Seiten dick. Die meisten Menschen kommen aber nicht als Leseratten zur Welt ... In meinem Buch geht es darum, wie zusammenfinden kann, was scheinbar gar nicht zusammenpasst. Und wie wir dieses dicke Buch in unser dünnes Leben kriegen." (Eckhard Hagedorn)

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Eckhard Hagedorn Fette Beute

Für Gerlinde

Eckhard Hagedorn

Fette Beute

Warum die Bibel so dick ist

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Die Bibelstellen wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen: Lutherbibel © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

© 2017 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Umschlagfoto: Wolf Suschitzky, Getty Images E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-474-5 ISBN (MOBI) 978-3-03848-475-2

Inhalt

Danksagung

Einleitung

Wenn die große Schere auseinandergeht

Die optische Täuschung

Die große Schere

Der Mangel mitten in der Fülle

Kapitel 1 · Spannungsfelder

Was einem passieren kann, der es mit der Bibel zu tun bekommt

Verständnis suchen – dem unverstandenen Gott begegnen

Bestätigung erwarten – Widerspruch erfahren

Vertraut werden – Fremdheit zulassen

Wissen erwerben – Beziehung gestalten

Kapitel 2 · Perspektiven

Wozu es gut sein könnte, dass die Bibel so dick ist

Die Bibel ist so dick, damit Gott genügend Gelegenheiten hat, sich vorzustellen

Die Bibel ist so dick, damit wir merken: Gott ist nichts Menschliches fremd

Die Bibel ist so dick, damit unsere Gebete nicht so dünn bleiben

Die Bibel ist so dick, damit wir sprachsensibel werden

Die Bibel ist so dick, damit Mündigkeit eine Zukunft hat

Die Bibel ist so dick, damit unsere Sehnsucht sich klären und erfüllen kann

Die Bibel ist so dick, damit wir Zeit gewinnen

Kapitel 3 · Orientierungen

Welche Ergänzung die Erfolgsmodelle brauchen

Drei zu eins – und doch kein Heimsieg

Was es hier zu sehen gibt

Vier Evangelien – Last oder Lust?

Wenn Briefe eine Gestalt bekommen

Kapitel 4 · Missverständnisse

Wie man vermeiden kann, sich selbst ein Bein zu stellen

Problemzone «Disziplin»

Problemzone «Askese»

Problemzone «Gesetzlichkeit»

Problemzone «Leistung»

Problemzone «Freiheit»

Kapitel 5 · Konkretisierungen

Wie es wirklich gehen könnte

Langsam und schnell

Leise und laut

Außen und innen

Beständigkeit und Beweglichkeit

Finale Gedanken

Wo die Bibel ihren Sitz im Leben hat

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Danksagung

Seit Jahrzehnten lese ich in neuen Büchern besonders gern und fast immer mehrmals die Dankesworte, die ihnen vorangestellt sind. Sie spiegeln etwas von einem großen Abenteuer wider, dem Entstehen eines Buches. Dass ich jetzt selbst in die Lage komme, ein paar solcher Worte auszusprechen, macht mich glücklich.

Unseren Kindern Judith, Christine, Thomas, Markus, Lisa und ihren Ehepartnern danke ich für ihr Interesse an diesem Buch von Anfang an. Sie haben die Rohfassung erster größerer Abschnitte aufmerksam gelesen, ihre eigene Sicht der Dinge beigesteuert, immer wieder behutsam und hartnäckig nachgefragt, wann das Buch denn endlich fertig ist, und unterdessen in ihrem Bekanntenkreis bereits nach potenziellen Lesern Ausschau gehalten. Das tat gut.

Als es darum ging, jahrelang Notiertes nun auch zu sortieren und zu gliedern, halfen Tage ungestörter Konzentration in der Ferienwohnung von Birgitta und Christoph Siebold. Die Leitung des Theologischen Seminars St. Chrischona genehmigte mir ein Freisemester; Stephanie Korinek und Dr. Dirk Kellner haben meinen Unterricht übernommen.

Elisabeth Bockmühl und Schwester Ursula Rohner würdigten das Rohmanuskript einer intensiven Urlaubslektüre. Ihre Bleistiftnotizen motivierten mich zusätzlich. Ernst-Reinhard Steinke hat mit einem großzügigen Druckkostenzuschuss die Tür zur Veröffentlichung aufgemacht, und in den letzten Monaten haben mir Vera Hahn, Anne Helke und Christian Meyer vom Fontis-Verlag alle meine positiven Vorurteile über die Tugenden guter Lektoren bestätigt. Ich danke Euch allen sehr!

Dass ich dieses Buch der Frau, die seit langem Bibel und Leben mit mir teilt, zum 40. Hochzeitstag widmen kann, freut mich besonders.

Einleitung

Wenn die große Schere auseinandergeht

Das Wichtigste in Kürze: Die Bibel ist mehr als tausend Seiten dick. Die meisten Menschen kommen aber nicht als Leseratten zur Welt. – In diesem Buch geht es darum, wie zusammenfinden kann, was scheinbar gar nicht zusammenpasst.

Weiteres Interesse? Gut, dann etwas ausführlicher.

«Nicht kleinzukriegen!»: ein Kompliment für Menschen mit Durchhaltevermögen. «Hart im Nehmen!» – «Verschleißresistent!» – «Unkaputtbar!»: Diese anerkennenden Worte wären aber auch passende Komplimente an die Bibel. Sie hat sie sich im Lauf der Jahrhunderte redlich verdient.

