Fighting Desire - Tina Keller - E-Book

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Tina Keller

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Beschreibung

Ein leidenschaftlicher Kuss auf einer Betriebsfeier bringt Alessia völlig aus dem Konzept. Wer ist der geheimnisvolle Mann, der ihr komplett den Atem raubt? Wenig später erfährt sie es: Aidan Thornton ist ein brillanter Anwalt – und ihr neuer Kollege in der Londoner Kanzlei. Aber warum ignoriert er ihren Kuss und tut so, als sei nichts zwischen ihnen passiert? Alessia kann nicht akzeptieren, dass es nicht weitergehen soll. Doch hinter Aidans selbstsicherer Fassade verbergen sich Narben, die tiefer gehen als jede Berührung. Er hat gelernt, dass Gefühle wehtun und dass Schmerz manchmal der einzige Weg ist, um überhaupt etwas zu fühlen. Alessia weiß, dass sie Abstand halten sollte. Doch je mehr er sie zurückstößt, desto stärker zieht es sie zu ihm hin. Zwischen Pflicht und Verlangen, Nähe und Abwehr beginnt eine gefährliche Dynamik aus Anziehung, Rückzug und unausgesprochener Sehnsucht.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tina Keller

Fighting Desire

Liebesroman

Ein leidenschaftlicher Kuss auf einer Betriebsfeier bringt Alessia völlig aus dem Konzept. Wer ist der geheimnisvolle Mann, der ihr komplett den Atem raubt?

Wenig später erfährt sie es: Aidan Thornton ist ein brillanter Anwalt – und ihr neuer Kollege in der Londoner Kanzlei.

Aber warum ignoriert er ihren Kuss und tut so, als sei nichts zwischen ihnen passiert? Alessia kann nicht akzeptieren, dass es nicht weitergehen soll.

Doch hinter Aidans selbstsicherer Fassade verbergen sich Narben, die tiefer gehen als jede Berührung. Er hat gelernt, dass Gefühle wehtun und dass Schmerz manchmal der einzige Weg ist, um überhaupt etwas zu fühlen.

Alessia weiß, dass sie Abstand halten sollte.

Doch je mehr er sie zurückstößt, desto stärker zieht es sie zu ihm hin.

Zwischen Pflicht und Verlangen, Nähe und Abwehr beginnt eine gefährliche Dynamik aus Anziehung, Rückzug und unausgesprochener Sehnsucht.

Kapitel 1 – Alessia

„Heute lassen wir es mal so richtig krachen – und wir haben es alle mehr als verdient.“

Meine Kollegin Betty grinst mich an.

„Ich bin dabei“, lache ich. „Heute vergessen wir, dass wir in einer angesehenen Kanzlei arbeiten.“

„Aber sowas von.“

Wir sitzen im Flugzeug von Berlin nach London und schnallen uns an. Ich blicke aus dem Fenster und habe dieses seltene Gefühl von Vorfreude ohne schlechtes Gewissen. Keine Aktenstapel, keine Mandanten, keine durchgearbeiteten Nächte.

Stattdessen: ein rauschendes Fest zum 25. Jubiläum unserer Kanzlei in London mit Champagner, Musik und guter Stimmung.

Die letzten Wochen waren intensiv und sehr arbeitsreich. Ich habe Schriftsätze verfasst, Verhandlungen geführt, mit Fristen jongliert und mir dabei angewöhnt, Kaffee als vollwertige Mahlzeit zu betrachten.

Ich bin seit drei Jahren dabei und arbeite vorwiegend im Bereich Vertrags- und Gesellschaftsrecht, was sehr spannend ist, aber eben auch sehr anstrengend.

Ein Teil des Flugzeugs ist mit unserer Mannschaft belegt. In Berlin sind wir 50 Mitarbeiter, in London arbeiten 500 Leute. Einige der Kollegen aus London kenne ich persönlich und sie sind alle furchtbar nett und unkompliziert. Das sind wir in Berlin auch, nur eben mit diesem typisch rauen Berliner Charme. Die Briten sind höflicher und ich freue mich darauf, ein paar bekannte Gesichter wiederzusehen und neue kennenzulernen. Die Feier findet heute am Freitag statt und wir fliegen Sonntag zurück. Unsere Kanzlei war schon immer sehr großzügig.

