Feuer über Kenya - Angelika Friedemann - E-Book

Feuer über Kenya E-Book

Angelika Friedemann

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3,99 €

Beschreibung

Das vierte Buch der großen kenyanischen Familien-Saga, erzählt vor dem Hintergrund wahrer geschichtlicher Begebenheiten. William Shrimes kam 1939 nach Kenya, hatte kaum Geld, aber einen Traum. Er wollte einen Bauernhof aufbauen. In mühevoller Kleinarbeit hat er es geschafft - die Shrimes-Farm entstand. Es war ein schwerer Weg, auf dem er gegen Rassenschranken gekämpft hat, genauso wie gegen die Mau-Mau-Bedrohung. Er hat Freunde und Feinde zu Grabe getragen, seine Frau und seine Tochter. Inzwischen hat er Teile seiner Farm an die Kikuyu zurückübertragen. Sein Sohn James lebt in der Nähe, allerdings ist der Kontakt fast gänzlich abgebrochen, da der für eine britische Special-Einheit ermittelt. Nur durch den angeblichen Streit zwischen Vater und Sohn kann der William vor einer Ermordung schützen. Ihre Treffen müssen heimlich erfolgen. William sieht 2007 seinem 84. Geburtstag entgegen. Nun erlebt er Diskriminierung am eigenen Leib, den Zerfall seiner Familie, und wie das Land, das seine Heimat wurde, im Rahmen der politischen Wirren zusammenbricht. Ihn schmerzen nicht nur Krankheiten, der Verlust seiner geliebten Frau, dazu die Angst um James, sondern besonders Gemeinheit, Intoleranz, Dummheit, Lügen und Habgier. Er fragt sich: War das mein Traum von Afrika?

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MOBI

Seitenzahl: 974

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Feuer über Kenya

TitelseiteImpressum
Shukrani ya punda ni mateke.

Die Dankbarkeit eines Esels sind Fußtritte.

Maji yakimwagika hayazoleki.

Wenn Wasser verschüttet ist,

kann es nicht mehr aufgesammelt werden.

*

Auf der Veranda sahen sie William und James sitzen, der sich erhob. Kaum stand der Wagen, sprang der knapp 3-jährige Gerret Shrimes aus dem Auto. „Babu, Babu! Wo sind die simba?“

Erik Shrimes grinste zu Tahiya hinüber, die den Kopf schüttelte. Nun gab es bei der 2-jährigen Lara kein Halten mehr. Sie rannte die Stufen hoch.

Er und seine Frau stiegen ebenfalls aus, schlenderten Hand in Hand zu den beiden Männern. James und William begrüßten sie, wandten sich Gerret zu, der seinem Großvater heftig an der Hose zupfte. „Wo sind sie?“

James hob seinen Enkel auf den Arm. „Heute nicht, Bwana mdogo. Dafür ist es zu spät. Morgen gehen wir zu den simba. Nun gibt es etwas zu trinken, zu essen und Babu erzählt euch eine Geschichte von den simba.“

Gerret sah William an. „Machst du, Babu?“

„Sicher, kommt herein.“

James blickte kurz zu Erik. „Er ist ein aufgewecktes Bürschchen.“

„Nicht nur er. Du wirst dich wundern“, lachte Erik. „Sie halten dich die nächsten Tage in Trab. Schluss mit Ruhe!“

„So muss es sein. Mandy und Patrick sind ebenfalls solche Wirbelwinde. Du warst nie anders. Setzt euch. Charlotte, bring uns etwas zu Trinken. Asante! Setz dich doch zu uns. Genug gearbeitet. Tahiya kann nachher helfen.“

Die Tür öffnete sich und Julie trat in den Raum. „Ihr seid ja endlich da.“

Erik blickte sie erstaunt an, da er nicht gewusst hatte, dass sie anwesend sein würde. Vielleicht hatten sich seine Eltern ja versöhnt? Er hoffte es sehr. Seine Mutter hatte es verdient, glücklich zu werden. Sie war so lieb, besorgt und sie liebte seinen Vater sehr.

Gerret stürzte zu ihr. „Wo ist Nyanya? Julie weißt du, wo die simba sind?“

Julie umarmte den Jungen, der sich heftig dagegen wehrte. „Du bist wie dein lieber Baba. Das hat er auch ständig gefragt.“

Erik war zu seiner Mutter getreten und nahm sie in den Arm, gab ihr einen Kuss, während Gerret zu seinem Urgroßvater flitzte und nach den Löwen fragte. Das war das Einzige, das ihn im Moment interessierte. Seine Schwester krabbelte ebenfalls auf die Couch und hörte ihm zu, wie er von seiner ersten Begegnung mit den Löwen berichtete.

Langsam legte sich die Aufregung. Sie begrüßten Charlotte, die sich freute, dass die Kinder da waren: Erik und seine Frau nur kühl zunickte. Sie wurde von den beiden Kindern sofort umarmt, Lara wollte auf ihren Arm und schmiegte sich an sie. Erik gewahrte, wie seine Mutter das Gesicht verzog. Seine Kinder liebten Charlotte. Warum, das wusste er nicht, aber er ließ sie gewähren.

Man hatte gegessen und sie saßen auf der Veranda. Die zwei Kinder tobten mit dem Hund herum. Aus dem Ahornbaum klang aufgeregtes Kreischen von den Kikuyubrillenvögeln.

„Was ist bei euch passiert?“, erkundigte sich William bei seinem Enkelsohn. „Eine scheußliche Geschichte.“

Erik schaute zu seiner Mum, die die Stirn krausgezogen hatte.

„Du meinst die Geschichte mit dem Nashorn? Eine richtige Sauerei. Britische Truppen haben ein weißes Nashorn abgeknallt, weil es sie angeblich angegriffen haben soll. Das weiße Nashorn ist eine von fünf Nashornarten, die heute noch leben. Gerade das Breitmaulnashorn wird durch den Verlust seines Lebensraumes und durch die ständigen Wilderer bedroht. Bei einer kürzlich durchgeführten Populationszählung im Kongo haben sie festgestellt, dass dort nur noch zehn wilde Nashörner lebten. Bei uns gibt es 220. Diese zehn Viecher sollten nun vom Kongo zu uns gebracht werden, nur daraus wurde im letzten Moment nichts.“

„Das Horn ist sehr begehrt und bringt haufenweise Geld.“

„Nashörner, die für Messergriffe und Potenzmittel abgeschlachtet werden, sind zum Menetekel einer Gesellschaft geworden, in der Menschen brutal und rücksichtslos mutieren, wenn es darum geht, finanzielle Gewinne zu erzielen.“

„Sollen sie Viagra nehmen, wenn sie keinen mehr hochkriegen. Ist billiger und wirkt wenigstens“, erwiderte Erik trocken.

„Das weiß inzwischen jeder, warum also noch das Horn?“

„Mamaye, weil es noch Asiaten gibt, die denken, das wäre etwas Tolles und danach könnten sie stundenlang irgendeine malaya befriedigen. Den Kerlen kannst du geben, was du willst, da hilft wahrscheinlich nichts mehr. Die Birne ist sowieso völlig leer. Alte, blöde, senile Greise, die man wegsperren oder den fisi zum Fraß vorwerfen sollte.“

„Tahiya, wie war es in Malindi?“, lenkte Julie ab, da sie James Blick bemerkte. Der war nicht gerade freundlich.

„Scheußlich und sehr anstrengend. Arbeitsmäßig gut, in der Freizeit konnte ich nur im Zimmer bleiben. Ich wollte schwimmen gehen, da umlagerten mich zig Kerle. Die einen wollten mir geklaute Kameras, Camcorder oder billigen Drahtschmuck für massenhaftes Geld verkaufen. Die anderen haben mich für eine Urlauberin gehalten und blöde angequatscht. Du gehst schwimmen, kommst heraus, da gammelt so ein Beachboy herum und quatscht dich voll. Drei wollten mich heiraten, weil sie mit mir nach England fliegen wollten. Zehn haben sich sofort in mich verliebt, obwohl sie mich nicht kannten. Fünf kamen direkt zur Sache, weil sie ach so toller Lover wären und ich wäre angeblich hinterher total begeistert. Wie viel Shilingi sie dafür wollten, keine Ahnung. Zig andere wollten mit mir Kaffee trinken gehen, am liebsten in meinem Hotel, wie sie sagten. Ich war nur zweimal mit Kollegen am Meer, selbst da wurden wir angesprochen. Scheint ein lohnendes Geschäft zu sein.“

„Etwas Ähnliches hat Jane neulich berichtet. In Malindi sind deswegen die Strände teilweise leer, weil die Urlaube darauf verzichten, im Meer zu schwimmen, sondern den Pool vorziehen.“

„Sie versuchen, auf alle möglichen Arten an Geld zu kommen. Warum nicht beim Sex mit notgeilen Urlauberinnen? War bereits vor dreißig Jahren ein lohnendes Geschäft, gerade in Malindi. Sie müssen ja Erfolg haben, sonst würden sie es nicht bei jeder mwanamke versuchen. Hauptsache sie werden nicht handgreiflich. Gut, dass du nur drei Wochen dort warst, mpenzi.“

„Hat mir vollkommen gereicht. Das neue hospitali ist super. Das wird den Menschen in der weiteren Umgebung sehr helfen. So, ich werde unsere watoto ins Bett bringen. Sie toben seit sechs durch die Gegend.“

Julie erhob sich. „Ich werde dir helfen. Badest du sie zusammen?“

„Sicher, einmal Badezimmer nass reicht.“

„Malaika, du bist es danach ebenfalls“, lachte Erik. „Ich komme nachher hoch und sage Gute Nacht.“

Die Kinder verabschiedeten sich und sausten laut plappernd ins Haus, als der Airedale-Terrier folgen wollte, rief ihn William zurück. „Lagada, du bleibst draußen. Siehst du Wasser, säuft das gesamte Haus ab. Los, leg dich hin. Charlotte möchte Feierabend haben und nicht das Bad wischen.“

„Hast du gehört, sie haben einige in Mombasa festgenommen, die sich an Mädchen vergangen haben?“

„Es wurde Zeit, dass man nicht andauernd beide Augen verschließt, wenn irgendwelche Perverse sich an Mädchen vergehen. Für viele ist das anscheinend etwas völlig Normales, wenn sie sich an 13-, 14-jährige Mädchen vergreifen. Es ist nur ekelhaft. Eventuell stehen die hohen Herren unter Druck. Die Weltöffentlichkeit wird langsam auf solche Fälle aufmerksam. Es geht nicht, dass so ein alter Sack über seine Enkelin herfällt.“