«Nicht kleinzukriegen!», kann zweitens bedeuten: nur groß zu kriegen, nur in voller Größe, als Ganzes, zu bekommen. Wie kann man die Bibel in ihrer ganzen Größe lesen und lieben lernen? Wie kann aus Last Lust werden?

In der Tat: Die Bibel ist kein dünnes Buch. Sie ist auch nicht vollschlank. Sie ist dick, richtig dick, für sehr viele unpraktisch dick, für viele sogar unzumutbar dick. Deshalb raten manche zur Schlankheitskur. Der Wettbewerb der Hungerkünstler ist in vollem Gang: «Ich komme mit noch weniger aus als du.» Sprach's und verhungerte.

Aber als Jesus sagte: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein» (Matthäus 4,4), war das keineswegs als geistliche Diätempfehlung Richtung Nulldiät gedacht. Wenn es gut ging, wurden die Jesusjünger zu lebenslangen Bibelschülern. Das dicke Buch ist nämlich aller Mühe wert. Eine Christenheit, die im 21. Jahrhundert gegenüber der Bibel aufs Ganze geht, kann viel gewinnen. Dazu will Fette Beute beitragen.

Die optische Täuschung

Zwölfkommasechs mal achtkommaacht mal zweikommasechs Zentimeter: Eine Schachtel in dieser Größe hätte gerade mal Platz für einhundertzwanzig Gummibärchen. Aber es sind die Maße einer vollständigen Bibel. Sie passt in eine Damenhandtasche, in die Gesäßtasche einer Jeans, ins Handschuhfach eines Autos. Sie kann mitkommen ins Schwimmbad, in die Pizzeria, in die Schule, fast überall hin. – Sie sieht aus, als könne man sie in einem halben Tag durchlesen.

Das ist freilich eine Täuschung. Erst beim Öffnen entdeckt man, wie klein Buchstaben sein können und wie dünn Dünndruckpapier. Der Winzling hat stolze 1212 Seiten. Er ist sozusagen innen viel größer als außen, eben: eine optische Täuschung. Je kleiner die Bibel, desto größer die optische Täuschung. Und weil es so viele verschiedene Bibelausgaben gibt, weiß kaum jemand, wie dick die Bibel in Wirklichkeit ist. Man kann das Problem natürlich digital lösen und sich vom Computer sagen lassen, wie viele Zeichen eine Bibel hat. Dann ist aber wenig gewonnen, denn die meisten können sich unter dieser Riesenzahl nichts Genaues vorstellen.

Am besten ist, man vergleicht die Bibel mit anderen Büchern. Würde man die Bibel in gleichem Seitenformat, mit gleicher Papierstärke und gleicher Buchstabengröße drucken wie einen Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur, den 1968 erschienenen Roman Deutschstunde von Siegfried Lenz (1926–2014), sie würde 19,75 Zentimeter dick! Ein Fall nur für ausgesprochene Leseratten – möchte man meinen. Die aber sind selten. Die meisten Menschen kommen nicht als Leseratten zur Welt.

Deswegen hat das, was die Leute lesen, meist viel weniger Seiten als die Bibel. Ein Asterix-Heft begnügt sich mit 48 Seiten. Der «Spiegel» bleibt aus guten absatztechnischen Gründen nur fingerdick, und selbst ein Promi-Kochbuch wie die Kochschule von Johann Lafer kommt mit 416 Seiten aus. Die sind freilich reich bebildert und wollen auch nicht wie Asterix in einem Zug durchgelesen werden.

Ab und zu überschreiten Bücher die 1000-Seiten-Grenze. Ken Follett und George R.R. Martin schreiben regelrechte Buchklötze. Aber das sind hochgepuschte Ausnahmen.

Man kann auch ohne Lafers Kochbuch kochen, Nachrichten aus anderen Medien beziehen als dem Spiegel, George R.R. Martin, Ken Follett und Siegfried Lenz links liegen lassen; nicht einmal Asterix muss jeder mögen. Auch soll es bereits Statistiken geben, nach denen die Zahl der «funktionalen Analphabeten» zunimmt. Das sind Menschen, die einmal Lesen gelernt haben, später aber ganz oder fast ganz aufs Lesen verzichtet haben. Längst sind es in Deutschland weit mehr als sieben Millionen.

Die Christenheit befindet sich also mit ihrer Bibel in einer ganz besonderen Lage.

Einerseits hat sie schon seit Jahrhunderten betont: Dieses außerordentlich dicke Buch ist Gottes Wort an die Menschen, das Lese- und Lebensbuch schlechthin, das Buch, von dem man, wenn es mit rechten Dingen zugeht, gar nicht genug kriegen kann. – Andererseits fällt den meisten Christenmenschen das Lesen genauso schwer wie anderen Leuten.

Eine Bibel ist schnell gekauft, aber kaufen ist nicht dasselbe wie lesen. Also muss man die Frage stellen, wie groß der inhaltliche Unterschied zwischen theoretisch vorhandener und praktisch angeeigneter Bibel ist. Meistens ist er groß. Außerdem geht die Schere zwischen Aneignungsmöglichkeiten und Aneignungswirklichkeit immer weiter auseinander. Mitten in der Fülle herrscht Mangel. Es lohnt sich, hier etwas genauer hinzusehen.

Die große Schere

Nie war es für die deutschsprachige Christenheit so bequem und so billig, sich die Bibel anzueignen. Wir leben mitten in einer bisher nie dagewesenen Fülle von Möglichkeiten.

So billig: Heute kostet eine Bibel weniger als ein schlecht entlohnter Arbeiter in zwei Stunden verdient. Und wer kein Geld hat, kann sich eine schenken lassen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es wohl keinen Ort, von dem aus man nicht innerhalb von zwei Stunden auf ehrliche Weise kostenlos zu einer Bibel kommen kann.