„Na, wie geht es den Damen?“, ruft Peter hinter mir, einer der Partner. „Ein Glas Sekt zur Einstimmung gefällig?“

„Immer her damit“, jubelt Betty sofort, während ich dankend ablehne. Ich vertrage – zur Erheiterung meiner Kollegen – einfach keinen Alkohol und befinde mich schon nach einem halben Glas in einem desolaten Zustand. Außerdem schmeckt mir Alkohol nicht, was niemand versteht. Meine Kollegen hingegen feiern den einen oder anderen Erfolg schon mal ganz gern mit der perlenden Flüssigkeit und lachen mich aus, wenn ich mit meiner Apfelschorle daneben stehe. Aber daran habe ich mich längst gewöhnt.

„Für Alessia die obligatorische Apfelschorle“, grölt Daniel und alle lachen. „Mensch, Alessia, willst du die Party heute Abend etwa auch mit deinem Fruchtsaft bestreiten? Da kommt doch keine Freude auf.“

„Ich bin nicht nur lustig, wenn ich betrunken bin“, gebe ich zurück. „Dazu brauche ich keinen Alkohol.“

„Stimmt auch wieder“, räumt Daniel ein. „Ein paar Haschkekse tun es auch.“

Ich verdrehe die Augen. Was kann ich dafür, wenn irgendjemand in der Küche ein paar Plätzchen abstellt, ich großzügig zugreife und wenig später nur noch sinnlos vor mich hinkichere? Ich weiß bis heute nicht, wer diese Drogenplätzchen dort hingelegt hat – und vor allem, warum. Jedenfalls hatten sie auf mich eine fatale Wirkung, aber es war – wie Daniel schon bemerkte – tatsächlich sehr lustig. Arbeiten konnte ich allerdings nicht mehr und bin völlig high nach Hause gegangen.

Auch der Flug wird lustig, denn so knochentrocken unser Job auch oft sein mag – Humor haben wir alle.

Nach knapp zwei Stunden landen wir in Heathrow und eilen auf den eigens für uns organisierten Bus zu.

„Ich liebe London“, seufzt Betty. „Die Leute hier sind sowas von höflich, genau das Gegenteil von den ruppigen Berlinern. Überhaupt mag ich die Atmosphäre hier. Diese Stadt kriegt einfach alles unter einen Hut. Alte Häuser und Geschichte überall und gleich daneben moderne Glasbauten. Die Leute kommen aus der ganzen Welt, das merkst du sofort. Und dann diese Parks mitten in der Stadt, wo man sofort vergisst, dass man in einer Millionenmetropole ist. London fühlt sich einfach lebendig an, ohne einen zu erschlagen.“

„Ich mag Berlin trotzdem lieber“, schaltet sich Peter ein. „Berlin ist laut, direkt, ruppig, ehrlich.“

„Also, mir ist es manchmal etwas zu ruppig“, seufze ich. „Die Leute sind schon ziemlich frech und jeder findet sich unglaublich witzig. Da ist mir die Mentalität der Briten ehrlich gesagt lieber.“

„Dann kannst du ja gleich hierbleiben“, schlägt Peter vor. „War es nicht sowieso so gedacht, dass zwei von uns als Verstärkung ein paar Wochen in London bleiben?“

Ich runzele die Stirn.

„Seit wann das denn?“

„Seit wir den Börsengang von Northbridge Energy begleiten. Die Hauptnotierung erfolgt in London, und bei der Due Diligence kommen wir mit den alten Förderlizenzen nicht weiter. Es geht um mögliche Haftungsrisiken und die laufende Abstimmung des Prospekts mit den britischen Banken. Das kriegst du nicht aus Berlin gelöst.“

„Genau“, ergänzt Betty. „Die Investoren sitzen hier, die Financial Conduct Authority stellt Rückfragen, und alle paar Tage gibt es neue Prospektversionen. Wir brauchen zwei Leute vor Ort, die direkt mit den Banken und den anderen Counseln am Tisch sitzen.“

„Das hatten wir doch letzten Montag besprochen“, erinnert Daniel sich. „Warst du nicht dabei, Alessia?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein, ich war nicht im Meeting, weil ich einen Termin außer Haus hatte.“