„Das war bei ihnen gang und gäbe. Früher hat man Mädchen in dem Alter verheiratet. Das Umdenken fällt da schwer.“

„Babu, wir leben im 21. Jahrhundert und nicht in der Steinzeit. Das sind noch halbe Kinder. Abgesehen davon vergewaltigt man generell keine Frauen, egal wie alt sie sind. Das müsstest selbst du begreifen.“

„Habe ich gesagt, dass ich so ein Vorgehen gut finde? Das sagt gerade der Richtige. Wie war das mit der kleinen Adina? Sie war dreizehn, als du brutal über sie hergefallen bist, sie geschlagen hast, danach wurde sie von dir bedroht. Aber dein Dad hat ja bezahlt. Sein Bwana mdogo darf das. Später folgten zwei weitere Frauen, die du vergewaltigt hast. Vergessen?“

„Erik, zügele deine Ausdrucksweise, sonst gibt es Ärger“, James nun zornig. „Die Mädchen wurden damals und teilweise heute in dem Alter verheiratet, wenn es dir nicht in den Kram passt. Das hat nichts damit zu tun, ob man so ein Vorgehen befürwortet. Tatsachen!“

„Das ist widerlich und skandalös. Mädchen so zum Sex zu zwingen, ist krank. Eine UNICEF-Studie hat gerade erschreckende Zahlen veröffentlicht. Es gibt bereits 14-jährige Mädchen, die sich prostituieren. Touristen zahlen zwischen 1.000 und 5.000 Shilingi, je nachdem, welche Wünsche sie erfüllen. Für Analverkehr bekommen sie sogar 10.000. Man schätzt, dass sich 15.000 Minderjährige ab zwölf verkaufen. Die meisten bieten sich an, weil sie bettelarm sind. Sie leben mit anderen Mädchen in Massenquartieren, unzählige von ihnen haben bereits Aids, weil ohne Kondome bekommen sie 200, 300 Shilingi mehr. Der Zusammenbruch der Familien und dörflicher Gemeinschaften, Korruption, sowie unfähige Behörden führen zu der dramatischen Zahl von Kinderprostituierten, heißt es in der UNICEF-Studie. Die Touris finden es toll, über Kinder herzufallen. Sie nutzen die Not schamlos aus. Es gibt die Einheimischen, die das tolerieren und selber Kunden sind. Vier von zehn Freiern sind Kenyaner. Die Mädchen bekommen Babys, viele, die bereits mit Aids geboren werden. Der Erzeuger ist auf und davon. Das ist mehr als pervers, und wenn es nach mir ginge, sollte man diese Kinderschänder alle kastrieren.“

„Ich helfe dir, Dad, ohne Narkose“, pflichtete James William bei.

„Man muss das Problem anders anpacken. Diese Beschneidungspraktiken sind abscheulich. Eventuell werden nun etliche durch die Verhaftungen abgeschreckt.“

„Erik, Illusion und Heuchelei. Das eine hat außerdem nichts mit dem anderen zu tun. Das müsstest selbst du begreifen. Zum einen gibt es Mädchen, die das freiwillig anbieten, weil sie schnell zu Geld kommen wollen. Deine Bibi hatte auch mit vierzehn den ersten Freier. Hat es ihr geschadet? Hapana! Warum soll ein Mann das nicht mitnehmen? Es gibt die nächste Kategorie, mit solchen dope wie dich, die sich einbilden, weil sie ein Schönling sind, müsste jede Frau ihn wollen. Sagen sie hapana, nimmst du sie mit Gewalt, indem du sie vorher schlägst, folgend brutal über sie herfällst. Macht einen Kerl aus dir. Heuchler! Dann gibt es die perverse Sorte. Irgendwann können sie vermutlich nicht mit einer normalen Frau schlafen. Sie ist zu alt und da geht nichts mehr. Allerdings gibt es Kinder, die man dazu zwingt. Das ist mehr als verwerflich. Gerade für viele Stammesangehörige war es Brauch, sich eine junge Frau zu nehmen. Frauen durften egal in welcher Beziehung nie hapana sagen. Hör dir die blöden Sprüche von der Kibaki an. Sie ist Mitglied der Anti-Aids-Initiative. Die Braut erzählt den Mädchen, keine Kondome zu benutzen. Diejenigen, die noch zur Schule gehen, müssen keinen Zugang zu Kondomen haben. Ich halte nichts davon. Sollen sie enthaltsam leben. Sex ist nichts für die Jugend. Wazimu! Sollen sie abtreiben? Die Babys behalten?“

„Damit vertuscht sie gleichzeitig, den fehlenden Zugang zu Verhütungsmitteln, die erschreckend weitverbreitete sexuelle Gewalt gegen Frauen und damit verbunden die zahlreichen ungewollten Schwangerschaften. Lassen wir das Thema. Ich muss zu meinen watoto, sonst bekomme ich Ärger mit ihnen.“

Erik hörte Lara lachen. „Julie, la si sasa! Musst Baba kitzeln.“

„Ich bin deine Nyanya und das sollst du gefälligst sagen und nicht Julie. Nun wird geschlafen, du böses Mädchen.“

„Baba kommt noch.“

„Zu dir nicht! Los schlafen!“

„Bin da. Ab unter die Decke. Sag Nyanya lala salama.“

„Haben wir unten getan. Sie kommt nicht mehr hoch. Julie hat es ihr verboten.“

„Dieses Kind lügt. Sie ist böse. Erik, das darfst du nicht dulden. Sie muss bestraft werden und am besten steckst du sie in ein Internat.“ Julie rauschte hinaus.

Nacheinander sagte er Gute Nacht, gab ihnen einen Kuss, schloss die Tür, zog Tahiya an sich und küsste sie.

„Noch ein bisschen, dann gehen wir ins Bett, malaika.“

„Julie und James wollen nach Hause fahren.“

„Ich dachte, sie schlafen hier?“

„Nein, es gab am Nachmittag Streit zwischen William und James. Er hat noch nicht aufgegeben, ihn zu einem Farmer umzufunktionieren.“

„Das Übliche! Da werde ich wohl in den nächsten Tagen sein Opfer werden. Der Mann nervt damit. Gehen wir hinunter.“

„Sei nicht so grob zu ihm. Meinst du, dass 20 Millionen reichen?“

„Sicher und ich werde mit ihm ein paar Takte reden, damit er dir den Schmuck gibt, malaika.“

„Du bist so lieb“, schmiegte sie sich fest an ihn.

„Schlafen sie?“

„Ja. Sie toben meistens vor dem Aufstehen herum und sind entsprechend müde.“

„Tahiya, habt ihr in Nyeri auch diese Gutscheine, für die Kranken bekommen?“

„Bisher noch nicht. Sie haben 150.000 an die ländlichen Regionen in und um Kisumu, Kiambu und Kituide sowie in den Slums Korogocho und Viwandani in Nairobi ausgegeben. Viel zu wenig, allerdings ein Anfang. So haben wenigstens einige den Zugang zu Gesundheitsleistungen. Gegen Vorlage eines Gutscheins kann eine Patientin oder ein Patient medizinische Betreuung während der Schwangerschaft und bei der Geburt, die Beratung zu Familienplanungsmöglichkeiten und die Durchführung von zu nötigen medizinischen Eingriffen, dazu gehören Betreuung und Behandlung nach sexueller Gewalt. Gerade für sehr junge Frauen oder welche, die zig Kinder haben, ist das sehr vorteilhaft. Ein Kollege aus Kisumu hat mir allerdings erzählt, die meisten glauben nicht, dass es keinen Shilingi kostet, wenn sie zum Dokitari gehen. Er hat neulich einem Mann gesagt, er oder sie solle sich sterilisieren lassen, weil seinen Bibi mtoto sechs erwartet. Der Mann wollte ihn fast umbringen. Die Pille regelmäßig schlucken, ist bei zahlreichen Weibern sowieso vergebene Liebesmüh, weil sie es oftmals vergessen, dafür am nächsten Tag zwei oder drei nehmen. Kondome lehnen die Männer in der Regel ebenfalls ab. Wie kann man da etwas zum Thema Familienplanung erreichen? Je niedriger der Bildungs- oder Lebensstandard, umso uneinsichtiger die Menschen. Leider!“

„Man muss mit der Aufklärung in der Schule beginnen. Nur so bekommt man das langfristig gesehen in den Griff. Man sieht ja bei einigen Weißen, wohin es führt, wenn sie verblödete Analphabeten sind. Wollen reiche Farmer spielen, können nicht mal ihren Namen richtig schreiben“, Erik nun gehässig, blickte dabei William an.

„Bei Pamela war neulich eine 17-Jährige. Schwanger! Sie möchte das Kind nicht und sagt, sie möchte sich gleichzeitig sterilisieren lassen. Kann man natürlich nicht ausführen. Sie haut beleidigt ab, hört Pam nicht zu. Drei Tage später bringt sie eine Frau. Sie wäre fast verblutet, weil sie angeblich selber das Problem lösen wollte. Das Baby ist sie los, nur es ist eine Frage der Zeit, bis sie erneut schwanger ist. Ich bin froh, dass das Jahr zu Ende geht. Zu viel Scheußlichkeiten gab es.“

„Nicht schlimmer wie sonst.“

„Für mich schon, da es mehr als anstrengend war. Anfang des Jahres erst Hunger wegen der Dürre, danach diese rekordartigen Regenfälle im ganzen Land. Mehrere Orte im Norden waren von der Außenwelt abgeschnitten, sodass die Armee Hubschrauber zur Versorgung der Bevölkerung einsetzte. Ich war damals drei Wochen später dort oben unterwegs. Schrecklich! Hütten verschimmelt, Viecher verendet. Wir können froh sein, dass es nicht noch zu Epidemien kam. Kaum zurück folgte der Flugzeugabsturz in der Nähe von Marsabit, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen. Drei Insassen überlebten den Absturz, obwohl die Maschine völlig ausbrannte. Wie die aussahen, muss ich nicht weiter erläutern.“

„Tahiya, lüg nicht. Du warst gar nicht dort. Angeberin“, lachte James.