Das war einmal anders. 1983 veranstaltete das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg eine Ausstellung zum 500. Geburtstag Martin Luthers. Die Besucher erfuhren nicht nur etwas über die Bedeutung seiner Bibelübersetzung, sondern auch über die Preise des im September 1521 publizierten Neuen Testaments und der späteren Vollbibel:1 sechs Pflüge oder anderthalb geschlachtete Kälber für ein Neues Testament, zwei Gulden und acht Groschen für eine Vollbibel – in einer Zeit, in der ein Lehrer etwa dreidreiviertel Gulden Jahreslohn erhielt.

So bequem: Die Bibel ist heute nicht nur preiswerter, sie ist, wie ein Rückblick zeigt, auch benutzerfreundlicher geworden.

Bibelhandschriften aus den ersten Jahrhunderten bieten noch keine Kapitel- und Versangaben. Es gab viele Versuche, Abschnitte festzulegen; man zählte sogar die Wörter. Die gute Bibelkenntnis mancher Christen der frühen Kirche beeindruckt besonders, wenn man bedenkt, unter welch schwierigen Bedingungen sie zustande kam.

Wer im Mittelalter lesen konnte, konnte in der Regel auch Latein. Über tausend Jahre lang war die lateinische Bibelübersetzung, die Hieronymus (347–420) angefertigt hatte, die Bibel schlechthin. Der Erfolg spiegelt sich im Namen wider: «Vulgata», die Verbreitete. – In den Klöstern wurden täglich die Psalmen gebetet. Das war neben der Messe das spirituelle Rückgrat dieser Lebensform.

Es dauerte sehr lange, bis Stephen Langton, Erzbischof von Canterbury (ca. 1150–1228), eine

Kapitel

einteilung einführte, die sich international durchsetzte. Die heutige

Vers

einteilung stammt sogar erst aus dem 16. Jahrhundert. 1559 hat sie der Pariser Drucker Robert Estienne (ca. 1500–1559) in seinen Bibelausgaben verwendet. Von da an war es kinderleicht, eine Stelle aufzuschlagen. Ein ungeheurer Fortschritt!

Martin Luther (1483–1546) übersetzte 1521 das Neue Testament ins Deutsche, nicht als Erster, aber besonders gut. Das bestätigten viele Raubdrucke der folgenden Jahre. Die Übersetzung des Alten Testaments nahm noch einige weitere Jahre in Anspruch. Die Vollbibel erschien 1534. Aber immer noch konnten die meisten Menschen nicht lesen. Deshalb wurden die Lutherbibel und in der Schweiz die Zwinglibibel (Zürcherbibel) trotz ihres offenkundigen Erfolgs noch nicht zu wirklichen Volksbibeln.

Im Jahr 1710 gelang ein großer Schritt nach vorne. Carl Hildebrand Freiherr von Canstein (1667–1719) schlug ein Druckverfahren vor, das zunächst sehr viel Kapital erforderte. Statt jeweils Buchstabe für Buchstabe neu zu setzen, wurden jetzt Druckplatten ganzer Seiten gegossen. Mit ihnen konnte man sehr viele Auflagen herstellen. Ergebnis: Die einzelne Bibel war jetzt wesentlich billiger zu erwerben: Sie war wirklich auf dem Weg, ein Volksbuch zu werden.

2

Zwischen 1800 und 1820, in einer Zeit, in der sich die Lesegewohnheiten und die Buchproduktion gesamtgesellschaftlich intensivierten,

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wurden eine Reihe von Bibelgesellschaften gegründet, Hunderttausende von Bibeln verkauft, verschenkt und gelesen. Jetzt war die Bibel auch in der «breiten Masse» angekommen.

Nach 1945 entstanden in immer schnellerer Folge eine Reihe neuer Bibelübersetzungen. Gab es noch 150 Jahre zuvor kaum eine Alternative zur Luther- oder zur Zwinglibibel, so stehen inzwischen mehr als zwanzig deutsche Übersetzungen zur Verfügung. – Die Ausgaben in den Grundsprachen der Bibel, Hebräisch für das Alte und Griechisch für das Neue Testament, sind auf einem Niveau angelangt, von dem die Reformatoren im 16. Jahrhundert nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

In der katholischen Kirche gab das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) starke Impulse zur Bibellektüre. «Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die Christgläubigen weit offenstehen.»

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Der «Katechismus der Katholischen Kirche» (1993) legt den Gläubigen die «häufige Lesung der göttlichen Schriften» nahe, weil so die überragende Christus-Erkenntnis (Philipper 3,8) gefördert wird. Mit Hieronymus heißt es: «Unkenntnis der Schriften ist nämlich Unkenntnis Christi.»

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Ab den 1990er Jahren stießen im deutschsprachigen Raum elektronische Bibelprogramme auf wachsendes Interesse.

Fazit: Es ging uns noch nie so gut. Was die Zugangsmöglichkeiten zur Bibel angeht, muss man sagen: Wir werden auf Händen getragen.

Das Gleiche gilt im Blick auf die unüberschaubare Fülle von Hilfsmitteln, mit denen man sich die Bibel erschließen kann. Heute können sich ehrenamtliche Mitarbeiter Bibliotheken leisten, angesichts derer mittelalterliche Gelehrte vor Neid erblasst wären.

Konkordanzen, also Stichwortverzeichnisse zur Bibel, stehen in vielen Variationen zur Verfügung. Das Sortiment reicht von kleinen Ausgaben mit beschränkter Stichwortzahl bis hin zu Großkonkordanzen, die den biblischen Wortschatz vollständig dokumentieren.