„Dann weißt du es jetzt“, sagt Peter vergnügt. „Wenn du dich in London wohlfühlst, wäre es vielleicht eine Option für dich.“

„Ich war als Teenager ein Jahr lang hier“, erkläre ich. „Und ich habe es geliebt. Das weckt gute Erinnerungen bei mir.“

Der Bus fährt an und wir verlassen Heathrow. Die grauen Wolken hängen tief über der Stadt und alles fühlt sich für mich sofort wieder vertraut an. Backsteinhäuser, Kreisverkehre mit akkurat geschnittenen Grünflächen – mein Kopf ist plötzlich voll mit Bildern aus einer anderen Zeit.

Ich war 16, als ich für ein Austauschjahr hierher kam. Ich wohnte bei einer Gastfamilie in North London, die mich vom ersten Tag an behandelte, als wäre ich schon immer da gewesen. Morgens weckte mich der Geruch von Toast und starkem Schwarztee und die Stimmen im Radio, die ich anfangs nur zum Teil verstand. Die Busfahrten zur Schule waren ein Highlight für mich. Ich saß immer oben ganz vorne im Doppeldecker, weil ich dort das Gefühl hatte, die Stadt gehöre mir allein.

Ich erinnere mich an Regentage, die mich gar nicht störten, an Nachmittage in kleinen Buchläden, an endlose Spaziergänge durch Hampstead Heath, an das erste Mal allein im West End, wo ich völlig überwältigt von den Lichtern, der Musik und den Menschen war. Und ich erinnere mich an das Gefühl, in London mutiger gewesen zu sein als zu Hause.

„Du bist ja so still“, sagt Betty neben mir. „Bist du gedanklich schon ausgewandert?“

Ich lächele. „Fast. Ich bin kurz zurück in die Vergangenheit geschweift.“

Der Bus schiebt sich durch den zähen Verkehr und fährt an grauen Bürogebäuden vorbei und später an den eleganteren Fassaden. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto lebendiger wird die Stadt. Ich sehe die typischen schwarzen Taxis und die roten Busse sowie Menschen mit Regenschirmen und andere, die völlig unbeeindruckt vom Nieselregen sind.

„Intercontinental Park Lane“, ruft der Fahrer nach hinten. „Wir sind da, meine Herrschaften.“

Als wir aussteigen, stehe ich einen Moment lang einfach nur da. Der Hyde Park liegt direkt gegenüber und ich erinnere mich an endlose Spaziergänge und wie ich die niedlichen Eichhörnchen gefüttert habe.

Das Hotel sieht ausgesprochen elegant aus. Als wir die Eingangshalle betreten, duftet es nach frischen Blumen und dezentem Parfum.

„Das nenne ich mal standesgemäß“, sagt Daniel anerkennend.

Ich blicke mich in der großzügigen Lobby um. Menschen aus aller Welt sind in Gespräche vertieft und man hört das Klirren von Gläsern. Ein Hauch von Aufregung liegt in der Luft. Ich liebe diese Atmosphäre, in der es sich so anfühlt, als könne einfach alles passieren.

Wir nehmen unsere Zimmerkarten in Empfang und schreiten zu den Aufzügen. Während wir nach oben fahren, spüre ich, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von mir abfällt. Ein bisschen Feiern wird mir bestimmt ganz gut tun.

„Die Party beginnt um 19 Uhr“, ruft Peter uns in Erinnerung. „Es sind nur ein paar Schritte bis zum Hilton. Sollen wir zusammen gehen oder geht jeder auf eigene Faust?“

„Wir könnten uns um kurz vor sieben in der Lobby treffen“, schlage ich vor. „Wer da ist, geht mit; ansonsten wird wohl jeder den Weg finden.“

„Einverstanden.“

Mein Zimmer ist höchst beeindruckend – sehr großzügig und mit bodentiefen Fenstern ausgestattet, die den Blick auf den Hyde Park freigeben. Das Bett ist riesig und mit dicken Kissen und einer Tagesdecke ausgestattet, die aussieht, als würde man darin versinken. Daneben stehen ein eleganter Schreibtisch und ein bequemer Sessel. Die schweren, dunkelroten Samtvorhänge kann man per Knopfdruck schließen. Luxus pur!