„Das war die Geschichte mit den Regierungsmitgliedern, die irgendwelche Friedensgespräche wegen des Turbi-Massakers führen?“

„Dass du das weißt, William, ist erstaunlich“, stellte Tahiya fest, lächelte Erik an. „Sie hätten nie starten dürfen. An dem Tag war es stürmisch, herrschte dichter Nebel. Drei der getöteten Politiker repräsentierten die seit Langem verfeindeten Clans. Doktor Bonaya Godana war ein Gabbra, Abdi Sasura ein Borana und Titus Ngoyoni ein Rendile. An Bord waren: ein anglikanischer Bischof und weitere Regierungsangestellte. Erst kurz vorher waren sie übereingekommen, für den Frieden in der Region zusammenzuarbeiten. Fast alle Toten im Flugzeug stammen aus dieser Gegend. Da verlor die Provinz mit einem Schlag einen Großteil ihrer politischen Elite.“

„Kibaki ordnete fünf Nachwahlen für den Juni an. Sie da, wie es der Zufall will, waren in drei Fällen Verwandte der Getöteten nun im Parlament. In Nakuru gewann Kariuki Mirugi, der 28-jährige Sohn des verstorbenen Mirugi. Er gehört der Neuen, Kibakis Lieblingspartei an, der. NARC.“

„Dad, du weißt, wie es funktioniert und daran ändert sich nie etwas. Stirbt Kibaki, kommt irgendwann der Nächste und macht nichts anders.“

„Diese ständigen Mordserien erschüttert die Bevölkerung. Polizei und Medien machen die Mungiki-Sekte für die Taten verantwortlich. Neulich haben sie den Kopf eines Mannes gefunden. Wie die Polisi feststellte, war das Opfer ein 50-jähriger Viehhirte aus dem Dorf Kianjogu. Einen weiteren Kopf fanden Nachbarn aufgespießt auf einem Telefonmast und mit dem Dritten spielten wohl Hunde. Die Körper lagen verstümmelt herum. Einem Karinge Njenga fehlten die Beine. Sein Geschlechtsteil hatte man abgeschnitten. In Kiambu haben sie einen anderen Mann verstümmelt. Dazu die Opfer durch bürgerkriegsähnliche Zustände in manchen Landesteilen. Am Mount Elgon, im Grenzgebiet zu Uganda, hat sich eine Armee für Land und Freiheit in den Wäldern verschanzt. Dort starben in den vergangenen Monaten 150 Menschen bei Streitigkeiten um Ackerland und Weideflächen. Es wird ständig schlimmer im Land. Diese Bandenkriminalität häuft sich.“

„William, das ist nur Panikmache. Ein paar Morde gab es immer.“

„Tahiya, die Zahlen belegen etwas anderes. Mangelnde Sicherheit gilt nach Informationen der Zeitschrift Financial Times unter Kenyas Geschäftsleuten als primäres Investitionshindernis. Die Kosten für Wachleute, Elektrozäune und Alarmanlagen sind ein Faktor, der Firmen und Privathaushalte empfindlich belastet. Bewaffnete Raubüberfälle, selbst am helllichten Tag, häufen sich auf mehr als 5.200 Fälle im Jahr. Die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen stieg 2006 um 10 Prozent auf 3.525 an. Im gleichen Jahr wurden 2.090 Morde registriert. Es werden eher noch mehr sein.“

„Das ist Blödsinn. Seit wann liest duuu solche Zeitung?“, fragte sie höhnisch, blickte schmunzelnd zu Erik.

„Blöde Schwarzmalerei, mehr ist das nicht. Wie Tahiya eben sagte. Eventuell hast du den Artikel falsch verstanden. Du kapierst solche Zeitungen nicht. Du bist geistig beschränkt, hast gerade kurz eine Schule besucht. Zu mehr hat es bei dir nie gereicht.“

„Erik, Tahiya, seit vorsichtig, wie ihr mit Dad redet. So nicht. Was erlaubt ihr euch?“ James im kalten, harten Tonfall.

„William, jag diese Menschen aus deinem Haus. Das musst du dir nicht gefallen lassen.“

„Charlotte, dir gehört das nun bestimmt nicht.“

„Du dummes, faules Ding, ich benötige weder eine Farm noch einen Mann, der mich aushält oder der meinen Liebhaber finanziert.“

„Blöde alte Kuh, dich fasst keiner …“

Es klatschte und Tahiya schrie leise. „So redest du billiges Frauenzimmer nicht mit mir. Du springst seit 20 Jahren mit jedem Kerl ins Bett, nur weil du Geld von denen abgreifen willst. Dumme, faule Prostituierte!“ Charlotte ergriff das Telefon und verschwand in dem Arbeitszimmer, knallte laut die Tür zu.

„Erik sollte eine mitbekommen. Ihr benehmt euch abscheulich. Du lebst auf dem Mond oder plapperst dumm den Quatsch deiner malaya nach. Noch ein Ton und ihr dürft im Auto übernachten. Ihr beide solltet Zeitung lesen, so wüsstet ihr, was in diesem Staat vor sich geht. Gerade die Mungiki, diese Gangs aus den Slums von Nairobi, sind Kriminelle, der brutalen Art. Sie erpressen von Fahrern und Besitzern der Matatu Gelder und kontrollieren, wer die Routen befahren darf und wer nicht. Ihre Mitglieder bringen die Sektenchefs als Schaffner und Fahrer in Arbeit und Brot. Gerade dieser Njenga war ein ehemaliger Busschaffner. Zeugen sagten aus, er habe sich mit seinen Kollegen zerstritten und sei als möglicher Verräter auf der Todesliste der Mungiki gelandet. Es kam zu Selbstjustiz, als der Mob, vermeintliche Mungiki-Angehörige angriffen und deren Häuser anzündeten. Kibaki schickte die Armee hin, um die Ausschreitungen zu beenden. Die jüngste Mordserie sehen die Polisi als Antwort Mungiki auf die Offensive des Staates. Abkassieren tun sie weiter. Der Daily nannte es: Die Exzesse kommen einer Bankrotterklärung des Staates gleich. Es zeige, dass eine verbotene Bewegung jederzeit und überall straffrei operieren und zuschlagen kann. Die Organe des Staates seien schwach, hilflos und unfähig. Vor allem fehle es der Regierung am politischen Willen, massiv gegen die Sekte vorzugehen. Führenden Sektenmitgliedern werden enge Beziehungen zu Vertretern des politischen Establishments nachgesagt. Auffällig ist, dass sich die Mungiki in Wahljahren zu diesem extremen Vorgehen entschließen. Zu Serienmorden war es 2002 gekommen, als die Regierung Mois halbherzig mit militärischen Mitteln gegen die Sekte vorging, um so Popularität in der Bevölkerung zu gewinnen. Der Regierung Kibakis ist es seit 2003 nicht gelungen, die Bandenkriminalität einzudämmen. Kann man überall nachlesen. Ihr solltet euch mehr bilden und weniger Mist labern.“ James erhob sich. „Verschwindet morgen und nehmt diese chakaramu mit.“

„Du kannst im Haus schlafen.“

„Dad, Mamaye, bleibt. Eure Enkelkinder wecken euch um sechs.“

„Ihr wollt auspennen? Ständig muss Personal für euch da sein. Faules Pack!“

„Gerade meine Bibi hat es verdient. Die letzten Wochen hatte sie genug Stress und wenig Schlaf. Das war eben nur ein Scherz“, lenkte Erik ein, als er den Blick seines Vaters gewahrte.

James blickte zu seinem Sohn. „Sie hat seit Wochen zu Hause. Ist ihr Lover so anstrengend? Lüg mich nicht an. Was seid ihr nur für widerliche Menschen? Dad, ich fahre. Wirf sie hinaus. Julie, diese faule Kizee gleich mit.“

„Ich mach das für dich, mein Junge“, Julie nun. „Ihr könnt ausschlafen.“

„Asante, Mum! Wir gehen schlafen. Ich bin müde, da ich gestern erst spät nach Hause gekommen bin.“

*

Sie eilte hinunter, roch das Mittagessen und fluchte tonlos. Aus der Küche hörte sie Stimmen und schritt zögernd in die Richtung, erblickte im Esszimmer den bereits gedeckten Tisch.

„Tahiya, ausgeschlafen? Magst du einen Kaffee?“

„Ja, gern. Entschuldigung, dass ich so lange geschlafen habe.“

„Ist gut, das muss sein. Komm mit in die Küche und setz dich. Die Männer sind unterwegs. Sie zeigen den Kindern die Umgebung.“

Tahiya nahm den Kaffee, während sie sich umsah.

Der Küche war das Alter anzusehen. Alte, schwere Schränke mit Glasscheiben, in denen Geschirr stand, Regale in dem ganzen gedunkelten Holz voller Flaschen, Krüger, Gläser, alle fein säuberlich beschriftet. In einem anderen Regal Kochgeschirr, darunter hängend Kochlöffel, Messbecher, Siebe, alle aus glänzendem Stahl, wie sie vermutete. In einer Ecke sah sie eine Holztür, die geöffnet war und erblickte kleine Jutesäcke, Gläser, Konservendosen.

Etwas verblüfft bemerkte sie eine neue Doppelspüle und darunter wie sie vermutete eine Geschirrspülmaschine. Ein Stück davon entfernt ein Herd mit einem Ceranfeld, daneben ein altertümlicher Kohleofen, auf dem Charlotte gerade kochte.

Eine brütende Hitze war in der Küche, obwohl die Tür nach außen geöffnet war.