Ein- oder mehrbändige Bibellexika geben schnell und zuverlässig Auskunft über biblische Personen, Bücher, Ortschaften, Klimaverhältnisse, theologische Begriffe usw. Der Archäologieboom in Israel seit Ende der 1960er Jahre hat größere Fortschritte in den Details und in manchen Grunderkenntnissen erbracht als die tausend Jahre vorher. Das hat sich in diesen Lexika niedergeschlagen.

Wer zu Bibel

kommentaren

greifen möchte, sollte sich zunächst darüber klar werden, wie viel Zeit er zum Lesen erübrigen kann. Denn hier gibt es neben einer Fülle von Studienbibeln allgemeinverständliche Kurzkommentare von weniger als hundert Seiten, einen mittleren Bereich von zwei- bis fünfhundert Seiten und schließlich die wissenschaftlichen Großkommentare. Sie erfordern Kenntnisse in den biblischen Grundsprachen Hebräisch (AT) und Griechisch (NT). Da kann es ein Matthäuskommentar schon einmal auf 2000 Seiten bringen oder ein Kommentar zum 1. Korintherbrief vier Bände umfassen.

Ansonsten gibt es viele Anzeichen, dass wir uns in einer Übergangssituation befinden. Die elektronischen Medien sind, auch was die Bibel angeht, auf dem Vormarsch. Was früher auf dem Bücherbrett einen halben Meter Platz beanspruchte, passt jetzt auf eine CD. Beim Pastorenumzug ist nicht mehr ein halber Möbelwagen für die Bibliothek nötig. Das Beauty-Case der Frau Gemahlin würde schon ausreichen, um die CDs mit zehntausenden digital gespeicherter Seiten mitzunehmen.

Die Researchfunktionen elektronischer Bibelprogramme sind so vielfältig, dass man selbst unter den Profis keinen Einzigen trifft, der sie wirklich ausschöpft. Oft werden auch exzellente Ergänzungen mitgeliefert. Etwa die Werke des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus, dem wir viel für die Bibelauslegung verdanken; sie sind nur noch einen Mausklick entfernt. Der neutestamentliche Wortschatz lässt sich so einfach wie nie mit dem griechischen Wortschatz der kompletten Antike vergleichen, der alttestamentliche mit allen semitischen Sprachen. Landkarten und Bilder zur Archäologie sind in den meisten Programmen selbstverständlich.

Auch in die sogenannte «Stille Zeit» hat der Laptop Einzug gehalten. Constantine R. Campbell, Theologe in Sydney, nimmt sich am Morgen eine Stunde Zeit und wechselt bei seiner Lektüre täglich zwischen AT und NT hin und her. Bei alttestamentlichen Texten beginnt er mit dem hebräischen Text und liest dann eine englische Übersetzung; es folgt ein neuer Durchgang, bei dem sich Aramäisch, Griechisch, Deutsch und Französisch jeweils nach wenigen Versen abwechseln. Bei neutestamentlichen Texten beginnt er mit dem griechischen Grundtext und konsultiert dann je eine Rückübersetzung ins Hebräische und ins Syrische. Zum Schluss liest er eine deutsche und eine französische Übersetzung. – Das habe sich seit Jahren bewährt, meint Campbell. «But it's not for everyone. Figure out what is going to work best for you.»6 In der Tat, das ist nichts für jedermann, aber ein guter Impuls zum Nachdenken, was das gute Maß für einen selbst sein könnte.

Fazit: Es ging uns noch nie so gut. Auch was die Hilfsmittel zum Bibelstudium angeht, muss man sagen: Wir werden auf Händen getragen.

Der Mangel mitten in der Fülle

Wer immer auf Händen getragen wird, bekommt Muskelschwund in den Beinen.

Wenn man nicht aufpasst, wächst mit der Zahl der prinzipiellen Möglichkeiten diejenige der faktischen Bequemlichkeiten, und man wird über kurz oder lang nicht mehr laufen können. So wird die Bibel mitten in der wohlversorgten Christenheit je länger, je mehr zum unbekannten Buch. Neben gelingenden Formen der Bibelaneignung zeigt sich gegenwärtig eine starke Tendenz zu einem biblischen Analphabetismus, auch bei vielen, die (noch) sagen: «Die Bibel ist Gottes Wort.» Wo es nicht so weit kommt, passiert es doch, dass sekundäre, leichtere Aneignungsformen die trainingsintensiveren primären Aneignungsformen verdrängen. Dabei könnten sie einander doch gegenseitig fit machen.

Als sekundäre Aneignungsformen stehen außerordentlich viele christliche Zeitschriften, Romane, Andachtsbücher, Comics und Videos zur Verfügung. Hurra! (bzw. Halleluja!): Hier bekomme ich alles, was ich auch in der Bibel bekommen würde, nur verständlicher, bunter, leichter und aktueller. Hier werden mir lebensnahe Beispiele erzählt, die aktueller sind als die biblischen Geschichten. Warum soll ich es mir unnötig schwer machen? Die Autoren christlicher Romane haben es einfach verstanden, interessanter zu schreiben als Hesekiel, Paulus und Co. Ein Video zu schauen ist natürlich noch einfacher. Der Aufwand an eigener Aktivität ist viel geringer. So etwas geht auch noch, wenn man müde ist und nicht viel Lust hat nachzudenken. Und wenig Lust nachzudenken haben inzwischen viele auch dann, wenn sie nicht müde sind.