Das Bad ist hell und edel in schwarz-weiß gefliest. Es gibt eine freistehende Badewanne mit Whirlpool-Funktion, eine ebenerdige Dusche, die groß genug für zwei ist, flauschige, dicke Handtücher und Pflegeprodukte, die nach purem Luxus riechen.

Ich lasse mich aufs Bett fallen und genieße es, hier zu sein und mal nichts tun zu müssen.

Manchmal kann ich kaum glauben, wie viel Glück ich gehabt habe. Mein Job ist zwar fordernd, aber auch spannend und abwechslungsreich. Ich bin gut in dem, was ich tue und arbeite in einem Team, das mich ernst nimmt. Und ich liebe diese Arbeit wirklich, trotz des Stresses, der damit einhergeht.

Jura hat mich schon immer fasziniert. Ich mag Strukturen und das Gefühl, ein komplexes Problem auseinander zu nehmen und wieder sauber zusammen zu setzen.

Nach dem Studium und dem Referendariat bin ich relativ schnell im Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht gelandet; erst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, später als Associate.

Heute arbeite ich vor allem an Transaktionen wie Unternehmenskäufen, Börsengängen und Umstrukturierungen.

Ich prüfe, was hinter der Bewertung steckt, ob Annahmen sauber offengelegt sind und Risiken korrekt beschrieben werden. Ich beschäftige mich mit Garantiekatalogen, Haftungsobergrenzen und Freistellungen.

Es ist fordernd und manchmal nervenaufreibend, aber genau das liebe ich.

Und ich weiß, dass ich Glück hatte. Nicht jeder landet in einem Bereich, der einen wirklich packt. Ich habe früh Verantwortung bekommen, arbeite mit klugen Leuten zusammen und sehe, dass meine Arbeit gewürdigt und wertgeschätzt wird. Das ist überaus befriedigend.

Ich atme tief durch. Heute Abend wird nicht über Haftungsrisiken diskutiert. Heute werden 25 Jahre Kanzlei gefeiert mit Kollegen aus zwei Ländern und mit Musik, Gesprächen, Lachen und Tanzen. Wir werden eine richtig gute Zeit haben. So wie damals mit 16 in London, wenn auch ganz anders.

Ich freue mich auf die Party – und auf London.

Kapitel 2 – Alessia

Nachdem ich mich ein bisschen ausgeruht habe, gehe ich ins Bad. Endlich habe ich mal Zeit! Das Wasser der Dusche prasselt heiß auf meine Haut, der Dampf füllt den Raum und mit jeder Minute scheint der Alltag ein Stück weiter wegzurücken. Ich wasche mir hingebungsvoll die Haare und genieße den Duft des Shampoos und des luxuriösen Duschgels. Ich bleibe – für meine Verhältnisse – ewig unter dem Wasser stehen. Zu Hause kann ich mir das nicht erlauben, höchstens mal am Wochenende. Ansonsten muss immer alles zackig gehen.

Als ich mich in den flauschigen Bademantel hülle und zurück ins Zimmer gehe, fühle ich mich leicht und beschwingt. Aus dem Fenster kann ich den Hyde Park im dämmerigen Abendlicht sehen. Londons aufregendes Nachtleben beginnt genau jetzt – und gleich werde ich ein Teil davon sein.

Ich setze mich an den kleinen Schreibtisch und schminke mich etwas kräftiger als sonst. Schließlich gehe ich zu einer glamourösen Party und da kann man sich durchaus ein bisschen aufbrezeln.

Ich werfe einen Blick auf das Kleid, das über dem Sessel hängt. Es ist in einem knalligen Rot und schon allein dadurch auffällig. Extravagant wird es durch den tiefen Ausschnitt und die hohen Beinschlitze.

Aufgeregt schlüpfe ich hinein. Der Stoff schmiegt sich eng an meinen Körper und betont meine Kurven. Die hohen, schwarzen Pumps verlängern meine Beine und geben mir eine aufrechte Haltung.

Ich lege eine silberne Halskette um und stecke mir die dazu passenden Ohrringe an.