„Lassen wir Charlotte werkeln und setzen uns draußen hin. Hier drinnen hält man es vor Hitze nicht aus. Sie macht am liebsten alles allein.“

Julie setzte sich auf die Veranda und sah Tahiya an. „Weißt du, wir haben extra einen modernen Herd, eine Mikrowelle, eine Spülmaschine auf Williams Wunsch besorgt. Nein, es steht unbenutzt herum. Sie kocht so, wie sie es seit vierzig Jahren handhabt. Bereits damals hat sie den Haushalt geführt, sich um die Kinder gekümmert, und als wir die ersten Jahre hier gewohnt haben, durfte ich nur selten in der Küche hantieren. Am Anfang hat es mich gestört, allmählich hatte ich mich daran gewöhnt.“

„Schade um das schöne Geld. Wollte die nie heiraten?“

„Nein. Ich glaube, dass sie nie den Wunsch danach hatte. Am Anfang haben sich die Männer um sie gestritten, aber sie wollte nicht. Sie hat Martin wohl sehr geliebt und die Enttäuschung saß tief. Sie war mit ihrem Leben zufrieden. Sie hatte ja Familie, Kinder.“

„Um Charlotte haben sich Männer gerissen? Um diese alte Kuh, die dumm und hässlich ist?“

„Na ja, wenigstens ein paar alte Kerle“, lachte Julie. „Sie war eine nützliche Hilfe. Mehr kann die sowieso nicht. Ständig muss ich aufpassen, dass sie nichts falsch macht. Sie mischt sich andauernd überall ein.“

„Was passiert mit der alten Kuh, wenn William bald stirbt?“

„Muss sie sehen, wie sie klarkommt. Hier bleibt die Alte nicht, da wir das alles verkaufen. In wenigen Monaten gibt es keine Shrimes-Farm mehr, nichts dergleichen. Wir suchen bereits nach Käufern und haben einige interessante Angebote.“

„Hoffentlich nimmt die nicht Williams Geld mit oder klaut Eves Schmuck. Wer weiß, wie lange es der alte … ich meine William noch macht? Erik wird einmal sein Erbe sein, neben James. Sonst gibt es keine weiteren Personen, denen etwas zusteht.“

„Weitere Monate überlebt der nicht, da bin ich mir sicher. Eventuell geht es schneller und das Thema ist an dem Wochenende erledigt.“

„Ja, könnte sein und die alte Kuh gleich mit, weil sie sich darüber gewiss zu sehr aufregen wird.“

„Erst nach dem Weihnachtsfest.“

Eine Weile blickten sie sich stumm an, danach auf den Garten, der Grün durch den Regen zugelegt hatte. Die Blumen leuchteten und alles sah sehr gepflegt aus. Man sah, dass er regelmäßig vom Unkraut befreit, die Sträucher gestutzt wurden.

Nach dem Essen wollten die Männer den Kindern die Löwen zeigen. Sie hatten vorher ein Impala geschossen und das lag auf dem Pick up von William. Die zwei hatten davon nichts mitbekommen, da sie Mittagsschlaf gehalten hatten. Nun machten sie sich fertig und sie sah Erik zu, der gerade mit einem großkalibrigen Gewehr heraustrat. Aus seiner Brusttasche zog er Hülsen, die er in das Magazin schob. Er tat das mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die sie irgendwie faszinierend fand. Gewehre waren wahrscheinlich ein Teil seines Ich.

Gerret hingegen stürmte aufgeregt hin und her, redete die ganze Zeit, konnte es nicht erwarten. Lara wesentlich ruhiger.

Dann fuhren sie los. Gerret saß vorn zwischen seinem Dad und Großvater, während Lara hinten saß. Tahiya hatte auf den Ausflug verzichtet, da sie mit William reden musste.

Nach einer Weile Fahrt, vorbei an grasenden punda milia, Herden pofu und swala pala, dumpf blickenden Gnus, niedlichen Dik-Diks, einigen stolzen Marabus, sahen sie das Rudel und langsam, in einem großen Bogen, fuhr Erik näher. Wieder hielt er und warf das tote Impala ab, setzte sich an das Steuer, fuhr ein Stück weiter und wartete. Die Kinder still.

Langsam kam er näher, der König der Savanne. Erik blieb diesmal im Auto, zog Gerret auf seinen Schoß. Lara kletterte nach vorn, saß auf James Schoß.

„Seht ihr, er geht Fressen. Erst die Männchen, danach kommen die Löwinnen und zum Schluss die Kinder.“

„Viele simba“, kam es kaum wahrnehmbar aus dem Mund von Lara.

„Ndiyo, ein Rudel.“

„Kann man die streicheln?“

„Hapana, da darf man nie aus dem Auto aussteigen, wenn wilde Tiere in der Nähe sind. Die Löwen denken sonst, du willst ihr Fleisch und knurren böse, brüllen dich laut an. Also bleiben wir alle brav im Auto.“

Sie sahen zu, bis das letzte Kind gefressen hatte und die Tiere sich im Schatten zur Ruhe legten. Der Alte gähnte, hustete. Lara drückte sich ängstlich, enger an ihren Großvater. Gerret schaute hingegen wie gebannt zu den Tieren.

„Jetzt sind sie satt und gehen schlafen. Wir fahren nach Hause, damit sie nicht gestört werden und schnarchen können. Charlotte hat bestimmt Kuchen gebacken und Nyanya wird warten.“

Die Geier machten sich über die Reste her, genauso wie die Marabus, alles von Streitigkeiten unterbrochen.

Unterwegs sahen sie noch einige Antilopen, Zebras und sie schauten ihnen kurz zu.

Gerret eilte die Treppe hoch und berichtete Julie, sich dabei verhaspelnd, was er gesehen hatte. William erschien in der Tür und sogleich wurde ihm aufgeregt berichtet; der winkte jedoch ab und verschwand Richtung Stall.

„Was soll das? Seine Urenkel wollen ihm etwas erzählen und er lässt sie stehen? So kann er nicht mit meinen Kindern umgehen“, empörte sich Erik.

„Du und deine Bibi habt euch lautstark beschwert, er würde permanent eure Kinder falsch behandeln.“

„Ich werde dem alten, senilen Mann …“

James drehte sich blitzschnell um, fasste seinen Sohn grob an den Oberarmen. „Du wirst nichts, haben wir uns verstanden? Sei vorsichtig, wie du über und mit meinem Abuu redest. Ich werfe euch habgieriges Volk eigenhändig von der shamba. Unanielewa? Pack und verschwinde. Du bist das Letzte und ihr widert mich an, du verblödeter Angeber, du Nichts, Waschlappen, du kleiner dreckiger Gangster, der davon lebt, das er…“, er brach ab, hätte beinahe zu viel gesagt. Heftig schubste er ihn weg, folgte seinem Vater.

Erik stürmte zornig ins Haus und fand oben seine weinende Frau vor. Sie berichtete ihm von dem Gespräch mit William. Nun brodelte es richtig in ihm, während er Tahiya tröstete.

„Der Wirtschaftsboom, den wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, hat allerdings die Armut minimal verringert. Der starke Gegensatz zwischen Arm und Reich ist höchstens noch angewachsen. Der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung betrug 1997 52,3 Prozent dieses Jahr 46 Prozent. Wenn man nur den städtischen Bereich nimmt, ist dort die Armut steigend. Kibaki hat zwar einige gute Ansätze gezeigt, einige Erfolge erzielt, nur das war eher halbherzig. Er schafft die Primärschulgebühren ab. Gut! Nur was bringt das, wenn es vorn und hinten an Materialien fehlt? Die Gebäude verkommen permanent. Woher sollen die Armen das Geld haben, um ihren Kindern Hefte und Bücher zu kaufen?“

„Ereifere dich nicht. Er hat begonnen die vernachlässigte Infrastruktur und ländlicher Vermarktungsstrukturen aufzubauen, wovon, wenn überall das Geld fehlt. Das ist das Grundproblem.“

„Er hätte sich massiv um die Korruptionsbekämpfung kümmern sollen. Nach wie vor sind wir ein Land, dass die meisten Korruptionsfälle weltweit zu verzeichnen haben. Kenya ist im Besitz einiger weniger Familien. Die meisten sind Kikuyu. Gerade sie haben von den Wirtschafts- und Strukturreformen, dieser gesamten Privatisierung, enorm profitiert. Würde man von den Kerlen die Konten ein wenig plündern, würde unser Land anders dastehen und aussehen. Besonders die Banken profitieren davon. Das gesamte Banksystem müsste überarbeitet werden. Afrika würde heute in zahllosen Bereichen wesentlich besser dastehen, wenn nicht Milliarden von den Machthabern gestohlen worden werden. Die Gelder schlummern auf irgendwelchen ausländischen Konten und fehlen dem Kontinent.“

„Dass dir das nicht gefallen hat, kann ich mir vorstellen. Wirst du wohl eine Menge verloren haben?“, Erik hämisch grinsend. „Dein angeblicher Enkelsohn ist einer von diesen Verbrechern bei den Banken.“

„Ich muss dich enttäuschen. Nicht einen Shilingi. So dumm bin ich nicht, dass ich mir etwas stehlen lasse. Dan ist nicht mein angeblicher Enkel, sondern mein einziger männlicher, den ich als solchen anerkenne. Ist es Neid, dass er etwas geschaffen hat, was du niemals schaffen wirst, du jämmerliche Niete? Du bist nichts als ein bornierter Angeber. Dan muss mich nicht ständig um Millionen anpumpen, im Gegensatz zu dir.“

„Dan ist ein verblödeter Aufschneider und vergleich mich gefälligst nicht mit so einem Bastard. Wieso bei dir nicht? Machst du mit denen gemeinsame Sache oder schmierst du sie so reichlich? Du bist abscheulich!“

„Weder noch. Ich setze meinen Verstand ein.“

Erik blickte seinen Großvater aufgebracht an. „Seit wann hast du Verstand? Wie hast du es gedreht oder hattest du nie so viel, wie du behauptet hast?“

„Ich habe nie behauptet, ich hätte viel, und das bisschen, was ich hatte, wurde gleichmäßig verteilt. Du wirst nie einen Shilingi davon sehen. Charlotte, rufe bitte den Deputy an, dass man diesen Versager anzeigt. Es reicht!“

„Mache ich sofort und sehr gern“, schon verschwand sie in seinem Arbeitszimmer.

„Du seniler Greis, als wenn du mir etwas könntest. Wer weiß, wie du da betrügst, und erzählen tust du Verbrecher das sowieso nicht. Du hast den größten Teil bereits vor Jahren verschenkt, Baba betrogen, hintergangen, abscheulich behandelt. Noch etwas behandele meine Kinder gefälligst nicht so von oben herab. Was fällt dir ein? Verblödest du total? Sie sind deine Urenkel. Deine Einzigen, übrigens. Vergessen? Du wirst dich in Zukunft mit ihnen beschäftigen und ihnen zuhören. Benehmen hast du nicht, du dummer Analphabet. Nur betrügen und lügen kannst du. Man sollte dich …“

„Erik, Schluss“, James böse, der hereinkam, die letzten Worte gehört hatte. „Was erlaubst du dir? Du und deine raffgierige Bibi solltet packen und verschwinden.“

„Ihr verlasst morgen früh meine Farm. Ihr faules Gesindel habt heute nicht einmal die Betten gemacht, noch Charlotte geholfen. Schluss und kommt einer von euch nochmals auf meinen Besitz, lass ich euch eine Weile im Gefängnis schmoren.“

„Du spinnst wirklich. Sei froh, dass du noch hier hausen darfst“, lachte Tahiya.

„Kinder regt euch nicht auf. Er kann euch nicht hinauswerfen“, Julie nun, tätschelte dabei Eriks Oberschenkel.