Seit ein paar Jahren ist eine Jesus-Spiritualität denkbar geworden, die keine Bibel-Spiritualität mehr ist. Dazu ein erfundenes Beispiel, konstruiert aus vorgefundenen Einzelteilen:

Ralf hatte keinen Kontakt mit Kirche und Bibel, bis er sechzehn wurde. Dann geriet er an ein paar engagierte Christen, diskutierte mit ihnen, ging mit ihnen ins Kino; anschließend war Party angesagt. Das kam immer öfter vor. Im Sommer nahm Ralf an einer Jugendfreizeit teil. Irgendwann ertappte er sich dabei, dass er einen der christlichen Ohrwürmer mitsummte. Als er dann auch noch im Internet einiges anklickte, das ihm seine neuen Freunde empfohlen hatten, begann er sich Sorgen zu machen: Sein Unglaube – so nannten seine Kumpels das – war auch nicht mehr das, was er mal gewesen war.

Es kam der Tag, an dem Ralf das erste Anbetungslied auswendig konnte, obwohl es ihm keiner ausdrücklich beigebracht hatte. Sogar mit dem Beten fing er an. Verdächtig oft wurde er in den nächsten Monaten im Gottesdienst gesichtet. Als er einmal am Büchertisch im Foyer vorbeikam, wunderte er sich über die vielen Bibelausgaben, ging dann aber weiter. Auf ihn als Käufer würden sie vergeblich warten. Die Gespräche in der Clique waren doch geistliche Nahrung genug. Ralf konnte sich gut vorstellen, fünfzig Jahre lang Christ zu sein, ohne eine Bibel in die Hand zu nehmen.

Fake oder Wirklichkeit? Abwarten. Oder lieber nicht abwarten. Denn allzu schnell wird aus Glaube Ideologie. Der eine hält dies für christlich, der andere das, je nachdem, was die Kumpels gerade diskutiert haben, bei welchem frommen Magazin man denken lässt oder für welche Musik man sich begeistert. Das sollte man nicht vorschnell den Kumpels, den christlichen Verlagen oder der Musikszene in die Schuhe schieben und sie prinzipiell unter Ideologieverdacht stellen. Aber die Frage muss erlaubt sein, wie christliche Mündigkeit gefördert und wodurch sie verhindert wird. Was manche Christen mit fünfzig als Überzeugung vertreten, spiegelt häufig wider, welche Sonderangebote es gab, als sie achtzehn oder zwanzig waren.

Es lohnt sich nachzudenken, was geschehen wird, wenn wir zehn, fünfzehn Jahre so mit der Bibel umgehen, wie wir es gerade tun. Was hat sich so bewährt, dass man es auf jeden Fall weiter pflegen sollte? Was ergibt sich vielleicht? Was wird auf keinen Fall geschehen? Wie kommen wir der eigenen Betriebsblindheit auf die Spur?

Und wenn wir merken sollten, dass die Bibel für unseren Glaubensalltag wenig mehr ist als die Dekokirsche auf einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte, welche Strategien helfen uns, dass es anders wird? Wie können wir verhindern, dass die Bibel wie ein Stück Knetmasse behandelt wird, das man sich für seine jeweiligen «Bedürfnisse» zurechtknetet? Oder dass sie das Image eines alten Schrottautos bekommt, aus dem man sich die Teile ausbaut, die man noch für verwendungsfähig hält?

Freilich gibt es noch andere Gründe, wenn das dicke Buch in unserem dünnen Leben nicht recht heimisch werden kann.

Die Zeit, die man für die Bibel bräuchte, ist zunächst einmal nicht da. Einem überfüllten Leben noch etwas hinzufügen, wie soll das gehen? Auch ist der Druck von außen so übermächtig, dass wir uns ohnmächtig vorkommen. Ein kurzes Bedauern, ein Moment des Erschreckens – und weiter in der Tretmühle. Die Zeit reicht nicht einmal für eine Zeitnutzungsanalyse, es sei denn, der Konkurrenzdruck verordnet sie. Wir fragen am Tagesende, wo bloß die Zeit geblieben ist. Jedenfalls ist sie weg.

Es könnten aber auch schlechte Erfahrungen im Hintergrund stehen, wenn es nicht zu guten regelmäßigen Kontakten mit der Bibel kommt. Viele sagen, sie hätten Christen, die sie zum Bibellesen angehalten hätten, als gesetzliche, verkrampfte Menschen erlebt. Theorie und Praxis seien da ganz verschiedene Welten gewesen. So etwas lähmt, egal ob es stimmt oder nicht. Leider stimmt es oft.

Lähmend wirkt auch die allgemeine Skepsis. Für viele Zeitgenossen sind die meisten biblischen Berichte historisch nicht ernstzunehmen. «Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?», hat man früher gesungen.7 Wenn aber der Glaube auf nichts mehr ruht, ruht irgendwann auch das Bibellesen. Warum sich das noch antun? – Skepsis bewirkt Sepsis.

Spätestens seit Friedrich Nietzsche (1844–1900) und Sigmund Freud (1856–1939) steht die Bibel unter dem Generalverdacht, seelisch krank zu machen. Als zutiefst inhumanes Buch gehöre sie eher gut verschlossen in den Giftschrank als offen zugänglich ins Bücherregal. Überholte Anweisungen, Geschichten von unzumutbar niedrigem Niveau, krankmachende Gottesbilder: «Willst Du gesund bleiben, lass die Finger von diesem Buch!» – Diese Kritik beeindruckt auch viele, die sie eigentlich nicht teilen.