Meine langen, dunklen Haare lasse ich offen über die Schultern fallen. Normalerweise trage ich immer einen strengen Zopf, aber heute… nein, das passt nicht.

Ich trete vor den Spiegel und betrachte mich einen Moment lang.

Wow.

Ich sehe nicht nur schick aus, sondern sehr weiblich und verführerisch. Das rote Kleid bringt meine Figur perfekt zur Geltung, ohne dass ich mich verkleidet fühle. Das bin immer noch ich, nur in einer sexy Version.

Heute darf ich glänzen. Nicht als Anwältin, sondern als Frau.

Ich greife nach meiner Handtasche und werfe mir einen letzten Blick im Spiegel zu. Dann mache ich mich bereit für eine Nacht, von der ich noch nicht ahne, wie viel sie verändern wird.

Der Aufzug fährt leise nach unten. Ich spüre das sanfte Schaukeln und mein Herz klopft ein wenig schneller vor lauter Vorfreude. Als sich die Tür öffnet, mischt sich das gedämpfte Stimmengewirr aus der Lobby mit dem leisen Klimpern eines Klavieres.

Ich trete aus dem Aufzug und entdecke meine Kollegen sofort.

„Wow“, sagt Daniel und reißt seine Augen auf. „Holla die Waldfee, Alessia! Du siehst ja aus wie eine Femme Fatale!“

Daniel ist groß und sportlich und trägt einen dunklen Anzug ohne Krawatte. Sein sonst eher ironisches Grinsen hat etwas Bewunderndes bekommen.

„Nun übertreib mal nicht“, winke ich lachend ab, fühle mich aber geschmeichelt. Es tut gut, von den Kollegen ausnahmsweise als Frau wahrgenommen zu werden.

Peter wirkt wie immer souverän in seinem maßgeschneiderten Smoking und mit seiner ruhigen Ausstrahlung. Er ist einer der Männer, die nichts beweisen müssen, weil man ihnen ihre Kompetenz sofort abnimmt. Sein Blick ist anerkennend und ohne jede Anzüglichkeit.

„Du siehst toll aus“, sagt er lächelnd. „Kompliment, Alessia. Das ist wirklich mal ein Auftritt.“

„Wenn heute Abend irgendwer behauptet, Juristen seien langweilig, soll er sich nur Alessia ansehen“, grinst Sebastian.

„Das wird keiner behaupten; es sind ja nur Juristen da“, bemerkt Peter trocken.

Der Aufzug öffnet sich erneut und Betty steht auf der Schwelle. Auch sie ist der absolute Hingucker. Sie trägt ein schwarzes, bodenlanges Abendkleid mit schmalen Trägern und einem seitlichen Schlitz, der bei jeder Bewegung ein Stück Bein freigibt. Ihre blonden Haare hat sie hochgesteckt, ein paar Strähnen fallen ihr locker ins Gesicht. Dazu trägt sie hohe, silberne Schuhe und auffällige Ohrringe, die bei jeder Bewegung im Licht funkeln. Sie sieht atemberaubend aus.

Wir sehen uns an und grinsen.

„Na, Alessia, wie viele Männer willst du denn heute abschleppen?“, erkundigt Betty sich lachend.

„Ich frage nur, damit ich weiß, ob für mich noch welche übrig bleiben.“

„Bei einer Quote von 80 Prozent wird sich bestimmt noch der eine oder andere für dich finden“, bin ich optimistisch.

Sebastian feixt und bietet mir seinen Arm an. Er ist überaus charmant heute – und seine Augen verraten, dass er von meinem Aussehen mehr als angetan ist.

Betty hakt sich bei Benedikt unter. Er hat sich etwas legerer angezogen als seine Kollegen, sieht aber auch verdammt gut aus.

Es ist eine interessante Mischung aus unterschiedlichen Typen Männern und unterschiedlichen Arten von Selbstbewusstsein. Es sind allesamt Männer, die es gewohnt sind, Räume zu betreten und sie sofort zu dominieren – und die heute Abend ganz offensichtlich auch Frauen wahrnehmen, die das genauso können.