„Ich kann und werde. Dich habgierige verlogene chakaramu gleich mit. Seid ihr morgen Vormittag noch da, werdet ihr es erleben.“

„William richtig. Verbrecher gehören eingesperrt. Erik und seine malaya lass mal für einige Monate drinnen schmoren. Unser Präsident spinnt“, lenkte Richard ab.

Charlotte erschien, grinste. „Sie schicken morgen Vormittag einige Deputys her, damit die aufräumen.“

„Du blöde Kuh …“

„Julie, du wirst weggesperrt und keiner da, der dich herausholt, weil niemand von euch Versagern und Verbrechern Geld hat. Tahiya kann es bei den Aufsehern abarbeiten. Als Prostituierte verdient sie wenigstens noch etwas, da man sie als Ärztin hinausgeworfen hat. Sie war faul, unzuverlässig, weil sie lieber vögelt, als zu arbeiten. Deswegen hat man sie vor drei Jahren bereits in Nairobi auf die Straße gesetzt. Ian war zwei Jahre später so dumm, diese Person aufzunehmen, damit sie nicht arbeitslos ist. Erik ebenfalls arbeitslos. Du sollst morgen früh deinen Boss anrufen, hat er mir eben gesagt. Er wird es dir selber sagen, du Verbrecher“, amüsierte sich James.

„Charlotte, gut gemacht. Wir werden alle aussagen, damit die lange weggesperrt bleiben.“

„Er entlässt Anfang des Jahres wegen Korruptionsvorwürfen zehn Minister. Andere traten wegen dieser dreckigen Anglo-Leasing- und Goldenberg-Skandale zurück. Er wusste von nichts und unser netter Vize betont, wie sauber er ist. Ergo lenken sie fix ab, stürzen sich auf die bösen Medien. Sie dürfen nicht schreiben, was sie wollen, sondern nur noch Märchen veröffentlichen. Der Fernsehsender musste den Betrieb einstellen. Mitglieder der Opposition und viele Kabinettsmitglieder protestierten dagegen. Er stellt sich hin, tönt, einige wären nicht loyal gegenüber der Regierung, wirft Bauminister Raila Odinga und Außenminister Kalonzo Musyoka hinaus. Er scheitert mit seiner Volksabstimmung über die neue Verfassung, das wird beiseitegeschoben. Nun möchte er, gerade ER, der Korruption den Kampf ansagen. Lachhaft! Er bejahte die Pressefreiheit, gleichzeitig unterbindet er, was ihm nicht passt. Vor ein paar Wochen geht er hin, bildete das Kabinett um, macht zum großen Teil die früheren Ministerrücktritte rückgängig. Nur der ehemalige Finanzminister war das Opfer. Ein paar Tage später gelang ihm in der KANU ein interner Parteicoup, in dem er durch eine nicht durch die Führung der Partei einberufene Delegiertenkonferenz in Mombasa eine neue Parteiführung wählen ließ. Uhuru Kenyatta sowie fast die gesamte alte Parteiführung wird kurzerhand entmachtet und Biwott ist nun neuer Parteichef. Synchron wurde er damit der mit zahlreichen Privilegien versehene offizielle Führer der Opposition im Parlament.“

„Was sind dieser Goldenberg und Angloleasing?“

„Charlotte, du bist dumm. Das weiß jeder.“

„Zügel deine Ausdrucksweise, du bist impertinent Person. Daktari, erklär es“, James nun grinsend.

„Erik, mach du für mich. Das ist mir zu simpel.“

Alle lachten schallend und Tahiya blickte aufgebracht zu Charlotte.

„Verlogene, blöde, habgierige, faule prostitute!“, stellte James fest. „Keine Ahnung, aber angeben.“

„James, sie sind wütend, dass William ihnen heute keine 50 Millionen heute gegeben hat. Deswegen müssen sie verbal zuschlagen. Sie wollten vorhin sogar Eves Schmuck …“

„Halt deine dumme Klappe. Charlotte, lüg nicht ständig. Erik, mein Schatz, lass dir das nicht gefallen. Du bist der zukünftige Besitzer der Farm und so eine herunterge…“

Charlotte holte aus und haute zu. „Muss sie sehen, wie sie klarkommt. Hier bleibt die Alte nicht, da wir das alles verkaufen. In wenigen Monaten gibt es keine Shrimes-Farm mehr, nichts dergleichen. Wir suchen bereits nach Käufern und haben einige interessante Angebote. Hoffentlich nimmt die nicht Williams Geld mit oder klaut Eves Schmuck. Wer weiß, wie lange es der alte … ich meine William noch macht? Erik wird einmal sein Erbe sein, neben James. Sonst gibt es keine weiteren Personen, denen etwas zusteht. Weitere Monate überlebt der nicht, da bin ich mir sicher. Eventuell geht es schneller und das Thema ist an dem Wochenende erledigt. Ja, könnte sein und die alte Kuh gleich mit, weil sie sich darüber zu sehr aufregen wird. Erst nach dem Weihnachtsfest. Nicht wahr Tahiya und Julie? Eure Worte. Ihr seid Abschaum der Menschheit. Hast du deswegen so viel Schlafmittel dabei, weil du uns umbringen willst? Du hast gekreischt, weil er dir nicht die 50 Millionen und den Schmuck geben wollte. Das haben sie bis zum Dorf gehört, du habgierige malaya. Danach sagte Julie zu dir, mach dir keine Sorgen, bis Januar habt ihr sein Geld.“

„Ihr seid abscheulich!“, erhob sich Richard. „William, jag sie aus dem Haus. Ich rufe ebenfalls gleich an und stelle Anzeige gegen diese habgierigen Menschen. Das nennt man Mordversuch. Erik, dass du so ein mieser, verlogener dope wirst, hätte man nie gedacht. James bereite dem endlich ein Ende. Kwa heri.“

James blickte seinem Freund nach. Wie gerne würde ich, aber ich kann nicht - noch nicht. Wie lange noch? Wie lange muss ich dieses Theater noch mitmachen? Wie lange müssen Baba und ich das Theater mitmachen, muss es heißen.

„Erik, du wolltest ihr etwas erklären“, nun Tahiya schnell und er griff das Thema rasch auf.

„Die Transaktionen begannen 1991, unmittelbar nach dem die kenyanische Regierung unter Moi begonnen hatte, Wirtschaftsreformen anzupacken, und das Land für den Weltmarkt und internationale Investitionen zu öffnen. Goldenberg erhielt von der Regierung 15 Prozent über dem Weltmarktpreis für gefördertes Gold. Ein einträgliches Geschäft, an dem viele Teilhaber reich wurden. Wie erst später bekannt wurde nahezu die gesamte Regierungsmannschaft von Präsident Moi. Drahtzieher des großen Deals war der kenyanische Geschäftsmann Kamlesh Pattni. Der mauschelte da zusammen mit Kanyotou, einem Bankdirektor der First American Bank und Leiter der Special Branch, Direktor von Goldenberg International. Dreiundzwanzig der höheren Richter Kenyas verloren ihre Posten, nachdem ihnen Korruption nachgewiesen werden konnte. Der Anglo-Leasing-Skandal war ein großer Finanzskandal, der sich unter der Regierung von Präsident Mwai Kibaki ereignete. Es verschwanden etwa 500 Millionen Shilingi durch nachträgliche Finanztransfers auf eine Reihe von Scheinfirmen. Dabei drehte es sich mit 240 Millionen Shilingi um die Anschaffung von fälschungssicheren Personalausweisen. Nach Aussage von John Githongo, dem Boss der Kenya-Anti-Corruption-Commission, flossen Teile der Gelder über dunkle Kanäle auf die Regierungskonten zurück. Offensichtlich von der fiktiven Firma Angloleasing über eine Zürcher Bank. Insbesondere warf Githongo Vizepräsident Moody Awori und den zurückgetretenen Finanzminister David Mwiraria, Kiraitu Murungi Energieminister und Chris Murungaru Sicherheitsminister sowie weiteren Politikern Korruption vor.“

Alle lachten schallend, während Erik, Tahiya und Julie sie verblüfft anschauten.

„Erik, du dummer Angeber“, Charlotte lachend, „null Ahnung, aber Klappe aufreißen. Die Drahtzieher in Wirtschaft und Regierung fanden einen Weg, Gold in großen Mengen zu fördern: Es wurde in den Kriegswirren einfach aus dem benachbarten Kongo eingeschmuggelt und legal als kenyanisches Gold auf dem Weltmarkt verkauft. Aufseiten des Kongos wurde damit der dortige Krieg finanziert. Kenya erhielt dafür harte Währung, so zahlte die Regierung einer bestimmten Anzahl von Prozenten an die Firma Goldenberg International als Provision. Goldenberg erhielt von der Regierung 35 Prozent über dem Weltmarktpreis. Wie viel oder ob überhaupt Gold exportiert wurde, ist noch nicht ganz klar. Jedenfalls zahlte die Regierung die Provision. Unter Kibaki untersuchte der Richter Bosire den Goldenberg-Skandal. Am 3. Februar 2006 legte er seinen sogenannten Bosire-Report vor. Der Report empfahl, den damaligen Erziehungsminister George Saitoti anzuklagen und Ex-Präsident Moi zu verhören. Saitoti war unter Moi sowohl Vizepräsident als auch Finanzminister gewesen. Präsident Kibaki verkündete am 13. Februar 2006 den freiwilligen Rücktritt seines altgedienten Ministers.

Der Report hielt fest, dass die Firma Lima Ltd., die neben anderen Mois Sohn Gideon Moi und Nicholas Biwott gehörte, seinem in der Bevölkerung gefürchteten und verhassten Exminister, von Goldenberg 6,3 Millionen Shiling erhalten hatte und keiner der Firmeninhaber darüber eine Aussage machen konnte, für welche Leistung. Etwa 160 Milliarden Shiling der Regierungsgelder waren an 487 Firmen und Einzelpersonen verteilt worden. An der Spitze der Korruptionsliste stand Goldenberg mit 35 Milliarden Shilingi. Am 31. Juli 2006 entschied unser Oberster Gerichtshof, Saitoti als Mittäter im Goldenberg-Skandal nicht anzuklagen. Dies hatte eine negative Reaktion seitens der Medien zur Folge. Am 15. November 2006 wurde er von Präsident Kibaki als Erziehungsminister wieder eingesetzt.