Wer sich trotzdem in die Bibel hineinwagt, muss damit rechnen, an Dinge zu geraten, die er sich lieber nicht sagen lassen möchte. Manche sagen, es gebe auf der ganzen weiten Welt kein Buch, das uns so in Frage stellt, wie die Bibel es tut. Sie könnten recht haben …

Da ist also vieles zusammengekommen. Die europäische Christenheit erleidet gegenwärtig trotz der optimalen «Allgegenwart» der Bibel einen schleichenden Bibelverlust. Aber was heißt hier «erleiden»? Ein Leiden müsste sich doch durch Schmerzen bemerkbar machen …

Viele Mangelkrankheiten tun am Anfang nicht weh. Wenn die Schmerzen kommen, ist es manchmal schon zu spät. Zum Glück nicht immer.

Unsere Zeit könnte ja gerade eine überaus passende Zeit sein, das dicke Buch in unserem dünnen Leben willkommen zu heißen und mit ihm «fette Beute» zu machen. Einsichten und, ja, eine geistliche Abenteuerlust könnten sich einstellen und das Christsein beleben. Klärungsprozesse könnten stattfinden, durch die das Leben klarer und sinnvoller gelebt werden kann. Dazu möchte dieses Buch beitragen.

Für wen ist es geschrieben? Für Inge – die folgenden Personen sind frei erfunden, man trifft sie aber häufig –, die zwei Kinder und einen Halbtagsjob hat und immer noch davon träumt, die Bibel einmal ganz durchzulesen.

Für Robert, der seit vierzehn Jahren in jedem Sommer bei der Jugendfreizeit mitarbeitet, jedes Mal die biblischen Impulse toll findet und nach den Ferien nicht zu dem kommt, was er sich vorgenommen hat.

Für Inges Pastor, der seinen Arbeitstag mit einem Seufzen beginnt und mit einem Seufzen beendet, und der noch mehr seufzt, seit er im Hebräerbrief (Hebräer 13,17) den Satz gelesen hat, «damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen».

Für Marion, die im Gottesdienst jede Predigt mitschreibt und Hunger nach mehr verspürt.

Nötigenfalls auch für Diethelm, den Theologiedozenten, dem es manchmal geht wie einem Ernährungswissenschaftler, der aufs Essen verzichtet, weil er mehr über die Zusammensetzung der Nahrung weiß als andere Leute. Diethelm kennt aber keinen Ernährungswissenschaftler, der sich so verhält …

Für Joachim, der als Rentner mit Sabine endlich um die Welt reisen wollte und jetzt nicht weiß, wie er nach Sabines plötzlichem Tod mit seiner Zeit umgehen soll.

Für Mirjam, die frustriert ist, dass man im Hauskreis immer dieselben Themen diskutiert, und die das Ganze langsam banal findet.

Vielleicht auch für Heike, die einfach nicht verstehen kann, warum Helga, ihre Nachbarin, von der Bibel schwärmt, obwohl die doch nicht erst seit gestern Schnee von gestern ist.

Also kann dieses Buch nur eine Zumutung sein, wenigstens streckenweise. Für jeden etwas Passendes und für jeden auch etwas Unpassendes, wenigstens auf den ersten Blick. Mancher wird auf Passagen stoßen, die ihm zu einfach gestrickt sind. Andere werden den Eindruck haben, sich ziemlich anstrengen zu müssen.

Es könnte aber sein, dass sich das lohnt. Aus Zumutungen kann Mut entstehen. «Banales» könnte sich als elementar erweisen und Wege in gelingendes Leben zeigen. Schweres könnte hinterher den Eindruck vermitteln, den man früher nur beim Zahnarzt hatte: «Es hat gar nicht so weh getan.» Und die Karies ist weg.

Das erste Kapitel zeigt ein paar ausgewählte Spannungsfelder, in die man hineingeraten kann, wenn man es mit der Bibel zu tun bekommt. – Spannungsfelder können zu Kraftfeldern werden, wenn man Perspektiven bekommt.

Wozu es gut sein könnte, dass die Bibel so dick ist, zeigt, wieder nur in beispielhafter Auswahl, das zweite Kapitel.

Im dritten Kapitel, Orientierungen, geht es um die beiden Erfolgsmodelle der Spruch- und Abschnittsorientierung, denen als Ergänzung die Buchorientierung zur Seite gestellt und nachdrücklich empfohlen wird. Die ist noch kein Erfolgsmodell geworden, hätte es aber längst verdient. Und manches lässt sich leichter verwirklichen, als es zunächst scheint.

Dass Missverständnisse nicht Missverständnisse bleiben müssen, will das vierte Kapitel zeigen. Man muss sich ja nicht unbedingt selbst ein Bein stellen.

In Kapitel fünf werden Konkretisierungen vorgestellt. Es könnte nämlich wirklich klappen!

Das Schlusskapitel sagt, wo die Bibel wohnt. Es ist kurz. Aufmerksame Leser werden merken, dass vieles, das hier auch noch seinen Platz finden könnte, heimlich, still und leise schon vorher vorkam.

Fast auf jeder Seite des Buches kommen Christen oder sonstige nachdenkliche Menschen aus verschiedenen Jahrhunderten vor. Zum Glück sind wir nicht die ersten Leser der Heiligen Schrift. Es tut gut, Freunde zu bekommen, die mindestens ein paar Jahrzehnte, besser noch: Jahrhunderte, älter sind als man selbst. Aus Fairnessgründen haben die ganz Alten oft gegen den Trend Vorfahrt vor den Zeitgenossen. Und manchmal liegen Kopieren und Kapieren erstaunlich nahe beieinander.