Wir gehen hinaus auf die Park Lane. Die Luft ist mild, die Lichter der Stadt funkeln vor uns und der Hyde Park liegt dunkel da. Es sind nur ein paar Schritte, bis das Hilton Hotel vor uns auftaucht.

Am Eingang begrüßen uns uniformierte Türsteher, die unsere Namen auf einer Liste abhaken. Drinnen herrscht bereits eine spürbar gehobene Stimmung. Ich höre laute Stimmen, Lachen und das Klirren von Gläsern. Man merkt sofort, dass hier etwas Besonderes stattfindet.

Wir geben unsere Jacken ab und folgen den Schildern Richtung Ballroom. Je näher wir kommen, desto lauter wird das Stimmengewirr. Als sich die Türen öffnen, bleibe ich einen Moment stehen.

Der Saal ist wunderschön mit den hohen Decken und den riesigen, funkelnden Kronleuchtern. Überall sind runde Tische mit weißen Decken und geschmackvollen Blumengestecken arrangiert. Hinter einer langen Bar bereiten Barkeeper in schwarzen Westen routiniert die Getränke zu. Auf der Bühne geben die Musiker ihren Instrumenten den letzten Feinschliff.

Überall sind wahnsinnig viele Menschen in Abendgarderobe, die sich unterhalten, lachen und sich bestens amüsieren. Es gibt immer wieder Umarmungen, Handschläge und freudige Ausrufe.

„Hey, da sind ja die Kollegen aus Berlin! Endlich sehen wir euch mal live.“

Ich werde gleich in ein Gespräch verwickelt. All die Gesichter, die ich nur aus Videokonferenzen kenne, bekommen plötzlich auch noch Körper.

James aus London lacht genauso charmant wie am Telefon. Mary, mit der ich seit Monaten Prospektfassungen abstimme, umarmt mich spontan.

„Es ist so schön, dich endlich richtig kennenzulernen.“

Wir prosten uns zu, lachen über technische Pannen und nächtliche Abstimmungen. Es liegt dieses besondere Gefühl in der Luft, Teil von etwas Gemeinsamen zu sein.

Ich nehme ein Glas Sekt von einem Tablett und lasse den Blick durch den Saal schweifen. Betty ist in ein lebhaftes Gespräch vertieft, Daniel wird von mehreren Londoner Kollegen in Beschlag genommen, Peter steht mit den anderen Partnern zusammen und wirkt sehr zufrieden.

Für einen Moment denke ich: Genau deshalb mache ich diesen Job.

Nicht nur wegen der Arbeit, sondern wegen dieses Miteinanders und des Zusammengehörigkeitsgefühls. Ich liebe diesen Verein einfach.

Kapitel 3 – Alessia

Plötzlich nehme ich ihn wahr. Er steht ein paar Meter entfernt, halb im Schatten des Saals, ein Glas locker in der Hand. In dem Moment, in dem ich ihn sehe, tritt alles andere in den Hintergrund.

Er ist groß und hat diese selbstverständliche Präsenz, die man nicht lernen kann. Dunkles, leicht gewelltes Haar, hohe Wangenknochen, kantiger Kiefer, dunkle Augen. Er trägt ein weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe offen stehen. Der Stoff spannt sich leicht über seiner gut ausgebildeten Brust und seinen breiten Schultern. Seine Oberarme sind muskulös und sprengen fast das Hemd. Seine Unterarme sind sichtbar tätowiert, was ein unerwarteter Kontrast zu der eleganten Umgebung ist und ihn nur noch interessanter macht.

Und dann hebt er den Blick.

Unsere Augen treffen sich.

Es ist nur ein Moment, vielleicht eine Sekunde, aber mein Körper reagiert sofort. Ich spüre ein leises Ziehen irgendwo tief in mir, das überraschend intensiv ist. Mein Atem stockt. So habe ich noch nie auf einen Mann reagiert.

Er mustert mich mit einer Intensität, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. Dann heben sich seine Mundwinkel leicht.

„Wer ist das?“, flüstere ich, ohne den Blick von ihm lösen zu können.

Meine Londoner Kollegin Luisa folgt meinem Blick.