Beim Anglo-Leasing-Skandal handelte es sich um 700 Millionen Shilingi. Daneben kamen weitere Skandale wie die korrupte Anschaffung eines Kriegsschiffes, ebenfalls im Bereich der halbstaatlichen Unternehmen, ans Tageslicht. Insbesondere warf Githongo sogar Vizepräsident Moody Awori und den zurückgetretenen Finanzminister David Mwiraria dem Energieminister Kiraitu Murungi und dem Minister für Sicherheit und Transport Chris Murungaru sowie weiteren Politikern Korruption vor. Dieser Bericht wurde im Januar 2006 im Daily Nation und dem Standard veröffentlicht. Wütende Dementis und Klageandrohungen der öffentlich Genannten waren die Folge. Githongo erhöhte noch die Beweislast und ließ im Februar 2006 in London der BBC Tonbandmitschnitte zukommen. Auf ihnen war hörbar, wie er von Chris Murungaru bestochen werden sollte. Das brachte ihm von den Betroffenen den Vorwurf ein, ein britischer Spion zu sein, der die Kibaki-Regierung stürzen wolle. Githongo wurde vom Public Accounts Committee unter der Leitung von Uhuru Kenyatta mehrere Tage in London besucht und über seine Kenntnisse in den verschiedenen Korruptionsskandalen befragt. Aufgrund der Veröffentlichung in der BBC und dem Nachdruck der Gespräche in den kenyanischen Zeitungen wurden Ende Februar 2006 Vizepräsident Moody Awori und andere Minister und Staatssekretäre vorgeladen. Auch hochrangige Geschäftsleute wurden verhört und mussten ihre Pässe abgeben, so Deepak Kamani und Jimmy Wanjigi, die hinter dem Anglo-Leasing-Skandal stehen sollen. Mehrere Direktoren halbstaatlicher Organisationen wurden suspendiert. Der neue Direktor der Kenya-Anti-Corruption-Commission, der Richter Aaron Ringera, empfahl dem Generalstaatsanwalt, acht Staatssekretäre und achtzehn Direktoren staatlicher Organisationen in 145 Fällen anzuklagen. Im März 2006 wurden 519 Fälle von größerer Korruption verhandelt.

Generalstaatsanwalt Amos Wako entschied jedoch, gegen die 15 von der KACC konkret genannten Verdächtigen keine strafrechtlichen Schritte einzuleiten. Im Februar wurde ein Bericht über die Untersuchung des Goldenberg-Skandals veröffentlicht. Dabei ging es um betrügerische Exporte von Gold und Diamanten in den 90er-Jahren, bei denen ein Schaden von einer Milliarde US-Dollar entstanden war. Die Untersuchungskommission empfahl, den Geschäftsmann Kamlesh Pattni, Bildungsminister George Saitoti, den ehemaligen Präsidenten Daniel arap Moi sowie weitere Personen wegen Korruption vor Gericht zu stellen. Im März wurde gegen Kamlesh Patni und vier weitere Beschuldigte formell Anklage erhoben. Im August entschied jedoch eine aus drei Richtern bestehende Kammer des zuständigen oberen Gerichts, dass die Klage gegen den von seinem Amt zurückgetretenen George Saitoti unbegründet sei.“

„Charlotte, genauso ist es. Erik, du bist so ein verblödeter Angeber, genau wie deine Bibi. Wie sie überall sagen, die dumme Shrimes-Niete und seine prostitute. Nur peinlich, ihr beide!“

„Wenn du das weißt, warum deine blöde Frage? Du bist so …“

„Halt deinen Mund, Tahiya, sonst fliegst du raus. Unanielewa?“

„James, unsere Schwiegertochter hat recht. Charlotte ist hinterhältig, will sich permanent in den Vordergrund spielen, diese …“

„Julie, du verlässt sofort das Haus. Raus, aber schnell! So redest du dahergelaufene Kriminelle nicht mit Charlotte. Nimm deinen Plunder mit, da du in der Scheune schlafen kannst.“

„Dad, das war hinterhältig. Mum bleibt hier.“

„Seit wann hast du dope hier etwas zu sagen? Die Kizee verschwindet und damit Ende. Geh meinetwegen mit, dann haben wir Ruhe. Biwott schafft es permanent wieder hoch. Er war in beide Transaktionen verwickelt. Der hatte vor zwanzig Jahren überall seine Pfoten drinnen und das Geld schneller gescheffelt, wie man es herstellen konnte. Bei der Goldenberg-Sache weigerten sich Moi und Konsorten, zum Verhör zu erscheinen. Musyoka, Biwott und Kenyatta nahmen ihn damals noch in Schutz, weil man das nicht mit einer Regierung mache. Logisch wollte keiner etwas sagen, alle hatten Dreck am Stecken. Deswegen wurden sie abermals mit Posten versehen. Man muss sich ja gut mit ihm stellen.“

„Baba, du veränderst diese Kerle nicht, ergo reg dich nicht auf. Außerdem wurde nie bewiesen, dass er oder Moi dahintersteckten. Der Fall wurde nie aufgeklärt, wie so viel andere“, James beruhigend.

„Mich ärgert es. Für wie blöd halten die uns eigentlich? Wir sind sooo sauber, gehen gegen Korruption vor, dabei raffen sie, was sie bekommen können. Gerade Biwott zählt zu einem der Schlimmsten. In die großen Korruptionsfälle seien es Bestechungen, Verschwendungen oder das Abzweigen von Geldern bei völlig überteuerten Geschäften, waren nicht nur Geschäftsleute, sondern Regierungsstellen, teils in großem Ausmaß, verwickelt. Bereits nach dem Tod von Ouko hieß es laut Berichten von den Ermittlern, Biwott stecke dahinter. Biwott ist ein gefährlicher Mann mit Mafia-Verbindungen. Wer mit ihm Streit hat, muss um sein Leben fürchten, hat Ouko einmal geäußert. Trotz seines kargen Gehalts von offiziell 21.000 Shilingi hat Biwott innerhalb weniger Jahre ein Millionenvermögen zusammengerafft. Töten oder Stehlen ist kein Verbrechen für mich, aber arm zu sein ist eine große Schande, soll er laut Zeugen zu Robert Ouko gesagt haben. Biwott gab immer vor, 30 Prozent der Provisionen seien für ihn bestimmt, 70 Prozent für Moi. Doch oft hat er den Alten auch übers Ohr gehauen, hat mal jemand geäußert. Biwott konzentrierte sich auf den Ölimport, Baufirmen, Einkaufszentren, Parfümerien und Fahrzeughandel. Eine bevorzugte Einkommensquelle waren Entwicklungsprojekte, wie der Turkwel-Staudamm. Biwotts Millionen ruhen auf Konten in Europa. Der IWF schätzt die Guthaben wohlhabender Kenyaner im Ausland auf 2,6 Milliarden US-Dollar. In den 80er-Jahren im Kabinett Moi war er zunächst Energieminister, 1990 unter Mordverdacht verhaftet, wieder entlastet und ab 1992 wieder im Kabinett. Biwott wurde in einer umstrittenen Mitgliederversammlung Ende November 2006 zum Vorsitzenden von KANU gewählt. Die wurde daraufhin von schweren Turbulenzen geschüttelt, die zwischen der neuen Parteiführung um Uhuru Kenyatta und alten Parteikadern um Nicolas Biwott ausgetragen wurden. Versuche Biwotts, mithilfe von ihm selbst am Vorstand vorbei einberufener Delegiertenkonferenzen die Partei zu übernehmen, scheiterten trotz Unterstützung der Regierung vor den Gerichten.“

„Die Politik ist momentan eben stark mit der Auseinandersetzung um die Korruption beschäftigt. Zwei Körperschaften bekämpfen neben der Presse und den gesellschaftlichen Gruppierungen offiziell die Korruption: Uhuru Kenyatta und dass Public Accounts Comites und die Kenya-Anti-Corruption-Commission mit Aaron Ringera. Die KACC damals aus der KACA gebildet wurde, war noch der Journalist John Githongo dabei. Er recherchierte zu genau und ist voriges Jahr ins Exil nach London abgehauen. Er hatte Angst, dass ihn Moi oder einige andere, ermorden lassen. Im März veröffentlichte unsere Regierung diesen Report, dass britische Bankkonten mit über eine Milliarde US-Dollar gefunden wurden. Dieses Geld wurde unter der Moi-Regierung außer Landes gebracht, hieß es. Sie haben versucht, Zugriff darauf zu erhalten. Damit stand Kibaki als Saubermann da. Wo ist denn nun das Geld? Weitere Gelder aus der Kenyatta-Zeit sollen sich in der Schweiz befinden.“

„Gleichmäßig auf andere Konten verteilt. Die Regierung schliddert von einem Debakel in das nächste. Irgendwie versuchen sie wenigstens ab und zu gut in der Welt da zustehen. Nur Augenwischerei, um ihre eigene Unfähigkeit oder Geldgier zu verschleiern. Das geht seit Jahren. Nimm diese Verfassungsänderung. Man könnte darüber lachen, wenn es sich dabei nicht gerade um die Regierung eines Staates handeln würde. Als die Verfassungskonferenz eine Änderung der Verfassung vorschlug, die die Befugnisse des Präsidenten verringern und das Amt eines Premierministers eingeführt werden sollte, wurde das massiv abgelehnt. Kibaki, damals noch Oppositioneller, unterstützte das und versprach, innerhalb von hundert Tagen nach seiner Wahl eine neue Verfassung einzuführen. Er legt diese verspätet vor und gleich geht es erneut los. Alle schreien dagegen, keiner hat allerdings einen besseren Vorschlag.