Von Motivation wird wenig die Rede sein. Reden über Motivation ist manchmal das Gegenteil von Motivieren. Nur so viel: Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand etwas gern tut oder der Hund zum Jagen getragen werden muss. Und es ist auch ein Unterschied, ob man sich nur auf ein kurzes Projekt einlässt oder etwas lebenslänglich tun will. Vor allem aber: Wer gemerkt hat, wer Christus ist, ja, dass in ihm die «ganze Fülle der Gottheit wohnt» (Kolosser 1,19; LB12), wird motivierter sein, dem Wort Christi reichlich Wohnraum einzuräumen (Kolosser 3,16a), als jemand, der diese Worte als unverbindliche Gesprächsbeiträge sieht, die man jederzeit nach Belieben überstimmen, korrigieren oder verwerfen kann.

Dennoch ist mit hoher Motivation allein noch keine Langzeit-Bibelkultur etabliert. Auf die käme es aber an. Martin Luther – Kennen Sie einen höher motivierten Bibelleser? – hat gegen Ende seines Lebens zu 2. Timotheus 3,16 notiert: «Wenn wir glauben würden, dass Gott selbst mit uns in der Schrift redet, so würden wir mit Fleiß darinnen lesen und sie für unsere selige Werkstatt halten.»8

«Wenn … würden … würden»: Das ist verräterische Sprache. Wir würden, aber wir tun es oft nicht. Längst nicht überall, auch nicht überall im engeren Kreis der Überzeugten, ist es zu gelingender Dauerpraxis der Bibellektüre gekommen. Auch misst man oft den anderen am wirklich Realisierten, sich selbst aber schon an den guten Absichten, die man in sich spürt … Also ist es ratsam, nicht von denjenigen auszugehen, denen immer alles zu gelingen scheint, sondern von ziemlich normalen Leuten, die ihre Durchhänger und manchmal recht lange Schwächeperioden haben.

Spannend wird es, wenn man in die Spannungsfelder der Bibel hineingezogen wird. Dann können aus Spannungsfeldern Kraftfelder werden.9

Kapitel 1

SpannungsfelderWas einem passieren kann, der es mit der Bibel zu tun bekommt

Das Glück, verstanden zu werden: Wir blühen auf, wenn wir verstanden werden. Menschen, die uns verstehen, sind uns willkommen, in Krisensituationen auch nachts um zwei Uhr. Verstanden werden bedeutet Geborgenheit, Sicherheit, Entfaltungsmöglichkeiten, Glück. Einen Menschen verstehen und ihn stärken gehört zusammen. Verstanden werden schmeckt noch besser als Schweizer Schokolade, hält aber länger und macht nicht dick.

Wenn keiner uns versteht, macht das Leben keinen Spaß mehr. Wir sind verunsichert, resignieren, werden bitter. Die Nichtverstandenen von heute sind oft die Menschenverächter von morgen. – «Du verstehst mich nicht» ist in der Regel kein Vorwurf, den man überhören sollte, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Es ist wohl meist eher eine Aussage über eine Beziehungskrise als über einen Sachverhalt. Wie viele sind wohl schon an einer Überdosis Nichtverstehen gestorben? Jeder von uns hat ein Existenzminimum an Verstandenwerden.

Wir werden misstrauisch, wenn jemand uns sehr schnell sagt: «Ich verstehe dich.» Wahrscheinlich hat er uns gar nicht wirklich zugehört. So leicht sind wir nämlich nicht zu verstehen. Es wäre hilfreicher gewesen, er hätte gesagt: «Ich habe den Eindruck, ich habe dich noch nicht gut genug verstanden.» So hätte er uns ernst genommen. Wir hätten uns vielleicht weiter geöffnet. Da wäre Würde gewesen, vielleicht ein Aushalten von Ratlosigkeit in der Hoffnung, dass es danach doch irgendwie zum Verstehen kommen könnte. – Gute Seelsorger gehen mit dem Satz «Ich verstehe Sie» sparsam um.

Verstehen strengt an. Jedenfalls kein bisschen weniger, als eine Steuererklärung auszufüllen, zwei Kästen Mineralwasser in die sechste Etage zu tragen oder mit der Handsäge einen Baum zu fällen. Wer es versucht, merkt es.

Verstehen strengt aber nicht nur an; es kann auch gefährlich werden. Wer sich den anderen zu Herzen nimmt, riskiert unter Umständen, herzkrank zu werden. Wir scheinen nur bedingt verstehensfähig zu sein, vertragen die Wirklichkeit nur in homöopathischen Dosierungen.

Wenn jemand kommt und sich uns mit dem ganzen Gewicht seiner Probleme zumutet, kommt gerade der an seine Grenze, der wirklich verstehen will.

Wer das Risiko des Verstehens eingeht, weiß selten schon am Anfang, wohin das führen könnte. Verstehen verändert auch den Verstehenden. Man weiß vorher nicht, was es mit einem macht. Wir sind manchmal nicht zum Aushalten. Wer uns verstehen will, bekommt das zu spüren.

Verständnis suchen – dem unverstandenen Gott begegnen

Hinter dem Satz «Ich möchte verstanden werden» kann die Einstellung stehen: «Hauptsache, ich werde verstanden.» Ob du verstanden wirst, ist mir egal. Du bist dafür da, mich zu verstehen. Du bedeutest mir etwas, solange du mich verstehst. Ich schätze dich als Zulieferer von Verstehen, so wie eine Autofirma einen Zulieferer von Zündkerzen oder Kotflügeln schätzt. Auch beim Verstehen gibt es Kosten-Nutzen-Rechner, Ausbeuter und Diktatoren.