„Aidan Thornton. Brillant, gnadenlos klug, unfassbar erfolgreich. Und natürlich hammermäßig sexy.“

Luisas Beschreibung passt zu ihm. Eine Mischung aus Schärfe und Gelassenheit, aus Intellekt und etwas Dunklem, Unberechenbarem. Ein Mann, der Räume beherrscht, ohne sie zu dominieren und der weiß, was er tut – beruflich wie persönlich.

Er kommt einen Schritt näher und mein Herz schlägt plötzlich wie wild. Ich bemühe mich um Würde, während mein Inneres gerade beschlossen hat, Samba zu tanzen.

„Guten Abend“, sagt er.

Seine Stimme ist ruhig, tief und unfassbar erotisch.

„Ich fürchte, wir starren uns jetzt schon eine Weile an. Entweder wir kennen uns – oder wir sollten das dringend ändern.“

Ich räuspere mich.

„Dann lassen Sie uns das ändern. Ich bin Alessia Lindner aus dem Berliner Büro.“

„Aidan Thornton“, stellt er sich vor und stößt sanft mit seinem Glas gegen meins.

„Und bevor Sie fragen: Nein, ich starre nicht jeden Abend fremde Frauen auf Partys an. Heute mache ich eine Ausnahme.“

„Sollte ich mich geehrt fühlen oder besorgt sein?“

„Beides“, sagt er trocken. „Das hält das Leben spannend.“

Die Musik setzt wieder ein, Gläser klirren, Stimmen mischen sich miteinander, aber alles fühlt sich plötzlich weit weg an.

„Berlin also“, sagt Aidan und mustert mich mit einem intensiven Blick. „Ich hatte gehofft, die Kollegen würden interessante Gesprächspartner sein. Jetzt weiß ich, dass ich recht hatte. Und manche davon sehen verdächtig gut in Rot aus.“

Ich schüttele amüsiert den Kopf.

„Sie flirten wie jemand, der es gewohnt ist zu gewinnen.“

„Nein. Wie jemand, der weiß, wann es sich lohnt, es zu versuchen.“

Ein Kellner kommt vorbei und ich greife mir ein neues Glas Sekt, obwohl ich Alkohol immer noch nicht vertrage. Meine Hand zittert minimal, was Aidan natürlich sofort auffällt.

„Nervös?“, fragt er.

„Nein. Ich habe nur gerade festgestellt, dass dieser Abend nicht annähernd so harmlos wird, wie ich dachte.“

Sein Blick wird dunkler.

„Das sind die besten Abende. Wollen wir tanzen, Lady in Red?“

Er stellt sein Glas ab und bietet mir seinen Arm an. Es ist keine große Geste, aber genau das macht es so ungeheuer wirkungsvoll. Als meine Finger seine berühren, läuft ein elektrischer Schlag durch meinen Körper. Ich schnappe nach Luft. Was macht dieser Mann nur mit mir?

Er zieht mich auf die Tanzfläche. Die Musik ist weich, sinnlich und langsam. Aidan legt eine Hand an meine Taille – nicht besitzergreifend, aber eindeutig. Ich platziere meine Hand auf seiner Schulter und spüre sofort die Spannung zwischen uns.

Wir bewegen uns kaum. Eigentlich wiegen wir uns nur leicht hin und her, aber es fühlt sich an, als würde der Boden unter meinen Füßen schwanken.

Seine Augen fixieren mich so eindringlich, dass ich seinem Blick kaum standhalten kann. Einerseits. Andererseits kann ich mich nicht von diesen dunklen Augen abwenden, die mir bis auf den Grund meiner Seele zu blicken scheinen.

Dann zieht er mich näher an sich. Es ist kein Ruck, sondern eher eine Einladung, die mein Körper ohne Rückfrage annimmt. Unsere Hüften bewegen sich im gleichen Rhythmus und ich spüre seinen Atem an meinem Hals.

Oh Gott, das ist zu viel Nähe, zu viel Chemie und definitiv zu wenig Abstand.

„Sie wissen, dass gerade etwa zwanzig Juristen versuchen, uns unauffällig zu beobachten?“, grinst er.