Das nächste Problem. Maasaihirten und Kikuyubauern kämpfen um die knappen Wasserressourcen. Der Streit geht seit Jahren. Einige Maasai protestierten gegen die Landrechte. Dieses Land wurde für 99 Jahre an die Briten vermietet, die nun abgelaufen waren. Die Regierung stellte diese Behauptung infrage. Die Maasai brachten mit ihren Protesten die Ungerechtigkeit von vielen langfristigen Mietverträgen, die die Briten den kenyanischen Völkern aufgezwungen hatten, damit ins internationale Bewusstsein. Die Frage der sehr langfristigen Mietverträge gehörte zu denen, die die ins Stocken geratene Verfassung hätte lösen können.“

„Sie versuchten, kritische Stimmen in den Medien zu unterdrücken. Dann sammelt er ein paar Pluspunkte. Kenyanische und äthiopische Soldaten trafen im April 2006 aufeinander, als die äthiopischen Oromorebellen über die kenyanische Grenze verfolgten. Die Kämpfe in diesem Jahr in Somalia brachten zu den 130.000 bereits in Kenya befindlichen Flüchtlingen weitere 30.000. Das ließ ihn gut in der Welt dastehen, damit konnte er einiges vertuschen.“

„Lassen wir die Politik. Wir können es nicht ändern. Wie soll man Völker unter einen Hut bringen, wenn das nicht innerhalb einer Familie gelingt.“

„Babu, dass das bei uns so ist, daran bist du allein schuld. Also beschwere dich nicht. Du bist hinterhältig, gemein, verlogen und spiel nicht unschuldig. Du bist ein Verbrecher, wirfst unser Geld zum Fenster hinaus. Sogar das Erbe meines Vaters hast du ihm entwendet. Du bist ein abscheulicher Kerl, Mörder, Dieb und Angeber. Sei froh, dass wir überhaupt noch herkommen.“

„Ihr verschwindet morgen, Unanielewa?“ William schaute seinen Enkelsohn an, sagte Gute Nacht und stieg mühsam die Treppe hoch. Seine Tränen sollte keiner sehen. Oben setzte er sich an Eve Schminktisch, wie sie ihn genannt hatte, stützte die Arme auf und schaute auf ihr Bild. „Mpenzi, du fehlst mir“, flüsterte er, und nun weinte er. Der Schmerz saß tief. Es war nicht die Schmerzen, die das Alter und die harte Arbeit mit sich brachten, sondern es war innerlich.

James klopfte und schlüpfte zu seinem Dad ins Zimmer, stellte zwei Bierflaschen ab.

„Baba, ich mache dem ein Ende. Ich kann diesen Versager, diesen miesen Gangster, nicht mehr sehen. Er und seine billige prostitute führen sich abscheulich auf. Soll die Polisi dieser Verbrecher morgen einsperren.“ Er setzte sich neben seinen Dad, nahm ihn in den Arm. „Das sind sie nicht wert, Baba.“

William wischte sich über die Wangen. „Du weißt, dass das nicht geht. Sie kehren nach drei Jahren zurück, wie Nassir sagte, und jetzt bekommt ihr diese Verbrecher. Erik benötigt dringend Geld, da er überall Schulden hat und er wird ihnen das Elfenbein beschaffen. Dazu werden momentan Gelder für Medikamente freigemacht und sie werden die Lieferungen aus Uganda zu uns schicken, da man mehr dafür bezahlt. James, du kannst nicht einfach aussteigen und das weißt du. Bekommt man diese Kerle nicht und Erik hat nur den leisesten Verdacht, dass du mehr über seine dreckigen Geschäfte weißt, knallen sie dich an. Bei so vielen Morden kommt es auf einen mehr nicht mehr an.“

„Aber nicht unter diesen Umständen und auf deine Kosten. Jag sie morgen weg und sag Njoki, er soll ihnen verbieten, dass sie jemals wieder dein Gelände betreten. Ich bring diesen Kerl um, wenn sie dem nicht bald ein Ende bereiten.“ Er nahm ihm das Foto von Eve aus der Hand, schaute darauf. „Sie würde uns beide für wazimu betiteln, wenn sie das alles miterlebt hätte.“

Nun musste William schmunzeln. „Ndiyo! Sie würde toben. James, sei etwas vorsichtiger, wenn du telefonierst. Charlotte schleicht dir nach, tratscht das später bei Karanja oder Joyce und Dan aus.“

„Schick sie ebenfalls zum Teufel.“

„Du weißt, dass das Eve nie gewollt hätte, also bleibt sie. Im Grunde genommen ist sie ja eine Nette, nur sie verrennt sich in dem Irrglauben, mich heiraten zu wollen. Dass sie Dan generell alle über uns erzählt, weiß ich schön länger.“

*

Das Frühstück war gerade beendet, als man draußen Kinderstimmen rufen hörte. Sekunden später stürmten der 4-jährige Julian und die 3-jährige Siri in den Raum, gefolgt von dem Terrier.

„Sabalkheri“, riefen sie. „Wir sind gestern angekommen. Wir wollen spielen gehen. Wo ist Babu?“

„Draußen irgendwo.“

„Ndiyo, Kimani und Patrik kommen heute Nachmittag.“

„Ihr wolltet erst heute herkommen?“

Siri grinste Erik verschmitzt an. „Baba hat gesagt, wir sind Nervensägen. Fahren wir heute, könnt ihr morgen mit den anderen watoto spielen und Babu mit euren Fragen nerven. Nun sind wir da.“

Erik lachte. „Geht spielen und keine Dummheiten. Sag dem Baba, wir kommen ihn besuchen.“

„Ndiyo. Los kommt. David hat was für uns“, Siri nun, zog dabei Lara vom Stuhl. „Erst müssen wir zu Babu.“

Die Kinder flitzten hinaus und Lagada lief bellend hinterher.

„Mpenzi gehen wir sie begrüßen. Gerade David und Eva habe ich ewig nicht gesehen.“

„Gleich, ich trinke nur noch den Kaffee aus.“

Charlotte trat mit einer Schüssel Eier herein.

„Sabalkheri. Warum frühstückst du nicht mit uns?“ James gab ihr einen Kuss.

„Weil man es mir verboten hat, da ich nur eine blöde alte Schachtel bin, der die Familie nichts angeht. Ich fresse mich …“

„Erik, wir können gehen“, Tahiya rasch.

„Ihr bleibt, bis ich fertig bin“, die alte Lady nun.

Erik lachte, ergriff die Hand seiner Frau. „Charlotte, spiele dich nicht auf. Seit wann hat irgendwelches, blödes Personal uns etwas zu sagen?“

„Ihr bleibt!“ James nun und Erik erwiderte nichts, als er den Blick seines Dads erkannte. „Wer hat das gesagt?“

„Deine Schwiegertochter. Erik hat heute Morgen William angebrüllt, weil der ihn aufgefordert hat, sie sollen sein Haus verlassen. Er hat ihn als miesen Kerl, bescheuerten alten und senilen Greis bezeichnet. Er wäre ein Lügner und er würde dafür sorgen, dass man ihm alles wegnimmt und ihn für allezeit wegsperrt. Sie werden bleiben, weil er ihnen nichts zu sagen habe und sein blödes Gelaber könnte er sich sparen. Er wäre sowieso in einigen Tagen tot, genauso wie ich blöde Kizee. Ich fresse mich nämlich auf Eriks Kosten voll. Erik wollte Williams Testament sehen und Eves kompletten Schmuck, sonst würde er ihm gleich den Schädel einschlagen. Du hilfst ihm, uns zu den fisi zu schaffen, weil du froh bist, dass wir dreckiges Gesindel weg wären. Tahiya hat gelacht, gesagt, William und ich sollten erst alles ordentlich herrichten. Er brauche sich nicht die Finger an uns Dreck schmutzig machen, da sie das anderweitig später erledige. Am 3. Januar kommen ein Mister Krence und ein Mister Ligondo, da beide Herren Interesse an der Farm haben und bis dahin wären wir Vergangenheit. Erik hat William hinaus geschubst, damit der faule Kerl endlich etwas tue. Vor heute Abend solle er sich nicht im Haus blicken lassen. Seine Zeit des Faulenzens wäre vorbei. Er würde später kontrollieren, ob er alles ordentlich erledigt hätte.“

„Wie bitte?“

„Das ist noch nicht alles. Deine Schwiegertochter hat sich in der Zeit in Williams Zimmer geschlichen, wollte Williams Schreibtisch aufbrechen, um den Schmuck von Eve zu stehlen.“

„Charlotte, du lügst nur.“

„Fragen wir Gerret und Lara? Sie weinten, weil Erik William aus dem Haus geschubst hat. Er solle abhauen und was tun, anstatt sich aufzuspielen. Du hast sie aus dem Haus gejagt, da sie heute drüben bleiben sollten.“

James drehte sich um, haut Erik voller Wut ins Gesicht. Der taumelte, blickte seinen Dad entsetzt an „Du mieser kleiner Angeber, du bescheuertes Nichts, du Verbrecher, Dieb, Erpresser, jämmerlicher Versager. Ihr holt die watoto und verschwindet augenblicklich. Lasst ihr euch noch einmal hier blicken, lasse ich euch ins Gefängnis schaffen. Raus, sofort.“

„Charlotte“, heulte Tahiya, „du willst unsere Familie zerstören, du alte bekloppte …“

Erik zog sie aus dem Haus, nahm sie in den Arm. „Lass es, Dad regt sich gleich ab.“

Im Dorf angekommen schaute sich Erik erstaunt um. Es wirkte schmutzig, Viecher liefen herum. Was war denn hier los?

„Irgendwie stinkt es. Das war sonst so sauber?“

„Keine Ahnung! Babu scheint eine Weile nicht gewesen zu sein. Er kümmert sich anscheinend um nichts mehr, dabei hat er reichlich Zeit.“

Sie schlenderten Hand in Hand weiter, grüßten. Die Menschen schauten weg, ignorierten sie. Das Haus von Karanja Kuoma stand etwas außerhalb des Dorfes, daher mussten sie an den Hütten vorbei. Sie umrundeten Kothaufen, um die sich Hunderten von Fliegen versammelt hatten. Die Menschen tuschelten, schauten feindselig zu ihnen.

„Das ist abscheulich. William ist total vergreist. Der muss weg, bevor der noch mehr anrichtet. Gehen wir zu Keith.“

Drei Männer traten zu ihnen. „Verlasst das Dorf. Verbrecher und prostitute sind bei uns unerwünscht. Kiburi si maungwana.“

„Elimu, du spinnst. Rede nicht in diesem …“

„Acha kelele! Unanisumbua. Hau ab, du verlogener Gangster, sonst mache ich dir Beine. Dua la kuku halimpati mwewe.“

„Magineti moset ne kagoeet kolany ketit.“

„Sie sind so gemein“, flüsterte Tahiya. „William ist verrückt und den muss man beseitigen, und zwar rasch.“

„… halte dich gefälligst da heraus. Das geht dich nichts an“, hörten sie Karanja gerade meckern.