Viele schätzen die Bibel, weil sie sich hier verstanden fühlen. Jedes Mal, wenn sie die Bibel aufschlagen, hoffen sie, von neuem Verständnis zu finden. So ist es nicht nur heute; das scheint seit Jahrhunderten so zu sein. 1758 geriet in London ein überforderter Geschäftsreisender aus dem deutschen Königsberg in Schwierigkeiten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, beruflich, finanziell und existenziell wieder auf die Füße zu kommen, griff Johann Georg Hamann (1730–1788) zur Bibel. Glücklicherweise sind uns Notizen, mit denen er seine Lebenswende dokumentierte, erhalten.10 Verblüfft registrierte Hamann: Indem ich die Bibel zu verstehen suche, lege nicht ich die Bibel aus. Es ist umgekehrt: Die Bibel, ja Gott selbst legt mich aus! Gott wird zum Autor meiner Lebensgeschichte! Der Gott, der mich versteht, wird der Gott, der meine Lebensgeschichte schreibt.

Heute würde man das vielleicht Identitätsfindung nennen. Das Besondere aber ist, wie hier Identität zustande kommt. Identität wird hier nicht erkämpft; sie wird empfangen. Hamann kommt bei der Bibellektüre die Zuneigung, die Zu-Neigung Gottes entgegen. Er sieht sich in einer ungeahnten Tiefe verstanden: Ich bin wer. Ich bin für jemanden von Bedeutung. Sonst würde mein Gegenüber sich nicht solche Mühe geben, mich zu verstehen. Wer bin ich? Einer, bei dem es sich scheinbar – ja, wirklich! – lohnt, ihn zu verstehen. Dann muss ich mir wohl über meine Identität keine großen Sorgen machen. Ich habe es nicht mehr nötig, den selbstzerstörerischen Kult meiner Einmaligkeit zu zelebrieren. Ich werde auch den «treuen Begleiter» meiner Einmaligkeit, die Einsamkeit, los. Gott versteht mich.

So weit, so gut. Aber bitte nicht weiter! Sonst ist es gar nicht mehr gut. Denn dann wäre auch Gott nur so weit gut, wie er uns versteht. Wir erniedrigten ihn zum Erfüllungsgehilfen und Sklaven unseres Verstanden-werden-Wollens. Das aber hätte schwerwiegende Folgen für unseren Umgang mit der Bibel. Sie würde auseinanderfallen in die Bücher, Abschnitte, Sätze, von denen wir uns verstanden fühlen, und die, bei welchen das nicht der Fall ist. Wir wären die Richter, die je nach Tagesform und Laune den Daumen heben oder senken: «Du verstehst mich.» / «Du verstehst mich nicht.» Gott müsste sich dauernd vor uns rechtfertigen: Gott, der Verantwortliche für das immer noch oder gerade jetzt Unverständliche.

Wir kommen nicht um die Frage herum, wer das erste Recht hat, verstanden zu werden. Und hier erfahren wir ausgerechnet aus der Bibel, dass nicht wir es sind. Gott hat das erste Recht, verstanden zu werden. Gott, der Schöpfer, hat mehr Recht, verstanden zu werden, als seine Geschöpfe. Jesus, der Erlöser, hat mehr Recht, verstanden zu werden, als seine Erlösten. Gott, der Heilige Geist, kann für uns nur dann der verständnisvolle Geist sein, der in alle Wahrheit leitet (Johannes 16,13), wenn er bestimmen darf, was er uns zumuten kann, und führen darf, wohin er uns führen will.

Die Bibel ist zu großen Teilen das Buch vom unverstandenen Gott. Deshalb steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in dem Satz: Die Bibel ist deshalb ein so dickes Buch geworden, weil Gottes Menschen ihm so viel Missverstehen und Verstehensverweigerung zugemutet haben. Und da, wo wir die Bibel als Buch vom unverstandenen Gott zu lesen beginnen, könnte eine dicke Freude an diesem dicken Buch entstehen. – Drei Stichproben mögen genügen: das Buch Jesaja, das Johannes-Evangelium und die Paulusbriefe.

Am Anfang des Jesajabuchs (1,3) heißt es: «Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk versteht's nicht.» Auf diesen Vers geht es zurück, dass Ochs und Esel Jahrhunderte später ihren Platz in den Weihnachtskrippen gefunden haben. In den Weihnachtsberichten der Evangelien kommen sie noch nicht vor. Jetzt sind sie ein Wink mit dem Zaunpfahl: «Passt auf, dass es euch nicht geht wie den Zeitgenossen Jesajas!» Was war das Problem?

Gott wird von denen nicht verstanden, die ihn doch besonders gut verstehen müssten. Er hat sein Volk großgezogen wie Kinder, es an nichts fehlen lassen, aber man kennt ihn nicht oder will ihn nicht kennen. Die Leute tun, als hätten sie mit ihm nichts zu tun. Sie orientieren sich anders. – Ochs und Esel aber verstehen ihren Herrn. Sie sind verständiger als Gottes Volk. Sie kommen und lassen sich füttern und sind vertraut mit dem, der ihnen bringt, was sie brauchen. Oh, wäre Gottes Volk doch endlich wieder auf Ochs- und Esel-Niveau!

Blättert man im Jesajabuch weiter, stößt man auf einzelne Sätze, die vielen Christen viel bedeuten. Manche Leser haben sie sogar farbig markiert, damit sie ihnen bei jedem neuen Lesen wieder neu auffallen. Etwa diese drei Stellen: «Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott» (Jesaja 44,6). «Ich bin der Herr