„Das habe ich auch schon gemerkt. Es steigert den Reiz ungemein.“

„Das dachte ich mir.“

Er mustert mich einen Moment, dann senkt er den Kopf ein wenig. Er ist mir jetzt so nah, dass ich jedes Detail an ihm wahrnehme – die Wärme seines Körpers, den dezenten Duft von etwas Herb-Holzigem und die kontrollierte Spannung, die ihn umgibt wie ein unsichtbares Feld.

„Wenn ich mich jetzt noch weiter vorbeuge, werden wir das Gesprächsthema morgen sein“, murmelt er.

„Sie überschätzen den Klatschfaktor von Juristen.“

„Unterschätzen Sie niemals Menschen mit zu wenig Drama.“

Ein kaum merkliches Lächeln spielt um seine Lippen.

„Aber ich frage mich gerade, ob mir das heute egal ist.“

Seine Hand an meiner Taille bewegt sich einen Zentimeter weiter. Diese winzige Berührung reicht aus, um mich völlig aus dem Takt zu bringen. Ich spüre seinen Daumen durch den Stoff meines Kleides, wo er eine brennende Spur hinterlässt.

Die Musik wird schneller, aber zwischen uns bleibt die Stimmung aufgeladen. In seinen Augen ist ein Funkeln, ein unmissverständliches Zeichen von Interesse und Anziehung.

Als der Song endet, löst er den Tanz mit einer selbstverständlichen Eleganz, die keinen Zweifel daran lässt, dass er sich seiner Wirkung auf mich sehr wohl bewusst ist. Seine Hand gleitet von meiner Taille und seine Finger streifen meine.

„Danke für den Tanz“, sagt er höflich. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Genießen Sie den Abend, Alessia.“

Dann dreht er sich um und verschwindet in dem Gewirr aus Anzügen, Abendkleidern und Champagner-Gläsern, als wäre nichts gewesen.

Ich bleibe stehen.

Einen Moment lang weiß ich nicht, wohin mit mir. Mein Körper ist noch auf ihn eingestellt, als hätte jemand die Musik abgedreht, aber den Rhythmus in mir gelassen.

Verdammt.

Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas, das ich irgendwo abgestellt habe und merke erst danach, dass es leer ist. Mein Puls hämmert, als hätte ich gerade etwas Verbotenes getan. Dabei habe ich gar nichts getan. Und doch fühlt es sich an, als hätte sich etwas gravierend verändert.

Mein Blick sucht ganz automatisch den Raum ab. Wo ist er? Dunkles Haar, weißes Hemd, tätowierte Unterarme. Nichts. Er ist verschwunden, als hätte er sich aufgelöst.

Ich versuche, mich wieder auf die Gespräche mit anderen Kollegen einzulassen, aber meine Gedanken sind bei ihm. Warum ist er einfach so verschwunden? Fand er mich doch nicht interessant genug?

Als ich später völlig verwirrt am Fenster stehe und auf die nächtlichen Lichter Londons blicke, spüre ich immer noch dieses leise, sehnsüchtige Ziehen tief in mir.

Aber Sehnsucht nach was? Nach ihm? Himmel, ich kenne ihn doch gar nicht!

Und trotzdem vermisse ich ihn.

Kapitel 4 – Alessia

Ich zwinge mich, nicht mehr an ihn zu denken, was mir auch halbwegs gelingt.

Ein Kollege aus London zieht mich auf die Tanzfläche, später gesellt sich ein Banker dazu, der äußerst charmant und witzig ist. Ich rede, lache, tanze und genieße die Aufmerksamkeit. Es ist leicht und unverbindlich und somit genau das, was solche Abende sein sollen. Mein Körper bewegt sich, mein Kopf macht mit.

Fast.

Denn immer wieder wandert mein Blick suchend durch den Raum.

Ich frage mich, wo Aidan geblieben ist und ärgere mich gleichzeitig über mich selbst. Er schuldet mir nichts. Wir hatten einen einzigen Tanz miteinander und haben ein paar belanglose Sätze gewechselt. Mehr nicht.

Trotzdem fühlt es sich an, als wäre etwas offen geblieben. So, als hätte jemand einen Satz begonnen und ihn plötzlich abgebrochen.

Und dann sehe ich ihn. Er ist am anderen Ende der Tanzfläche. Und – er ist nicht allein. Seine Hände umfassen die Taille einer Frau.

---ENDE DER LESEPROBE---