„Alles was Babu, Ndemi und William aufgebaut haben, geht langsam vor die Hunde. Ubora ist steinalt und völlig senil.“

„Keith, noch einmal, es geht dich nichts an. Hast du dope vergessen, dass wir in den letzten Monaten anderes zu tun hatten, als uns um solche Dinge zu kümmern? Vergessen, dass wir erst eine Dürre hatten, danach Überschwemmungen? Da waren uns die Menschen wichtiger, sonst wären gerade hier oben noch mehr verhungert, ersoffen, kapiert? Wir haben wenigstens versucht, anderen zu helfen, ihnen noch etwas zu essen zu bringen oder ihnen zu helfen, ihr Vieh zu retten, während ihr euch in Nyeri die Eier geschaukelt habt. Wer ist denn dauernd quer durch den Norden gefahren, um wenigstens etwas Nahrung und Medikamente zu verteilen? Du doch nicht. Wir alle, einschließlich dem Mzee, haben Millionen dafür ausgegeben, rund um die Uhr geackert, aufgeladen, Menschen weggeholt, Vieh transportiert.“

„Weiß ich alles, nur deswegen könnt ihr langsam hier zur Normalität übergehen. Ich werde eine Versammlung einberufen, damit Ordnung herkommt. Das ist schlimmer wie in der Steinzeit. William steckt Millionen in das hospitali. Mweze und zig Männer ackern dort. Du und David, ihr baut auf, aber trotz allem müsst ihr es doch schaffen, Ubora auf die Füße zu treten? Kann ja nicht so schwierig sein.“

„Sei vorsichtig, was du zu mir sagst, mein Sohn, sonst fliegst du aus meinem Haus.“

„Baba, es sind nun mal Tatsachen. Ubora fehlt der Überblick, der lebt noch in einer Zeit, als es keine Autos gab. Du solltest dich …“ Keith unterbrach sich. „Jambo!“

„Euren Streit hörte man im halben Dorf.“

„Hast du gesehen, wir es überall aussieht? Die Ziegen latschen herum, dürfen in die Hütten, wie vor tausend Jahren und der große Karanja Kuoma unternimmt nichts. Ubora kriegt nichts mehr mit, lebt im vergangenen Jahrhundert. Der Kerl muss weg, und zwar schleunigst.“

„Das geht dich nichts an, da du hier nicht wohnst“, Karanja zornig zu seinem Sohn.

„Karanja findest du das schön? Überall der Tierkot, Dreck, die Viecher? Die mbuzi fressen die Büsche und kleinen Bäume weg, die meine Mum gezüchtet hat. Soll alles umsonst gewesen sein, was die letzten zwei Generationen geschaffen haben? Das kann nicht dein Ernst sein?“

„Deine Mum, die faule prostitute hat nichts gezüchtet, du verblödeter, fauler Lügner. Hast du dich in den letzten Jahren um irgendetwas gekümmert, außer wie du, bei wem auch immer, Geld stiehlst. Hau ab, du Verbrecher, sonst prügeln sie dich und deine prostitute aus dem kijiji. Wenn Ubora irgendwann stirbt, ändert sich das. Noch ist er der Dorfvorsteher.“

„Wir leben im 21. Jahrhundert und da kann man jemanden abwählen.“

„Das sagst gerade du Niete? Selber sich den Job erkaufen, aber große Töne spucken. Hapana, so war es permanent. Ihr kommt zu Besuch und habt etwas zu bemängeln. Kümmert euch um euren Mist und haltet euch daraus. Erik, du aufgeblasener Angeber, hochnäsiger Nichtskönner, du Mörder, Vergewaltiger. Ich werde dich anzeigen, falls du weiter Lügen über William, mich und andere verbreitest. Mit mir ziehst du dieses Lügengebilde nicht ab. Verschwinde, du hast hier nichts zu suchen. Du blöder selbstgefälliger Bengel hast auf meinem Grundstück nichts zu suchen. Ubora wirft dich und deine verlogene prostitute hinaus, Doooktor Shrimes. Der Doooktor musste die Dissertation klauen, weil er zu allem zu dämlich ist.“

„Mach das, du Verbrecher. Hast du schon alles Geld an uns zurückgezahlt, Vergewaltiger?“

Karanja holte aus und Erik krümmte sich. „Das sagt gerade der Richtige. Gehe ich morgen zur Polisi und zeige dich wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen an. Was glaubst du, aufgeblasener mzungu machen sie da mit dir? Der Mopp lyncht dich abscheulichen Verbrecher. Zeige ich dich wegen Erpressung, Diebstahl an, dazu rede ich kurz mit deinem Boss. Deine prostitute und du, ihr seid lange hinter Gittern verschimmelt, bevor ich zu Ngai gehe, Versager.“ Er drehte sich um und stiefelte davon.

„Blöder Wog“, murmelte Erik. „Dafür zahlst du. Ich werde mit Babu sprechen. Das ist eine Schande, was hier passiert. Dein Dad hat eine Macke“, gab er leise von sich, stand immer noch leicht gekrümmt.

„Kannst du dir ersparen.“

„Regt euch ab. Sollte William da nichts unternehmen, müsst ihr eine Versammlung einberufen. Ihr habt dazu ein paar Tage Zeit. Nur wer soll der neue Vorsteher werden?“ Tahiya nun, die Eriks Rücken streichelte.

„Elimu!“, die beiden Männer fast einstimmig.

„Tahiya halte dich aus unserer Angelegenheit heraus. Du hetzt Erik nur noch mehr gegen William auf, weil du seinen Besitz zu Geld machen willst, du billige malaya.“

„Keith, komm, reg dich ab. Sie hat recht. Rede mit Mweze oder David. Eventuell können die deinen Dad davon überzeugen, dass dringend etwas getan werden muss.“

„Das versuche ich seit Wochen. Alle stellen sich stur. Nur es wird schlimmer, geht permanent bergab. Woanders wollen sie in die Neuzeit, in den Dörfern hier geht man zurück in die Urzeit. Geh besser. Du und deine Bibi seit unerwünscht.“

„Was hat William für Lügen verbreitet?“

„William verbreitet nie Lügen. Erspar mir die blöden Sprüche, da ich gerade nicht in Stimmung bin, mir deine bescheuerten Märchen noch anzuhören. Lass bitte William zufrieden. Wollt ihr ihn in den Tod treiben, weil ihr sein Geld wollt? Dad hat in einem Recht. Ihr seid Abschaum. Verschwindet, und zwar sofort.“

„Sei vorsichtig, was du sagst, blöder Wog. Der alte Mann hat eine Art, die widert mich an und ich werde nicht die Klappe halten. Man muss ihm richtig die Meinung sagen.“

„Keith, da musst du zustimmen. William ist senil, nicht zurechnungsfähig. Man sollte ihn einen Vormund einsetzen, bevor er noch mehr anstellt.“

„Wage es, du faules Stück und du wanderst ins Gefängnis. Erik, du spinnst, bist verlogen wie deine malaya. Dass ihr euch nicht schämt? Fahr nach Nyeri zurück. Einen Rat, lasst ihr William nicht in Ruhe, wandert ihr in den Knast. Ihr ekelt mich an. Zwei vom Strich. Weiß deine Kizee, dass du damals auch mit der kleinen Jane im Bett warst, sie ein Kind von dir erwartete? Deswegen hast du sie getötet und nicht ihr Bruder. Haut ab, sonst prügelt man euch hinaus. David, pass auf, dass das Pack, dieser Mörder geht, sonst helfen wir nach. Zeigen wir Wogs einmal, wie wir mit Verbrechern und ihren malaya umgehen.“ Er ließ sie stehen und betrat das Haus seiner Eltern.

„Prügeln wir diesen Verbrecher und seine Kizee zu den fisi.“

„Mensch Dave, die fressen doch nicht solchen Dreck.“

„Alles nur wegen William“, heulte Tahiya, während sie eilig durch das Dorf eilten, gefolgt von dummen Bemerkungen und zwei kläffenden Hunden.

„Babu, wir müssen reden“, überfiel Erik vor Zorn kochend seinen Großvater, zerrte ihn grob etwas zur Seite, damit man ihn vom Haus aus nicht sah. Wegen ihm gab es nur Ärger. Tahiya weinte, Keith war wütend und sein Dad war nur wegen dieses greisen Kerls gestern weggefahren. Heute war er, Doktor Erik Shrimes, geschlagen worden. Das hatte sein Dad noch nie getan. Alles nur wegen dieses infamen, alten Greises. Tahiya hatte recht, man musste Klartext mit ihm reden. „Ich war im Dorf. Dort ist nur Dreck, Tierkot. Die Viecher fressen wahllos herum. Die Wassertanks stehen offen, die Häuser werden nur schleppend fertiggestellt.“

„Das geht mich nichts mehr an.“

„Hör mit dem Mist auf. Siebzig Jahre hast du dich überall eingemischt.“

„Sicher, du weißt alles“, erwiderte er nur müde. Ndiyo, dachte William, ich bin müde.

„Wie immer, Dad ist an allem schuld. Erspar mir den Mist. Du hast meinen Baba, der übrigens dein Sohn ist, nur hintergangen.“

„Hapana!“

„Natürlich. Belüg mich nicht. Was hast du erwartet, dass er dir nach all dem Mist, den du angestellt hast, noch die Füße küsst? Du hast versucht, ihn mit Intrigen und Gemeinheiten zu einem Zurückkommen zu zwingen. Nur er wollte deine blöde Klitsche nie. Du hast seine Kollegen und Freunde dazu gebracht, dass sie ihm sein Geld vorenthalten, dazu das von meiner Mamaye. Du wolltest uns bei dir behalten, hast uns erzählt, wie schlecht er als Dad sei, wie wenig Verantwortungsbewusstsein er habe. Als du erfahren hast, dass er sich etwas Neues aufgebaut hat, gehst du hin und willst ihm das stehlen, ihn zwingen, das auf Karanja und Mweze zu übertragen. Du hast ihn gedemütigt, erniedrigt, sogar Lügen verbreitet. Dir war jedes Mittel recht, damit du seine Ehe zerstörst. Du hast meine Mum wie eine Sklavin behandelt, sie schikaniert. Sie durfte sich nie ausruhen und gesund werden. Du verschenkst du die Hälfte unseres Besitzes an Karanja. Als Dad das Gebiet für das hospitali kaufen will, willst du ihn ausnehmen, wie eine Weihnachtsgans. Für das Gebiet unterhalb, einen unbebauten Acker, verlangst du dermaßen viel Geld, was mehr als unverschämt war. Du hast ihn nur betrogen. Dein Karanja lässt das Dorf vergammeln, total verkommen. Der durfte, sogar seinen angeblich besten Freund betrügen, jedes Kind ins Bett ziehen, seine Frau betrügen. Hat er Joyce nur wegen des Geldes geheiratet? Es reicht langsam. Entweder das ändert sich sofort, oder es gibt Ärger. Weder mit mir noch mit Keith zieht ihr weiter eure jämmerlichen Spielchen ab.“

„Noch mehr?“